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»Einen Platz im Olymp der meistgelesenen Comics hat Garfield längst«

Christian Endres im Gespräch mit Wolfgang J. Fuchs

 

Wolfgang J. Fuchs ist schon lange Teil der deutschen Comic-Szene, sowohl als Übersetzer, als auch als Autor. Er arbeitete als Redakteur für Disneys Lustiges Taschenbuch und das Donald Duck Sonderheft und übersetzt aktuell die Neuausgaben von Prinz Eisenherz (BoCoLa) und Garfield (Ehapa), während er schon in den 1970ern sekundärliterarische Werke zum Thema Comics verfasste. Anlässlich Garfields 30. Geburtstag stellte er sich unseren Fragen über seine heutige und frühere Arbeit an Jim Davis’ erfolgreichem Zeitungscomicstrip.

 

 

Fantasyguide: Hallo Herr Fuchs. Sie begleiten unser Geburtstagskind Garfield schon sehr lange und betreuten (und betreuen immer noch) diverse seiner Inkarnationen auf dem deutschen Markt. Erinnern Sie sich noch an ihr erstes Treffen mit dem fettfaulfilosofischen Kater?

 

Wolfgang J. Fuchs: Die allererste Begegnung mit Garfield hatte ich, als ich seine Comics in der Sonntagsbeilage der »Stars and Stripes« entdeckte. In direkten Kontakt mit dem kauzigen Kater kam ich, als mich (der leider allzu früh verstorbene) Uli Pohl gegen Ende 1987 fragte, ob ich die Chefredaktion seiner »Garfield«-Zeitschrift übernehmen wolle. Zur Feier des 10. Geburtstags von Garfield begegnete ich dann auch erstmals Jim Davis bei den Feierlichkeiten in Tucson, die im Übrigen auch ein Arbeitstreffen für Lizenznehmer und Verleger waren.

 

Fantasyguide: Was macht den US-Strip Garfield so universell, so international erfolgreich?

 

Wolfgang J. Fuchs: Vermutlich die Tatsache, dass die Hauptfigur aufmüpfig und frech ist und man sich manchmal wünscht, ebenso sorg- und gelegentlich rücksichtslos sein zu können. Wenn man wirklich genau wüsste, was den Erfolg einer Comicserie ausmacht, gäbe es nur noch super-erfolgreiche Comics. Oft ist auch einfach nur der richtige Zeitpunkt entscheidend.

 

Fantasyguide: Im Gegensatz zu anderen Strips findet man in Garfield wenig politische oder zeitgenössische Anspielungen, und sonderlich philosophisch ist Garfield ebenfalls nicht. Die schnörkellose Einfachheit als Garant für Zeitlosigkeit?

 

Wolfgang J. Fuchs: Politik spielt in der Tat bei Garfield kaum eine Rolle. Die zeitgenössischen Anspielungen sind dennoch vorhanden, weil das gezeigte Leben letztlich typisch heutig ist. Schönheitswahn, Kampf gegen überflüssige Pfunde, Kommunikationsdefizite, Sport, Neid, Vereinsamung, Bemühung um Partnerschaft, Selbstinszenierung, all das sind Themen, die in den Medien ständig präsent sind und so ein (unterschwelliges) Identifikationspotential von Garfield darstellen. Filosofisch ist Garfield schon, finde ich, wenn auch nicht gerade wie ein Kant oder Schopenhauer. Letztere haben, anders als Garfield, auch nie wirklich versucht, Philosophie mit Humor zu würzen.

 

Fantasyguide: Haben Sie sich von den beiden Kinofilmen 2004 und 2006 mehr versprochen? Einen neuen Merchandise-Boom der »Marke Garfield« wie Ende der 1980er?

 

Wolfgang J. Fuchs: Ich persönlich musste mir von den Kinofilmen ja nichts versprechen. Aber ich denke, die beiden Filme haben sich, obwohl sie bei der Kritik (milde gesagt) durchgefallen sind, letztlich wohl eher positiv auf die »Marke Garfield« ausgewirkt.

 

Fantasyguide: Die Neuübersetzung der Gesamtausgabe bei Ehapa stammt ebenfalls von Ihnen. Wie schwer ist es, Jim Davis’ Humor und Garfields Zynismus ins Deutsche zu übertragen? Und wieso überhaupt eine Neuübersetzung? Gab es bestimmte Kriterien, weshalb der Verlag sagte: »Wir brauchen eine neue Übersetzung!«?

 

Wolfgang J. Fuchs: Wirklich schwierig ist eigentlich nur, die gleiche präzise Kürze zu finden. Ansonsten kann ich mich gut in Davis’ Denkwindungen hineinversetzen, die ich weniger für zynisch als für sarkastisch halte. Und an unserem Kühlschrank hängt nicht umsonst ein Magnet mit dem Motto »Sarcasm is just another free service we offer!«

 

Bei der Arbeit an der Zeitschrift mussten wir uns zudem so viele redaktionelle Beiträge für die Veröffentlichung in mehreren europäischen Ländern ausdenken, die alle von Davis’ Firma Paws gutgeheißen (sprich: approved) werden mussten, dass da letztlich einiges von der Milch der Garfieldschen Denkungsart hängen geblieben ist.

 

Die Neuübersetzung war – bezogen auf die Zeitschrift – nötig, weil darin die Sprechblasen zum Teil größer waren als in den Originalstrips, also auch mehr Text enthielten. Außerdem war die Zeitschrift auf ein jüngeres Publikum ausgelegt, weshalb manches stärker an deutsche Verhältnisse angepasst war. Übersetzungen, die bei anderen Verlagen erschienen sind, konnte man aus rechtlichen Gründen nicht übernehmen, außerdem hätte man auch diese (zum Teil stark) überarbeiten müssen. Daher war eine Neuübersetzung sinnvoll und notwendig.

 

Ich sehe in dieser Frage im Übrigen Parallelen zum Literaturbetrieb, wo jeder Verlag, der einen Klassiker neu herausbringt, möglichst eine eigene Übersetzung anfertigen lässt. Bei Zitaten, die in den »National Geographic«-Büchern enthalten waren, die ich übersetzt habe, konnte ich zum Teil aus drei oder mehr verschiedenen Übersetzungen auswählen oder musste – etwa im Fall eines Gedichts – eine neue Übersetzung anfertigen, weil die vorhandene deutsche Übersetzung zwar nicht schlecht war, aber das Original (in Wortwahl und der Vermeidung – absichtlicher – Wortwiederholungen) so verändert hatte, dass der Text nicht mehr zu den Intentionen des sie zitierenden Autors passte.

 

Fantasyguide: Gibt es eine Ära oder einen Jahrgang, der Ihnen besonders am Herzen liegt oder ihre Lieblings-Strips enthält? Oder gar einen einzelnen Strip oder eine Strip-Serie, den bzw. die sie als den ultimativen Garfield-Gag sehen?

 

Wolfgang J. Fuchs: Nein. Dazu gibt es zu viele Gags, die zum Schreien komisch sind, und es kommt immer wieder ein neuer dazu, den man noch besser findet. Besonders attraktiv finde ich immer Sonntagsfolgen, in denen es herrlich chaotisch zugeht wie bei Laurel und Hardy. Außergewöhnlich fand ich jene Werktagsfolgen, die völlig aus dem Rahmen fielen, weil Garfield darin alptraumhaft reflektiert, was geschähe, wenn er ganz allein wäre (23.– 28. Oktober 1989; in der Gesamtausgabe in Band 6). In diesem Zusammenhang ist vielleicht nicht uninteressant, dass es in USA eine Website »Garfield ohne Garfield« gibt, auf der ein Freak Garfield aus geeigneten Strips herauskopiert, um zu zeigen, wie einsam und depressiv Jon »wirklich« ist.

 

Fantasyguide: Wo sehen Sie Garfield in 30 Jahren? Wird er seine Popularität halten können?

 

Wolfgang J. Fuchs: Hmmm. In 30 Jahren wäre Jim Davis 92. Es hängt letztlich alles davon ab, ob Davis, wie Schulz, irgendwann sagt, jetzt ist Schluss, oder ob sich Garfield wie Micky Maus und Co – auf seinen Wunsch hin (und vermutlich im Sinne der Vermarkter) – verselbständigt. Abgesehen von saisonalen Schwankungen bestünde dann allseits höchstes Interesse daran, Garfields Popularität zu halten. Aber einen Platz im Olymp der meistgelesenen Comics hat Garfield ohnehin längst.

 

Fantasyguide: Und das völlig zu recht. Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

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30 Jahre Montag - Jim Davis’ Kult-Comic-Kater feiert Geburtstag

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Erstellt: 18.06.2008, zuletzt aktualisiert: 28.01.2015 22:42