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Hinter dem Bürgerkrieg

– Marvels Civil War und der Fall der Masken

 

Redakteur: Christian Endres

 

 

WARNUNG: Dieser Artikel enthält Spoiler – also Hinweise auf die Handlung oder gar den Ausgang bzw. bestimmte Schlüsselszenen einer Geschichte – für Leser, welche die ersten beiden dt. Civil War-Hefte, Spider-Man #35 und #36 sowie Marvel Exklusiv #67: Front Line (I) noch nicht gelesen haben. Darüber hinaus wird jedoch nicht weiter auf die Handlung, geschweige denn den Ausgang des Civil Wars eingegangen, sodass der Artikel gefahrlos (!) gelesen werden kann, ohne sich die Freude oder die Spannung an diesem Event zu nehmen.

 

 

Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz der Comic-Branche zu sein: Superhelden tragen Masken – paradoxerweise also genauso wie die Schurken, die sie in der Regel bekämpfen. Die Helden tun das freilich nicht, weil sie beim Bankraub unerkannt bleiben wollen oder weil es gut aussieht, im Winter die Kälte abhält oder die Ehefrauen somit wissen, dass der Zungenkuss mit der verführerischen Kollegin im hautengen Latex-Dress schwierig ist; nein, die Helden tun es vor allem deshalb, um ihr Alter Ego und dessen Privatleben zu schützen. Manch einem Superhelden genügt es dabei schon, im Alltag die Frisiercreme wegzulassen und eine Brille zu tragen, um in der Beliebigkeit einer flirrenden Millionenstadt unterzutauchen, und dann, wenn die Stunde großer Taten gekommen ist, die Brille abzulegen und den Umhang auszupacken – andere hüten ihre Identität hingegen methodisch wie ihren Augapfel und verbergen sich, wenn im Auftrag des (Super-)Heldentums unterwegs, hinter Masken und ausgefallenen Kostümen oder Rüstungen, Namen und ganzen Superhelden-Identitäten. Einer dieser Helden, der Zeit seiner ersten Abenteuer fast schon paranoid darauf achtete, sein Gesicht vor der Welt und insbesondere seinen zahlreichen Erzfeinden zu verbergen, war stets Peter Parker, der Welt in und außerhalb der bunten Bilderheftchen besser bekannt als der erstaunliche Spider-Man. In Folge des Bürgerkriegs (»Civil War«), der derzeit im Marvel Universum tobt, scheint es allerdings so, als würde es zum endgültigen Wendepunkt in Peter Parkers Leben kommen: Die Maske soll Fallen, Parker und Spider-Man ein für alle Mal und unwiderruflich für die Öffentlichkeit zu ein und der selben Person werden, die Identitäten verschmelzen – und zwar mit allen Konsequenzen...

 

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung

 

Kein Superheld gibt ein besseres Beispiel für diese durch und durch heroische Maxime der Stärke, als Peter Parker alias Spider-Man. Denn dieser eine Satz, fest in der Historie der Figur verankert, treibt den freundlichen Netzschwinger aus der Nachbarschaft schließlich Tag für Tag von Neuem dazu, sich dem Verbrechen und dem Bösen mit seinen durch den Biss einer radioaktiven Spinne gegebenen Fähigkeiten zu stellen. Spider-Mans Kampf gegen das Verbrechen ist daher ideologisch gesehen oftmals ein sehr persönlicher, durchsetzt von dem Drang zur Wiedergutmachung und dem ewigen Streben nach Absolution. Dennoch – und diesem Drang und Streben eigentlich komplett zuwider laufend – versteckt sich der oftmals von Zweifeln und Vorwürfen geplagte Peter Parker als Spider-Man hinter einer Maske der Mehrdeutigkeit, die seine persönlichen Motive bestens verbirgt: sein Gesicht unter der Maske aus Stoff, aber eben auch sein Wesen und wahres Naturell hinter schrägen Scherzen und dummen Sprüchen – mit der Spinnenmaske lebt Peter Parker die bittersüße Leichtigkeit des Seins, die so rein überhaupt nichts mit seinen wahren Beweggründen für seine »Arbeit« als Superheld zu tun hat.

 

Kaum ein anderer Held trennt so klar zwischen seinen beiden Alter Egos, schauspielert zuweilen so extrem und täuscht sein Umfeld, seine Kollegen, seine Familie und letztendlich sich selbst so konsequent. Früher von den Problemen des Studentenlebens oder Liebeskummer und Geldsorgen geplagt, schien es eine Art von Befreiung oder wenigstens doch so etwas wie eine Erholung vom stressigen »Parker-Alltag« zu sein, wenn Peter sich als Spidey Schurken wie dem Geier, Electro oder Rhino annehmen und sie mit Fäusten und Tritten bekämpfen, mit blöden Sprüchen bombardieren und schließlich mit seinem Netz einspinnen und für die Cops verpacken und an die Laterne hängen konnte. Sicher, die Bösen trachteten ihm im Gegenzug etliche Male nach dem Leben oder streckten die Oktopus-Arme aus, um ihm jedes Spinnenbein einzeln auszureißen, begruben ihn und stahlen seine Identität, klonten ihn, warfen die Liebe seines Lebens von einer Brücke, korrumpierten seinen besten Freund zu seinem gefährlichsten Gegner und so weiter und so fort – aber immer, wenn er die Maske überzog und sich an seinem Netz durch die Häuserschluchten von New York schwang, dann lebte Peter Parker dessen ungeachtet immer einen Teil des American way of life, einen Teil der Unbeschwertheit und des schönen Schein vom bekömmlich leichten Sein, der seinem Alltags-Alter-Ego so oft abging oder verwehrt blieb.

 

Auch hatte das Kostüm für Spider-Man schon immer eine andere, tiefere Bedeutung als für viele seiner Heldengefährten, stand es in der Vergangenheit des Netzschwingers doch häufig für extrem wichtige Kontinuitäts- oder gar Findungs-Phasen in der Spinnenhistorie: Das rotblaue Kostüm seiner geistigen Väter Stan Lee und Steve Ditko als Symbol für die Anfänge und die klassische Ära; nach den Geschehnissen rund um Secret Wars spendierte man dem Wandkrabbler ein Kleines Schwarzes mit einigen Extras, nur um ihn während der Klonsaga mit dem Kostüm der Scarlet Spider zu konfrontieren; hiernach lockte Peter-Klon Ben Reilly das von Klaus Janson redesignte rotblaue Kostüm, ehe es wieder klassisch wurde – nur um Mitte 2006, kurz vor Beginn des Civil Wars, dem oben bereits erwähnten Bürgerkrieg im Marvel Universum, eine gelbrote Iron-Spider-Rüstung zu bekommen, die Peter, als neuer Protegé von Tony Stark, für die folgenden Unruhen und quasi zur Loyalitätsintensivierung von seinem neuen Chef gesponsert bekommen hat.

 

Doch egal ob rotblau während der Klonsaga, Black Costume unter McFarlane oder Iron Spidey als Tony Starks Assistent und Ziehsohn im Prolog zum Bürgerkrieg – immer war die Maske dabei, immer verhüllte sie das Gesicht, immer gab es eine Geheimidentität. Nicht, weil Pete sonderlich hässlich wäre oder eine krumme Nase wie sein alter Freund Adrian Toomes, der Geier, hätte, sondern weil Peter vor allem eines möchte: Seine Familie schützen. Denn wie schrecklich wäre es gewesen, wenn Kletus Cassady in Gestalt des blutrünstigen Serienkillers und rotschwarzen Venom-Ablegers Carnage Zuhause bei Parkers vorbei geschaut hätte, um Tante May einen Kopf kürzer zu machen? Welch fatale Folgen hätte es gehabt, wenn Norman Osborn alias der Grüne Kobold – Spider-Mans Nemesis!- Gwen Stacy, Peters große Liebe, entführen und von der Brooklyn Bridge hätte werfen können, um dem Comic-Genre endgültig seine Unschuld zu neh– ... oh, Moment mal! Das ist ja sogar passiert. Nun, nehmen wir es als Paradebeispiel dafür, was passieren kann, wenn Helden in der Öffentlichkeit heraus posaunen, wer ihre Verwandten, Freunde und Bekannten sind und wo sie Sonntagmorgen ihre Brötchen holen.

 

Folglich wahrte Peter – manchmal nur mit Müh und Not – seine Geheimidentität und offenbarte sie nur wenigen Freunden oder Kollegen wie Reed Richards von den Fantastischen Vier oder der Black Cat (und auch hier nicht ohne Schwierigkeiten, als Peter Parker und der Wandkrabbler in Felicia Hardys Weltbild plötzlich zu ein und der selben Person verschmelzen sollten und das für das sexy Kätzchen nicht gar so leicht zu bewerkstelligen war). Manch ein Schurke – Venom oder der Sandman, um ein Beispiel zu bringen, das für Kinobesucher ab dem ersten Mai, wenn Spider-Man 3 in die Kinos kommen wird, interessant sein könnte – bekam sie kurzzeitig ebenfalls heraus, vergaß sie aber in der Regel irgendwie wieder oder wurde, wie der freundliche Doktor Octopus, von Spidey an der Nase herum geführt, obwohl er ihn eigentlich in seinen Metallgreifarmgriffeln hatte – und so schwang die Spinne nach wie vor mehr oder minder unbekümmert von Demaskierungs-Sorgen durch die Weltgeschichte und legte sich mit allerhand Schurken und Ganoven an, um gelegentlich die Welt zu retten - so wie es Dutzende anderer Helden im Marvel Universum seit vielen Jahren Monat für Monat in ihren Heftserien eben auch von Ausgabe zu Ausgabe tun.

 

Unzählige Menschen verfolgen diese Bemühungen der Helden mit Begeisterung und stören sich auch nicht am 42. Kampf zwischen Spider-Man und dem Grünen Kobold oder dem 13. Crossover zwischen den X-Men und dem Wandkrabbler. Dennoch versuchen die Verantwortlichen hinter den Comics von Zeit zu Zeit immer wieder, den »gemeinen Superhelden-Alltag« zu durchbrechen und den Lesern etwas Neues zu bieten – gigantische intergalaktische Kämpfe, Invasionen, Mutantenverfolgungen und andere Events, die sich durch die meisten der monatlichen Titel des Verlagsprogramm samt einiger eigens für besagte Events aus der Taufe gehobenen Sondertiteln und Mineserien erstrecken - marvelmultiverse Crossover, gewissermaßen...

 

Und natürlich Bürgerkriege. Der Civil War war das Großereignis in den letzten Monaten bei Marvel USA und ist nun auch endgültig in Deutschland angekommen: ausverkaufte Hefte, erhöhte Auflagen, vorbestellte Hardcover, die jetzt schon Seltenheitscharakter und Sammelwert haben – das hatte der deutsche Superheldencomicmarkt lange nicht mehr! Dabei ist die Idee dahinter relativ simpel: Man nehme das geballte Marvel-Heldentum, konfrontiere es mit einem Gesetz zur Registrierung für Superwesen und stelle dann die einfache, aber alles entscheidende Frage: Auf welcher Seite stehst Du?

 

Kriegserklärung

 

Die New Warriors – eine Gruppe junger Helden, die von einem TV-Team begleitet werden und mit ihrem Kampf gegen das Verbrechen eine Art Reality Show liefern wollen – begehen einen fatalen Fehler, als sie während einer ihrer zweifelhaften Live-Übertragungen dem Schurken Nitro zu nahe auf die Pelle rücken. Dessen schurkische Superkraft besteht darin, dass er eine lebende Bombe ist, die von Zeit zu Zeit und ganz nach Bedarf sprichwörtlich explodiert, ohne dass Nitro dabei Schaden nimmt. Im Kampf mit den Jungsuperhelden bedient er sich irgendwann freilich seiner hochexplosiven Kräfte, um dem Zugriff der übermotivierten TV-Helden zu entkommen – und verwüstet in Stamford einen ganzen Bezirk, fatalerweise mitsamt einer Schule. Die Zahl der Opfer ist hoch, der Preis und vor allem die Folgen für das Standing und den Ruf der Superhelden in Folge dieser schnell zur öffentlichen Debatte aufsteigenden Katastrophe schier unermesslich. Denn fortan sind alle, die eine Maske tragen, in Verruf geraten, »vorverurteilte Kindesmörder ohne Verantwortung und Moral, die sich hinter ihren bunten Kostümen verstecken und täglich eine Orgie der Selbstjustiz feiern, ohne dass irgendwer sie ausbildet, koordiniert oder überwacht«. Nachdem im Marvel Universum zuletzt die Stimmung gegen Mutanten schon deutlich am kippen war, scheint es nun dem Rest der maskierten Helden und kostümierten Streiter für das Gute an den Kragen zu gehen...

 

Die Regierung, S.H.I.E.L.D und Tony Stark alias Iron Man scheinen zu wissen, was es nun braucht, um die Öffentlichkeit zu beruhigen und den Superhelden eine Aufwertung widerfahren zu lassen, aufgrund derer sie im Licht der Öffentlichkeit wieder als echte Helden dastehen können, deren Taten akzeptiert, ja deren Präsenz geschätzt wird: Ein Gesetz zur Registrierung muss her, damit kontrolliert werden kann, wer eine Maske trägt.

 

Kaum, dass dies bekannt wird, kommen viele Helden ins Grübeln: Superpolizisten in Diensten des Staates? Der Verlust der Unabhängigkeit, der Handlungsfreiheit? Kein echtes Privatleben mehr? Was, wenn ich gerade in der Vorlesung sitze, mit meiner Frau im Kino bin oder auf der Tanzfläche einer hübschen Bar-Bekanntschaft näher komme? Und gibt es jetzt auch Pensionen und Rente und Krankenversicherungen für Superhelden?

 

Gut, manches davon mag nicht so relevant sein – doch in Zeiten des amerikanisches Kampfes gegen den Terror ist zumindest die Auffassung von Superhelden als Superpolizisten eine gefährliche oder wenigstens doch bedenkliche Zukunftsvision für Männer und Frauen, die bis dahin nur ihrem Gewissen und ihrem persönlichen Empfinden für Gerechtigkeit und Moral gefolgt sind und verpflichtet waren, wenn sie ihre Stiefel schnürten, um dem Verbrechen in den Allerwertesten zu treten...

 

Es scheint eine logische Folgerung zu sein, dass sich die Riege der Helden in zwei Lager aufspaltet: Auf der einen Seite wären da jene, die hinter Iron Man stehen und das geplante Gesetz vertreten und unterstützen wollen – auf der anderen Seite Captain America, der sich trotz all seines überpatriotischen Gehabes gegen das neue Gesetz stellt, obwohl seine Identität der Öffentlichkeit bereits seit Jahren bekannt ist. Laut Cap gilt es allerdings mit aller Macht und allem Einsatz zu verhindern, dass die Superhelden ihre Handlungsfreiheit genommen kriegen und sie sich plötzlich beispielsweise von Politik bevormunden – und damit über kurz oder lang einschränken und behindern - lassen sollen.

 

Kriegsopfer

 

Es kommt, wie es kommen muss: Das Gesetz tritt letztlich in Kraft, und ab Mitternacht jagen Tony Stark und seine Mitstreiter gemeinsam mit Spezialeinheiten von S.H.I.E.L.D. die widerspenstigen Rebellen genauso wie die übelsten aller Schurken. Mark Millar (Wanted, Ultimates), Paul Jenkins (Spectacular Spider-Man, Sentry, Inhumans) und ihre Autorenkollegen hetzten fortan Helden auf Helden, Freunde auf Freunde – und treiben den Keil zwischen den Helden, die im Grunde ja alle für das selbe kämpfen (sollten/wollten), immer tiefer ins Holz. Das Pikante: Auch die Kämpfe zwischen den fortan verfeindeten Lagern sorgen wieder für neuen Unmut und neuen Zündstoff seitens Politik und Öffentlichkeit, denn auch hier kommen Menschen zu Schaden, wenn mächtige Superhelden wie Iron Man und Prodigy sich auf einem Häuserdach Kraftstrahlen um die Ohren hauen und das halbe Dach auf die Straße und die dort versammelte Menge an Reportern und Gaffern schleudern...

 

Die Registrierung wird also zu einem riesigen, ja einem zentralen Problem aller amerikanischen Superhelden, das intern bald zu eskalieren scheint und die gesamte Heldenliga über Gebühr belastet. Doch auch Einzelschicksale werden sich jenseits aller Gruppen-Extreme noch strapaziert sehen, wenn die ersten Konsequenzen der Frage zum Tragen kommen, die eingangs gestellt worden ist und mit der fatalen Seitenwahl zu Beginn des Bürgerkriegs zu tun hatte.

 

Damit kommen wir zurück zu Spider-Man, der von allen Helden im Marvel Universum vielleicht das tragischste und einschneidenste Einzelschicksal des Civil Wars auf seinen rotblauen/rotgoldenen Schultern zu tragen hat.

 

Und auch hier gibt es eine Vorgeschichte zu erzählen oder wenigstens kurz anzureißen: Nachdem sein Haus zerstört wurde, gab Tony Stark Peter, seiner Frau und seiner Tante im Wolkenkratzer der Neuen Rächer (denen Peter ebenfalls prompt beitrat ...) ein Dach über dem Kopf, darüber hinaus ein neues Kostüm und sogar noch eine recht gut bezahlte Anstellung als Tonys Assistent. Des weiteren wurde der ebenso reiche wie charismatische und entschlossene Stark zu einem späten, aber äußerst einflussreichen väterlichen Freund für Parker, der ja bekanntermaßen ohne Eltern aufgewachsen ist und mit Onkel Ben früh auf besonders bittere Art und Weise die letzte verbliebene männliche Bezugsperson in seinem jungen Leben verloren hat.

 

Als Tony sich zu Anfang des Civil War schließlich als Anführer der Pro-Fraktion vor das Registrierungsgesetz stellt, wendet er sich natürlich an Peter – und wieder kommt die allseits beliebte Frage ins Spiel: Auf welcher Seite stehst Du?

 

Hier beginnen die Leiden des Peter Parker: Stark hat viel für ihn und seine Familie getan (wobei viele dieser Taten nun rückwirkend in einem völlig anderen Licht erscheinen, da es den Anschein hat, als ob Stark um Peters Loyalität gebuhlt hat und auch sonst das ein oder andere krumme Ding drehte, um das Gesetz »durch zu kriegen«...). Andererseits würde Peter mit einer Demaskierung auch Mary Jane und Tante May gefährden. Es sind am Ende jedoch nicht zuletzt diese beiden, die Peters Loyalität für Stark stärken und ihm zureden, seinem Herzen zu folgen – also wird Spider-Man im Bürgerkrieg zwischen den Helden tatsächlich auf Iron Mans Seite kämpfen, mit etwas Pech (und dank eines üblen Schachzugs Tonys) vielleicht sogar gegen einstige Freunde oder gar Heldenlegenden wie Captain America ...

 

Unterm Strich eine zwar loyale und alles in allem zu Peter Parker passende Entscheidung – aber eben auch eine Entscheidung, die für den Wandkrabbler noch schwere Folgen haben soll...

 

Denn wer auf der Seite von Iron Man und dem neuen Gesetz steht, der ist für die Registrierung von bzw. die Transparenz der Superhelden und sollte nicht nur die Abtrünnigen unter den Helden Jagen und in die Obhut von S.H.I.E.L.D übergeben. Nein, wer für das Gesetz ist und es vertritt, der soll, um kein Heuchler zu sein, auch die eigene Maske ablegen - nicht nur in einem kleinen Kreis der Regierung zwecks Datenaufnahme, wohlgemerkt, sondern eben auch in aller Öffentlichkeit, um seine volle Unterstützung für das neue Gesetz und die neuen Richtlinien zur Kontrolle und Überwachung von Wesen mit Superkräften zu demonstrieren.

 

Tony Stark tut das auf einer öffentlichen Pressekonferenz und offenbart der Welt, dass er, obwohl in der Vergangenheit oft vermutet, mit Robotern widerlegt und weiß der Teufel nicht alles, tatsächlich Iron Man ist – und erwartet nun, dass Peter seinem Beispiel folgt.

 

Und hier liegt, um das einmal als kleinen Einschub zu bringen, für mich auch der Hund an der ganzen Sache begraben: Das Gesetz schreibt nirgends (!) ein »Coming out« der Helden in der Öffentlichkeit vor. Trotzdem pocht Tony darauf, dass Peter sein Gesicht der Öffentlichkeit zeigt – alles andere wäre laut Stark Heuchelei. Damit steht für mich zumindest der Aspekt des drastischen Schritts, nicht nur der Regierung, sondern der ganzen Welt sein Gesicht zu zeigen, auf äußerst wackeligen Beinen. Stark will konsequent sein, okay – aber er macht es sich, seinen Verbündeten und dem Gesetz damit irgendwie unnötig schwer. Um ehrlich zu sein, wirkt diese ganze »Coming-out-Geschichte« für mich wie der Versuch, auf Biegen und Brechen Spidey aufgrund eines Konflikts zwischen Loyalität und eigenem Interesse am Ende einfach nur endlich einmal endgültig die Maske abzunehmen, um der Figur, welche die letzten Jahre nach JMS’ Totem-Story doch etwas auf der Stelle getreten ist, neuen Schwung zu geben und eine neue Ausgangssituation zu schaffen, wie sie drastischer nicht sein könnte.

 

Die Konsequenzen sind groß, die Tragweite nach den ersten Ausgaben im Anschluss an die Demaskierung fast noch nicht richtig zu ermessen – Doc Ocks Ausraster war mit Sicherheit nur ein erster Vorgeschmack dessen, was Peter erwarten wird, nachdem die Welt – und damit nun eben auch all seine Feinde abseits von Norman Osborn – das eine große Geheimnis seiner Identität kennt...

 

Dass damit die Grundlage für spannende, wenn nicht sogar dramatische Geschichten und Episoden im Leben Spider-Mans gelegt ist, versteht sich von selbst. Die Plausibilität und uneingeschränkte Logik des Schrittes zu dieser Ausgangsposition ist allerdings eher fraglich – und hinterlässt einen recht faden Beigeschmack sowie eine ungewisse Zukunft für den Netzkopf. Und es wird auch nicht dadurch besser gemacht, dass Amazing-Autor J. Michael Straczynski lapidar den Vorteil von Comics als Medium ausmacht, indem er erklärt, dass man, wenn es den Fans absolut nicht gefallen sollte und hart auf hart käme, man ja alles irgendwie wieder rückgängig machen kann – worin in meinen Augen letztlich aber auch nicht der Sinn des Ganzen liegen kann, ja darf...

 

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg - oder?

 

Irgendwie. Nun ja, hoffen wir einfach mal das Beste und dass die Macher im »Haus der Ideen« wissen, was sie da tun und wie sie uns auch in Zukunft mit guten Geschichten unterhalten können. So oder so ist der Civil War eine interessante und frische Neuerung und fördert die Buyrates der Comic-Heftchen, das steht sicherlich außer Frage. Doch wie es nach dem Bürgerkrieg weitergehen wird und ob man im Laufe des geplanten World Wars, also des Weltkriegs mit dem Hulk als außerirdischem Invasoren, nicht doch wieder mehr rückgängig machen muss und sich und der Kontinuität des Marvel Universums nur noch mehr schadet, muss sich erst noch weisen. Hier scheiden sich momentan die Geister, und es heißt wirklich nur: Abwarten.

 

Zumindest im Fall von Peter Parker/Spider-Man bin ich trotz der brisanten, packenden Hefte momentan eher skeptisch, wie es auf Dauer mit dieser Situation gut gehen kann – schließlich war es beinahe 50 Jahre ein großer und wichtiger Bestandteil des Charmes seiner Abenteuer, dass er ein Privatleben hatte – und damit eine Familie und Freunde, die er schützen wollte, und immer um die Geheimhaltung seiner Identität bemüht war. Im Moment ist das noch alles spannend und interessant, sicher, und man wartet auf die nächsten Schachzüge der Bösen, wenn die Helden unter sich endlich mal reinen Tisch gemacht haben – doch irgendwann wird auch dieser Effekt abgenutzt sein, und was dann?

 

Dann wird die Frage nicht mehr lauten, auf welcher Seite man steht, sondern wer die wahren Opfer dieses Krieges (gewesen) sein werden. Vielleicht und mit etwas Pech werden es einmal mehr die Leser sowie die Marvel-Chroniken sein, die erneut von brutaler Feder rückwirkend umgeschrieben werden müssen, um vergangenes Unrecht, das, wie so oft, im Krieg begangen wurde, zu tilgen ...

 

Trotz aller Fragezeichen über der Zukunft des ein oder anderen Helden ist es aber dennoch so, dass der Civil War zumindest nach den ersten zwei bis drei Teilen in den entsprechenden Serien sowie der begleitenden Haupt-Reihe großen Spaß macht und eine große Faszination ausübt, die man sich nicht von allzu schwarzen Gedankenspielchen vermiesen lassen sollte. Warten wir also ab, was die Zukunft bringt. Denn vor dem Krieg ist nach dem Krieg, oder wie war das noch...?

 

 

 

Eure Meinung:


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(c) Panini

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Erstellt: 24.04.2007, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 11:42