Zurück zur Startseite


  Platzhalter

Arzach

Rezension von Ingo Gatzer

 

Jean Giraud, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Moebius, ist einer der einflussreichsten Comic-Künstler überhaupt. Bereits 1997 bzw. 1998 zog er in die Jack Kirby bzw. Will Eisner Hall of Fame ein und erhielt im Jahr 2000 den Max-und-Moritz-Preis für sein Lebenswerk. Der Durchbruch gelang ihm mit dem Comic “Arzach“, das 1975 in den ersten Ausgaben der französischen Kult-Zeitschrift Métal Hurlant erschien und das der Verlag Cross Cult nun in edler Aufmachung - schwarz eingebunden in DIN A 4 und mit hochwertigem Druck - neu herausgebracht hat. Dazu gibt es als Boni das Comic “Die Umleitung“ sowie Vorworte von Moebius und Martin Jugeit.

 

In sieben kurzen Episoden zeichnet und erzählt Moebius die abenteuerlichen Geschichten seines Helden, der meistens mit einem Flugsaurier über fremdartige Landschaften fliegt und mal versucht schöne, spärlich bekleidete Frauen für sich zu gewinnen, um sein verletztes Tier bangt oder gegen fremdartige Ungeheuer kämpft. Dabei bleibt die Figur zwar gleich, der Name ist aber einem ständigem Wandel unterworfen: Harzack, Arzach, Harzak, Arzak, Harzach oder Arrzak. Die ersten fünf Geschichten kommen sogar ganz ohne Text aus.

 

Das Besondere an “Arzach“ ist, dass Moebius die Geschichten improvisiert hat, d. h. vorher weder Entwürfe noch ein Skript für die Handlung angefertigt hat, wie es allgemein üblich ist. Durch dieses Pendant zum so genannten automatischen Schreiben, bei dem der Schriftsteller das schreibt, was ihm gerade in den Sinn kommt und so spontan agieren und eine innere Selbstzensur umgehen kann, versucht Jean Giraud bis zur tiefsten Ebene des Bewusstseins, ja sogar bis zum Unterbewussten vorzudringen und diesen Prozess künstlerisch auszudrücken. Daher ist es nicht überraschend, dass “Arzach“ von Traumsymbolen im Allgemeinen und Phallussymbolen im Speziellen nur so wimmelt, dass Sigmund Freud seine Freude daran hätte. Beispielhaft sei hier nur die Verbindung von Sex, Sturz und Schlacht hingewiesen.

 

Anders als es die kurze Inhaltsbeschreibung vermuten läst, sind die Geschichten von einer angenehmen, manchmal derben Komik. So geschieht die Flucht vor der Ordnungsmacht im ersten Comicstrip wegen (und mit Hilfe!) öffentlichen Wasserlassen. Oft haben die Geschichten am Ende noch eine überraschende, witzige Pointe, beispielhaft sei hier auf den Schluss der zweiten Episode verweisen, als Arzach zur schönen, spärlich bekleideten Frau zurückkehrt, seine Erwartungen aber enttäuscht werden. Auch die Titelfigur selbst hat komische Seiten, etwa wenn Moebius ihn einmal als stolzen Recken in einer Schlacht auf seinem Flugsaurier schwebend porträtiert und ihn dann zeichnet, wie er beim Pissen von der Polizei aufgegriffen wird. Dem Künstler gelingt es - zur Freude des Lesers - die Fallhöhe seiner Figur und der Handlung ironisch auszuloten. So wird am Anfang einer Geschichte zunächst Arzach in heroischer Pose dargestellt und im Text eine Erwartungshaltung hinsichtlich böser Magier geschürt. Beim Umblättern erkennt der Leser aber, dass es sich dabei um so finstere Kreaturen wie einen in der Natur herumtollenden, lächelnden, dicken, kleinen Mann handelt, der dann als Verbannter sein Leben als Comicbuchzeichner - eine unübersehbare ironische Selbstreferenz - fristet. Hier und in der vierten Geschichte thematisiert Moebius praktisch die Künstlichkeit des Comics, das der Rezipient liest. Die Illusion der Unmittelbarkeit wird gezielt unterbrochen, indem die Handlungsebene und die Ebene desjenigen der die Fiktion erschafft, verbunden werden. Gleichzeitig dekonstruiert er standardisierte Handlungsschemata, z. B. der Kämpe, der nach gewonnener Schlacht zur Frau seines Herzens zurückkehrt. Das ist - auch wenn der Begriff immer noch überstrapaziert ist - postmodern im besten Sinne.

 

Die Zeichnungen zeugen zwar nicht alle von dem hohen Niveau, das Moebius zu leisten in der Lage ist, können aber gerade in den späteren Episoden gefallen. Während in der fünften Geschichte vor allen die Texturen aufwändig und sehr schön gelungen sind, überzeugt im darauf folgenden Comicstrip vor allen der Wechsel der Zeichentechnik, durch den der komische Effekt unterstützt wird. Es gibt zudem immer wieder einzelne Zeichnungen von überragender Expressivität, die den Leser in ihren Bann ziehen, und die zeigen, warum H. R. Giger von “Arzach“ “schwer beeindruckt“ war und der große Stan Lee Moebius als “brillanten Künstler“ adelte.

 

Auffallend ist die unkonventionelle und abwechslungsreiche Aufteilung der Bildfenster auf einigen Seiten, die mal rechteckig, mal rund sind, oder ganz andere Formen aufweisen. Einmal durchbricht sogar eine Figur die Bildrahmen Das kann als Metapher für das Streben von Moebius gesehen werden, die Grenzen des herkömmlichen Comics zu durchbrechen - also im übertragenen Sinne aus dem Rahmen zu fallen - und so bis zum Unterbewussten vorzudringen. Dem Comic merkt man an, dass es zu einer Zeit entstanden sind, in der Jean Giraud das Phantastische für sich entdeckt hat und sich noch nicht - wie später - in konventionellerer Manier den US-Superheldencomics gewidmet hat.

 

Einige Leser werden sich möglicherweise daran stören, dass die Handlung nicht immer völlig stringent erzählt wird und manchmal auch verwirrend ist. Das liegt aber in der Technik begründet, die der französische Comic-Künstler verwendet und mit der er versucht dem Zugang zum Unterbewussten zu Erreichen.

 

Als Bonus enthält das Buch noch die 1973 erschienen Geschichte “Die Umleitung“, die komplett in Schwarz-Weiß gezeichnet ist. Diese handelt von einer kleinen Familie, die mit dem Auto quer durch Frankreich unterwegs, um Urlaub zu machen. Aber die Erzählung verändert sich radikal, als die Umleitung benutzt wird. Auch in dieser Episode zeigt sich Moebius´ Faszination für das Phantastische, das in Gestalt eines Riesen in die Comic-Erzählung einbricht. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen den Bildern ähnlich wie Werk die zwischen Werk und Künstler. Dazu passt es, dass Moebius sich in der Gesichte plötzlich selbst porträtiert und bei seinen Lesern für die freundlichen Briefe bedankt. Auch in dieser Erzählung sind das Unbewusste und der Traum präsent. Kein Wunder, schließlich hat Jean Giraud nach eigenen Aussagen mit diesem Werk seine Erfahrungen mit halluzigenen Pilzen bei seiner ´Initiation` in der mexikanischen Wüste ausgedrückt. Zeichnerisch mal simpel, mal großartig. Inhaltlich mal verwirrend, aber immer interessant und vielschichtig deutbar.

 

Die Vorworte von Moebius und Martin Jurgeit sind dazu geeignet, dass sich diejenigen Leser, welche bisher keinen oder nur wenig Kontakt mit den Werken von Jean Giraud hatten, auf den Comic vorzubereiten. Fans des französischen Künstlers werden hier aber nur wenig Neues erfahren.

 

Es ist kaum zu glauben, dass die Geschichten um den Krieger Arzach bereits aus den Jahren 1975 bzw. 1987 (Geschichte Nummer sechs) stammen, da sie völlig (post-)modern wirken. Besonders interessant ist die von Moebius verwendete Technik, die dafür sorgt, dass die einzelnen Episoden von Traumsymbolen durchsetzt sind. Dazu wohnt den Stories eine besondere Komik inne. Nicht geeignet ist das Werk von Jean Giraud hingegen für Leser, die eine stringente Erzählstruktur, eine konventionelle Handlung oder ein klassisches Superhelden-Comic erwarten. Wer hingegen an einem spielerischen, experimentellen und oft komischen Zugang zu Comics interessiert ist, sollte “Arzach“, der zu Recht als Meilenstein des Genres gilt, unbedingt lesen.

 

Zum Seitenanfang

Eure Meinung:

botMessage_toctoc_comments_9210
Platzhalter

Arzach

Autor: Jean Giraud (“Moebius“)

Verlag: Cross Cult

Format: DIN A4, gebunden, 56 Seiten

Sprache: Deutsch

Erscheinungsdatum: Mai 2008

ISBN-10: 3936480680

ISBN-13: 978-3936480689

Erhältlich bei: Amazon


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 04.07.2008, zuletzt aktualisiert: 17.11.2019 13:35