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Blinder Glanz von Anders Roslund u. Börge Hellström

Rezension von Wiebke

 

Zweiunddreißig unerledigte Fälle sind es, die dem Hauptkommissar Ewert Grens den Schlaf rauben. Ordentlich gestapelt, in Mappen verpackt, liegen sie vor ihm auf den Schreibtisch und nehmen ihm die Sicht. Aber nicht nur diese beschäftigen den oftmals etwas mürrischen Hauptkommissar. Auch seine Frau Anni, die seit sechundzwanzig Jahren in einer Art Wachkoma lebt, genau seit dem Tag, als er ihr über den Kopf gefahren ist, beansprucht einen Teil seiner gedanken. Seit dem befindet sie sich in einem Pflegeheim und Ewert Grens kann nicht mehr mit ihr leben, aber auch nicht ohne sie. Gerade als ihre nächste Untersuchung ansteht, bei welcher er stets bei ihr weilt, klingelt sein Telefon und er wird zu einer Leiche gerufen, die der Hausmeister des St.-Görans-Krankenhauses auf einem Metallbett liegend, im Keller gefunden hat. Sie sieht schlimm aus, die tote Frau. Ihrem Gesicht fehlten Stücke, ihre Brust und ihr Bauch sind zerfetzt durch eine Unmenge von Messerstichen. Siebenundvierzig wird die spätere Obduktion feststellen. Siebenundvierzig Mal hat der Mörder auf sie eingestochen. Auf Brust, Bauch und Arme, die sich zu wehren versuchten. Danach waren die Ratten an der toten Frau und haben Stücke aus ihrem Körper entfernt, bevor sie aus dem unterirdischen Tunnelsystem Stockholms in den Keller des Krankenhauses gebracht wurde.

 

Doch in dieser Nacht passiert noch mehr. Dreindvierzig zugedröhnte rumänische Kinder werden mitten in der Stadt abgeladen. Aus einem blassroten, alten Bus einfach auf die Straße gesetzt. Kinder, die alle gleich gekleidet sind, braune Plastiktaschen haben und nicht wissen, wo sie sich befinden. Ewert Grens nimmt auch diesen Anruf entgegen. Nun hat er vierunddreißig Fälle, alle ungelöst und einer schrecklicher, als der andere. Wie soll man da nicht ins Zweifeln kommen, an einer Gesellschaft, die das zulässt. Resigniert beginnt Ewert Grens mit seinen Ermittlungen und hat auch bald die Identität der Toten aus dem Tunnelsystem festgestellt. Es ist Liz Petersen, eine Versicherungsangestellte, deren Tochter Jannike vor zweieinhalb Jahren aus der Schule plötzlich verschwand. In der eigenen Familie sexuell mißbraucht, rettete sich die Vierzehnjährige an einen Ort, an dem sie Ruhe und einen Menschen fand, der sich um sie kümmerte. Doch wer ist der Mann wirklich, der im unterirdischen Tunnelsystem der Stadt lebt und nicht davor halt macht Feuer zu legen, um seine Haut zu retten?

 

Das schwedische Autorenduo Anders Roslund und Börge Hellström haben mit ihrem vierten Roman „Blinder Glanz“ erneut ein Statement geliefert, in welchem sie die tiefsten Abgründe einer Gesellschaft anprangern, in der sie leben und bezwecken damit, den Leser zum Nachdenken zu bringen. Schon allein der Fakt der rumänischen Kinder, die wie Abfall in verschiedenen europäischen Städten einfach abgeladen werden, ist ungeheuerlich. Sie möchte sie loswerden, so beschreiben die Autoren die Situation, sie brauchen sie nicht mehr, die Straßenkinder. Doch auch im eigenen Land ist Einiges im Argen. Warum sonst leben Menschen in unterirdischen Tunnelsystemen, werden wie der Obdachlose Leo trotz schwerwiegender psychischer Krankheit aufgrund von Sparmaßnahmen einfach aus der Klinik geworfen, obwohl sie medizinische Hilfe dringend benötigen?

 

Mit einem Schreibstil, der bedingt durch viele Aufzählungen manchmal etwas holprig erscheint, schildern die Autoren gekonnt die Zustände, die in europäischen Großstädten und insbesondere in Stockholm herrschen. Hat man sich erst einmal eingelesen in diese Art zu Schreiben, erkennt man den Vorteil der, sehr bildhaften Schreibweise, die wie eine Aneinanderreihung von vielen Fotos erscheint und den Leser mitten ins Geschehen hinein katapultiert. Gekonnt eingefügt in die Kulisse, ist der Hauptkommissar Ewert Grens, der, gespickt mit menschlichen Schwächen, sehr vielschichtig und realistisch herüber kommt. Trotz einiger Übertreibungen, wenn er dann schon zwei Nächte am Stück nicht schläft und weiterhin mit vollem Einsatz am Fall dran bleibt, fiebert der Leser mit ihm, ermittelt in den düstersten Ecken Stockholms oder besucht seine Frau Anni am Krankenbett. Weitere Charaktere sind schlicht und eindimensional gehalten und tauchen nur im Geschehen auf, wenn sie benötigt werden. Über ihr Privatleben erfährt der Leser so gut wie nichts. Da er sich aber schon mit den, teilweise doch recht im Argen liegenden, Zuständen in Schweden herum plagen muss und mit dem Hauptkommissar leidet, der den desolaten Zustand seiner Frau unfreiwillig selbst verschuldet hat, bleibt auch bei ihm wenig Raum für weiterführende persönliche Belange.

 

„Blinder Glanz“ ist ein typisch schwedischer Kriminalroman, der sich düster und depressiv präsentiert und vor allem die dunklen Seiten Schwedens zeigt. Trotz allem ist er äußerst lesenswert und hervorragend für Krimiliebhaber geeignet, die sich auch mal mit ernsteren Themen auseinandersetzen wollen.

 

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MEDIUM:

Blinder Glanz

Autor: Anders Roslund u. Börge Hellström

Broschiert: 379 Seiten

Verlag: Fischer (Tb.), Frankfurt; Auflage: 2 (13. Mai 2009)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3596176433

ISBN-13: 978-3596176434

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 31.08.2009, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46