Blutspur (Autorin: Kim Harrison)
 
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Blutspur von Kim Harrison

Rezension von Christian Endres

 

Im englischsprachigen Original steht Rachel Morgan, Kim Harrisons Kopfgeldjägerin der etwas anderen Art, bereits seit 2004 ihre Frau. Nun hat sich endlich auch ein deutscher Verlag der toughen Lady und ihrer magischen oder wenigstens doch verhexten Fälle angenommen: Heyne veröffentlichte den ersten Roman der nunmehr bald schon fünfbändigen Reihe, »Dead Witch Walking« (2004), Anfang Januar unter dem mehr oder weniger reißerischen Titel »Blutspur« im üppigen Paperback-Format ...

 

Auch wenn Harrison erst nach ca. 100 Seiten damit heraus rückt und uns die Hintergründe erklärt, so ist das von ihr beschriebene und angedachte Setting der Reihe aus artverwandten Publikationen aus Mystery, Dark Fantasy oder gar Horror doch halbwegs vertraut: Ein Virus und der nachlässige Umgang mit biochemischen Forschungsarbeiten, Formeln und Drogen haben die Menschheit heimgesucht und in erschreckend kurzer Zeit stark dezimiert. Wer nun allerdings ein apokalyptisches Endzeit-Szenario erwartet, der wird enttäuscht. Statt umherschlurfenden Zombies und vereinzelt humanoiden Untergrund-Kämpfern in der Kanalisation serviert uns Kim Harrison eine Welt, die auch nach dem Virus lediglich dahingehend verändert ist, dass durch den Virus das Verhältnis an »normalen« Menschen und übernatürlichen Wesen in menschlicher Gestalt nun erstmals seit Anbeginn der Zeit annähernd kongruent ist. Das wiederum führte zu einer gewissen Gleichberechtigung, ja einem Coming Out von Vampir, Werwolf, Kobold und Co. – und ferner (oder sollte man sagen, zwangsläufig?) zu Schwierigkeiten zwischen Menschen und den Wesen der Nacht ...

 

Erwartungsgemäß ist Harrisons düster-sinnliches Cincinnati ein zwiegespaltener Ort: Auf der einen Seite des Flusses leben die normalen Menschen – auf der anderen, in den so genannten Hollows, existieren die Vampire, Hexen und Hexer, Kobolde, Fairies und Pixies, Tiermenschen und Dämonen und all die anderen Wesen magischer Natur oder mystischer Verbundenheit. Der magisch ausgebildete Runner – eine Art staatlicher Kopfgeldjäger, der sich um das Gleichgewicht und die Einhaltung von Verlautbarungen zwischen Menschen und Nichtmenschen kümmert und so z.B. einen allzu gierigen irischen Kobold auf die Füße steigt und ihn festnimmt, wenn er seinen Goldtopf vom Ende des Regenbogens am Fiskus vorbeischleusen will und nicht auf die jährliche Einkommenssteuer-Erklärung setzt – Rachel Morgan ist eine von ihnen und soll für eine legale Ordnung zwischen den Menschen und den Übernatürlichen sorgen. Bald schon ist sie allerdings eine Hexe zwischen den Fronten. Denn als sie sich selbstständig macht, setzen ihre alten Arbeitgeber ein Kopfgeld auf sie aus. Außerdem schafft Rachel es, sich gleich mit ihrem ersten Fall einen mächtigen, undurchsichtigen Feind zu schaffen ...

 

Ein Glück, dass Rachel nicht nur begrenzte magische Fähigkeiten besitzt, sondern auch Freunde bzw. Geschäftspartner hat, die ihr fortan zur Seite stehen – allen voran der sexy Vamp Ivy und der kecke Pixie Jenks. Doch selbst mit einer Pixie-Familie, die im Garten ihres neuen Hauses/Büros – einer alten Kirche mitsamt Friedhof – Wache schiebt und böse Fairie-Attentäter vertreibt, und einem abstinenten Vampir im Haus ist das Leben nicht unbedingt leichter für Rachel und ihre Ambitionen als freischaffender Kopfgeldjäger. Und wenn man dann in Zuge der Ermittlungen eines Falles auch noch als Nagetier unterwegs ist und sich am Ende in einem Käfig auf dem Weg zu den Rattenkämpfen wiederfindet, ist der Ärger schließlich vorprogrammiert ...

 

Die kernige, flott erzählte und ziemlich geschickt konstruierte Story um Rachels ersten »Solo-Fall im Einzelgänger-Kollektiv« hat bis auf zwei Längen im hinteren Drittel der Story stets genau den richtigen Drive und das rechte Tempo. Soap-artige Dialogszenen wechseln sich mit actionreichen oder auch einfach nur atmosphärischen oder innovativen Szenen ab und vermitteln neben den magischen Hintergründen vor allem auch gut die Turbulenzen, die Rachels neuen Alltag beherrschen und es für sie manchmal so schwierig machen, ihre eigene Sprunghaftigkeit und Flatterigkeit zu besiegen. Lediglich zum Ende, den letzten sechzig, siebzig Seiten hin, verliert Harrison ein wenig ihr bis dahin so vorzügliches Gespür für das Tempo der Story, doch kann sie sich nach dem Finale im letzten Abschnitt noch einmal fangen und schafft ein sehr schönes Schlussbild – das zudem als schmackhafter Appetizer für die Fortsetzung dient.

 

Rachel indes ist eine sympathische Protagonistin. Aus ihrer Sicht erleben wir ihren ersten Fall und ihren damit verbundenen Abschied von ihrem alten Leben. Dabei scheint einiges von Kim Harrison in ihrer Heldin zu stecken – und das wiederum wird sich nicht nur auf die Vorliebe für düstren Jazz und Gothic-Look beziehen, schätze ich. So ist Rachel Morgan am Ende eine ungemein authentische Romanfigur, mit nachvollziehbaren Motiven, Ambitionen, Hoffnungen, Ängsten und vor allem auch Schwächen – und damit jemand, den man gerne Kapitel für Kapitel in sein neues, aufregendes Leben als Kopfgeldjägerin in einer Welt begleitet, in der die Zeiger stets kurz vor Mitternacht stehen und man sich die Wohnung mit Pixies und Vampiren teilt...

 

Es ist nie gut, sich zu Beginn des literarischen Jahres – und damit allzu früh – schon festzulegen und seiner Begeisterung nachzugeben, doch will ich mal nicht so sein: Die Aufmachung von »Blutspur« ist perfekt. Das schlanke und dadurch sehr angenehm zu lesende Heyne-Paperback überzeugt durch eine unglaublich plakative und gelungene Gestaltung und fährt in Sachen Umschlag-Design und Verarbeitung ohne Frage die Höchstnote ein. Selbst wenn der Band im Regal steht, erfreut man sich noch an einem nicht weniger plakativen, ebenfalls geprägten und spotlackierten Buchrücken – einfach ein schmuckes Teil!

 

Fazit: Mike Resnicks »Einhornpirsch« meets Martin Millars »Die Elfen von New York« meets »Buffy« – das kommt zwar nicht ganz hin, ist der Essenz von Harrisons erstem Roman über Rachel Morgan aber trotzdem ziemlich nahe und gibt eine ungefähre Wegmarke. Oder anders ausgedrückt: Der erste Band um Rachel Morgan ist ein cleverer Mix aus Mystery, moderner Fantasy und ein bisschen Horror, der knackigen bis amüsanten Lesespaß mit markigen Figuren und einigen sehr, sehr netten Einfällen außerhalb der Genre-Archetypen bietet.

 

Auch wenn er zum Ende hin etwas schwächelt, ist Rachels erster Fall eine sexy und manchmal auch betont coole Lektüre – und macht ebenso wie die prächtig plakative Aufmachung des Paperbacks großen Spaß, während das Potential von Autorin, Figuren und Setting ansatzweise aufgezeigt werden und als sehr vielversprechend eingestuft werden müssen.

 

Dead Man Walking? Nicht ganz. Aber Dead Witch Walking genügt in diesem Fall schon hinreichend. Deshalb die Empfehlung: Der Blutspur folgen, zugreifen und auf weitere Bände freuen!

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240720001818cb76d4fe
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Blutspur

Autor: Kim Harrison

Paperback, 575

Heyne, Januar 2007

ISBN: 3453432231

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 21.01.2007, zuletzt aktualisiert: 03.06.2024 18:37, 3386