Clanbuch: Die Jünger des Set
 
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Clanbuch: Die Jünger des Set

Rezension von Michael Bernhardt

 

Die Jünger des Set sind, zusammen mit den Malkavianern, der wahrscheinlich am schwersten vernünftig darzustellende Clan von Vampire™. Hegen schon die anderen Kainskinder ein gesunde Portion Misstrauen gegen die Schlangen, so haben wohl zumindest Erzähler die ein wenig Wert auf Authentizität legen, ihre Probleme damit der profunderen Mentalität der Setiten gerecht zu werden. Zischelnde Bordellbesitzer mit Kobratatoos sind ein Phänomen über welches die meisten Erzähler & Spieler nur noch gähnen können und die ach so tiefgehende Verruchtheit der Schlangen ist wohl auch eher ein ausgelutschtes Schlagwort, das da durch die Spielrunden der Welt der Dunkelheit geistert. Wahrscheinlich werden sie Setiten meist einfach falsch verstanden. So richtig am eigenen Leibe erfahren – das vom Spielcharakter nur noch ein psychisch nacktes Häuflein Elend übrig ist – hat die Jünger des Set wohl kaum einer. Zugegebenermaßen ist es ja auch keine einfache Sache, einen Clan der sich so sehr auf psychologische Winkelzüge und das Brechen aller individuumsbezogenen Sozialkonventionen spezialisiert hat, im Spiel annährend gerecht zu werden. Neben einem guten Erzähler und kooperativen Spielern, ist hierzu primär wichtig die tieferen Mechanismen im Clan der Schlangen zu verstehen. Das Clanbuch: Die Jünger des Set sollte für diesen Zweck die erste Wahl darstellen, endlich Licht ins Dunkel der Schlangengrube bringen, und mit allen alten ausgelutschten Vorurteilen & Missverständnissen aufzuräumen. Also schreiten wir einmal in die Finsternis hinab – in die Finsternis der eigenen Seele – und schauen ob uns der Dunkle Gott endlich mit Weisheit & Verständnis segnet.

Die traditionelle Teasergeschichte, welche die ersten Seiten des Clanbuchs einnimmt, lässt eher eine ungute Stimmung aufkommen. Das hatten wir doch schon alles! Selbsterniedrigung, Nuten, Drogen, Hass, Schwarzlicht, und ägyptische Statuen. Wieder einmal ein typisches Setitenklischee. Obendrein ist die Geschichte – trotz der harten und eventuell nicht jugendfreien Themen – ziemlich langweilig. Kein Gefühl der Beklemmung wird erzeugt, keine Verletztheit. Man versucht die Szene nur möglichst abartig, möglichst böööse aussehen zu lassen. Da kann man eigentlich nur schnell weiterblättern, und hoffen das die nächsten Seiten endlich neue Einsichten bringen.

 

In Kapitel Eins: Eine Geschichte aus Lügen erfolgt dann erst einmal ein Abstecher in die Clanshistorie. Aus der Rolle von Manetho dem Jüngeren wird, wie für die neuen Clanbücher üblich, die Geschichte der Setiten intime erzählt. Man bekommt also nicht der Wahrheit letzten Schluss geboten, sondern eine Fassung der Geschichte, gefiltert durch Wissen und Vorurteile einer einzelnen Person. Die mythologischen Anfänge des Clans – der seine Genealogie immerhin nicht auf Kain, sondern auf den Gott der Stürme Set selbst zurückführt –, die Konflikte mit Osiris & Horus, und die Rolle der Äonen, jene göttlichen Widersacher der Setiten, die selbst in den Letzten Nächten immer noch eng mit dem Schicksal des Clans verwoben sind, zeichnen ein spannungsreiches Bild der ägyptischen, großhäuslichen Stammlande des Clans. Weiter geht die Geschichtsstunde über die hellenistische Invasion, dann kommen Rom (und es werden einige kurze Worte zu der mitunter größten Legende der Vampire – Karthago – verloren), Christentum & Gnostik. Ein Bericht über den byzantinischen Nachfolger Westroms leitet über zum Finsteren Mittelalter, mitsamt einer Schilderung der Anarchenrevolte aus Schlangenaugen betrachtet, und führt über die Aufklärung schließlich in die Neuzeit. Nach diesen insgesamt 25 Seiten über die Weltgeschichte, wie Manetho sie für erzählenswert erachtet, hat man einiges über die Rolle der Setiten, ihre alten Feinde, Tempel & Taktiken erfahren. Mit den Informationen kommt jedoch auch eine ernüchternde Erkenntnis daher; stellt man doch fest das die Setiten (oder zumindest Manetho) ihre Hände in Unschuld waschen, was bestimmte Ereignisse anbelangt, wo man voller Überzeugung seine Großmuter verwettet hätte, dass die Schlangen da ihre Finger im Spiel hatten. „Der Fall Roms? – Nein, da waren wir anderweitig beschäftigt. Die unheiligen Praktiken des Templerordens? – Keine Chance. Vielleicht hier und da mal ein Ritterchen, aber den ganzen Orden? Nein.“ Oder spricht da wieder das alte Missverständnis gegenüber den Schlangen? Sind sie zu guter letzt vielleicht gar nicht die bösen Verderber der Welt, als die man sie immer gesehen hat?

 

Kapitel Zwei: Nach all dem Wissen bildet dann quasi das Herzstück des Clanbuchs. Hier werden dem Leser endlich setitische Doktrin & Ethik vorgestellt und genau erläutert. Es wird unter anderem die persönliche Genesis der Jünger des Set geschildert, wie sie selbst ihre Stellung im Kosmos sehen, und was der Glaube für manche von ihnen bedeutet. Langsam dringt man in diesem Kapitel zu den tiefen Mysterien des Clans vor; die religiösen Setiten existieren tatsächlich jenseits von Gut & Böse, und wollen die Welt in Wahrheit von einem alten Übel befreien – auch wenn diese Befreiung das Leben der Geretteten kosten mag. Als Übel sehen sie jegliche gesellschaftliche Konvention, welche die Menschen in einem Gefängnis aus Normen & Regeln hält, ein Gefängnis das niemand geringeres als die alten ägyptischen Göttergegner Sets geschaffen haben sollen. Es werden zehn Offenbarungsstufen vorgestellt, mit denen gläubige Setiten ihre Opfer aus diesem Gefängnis versuchen herauszuführen, um sie zu erleuchteten Anhängern der setitischen Doktrin zu machen. Außerdem wird der Pfad des Typhon unter die Lupe genommen, und der Pfad des Sotech vorgestellt, welcher vielleicht noch älter ist als der der Theophidianer. Auf jeden Fall aber den wahrlich religiösen – oder sollte man sagen durchgeknallten? – Jüngern des Set vorbehalten ist. Nach weiteren Erklärungen zu setitischen Schreinen & Tempeln, Feiertagen & Zeremonien werden fünf Beispielkulte und einige der uralten Gründertempel vorgestellt. Die skandinavische Schlangengrube wo man die Midgardschlange Jörmundgand anbetet, das Knochenlabyrinth von Tunis & das Tiefe Nest von Tanger, oder der antike Kult des Typhon Trismegistus, der noch in diesen Nächten in der Nähe des Vesuvs blutige Gladiatorenkämpfe austragen lässt, sind nur einige Beispiele für die exotischen Ergebnisse setitischer Arbeit, die sich auf diesen Seiten finden. Den Kulten & Tempeln folgen einzelne Unterfraktionen vom Clan der Schlange, samt Erläuterung was ihre Grundsätze und Organisation angeht. Namentlich werden die westafrikanischen Kinder Damballahs, die sabbattreuen Schlangen des Lichts, die indischen Daitya – die selbst ihren westlichen Brüdern ein Mysterium sind – die zerstreuten südamerikanischen Tlacique und die Kriegersetiten beschrieben. Ob man vom Überlebenskampf der vom Sabbat in die Enge getriebenen Tlacique, oder von den geheimnisvollen setitischen Priestern & Magiern Indiens erzählen will – diese Seiten liefern die nötigen Informationen. Die nächsten Seiten des Quellenbands nimmt der traditionelle Ansichten-über-die-anderen-Clans-Teil ein; wie der historische Part abermals intime – diesmal von einer Schlange namens Psammeticus – verfasst, werden die anderen zwölf Vampirclans beschrieben, und in einen sehr mythologischen Ägyptenkontext gestellt. Anschließend geht es noch einmal an die tiefere Methodik des Schlangen. Es wird erklärt auf welche Hintergründe sich die Setiten verlassen, und wie sie am gescheitesten eingesetzt werden. Außerdem wird die neue Kenntnisfähigkeit „Setitenkunde“ vorgestellt, legen die Orthodoxen im Clan doch sehr viel Wert auf religiöse Geschichte & Paraphernalia, und die Offenbarungen des Dunklen Gottes werden nur einem sehr gelehrsamen Schüler zuteil. Das Kapitel endet mit einer Reihe von hochstufigen Disziplinen bis zum neunten Level, sowie einigen Disziplinkombinationen. Insgesamt werden zwölf neue Kräfte für erfahrene Schlangen geboten, während die letzte Seite des Kapitels einige Worte zur Thaumaturgie der Setiten verliert. Es werden keine neuen Pfade vorgestellt, sondern lediglich alte – aus anderen Publikationen – für die Setiten adaptiert. Die regeltechnischen Effekte bleiben also gleich, nur die Wirkungsweise sieht von Setiten- zu Setitengruppe anders aus.

 

Im Kapitel Drei: Zerstörte Bilder finden sich die obligatorischen Beispielscharaktere. Von der Bürgerrechtlerin, über den verwirrten Künstler bis hin zur Voodoopriesterin findet sich eine weite Bandbreite von Charakteren. Die meisten von ihnen muten recht interessant an und bieten zudem Potenzial für neue Geschichten. (Auch wenn der Superspion etwas lächerlich wirkt!) Wie von den Clansbüchern gewohnt sind alle Charaktere mit Bild & Charakterbogen (natürlich auch mit dem fürs LARP) ausgestattet. Auf den letzten Seiten des Quellenbuchs folgt dann die mehrseitige Beschreibung einer Beispielbrut, die sich nebenbei auch gut als Nemesis für Jäger: Die Vergeltung verwenden lässt: Eine Gruppe Setiten die jedem der ihren Preis zahlen kann aus der Patsche hilft, und im Geheimen einen Kult im Keller ihres Hauptquartiers führt, während sie Kainiten wie auch Sterbliche mit Gefallen an sich bindet. Die Vorgehensweise der Brut wie detailliert beschrieben, ebenso ihr Hauptquartier, und natürlich die vier Schlangen selbst – unter ihnen ein Kainit mit sehr vykos’schen Allüren –, samt ihres widerlichen Ghuls Topcat. Endgültig Schluss ist dann mit dem Abschnitt über einige der wichtigsten Gestalten des Clans, wobei die berüchtigte Kemintiri, Hesha Ruhadze (der auch das Buchcover ziert) & Sundervere, der Teufelsbrahmane die herausragendsten sind. Wie es sich für ein Clanbuch gehört, findet sich ganz am Ende noch der vierseitige Charakterbogen – speziell für Jünger des Set.

 

Hundertacht Seiten geben einen ordentlichen Überblick zum Clan der Schlange. Und vor allem – helfen dabei mit dem meist verzerrten & stereotypen Bild der Jünger des Set aufzuräumen. Leichter zu spielen werden sie dadurch allerdings nicht unbedingt (in dieser Hinsicht sind Klischeeschlangen doch was feines!), vor allem was ihre tieferen Weisheiten angeht, Menschen aus ihren Konventionen zu befreien, herauszureißen... und dann? Was danach kommt scheinen selbst die wenigsten Schlangen zu wissen (oder fehlt dem Schreiber dieser Rezension einfach nur die nötige Transzendenz und das philosophische Verständnis?). Aber vielleicht braucht man soweit gar nicht zu gehen, sondern begnügt sich einfach damit, in dem man die Setiten darstellt wie sie sind – schwer verstehbar & ominös. Das sollte anhand des Clanbuches: Jünger des Set auf jeden Fall gelingen. Beim Artwork des Paperbackbandes schwingt ein deutlicher ägyptischer Tenor mit, auch wenn die Bilder meist nur von mittelmäßiger Qualität sind. Auf einer Skala von 1 (mies) bis 5 (genial) hat das Clanbuch: Jünger des Set eine 3 sicherlich verdient. Auch wenn man sich vielleicht ein paar mehr Intrigen & Verschwörungen der Schlangen gewünscht hätte – doch wahrscheinlich ist dieses Bild der Schlangen überholt. Also, gehet hinaus zu den Kindern des Gottes der Stürme und öffnet ihnen euer Herz – sie wollen uns nichts böses! Sprach’s & ward nie mehr gesehen...

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 2024062401071139460f53
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Clanbuch: Die Jünger des Set

Ein Quellenbuch für Vampire: Die Maskerade!

Verlag: Feder & Schwert

ISBN: 3-935282-58-3

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Erstellt: 18.07.2005, zuletzt aktualisiert: 18.01.2015 22:11, 675