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Damals nach dem Krieg

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

 

Die unterschiedlichen, wenn auch zumeist düsteren Facetten Nazideutschlands, die Verbrechen der Machthaber, die Schlachten des zweiten Weltkriegs und die Kapitulation - darüber gibt es inzwischen sehr viele und unterschiedliche Dokumentationen, die alle einen anderen Schwerpunkt haben. Doch was nach dem 8. Mai 1945 passiert ist hat bisher nur wenige Filmemacher inspiriert. Zwar gibt es den einen oder anderen Film zu den Nürnberger Prozessen und den Trümmerfrauen in den Überresten der Städte, doch bisher noch keine Sendereihe, die die verschiedenen Aspekte des Lebens direkt nach dem Krieg behandelt und miteinander in Beziehung bringt.

 

Das wird mit der neuenDokumentation “Damals nach dem Krieg” nun anders. Steffen Schneider, Mathias Haentjes und andere beleuchten die Jahre zwischen dem Kriegsende und der Gründung der beiden deutschen Staaten im Jahre 1949. Was passierte in dieser Zeit in Mitteleuropa und wie erlebten die Menschen sie persönlich mit?

Noch gibt es Augenzeugen, die ihre Kindheit, Jugend oder gar Erwachsenenjahre in diesen Jahren verlebten und aus ihren Erinnerungen berichten können und so die vorhandenen Filmdokumente mit ganz persönlichen Schilderungen ergänzen können. Wenn Worte und alte Bilder nicht ausreichen, ergänzen Spielszenen die behandelten Themen..

 

Die erste Folge “Sommer in den Ruinen” behandelt die Geschehnisse nach der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte im Mai 1945. Im Sommer treffen die vier Siegermächte im bereits im April eroberten Berlin aufeinander, um auszuhandeln, was nun mit dem Land geschehen soll. Die Menschen indessen versuchen zu begreifen, das der Krieg ein Ende hat und sehen bang in die Zukunft, denn sie wissen nicht, mit welchen Forderungen Frankreich, England, Russland und die USA auf sie zukommen werden. Schließlich wird das Land in vier Besatzungszonen aufgeteilt.

In der Fortsetzung “Hunger und Hoffnung” zeigt, wie erfinderisch die Menschen sind, wenn es um ihre nackte Existenz geht. Schmuck und anderes wird auf dem Schwarzmarkt eingetauscht, man sammelt die heruntergefallen Kohlen von den Waggons (oder hilft notfalls noch nach, dass sie herunter fallen) und nimmt jede Hilfe - auch von den ehemaligen Feinden - dankbar an. Männer und Frauen werden erfindungsreich, wenn es gilt, aus Resten noch etwas Brauchbares zu machen. Alte Autoreifen und geflochtene Maisblätter werden zum Beispiel zu Schuhen. Im besonders harten Winter 1946/47 verschärft sich die Situation dramatisch, denn noch immer sind Lebensmittel, Kleidung und Heizmaterial knapp in Deutschland und die Behörden nicht auf die Unbilden der Natur eingestellt.

In der dritten Folge wird noch einmal ein Blick zurück in die Dreißiger Jahre geworfen. Nun müssen die, die stolz ihr Parteibuch trugen Rede und Antwort stehen. Die “Schatten der Vergangenheit” fallen auch auf die einfachen Menschen zurück, die sich vor entsprechenden Ausschüssen entnazifizieren lassen müssen, wenn sie jemals wieder in verantwortungsvollerer Stellung arbeiten wollen. Denn noch immer sind die Siegermächte nicht so ganz davon überzeugt, dass die Deutschen aus dem Krieg gelernt haben, auch wenn sie die politischen Anführer und Offiziere in den “Nürnberger Prozessen” aburteilen und bestrafen. Filmbeispiele formen ein Bild in den entsprechenden Staaten, das heute noch imemr präsent ist.

In der letzten Folge sind Zehntausende von Menschen “Auf der Suche nach Heimat”. Sie wurden aus den deutschen Ost-Gebieten, die man Russland und Polen zugesprochen hat. Sie finden sie weiter westlich in den vier Besatzungszonen. Auch wenn es nicht einfach ist, müssen sie lernen sich einzurichten und neue Wurzeln zu schlagen. Während sich langsam aber sicher eine Teilung Deutschlands abzeichnet und schließlich sogar vollzogen wird, gibt es immer noch Kriegsgefangene die in Sibirien auf ihre Entlassung hoffen, aber erst in den fünfziger Jahren nach zu ihren Familien zurückkehren dürfen.

 

Sachlich aber nichtsdestoweniger unterhaltsam erwecken die Regisseure und Autoren eine Zeit, die früher eher stiefmütterlich behandelt wurde und doch maßgeblich für vieles ist, was Deutschland in den letzten fünfzig Jahren geprägt hat. Man lässt sehr viele Augenzeugen zu Wort kommen, Opfer wie auch Täter, Menschen, die damals noch Kinder waren oder bereits erwachsen. Noch leiben viele von denen, die Ängste und Bitterkeit miterlebt haben, die Not und den Hunger, aber auch die Augenblicke der Freude und Hoffnung.

Jüdische Mitbürger, die die Schrecken der Konzentrationslager überlebt haben, erzählen, was sie noch erlebt haben und Zwangsarbeiter aus Polen oder Russland berichten, das sie nicht unbedingt in ihre Heimat zurückkehren mochten, weil sie dort auch mit Repressalien rechnen mussten. Damalige Kinder und noch lebende Erwachsene erzählen, wie sie sich Tag für Tag durchgeschlagen haben. Hin und wieder greift man auch auf etwas ältere Interviews zurück. So wird ein umfassendes, wenn auch nicht ganz vollständiges Bild der Nachkriegszeit geschaffen. Man konzentriert sich bewusst auf Einzelschicksale, um eine persönliche Bindung aufzubauen, auch wenn die allgemeinen Entwicklungen natürlich auch genügend Raum erhalten. Das ganze ist durch einen stetigen Wechsel der Art der Präsentation sehr unterhaltsam und abwechslungsreich präsentiert.

Die Macher verzichten zumeinst darauf, zu werten. Sie lassen die Interviews, Ausschnitte und Spielszenen auf den Zuschauer wirken, der sich aus dem Gesehenen seine eigene Meinung bilden soll.

Bild und Ton sind dem Alter des Materials entsprechend. Extras sind reichlich vorhanden: ein interessantes Making of, entfallene Szenen, Outtakes und eine Bildergalerie.

 

 

Fazit:

 

“Damals nach dem Krieg” ist eine unterhaltsam aufbereitete aber dennoch sehr informative und beeindruckende Erinnerung an die Nachkriegszeit, die vor allem für jene spannend ist, die diese Zeit nicht mehr miterlebt haben. Denn so lernen sie vielleicht ihre Eltern oder Großeltern besser zu verstehen und was unsere Lebenswelt in den letzten sechzig Jahren nachhaltig geprägt hat.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205192651f996a66f
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DVD:

Damals nach dem Krieg

Buch und Regie: Steffen Schneider, Mathias Haentjes und Karsten Laske

Deutschland, 2007/2008

Bildformat: 16:9

Synchro: deutsch. (2.0)

Spieldauer: 180 min (4 x 45 Min.), Extras: Making of, Deleted Scenes, Outtakes & Bildergalerie 2 DVD

FSK: ohne

Polyband, 29. Februar 2008

 

ASIN: B0011EQ5HQ

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 07.03.2008, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01