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Das graue Meer Teil 1

Autor: Sebastian Schenk

 

PROLOG

1

Es war Nacht.

Er lief schneller. Hinter sich hörte er die Alarmanlagen und die verwirrten Rufe der Sicherheitsbeamten. Mit Anlauf sprang er über die Straßenbegrenzung und landete im weichen Gras, wo er, eng an den Boden gepresst, liegen blieb. Gerade noch rechtzeitig, denn in diesem Moment glitt, kaum merklich, eine Scanwelle über ihn hinweg. Schnell stand er auf und durchquerte im Laufschritt den kleinen Park. Kaum auf der anderen Seite angekommen, sah er durch seine Spezialbrille die nächst Welle herannahen.

Seit nach Mitternacht in diesem Bereich der Stadt Ausgangssperre herrschte, wurden passiven Scans eingesetzt, um sicherzustellen, dass niemand sein Quartier verließ. Wer sich nicht daran hielt, wurde von der Sicherheit abgeholt, und kaum einer wusste, was dann passierte. Manche vermuteten, man brachte sie ins Zentralgefängnis oder transportierte sie zu Arbeitslagern auf den Quantas- Monden.

Lautlos verschwand er in einer unbeleuchteten Gasse und schwang sich in seinen Gleiter. Mit ausgeschaltetem Licht verschwand er. An der nächsten Kreuzung reite er sich zügig in den Verkehr ein. Er schaltete den Gleiter auf Automatik und lehnte sich zurück. Kiro nahm seine verdunkelte Brille ab und streifte die viel zu warme Gesichtsmaske herunter. Sie ließ nur die Augenöffnungen frei und war angeblich zu 100% hautfreundlich. Das hatte ihm zumindest der zwielichtige Händler in einer Nebenstrasse der Zentralpromenade von Pinor-Prime versichert. Kiros Hautjucken bestätigte ihm nun das Gegenteil. Aber das war jetzt zweitrangig. Er musste seinen Auftraggeber treffen um ihm seine neueste Errungenschaft zu verkaufen. Lächelnd zog er die kleine Plastik-Disk aus der Jackentasche. Sie war hellgrün, durchsichtig und gerade so groß, wie das Ziffernblatt einer Armbanduhr. Tersa, sein Auftraggeber, hatte ihn nicht informiert, was auf ihr gespeichert war, aber das interessierte Kiro auch nicht besonders. Gewöhnlich erledigte er seine Aufträge ohne Fragen zu stellen. Diesmal würde es für Tersa aber teurer werden, denn es hatte einen Toten gegeben: Als er gerade durch ein defektes Kraftfeld in den Laborkomplex der Parabolica-Intergen Zentrale eingedrungen war, traf er auf eine Wache, die dort unplanmäßig pattroulierte. Es hatte sich hierbei anscheinen um einen kurzfristigen Schichtwechsel gehandelte, denn der Uniformierte, auf den er traf, wirkte verschlafen und unaufmerksam. Mit ein paar Schritten war Kiro bei ihm und ehe der Mann reagieren konnte, hatte er ihm den Arm um den Hals gelegt und das Genick gebrochen. Das war die einzige Möglichkeit gewesen sich zu verteidigen, denn hätte Kiro irgendeine Art von Waffe angewendet, wäre er von den Detektoren auf dem Gelände mit Sicherheit entdeckt worden. Tersa hatte ihm Pläne der Sicherheitsanlagen und die Routen der Wachen zukommen lassen. Entweder waren sie absichtlich ungenau, oder er wollte Kiro auf die Probe stellen. Dieser unbeabsichtigte Tote würde Tersa aber nicht sonderlich zu schaffen machen.

Nachdem Kiro seine Gesichtsmaske und den schwarzen Anzug unter dem Hintersitz verstaut hatte, übernahm er wieder die Steuerung über den Gleiter. Es bestand keine Notwendigkeit die Sachen weiter zu verstecken. An der nächsten Ausfahrt fuhr er ab. Hier begann die Promenade.

Um diese Uhrzeit herrschte reges Treiben auf den Straßen und Gassen und man konnte diverse Spezies sehen, die sich tagsüber kaum aus ihren Quartieren getraut hätten. Er war mit Tersa im „Barclays“ verabredet. Bis zum Treffen war aber noch über eine Stunde Zeit. Genug um sich vorher noch zu duschen und umzuziehen. Kiro parkte seinen Gleiter vor einem einige hundert Stockwerke hohen Bauwerk und stieg aus. Neben ihm auf der Straße befand sich ein Metallpfeiler in Meterhöhe mit einem roten Knopf. Das war der Fingerabdruckscanner für Bewohner. Nachdem er es zweimal vergeblich versucht hatte, verlor Kiro die Geduld und schlug einmal kräftig auf den Schalter. Sofort leuchtete er grün, eine Stahlplatte unter seinem Gleiter öffnete sich, und dieser verschwand im Boden. Das war eine nützliche und Platz sparende Sache, wenn es denn funktionierte. Kiro betrat durch den Haupteingang die Halle. Von hier führten Magnetlifte zu den Wohnetagen, wenn man diese den als Wohnung bezeichnen konnte. Eine Wohnung bestand aus einem winzigen Zimmer, einer Kochecke und einer Dusche mit einklappbarem Waschbecken in der Wand daneben. Jede der Wohnungen sah gleich aus. Kiro stieg in den Lift und fuhr los. Der Lift erreichte innerhalb weniger Sekunden den 352. Stock. Er stieg aus und ging die wenigen Meter zu seiner Tür. Mit seiner ID-Karte öffnete er die Tür und betrat das Zimmer. Ohne das Licht anzumachen, ließ er sich auf sein Bett fallen. Kiro wollte sich nur kurz ausruhen, um nachher beim Treffen fit zu sein. Aber nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.

 

Er war allein auf einer steinigen Ebene, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstreckte. Der Himmel war grau. In der Ferne konnte man die Umrisse von Bergen sehen. Als er sich umsah, erblickte er einen Totenschädel und einige zerbrochene Knochen auf dem Boden neben ihm. Er bückte sich und sah, das etwas in den Schädel eingeritzt war: Ein Symbol. Es kam ihm bekannt vor, er wusste nur nicht woher. Er richtete sich auf und erschrak: Der Himmel hatte eine blutrote Färbung angenommen...

 

Tersa wurde langsam ungeduldig. Er hasst es, wenn Kiro ihn warten ließ. Das geschah nicht selten und heute war er schon eine Viertelstunde überfällig. Aber Tersa war auf die Fähigkeiten Kiros angewiesen. Für ihn einen Ersatz zu finden, war beinahe unmöglich. Vor allem hier auf diesem verkommenen Planeten. Auf Pinor-Prime gab es zwar ein paar Städte mit Raumhäfen, aber die waren veraltet und heruntergewirtschaftet. Das einzig Gute an Pinor-Prime war der Schwarzmarkt, denn der blühte hier.

Tersa war ein kleiner, rundlicher Mann und ging auf die Fünfzig zu. Er hatte Kiro schon immer wegen seinem athletischen Körperbau bewundert. Aber was tat er schon dafür, er saß in einem Muntabanischen Restaurant und ließ sich einen Ölfisch schmecken. Im „Barclays“ wurde der beste Ölfisch der Stadt serviert und auf diese Gaumenfreude wollte er um keinen Preis verzichten.

Endlich kam Kiro durch die Tür und ging zügig auf den Tisch zu. „Na Tersa, tust du wieder was für dein Volumen?!“ „Quatsch nicht blöd, warum hast du mich solange warten lassen?“ „Das Ganze hat ein bisschen länger gedauert, als geplant war.“ Kiro setzte sich. „Aber ich habe die Ware.“ „Das will ich auch hoffen.“

Tersa hatte seine Mahlzeit beendet und legte das Besteck auf den Teller. Sofort kam eine leichtbekleidete Muntabanische Kellnerin an den Tisch und räumte ihn ab. Nach dem er sich den Mund abgewischt hatte fuhr er mit ernster Mine fort:

„Diesmal ist die Ware von außerordentlicher Wichtigkeit.“ Kiro verschränkte die Arme vor der Brust und sah Tersa in die kleinen, stechenden Augen. „Der Preis ist gestiegen.“ Tersas Ohren zuckten kaum merklich. „Ich frage am besten gar nicht. Wie viel willst du?“

Eine kurze Pause entstand. „34.000“, sagte Kiro und lehnte sich zurück. „34.000. Das sind viertausend mehr als vereinbart!“ „Nun tu nicht so als ob dich das überraschen würde. Deine Informationen waren ungenau und deshalb musste jemand ins Gras beißen!“ „Gut, und wo ist jetzt meine Ware?“ Kiro griff in seine Jackentasche und legte die kleine CD auf den Tisch. Tersa griff danach, aber Kiro zog sie zurück. Er wusste, dass er Tersa nicht trauen konnte. „Erst das Geld“, sagte er. Tersa verzog das Gesicht, aber er aktivierte das Computerterminal, das seitlich in die Tischplatte eingelassen war. Mit wenigen Tastendrücken überwies er Kiro die abgemachte Summe. Dieser prüfte es nach, nickte zufrieden und übergab Tersa die CD. Tersa nahm sie in Empfang und steckte sie weg. Einen solchen Datenträger konnte man nicht fälschen, auch wenn man sich noch so viel Mühe gab. Es bestand also keine Notwendigkeit den Inhalt zu prüfen. Tersa stand auf und reichte Kiro die Hand. „Bis dann Kiro, ich hoffe wir sehen uns bald wieder!“ Kiro schüttelte ihm die Hand, und Tersa verschwand mit erstaunlicher Geschwindigkeit aus dem „Barclays“. Kurz danach verließ auch Kiro das Restaurant

 

2

 

Nadja verlor langsam die Geduld. „Wie lange soll denn das hier noch dauern. Ich muss ein Transferschiff erreichen!“ „Einen Augenblick noch“, sagte der Zollbeamte und lächelte. „Das sagen sie mir jetzt schon seit zehn Minuten!“ rief sie aufgebracht. Konnten diese lästigen Formalitäten nicht schneller gehen. Wenn sie den Transporter nicht rechtzeitig erreichte, würde er mit Sicherheit nicht auf sie warten. „Wir bitten um ihr Verständnis wegen der kleinen Verzögerung. Ihre Identität wurde bestätigt. Bitte begeben sie sich zu Schleuse 45b.“

Nadja griff sich ihre ID-Karte und durchquerte mit ihrem Gepäck den Sicherheitsbereich. Dieser Raumhafen war doch das Letzte, dachte sie, während sie auf dem Weg zur Schleuse 45b war. Nach einigem Suchen fand sie diesen auch und blieb erst einmal völlig regungslos stehen. So viel Pech an einem Tag war doch gar nicht möglich. Durch ein großes Fenster neben der Schleuse konnte sie das „Raumschiff“ sehen, mit dem sie fliegen sollte. Was da vor der Schleuse lag war wohl der älteste Frachter, den sie je gesehen hatte. Das Display der Schleuse wies dieses Schiff als die „Garios-2“ aus. Baujahr 2689. Dieser Transporter war tatsächlich 63 Jahre alt. So sah er auch aus. Die Außenhülle war mit Dellen und Schweißnähten übersäht und der Name darauf war kaum noch zu erkennen. Der schematischen Karte auf dem Display nach, bestand das Schiff aus einer Reihe von gleichgroßen Quadern, die je durch zwei dünne Module miteinander verbunden waren. Die ganze Konstruktion sah nicht besonders vertrauenswürdig aus. Jetzt war Nadja auch klar, warum der Flug so billig gewesen war.

Aber was blieb ihr übrig. Das war in der nächsten Zeit der einzige Flug zur Barachnios- Orbitalstation. Diese Station wurde nur sehr selten angeflogen, weil es kaum jemanden gab, der sich dort freiwillig hinbegab. Die alte Bergbaustation war schon seit langem verlassen, weil die Erzvorkommen auf dem Planeten zur Neige gegangen waren. Lieber wollte Nadja mit dieser Antiquität fliegen als noch länger auf so einem Verbrecherplaneten zu bleiben, auf dem man nirgends wirklich sicher war. Aber da gab es eben diese Nachricht:

Als sie gestern Abend vom Schichtdienst im Sicherheitsbüro der Magnetbahnzentrale nach hause gekommen war, hatte sie die Nachricht gefunden. Es war eine kleine gebräuchliche Chipkarte ohne Aufdruck. Nadja hatte sie aus ihrer Schutzhülle entfernt und später an ihrem Computerterminal gelesen. Was dort stand versetzte sie in helle Aufregung:

 

 

 

 

An Nadja Chantalos – Zentralhabitat 3928 Pinor-Prime:

 

Schwester Nadja, Sie werden umgehend dazu aufgefordert sich zur Barachnios – Orbitalstation, Raumkoordinate (215-487-541), zu begeben. Dort findet ein Treffen der „Verstummten“ statt, bei dem ihre Anwesenheit dringend erforderlich ist. Wir verlassen uns auf ihre Diskretion und rechnen fest mit ihrem Kommen!

 

Ihr Bruder Andros

 

Nachdem Nadja die Nachricht gelesen hatte saß sie erst einmal ein paar Minuten da ohne sich zu regen. Die „Verstummten“ hatten sich tatsächlich wieder gemeldet. Es gab sie also tatsächlich immer noch. Eigentlich hatte Nadja gehofft, nie wieder etwas von ihnen zu hören. Sie hätte diesen Teil ihres Lebens gerne vergessen.

Die „Verstummten“, wie sie sich selbst nannten, waren eine interplanetar operierende Terroristengruppe. Sie mordeten und sprengten im Namen ihres Glaubens. Auf ihr Konto gingen in den letzten fünf Jahren etwa 30 Ermordungen von Politikern und Zivilpersonen. Auch hatten sie sich immer wieder mit Bomben und Giftgasanschlägen in Erinnerung gerufen. Die Verfolgung durch die Justiz hatte so gut wie nichts gebracht, weil diese Gruppe, bestehend aus Söldnern und religiösen Fanatikern, sehr gut organisiert und daher nicht aufzufinden war. Die Gruppe war der festen Überzeugung, sie müsste jedermann zu ihrem Glauben bekehren.

Nadja war durch einen Zufall an die „Verstummten“ geraten. Damals, vor etwa drei Jahren hatte sie an einem Seminar über eine Forschungsmission teilgenommen, auf der Nathan Andros einen Vortrag über die Vorzüge von Langstrecken-Forschungsmissionen gehalten hatte. Nach diesem Vortrag hatte sie sich kurz mit ihm unterhalten und irgendwie waren sie auf das Thema Glauben gekommen. Andros hatte ihr von einer Gruppe erzählt, in der er Mitglied war. Nadja hatte Interesse gezeigt und so hatte sie ihn einmal zu einem Treffen der Gruppe begleitet.

Die Gruppe bestand damals aus acht Männern und drei Frauen. Sie setzten sich in einem verdunkelten Raum in einem Kreis auf den Boden. Erst war es ihr vorgekommen wie ein Gottesdienst, aber nach einer Weile war sie von den Worten des Sprechenden, der über die Befreiung des Geistes sprach, ganz schläfrig geworden und war schließlich in einen Zustand der völligen Entspannung versunken.

Als das Treffen nach einigen Stunden zu Ende war, hatte sie sich so wohl wie nie zuvor gefühlt, konnte sich aber nicht mehr daran erinnern, was in den letzten Stunden passiert war.

In den folgenden Monaten hatte sich Nadja immer wieder mit der Gruppe getroffen und war schließlich Mitglied geworden. Sie kannte die anderen Mitglieder der Gruppe nicht und sie stellten sich ihr auch nie vor. Sie wusste nur, dass sie sich selbst als die „Verstummten“ bezeichneten. Nach einiger Zeit wurden die Treffen immer seltener und sie sah Andros auch kaum noch, bis sie schließlich zu einem Treffen kam, wo sie überhaupt niemanden antraf. Am folgenden Tag wollte sie Andros in seiner Wohnung aufsuchen, musste aber feststellen, das sie verlassen war Sie hatte es noch in der zentralen Meldestelle von Pinor-Prime versucht, konnte aber auch dort nichts über seinen Verbleib erfahren. Etwa ein Jahr später hatten dann die Mordanschläge begonnen, zu denen sich die „Verstummten“ bekannten. Als Nadja davon in den Nachrichten hörte, begab sie sich umgehend zu einem der Treffpunkte der „Verstummten“ und traf dort auf Andros, aber er hatte sich völlig verändert. Als sie ihn fragte, ob er denn mit diesen Morden etwas zu tun hätte, packte er sie am Arm und schrie sie an, sie wüsste ja, was mit ihr passieren würde, wenn sie auch nur ein Wort zu irgend jemandem sagte. Schließlich war sie auch Mitglied der Gruppe und müsste diese schützen. Da bekam es Nadja mit der Angst zu tun. Sie verbarrikadierte sich in ihrer Wohnung und ging eine ganze Weile nicht mehr auf die Strasse. Die Anschläge der „Verstummten“ gingen in den folgenden Wochen zwar weiter, aber weitgehend auf anderen Planeten. Und nach einer Weile hörten die Berichte in den Nachrichten auf.

 

Ein leichtes Tippen auf ihre Schulter riss sie aus den Gedanken. „Miss, sind sie Nadja Chantalos?“ Erschrocken drehte sie sich um. „Ja, die bin ich. Und wer sind sie?“ „Ich bin Martin, der Pilot dieses betagten Gefährts. Sie wollen zur alten Barachnios-Station? Da haben sie aber Glück, dass wir in die Richtung fliegen. Warum wollen sie eigentlich dort hin, da lebt doch schon seit einer ganzen Weile niemand mehr.“ „Ich glaube nicht, dass sie das etwas angeht!“ entgegnete Nadja spitz. „Schon gut, ich wollte ihnen nicht zu nahe treten. Man wird ja fragen dürfen.“ Nadja musterte ihn. Martin war ein recht großer, schlanker Mann. Sie schätzte ihn auf Anfang dreißig. Er sah wirklich nicht aus, wie jemand, der sie gleich ermorden würde, dachte Nadja und entschuldigte sich. „Es tut mir leid, ich war gerade in Gedanken woanders. Sie haben mich nur etwas erschreckt.“ Martin grinste freundlich. „Kommen sie, ich zeige ihnen ihr Quartier, es wird ein langer Flug.“ Sie gingen zusammen durch die Luftschleuse und folgten einem hell erleuchteten Gang. „Wann starten wir?“ fragte Nadja. „Gerade werden noch die letzten Frachtcontainer verladen und es fehlt noch einer der Passagiere, aber spätestens in einer halben Stunde fliegen wir ab.“ Nadja war erstaunt. „Ich wusste gar nicht, dass es noch mehr Passagiere gibt, ich dachte dies wäre ein reines Frachtschiff.“ „Ist es eigentlich auch, aber auf unserem Weg kommen wir an einigen Kolonien und Stationen vorbei, zu denen die Flugverbindungen schlecht sind, und so nehmen wir auch oft Leute mit. Wir sind ein Geheimtipp für diejenigen, die auf größeren Reisekomfort verzichten können und für die, die nicht so viel Geld haben. Bei diesem Flug haben wir noch neunzehn Gäste, außer der Crew natürlich. Während des Fluges werden sie die Anderen höchstwahrscheinlich kennen lernen Mit ihnen sind jetzt alle da, und ich hoffe Nummer zwanzig kommt auch bald, sonst fliegen wir ohne ihn ab!“

Inzwischen waren sie bei einer Metalltür mit der Aufschrift „Z14“ angekommen. Martin blieb stehen und betätigte den Türöffner. Die Tür glitt mit einem zischenden Geräusch zur Seite und gab den Blick auf einen kleinen, rechteckigen Raum frei. An der Wand stand ein Bett und in der Mitte des Raums befand sich ein Metalltisch mit zwei Stühlen. „Ich hoffe, es gefällt ihnen. Wenn sie Hunger haben, gehen sie einfach den Gang hinunter bis zum Ende. Da sind die Küche und der Aufenthaltsraum. Dort ist immer jemand, der ihnen etwas Essbares zubereiten kann.“ Er wies auf ein kleines Terminal an der Wand der Kammer. „Über das Interkom erreichen sie immer jemanden von der Crew, aber benutzen sie es bitte nur im Notfall. Alle Quartiere haben einen eigenen Waschraum, sodass sie morgens mit niemandem zusammenstoßen. Wir werden etwa vier Tage brauchen, bis wir Barachnios erreichen. Haben sie sonst noch eine Frage?“ Nadja schüttelte den Kopf. „Okay, dann wünsche ich ihnen einen guten Flug!“ und er ging den Gang zurück den sie gekommen waren. Die Tür schloss sich hinter ihm. Nadja setzte sich auf das Bett. Es war zwar etwas hart, würde aber reichen. Durch das Fenster in der Außenwand konnte man einen Teil des Raumhafens mit dem riesigen Andockring sehen. Nadja schaltete das Licht aus und legte sich ins Bett. Innerhalb weniger Minuten war sie eingeschlafen.

 

3

 

Kiro ging gerade noch rechtzeitig hinter einem Container in Deckung, denn in diesem Moment zischte ein Energiestrahl dicht über seinem Kopf hinweg und schlug funkenschlagend in die Wand ein. „Komm raus Kiro. Du hast keine Chance!“ „Das werden wir ja sehen“, rief Kiro zurück, sprang aus seiner Deckung und feuerte eine kurze und gezielte Plasmaladung auf Ortega ab. Dieser wich geschickt aus und feuerte ebenfalls. Er verfehlte Kiro knapp, der wieder hinter einem anderen Container Deckung gesucht hatte. Langsam verlor Ortega die Geduld. „Verdammt, gib endlich auf. Ich schwöre, ich lasse dich am Leben!“ „Das glaubst auch nur du!“, Kiro lachte. Wieder gab er aus der Deckung heraus einen Schuss ab, der Ortega nur knapp verfehlte. „Der Teufel soll dich holen. Du willst es ja nicht anders“

Er hakte eine Plasmagranate von seinem Gürtel ab, machte sie scharf und warf sie hinter die Container. Dann duckte er sich hinter eine Tonne, hielt sich die Ohren zu und wartete auf die Explosion, die Kiro mit Sicherheit außer Gefecht setzen würde. Aber da kam keine Explosion.

Verwundert wollte Ortega aufstehen, aber in diesem Moment spürte er das kalte Metall einer Waffe an seinem Hals. Instinktiv griff er an seinen Gürtel. „Das würde ich lieber bleiben lassen!“ Kiro stand hinter ihm und drückte ihm seine Waffe an den Hals. „Das nächst Mal solltest du vielleicht eine Markengranate kaufen! „Mist“, entfuhr es Ortega. „Wer hat dich geschickt? Los, raus mit der Sprache!“ Ortega grinste. „Du glaubst doch nicht wirklich, das ich dir das verrate, oder?!“ „Na ja, eigentlich schon!“, sagte Kiro und versetzte ihm mit seiner Waffe einen heftigen Schlag gegen den Kopf, sodass er taumelte und auf den Boden der Lagerhalle fiel. „Du verdammter Scheißkerl!“, Ortega schrie vor Schmerzen. „Und, hast du mir jetzt was zu sagen?“ „Verpiss dich! Von mir erfährst du nichts.“ Ortega rieb sich den Kopf vor Schmerzen. Aus diesem Mann würde er nichts mehr herausbekommen. Aber vielleicht hatte er etwas Interessantes dabei. Kiro feuerte einmal mit seiner Waffe auf Ortega, worauf dieser vornüber auf den Boden kippte. Er hatte die Waffe umgestellt. Ortega würde eine Weile schlafen. Kiro durchsuchte ihn und fand neben seiner ID-Karte und ein paar Zigaretten eine Karte mit Aufdruck:

 

„BERINA-LABORE –Wir helfen ihnen in der Not! Rufen sie an, oder kommen sie vorbei. Sie finden uns auf Quantas3 im Brex-Sektor.“

 

Kiro steckte die Karte ein und verließ die Lagerhalle durch einen Seiteneingang.

Er hatte ein wertvolles Amulett beschaffen sollen und Ortega hätte ihm den Aufbewahrungsort nennen müssen. Aber er wollte diesen, aus welchem Grund auch immer, nicht preisgeben. In dem folgenden Wortgefecht hatte Ortega schließlich die Nerven verloren und seine Waffe gezogen. Die Information war von entscheidender Wichtigkeit, denn Kiros Auftraggeber, einer seiner anonymen Kunden, hatte sich unmissverständlich ausgedrückt. Entweder würde er das Amulett innerhalb einer Woche beschaffen und eine saftige Belohnung kassieren, oder man würde ihm einen Besuch abstatten, der nicht sehr förderlich für Kiros Gesundheit wäre. Er konnte es sich nicht leisten, diesen Auftrag in den Sand zu setzen, denn sein anonymer Kunde hatte offensichtlich belastendes Material über Kiro in der Hand. Wenn das die Behörden zu Gesicht bekämen, würde Kiro schnell in irgendeiner Strafkolonie verschwinden. Er hatte, außer Ortega, keine weiteren Hinweise auf den Verbleib des Amuletts erhalten. Nur sein Name war ihm bekannt. Es handelte sich um das „Heilige Amulett der Verstummten“. Kiro wusste mit dieser Bezeichnung nichts anzufangen. Er hatte noch nie von etwas Derartigem gehört. Als Kiro zwei Stunden später in seinem Quartier ankam, erwartete ihn eine Nachricht auf dem Terminal. Sie stammte von seinem Auftraggeber:

 

Ich weiß von Ortega. Er wird keine Probleme mehr machen. Begeben sie sich zum Raumhafen und steigen sie in den Frachter „Garios-2“ auf Rampe 45b. Sie werden bereits erwartet. Alles weitere erfahren sie vor Ort. – E.R.

 

Eine Reise ins Nirwana. Das kam ja wie gerufen. Aber für diese Bezahlung würde Kiro fast alles machen. Er hatte 50.000 im Voraus erhalten und sollte noch einmal 200.000 bei erfolgreichem Abschluss des Auftrags bekommen. So etwas ließ man sich nicht entgehen. Kiro verließ seine Wohnung und fuhr mit dem Magnetexpress die etwa 2500 Kilometer lange Strecke zum Raumhafen von Pinor-Prime. Die einstündige Fahrt verbrachte er schlafend, bis ihn eine Stewardess aufweckte und ihm mitteilte, dass sie sich am Reiseziel befanden. Auf dem Raumhafen angekommen, fand Kiro nach einigem Suchen die Rampe 45b und bestieg den Frachter. Martin, der Pilot, wies ihm sein Quartier zu und ließ ihn dann allein. Kiro verriegelt die Tür und rief dann die auf dem Terminal gespeicherte zweite Nachricht ab. Es war eine Audiomitteilung. Die Stimme wurde verzerrt, aber man konnte dennoch alles verstehen:

 

Es tut mir leid, dass sie so kurzfristig abreisen mussten, aber diese Angelegenheit ist von sehr großer Wichtigkeit. Auf diesem Frachter befindet sich eine Zivilperson. Ihr Name ist Nadja Chantalos. Sie ist Mitglied einer Organisation, die sich selbst „Die Verstummten“ nennt. Mann hat ihr, ohne ihr Wissen, eine Speicherkern in den rechten Unterarm implantiert. Auf diesem Speicherkern befinden sich wichtige Informationen, welche die Verstummten an einen uns unbekannten Ort schmuggeln wollen. Ebenfalls sind darauf Informationen betreffend das Amulett gespeichert. Wir haben eine Nachricht abgefangen, woraus hervorgeht, dass Nadja Chantalos auf dem Weg zur Barachnios - Orbitalstation ist. Ihre Aufgabe besteht nun darin, egal auf welche Weise, zu verhindern, dass Nadja Chantalos dort eintrifft, und den Speicherkern zu bergen. Wir haben dafür gesorgt, dass sie in der Kabine neben Nadja Chantalos (Z14) untergebracht werden. Für diese außergewöhnlichen Arbeiten erhalten sie einen Bonus von 30.000. ... er wurde soeben überwiesen. Diese Sache ist außerordentlich wichtig und könnte viele Menschenleben retten. Wenn sie den Speicherkern haben, kehren sie umgehend nach Pinor-Prime zurück und treffen sich mit einer meiner Kontaktpersonen.

 

Das wäre alles – E.R.

 

4

 

23.00 Uhr.

Mit zwei dumpfen Schlägen lösten sich die Andockklammern der „Garios-2“. Langsam schwebte das lange Transportschiff aus dem Raumdock und bewegte sich auf das Sprungtor zu. Der Frachter beschleunigte auf Lichtgeschwindigkeit und war im nächsten Moment im Ring des Sprungtores verschwunden.

Vier Stunden nachdem die „Garios-2“, Pinor-Prime verlassen hatte, legte sie auf einem unbemannten Larinar-Außenposten an und nahm zusätzliche Ladung an Bord. Alles an Bord schlief und niemand bemerkte den blinden Passagier, der sich in einem der Frachtcontainer an Bord schmuggelte. Noch befand er sich in Kryostase, aber bald würde er erwachen.

 

Acht Stunden später erwachte Kiro. Ein lauter Gong hatte ihn aus dem Schlaf gerissen. Er rieb sich die Augen und gähnte. „Wehrte Fluggäste. Wir befinden uns nun an einer Handelsstation der Klasse 9 im stellaren Raumcluster 95/83 Beta. Sie haben hier in den nächsten zwei Stunden unseres Aufenthalts die Möglichkeit zum Einkauf und Handel. Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!“ Es folgten noch diverse Angaben über Anschlussflüge die innerhalb der nächsten Stunden von der Station abgingen.

Kiro stand auf und ging in den Waschraum. Nach einer ausgiebigen Dusche verließ er sein Quartier und betrat die Station durch eine Luftschleuse. Auf den Gängen herrschte reges Treiben. Über einen Lift erreichte er das Promenadendeck der Station und erkundigte sich bei einem Informationsterminal nach einem guten Restaurant. Eine überaus attraktive, computergenerierte Dame wies ihm den Weg. Nachdem Kiro ausgiebig gefrühstückt hatte schlenderte er über die Promenade und besah sich die vielen Läden mit den unglaublichsten Waren. Der eine verkaufte korellianische Mini-Fische, von denen der Kleinste etwa zwei Meter lang war, der andere bot Androiden für jeden Gebrauch an. Hier und da gab es düstere Bars und an manchen Ecken standen Taschenspieler und zogen die Zuschauer mit kleinen Tricks in ihren Bann.

In einem abgelegenen Teil der Promenade, wo nicht mehr so viel los war, fiel Kiro ein kleiner Laden auf. Die Leuchtreklame über der Tür wies den Laden als „Fargos kleinen Klangstein“ aus. Etwas an dem Laden übte eine starke Anziehungskraft auf Kiro aus. Er betrat ihn und im gleichen Moment als er die Tür öffnete, kam ihm eine Welle von den verschiedensten Düften entgegen. Nicht unangenehm, aber unerwartet. Der kleine Raum war schwach beleuchtet und überall an den Wänden des Raumes befanden sich Regale mit allen Arten von Meditationssteinen.

„Kann ich ihnen helfen?“ Kiro fuhr erschrocken herum und bemerkte einen älteren Mann, offensichtlich Fargo selbst, der auf einen Stock gestützt, hinter einer kleinen Theke stand und ihn mit wachsamen Augen musterte. „Ich weiß nicht genau. Ich möchte mich nur etwas umsehen. Kiro drehte sich wieder um und nahm weiter die Steine in Augenschein. Er konnte die Blicke des Alten fast schon auf seiner Haut spüren. Seine Augen brannten von den Dämpfen im Raum und er fühlte sich zunehmend unwohl. „Ich denke, ich könnte ihnen etwas empfehlen!“

„Nur zu, ich kenne mich sowieso nicht besonders gut mit Meditationssteinen aus“, sagte Kiro und rieb sich die Augen. Das entsprach nicht unbedingt der Wahrheit, denn er kannte sich mit solchen Steinen überhaupt nicht aus, aber das brauchte der Alte ja nicht zu wissen. Der war inzwischen hinter seiner Theke hervorgekommen und bewegte sich langsam humpelnd auf eins der Regale zu. Der Alte erinnerte Kiro auf eine sonderbare Weise an seinen alten Lehrer Rima. Der hatte auch ausgesehen, als ob er jeden Moment zusammenbrechen würde und trotzdem hatte er erstaunliche Kräfte besessen, sodass Kiro Mühe hatte im Kampf gegen ihn anzukommen. Rima hatte ihn in der Kunst des Diebstahls unterwiesen und das, wie Kiro glaubte, recht erfolgreich.

Währenddessen hatte der alte Fargo einen der Steine aus dem Regal gegriffen. Er war unregelmäßig geformt, etwa Handtellergroß und schimmerte tiefblau. „Ich denke dieser hier ist der Richtige!“ Kiro nahm den Stein in die Hand. Er fühlte sich warm an. „Wie viel kostet er?“

„Für sie mache ich einen Freundschaftspreis – Vierhundert.“ Der Alte grinste. „Vierhundert für einen kleinen Stein! Das ist ja Wucher!“ Nach einigem Handeln einigte er sich mit Fargo auf eine akzeptable Summe. Der Stein wurde in ein kleines Kästchen gelegt, Kiro bezahlte und verließ den Laden. Draußen atmete er einmal tief durch und ging dann weiter. Warum er sich diesen Stein hatte aufschwatzen lassen, war ihm selbst unklar.

 

5

 

Nadja war schon wach gewesen, als die Computer-Durchsage kam. Sie hatte nicht schlafen können weil ihr immer noch die Geschichte mit den Verstummten im Kopf herumgegeistert war. So kam die Handelsstation wie gerufen, um etwas Zerstreuung zu finden. Wie Kiro, aß auch sie erst etwas in einem Restaurant und kaufte sich dann noch einen hübschen, silbernen Armreif. Danach kehrte sie auf die „Garios-2“ zurück, denn die Handelsstation war ihr ein wenig zu unheimlich. Im Aufenthaltsraum des Schiffes lernte Nadja den Karparianer Mugh kennen. Er war ihr auf Anhieb sympathisch und beide unterhielten sich eine ganze Weile. Sie fand heraus, dass Mugh mit Erzen handelte und nun schon seit fast zwanzig Jahren deswegen ständig unterwegs war. Er erzählte ihr von seiner Frau und ihren drei kleinen Kindern: Zwei Mädchen im Alter von zwölf und ein Junge im Alter von dreizehn Jahren. Seine Familie konnte er leider nur selten besuchen, weil das Erzgeschäft nicht so viel einbrachte. Nun war er auf dem Weg zur Barachnios-Orbitalstation, um dort ein weiteres Geschäft abzuschließen. Als er hörte, dass Nadja ebenfalls dorthin reiste, war Mugh überrascht. Nadja erzählte ihm aber nichts von den „Verstummten“.

Um 13.00 Uhr legte die „Garios-2“ ab. Drei Stunden später passierte das Raumschiff die Grenze der Katmios-Ausdehnung. Innerhalb dieser stellaren Ausdehnung gab es keine bekannten bewohnten Planeten oder Stationen und es dauerte in der Regel mehrere Tage sie zu durchqueren. Seit mehreren Jahrzehnten hatte kein Schiff mehr diesen Raumsektor passiert. Für die schnellen, neueren Frachter gab es sichere, dafür aber längere Routen.

 

Die nächsten zwei Tage verbrachte Nadja hauptsächlich lesend und nachdenkend in ihrem Quartier oder im Aufenthaltsraum, wo sie noch einige andere Passagiere kennen lernte: Den Koch Connor, dessen Spitzname „Mac Peanut“ war, weil er im Vergleich zu seiner Größe extrem dick war; den Maschinisten Fletcher, der meistens total verdreckt war - Laut Mugh sollte er fast siebzig Jahre alt sein, aber das konnte sich Nadja bei seinem Aussehen kaum vorstellen – und

den Söldner Wartins, der, wenn Nadja auf ihn traf, immer betrunken war. Dann gab es da noch den Navigator Merver, der ständig und über alles lachte, was auf die Dauer recht anstrengend für alle anderen war. Der einzige mit dem Nadja bisher noch kein Wort gewechselt hatte, war ein dunkelgekleideter junger Mann, der bei allen Mahlzeiten immer am hintersten Tisch saß. Jedes Mal, wenn Nadja versuchte ihn anzusprechen, antwortete er nicht, oder drehte sich weg.

 

In der Nacht vom zweiten zum dritten Tag in der Ausdehnung passierte es dann. Es kam unerwartet und Nadja erinnerte sich in der Zukunft nur ungern an diese Nacht.

 

Nadja hatte sich gerade ins Bett gelegt und das Licht gelöscht, als sie plötzlich eine gewaltige

Erschütterung spürte, die so heftig war, dass zwei der Metallstützen des Bettes abrissen und es so in Schräglage geriet. Nadja rollte vom Bett herunter und stieß sich den Kopf schmerzhaft an einem der Metallbeine des Tisches. Fluchend stand sie auf und wollte Licht machen. Aber der Schalter funktionierte nicht und es blieb dunkel. Durch eine Reihe weiterer schwerer Erschütterungen, die sich wie Explosionen anhörten, verlor Nadja den Boden unter den Füssen. Sie schlug hart mit dem Kopf auf der Stuhllehne auf und verlor das Bewusstsein.

 

Zwischenspiel

 

Die beiden Gegner nahmen am Tisch platz. Sie befanden sich im Zustand totaler Entspannung. Jeder von ihnen kannte sein Gegenüber genau. Beide hatten einander über einen langen Zeitraum studiert und beobachtet und doch war noch kein einziges Wort zwischen ihnen gefallen. Auf dem aus dunklem Holz gefertigten Tisch befanden sich die Figuren. Fein säuberlich aufgestellt auf einem Brett, dass matt glänzte. Der Ältere von beiden spielte mit Weiß, der jüngere mit Schwarz. Diese Ordnung war für beide selbstverständlich, wie ein ungeschriebenes Gesetz. Sie fixierten einander. Lange.

Nach einer Zeit, die dem Jüngeren fast wie eine Ewigkeit vorkam, hob der Ältere seine Hand und berührte leicht seinen Knopf der Uhr, die neben dem Schachbrett stand. Die Uhr begann zu laufen und der Ältere eröffnete die Partie. Weißer Bauer von E-Zwei nach E-Vier. Das Spiel hatte begonnen.

 

Das wüste Land

 

6

 

Zu dem Zeitpunkt, als Nadja das Licht bei sich im Quartier gelöscht hatte, befand sich Kiro gerade mit Martin zusammen in dessen Quartier und beide waren tief in die technische Bau- und Schaltpläne des Schiffes vertieft. Tags zuvor hatte Kiro Interesse am Antriebssystem der „Garios-2“ gezeigt, woraufhin Martin eingewilligt hatte, ihm die Pläne der Systeme zu zeigen. Die Erschütterungen kamen unerwartet, aber sie waren nicht ganz so unvorbereitet wie Nadja in ihrem Bett. Gerade setzte Kiro zu einer Frage, betreffend den Schutzschild an, als ihn die erste Erschütterung unvermittelt vom Stuhl riss. Sein Sturz wurde aber schnell von der Metallwand gebremst, sodass er sich nicht weiter verletzte. Im selben Moment erlosch das Licht.

„Was war denn das?!“ Kiro rappelte sich hoch und rieb sich die Seite. Martin, der sich gerade noch hatte festhalten können, sprang schnell zur Tür und versuchte sie zu öffnen. „Die Tür lässt sich nicht öffnen, wahrscheinlich ist die Energieversorgung des Öffnungsmechanismus unterbrochen. „Passiert so was öfter, oder warum sind sie so gelassen?“ fragte Kiro erstaunt. „Nein, oft nicht, aber gelegentlich fällt die Energie schon mal aus - auf so einem alten Frachter.“ Martin hatte seinen Satz gerade beendet, da gab es eine weitere Erschütterung, die so heftig war, dass sie die beiden Männer von den Füssen riss. Durch den Ausfall der Energie war es im Raum fast ganz dunkel. Nur durch das Fenster kam etwas Licht von den Sternen herein. „Sind sie in Ordnung, Martin?“ „Ich denke schon, aber sie haben Recht, diese Erschütterungen sind in der Tat mehr als ungewöhnlich. Sie hörten sich fast wie Explosionen an. Wir sollten uns auf dem schnellsten Weg zur Kommandobrücke begeben.“ „Aber die Tür ist doch blockiert!“ „Sie lässt sich auch manuell öffnen.“

Martin tastete sich an der Wand entlang zur Tür und entfernte eine Metallplatte unterhalt des Türöffners. Mit der Hand griff er hinein und verschob mit einer Drehbewegung den Sperrbolzen des Schlosses. „Helfen sie mir mit der Tür!“ Kiro tastete sich zu Martin und mit vereinten Kräften zogen sie die massive Tür so weit auf, dass sie sich in den Gang hinauszwängen konnten. Auch hier war die gesamte Energie ausgefallen und die Beiden mussten sich tastend bis zur Kommandozentrale voranarbeiten. Auf halbem Weg dorthin durchfuhr noch eine Erschütterung das Schiff. Durch die Vibrationen war die Verschalung der Metallwände an mehreren Stellen gebrochen. Aus den Löchern und Spalten sprühten Funken. Auf diese Weise entstanden gespenstische Schattenspiele auf den Wänden und Kiro machte sich nun ernsthafte Sorgen. Schließlich erreichten sie die Kommandobrücke und öffneten auch dort die Tür manuell. Was sich ihnen bot, als sie den Raum betraten, war ein Bild des Schreckens. Alle vier Besatzungsmitglieder, die hier Dienst hatten, waren tot. Zwei waren nur noch verkohlte

Leichen. Sie hatten sich nicht in Sicherheit bringen können, als ihre Terminals explodiert waren. Ein anderer war von einem herabstürzenden Metallträger erschlagen worden und der letzte hatte anscheinend versucht zu einer der Rettungskapseln zu gelangen, kam aber auf dem Weg dorthin mit einem Energiekabel in Berührung und war dadurch auf der Stelle getötet worden. Durch die immer wieder sporadisch auftretenden hellen Blitze von den zerstörten Energieleitungen war das ganze Szenario umso grauenhafter. Kiro war es, der das Schweigen schließlich brach. „Mein Gott. Was ist hier passiert?“ flüsterte er. „Ich weiß es nicht, aber es muss sehr schnell gegangen sein.“ Martins Stimme war brüchig.

Langsam ging er zu einer der wenigen, noch intakten Konsolen hinüber und gab eine Reihe von Befehlen ein. In die vordere Wand des Kontrollzentrums war ein großer Wandmonitor eingelassen. Auf diesem zuckten jetzt zunächst nur ein paar weiße Blitze. Dann hellte sich aber der ganze Monitor auf und aus dem schwarzweiß flimmernden Bild lösten sich langsam Konturen heraus. Erst dachte Kiro, der Bildschirm hätte eine Fehlfunktion, aber dann wurde das Bild besser und man konnte etwas erkennen. Es war ein Planet. Die große graue Kugel hob sich im Kontrast zu dem sternenarmen Weltall stark ab. Sie ähnelte einem Spielball, denn jemand einfach vergessen hatte. Laut den Sternenkarten sollte sich hier kein Planet befinden. Diese perfekte Kugel war trotz ihrer Farbe auf eine geheimnisvolle Weise schön. Martins Stimme riss Kiro aus den Gedanken. Er war erstaunlicherweise recht ruhig als er verkündete.

„Wir sind in die Gravitation des Planeten geraten. Wir werden abstürzen.“ „Das scheint sie aber nicht besonders zu beunruhigen“, erwiderte Kiro bissig. „Was könnten wir schon tun! Der Antrieb ist zerstört, die Außenhülle beschädigt und die Energie ausgefallen.“ Martin war wütend auf sich selbst. Er hätte hier sein sollen. Überlebt hatte er nur, weil er seine Schicht für dieses Mal getauscht hatte. „Gibt es denn keine Rettungskapseln?“ fragte Kiro. „Doch, aber die funktionieren ohne Energie nicht. Man könnte die Schaltungen zwar vom Maschinenraum aus umgehen, aber der Weg dorthin ist nicht so einfach und bis einer von uns dort ist, sind wir längst abgestürzt.“ „Aber es muss doch einen Weg geben zu überleben!“, Kiro wurde immer aufgeregter. „Ja, vielleicht.“ Martin ging zu einer anderen Konsole hinüber und betrachtete die Anzeigen. „Wenn wir es schaffen, das Habitatmodul vom Rest des Schiffes abzutrennen, können wir versuchen eine Bruchlandung auf dem Planeten hinzulegen. Er hat eine Klasse „T“ Sauerstoffatmosphäre, in der man überleben kann. Wir würden dabei das gesamte Frachtsegment des Schiffes verlieren, aber es ist unsere einzige Chance zu überleben.“ „Worauf warten wir dann noch!“, Kiro war ungeduldig. Martin stand auf. „Kommen sie. Das wird ein ganzes Stück Arbeit.“ Gemeinsam gingen sie durch den Gang zurück, bis zum Ende des Habitatmoduls.

Sie schlossen die Luftschleusen zum Rest des Schiffes und trennten dann manuell die Modulverbindungen. Durch das Fenster sahen sie das Frachtmodul langsam davon driften.

Martin und Kiro begaben sich zurück in die Kommandozentrale. Jetzt begann der schwierigste Teil ihres Vorhabens: Die Sichere Landung auf dem Planeten.

 

All das bekam Nadja in ihrem Quartier nicht mit. Auch als das Habitatmodul zwanzig Minuten später in die äußere Atmosphäre eintauchte und heftig durchgeschüttelt wurde, war sie noch immer bewusstlos. Dreißig Minuten später schlug das Modul mit ungeheuerer Gewalt auf der Oberfläche des Planeten auf. Es bildete sich ein tiefer Krater, aber das Schiff selbst hielt dem Aufprall stand.

 

Zwischenspiel

 

Der Ältere hatte seinen Zug beendet und seine Uhr gestoppt. Der Jüngere war am Zug. Er zögerte. Aber nicht sehr lange. Entschlossenheit zuckte über sein faltenloses Gesicht. Er hatte keine bestimmte Taktik. Er verfolgte nur das Ziel sein Gegenüber zu besiegen - mit allen Mitteln, die ihm das Spiel bot. Der Jüngere ging in die Offensive und attackierte. Er führte seinen Zug aus. Schwarzer Springer von G-Acht nach F-Sechs.

 

7

 

„Wo bin ich?“- verwundert. „Du bist hier!“ „Wo ist Hier?“ ...Stille...

„Eschnak.“ „Was ist Eschnak?“- vorsichtig. ...Stille...

„Hier.“ „Also ist hier Eschnak?“- zaghaft. …Stille…

„Wie komme ich hierher?“- ängstlich. ...Stille...

„Hilf mir!“- verzweifelt. ...Stille...

„Verdammt, hilf mir!“ ...Stille...

„Ich kann nichts tun, ... aber Nalataja.“

„Wer ist Nalataja?“ ...Stille...

 

Mit fürchterlichen Kopfschmerzen wachte Nadja auf. Sie versuchte sich aufzurichten, aber in diesem Moment fuhr ihr ein solcher Schmerz durch den Schädel, dass ihr schlecht wurde. Sie öffnete die Augen ganz. Zuerst sah sie nur die kahle Metalldecke. Langsam drehte sie ihren Kopf. Das Fenster ihres Quartiers war geborsten. Durch das entstandene Loch wehte ein kalter Wind. Der Raum war in graues Licht getaucht. Nadja fröstelte und zog die Beine enger an den Körper. Hatte nicht gerade jemand ihren Namen gerufen? Jetzt war es still. Wahrscheinlich hatte sie sich das nur eingebildet. Oh, diese Kopfschmerzen. Nadja wagte es kaum sich zu bewegen. Sie versuchte sich zu erinnern. Langsam kamen die Ereignisse zurück. Fast wie in Zeitlupe schob sie sich langsam an der Wand hinauf in eine sitzende Position. Sie sah sich um. Das Mobiliar war aus seiner Verankerung gerissen und lag überall umher. Der Türrahmen hatte sich verzogen und die Tür würde wahrscheinlich nie wieder aufgehen. Erst jetzt merkte Nadja die heißen Blutstropfen, die ihren Hals hinunterliefen. Sie strich mit der Hand über ihren Kopf und wieder durchzuckte sie eine heftige Welle von Schmerzen. Nadja betrachtete ihre Hand. Sie war rot vor Blut. Mit einem ungeheuren Kraftaufwand schleppte sie sich zum Bett, was nun gänzlich am Boden lag und riss einen Streifen Stoff vom Laken ab. Damit verband sie notdürftig ihre Wunde. Dann ließ sie sich auf die Matratze fallen und schloss die Augen.

Ein paar Minuten lag Nadja so da und sammelte Energie. Dann gab sie sich einen Ruck und stand auf. In der ersten Sekunde dachte sie: „Das ist das Ende!“ Aber dann ließ der Schmerz nach und sie blieb, an die Wand gelehnt, stehen. Die Tür war nicht aufzubekommen, also blieb nur das Fenster. Sie bückte sich nach einer der abgebrochenen Bettstützen, wobei ihr wieder schlecht wurde. Mit dem Metallstück und ihren Händen entfernte sie die restlichen Splitter des Fensters aus dem Rahmen. Das war gar nicht so einfach, denn das Glas war außerordentlich hart. Schließlich hatte sie es aber geschafft. Nadja schleppte sich zu ihrem Gepäck. Sie nahm ihren einzigen Mantel heraus und hüllte sich darin ein. Auf einmal vernahm sie ein leises, knarrendes Geräusch. Es wurde immer lauter. Sie sah zur Raumdecke herauf und erstarrte. Die Metallträger der Decke waren durch den Aufprall des Schiffes stark beschädigt worden und bogen sich nun immer stärker durch. Überall waren kleine Risse zu erkennen, die immer größer wurden. Früher oder später würde hier alles zusammenstürzen. Nadja begab sich so schnell sie konnte zur Fensteröffnung und zog sich mit aller ihrer noch verbliebenen Kraft hinauf. Auf der anderen Seite ging es etwa fünf Meter steil nach unten, bis der Kraterboden kam. Er war übersäht mit verschieden großen Steinen und allerlei Trümmern des Schiffes. Langsam und vorsichtig ließ sie sich am Fenster hinab und sprang das letzte Stück herunter. Keinen Augenblick zu früh, denn in diesem Moment krachte unter lautem Getöse die Decke ihres Quartiers herab.

 

8

 

Kiro und Martin hatten den Aufprall der „Garios-2“ relativ unbeschadet in einem Schutzraum überstanden. Die wenigen Steuerungsmanöver während des Sturzfluges hatte der Computer übernommen. Nachdem das Schiff zum Stillstand gekommen war, begaben sich beide wieder in die Kommandozentrale, wo sie feststellen mussten, dass die „Garios-2“ nun nur noch ein Haufen Schrott war, der jeden Moment kollabieren konnte. Zusammen arbeiteten sie sich zu den Quartieren der Passagiere vor und suchten in überall nach Überlebenden.

Den Koch fanden sie tot, aufgespießt von einem Metallträger. Im Quartier von Navigator Merver war ein Plasma-Leck entstanden und hatte ihn im Schlaf überrascht. Er war in seinem Bett verbrannt. Den Maschinisten konnten sie gemeinsam aus dem Maschinenraum retten. Mugh und der Soldat Wartins hatte im Aufenthaltsraum unter einem der großen Tische überlebt. Kiro fand beide dort zitternd und an sich gekauert vor. Zu Fünft suchten sie noch eine Weile im Wrack des Schiffes, fanden aber nur noch Leichen und gaben es wenig später auf. Sie verließen das Schiff durch eine Seitenluke. Immer wieder hörte man das Krachen von kollabierenden Strukturen.

Gemeinsam stiegen sie die steilen Kraterwände hinauf. Oben angelangt bot sich ein beeindruckender Anblick. Sie befanden sich auf einer riesigen Ebene. Soweit das Auge reichte befand sich so gut wie nichts. Im Norden und Nordosten erhoben sich am Horizont einzelne Berge und im Südosten versperrte ein einzelnes Bergmassiv die Sicht. Aber sonst dehnte sich in alle Himmelsrichtungen die mit Steinen übersäte Ebene aus.

In einigen Kilometern Entfernung, am Fuß eines kleinen Berges war das Frachtmodul gelandet. Man konnte die Flammen sehen, die aus dem Wrack schlugen. Hier auf der Ebene wehte ein starker und unangenehm kalter Wind. Das Grau des Himmels ließ keine Sonne erkennen. Diese Landschaft war nicht nur unwirtlich für jede Art von Leben, sondern auch trostlos und etwas unheimlich. Das einzige Geräusch, was man hören konnte, war das Heulen des Windes. Bei diesem Anblick sank allen der Mut. Ein Ruf ließ Kiro aus seiner Erstarrung schrecken.

„He, ... Hallo, ist da jemand?“ Kiro drehte sich um und sah jemanden am Boden des Kraters vor dem Schiff stehen. Er trug eine, offenbar bewusstlose, Frau auf den Armen. „Wir sind hier!“ Kiro winkte. Gemeinsam stiegen sie den Krater wieder hinab.

Als sie unten angekommen waren, durchfuhr ein Kiro wie ein Blitz. Dies war Nadja Chantalos. Er erkannte sie vom dem Bild wieder, das er erhalten hatte. Kiro ließ sich jedoch nichts anmerken, und fragte mit gespielter Sorge: „Ist sie tot?“ „Nein, ich denke nicht. Aber sie hat eine schwere Verletzung am Kopf. Soviel ich mitbekommen habe, ist ihr Name Nadja. Kiro sah ihn durchdringend an. „Legen sie sie erst mal auf den Boden,“ sagte Martin „Mugh, Kiro, versuchen sie in die Krankenstation oder die Küche zu kommen, dort müssten sie ein Notfallset finden. Und beeilen sie sich!“ Während die anderen zurückblieben, bahnten sich Kiro und Mugh einen Weg durch die Trümmer des Schiffes. Sie sprachen kaum miteinander. Bisher hatte Kiro einen Kontakt zu dem kleinen, dicken Händler weitgehend unterbunden. Er wollte das jetzt auch nicht ändern. Im Moment kreisten seine Gedanken nur um ein Thema: Wie sollten sie von diesem Felsblock von Planeten wieder wegkommen? Sein Auftrag war wichtig, um ihn jetzt noch zu erfüllen, musste er einen neuen Plan entwickeln.

Sie kamen nur langsam voran. Immer wieder mussten sie Trümmer beiseite schaffen oder durch enge Öffnungen kriechen. In der Krankenstation fanden sie nichts, außer ein paar Decken und einigen Wasserbehältern, aber in der Küche wurden sie fündig. Neben Essens-Notrationen fanden die auch ein Notfallset. Es war aus seiner Wandhalterung gefallen und lag jetzt unter der Leiche des Koches. Das Vorhandensein der Leiche war für Kiro weniger ein Problem, als ihr Gewicht. Weil Mugh sich weigerte den Toten zu berühren, musste sich Kiro alleine mit ihm abmühen. Schließlich schaffte er es, den Leichnam wegzuwälzen und sie verließen auf dem schnellsten Weg das Wrack. Inzwischen war es mit der hereinbrechenden Dunkelheit noch kühler geworden. Nadja war aufgewacht und nachdem Martin ihre Wunden versorgt hatte, hüllten sich alle in die Decken. Wartins hatte aus dem Wrack etwas brennbares Material besorgt mit dem sich jetzt ein kleines Feuer entfachen ließ. Außerdem hatte er die vertrockneten Zweige eines toten Baumes gefunden. Schon bald war es finster um sie herum. Der Feuerschein spiegelte sich auf den Gesichtern. Niemand hatte viel gesprochen. Alle waren noch benommen von den Ereignissen des Tages. Keiner bemerkte die dunkle Gestalt, die sie vom Kraterrand aus beobachtete. Später in der Nacht, als alle eingeschlafen und das Feuer heruntergebrannt war, verschwand sie.

 

9

 

Am nächsten Morgen war es Kiro, der als erstes aufwachte und feststellte, das diese Einöde doch nicht ganz so ohne Leben war, wie er zuerst gedacht hatte. Denn am oberen Kraterrand konnte er ein kleines Tier sehen, das im sandigen Untergrund wühlte. Immer wieder rutschten dadurch kleine Sandlawinen die Kraterwände herunter. Er sah dem Tier interessiert zu, aber dann überlegte er, ob es nicht eine vorzügliche Mahlzeit abgeben würde. Ihre Essensrationen reichten vielleicht für eine, bestenfalls für anderthalb Wochen. Und so bald würden sie von diesem Planeten, der wohl in kaum einer Sternenkarte verzeichnet war, nicht gerettet werden. Kiro weckte Martin und zeigte ihm das Tier. Der teilte Kiros Meinung. Beide, nur mit einem Metallstück und einem spitzen Stein bewaffnet, näherten sich dem Tier. Es sah aus, wie eine Kreuzung zwischen einem Hund und einem Hasen. Sein Fell war grau, wodurch man es schlecht auf dem Untergrund ausmachen konnte. Als sie schon ganz nah herangekommen waren, schreckte das Tier hoch und gab ein hohes, erschrecktes Quieken von sich. Diese Sekunde der Erstarrung nutzte Martin und schlug fest zu. Das Tier taumelte, lief einige Schritte wankend weiter und brach dann zusammen. Später nahmen sie das Tier aus und brieten es über dem Feuer. Die Anderen wurden durch den Geruch des Fleisches aus ihren Nachtlagern getrieben. Das Fleisch war essbar, jedoch kein Genuss. Alle aßen etwas, außer Nadja. Ihr war offenbar nicht gut. Nach und nach wich die Kälte der Nacht. Es wurde zwar nicht warm, aber man konnte es aushalten.

Ihren Chronometern nach, hatten sie etwa sechs Stunden geschlafen. Allem Anschein nach waren die Nächte auf diesem Planeten recht kurz. Nach dem Essen, machten sie eine kurze Bestandsaufnahme ihrer Vorräte und besprachen, wie sie als nächstes vorgehen wollten. Sie hatten für etwas mehr als eine Woche Nahrung in Form von Not-Rationen und Wasser, die vielleicht etwas länger reichten, wenn man sparsam mit ihnen umging. Dann war da noch das Notfallset mit Wundverbänden, einem Lasercutter, verschiedenen Messern und einem Wasserscanner. Nicht viel aber immerhin etwas.

Zunächst wurde beschlossen zum Frachtmodul zu gehen. Vielleicht waren dort noch mehr Vorräte zu finden. Aus einer Decke und ein paar Schnüren stellte man einen provisorischen Rucksack her, in dem das Wenige, was ihnen geblieben war, transportiert wurde. Wartins bot sich freiwillig an den Rucksack zu tragen, und so brachen sie schließlich auf.

Während des Fußmarsches trafen sie immer wieder auf vereinzelt herumliegende Bäume. Sie waren verdorrt und grau. Fast sahen die Bäume so aus, als ob sie hier schon seit hunderten von Jahren liegen würden und kurz davor wären zu Stein zu werden. Sie mussten immer wieder rasten, weil Nadja noch nicht so schnell laufen konnte. Der junge Mann, der so wenig sprach, half ihr und stützte sie so gut es ging.

Gegen Ende des Nachmittags erreichten sie das Wrack am Fuß des Berges. Es war über Nacht ausgebrannt. Hier und da züngelten noch Flammen und Rauch stieg auf. Das Frachtmodul hatte keinen Krater in den Booden gerissen, was wohl auf eine härtere Bodenbeschaffenheit zurückzuführen war. Zusammen durchsuchten sie das Wrack, während sich Nadja auf einem Stein ausruhte. Viel hatte das Feuer nicht übrig gelassen. Die meisten Container waren durch die Hitze geplatzt oder geschmolzen. Zwei Handfeuerwaffen und noch ein vollständiges Notfallset hatten das Feuer überstanden. In einem kleinen Container fanden sie schließlich, neben den verkohlten Überresten einiger Pflanzen, auch einen Luft-Dehydrator mit drei funktionierenden Energiezellen. Schließlich machten sie eine Entdeckung, die neue Hoffnung in ihnen aufkommen ließ. In einer Metalltruhe mit Antiquitäten fanden sie einen alten, aber noch funktionsfähigen Kompass.

Als Kiro gerade das Wrack verlassen wollte, entdeckte er Blutspuren und Fußabdrücke, die aus einer Seitenluke, weg vom Frachtmodul führten. Er behielt diese Entdeckung für sich, denn er wollte keine Unruhe heraufbeschwören, aber das Ganze kam ihm doch sehr seltsam vor.

Die Nacht verbrachten sie am Frachtmodul. Wieder wurde wenig gesprochen. Man aß ein wenig und ging früh schlafen. In der Nacht wurden sie wieder unbemerkt von der dunklen Gestalt beobachtet.

Am nächsten Morgen zogen sie früh weiter. Man hatte beschlossen das Felsmassiv zu umgehen um festzustellen, was sich auf der anderen Seite befand. Kiro und Wartins waren damit zuerst nicht einverstanden, fügten sich aber später. Das beständige Pfeifen des Windes begleitete sie dabei immer. Der Berg erwies sich kleiner als sie angenommen hatten. Jeder von ihnen hoffte insgeheim auf etwas Besonders. Was genau das war, hätte aber keiner mit Bestimmtheit sagen können. Jedoch wurden sie enttäuscht. Es war dasselbe Bild wie auch schon vorher: Bis zum Horizont erstreckte sich die flache Ebene. Vereinzelte tote Bäume, Steine sonst nichts.

 

Zwischenspiel

 

Der Ältere lächelte. Er hatte den Zug des Anderen vorausgesehen. Noch brauchte er sich keine Sorgen zu machen, aber er war sich des Potentials bewusst, das in seinem Gegner steckte. Nachdem ein wenig Zeit verstrichen war, lehnte er sich vor, in der Absicht seinen Zug auszuführen. Aber dann hielt er mitten in der Bewegung inne. Er zögerte. Doch dann hellte sich sein Gesicht auf und mit ruhiger Hand bewegte er seinen Bauern von D-Zwei nach D-Drei. Nun wusste er, wie er spielen und den Anderen besiegen würde.

 

10

 

„Ich gehe keinen Schritt weiter!“ Mugh ließ sich erschöpft zu Boden sinken und verschränkte die Arme trotzig vor der Brust. „Was genau wollen sie damit andeuten? Wir können nicht einfach hier bleiben, wo es nichts außer Steinen und toten Bäumen gibt!“ Martin ärgerte sich über das Verhalten von Mugh. Seit sie vor vier Tagen in Richtung der Berge aufgebrochen waren, hatte er nur herumgejammert und sich über jede Kleinigkeit beklagt. Durch die Strapazen der Wanderung verbrauchten sie mehr Wasser, als sie angenommen hatten. Das Gelände stieg zu den Bergen hin unmerklich an, sodass das Laufen jeden Tag mehr Kraft kostete. Ein paar Mal kamen sie an Wasserlöchern vorbei, aber dieses Wasser war ungenießbar. Fletcher trank etwas davon. Ein paar Stunden später bekam er hohes Fieber und konnte zwei Tage lang nichts essen. Martin, der unfreiwilligerweise zum Führer der Gruppe geworden war, hatte nicht mehr viel Hoffnung. Sie kamen den Bergen nur langsam näher.

Am letzten Abend war er noch ein wenig länger wach geblieben als die anderen und hatte in die Stille der Nach gehorcht. Als er gerade einschlafen wollte, hatte er deutlich ein Geräusch gehört. Er blickte sich um und versuchte vergeblich in der undurchdringlichen Finsternis etwas zu erkennen. Das Geräusch kam nicht wieder, aber das unbestimmte Gefühl, das sie beobachtet würden, blieb. Und das nicht erst seit letzter Nacht. Er hatte selbst ein wenig Angst, erzählte aber niemandem von seinen Gefühlen.

„Wir werden alle sterben!“ Mugh heulte. Kiro zog ihn unsanft wieder auf die Beine. „Niemand wird sterben, solange wir nicht aufgeben. Reißen sie sich zusammen!“ „Lassen sie mich los, sie ungehobelter Grobian, sie!“ Mugh redete schnell und schrill. Jetzt hörte er sich fast so an wie einer von den „Wüstenhunden“. So hatten sie die grauen Tiere getauft, die sie bisher noch zweimal als Nahrungsergänzung benutzt hatten. Durch die unfreiwillige Komik der Situation musste Martin lachten. Erst schauten ihn die anderen nur erstaunt an, aber dann lachten sie doch mit und die angespannte Atmosphäre lockerte sich auf. Gegen Ende des Nachmittags, sie waren wieder nur langsam vorangekommen, blieb Kiro plötzlich stehen. „He Leute, bleibt mal stehen! Seht ihr das auch?“ Er deutete auf einen verschwindend kleinen Punkt am Horizont. “Was sollen wir sehen?“ Martin kniff die Augen zusammen und starrte in die Ferne. „Da, das Haus dort!“ „Welches Haus?“ Martin konnte nichts erkennen. „Er hat Recht!“ – Erstaunt wandte sich Martin um. Nadjas Helfer war herangekommen und blickte in die Selbe Richtung wie Kiro. Auch er wunderte sich. „Wie kannst du das von hier aus erkennen?“ „Ich bin nur zur Hälfte menschlich. Meine Mutter war eine Scenari. Diese Spezies ist bekannt für ihre enorme Sehschärfe.“ „Dann lasst uns keine Zeit verlieren!“ sagte Mugh und stürmte voraus. Martin und Kiro wechselten erstaunte Blicke über den neuen Wandereifer bei Mugh, kamen dann aber hinterher.

In den folgenden fünf Stunden bis zum Einbruch der Dunkelheit kamen sie dem Haus ein ganzes Stück näher und konnte seine beachtliche Größe bald erkennen. In der Nacht schlief kaum jemand und am nächsten Morgen brachen sie früh auf. Bis zum Mittag kamen sie gut voran, aber dann wurde das Gelände mit einem Mal sehr abschüssig und schließlich standen sie vor einer etwa 400 Meter breiten und sehr tiefen Felsspalte. Sie erstreckte sich bis zum Horizont parallel zu den Bergen. Die Felswände waren zerklüftet und scharfkantig. Am Boden der Spalte konnten sie einen Fluss erkennen, der sich träge durch die Schlucht wand. Überall in den Felswänden waren die schwarzen Öffnungen von Höhlen zu erkennen. “Da werden wir wohl herunter müssen!“ Martin blickte in die Runde und musste zu seiner Belustigung feststellen, das Mugh ganz bleich im Gesicht wurde. Er hielt sein Grinsen aber zurück, da er sehr wohl den Ernst der Lage begriff. Keiner erhob Einspruch und so begannen sie mit dem Abstieg. Zu Anfang zögerte Nadja noch, aber dann überwand sie sich doch. Ihr Kopf hörte nicht auf zu schmerzen und ihr wurde schon übel, wenn sie nach unten schaute.

 

Zwischenspiel

 

Der Jüngere war wütend. Der Alte hatte offenbar seinen Plan durchschaut. Er war sich dessen sicher. So war es bisher jedes Mal gewesen und immer war es ihm früher gelungen. Aber diesmal nicht! Er würde ihm zeigen, dass er nicht der dumme Junge war, der ihm auf den Leim ging. Seine Schwächen waren im bewusst, jedoch konnte er sie bisher nie überwinden. Er war zu Impulsiv. Seine Gefühle hatten eine zu große Macht über ihn. Seine Wut und sein Hass steuerten ihn. Er mahnte sich zur Ruhe und führte dann den Zug aus. Schwarzer Bauer von D-Sieben nach D-Fünf. Er hatte einen neuen Plan.

 

Kalte Angst

 

11

 

Der Abstieg nahm den Rest des Tages in Anspruch. Als sie endlich am Boden der Spalte ankamen, wartete eine angenehme Überraschung auf sie. Das Wasser des Flusses war kristallklar und trinkbar. In einigen Bodenmulden fanden sie in ein grünes, flechtenähnliches Gewächs, das zwar, laut Martin, nicht essbar war, aber eine herrlich weiche Unterlage zum Schlafen bot. Am Abend mussten sie auf ein Feuer verzichten. Es war kein Holz zu finden. Dafür unterhielten sie sich noch lange im Dunkeln. Später in der Nacht setzte starker Wind ein, der in den Felsen einen unheimlichen Ton erzeugte. Nadja tat in dieser Nacht kein Auge zu.

Der Aufstieg am nächsten Tag war mühsam und gefährlich. Wartins kletterte voran. Auf halber Höhe stürzte Martin fast ab, als ein Felsvorsprung unter ihm abbrach. In letzter Sekunde konnte Kiro ihn noch am Arm packen. Um die Mittagszeit errichten sie den Rand der Spalte. Nach einer längeren Pause setzten sie ihren Weg zu dem seltsamen Gemäuer fort. Man konnte es jetzt deutlich erkennen. Gegen Abend kamen sie an. Es war ein dreistöckiges Haus. Aus roten Ziegeln gebaut. Vom Grundriss her war es rechteckig und an der Vorderseite etwa 50 Meter lang. Über dem Portal aus Holz, zu dem fünf Stufen hinaufführten, prangte in großen Lettern das Wort „Hotel“. Wobei das „o“ komplett fehlte. Kiro fand es später neben den Stufen. Das gesamte Haus befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Fast alle Fenster waren zerbrochen. Die restlichen Scheiben waren grau und blind. Einzig das Dach machte einen passablen Eindruck. „Bin ich der Einzige, den es wundert, wie dieses Haus hierher kommt?“ Mugh stemmte die Hände in die Hüften und runzelte die Stirn. „Halten sie den Mund, Mugh!“, Kiro war zornig. Mugh ging ihm auf die Nerven. Jeder war angespannt und erschöpft. „Gehen wir rein, oder bleiben wir draußen?“ Wartins sah Kiro und Martin herausfordernd an. „Kommen sie, wir sehen uns erst mal um.“ Zusammen gingen sie die Stufen hoch. Fletcher kam hinterher. Die Anderen richteten das Nachtlager. An der massiven Holztür war ein Schild aus Metall befestigt. Wartins wischte den Dreck ab. Man konnte die Schrift gerade noch lesen:

 

-GANZTAGS GEÖFFNET-

 

„Hat eine gewisse Komik!“ Kiro grinste und betätigte die Klinke. Zuerst rührte sich nichts. Dann zogen Kiro und Martin mit vereinten Kräften. Die Tür gab ein lautes Knirschen von sich und schwang überraschend auf, sodass Kiro das Gleichgewicht verlor und zu Boden ging. Gemeinsam betraten sie das Haus. Sie standen in einer großen Empfangshalle. Die Wände hingen voller Bilder, die ausnahmslos Landschaften darstellten. Auf dem Boden lag ein dicker Teppich, der wohl einmal schön gewesen sein musste, jetzt aber Löcher hatte und, wie fast alles hier, mit einer dicken Staubschicht bedeckt war. In der Mitte des Raumes führte eine breite Doppeltreppe hinauf zu einer Galerie. Unmittelbar an der Wand neben dem Eingang befand sich eine große Tafel auf der in kunstvollen Buchstaben stand:

Sei willkommen Wanderer,

wo auch immer du herkommen magst.

Dieses Haus steht dir offen,

und allen deiner Gefährten.

Dein Wohlergehen liegt uns am Herzen,

Dein Dank ist uns Lohn genug.

 

Langsam wurde es Kiro unheimlich. Ein Hotel im Nirgendwo und auch noch in einem solchen Zustand. Irgendetwas konnte hier nicht stimmen. Gegenüber der Treppe befand sich der Empfang. Auf dem Tresen stand eine Glocke. An der Wand dahinter hingen fein säuberlich die Schlüssel der Zimmer. Offensichtlich gab es davon Zweiundsechzig. An einer anderen Wand entdeckte Kiro noch etwas. Dort war eine Landkarte aufgehängt. Als sie näher betrachtete, stellte er fest, dass es wohl eher eine Weltkarte war. Die Überschrift lautete „Eschnak“.

Das Hotel war als kleiner Punkt auf dem südlichen Kontinent nahe dem Äquator markiert. Insgesamt waren vier kleine Kontinente eingezeichnet, die sich über den gesamten Planeten verteilten. Der Rest des Planeten war laut dieser Karte von Wasser bedeckt. Außer dem Hotel waren noch drei weitere Orte markiert. Vier Punkte, jeweils einer auf jedem Kontinent, waren mit den kryptischen Bezeichnungen „Nalataja, Ebetaminor, Solejier, Warkandoblan“ versehen. Auf einer fünften, verschwindend kleinen Insel weitab im Ozean war noch ein weiterer Ort beschriftet, aber an dieser Stelle hatte die Karte Schaden genommen und die Buchstaben konnte man nicht mehr zu entziffern. Kiro und Martin waren ganz in die Karte vertieft, sodass sie gar nicht bemerkt hatten, dass sich Wartins von ihnen getrennt hatte und die Treppe heraufgestiegen war. Oben war er in eins der Zimmer gegangen. Von dort rief er: „He, kommt mal alle her!“ Oben angekommen bot sich ihnen ein erstaunlicher Anblick. Die Betten waren noch intakt und auch die Matratzen. Die Bezüge hatten zwar größtenteils große Löcher, aber man konnte in diesen Betten auf jeden Fall bequem schlafen. Fletcher ging hinaus um die Anderen zu holen, denn inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt. Nadja freute sich, denn jetzt gab es die Möglichkeit endlich einmal wieder durchzuschlafen. Es wurde beschlossen den nächsten Tag noch hier zu bleiben und ein wenig das Gebäude zu erkunden. Müde und erschöpft schliefen alle ein.

 

Nadja wachte am nächsten Morgen erst spät auf. Das Zimmer, welches sie sich mit dem Stillen geteilte hatte, war leer. Vom geöffneten Fenster her wehte ein angenehmer Wind durch den Raum. Die Schmerzen in ihrem Kopf hatten merklich nachgelassen. Langsam stand sie auf. Sie trank etwas Wasser und verließ dann das Zimmer. Nadja ging die Treppe herunter zum Empfang. Durch eine kleine Tür betrat sie die Verwaltungsräume. Dort herrschte Ordnung. In dem Büro befand sich alles an seinem Platz, auch wenn sie manche Gegenstände nicht eindeutig zuordnen konnte. Und genau das war das Sonderbare. Wieso war alles an seinem Platz, alles sah so unbenutzt aus. Nadja schlug das Gästebuch auf. Es war bis etwa zur Hälfte gefüllt mit Namen und Daten. Der letzte Eintrag lautete:

 

Mr. und Mrs. Baker-Johnson 13.06.1918 bis 16.06.1918 (Barzahlung)

 

Nadja konnte mit den Datumsangaben nichts anfangen. Die Daten, wie sie sie kannte wurden anders geschrieben. Sie maß dem nicht viel Bedeutung zu, beschloss aber den Anderen davon zu erzählen. Beim Durchstöbern der Räume stieß sie auch auf die Küche. Alles schien auch hier unberührt, aber als sie hinter einen Tisch trat, konnte sie einen Entsetzensschrei nicht unterdrücken. Auf dem Boden lag, unnatürlich verkrümmt, ein menschliches Skelett. Die leeren Augenhöhlen glotzten sie durchdringend an. Nadja beherrschte sich und trat näher. In diesem Moment ging die Tür.

„Nadja, ich hab’ dich schon gesucht ... Oh, meine Güte!“ – Es war Fletcher. „Wo kommt der denn auf einmal her. Sind nicht mehr ganz so frisch aus.“ „Beherrsch dich mal ein bisschen! Schon mal was von Achtung vor Toten gehört?“ „Schon gut, ich bin ja ruhig!“ Fletcher streckte die Hand aus und berührte das Skelett an einem der knochigen Arme. In diesem Moment zerfiel es mit einem leichten Rascheln vollkommen zu Staub. Als wäre es nie da gewesen. „Das lag wohl schon sehr lange hier“, bemerkte Fletcher und stand auf. „Kommst du mit? Wir wollen jetzt mal alle in den Keller gehen und sehen was es da so gibt.“ Nadja war einverstanden und zusammen gingen sie zu den Anderen in die Empfangshalle.

Gemeinsam öffneten sie die schweren Kellerluken. Unten roch es muffig und feucht. Durch die schmalen Fensterschlitze an der Decke drang ein fahles Licht in den Raum. Nadja fröstelte, hier war es unangenehm kalt. Vor ihnen lag ein dunkler Gang. Links und rechts befanden sich in unregelmäßigen Abständen Metalltüren. Jede war mit einer Nummer versehen: Die Erste „299“, die Zweite „298“, die Dritte „297“ und immer weiter. Am Ende des Ganges zweigte links und rechts ein Gang ab. Sie beschlossen sich zu trennen. Nadja ging mit dem Stillen, Martin und Fletcher rechts, die anderen mit Kiro nach links. Nach etwa Fünfzig Metern zweigte vom rechten Gang ein weiterer links ab. „Was jetzt?“ fragte Nadja. Martin überlegte. „Man sagt doch, dass man sich nicht verirren kann, wenn man sich immer links hält, also lasst uns hier abbiegen.“ Nadja und Fletcher folgten ihm

 

Sie kamen noch an zwei weiteren Wegkreuzungen vorbei, an denen sie immer links hielten. Die Raumnummern waren weiter abgefallen, inzwischen bis „234“. Hin und wieder fehlte eine Nummer, aber nie fanden sie eine offene Tür. Keine hatte ein Schlüsselloch oder eine Klinke. Als sie um die nächste Ecke bogen, fiel Nadja auf, dass auf beiden Seiten vom Boden bis zur Decke des Ganges eine schmale Metallschiene entlanglief. Sie schenkte dem aber keine weitere Beachtung. Fletcher war einige Meter zurückgefallen. Sie war zwei Schritte weitergegangen, als sie ein leises Klicken und direkt darauf ein lautes Poltern hörte. Erschrocken drehte sie sich um. Von der Decke war ein Fallgitter heruntergekommen und blockierte nun den Gang. Fletcher befand sich auf der einen Seite, Nadja, Martin und der Stille auf der Anderen.

 

Zwischenspiel

 

Weiß am Zug.

Der Jüngere hatte sich Zeit gelassen. So kannte ihn der Ältere. Er wollte ihn besiegen, das wusste er. Ebenso war ihm klar, dass dieses Unterfangen sinnlos war. Der Jüngere würde ihm immer unterlegen sein. Sie hatten Seite an Seite gekämpft, und einander beigestanden wenn einer von ihnen Hilfe gebraucht hatte, aber im Schach kannte er keine Gnade. Seit nunmehr Fünfzig Jahren versuchte der Jüngere es immer wieder. Aber jedes Mal unterlag er. Dies sollte das letzte Spiel sein. Dann würde er den Jüngeren nie mehr wieder sehen. So war der Lauf der Dinge. Er konnte daran nichts ändern, selbst wenn er gewollt hätte. Er zog. Springer von B-Eins nach C-Drei.

 

 

 

 

12

 

Kiro hörte den Schrei als Erster. Danach Rufe. Erst waren sie leise, aber dann wurden sie immer lauter. „Das ist Martin!“ Kiro war aufgeregt. „Woher kommt das Geräusch?“ Wartins horchte. „Das ist hier ein Labyrinth. Kommt mit, ich glaube das Geräusch kommt von hier.“ „Halt!“ Kiro hob die Hand. „Wir müssen aufpassen, dass wir und nicht verirren. Woher sind wir gekommen?“ „Von dort, denke ich.“ „Nein ich bin mir sicher, von da!“ Mugh hatte wieder seinen aufsässigen Gesichtsausdruck. Kiro verzog das Gesicht. „Kommt jetzt. Die Rufe werden immer lauter.“ Sie rannten den Gang hinunter. „178“ ... „174“ ... „167“. Immer in Richtung der Rufe. Als sie um die nächste Ecke bogen, hielt Kiro die Anderen an.

Die Türen in diesem Gang hatten kleine Sichtgitter. Kiro trat an eines heran und sah hindurch. Der Anblick war schauderhaft. In einem kleinen, steinernen Raum hingen an den Wänden in Ketten und Fesseln mehrere Skelette. Kiro wandte seinen Blick ab. Die Skelette wiesen grobe Verletzungen an den Knochen auf. Wahrscheinlich waren sie gefoltert worden. Mugh hielt nach einem Blick in den Raum für die restliche Zeit den Mund. Und das war auch gut so. Sie beeilten sich weiterzukommen. Immer wieder mussten sie die Richtung wechseln. Jetzt hatten fast alle Räume, an denen sie vorbeikamen ein Sichtgitter. Überall bot sich ein ähnliches Bild. Schließlich waren sie nahe bei den Anderen. Kiro begann zu rufen. Er erhielt nicht sofort eine Antwort, aber dann rief Martin zurück. „Kommt her, beeilt euch!“ Nach der nächsten Biegung sah Kiro Martin. Er, der Stille und Nadja waren auf der einen Seite von einem Metallgitter, das den Gang versperrte. „Wo ist Fletcher?“ „Dort durch die Tür. Sie stand offen, er ging hinein und hat geschrieen. Dann fiel die Tür zu.“ Nadja war den Tränen nah. „9“ stand auf der Tür. Kiro drückte dagegen. Dann halfen ihm Wartins und Mugh. Die Tür bewegte sich nicht. Kiro warf sich dagegen und schlug auf die Tür ein, aber sie blieb geschlossen.

Hilflos standen sie da. Dann begann Martin von dem Gitter zu erzählte und Kiro berichtete von den Toten in den Räumen. „Ich denke wir haben genug gesehen!“ Kiro und Wartins stimmten ihm zu. „Lasst uns versuchen, ob wir das Gitter gemeinsam hochbekommen.“ Mit vereinter Kraft konnten sie es dann tatsächlich hoch drücken. „Wir können ihn doch nicht einfach so zurücklassen!“ „Was denkst du denn, was wir tun können, Nadja? Hast du einen Schlüssel? Wir sollten uns lieber selber retten, solange es noch geht.“

 

Martin ging voraus und Nadja kam hinterher, aber es ging ihr nicht gut damit Fletcher zurückzulassen. Nach einer Weile fragte Kiro: „Bist du sicher, wo wir langgehen müssen?“ Martin antwortete nicht. Er sah besorgt auf die Fenster. Es wurde ständig dunkler. Seit sie losgelaufen waren, war das Licht des Tages immer mehr zurückgegangen. Sie konnten unmöglich die Tageszeit bestimmen, denn das letzte Chronometer hatte schon vor einer Weile den Geist aufgegeben. Vor allem wurde es immer schneller dunkel. Sie beeilten sich, aber viel Zeit blieb ihnen nicht mehr. Martin trieb sie zur Eile an, aber sie konnten es nicht länger leugnen. Sie hatten sich verirrt. Einige Zeit später war es dann völlig finster. Sie setzten sich auf den Boden. Kiro ärgerte sich, er hätte sich sicher nicht verirrt. Er hielt nichts von Martin als Führer. Sie hatten eine Weile so dagesessen, und gerade wollte Kiro etwas sagen, aber im selben Moment spürte er einen heftigen Schlag auf den Kopf und verlor das Bewusstsein. Er träumte wieder.

 

Erneut befand er sich auf der weiten Ebene. Sie glich der, die sie überquert hatten, aber doch war etwas anders. Der Boden war übersäht mit Knochen soweit das Auge reichte. Aus dem Boden quoll Blut. Voller Ekel wollte er sich abwenden. „Was tust du hier?“ Die Stimme war tief. Er fuhr herum und erblickte den alten Fargo aus dem „Klangstein“. Seine Augen waren schwarz und auf seiner Stirn war ein Zeichen. Ein Kreis und in der Mitte ein Dreieck. Aber so sehr sich Kiro auch versuchte zu erinnern, er konnte es nicht zuordnen. „Ich weiß nicht, wie komme ich hierher?“ „Dein Geist ist mächtig, Kiro. Nur wenige erreichen diese Bewusstseinsebene. Teile dein Wissen. Nalataja ist der Schlüssel...!“ Fargos Gestalt begann zu schwinden.

„Wer ist Nalataja? ...Warte. Du musst mir helfen!“ Aus der Ferne und schon ganz leise drang Fargos Stimme. „Sie wird dich führen! Aber seit auf der Hut. Eschnak ruht nicht. Er wird euch finden!“ Und er war verschwunden. Plötzlich verspürte Kiro schreckliche Schmerzen am ganzen Körper. Er wurde durchschüttelt von Krämpfen, sah unwirkliche Dinge. Dunkle Nebelschwaden trübten seinen Blick. Er versuchte die Augen zu schließen, aber er konnte es nicht. Vor Schmerz schrie er. Der Schrei hallte tausendfach wieder und tat in seinen Ohren weh. Er war in einer der Zellen. Er war auf Pinor- Prime. Dann war es still. Dunkelheit senkte sich über ihn. Stimmen wurden lauter. Er presste seine Hände auf die Ohren, aber sie wurden nicht leiser. Sein Kopf wollte bersten. Kiro schien ins Bodenlose zu fallen. Er hatte Angst. Kalte Angst.

 

Zwischenspiel

 

Viel wusste der Jüngere nicht von seinem Gegenüber. Zwar hatten sie einige Zeit zusammen verbracht, aber nie hatte der Andere ihm irgendetwas von sich selbst erzählt. Er hatte ihn auch nicht gefragt. Dafür war die Achtung vor dem Älteren viel zu groß. Schach schien die einzige Möglichkeit für beide zu sein, durch die sie einander besser kennen lernen konnten. Nach der Eröffnung herrschte Ruhe. Ruhe vor dem Sturm. Das war offensichtlich. Er würde abwarten. Inzwischen war viel Zeit verstrichen. Er zog. Schwarzer Läufer von C-Acht nach G-Vier.

 

Der Schatten

 

Den Absturz hatte er überlebt. Sein Arm war verletzt, aber das würde heilen. Wichtiger war jetzt der Auftrag. Der erste Versuch war fehlgeschlagen. Sie hatten den Absturz ebenfalls überstanden und waren aufgebrochen. Da er mit dem Frachtmodul heruntergekommen war, hatte er einen gewissen Vorsprung. Nicht viel, aber etwas. Genug um unentdeckt zu bleiben. Als sie um den Berg herumgewandert waren, hatte er in verschiedenen Höhlen Schutz gesucht. Danach war er ihnen immer in großem Abstand gefolgt. Meist bei Nacht hatte er sich ihrem Lager genähert und sie beobachtet. Seine Kräfte kehrten schon bald zurück. Er benötigte keine Nahrung. Er hatte nur ein Ziel. Und das würde er auch erreichen - Früher oder später. Wenn nötig, würde er auch dafür sterben. Er kannte diesen Ort nicht, aber das sollte kein Hindernis sein. Des Nachts suchten ihn Dämonen heim und raubten ihm den Schlaf. Er hatte keine Ruhe. Rastlos blickte er mit seinen grauen Augen in die Ferne. Bald ... bald!

 

13

 

Kiro erwachte. Er rechnete mit Kopfschmerzen und war schon fast misstrauisch, als sich keine einstellten. Der Traum war fürchterlich gewesen. Aber er konnte sich nur noch an wenig erinnern. Eigentlich war er schon wie weggeblasen. Er öffnete die Augen. Neben ihm auf dem Boden lagen Nadja, Martin, Wartins, Mugh und der Stille. Sie befanden sich in der Empfangshalle des Hotels. Die Tür nach draußen stand offen. Ein leichter Wind wehte herein. So als wäre nichts geschehen. Ungläubig sah er sich um. Der Raum schien um Jahre gealtert. Die Treppe war eingestürzt, die Wände braun und kahl. Kein Teppich.

Kiro sah nach den Anderen. Sie erlangten nacheinander alle wieder das Bewusstsein. Still verließen sie das Haus. Die Tür fiel hinter ihnen zu. Ohne sich umzusehen entfernten sie sich vom Hotel, ließen es hinter sich. Ihnen war nicht viel geblieben. Zwei Aqua- Packs, drei Decken und ein paar Notrationen. Aber daran dachte jetzt niemand. Jeder hing seinen Gedanken nach. Martin hatte wieder die Führung übernommen. Viel wurde nicht gesprochen. Alle waren noch betroffen von den Geschehnissen im Hotel-Labyrinth. Sie waren den Bergen inzwischen so nahe gekommen, um zu erkennen das es sich nicht, wie sie vermutet hatten, um eine geschlossene Bergkette handelte, sondern um viele einzelne Berge. Teilweise waren sogar recht große Abstände zwischen ihnen. Die Bergkuppen reichten teilweise bis in die geschlossene graue Wolkendecke. Der Wind hatte nachgelassen und eine unheimliche Stille senkte sich nun über die Ebene. Nur ihrer Füße auf der staubigen Erde waren zu hören. Und auf einmal war da dieses Geräusch. Erst war es leise und schwoll dann immer weiter an. Ein dumpfes monotones Dröhnen. Es erfüllte die Luft und brachte sie zum Vibrieren. Ein leichter Wind setzte ein, der in Richtung der Berge wehte. Das Geräusch hielte eine Weile an. Dann wurde es leiser und verebbte schließlich. Während dessen waren alle stehen geblieben und hatten dem Geräusch andächtig gelauscht. Es hatte etwas Faszinierendes an sich. „Was kann das gewesen sein?“ Wartins blickte zu den Bergen. „Für einen Wind war es zu laut. Vielleicht stammt es von irgendeiner technischen Einrichtung, oder dort sind Menschen. Wir sollten weitergehen.“ Sie stimmten Martin zu und sie setzten sich wieder in Bewegung. In den nächsten acht Tagen kamen sie den Bergen immer näher. Das Geräusch begleitete sie dabei stets. Jeden Abend und jeden Morgen war es zu hören. Je näher sie den Bergen kamen, desto lauter wurde es. Endlich erreichten sie den Fuß der Berge. Vor ihnen öffnete sich eine große Lücke in der Bergkette. Das Gelände fiel sanft ab und dann lag es vor ihnen. Das Meer. Grau schimmernd erstreckte es sich bis zum Horizont. Am Strand befanden sich viele kleine, windschiefe Hütten. Endlich Menschen. Nadja bekam neue Hoffnung auf Rettung von diesem Planeten. Ihre Wasser und Nahrungsvorräte waren aufgebraucht. In den letzten Tagen waren auch Nadjas Kopfschmerzen zurückgekehrt. Langsam und vorsichtig näherten sie sich dem Dorf. Hier herrschte reges Treiben. Dunkle, verhüllte Gestalten liefen geschäftig umher. Aber dabei verursachten sie keine Geräusche. Es war nur das Rauschen des Meeres zu hören. Die Gestalten waren verhältnismäßig klein und daher mutete das Ganze recht sonderbar an. Bei keiner der Gestalten war ein Gesicht zu erkennen. Es schien, als ob sie nicht wirklich da wären. Sie kamen noch näher, blieben aber an einer Hüttenwand in Deckung und beobachteten nur.

Endlich übermannten sie Hunger und Durst, und sie traten aus ihrer Deckung hervor auf einen kleinen Platz mit einem Brunnen. Sofort hörten die Wesen mit ihrem Tun auf und kamen langsam auf sie zu. Immer noch verursachten sie keinerlei Geräusch. Die Kreaturen bildeten einen engen Kreis um die sechs ausgehungerten Gestalten. Es kamen noch einige von den Wesen aus den Hütten dazu. Einige Zeit verblieben sie in dieser Position. Nadja hatte keine Angst. Ein Gefühl der Sicherheit stieg in ihr auf. In diesem Moment schlug eines der Wesen die Kapuze seines Umhangs mit einer schnellen Handbewegung zurück. Zum Vorschein kam ein menschliches Gesicht. Es war ein altes Gesicht, durchzogen von vielen Falten. Die Augen des Wesens leuchteten grau.

„Seit willkommen Fremde, wir haben euch erwartet!“ Seine Stimme war unerwartet klar und gut verständlich. „Kommt mit! Ruht euch aus und kommt zu Kräften.“ Martin wollte etwas sagen, aber Nadja hielt ihn zurück. Der Kreis öffnete sich und das Wesen leitete sie zu einer abseits gelegenen, kleinen Hütte. Die anderen Wesen blieben zurück. Kiro und Martin hätten Einwände erhoben, als sie die Hütte betraten, aber sie waren viel zu erschöpf dazu. In der Hütte waren sechs Lager vorbereitete. In der Ecke standen zwei gefüllte Wasserkrüge und Brot. Nachdem das Wesen die Hütte verlassen hatte, sanken sie müde auf die Lager und schliefen bald ein.

Wie lange sie wirklich geschlafen hatte konnte später keiner mehr sagen, aber als Nadja aufwachte war es Abend. Sie sah sich um. Die Anderen schliefen noch und sie wollte keinen von ihnen wecken. Sie aß und trank ein wenig. Jeder von ihnen hatte frische Kleidung neben sein Lager gelegt bekommen. Ihre eigene Kleidung hatte unter dem Absturz und den langen Wanderungen stark gelitten. Nadja legte ihre alte Kleidung ab und zog die neue an. Sie bestand aus einer dicken, dunklen Robe mit Kapuze und Gürtel, wie sie die selbst Wesen trugen. Diese passte Nadja wie angegossen. Vor allem aber bot sie guten Schutz vor der Kälte der Nacht und den schneidenden Winden, die in den Letzten Tagen stärker geworden waren.

Nadja trat vor die Hütte. Die Wesen saßen um einige Feuer und jetzt konnte sie es hören. Ganz leise wurde gesprochen. Kaum vernehmbar, aber doch keine Einbildung. Nadja ging zu einem der Feuer um sich zu wärmen. Durch das Meer war die Temperatur noch weiter gefallen. Eines der Wesen nahm einen Gegenstand zur Hand, der wie eine deformierte Kugel aussah und setzte ihn an den Mund. Im selben Augenblick entwichen dem Gegenstand Töne. Erst schienen sie sinnlos aneinandergereiht, aber dann fügten sie sich zu einer wunderschönen Melodie. Diese Melodie war wohl das Schönste, was Nadja je gehört hatte. Sie wirkte beruhigend und einschläfernd. In diesem Moment passierte es. Erst war es leise, dann wurde es immer lauter. Das Geräusch, das sie schon die ganzen Tage vorher gehört hatten war wieder da. Panisch sprangen die Wesen von den Feuern auf und verschwanden in ihre Hütten. In wenigen Sekunden war der ganze Platz leer. Nadja, aus ihren Gedanken gerissen, sah auf das offene Meer hinaus, von wo das Geräusch offenbar kam. Bis zum Horizont erstreckte sich die Wasserfläche, nichts war zu sehen. Doch was war das, dort am Horizont, ganz schwach, war ein Blinken zu sehen. In regelmäßigen Abständen leuchtete es auf und verlosch dann wieder. Immer noch erfüllte das laute, dumpfe Geräusch die Luft. Dann, nach wenigen Minuten verebbte es langsam. Das Leuchten hingegen blieb. Nadja drehte sich wieder herum. Langsam kamen die Wesen wieder aus ihren Hütten hervor. Ängstlich schauten sie umher. Dann begaben sie sich wieder an die Feuer. Eines von ihnen kam auf Nadja zu.

„Er ist jetzt bereit, dich zu empfangen!“ „Wer ist bereit?“ Nadja war erstaunt. „Komm!“ Das Wesen nahm Nadja an seine kleine, verschrumpelte Hand und führte sie zu der größten Hütte. Sie traten ein. „Warte hier!“ Nadja ließ sich gehorsam auf eine bereitgelegte Matte nieder. In der Mitte des dunklen Raumes brannte in einem verformten Feuerkorb ein wenig Glut. Angenehme Düfte durchzogen den Raum. Die Wände waren kahl. Nadjas Augen brannten leicht. Ein wenig unangenehm wurde es mit der Zeit doch. Eine Gestalt kam auf sie zu. Sie näherte sich aus einer dunklen Ecke des Raumes. Langsam trat sie in den Lichtkreis und ließ sich nieder. Es war keine der kleinen Kreaturen. Es war ein sehr alter Mann. „Lange habe ich auf dich gewartet, Nadja.“ Er atmete leise Röchelnd ein. „Ich bin nicht mehr jung und werde bald sterben. Daher will ich dir das Wissen weitergeben, was für dich bestimmt ist.“ Der Alte räusperte sich und begann zu erzählen.

 

Vor vielen Jahrtausenden war Paladius-Eschnak ein blühender Planet. Die Kultur der Waragon befand sich in einem hoch entwickelten Zustand. Sie erforschten den Weltraum, und erschufen immer größere technische Wunder. Aber dann im dritten Jahrtausend als sich die Bevölkerung dem Zustand der Vollkommenheit näherte, kam ein Schatten über Eschnak. Die Unterdrückten und Verstoßenen, die nicht in die Gesellschaft gepasst hatten, begannen einen Krieg. Zuerst schienen sie wenig Erfolg zu haben, aber dann setzten sie sich durch. In rasender Wut und ohne zurückzuschauen, vernichteten sie sich gegenseitig. Gegen Ende des Krieges wurden Massenvernichtungswaffen eingesetzt. Weite Teile Eschnaks wurden verseucht und auf lange Zeit hin unbewohnbar gemacht. Nur wenige überlebten den Krieg. Sie waren mehr tot als lebendig. So beschlossen sie, die Mächte der vier Winde, die ihre Gottheiten waren, für immer zu bannen und eine Botschaft in den Weltraum zu senden um andere Kulturen vor einem ähnlichen Schicksal zu bewahren. Eine Kapsel mit der Geschichte von Eschnak und einem weiblichen DNA-Code wurde abgeschossen. Nachdem die vier Mächte gebannt waren, zogen sich die Überlebenden zurück. Sie führten ein Leben in Genügsamkeit und Abgeschiedenheit. Das ist nun mehrere Jahrtausende her. Und nun, nach so langer Zeit, hat sich Eschnak noch immer nicht erneuert. Einige wenige haben den Planeten besucht. Niemand ist geblieben. Wir sind die letzten Nachkommen der Waragon. Von unserem ursprünglichen Aussehen ist uns in dieser Zeit nicht mehr viel geblieben. Eschnak ist tot und wahrscheinlich wird niemals wieder das Leben zurückkehren. Seit einiger Zeit ist aber etwas im Gange. Die Siegel der Mächte der vier Winde brechen auf. Raum und Zeit bekommen Risse. Es geschehen Dinge, die nicht geschehen dürften. Eine alte Prophezeiung sagt, dass die Wirklichkeit durch die Mächte der vier Winde zusammengehalten wird, und wenn diese nicht kontrolliert werden, hören wir auf zu existieren. Nicht nur wir, sondern das ganze Universum. Es gibt eine Möglichkeit dieses zu verhindern, aber ich kann dir dabei nicht helfen, denn ich weiß zu wenig darüber. Wenn du die Richtige bist, wovon ich überzeugt bin, wirst du den wahren Weg finden. Dabei wirst du nicht allein sein. Deine Gefährten werden dir zur Seite stehen. In den Welten von Eschnak gibt gefangene Seelen und unwirkliche Wesen. Sie sind erfüllt von dem Bösen der alten Tage. Auch wandelt ein Schatten hier. Nehme dich vor ihm in Acht.

 

Der Alte war verstummte. Das alles kam Nadja nicht fremd vor. Sie hatte diese Geschichte schon einmal gehört, nur wusste sie nicht wo. Dem Alten ging es sichtlich schlecht. Seine Augen waren blutunterlaufen und er zitterte. Nadja, die die ganze Zeit über gebannt zugehört hatte, wollte viele Fragen über das Warum und Weshalb stellen, sah aber ein, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt war. Darum stellte sie nur eine kurze Frage. „Was ist das für ein Geräusch, das jeden Abend und Morgen so laut zu hören ist, und warum habt ihr solche Angst davor?“ „Das ist der Gott des grauen Meeres. Er bewacht das Meer und erinnert uns an die Taten unserer Vorfahren. Er ruft schon seit Ewigkeiten über das Meer. Sein Auge blitzt am Horizont, damit niemand sich auf das Meer wagt. Es ist ein heiliges Meer. Die Letzten die es gewagt haben hinauszufahren, sind nie wieder zurückgekehrt. Ich bin jetzt müde. Gehe zu deinen Gefährten zurück und lass mich allein.“

 

Nadja verließ die Hütte. Sie kehrte zu den Anderen zurück. Die waren inzwischen aufgewacht und hatten die neue Kleidung angelegt. Nadja fand sie in einer aufgeregten Diskussion. „Na, da ist ja unsere Frühaufsteherin!“ Martin lachte verächtlich. „Wo bist du gewesen?“ Ihr stiller Begleiter hatte sich wohl wirklich Sorgen gemacht. Auf eine Weise fühlte sich Nadja mit ihm verbunden. Er drückte so vieles aus ohne ein Wort zu sagen. „Der Dorfälteste hat mich zu sich gerufen. Es war sonderbar. Er kannte meinen Namen und wusste von unserem Kommen.“ Dann begann sie den Anderen die Geschichte des Alten zu erzählen. Sie hörten gespannt zu. Als Nadja geendet hatte, war es Kiro, der das Wort ergriff. „Wieso sollen wir hier die Welt retten? Wir haben mit diesen Leuten nichts zu tun. Sie erwarten von uns Dinge, die uns nichts angehen und zu denen wir nicht einmal in der Lage wären. Offensichtlich wollen sie uns nicht helfen. Ich habe nicht vor, auf diesem Planeten zu sterben!“ Martin und Wartins stimmten Kiro zu. „Willst du etwa nicht von hier verschwinden?“ Kiro sah sie herausfordernd an. „Doch, natürlich. Aber du hast es ja gehört. Was hier geschieht, betrifft uns alle.“ Nadja wurde immer aufgeregter. „Ich glaube nicht, dass plötzlich das Universum untergeht. Wieso sollte das passieren und warum ausgerechnet hier und jetzt? Ich halte das für dummes Geschwätz!“ Kiros letzte Worte kamen nicht mehr ganz so überzeugend herüber. Man merkte ihm an das er Zweifel hatte. Sie diskutierten noch eine Weile über das Thema. Martin und Wartins wollten unbedingt dem Geheimnis des Geräusches und des Lichtes auf den Grund gehen. Darum wurde beschlossen, dass die Beiden mit einem Boot oder etwas ähnlichen am nächsten Tag auf das Meer herausfahren sollten. Nadja und die Anderen wollten ihre Rückkehr abwarten. Sollten sie nach vier Tagen immer noch nicht zurück sein, würde Kiro mit den Anderen nach einer anderen Möglichkeit der Rettung suchen.

 

Zwischenspiel

 

Der letzte Zug des Jüngeren war offensiv gewesen, aber nicht wirklich gefährlich. Damals, als der Krieg ausgebrochen war, hatte der Ältere das letzte Mal Angst gehabt. Von vorneherein war jedem klar gewesen, das es keinen Sieger geben würde. Doch was änderte das schon. Das war kein Grund die Waffen niederzulegen. Im Laufe der Jahre war er abgestumpft. So viel Leid wie er gesehen hatte, konnte ein Mensch kaum verkraften. Die Einzige Möglichkeit zu überleben war das Abschotten von der Wirklichkeit gewesen. Er hatte blind gekämpft. Bis eines Tages die Kapsel gelandet war. Er zog. Weißer Bauer von F-Zwei nach F-Drei.

 

14

 

Die Wesen hatte zuerst erschreckt reagiert, als sie von dem Plan hörten. Keiner von ihnen konnte es glauben, dass sich Martin und Wartins freiwillig in eine solche Gefahr begeben wollten. Sie merkten jedoch bald, dass sie die Beiden kaum davon abbringen konnte, so gaben sie ihnen dann ein kleines Segelboot. Auch versorgten sie Martin und Wartins mit Proviant für die Reise. Die Vorbereitungen dauerten bis zum Mittag, dann endlich legten beide vom Ufer ab. Das Meer war weitgehend ruhig. Nur hin und wieder kräuselte eine leichte Böe die Wellen. Die ungewöhnliche Färbung des Meeres rührte von dem längst vergangenen Kriege her. Damals war durch Giftstoffe das Wasser verseucht worden. In diesem Meer lebte nichts mehr.

 

Nachdem sie das Land verlassen hatten, passierte lange Zeit nichts. Der Wind trieb das Boot langsam vom Festland weg. Weiter draußen frischte der Wind auf und wurde stärker. Das Steuern beanspruchte nun mehr Kraft. Hin und wieder tauchten Wellen mit Schaumkronen auf. Das Land verschwand am späten Nachmittag ganz aus ihrem Blickfeld. Sie hielten sich in Richtung des Blinkens, das immer heller wurde. Der Kompass und Wartins Wissen über die Seefahrt halfen dabei. Auf dem offenen Meer hatten sie wenig Zeit, miteinander zu reden. Das Segeln erforderte höchste Konzentration. Gegen Abend hörten sie wieder das Geräusch. Jetzt war es ganz nah. Auch das Leuchten hatte an Stärke zugenommen. Die Nacht brach herein und ihre einzige Lichtquelle war die Laterne des Bootes. Der Wind blies stärker und sie kamen zügig voran. Sie fuhren die ganze Nacht hindurch. Am Morgen war das Geräusch wieder da. Wartins und Martin waren müde. Sie hatten sich in der Nacht gegenseitig wach gehalten mit Geschichten aus ihrer Vergangenheit. So hatten sie manches übereinander erfahren. Später war Martin eingenickt und Wartins hatte ihn schlafen lassen.

Fast hätte Wartins das Land am Horizont nicht bemerkt, aber dann sah er nochmals hin und war sich sicher. Er weckte den schlafenden Martin. Sie richteten das Segel neu aus und hielten auf das Land zu. Gegen Mittag waren sie dem Land schon so nah gekommen, dass sie einzelne Felsformationen erkennen konnten. Am Nachmittag schließlich erreichten sie eine steinige Bucht am Fuße von steilen Felsen, an denen sich die Wellen brachen. Gemeinsam zogen sie das Boot auf den Kies. Der Streifen Strand war hier nicht sehr breit. Der Felsen wich an einer Stelle etwas zurück. Dort war er gebrochen und ein schmaler, steiler Pfad führte nach oben. Martin und Wartins nahmen ihren Proviant und die Laterne aus dem Boot und kletterten den Pfad entlang. Oben angekommen, hatten sie einen weiten Ausblick über das Land und so erkannten sie, dass es sich um eine hügelige aber weitgehend flache Insel handelte. Auf dem Boden wuchs in vereinzelten Büscheln langes Gras. Auch ein paar windschiefe Bäume gab es. Auf der anderen Seite der Insel befanden sich ein Strand und Sanddünen. Was aber kaum zu übersehen war und den Beiden sofort ins Auge stach, war der Turm. Er stand etwa in der Mitte der Insel. Es handelte sich offenbar um einen Leuchtturm. Er war aus dunkelroten Ziegelsteinen gebaut. Der Durchmesser des runden Turms nahm mit zunehmender Höhe ab. In etwa achtzig Metern Höhe befand sich die Lichtkabine mit der Leuchte, die sogar jetzt noch blinkte. Martin war der Mechanismus völlig unbekannt. Er hatte lediglich in einem alten Archiv einmal etwas über diese Türme gelesen. Dort stand aber nichts Genaues über die Funktionsweise. Über der Lichtkabine jedoch wurde der Turmbau seltsam. Dort erstreckten sich in alle Richtungen und Winkel Metallene Rohre und Röhrchen. Sie hatten völlig verschiedene Größen und Längen. Die meisten sahen wie antike Orgelpfeifen aus. Sie bildeten eine bizarre Krone. Martin und Wartins näherten sich dem Turm. Das Mauerwerk schien sehr alt zu sein. Der graue Putz bröckelte überall und die Meeresluft hatte die Steine an vielen Stellen fast zerstört. Sie gingen um den Turm herum. An der Rückseite befanden sich eine Tür und daneben ein Schild, das in die Wand eingelassen war. Auf ihm stand folgendes:

 

„Turm der Zeit“

Erbaut im Jahre 1761

Höhe: 87 Meter

 

„Dieser Turm möge ewig stehen

und den Lauf der Zeiten überdauern.

Er soll seine Stimme erheben,

lange nachdem alles Leben verloschen ist.

Sein Auge soll wachsam sein,

selbst wenn Alles tot und ausgedörrt ist.“

 

Die Tür bestand aus dunklem Holz. Sie war kunstvoll mit Metall verstärkt, das schon stark rostig und an manchen Stellen völlig zerfressen war. Sie musste einst schön ausgesehen haben. Martin versuchte die Tür mit dem schweren Metallring zu öffnen, der statt einer Klinke da war. Sie gab jedoch nicht nach. Nach einigen vergeblichen Versuchen die Tür zu öffnen, griff Wartins zu heftigeren Maßnahmen. Er nahm Anlauf und rannte mit voller Wucht gegen die Tür. Die Tür bewegte sich nicht im Geringsten. Das Einzige, was Wartins erreichte, war eine schmerzende Schulter. Martin jedoch wollte nicht so schnell aufgeben. Er untersuchte noch einmal sorgfältig die Tür. Er fand heraus, dass sich der Metallring in seiner Verankerung drehen ließ. Martin drehte ihn mit aller Kraft. Der Ring bewegte sich langsam und viel Rost fiel zu Boden. Dann zog er an dem Ring und mit lautem Quietschen schwang die Tür auf. Ein modriger Gestank schlug ihnen entgegen. Im ersten Moment wandten sie sich angeekelt ab, nahmen sich aber dann zusammen und betraten mit der Laterne in der Hand den düsteren Turm.

 

Der Schatten

 

Er war nicht in die unmittelbare Nähe des Lagers vorgedrungen. In einer Entfernung am Hang eines Berges hatte er sich in einer Erdmulde versteckt und aus der Höhe das Treiben im Dorf beobachtet. Noch war es nicht Zeit für ihn sich zu zeigen. Er hatte gesehen, wie die Zwei in das Boot gestiegen und davon gesegelt waren. Seitdem waren einige Tage vergangen. Die Anderen wurden unruhig, er konnte es spüren. Ihre Angst gab ihm Kraft und neue Hoffnung. Er würde ihnen folgen.

 

15

 

Nadja, der Stille, Mugh und Kiro hatten die ersten zwei Tage hauptsächlich damit verbracht, sich zu erholen. Danach hielt Nadja sich oft bei dem Dorfältesten auf und führte mit ihm lange Gespräche. Kiro durchstreifte die nähere Umgebung und ging mit einigen der Wesen auf die Jagd. Der Stille verbrachte seine Zeit überwiegend mit Meditieren und Mugh half in der Dorfküche mit. Am Ende des vierten Tages wurden sie unruhig. Es wurde beschlossen, den beiden noch ein bis zwei Tage mehr Zeit zu lassen. Die folgenden Tage zogen sich endlos hin. Niemand hatte richtig Lust irgendetwas zu tun. Die meiste Zeit verbrachten sie mit Warten. Als dann am nächsten Morgen immer noch kein Boot in Sicht war, beschlossen sie, etwas zu unternehmen. Sie trafen sich am Feuer. Kiro ergriff das Wort.

„Ich bin dafür dass wir nicht mehr länger warten. Offensichtlich ist ihnen etwas zugestoßen. Jetzt müssen wir in erster Linie daran denken, wie wir von hier weg kommen...“ Nadja fiel ihm ins Wort: „Du willst sie zurücklassen, wie Fletcher im Hotel? Das ist nicht dein Ernst! „Jetzt fang nicht wieder davon an. Was hätten wir denn schon für ihn tun können? Mir ist ja auch nicht wohl bei dem Gedanken.“ Kiro verschränkte die Arme vor der Brust und starrte ins Feuer. „Ohne mich!“ Nadja stand auf. „Ich werde ihnen nachsegeln! Wer schließt sich mir an? Sie sah in die Runde. Der Stumme stand auf und kam zu ihr. Widerwillig kam auch Mugh. Kiro blieb allein sitzen. „Komm mit uns, Kiro. Ohne dich wird es viel schwerer!“ Zuerst sagte er nichts, aber dann stand er auf. „Ist euch klar, worauf ihr euch da einlasst? Wir haben kaum Ahnung vom Segeln und wir wissen nicht einmal, ob sie überhaupt angekommen sind. Vielleicht ist ihr Boot gesunken!“ „Das ist es mir wert! Es geht schließlich um Menschenleben!“ Nadja ging verärgert weg. Sie verschwand für ein paar Minuten in einer Hütte und kam dann mit einem der Wesen zurück. Sie bekamen ein Boot zugewiesen. Die Wesen hatte es aufgegeben, sie davon zu überzeugen, nicht den Anderen hinterherzufahren. Ihrer Meinung nach hatte ihr „Gott des Meeres“ Martin und Kiro zu sich gerufen. Eines der Wesen zeigte Kiro die Grundlagen des Segelns und nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, verabschiedeten sie sich und legten ab. Immer in Richtung des Blinkens, was gut zu erkennen war, da es am Tag durch den völlig grauen Himmel nie richtig hell wurde. Ihre Reise war weitaus schwieriger, als die von Martin und Wartins. Sie hatten mit stürmischerem Wetter zu kämpfen und einmal wäre ihr Boot beinahe gekentert. Aber letztendlich siegten sie über die Naturgewalten. Mugh vertrug offenbar das Schaukeln des Boots weniger, denn er musste sich schon am Ende des ersten Tages übergeben. Er war ganz grün im Gesicht und sagte kaum noch etwas. Durch den Wind kamen sie ein paar Mal leicht vom Kurs ab, sodass sie etwas länger brauchten als Martin und Wartins. Endlich jedoch erreichten sie die Insel. Sie fanden das Boot der Anderen in der Bucht und gingen auch dort an Land. Im Boot von Wartins und Martin lagen die Beiden friedlich schlafend. Kiro und Nadja weckten sie. Sie waren sichtlich überrascht Kiro und die Anderen schon so bald wieder zu sehen, waren sie doch nach eigenen Angaben erst seit einem Tag auf der Insel. Das stellte alle vor ein Rätsel. Die Zeit auf der Insel schien deutlich langsamer zu vergehen. Es bestand eine Differenz von mehreren Tage. Auch Wartins und Martin hatten etwas Seltsames erlebt. Jetzt erzählten sie davon.

 

Sie hatte den Turm betreten, nachdem sie die Tür geöffnet hatten. Es roch dort nicht sehr angenehm. Trotzdem die Tür offen stand, war der Raum so dunkel, das sie die Laterne brauchten um etwas zu sehen. Fast schien es so, als ob der Turm alles Licht verschluckte. In der Mitte des Runden Raumes wand sich eine schmale Wendeltreppe um eine metallene Röhre hinauf. Gemeinsam stiegen sie diese empor. Immer wieder waren kleine Fenster in die Turmwand eingelassen, die aber vom Schmutz der Zeiten schwarz und undurchsichtig waren. Die Laterne warf gespenstische Schatten auf die Wände. Martin und Wartins hatte kein gutes Gefühl bei dieser Sache. Immer höher stiegen sie hinauf. Endlich erreichten sie die Lichtkammer. Über ihren Köpfen kreiste ein riesiger Spiegel um eine starke Lichtquelle und erzeugte so das Blinken des Leuchtturmes, was man bis zum Land sehen konnte. Die Lichtquelle war keine gewöhnliche, wie sie Wartins und Martin kannten, sondern einfach eine unregelmäßige Ansammlung von Licht. Man konnte unmöglich sagen woher das Leuchten kam. Es war ganz einfach da. Lange waren sie von diesem Anblick gefesselt. Dann ließ Martin seinen Blick durch den Raum wandern. Viele Rohre verliefen von der Decke zum Boden und vereinigten sich zu einer großen Röhre, die in der Mitte des Raumes im Boden mündete. Wie ein gewaltiger Baum mit vielen kahlen Ästen. Überall an den verglasten Wänden waren verschiedene technische Geräte. Auf manchen von ihnen blinkten ein paar bunte Lichter, aber die meisten waren wohl außer Betrieb. Auf allem lag eine dicke Staubschicht. Von dem Gerät, was Martin am nächsten war, wischte er den Staub weg. Mehrere noch intakte Messapparaturen waren zu erkennen. Offensichtlich handelte es sich bei den Messwerten um Druck und Sauerstoffgehalt von Luft. Ebenfalls war noch eine Countdown-Anzeige zu sehen. Sie befand sich gerade bei 1 Stunde und 13 Minuten. Jetzt wurde Martin langsam klar worum es sich hier handelte, und was die Rohre auf dem Turm zu bedeuten hatten. Hier wurde in regelmäßigen Abständen Luft eingesaugt. Offensichtlich gab es irgendetwas unter dem Turm, was mit Sauerstoff versorgt werden musste. Daher auch das Laute Geräusch, was durch das Einsaugen der Luft entstand. „Hey Martin, komm mal her!“ Martin drehte sich um. Wartins stand an der anderen Seite des Raumes über einen hölzernen Tisch gebeugt. Martin kam zu ihm hin. „Hier, ein Kalender. Er zeigt das letzte, von Hand eingestellte Datum. 19.03.1882. Irgendetwas stimmt hier überhaupt nicht.“ Sie beschlossen in das Untergeschoss des Turmes herunter zu steigen. Hier oben war nichts, mit dem sie etwas anfangen konnten. Sie mussten sich beeilen, denn wenn in knapp einer Stunde wieder die Luft eingesaugt würde, wäre es ratsam, bei dem Lärm der dabei entstand, nicht in der Nähe zu sein. Vorsichtig stiegen sie die feuchten Stufen wieder nach unten. Immer weiter, am Eingang vorbei. Schließlich stießen sie auf eine Gittertür, die ihnen den Weg versperrte. Das verrostete Schloss brach aber nach wenigen festen Schlägen auf. Es wurde immer finsterer, je tiefer sie kamen. Dann endlich hörte die Treppe auf, und sie befanden sich in einem großen, runden Raum. Auch hier gab es ein paar technische Geräte, aber lange nicht so viele wie oben. Die große Röhre, um die sich offenbar die Treppe wand, verschwand auch hier im Boden. An der Wand befand sich eine Tür. Sie war aus Metall und hatte keinen sichtbaren Öffnungsmechanismus. Ein großes Symbol befand sich auf ihr. Ein Kreis und in der Mitte ein Dreieck. Martin streckte die Hand aus und berührte das Symbol. Im selben Augenblick durchströmte ihn wie eine Flutwelle Wärme. Er hatte ein sonderbares Gefühl. Nicht schlecht, aber sehr ungewöhnlich. Er nahm die Hand weg und das Gefühl war verschwunden. In diesem Moment hörte man ein lautes Klicken. Rote Warnlampen an den Wänden leuchteten auf und ein Alarm ging los. Mehrere der Maschinen erwachten zum Leben. Ein starkes Vibrieren war zu spüren und dann ging es los. Erst war es ein Rauschen, das immer stärker wurde. Dann ein leises Brummen und schließlich erreichte das Geräusch seine volle Stärke. Martin hätte gedacht es wäre hier lauter, aber offensichtlich war dieser Raum isoliert, da er unter der Oberfläche lag. Wartins hielt seine Hand an die Metallröhre in der Mitte des Raumes. Eine Weile verharrte er so. Dann zog er ruckartig seine Hand zurück. Das Metall der Röhre hatte sich stark erhitzt. Wahrscheinlich aufgrund der hohen Geschwindigkeit, mit der die Luft eingesaugt wurde. Eine Weile noch dauerte das Geräusch an, dann verebbte es langsam und war endlich ganz verschwunden. Martin berührte die Röhre. Sie war immer noch warm.

Nachdem Martin und Wartins sich ein wenig von diesem Schreck erholt hatten, wartete schon der nächste auf sie. Neben einer großen Maschine fanden sie beim Untersuchen des Raumes in einer Nische unter einer dicken Staubschicht ein Skelett. Als sie es genauer betrachteten, erkannten sie mit Schrecken, wer es war. Es war Fletcher. Ganz unverkennbar identifizierte ihn das Namenschild an seiner Arbeitskleidung. Die Leiche sah aus, als hätte sie hier schon seit Jahren gelegen. Von Fletcher war nicht viel mehr übrig, als ein paar Knochen, seinem Schädel und Teilen der Kleidung. Die Kleidung war dieselbe, die er getragen hatte, als er im Hotel verschwunden war. Geschockt standen sie nur da und konnten eine Weile ihren Blick nicht abwenden. Aber wie war Fletcher hierher gekommen, und was hatte ihn getötet? Fragen über Frage und keine Antworten. Martin begann es sich im Kopf zu drehen. Er musste hier raus. Sie hasteten die Treppen hinauf. Als sie im Freien waren, atmete Martin tief ein. Er verkraftete eigentlich viel, aber dieser Anblick war wohl doch etwas zuviel.

Die Anderen hatten gebannt zugehört. Als Martin von Fletcher erzählte, schlug Nadja die Hand vor den Mund. Jetzt, als er geendet hatte, konnte er Tränen in ihren Augen sehen. Kiro hatte sich abgewandt und starrte aufs Meer hinaus.

 

Zwischenspiel

 

Schwarz am Zug. Der Jüngere hätte eigentlich voraussehen müssen, dass dieser Angriff erfolglos bleiben würde. Nun war er im Zugzwang. Er wollte natürlich nicht sein Gesicht verlieren. Nie hatte er wirklich etwas über das Spiel gelernt, was es beinhaltete und wie man vorging, um Erfolg zu haben. Er hatte keine Strategie und deshalb war er auch bisher erfolglos. Auf eine Weise wusste er es, aber er wollte dieser Tatsache nicht ins Auge sehen. Für ihn wäre es undenkbar zuzugeben, dass er nie wirklich eine Chance gegen den Älteren gehabt hatte. Der Jüngere wurde unsicher. Dieses Spiel war weniger ein Spiel, als vielmehr eine Theaterbühne auf der er sein privates kleines Stück abzog. Weit entfernt von jeder Realität. Schwarzer Läufer von G-Vier nach H-Fünf.

 

 

 

Der Schatten

 

Nachdem nun auch die Anderen das Dorf verlassen hatten, gab er sein Versteck auf. Langsam näherte er sich dem Dorf. Mit ihm kam der Wind. Er schien wie ein Gefährte, der ihm seinen Weg bahnte. Der Wind zerrte an den Hütten. Der Schatten empfand kein Mitleid. Die Wesen flüchteten in ihre Hütten. Auf dem Platz in der Mitte der Häuseransammlung blieb er stehen. Ein Lächeln huschte über sein fahles Gesicht. Er erhob die Hände und murmelte etwas. In diesem Moment wurde der Wind stärker. Er wirbelte um das Dorf und schloss es mit einer undurchdringlichen Wand aus Wind ein. Das Geheul des Sturmes nahm zu. Die ersten Hütten hielten der Belastung nicht mehr stand und barsten. Von überall her waren die Angstschreie der Wesen zu hören. Noch nahm der Sturm an Gewalt zu. Staub wirbelte auf und hüllte alles in einen feinen Nebel. Eine der kleineren Hütten hielt dem Druck nicht mehr stand. Sie zerrte an ihrer Verankerung, aber schließlich verlor sie den Kampf gegen den Wirbelsturm und wurde nach oben gerissen. Kurz war sie noch ein Ganzes, dann zerbrach der Sturm sie in kleinste Teile. Immer mehr Hütten wurden zerstört. Die panischen Angstschreie der Wesen wurden jetzt vom Sturm verschluckt. Alles wurde aufgesaugt. Endlich stand keine Hütte mehr. Der einzige Zeuge, das hier einmal etwas anderes außer Steinen und Staub gewesen war, war der Brunnen. Mit einer Handbewegung des Schattens erhöhte sich die Macht des Sturmes noch einmal um ein vielfaches. Im nahen Umkreis um ihn selbst regte sich kein Lüftchen. Der mittlerweile zum Orkan gewordene Sturm zerrte an den Steinen des Brunnens. Fast schon konnte man meinen, dass der Wind Hände hätte. Die nur notdürftig zusammengefügten Steine bewegten sich. Erst bröckelte der Rand und dann war innerhalb weniger Augenblicke der gesamte Brunnen in sich zusammengestürzt. Der Schatten ließ seine Arme sinken. Langsam nahm die Kraft des Sturmes ab, bis es schließlich völlig windstill war. Er war zufrieden. Nichts war mehr übrig geblieben. Alle Hütten waren verschwunden. Wieder hatte er seine Macht bewiesen und diejenigen vernichtet, die seinen Feinden halfen. Diese Wesen waren sowieso nicht mehr als ein Haufen missgebildeter Kobolde gewesen. Das Lächeln wurde breiter und verschwand. Sein Ziel hatte er noch nicht erreicht. Der Schatten ging dem Meer entgegen. Er hob wieder seine Hand. In wenigen Augenblicken hatte sich das aufgewühlte Meer in eine spiegelglatte Fläche verwandelt. Er setzte einen Fuß auf das Wasser. Es trug ihn.

 

16

 

Kiro träumte wieder. Er befand sich in einem Wald. Die Bäume waren sehr hoch und dicht. Durch ihre Kronen drang Licht auf den mit Moos bewachsenen Waldboden. Er hörte Vogelgezwitscher. Schmetterlinge flatterten um ihn herum. Er fühlte sich wohl. Dann wurde es mit einem Mal still. Das Licht wich und es wurde dunkler. Die Vögel verstummten. Kiro fühlte Angst in sich heraufsteigen. Er blickte sich um. Die Bäume schienen auf ihn zuzukommen. Immer näher und näher. Als wollten sie ihn erdrücken. Er wollte schreien. Dann war der Wald auf einmal weg. Er befand sich im unteren Turmraum. Die Tür mit dem Symbol war vor ihm. „Du weißt, wie du deinen Weg beschreiten musst!“ Die Stimme des alten Fargo. „Teile dein Wissen! Die Wirklichkeit schwindet. Und ER kommt immer näher! Nimm dich vor ihm in Acht!“ Das Symbol auf der Tür begann zu glühen. Und auf einmal wusste Kiro, was zu tun war.

 

Das Geräusch riss ihn aus dem Schlaf. Zuerst war er ein wenig desorientiert. Sie hatten in den Booten geschlafen. Sein Rücken tat vom harten Holzboden weh. Die Anderen waren auch wach. Wartins war der Einzige, dem die Strapazen ihrer Wanderung kaum etwas auszumachen schienen. Er war bereits dabei ein Feuer zu entfachen. Das gelang ihm aber nicht, denn es hatte überraschend angefangen zu regnen. Während Kiro versuchte, richtig wach zu werden, wurde der Regen stärker. Weil auch der wieder Wind einzusetzen begann, mussten sie im Turm Schutz suchen. Sie rafften ihre wenigen Sachen zusammen und rannten zum Turm. Niemand wollte in der Nähe der unteren Kammer sein, also bezogen sie ihr Quartier ganz oben. Wohl war ihnen dabei nicht, aber es blieb kaum etwas anderes übrig. Hier oben konnten sie zwar kein Feuer machen, waren aber windgeschützt. Draußen brach währenddessen die Hölle los. Der Wind steigerte sich zum Orkan. Regen prasselte gegen die Verglasung der Lichtkammer. In der Ferne grollte Donner. Blitze zuckten am Himmel und der Tag wurde zur Nacht.

Während dieses Unwetters verbrachten sie die Zeit hauptsächlich damit, ihren Gedanken nachzuhängen. Am Nachmittag begann das Gewitter dann etwas nachzulassen. Das ständige Geräusch des Regens raubte Martin den Verstand. Er war es schließlich, der die Frage stellte, die allen schon die ganze Zeit durch den Kopf ging. „Wie soll es jetzt weitergehen? Hier geschehen seltsame und unerklärliche Dinge!“ „Ich denke wir sollten uns von Fletchers Tod nicht entmutigen lassen. Wir wollen schließlich immer noch von hier weg, oder hat irgendeiner von euch es schon aufgegeben?“ Nadja sah in die Runde. „Ich habe mit dem Ältesten gesprochen. Er hat mich gewarnt. Auf diesem Planeten ist alles aus den Fugen geraten. Die Zeit bekommt Lücken und springt von einer Periode in die andere. Überall lauern düstere Gestalten. Manche von ihnen sind nicht wirklich und wollen uns nur Angst einjagen, aber andere sind auch sehr gefährlich. Wenn wir je wieder von hier weg wollen, müssen wir die Gefahren überstehen und einen Weg hier herausfinden. Der Alte meinte, dass wir unsere Wahrheit finden werden. Davon bin ich auch überzeugt! Als Erstes sollten wir versuchen die Tür im unteren Raum des Turmes zu öffnen. Auch wenn es unangenehm ist. Es ist unsere einzige Möglichkeit.“ Mugh fand langsam wieder zu seiner alten Art zurück. Er stimmte dem Vorhaben zu. Angeblich hatte er noch Wichtiges zu erledigen. Martin und Wartins, die sich inzwischen fast schon angefreundet hatten, waren auch dafür. Also begaben sie sich am Abend in die untere Kammer. Voller Unbehagen stiegen sie die Stufen hinab. Bei jedem Schritt wuchs das mulmige Gefühl in Martins Bauch. Unten angekommen wartete eine weitere Überraschung auf sie. Fletchers Leiche war verschwunden. An ihrer Stelle lag nur noch ein flacher Haufen Staub.

 

Zwischenspiel

 

Die Zeit lief unaufhaltsam weiter. Der Ältere hatte das Gefühl dafür verloren. In seinem langen Leben war die Zeit sein steter Begleiter und auch oft sein Feind gewesen. Als er jedoch älter wurde, wich dieses Gefühl der Angst, die Zeit nicht richtig ausgenutzt zu haben. Jetzt war Zeit für ihn bedeutungslos. Er war in vielen Zeiten und an vielen Orten gewesen, aber nirgends hatte er sich so wohl gefühlt wie hier. Damals, vor langer Zeit, als die Kapsel gelandet war, hatte er nicht wissen können, was für einen Fluch sie barg. Er hatte in seinem Garten gearbeitet. Das Geräusch hatte er erst für eine Maschine gehalten. Dann aber blickte er zum Himmel herauf und sah die Rauchspur und das rot glühende Etwas, was auf den Boden zuraste. Er war allein. In seiner näheren Umgebung lebte niemand. Sie waren wegen der Dürre alle weggezogen. Das Objekt schlug am Fuß des kleinen Hügels auf, auf welchem sich seine Haus und sein Garten befand. Er wunderte sich nicht besonders darüber. Er hatte von solchen Vorfällen schon gehört. Wenn er in der Stadt Lebensmittel kaufte, hörte er die Leute reden. Manchmal konnte man denken, sie hätten nichts Besseres zu tun. Langsam ging er den sanft abfallenden Hügel hinunter. Das Objekt hatte einen kleinen Krater in den Boden gerissen. Es bestand aus einer großen Kugel, auf deren Oberseite sich eine kleinere Halbkugel befand. Von dem Objekt stieg Rauch auf. Trotzdem er es hätte besser wissen sollen, hatte er es berührt. Der Ältere verscheuchte den Gedanken. Er zog. Weißer Bauer von E-Vier schlägt schwarzen Bauer auf D-Fünf.

 

Die Stadt

 

17

 

Martin konnte sich das Verschwinden von Fletchers Leiche genauso wenig erklären wie Wartins. Sie verloren jedoch darüber keine weiteren Worte. Viel mehr interessierte alle jetzt die Metalltür mit dem Symbol. Als Kiro das Symbol sah, erschauderte er. Es erinnerte ihn wieder an seinen Traum vom alten Fargo. Währenddessen versuchten Kiro und Wartins die Tür mit Gewalt aufzubekommen. Sie hatten damit jedoch keinen Erfolg. Ratlos standen sie vor der Tür. „Geht bei Seite!“ – Nadja ging langsam auf die Tür zu. Wie von einer unsichtbaren Kraft bewegt, wichen Kiro und die Anderen ihr aus. Ihre Augen waren geschlossen. Kurz vor der Tür blieb sie stehen. Jetzt streckte sie eine Hand aus und berührte ganz leicht das Symbol. Im selben Moment erstrahlte die Tür in hellem Licht. Ein leises Summen war zu hören. Das Leuchten wurde stärker und die Umrisse des Raumes, in dem sie sich befanden, begannen zu verschwinden. Zwar konnte man jetzt vor Helligkeit kaum noch etwas oder jemanden erkennen, aber dennoch tat das Licht nicht den Augen weh. Langsam verebbte das Summen und eine helle Glocke war zu hören. Mittlerweile konnte keiner mehr etwas sehen, so hell war es. Die Glocke spielte eine leise Melodie. Diese Melodie war traurig, aber geheimnisvoll und schön. Nach einiger Zeit verklang die Melodie in der Ferne und vollkommene Ruhe trat ein. Etwas Kaltes berührte Kiro und er schrak zurück. Erst jetzt merke er, dass er seine Stimme nicht hören konnte. Er hörte überhaupt nichts mehr.

Nach und nach wurde das Licht schwächer. Umrisse waren zu erkennen und auch die Anderen waren wieder da. Die Umgebung hatte sich vollkommen verändert. Sie befanden sich in schwindelerregender Höhe auf einer runden Plattform. Um sie herum erstreckte sich in einiger Tiefe bis zum Horizont eine Stadt. Fremdartige Gebäude waren zu erkennen, hohe Türme und freie Plätze. Vereinzelt waren die Fenster erleuchtet. Aber das ganze Bild wurde von grauen Farben bestimmt und wirkte auf eine beklemmende Weise trist. Erst jetzt erkannte Kiro, dass sie sich bewegten. Die gesamte Stadt befand sich offenbar in einer Art riesiger Höhle, von deren Decke sie nun mit der Plattform langsam herabsanken. Die Höhle musste gigantische Ausmaße haben, denn man konnte in alle Richtungen kein Ende der Stadt ausmachen. „Das ist die Stadt der Toten.“ Kiro schaute zu Nadja, deren Augen immer noch geschlossen waren. Langsam machte er sich Sorgen um sie. Was passierte hier? Er streckte die Hand aus um sie am Arm zu berühren, aber in diesem Moment spürte er einen heftigen Schmerz seinen Arm heraufzucken. Offensichtlich schützte Nadja eine Art unsichtbares Kraftfeld. Wie gebannt starrten die Anderen auf die Stadt, die immer näher kam. Nach einer paar Minuten, die Kiro wie eine Ewigkeit vorkamen, setzte die Plattform mit einem sanften Ruck auf dem Boden auf. Sie befanden sich auf einer breiten Straße. Jetzt erst konnten sie sehen, dass die Stadt doch nicht so makellos war, wie sie aus der Höhe vermutet hatten. Kiro trat von der Plattform herunter und die anderen folgten ihm. Auch Nadja hatte die Augen wieder geöffnet. Mit leerem Blick stieg sie von der Plattform, die im selben Moment mit einem leisen Summen wieder begann aufzusteigen.

Die Straße war nass und dreckig, überall lag altes Papier herum. An den Hauswänden standen ein paar übervolle Müllcontainer. Der Asphalt der Straße hatte viele Löcher und überall waren Risse zu erkennen. Nur noch wenige der Straßenlaternen funktionierten. Die meisten waren dunkel und standen schräg und verbogen am Straßenrand. Diese Gebilde warfen bizarre Schatten an die Hauswände. Durch die geringe Beleuchtung wirkte alles gespenstisch. Die Wände der Hochhäuser bröckelten. Überall hatten die Wände Löcher. Auf der Straße standen vereinzelt antike Autos. Alles sah so aus als wäre es seit Jahrhunderten unverändert. Durch die Straßen wehte ein kühler Wind. Eine stärkere Windböe wirbelte ein Stück Papier von der Strasse auf. Es flog durch die Luft und landete direkt vor Kiros Füssen. Er hob es auf und las. Offenbar handelte es sich um eine Zeitung. Das Papier war brüchig, aber dort stand in großen Buchstaben:

 

Freitag 24.06.1983

MASSENSTERBEN IN TOKYO -

HUNDERTTAUSENDE STERBEN AUF MYTERIÖSE WEISE

 

„Kommt mal her, das müsst ihr euch ansehen!“ Kiro rief die Anderen heran. Gemeinsam lasen sie den Rest des Artikels der noch auf dem Papierfetzen zu erkennen war. Eine Weile herrschte Stille. Dann sagte Martin. „Wie kann das sein. Das ist unmöglich. Wenn ich mich an den Geschichtsunterricht erinnere, hat so etwas nie stattgefunden. Bis zur Zerstörung der Erde im dritten Weltkrieg, ist so etwas nicht passiert. Und wieso ist die Stadt hier. Es dürfte sie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr geben!“ „Es beginnt!“ Alle drehten sich zu Nadja um. Mit starrem Blick sah sie in die Ferne. „Die Vergangenheit, die Zukunft und die Gegenwart vermischen sich. Bald werden wir nicht mehr unterscheiden können zwischen Täuschung und Realität.“ Langsam ging sie vorwärts. „Folgt mir!“

 

Der Schatten

 

Der Schatten wusste wohin sie wollten. Er konnte sie spüren. Besonders die „Eine“. Die Insel hatte er bald erreicht. Die Boote am Strand gingen, nach einer Handbewegung von ihm, in Flammen auf. Er ging die Stufen zum Turm hinauf. Seine Robe wehte im Wind. Er hatte Achtung vor diesem Gemäuer. Es stand auf mächtigem Boden. Die Steine aus denen der Turm gebaut war, waren einst aus dem härtesten Stein geschlagen worden, auch wenn sie nur wie gewöhnliche Ziegel aussahen. Heute nach nunmehr sieben Jahrtausenden wirkte er alt und verbraucht. Aber immer noch hielt dieser Turm die Zeit in seiner Gewalt. Seine Stimme tönte laut und weit hörbar über das Land. Dieser Turm war einer der Vier Weltentürme, welche die Macht über Zeit, Raum, Leben und Tot hatten. Seine Macht war mit der Zeit schwächer geworden aber noch war die Flamme nicht ganz verloschen.

Der Schatten betrat den Turm und stieg hinab. Er spürte, dass er nahe war. Aber jetzt würde er sie noch nicht erreichen. Vorerst hinderte ihn das Siegel der Nalataja daran. Er sammelte seine Kraft.

 

18

 

Lange schon waren sie gelaufen. Die Straßenschluchten nahmen kein Ende. Immer wieder gab es Stellen, an denen der Asphalt große, tiefe Löcher hatte, die sie umgehen mussten. Durch die überall vorherrschende Dunkelheit war das nicht einfach. Ein Mal wäre Mugh fast in ein solches Loch gefallen. Martin hatte ihn noch rechtzeitig festhalten können. Nadja hingegen umging sicher alle gefährlichen Stellen und schien auch nicht müde zu werden. Offensichtlich wusste sie ganz genau wohin es ging. Ein schwaches Leuchten ging von ihr aus, sodass Kiro sie immer gut sehen konnte. Als sie um die nächste Ecke bogen, wurde die Sicht auf eine große Parkanlage frei. Zum Park hin fiel die Strasse leicht ab und die Häuser wurden etwas kleiner, sodass sie ihn gut überblicken konnten. Er war absolut symmetrisch angelegt und sah sogar fast gepflegt aus. Der Park bildete einen absoluten Kontrast zu der zerstörten und verwahrlosten Stadt. Die Strasse war von einer Allee mit geschnittenen Bäumen gesäumt. Zum Kern des Parks hin erhob sich das Gelände sanft zu einem Hügel, auf dessen Spitze sich ein kleiner Pavillon befand. Der Boden war mit feinem Rasen bedeckt und ein kleiner Bach schlängelte sich durch den Park und plätscherte vor sich hin. Das Grün des Parks wirkte fast schon verdächtig. Wie konnte etwas so schönes inmitten dieser Steinwüste existieren. Der Park war umgeben von einem Metallenen Zaun. An seinen vier Seiten hatte er Tore.

Inzwischen waren sie am Park angelangt. Kiro streckte seine Hand aus um das Tor zu öffnen. „Nein!“ Kiro fuhr erschrocken zurück. Nadja hatte ihn an der Schulter gepackt. „Du darfst das Tor nicht berühren. Es würde dich töten!“ Kiro wich einen Schritt zurück. Nadja stellte sich vor das Tor, hob die Hand und mit einem leisen Quietschen öffneten sich die Flügel des mit Ornamenten geschmückten Metalltores. Im Park führte ein gepflegter Weg den Hügel hinauf. Martin und Mugh liefen sofort zum Wasser. Nach einem kurzen Test füllten sie ihre Wasserbehälter. „Das Wasser ist absolut genießbar!“ Die Anderen liefen nun auch zum Bach und stillten ihren Durst. Niemand achtete mehr auf Nadja. Erst als sie einen Schrei hörten, schraken sie hoch. Nadja war nirgends zu sehen. Hektisch sahen sie sich um. Kiro war es, der den Hügel zu Pavillon herauf rannte und Nadja fand. Sie lag da, ihr Körper heftig zuckend, als hätte sie Schmerzen. Im ersten Moment nahm er das Schlimmste an. Kiro kniete sich nieder und versuchte sie wieder zu Bewusstsein zu bringen. Es gelang ihm nicht. Zwar wurden ihre Krämpfe schwächer und hörten schließlich ganz auf, aber sie blieb bewusstlos. Er fühlte ihren Puls. Nadjas Herz schlug langsam und unregelmäßig. Trotz der ernsten Situation, so wie sie dalag, fiel ihm wieder einmal auf, wie schön sie war. Mittlerweile waren die Anderen herangekommen. Wartins sah sich in dem Pavillon um, er wollte herausfinden, was geschehen war. Akribisch untersuchte er jeden Winkel und alle Ecken. In der Mitte des nach allen Seiten offenen Holzpavillons befand sich eine runde Metallplatte mit etwa einem Meter Durchmesser. Auf ihr befand sich dasselbe Symbol, wie auf der Tür im Turm. Vorsichtig berührte er die Platte.

 

Zwischenspiel

 

Der Jüngere zog nicht. Einige Zeit ließ er verstreichen. Er dachte nach. Nicht über das Spiel, sondern über sich selbst. War er tatsächlich an einem Punkt angelangt, an dem er sein bisheriges Verhaltensmuster ändern würde? Er verscheuchte die Gedanken und versuchte sich wieder auf das Spiel zu konzentrieren. Es gelang ihm nicht. Immer wieder kehrten seine Gedanken zu jenem Schlachtfeld zurück. Er sah die Toten, sah ihre Körper, wie sie den Boden und die gesamte Ebene von Klyth bis zum Horizont bedeckten. Der Boden blutgetränkt und viele der Leichen schon halb verwest. Ein Schädel grinste ihn aus toten Augen an. Auf der Stirn war das Zeichen eingeritzt. Er kannte es nur zu gut. Dieses Zeichen gehörte der Herrscherin. Er fürchtete sie. Armee um Armee war über die Ebene von Klyth gezogen. Sie alle wollten „Der Herrscherin“ ein Ende bereiten, aber alle waren doch früher oder später vernichtet worden. Am Horizont, ganz schwach, war sie zu erkennen. Die Spitze des höchsten Turmes der letzten Festung.

Er konzentrierte sich wieder auf das Spiel und zog. Schwarzer Bauer von E-Sieben nach E-Sechs.

Der Traum

 

19

 

Nadja hatte keine Schmerzen. Nachdem sie, getrieben von einer unbekannten Macht, den Hügel hinaufgestiegen war, betrat sie das Portal im Pavillon. Im selben Moment befand sie sich hier. Wo genau hier war, wusste sie nicht. Nadja befand sich außerhalb von Raum und Zeit. Um sie herum war es dunkel. Völlig dunkel, man konnte nichts erkennen. In Nadja wuchs ein unbändiges Wohlgefühl. Sie wusste, dass alles in Ordnung war. ER hatte sie gerufen.

„Nadja!“ - „Ja!“

„Es ist soweit.“ - „Ich weiß.“

„Gut, dann höre zu. Das Wissen der Alten wird nun an dich übergeben, damit du unsere Kultur in ein neues Zeitalter führen kannst.“ Nadjas Körper wurde von Wärme überflutet und vor ihrem geistigen Auge entfaltete sich die Vergangenheit. Eine sanfte Stimme begann zu erzählen.

 

Vor vielen Milliarden Jahren, in der Geburtsstunde der Galaxien, entstand auch Eschnak. Er war nicht wie andere Planeten. Er hatte keine feste Galaxie, sondern durchflog den Raum auf seiner eigenen Bahn Wie auf manchen anderen Planeten auch, entwickelte sich auf Eschnak Leben. Es gab verschiedene Rassen und die Gemeinschaft schien perfekt zu sein. Zu Anfang war der Mensch genügsam. Es herrschte Fortschritt, aber nur sehr langsam. Keiner erhob sich über den Anderen und niemand litt Schmerzen. Eines Tages jedoch kam ein Gast in die Gemeinschaft. Niemand wusste woher er kam und wohin er ging. Dies war der erste Schatten. Die Gemeinschaft wusste nichts von ihrer Existenz, denn sie hatte niemals die Vermessenheit besessen alles ergründen und erklären zu wollen. Der Schatten jedoch säte das Übel in den Geist der Menschen. Er verankerte in denen, die mit ihm Kontakt hatten wie einen Virus die Selbstsucht und das Denken zum eigenen Vorteil. Bald schon, nachdem der Schatten sie wieder verlassen hatte, breiteten sich erste Unruhen aus. Es erhob sich einer aus der Masse und stellte sich selbst über alle Anderen. Zu diesem Zeitpunkt endete das erste Zeitalter. Der Eine, der sich erhoben hatte über alle Anderen fand schon bald Gleichgesinnte. Die Gemeinschaft zerbrach und erste Auseinandersetzungen fanden statt. Der erste Mensch starb. Daraufhin zogen die, die noch an der alten Ordnung festhalten wollten, aus dem Lande. Sie wollten sich eine neue Welt aufbauen. Nach einer lange dauernden Reise hatten sie endlich einen neuen Platz gefunden, an dem sie neu beginnen wollten. Aber der Friede war zerstört. In den Köpfen der Menschen kehrte keine Ruhe ein. Der böse Keim wuchs und wuchs. Es gab keine Auseinandersetzungen mehr, weil die Menschen viel Angst hatten. Man steckte seine Ganze Energie in die Wissenschaft und nach vielen Jahrtausenden war aus den genügsamen Menschen eine Hochkultur geworden. Sie hatten sich die Energien der Elemente zunutze gemacht und lebten im Wohlstand. Über die Jahre war das Vorhandensein der Schatten und der „Anderen“ vergessen worden. Wenn es dunkel wurde, huschten Gestalten durch die Strassen und Gassen der Städte. Über ihren ganzen Errungenschaften hatten die Menschen auch die Schwachen und Kranken vergessen. Es gab keine Gleichberechtigung. Unbemerkt von allen war der Keim des Bösen zur größten Blüte gekommen. Die, welche unzufrieden waren, forschten nach und fanden alte Aufzeichnungen über die Vergangenheit und die Trennung der Gemeinschaft. Sie begaben sich in einem großen Auszug aus der neuen Gemeinschaft auf die Suche nach den Zurückgelassenen. Nach langem Suchen fanden sie die „Anderen“. Die alte Gemeinschaft hatte inzwischen mehrere Kriege und Massenvernichtungen überlebt. Als sie die Armen, Kranken und Schwachen erblickten, empfingen sie diese mit offenen Armen und nahmen sie in ihre Gemeinschaft auf. Von der alten Gemeinschaft war nicht viel mehr übrig geblieben, als viele Gruppen, die auf ewig dazu verdammt waren einander in blutigen Schlachten zu bekämpfen. Jedoch eröffneten die neu Hinzugekommenen ihnen andere Möglichkeiten. Es wurde beschlossen den Hochmut der Wissenschaft zu beenden. In einem riesigen Heereszug vereinten sich alle Zurückgelassenen und zogen aus, die Hochmütigen zu stürzen. In einer beispiellosen Schlacht trafen die beiden Armeen aufeinander. Vierundneunzig Jahre dauerte der Kampf. Letztendlich wurde unter unbeschreiblichen Verlusten das Reich der Wissenschaft zerstört. Alles was übrig blieb, waren ein paar wenige Überlebende und die Türme der vier Elemente. Hier endete das zweite Zeitalter.

Der Himmel hatte sich während der langen Schlacht verdunkelt und ließ nun nur noch wenig Leben zu. Mittlerweile war Paladius-Eschnak in Regionen des großen, weiten Raumes vorgedrungen, in denen es kaum noch Licht gab. In weiten Teilen Eschnaks begannen sich die Geister und Schatten auszubreiten. Die wenigen Menschen, die noch übrig waren, starteten noch einen letzten Versuch des Zusammenlebens, indem sie das Dritte Zeitalter einläuteten. Dieses Zeitalter der Waragon dauerte aber nur wenige Jahrtausende. Am Ende stand doch wieder nur der verseuchte Geist des Menschen, der alles im Staub versinken ließ. Nun setzte das vierte und letzte Zeitalter ein. Die Menschen, wenn es überhaupt noch welche gab trauten sich nicht mehr an die Oberfläche, denn diese war nun vollends den Geistern zugefallen. Dieses Zeitalter dauerte am längsten und hatte verheerende Folgen. Die Menschen hatten in ihrem Wissensdurst die Macht über Raum und Zeit gewonnen und sie sich untertan gemacht.

Nun brechen langsam die Siegel der vier Türme. Die Ströme der Zeit und des Raumes verlassen ihre Bahnen. Suche die vier Wächter auf, Nadja. Nalataja, Ebetaminor, Solejier und Warkandoblan. Was zu tun ist, trägst du im Herzen. Der Schatten ist euch nahe. Die Stimme entschwand. Vor Nadjas geistigem Auge verschwammen die Bilder. Alles löste sich auf und da war ... Nichts.

 

20

 

Es hatte angefangen zu regnen. Sie hatten beschlossen in einem der Häuser, die an den Park grenzten, ihr Lager aufzuschlagen. Kiro und Martin hatten Nadja getragen. Noch immer war sie bewusstlos. Die Türen der meisten Häuser waren unverschlossen. Teilweise fehlten sie ganz. Überall lief das Wasser hindurch. Schließlich fanden sie aber doch noch ein trockenes Plätzchen im ersten Stockwerk eines hohen Gebäudes. Der Raum war bis auf zwei kaputte Holzbetten, einem Stuhl und einem wackeligen Tisch völlig lehr. Die beiden Fenster zum Park hin waren heraus gebrochen. Stattdessen klafften in der Wand zwei große, unförmige Löcher. Martin legte Nadja auf ein Bett, das eigentlich nur noch aus den Resten einer Matratze und dem gebrochenen Lattenrost in einem wackeligen Gestell bestand. Ihr Gesicht hatte sich entspannt. Jetzt sah sie fast so aus, als würde sie schlafen. Die nächste „Nacht“, wenn man das hier so bezeichnen konnte, würden sie wohl hier verbringen. Sie aßen ein wenig, unterhielten sich noch etwas und legten sich dann schlafen im Halbdunkel der Stadt. Wartins hielt Wache. Aber lange hielt auch er der Müdigkeit nicht mehr stand und schon bald war auch er eingeschlafen. Stille lag über der Stadt.

 

Zwischenspiel

 

Die Ebene von Klyth. Sie waren gewandert. Die Tage hatten kein Ende und keinen Anfang. Niemals ging die rote Sonne unter. Trotzdem schienen sie nicht voran zu kommen. Die Spuren der Verwüstung waren schwächer geworden. Je weiter sie kamen, desto älter wurde das Land. Am Horizont stieg Rauch auf. Die Trugbilder wurden stärker. Überall schienen sich die Toten zu erheben. Fürchterliche Kreaturen kamen ihnen entgegen. Die Krieger wurden vom Schmerz der Gefallenen und ihrer eigenen Angst in den Wahnsinn getrieben. Die Müdigkeit und der Schrecken schienen sie zur Umkehr zwingen zu wollen. Die letzte Welle der Verteidigung der hohen Herrscherin erfüllte ihren Zweck. Den Blick auf die Festung am Horizont gerichtet, gaben sie auf. Ihre Körper fielen tot in den Staub der Ebene von Klyth und tränkten sie mit ihrem Blut. Die Herrscherin hatte einmal mehr triumphiert. Der Ältere wusste, dass sie versagt hatten. Er zog.

 

21

 

„Es ist Zeit!“ „Ja, ich werde sie führen!“

Nadja wachte auf. Alle Anderen schliefen. Immer noch prasselte der Regen. Ein unangenehmer Geruch lag in der Luft. Sie mussten sich beeilen. Schnell weckte sie Kiro, Wartins, Mugh, den Stillen und Martin. Sie freuten sich, dass es Nadja besser ging und fragten sie, was passiert sei. „Ich werde es euch erzählen. Jetzt ist keine Zeit für Erklärungen, wir müssen schnell fort von hier.“ Sie packten die wenigen Sachen ein, die sie noch besaßen. Nadja führte sie aus dem Haus heraus. Zielstrebig liefen sie durch die Strassen und Gassen. Den Weg schien Nadja genau zu kennen. Sie befanden sich auf einer breiten Strasse. Überall lagen Autowracks herum und umgestürzte Laternen. Mit einem Mal wurde der Wind stärker. Auch der Regen prasselte heftiger. Die Temperatur sank merklich. Nadja, die vorangegangen war, blieb stehen. Langsam drehte sie sich um. Auch Kiro wand sich um. Was sie sahen, ließ sie vor Schreck zusammenfahren:

Hinter ihnen auf der Strasse befand sich eine Kreatur. Sie war etwa doppelt so groß wie ein Mensch und vollkommen verhüllt. Ihr Mantel wehte im Wind. Um den Kopf zuckten Blitze. Das Gesicht war nicht zu erkennen. Staub wurde aufgewirbelt. Man konnte die elektrische Ladung der Luft auf der Haut spüren. Nadja fixierte die Gestalt. Wie zwei Ungeheuer belauerten sie sich.

 

„Lauft!“, rief Nadja. Sie zeigte auf die Tür eines der Häuser, das an die Strasse grenzte. „Bringt euch in Sicherheit!“, sie schrie gegen den immer stärker werdenden Sturm an. „Wir gehen nicht ohne dich.“ Kiro war entschlossen. „Wir lassen nicht noch einmal jemanden zurück!“

„Geht, oder ihr werdet alle sterben. Ich kann mit ihm fertig werden, aber ihr würdet es nicht überleben. Wenn ihr jetzt nicht geht, schafft es keiner von uns zu entkommen. Vertraut mir, wir sehen uns wieder.“ Von Nadja ging ein schwaches Leuchten aus, und im selben Moment bildete sich um Kiro, Mugh, Martin den Stillen und Wartins eine unsichtbare Barriere, die den Sturm abhielt. Jetzt war es möglich zu der Tür zu gelangen. Kiro zögerte noch. Er wollte Nadja nicht zurücklassen. Nicht nur wegen seiner Mission. Nadja lächelte ihm zu, bevor ihr Gesicht ganz im Sturm verschwand. Kiro wand sich ab und folge den Anderen, die schon ein Stück voraus waren. In dem Moment als Kiro den Fuß über die Schwelle der Tür gesetzt hatte, und im Haus war, kollabierte die Barriere hinter ihm, und der Sturm gewann die Oberhand. Die Tür schlug heftig zu. Dann war es still. Es war tatsächlich eine völlige Stille eingetreten. Der Sturm war nicht mehr zu hören. Eigentlich war gar nichts mehr zu hören. Jetzt erst sah sich Kiro um. Er und die Anderen befanden sich in einem niedrigen, rechteckigen Raum ohne Fenster. Der Raum war vollständig eingerichtet: Zwei Betten, ein großer, massiver Holztisch mit fünf Stühlen. Auf dem Tisch befand sich eine weiße Stoffdecke, auf der eine Blumenvase, ein Krug Wasser und fünf Becher standen. Außerdem befanden sich dort noch zwei Bücher. Das schwache Licht im Raum ging von einer über dem Tisch hängenden Deckenlampe aus. Die Tür, durch die sie eingetreten waren, sah genauso aus, wie die Tür im Leuchtturm auf der Insel. Sie hatte keinen Öffnungsmechanismus und das Symbol befand sich auf ihr. Diese Tür war aus massivem Metall. Der Raum hatte aber auch noch eine zweite Tür. Sie war aus hellem Holz und hatte eine Klinke aus hell glänzendem Metall. Über der Tür hing eine sonderbare Uhr. Die Uhr zeigte eine Zeit kurz vor Zwölf. Das Ziffernblatt hatte nur Striche und keine Zahlen. Der Sekundenzeiger bewegte sich langsam vorwärts. Alle Striche des Ziffernblattes waren schwarz, mit Ausnahme des Ein-Uhr Strichs. Er fehlte.

Kiro hätte vor Wut schreien wollen, aber das brachte nichts mehr. Sie hatten Nadja zurückgelassen und konnten nun nichts mehr für sie tun. Er hob seine Faust und schlug gegen die Tür. Erschöpft und von den Ereignissen noch sehr beeindruckt, ließen sich die Fünf überall im Raum nieder. Kiro ging zur Holztür und versuchte sie zu öffnen. Sie war verschlossen. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten.

 

Der Schatten

 

Nachdem er einen Tag und eine ganze Nacht seine Kraft gesammelt hatte, begann er seine Macht auf das Siegel zu konzentrieren. Er bündelte seine Konzentration und wirkte auf das Siegel ein. Es war alt, setzt ihm aber mehr Widerstand entgegen, als er gedacht hätte. Schließlich musste es ihm aber weichen. Er stieg in die verlassene Stadt hinab. Er konnte ihre Gegenwart nun mehr als deutlich spüren. Sie war für ihn fast unerträglich. Der Schatten wusste, dass es bald zu einem Kampf kommen würde. Er war geschwächt, aber nicht wehrlos. Ihre Angst konnte er spüren. Es war ihm bewusst, das Nalataja „Die Eine“ gewarnt hatte, aber er würde sie aufspüren. Er rief seine Dämonen zu sich und ließ sie suchend ausschwärmen. Nach kurzer Zeit hatte er Sie gefunden. Der Schatten sah, dass sie die Ihrigen in Sicherheit brachte. Aber das war unwichtig. Mit großer Kraft beschwor er die Naturgewalten. Wieder war es der Wind, der zu seinem Werkzeug wurde. Er warf ihr alles entgegen, was er zu bieten hatte. Er würde sie vernichten, hier und jetzt. Der Schatten rechnete nicht mit Gegenwehr. Er konnte nicht wissen, dass die Transformation schon begonnen hatte.

 

22

 

Kiro hatte eins der Bücher aufgeschlagen. Es war groß, in Leder gebunden und sah sehr alt aus. Sein Titel lautete „Der alte Weg der Zeit“. Kiro hatte begonnen zu lesen. Bald aber rief er erschrocken die Anderen zu sich. Die Geschichte in diesem Buch war ihre Eigene. Seit ihrem Absturz auf dem Planeten bis hin zu diesem Zeitpunkt, stand alles schwarz auf weiß in diesem Buch. Der letzte Satz lautete: „Und die Wanderer machten sich auf den Weg zur Botin der großen Zauberin.“ Danach kamen noch viele leere Seiten. Kiro war sprachlos. Es schien, als ob alles was sie taten schon vorbestimmt war. Sie konnten ihrem Schicksal nicht entkommen.

Nachdem sie einige Zeit in dem Raum verbracht hatten, regte sich wieder ihr Tatendrang, und sie versuchten, aus dem Raum zu entkommen. Kiro, Mugh, Martin und Wartins rüttelten an jeder Leiste und klopften jede Wand ab – Nirgends schien es einen Fluchtweg zu geben. Die Stimmung hatte einen Tiefpunkt erreicht. Der Krug mit Wasser auf dem Tisch leerte sich. Unbemerkt war der Zeiger der Uhr weitergerückt und stand nun auf Ein-Uhr. Der Stille hatte unterdessen das zweite Buch zur Hand genommen und begonnen darin zu lesen. Es war die alte Sage „Beowulf“. In diesem Moment war ein leises Quietschen zu hören und die Holztür schwang einen Spalt breit auf. Ein kalter Luftzug wehte in den Raum. Die Lampe schwankte. Kiro fröstelte. Neugierig öffnete er die Tür weiter und ging hindurch. Die Anderen folgten ihm.

 

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Erstellt: 27.06.2005, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08