Das graue Meer Teil 3 (Autor: Sebastian Schenk)
 
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Das graue Meer Teil 3

Autor: Sebastian Schenk

 

34

 

Feuchte und salzige Luft schlug Kiro entgegen. Nachdem sie die Tür passiert hatten, fanden sie sich auf einem sandigen, schmalen Trampelpfad wieder, der unterhalb einer Reihe großer Sanddünen verlief und sanft anstieg. Links und rechts vom Pfad wuchsen büschelweise lange Grashalme. Der Wind strich über die Dünenkronen und ließ feinen Sand auf sie herabrieseln. In weiter Ferne nahm Kiro das Rauschen von Wasser und das Kreischen von Vögeln wahr. Der Himmel war grau und gewölkt. Vorsichtig setzte er Nadja ab und setzte sich zu ihr in den Sand. Trotz ihres geringen Gewichts würde er sie so nicht auf Dauer tragen können. Hinter ihnen wehte der Wind ständig neuen Sand die Düne hinunter, sodass sich der Sand an ihren Rücken langsam auftürmte. Nadja schloss die Augen und atmete tief ein. „Ich mag diesen Geruch und den Geschmack von Salz in der Luft.“ Kiro betrachtete sie. Aus einem plötzlichen Impuls heraus, beugte er sich zu ihr und küsste Nadja sanft auf die Lippen.

Sie lächelte. „Sind wir in Sicherheit?“ Noch immer waren ihre Augen geschlossen. „Für den Moment schon, denke ich.“ Kiros Stimme war nachdenklich. „Glaubst du, dass wir wieder auf Eschnak sind?“ „Ja.“ Nadja öffnete die Augen und sah in an. „Da bin ich mir sicher!“ Sie nahm seine Hand in die ihre. In diesem Moment sagte Keiner der beiden etwas. Sie sahen einander lange an. Ihnen war bewusst, welches Band zwischen ihnen entstanden war. Noch einmal küssten sie sich. Diesmal lange und intensiv. Kiro spürte Nadja zittern. Noch immer trug sie nur den dünnen Bademantel aus dem Krankenhaus. Er zog seinen Mantel aus und hüllte sie darin ein. „Danke, mein Ritter.“ Nadja lächelte ihn an. „Willst du versuchen, ob du langsam laufen kannst?“ Er sah sie fragend an. Sie nickte. „Vielleicht geht es doch ein wenig, wenn du mich stützt.“ Er half ihr auf und Schritt für Schritt setzten sie sich in Bewegung. Anfangs schmerzte jeder Schritt noch so stark, dass sie häufig eine Pause einlegen mussten, aber nach einer Weile ging es besser. Kiro war stets an ihrer Seite, bereit sie zu halten. Der Pfad wand sich immer höher zwischen den Dünen entlang. Bald waren sie auf dem Kamm der ersten Düne angekommen und konnten die Umgebung überblicken. In mehreren Reihen zogen sich die Dünen dahin. Langes, braunes Gras wuchs hier überall. In der Ferne verlor sich der Weg zwischen den Bergen von Sand. Nicht allzu weit entfernt flachten die Dünen ab und das Meer begann. Kiro sah die Schaumkämme der Wellen und man konnte die Brandung hören. Wie wohl schon seit Jahrhunderten, wenn nicht Jahrtausenden, lag es tiefgrau vor ihnen.

Hier oben wehte der Wind schärfer und Nadja zog den Mantel enger um sich. Der Weg war fast zugewehte von Sand und weil sie immer wieder tief mit den Füßen versanken, kamen sie nur langsam voran. Immer wieder trug Kiro Nadja, wenn sie erschöpft war. In einiger Entfernung konnte Kiro ein Gebäude am Strand erkennen. Seine Form konnte man nicht genau ausmachen, aber da es ihr einziger Anhaltspunkt war, hielten sie direkt darauf zu. Der Pfad war längst unter dem Sand begraben. Durch die Wolken war die Tageszeit schwer zu bestimmen. Ein stetig fahles Licht erhellte den Tag. Irgendwann machten sie eine längere Pause und verbrauchten ihren letzten Rest Proviant. Jetzt blieb ihnen nur noch ein wenig Wasser. Kiro fühlte sich gut und Nadja schien es auch besser zu gehen. Zum Teil lag dies bestimmt an den weißen Pillen, die sie nahm, aber den größten Anteil daran hatte die Tatsache, dass sie sich nun gegenseitig gezeigt hatten, was sie füreinander empfanden. Kiro nahm an, dass sie gegen Abend das Gebäude erreichen konnten. Sie waren ihm die ganze Zeit über stetig näher gekommen.

Später, als das Lich schwächer wurde, gewann der Wind immer mehr an Stärke. Er schleuderte ihnen ständig Sand entgegen und innerhalb kürzester Zeit hatte er sich zu einem regelrechten Sandsturm entwickelt. So gut es eben ging, versuchten sie ihre Gesichter von den harten Sandkörnern zu schützen, aber dies gelang nur schlecht. Schließlich waren sie bis auf wenige hundert Meter an das Gebäude herangekommen, jedoch konnten sie wegen des Sturms und des schwindenden Tageslichts kaum noch etwas erkennen. Der Sturm schien noch einmal an Kraft zuzunehmen und seine gesamte Gewalt aufzubieten. Fast, als wollte er sie daran hindern einen geschützten Ort zu erreichen. Rechts von ihnen befand sich eine tiefe Mulde, in der sie einigermaßen windgeschützt gewesen wären und Kiro wollte schon den Abhang hinuntersteigen, aber Nadja schüttelte deutlich den Kopf und brüllte gegen den Sturm an: „Nein, nicht dorthin. Wir müssen weiter. Wenn wir hier draußen bleiben, werden wir sterben.“ Kiro sah ein, dass sie Recht hatte und noch einmal sammelte er seine Kräfte. Mit Nadja auf den Armen spurtete er die letzte Strecke zu dem dunklen Gebäude vor ihnen. Es kam ihm so vor, als ob er gegen eine unsichtbare Kraft ankämpfen würde, so viel Sand war in der Luft. Endlich erreichten sie das Gebäude. Im Schutz der Mauer tasteten sie sich voran, bis sie einen Eingang gefunden hatten. Sie stiegen ein paar Stufen hinauf und sobald sie sich im Inneren befanden, hatte der Sturm keine Macht mehr. Erschöpft sanken sie auf den Boden. Selbst hier war das Toben des Sturms noch recht laut, aber für diese Nacht wären sie in Sicherheit. Nach ein paar Minuten war Kiro wieder zu Atem gekommen und sah hinaus. Bald würde es vollkommen finster sein. Während der Sturm weiter tobte, kuschelte sich Nadja enger an ihren Kiro und unter dem warmen Mantel verbrachten sie die Nacht. Beide schliefen sie schnell ein und bekamen nicht mehr mit, wie der Sturm schon bald abflaute und sich eine gespenstische Stille über den Strand legte.

Am nächsten Morgen war es Nadja, die zuerst aufwachte. Neugierig stand sie auf und war erstaunt, wie gut sie schon wieder laufen konnte. Auf kurze Strecken machte ihr das Bein fast keine Probleme mehr. Als sie aus dem Eingang hinaus auf die Landschaft blickte, konnte sie ihr Erstaunen kaum verbergen. Der Sturm hatte die Landschaft nachhaltig verändert. Wo gestern noch sanfte Dünenhügel gewesen waren, zog sich jetzt eine fast glatte Sandfläche bis zum Horizont dahin. Das Meer schien näher gekommen zu sein. Nadja drehte sich um. In was für einem Gebäude befanden sie sich hier wohl? Kiro war inzwischen aufgewacht und begrüßte sie mit einem Kuss, den sie gerne erwiderte. Hand in Hand begannen sie das Gebäude zu erkunden. Eine alte, verwitterte Metallplakette neben dem Bereich wo sie geschlafen hatten, wies diesen Ort als einen Bahnhof aus.

 

 

Endbahnhof Theta

 

Direktverbindungen zu:

 

- Ebetaminor 12:00 (täglich)

- Solejier 18:00 (täglich)

- Warkandoblan (siehe Plan)

 

 

 

Nadja drückte Kiros Hand. „Wir sind auf dem richtigen Weg.“ Sie lächelte. Die Öffnung, in der sie die Nacht verbracht hatten, bildete den Zugang zu einem kurzen Tunnel, der in das Zentrum des Gebäudes führte. Einst war er von Metallgittern verschlossen gewesen, diese hingen jetzt aber alt und verrostet in ihren Angeln und lehnten an der Wand. Es sah so aus, als hätte man sie vor langer Zeit einmal gewaltsam aufgebrochen. Die Wände des kurzen Gangs waren mit glatten Steinfliesen verkleidet. Viele waren heruntergefallen und die Scherben lagen verstreut herum. Nach einigen Metern öffnete sich der Gang hin zu einer großen, überdachten Halle. Sie befanden sich inmitten eines altertümlichen Bahnhofsgebäudes. Vor ihnen lagen eine Reihe Bahnsteige und dazwischen die Gleise. Staunend gingen sie weiter. Über ihnen spannte sich ein filigranes Netz von dünnen Metallträgern die ein gläsernes Dach trugen. Es wölbte sich halbrund in schwindelerregender Höhe über der gesamten Anlage. An manchen Stellen konnte Kiro Risse erkennen und weiter hinten lagen die Splitter heruntergefallener Glassegmente im Staub.

Der Bahnhof war rechteckig angelegt. Sie hatten ihn von der landeinwärts gewandten Seite betreten und die Gleise liefen, zueinander parallel, in Richtung des Meeres aus dem Gebäude hinaus. Es war an dieser Seite vollständig geöffnet und sie blickten direkt auf den Ozean. Nadja und Kiro liefen ganz bis an das Ende eines Bahnsteigs. Hier vereinigten sich die 12 Gleise bald zu einem einzigen. Dieses Gleis ruhte auf einer schmalen, brückenähnlichen Struktur mehrere Meter über dem Sand und lief direkt hinaus auf den Ozean. Fast bis zum Horizont konnten sie die schnurgerade Linie verfolgen, bevor sie sich irgendwann verlor. Sie wandten sich wieder dem Bahnhof zu. Nirgends stand ein Zug oder ein anderes Schienenfahrzeug. Dieser Ort wirkte wie aus einer anderen Zeitepoche entsprungen. Die Metallstützen der Dachkonstruktion, die in der Mitte jedes einzelnen Bahnsteigs aufsetzten, waren kunstvoll verziert und überall standen alte Holzbänke herum, die Kiro wieder an seine Geschichtsstunden in der Schule erinnerten. An der Rückwand der Halle befand sich eine Reihe von Schaltern. Vor den vom Staub völlig undurchsichtigen Scheiben waren teilweise Rollläden heruntergelassen. Am linken Ende der Reihe, entdeckte Kiro etwas Merkwürdiges. Ganz im Schatten, in der Ecke, leuchteten ein paar bunte Lichter. Das wollte er sich näher ansehen.

Nadja hatte sich inzwischen auf eine der Holzbänke gesetzt und legte ihr krankes Bein hoch. „Schau dich ruhig weiter um. Ich mache mal eine kleine Pause.“ Ihr ermutigender Blick vertrieb seine Sorgen und Kiro machte sich auf den Weg. Bei jedem Schritt knirschte der Sand leise, der hier überall in einer dünnen Schicht lag. In den Fenstern der Ticketschalter befanden sich mittig runde Gucklöcher. Eins von ihnen stand offen und Kiro warf einen Blick hindurch. In den Ecken hingen dicke Spinnweben. Das Halbdunkel des Raumes ließ sonst nicht viel mehr erkennen. Neben einem einfachen Tisch mit einem Stuhl dahinter und einer Aktenablage darauf gab es an der Rückwand der kleinen Kabine noch eine Tür. Wie ein gähnendes, schwarzes Loch stand sie halb offen. Neben ein paar bunten Rollen mit Tickets lag auf einem Regal an der Wand noch ein großer Schlüsselbund. Er war ebenfalls von einer dicken Staubschicht bedeckt und Kiro fragte sich, wie lange es her war, dass an diesem Ort die Zeit stehen geblieben war.

Als Kiro sich der Ecke mit den merkwürdigen Lichtern näherte, nahm er ein leises Surren wahr. Dort im Schatten stand ein viereckiger, mannshoher Kasten. An ihm befanden sich die bunten Lichter. Einige flackerten unregelmäßig. Kiro wischte die Staubschicht von der glatten Oberfläche. Oben kam ein Symbol zum Vorschein, dass ihm nicht unbekannt war. Es handelte sich hier offenbar um einen Ticketautomat. Er kannte solche Geräte, aber ein solches Modell hatte er noch nie gesehen. Er wischte auch den letzten Staub weg und nun war seine Überraschung noch größer. Offenbar funktionierte der Automat noch immer. Ein großes Display war in der Mitte eingelassen. Es leuchtete schwach und in kleiner Schrift, die Kiro zu seiner Verwunderung diesmal tatsächlich lesen konnte, stand dort: „Bitte den Bildschirm berühren!“ Er kam der Aufforderung nach und tippte vorsichtig auf das Display. Nichts geschah. Noch einmal, diesmal mit etwas mehr Kraft, drückte Kiro auf die durchsichtige Oberfläche. Ein Piepsen war zu hören und der Monitor leuchtete hell auf. Die Schrift verschwand und eine stilisierte Sanduhr erschien auf dem Bildschirm, die sich langsam drehte. Nach ein paar Sekunden baute sich ein neues Bild auf. „Paladius-Eschnak Transitsystem“, stand nun über der schematischen Darstellung eines Streckennetzes. Unter dem Diagramm wurde Kiro aufgefordert sein Ziel zu wählen. Zur Auswahl standen drei Endbahnhöfe. Ihre Bezeichnungen waren Lambda, Delta und Gamma, sowie zwei Zwischenstationen. Eine lag auf dem Weg zur Deltastation, die andere auf halber Strecke zur Gammastation. Da er keine andere Eingabemöglichkeit finden konnte, drückte Kiro mit dem Finger auf das grau umrandete Feld der Gammastation. Sie lag der Thetastation am nächsten. Zwei Piepser ertönten und ein blinkendes, rotes Ausrufezeichen tauchte auf dem Monitor auf. Darunter stand in großer Schrift: „Ziel nicht verfügbar!“. Nach einigen Augenblicken kehrte die Anzeige wieder zum Streckendiagramm zurück und diesmal probierte Kiro es mit der Lambdastation, die am weitesten entfernt war. Wieder tauchte das Ausrufezeichen auf und das Ziel war nicht verfügbar. Die beiden Zwischenstationen waren nicht als Ziel anwählbar. Ihre Schrift war grau unterlegt. Kiro war neugierig, ob wenigstens die Deltastation verfügbar war. Zwar glaubte er nicht wirklich daran, dass tatsächlich noch Züge auf den Strecken verkehrten, aber er war so fasziniert von dem Gerät, dass er es probierte.

Er hatte kaum auf die Deltastation gedrückt, als eine andere Meldung den Bildschirm in hellem Grün erstrahlen ließ. „Bitte warten, ihr Tarif wird berechnet!“ Die Sanduhr tauchte wieder auf und einige Augenblicke lang geschah gar nichts. Schließlich wurde der Bildschirm blau und verkündete den Fahrpreis. Die Reise sollte 1.500 Yen kosten. Kiro wollte sich schon grinsend abwenden und Nadja holen, um ihr den verrückten Automaten zu zeigen, als ihm etwas einfiel. Er kramte in seiner Tasche und holte die Münze mit dem viereckigen Loch heraus. Unter dem Display hatte der Automat einen schmalen Schlitz. Kiro vermutete, dass er für Münzen gedacht war. Ohne weiter nachzudenken schob er die Münze in den Schlitz. Rasselnd verschwand sie in den Eingeweiden der Maschine. Ein tiefes Summen war zu hören und an der Unterseite des Automaten ging ein Licht an. Dort befand sich eine Öffnung. Klappernd fiel nun etwas heraus und landete direkt vor Kiros Füße. Er bückte sich und hob eine graue Plastikkarte auf. „Delta-Transit“ stand darauf und in kleiner Schrift auf der Rückseite war zu lesen, dass dieses Ticket nur zur einmaligen Benutzung bestimmt war.

Ein leises Knistern ließ Kiro wieder zum Automaten schauen. Das Display blinkte wie verrückt in allen Farben. Eine Meldung verkündete die Fehlfunktion des Systems und als Kiro erneut das Display berührte, hätte er sich fast verbrannt, so heiß war der Automat geworden. Unheil verkündend wölbte sich die Vorderseite des Automaten nach vorne. Kiro trat einige Schritte zurück. Keinen Augenblick zu früh, denn im nächsten Moment flog mit einem gedämpften Knall die obere Abdeckung des Automaten in die Höhe und schwarzer Qualm drang aus dem Gerät. Es hatte sich fast so angehört, als würde man eine kleine Sprengladung in einer Mülltonne zünden. Kiro machte vor Schreck einen Satz zur Seite und brachte sich hinter einer Metallsäule in Sicherheit. Nadja, die aus der Entfernung alles mitbekommen hatte, kam ihm nun leicht humpelnd entgegen. „Alles klar bei dir!?“, rief sie ihm besorgt zu. Er winkte zurück. „Ja. Ist nichts passiert.“ Kiro wartete bis sie herangekommen war. „Der dumme Automat ist nur hochgegangen.“ Wahrscheinlich war er einfach zu alt.“ „Was für ein Automat?“ Nadja sah ihn erstaunt an. Er deutete in die Ecke, wo die ausgebeulte Hülle des Automats immer noch vor sich hin rauchte. Ein beißender Gestank lag in der Luft. Grinsend hielt er die Plastikkarte hoch. „Die hier hat er vor seinem Ableben aber noch ausgespuckt!“ Kiro gab Nadja die Karte, die sie sich aufmerksam ansah. „Vielleicht bringt uns das von hier weg.“ Nadja wollte gerade etwas erwidern, aber in diesem Moment erwachte der Bahnhof zum Leben.

 

Der Zug

 

35

 

Von überall her begann es zu gedämpft zu brausen. Das Geräusch schwoll an und die Luft geriet in Bewegung. Keuchend und mit Aussetzern sprangen die Motoren der Lüftungsanlage im gesamten Bahnhofsgebäude an. Zuerst gab es hauptsächlich Verwirbelungen und Sand wurde vom Boden in die Luft gesaugt, aber als sich die Anlage komplett hochgefahren hatte, strömte eine angenehm kühle Brise durch die Halle und nach kurzer Zeit war der Geruch des Meeres völlig verschwunden. Immer wieder schepperte irgendwo ein Ventilator, aber sonst schien die Anlage noch weitgehend zu funktionieren.

Im ersten Moment, hatte Nadja sich so erschreckt, dass sie unwillkürlich nach Kiro gegriffen hatte und sich nun noch immer an ihm festhielt. Erst als auch sie erkannt hatte, was vor sich ging, entspannte sie sich und ließ Kiro los. Hier funktionierte offensichtlich doch noch mehr, als sie es auf den ersten Blick vermutet hatten. Zusammen mit der Lüftungsanlage war ein Teil der Beleuchtung wieder in Betrieb gegangen. In der Mitte über den Ticketschaltern hing eine große Anzeigentafel. Kiro hatte sie vorher nicht bemerkt, weil sie komplett schwarz gewesen war und so keine besondere Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Jetzt jedoch war dort Bewegung. Es handelte sich um keine digitale Anzeige, wie die des Automaten, sondern war eine ältere Bauart, bei der die Zeichen einzeln auf umklappenden Plättchen aufgemalt waren. Mit Klicken und Klappern drehten sich jetzt die Felder der ersten Zeile und ein wahrer Regen von Staub und Sand fiel auf die Fläche darunter. Ein Feld nach dem anderen blieb stehen bis Nadja und Kiro erkennen konnten, was dort stand. Unter dem Feld „Ziel“ war jetzt in gelber Schrift „Delta-Terminal“ zu lesen. Als zugehöriges Gleis wurde das achte angegeben und die Abfahrtszeit lautete „11.59“.

Das schien es für den Moment gewesen zu sein, denn nun war es wieder still. Nur das inzwischen etwas leiser gewordene Surren der Lüftungsanlagen war noch zu hören. Kiro blickte hinüber zum Ticketautomaten. Der Rauch hatte sich vollständig verzogen und auch der beißende Geruch war verschwunden. Er fand als erster seine Sprache wieder. „Das ist ja ganz unglaublich. Sieht fast so aus, als ob alles hier nur darauf gewartet hätte, das ich ein Ticket kaufe.“ Nadja sah ihn zweifelnd an. „Vielleicht ist hier noch jemand.“ Sie sah sich um. Noch immer umgaben sie nur Staub und alte Mauern. Nadja blickte auf den Boden. Überall, wo sie bisher gelaufen waren, hatten sie Spuren hinterlassen. Zwar war durch die Lüftungsanlage ein Teil des Sandes in Bewegung geraten und hatte so die Abdrücke etwas verwischt, jedoch konnte man sie immer noch recht gut erkennen. Außer ihren eigenen Fußspuren und denen von Kiro konnte sie aber keine anderen finden. Wenn jemand hier war, dann hatte er es geschafft sich erfolgreich verbergen. Sie wand sich zu Kiro, der noch immer das Ticket untersuchte. „Glaubst du, dass hier wirklich noch ein Zug kommt?“ „Ich weiß nicht. Aber für unmöglich halte ich es nicht. Ein paar der Gleise sehen noch recht gut aus.“ Er blickte in den Graben des ersten Gleises, an dessen Rand sie standen. Im Gleisbett wuchs das braune Gras, was sie gestern auch draußen gesehen hatten und die beiden Metallstränge der Schienen waren braun vom Rost, aber strukturell waren sie durchaus noch betriebsbereit. Die Erbauer dieses Orts hatte gute Arbeit geleistet.

Seitdem die Lüftung wieder ihren Betrieb aufgenommen hatte, war die Luft stetig trockener geworden und Nadja merkte, wie sie Durst bekam. Ihr letztes Wasser hatte sie nach dem Aufstehen getrunken. „Wollen wir uns noch weiter umschauen? Wenn tatsächlich ein Zug kommt, hören wir das ja bestimmt?“ Sie blickte fragend zu Kiro, der nur abwesend nickte. Noch immer hielt er das graue Plastikkärtchen in seiner Hand. Schließlich steckte er es ein und folgte Nadja, die auf eine Doppeltür an der Wand in ihrer Nähe zusteuerte.

Alte, rostige Scharniere hielten die beiden einstmals blauen Schwingtüren in ihrem Rahmen. In Augenhöhe befanden sich Sichtfenster, die aber mit der Zeit völlig taub geworden war. Nadja wischte den Staub von der Scheibe und blickte hinein. Außer ein paar schemenhaften Umrissen war nichts zu erkennen. Gemeinsam versuchten sie die die Türen zu öffnen, jedoch waren die Angeln vom Rost völlig blockiert. Kiro kam eine Idee und er bedeutete Nadja, kurz auf ihn zu warten. In einiger Entfernung, wo mehrere Glasscheiben aus dem Dach herabgestürzt waren, lagen auch ein paar dünne Metallstreben der feinen, baumartigen Konstruktion herum, welche die einzelnen Glassegmente gestützt hatte. Als er sich jetzt dem Bereich näherte, wo die meisten Scherben am Boden lagen, erkannte er auch die Uhrsache für den großflächigen Schaden am Dach. Inmitten der Trümmer lagen die Überreste eines Tieres. Es musste wohl einst ein großer Vogel gewesen sein, denn große, zersplitterte Knochen und ein langer Schnabel waren zu erkennen. Bis auf die Knochen und ein paar wenigen Hautfetzen war auch sonst nicht mehr viel übrig, als dass man etwas Genaueres über die Kreatur hätte sagen können. Im Schädel des Tieres befand sich ein kleines Loch. Kiro vermutete, dass man den Vogel abgeschossen hatte. Anschließend war er auf das Dach gestürzt und hatte es auf diese Weise massiv beschädigt.

Eine längere Metallstange schien Kiro gut geeignet und er hob sie auf. Sie lag kalt und angenehm in seiner Hand. Es war keine Spur von Rost an ihr zu erkennen. Die Bruchstellen machten auf ihn den Eindruck, als wären sie noch nicht besonders alt. Mit der Stange in der Hand kehrte er zu Nadja zurück. Sie erkannte gleich, was er vorhatte und während Kiro die Türen mit aller Kraft etwas auseinander zog, schob Nadja die Stange in den Spalt. Mit dem nun entstandenen Hebel gelang es ihnen endlich eine der beiden Türen zu öffnen. Die Scharniere ächzten bedenklich und als Kiro noch ein letztes Mal mit aller Kraft zog, gaben sie schlussendlich nach und brachen mit einem trockenen Knirschen ab. Die schwere Tür schwankte einen Moment und fiel dann nach innen. Nadja hatte nicht mit dem plötzlichen Nachgeben der Gelenke gerechnet, drückte die Tür jedoch geistesgegenwärtig nach vorn, sodass die Beiden außer Gefahr blieben.

Nun fiel mehr Licht in die Öffnung und sie blickten in einen kurzen Gang. Kiro ging voraus und wenig später standen sie in einem alten Warteraum. Durch schmale Fenster an der Oberseite der Wände fiel ein wenig Licht herein und erhellte den kleinen Raum spärlich. Dicht gedrängt waren an den Wänden Plastiksitze befestigt, von denen viele zerbrochen waren und manche herausgerissen auf dem Boden lagen. In der Mitte standen einige Bänke. Sie waren aus Metall gefertigt und machten noch einen recht passablen Eindruck. Auf einem Regal in der Ecke lagen unter einer dicken Staubschicht ein paar Magazine und Zeitungen. Nadja nahm eins davon in die Hand, aber das alte Papier zerbröselte ihr zwischen den Fingern. Kiros Interesse hatte ein Schaukasten an der rechten Wand geweckt. Nachdem er auch hier den Staub entfernt hatte, studierte er jetzt einen uralten Fahrplan. Detailliert waren hier die Ankunfts- und Abfahrtszeiten der Züge, sowie der jeweilige Zielbahnhof angegeben. Wie schon auf der Plakette am Eingang tauchten hier wieder die Namen Ebetaminor, Solejier und Warkandoblan auf. Sie wurden im Zusammenhang mit einer der drei Endstationen erwähnt. Am häufigsten verkehrten die Züge offenbar zur Delta- und Gammastation. Die Lambdastation tauchte nur selten auf und es fehlten jedes Mal die Abfahrtszeiten. Nur der kurze Kommentar „Auf Anfrage“ stand dahinter. Im rechten Winkel vom Eingang zweigte ein weiterer Gang vom Warteraum ab. Da es hier außer Staub und Überresten von Zeitungen nichts mehr gab, gingen Nadja und Kiro weiter. Der neue Gang teilte sich weiter vorne und sie schlugen zunächst den linken Weg ein, der sie nach wenigen Metern in einen großen Waschraum führte.

An den Wänden reihten sich Toilettenkabinen dicht nebeneinander und die Mitte des Raumes wurde von zwei Reihen Waschbecken eingenommen, die auf beiden Seiten einer Trennwand angebracht waren. Über den Waschbecken hingen Spiegel. Soweit Kiro erkennen konnte, waren die meisten noch intakt, wenn auch von Staub bedeckt. Ohne wirklich damit zu rechnen, dass etwas geschehen würde, war Nadja zum ersten Waschbecken gegangen und hatte den Hahn aufgedreht. Tatsächlich passierte im ersten Moment auch nichts. Zwar ließ sich der Wasserhahn problemlos drehen, jedoch kam kein Wasser. Nadja war schon weitergegangen, als ein gluckerndes Geräusch beide aufhorchen ließ. Es folgte ein Brummen, dass zunächst unregelmäßig, dann aber stetig von unterhalb des Waschraumes zu kommen schien. Eine Minute verstrich, ohne Veränderung, aber dann begann der Wasserhahn zu tropfen. Aus den Tropfen wurden ein dünnes Rinnsal und dann ein starker Strahl von braunem, übel riechendem Wasser. Fasziniert starrten Kiro und Nadja auf das Becken, in dem sich die Brühe sammelte. Der Abfluss kam zunächst nicht nach, sodass das Becken fast voll gelaufen war, bevor Nadja den Hahn wieder ein wenig zudrehte. Während das Wasser lief, konnte sie zuschauen, wie sich seine Farbe und Konsistenz veränderte. Die anfangs dunkle und zähe Flüssigkeit wurde allmählich heller und klarer. Nach ein paar Minuten floss dann fast völlig sauberes Wasser aus dem alten Messinghahn. Kiro hielt seine Hände unter den Strahl, schöpfte etwas von dem Wasser und roch daran. Nadja tat es ihm gleich. Bevor Kiro noch Einspruch erheben konnte, hatte sie schon einen Schluck getrunken.

Nadjas Augen wurden groß und sie schnappte nach Luft. Kiro versuchte zu ihr helfen, aber sie winkte nur ab und bekam in diesem Moment einen Hustenanfall. Als sie wieder aufsah, blickte sie in Kiros bleiches Gesicht. Sie grinste entschuldigend. „Da war ich wohl etwas zu hastig mit dem Trinken. Die Luft hier ist extrem trocken.“ Kiro war erleichtert. „Wie schmeckt es?“ „Ziemlich abgestanden, aber besser als Nichts.“ Kiro kostete selbst und anschließend füllten sie ihre Wasservorräte auf. Trotz dieser angenehmen Überraschung kam es Kiro seltsam vor, dass es hier noch Wasser gab. Nach so langer Zeit hätten die Leitungen längst schon zerstört sein müssen.

 

Ein Knistern erfüllte mir einem Mal den Raum und hallte von den Wänden wider. Das Pfeifen einer Rückkopplung und Rauschen folgten. Kiro blickte zur Decke und bemerkte einen schwarzen Kasten über dem Eingang, von dem der Lärm zu kommen schien. Der dort installierte Lautsprecher pfiff noch ein paar Mal und war dann still. Die Wasserschläuche auf dem Rücken wollten sie gerade den Raum wieder verlassen, als aus dem Lautsprecher ein Gong ertönte und eine Stimme zu sprechen begann. Sie hörte sich ähnlich mechanisch an wie die Stimme der Passwortabfrage vor Nalatajas Festung: „Delta-Transportanfrage liegt vor. Zug verfügbar und im Transit. Planmäßige Ankunft in 139 Minuten.“ Nach einem kurzen Rauschen war es wieder still. „Ist das ein schlechter Scherz?“ Nadja sah Kiro belustigt an. „Hier soll tatsächlich noch ein Zug fahren?“ Kiro nickte. „Hört sich ganz so an, aber ich glaube es auch erst, wenn ich ihn sehe.“

Sie verließen den Waschraum und gingen den Gang zurück. Diesmal bogen sie jedoch nicht wieder rechts ab zum Warteraum, sondern liefen weiter geradeaus. Je weiter sie kamen, desto größer wurden die Spuren von Zerstörung und Verfall. Der Gang befand sich in diesem Abschnitt in einem miserablen Zustand. Die Verkleidung der Decke hing herab und der Boden war schwarz, als ob hier etwas verbrannt wäre. Kiro fiel es nicht sofort auf, aber Nadja kannte ein solches Muster der Zerstörung. Es war typisch für einen Sprengsatz. Offenbar hatte sich hier vor längerer Zeit eine Explosion ereignet. Ihre Wucht hatte auf der linken Seite des Ganges einen Durchbruch zum Nebenraum geschaffen. Auch hier war alles nur spärlich beleuchtet, da die Fenster ebenso klein und verdreckt wie im Warteraum waren. Es handelte offenbar nur um eine kleine Kammer. Auf vielen Regalen standen massenhaft Dosen, Pappkartons und Flaschen herum. Für einen Menschen war der Durchbruch aber zu schmal, sodass sie zunächst dem Gang weiter folgten, in der Hoffnung einen anderen Zugang zu entdecken. Nach einigen Metern gelangten sie an das Ende des Ganges. Zwei gläserne Türen bildeten den Abschluss und über ihnen stand in gelber Schrift auf grünem Hintergrund: „Eds Kiosk“. Wie auf ein Stichwort begann Kiros Magen laut zu knurren. Zwar glaubte er nicht wirklich daran hier noch etwas Essbaren finden zu können, jedoch wäre es auf jeden Fall einen Versuch wert. Die Türen ließen sich leicht beiseite schieben und im nächsten Moment standen sie inmitten eines kleinen Ladens. Nadja trat einen Schritt vorwärts und stieß im nächsten Moment einen spitzen Schrei aus. Sie geriet ins Taumeln und wäre Kiro nicht hinter ihr gestanden und hätte sie aufgefangen, dann wäre sie mit Sicherheit gestürzt. „Was war das denn?“ „Ich bin auf irgendwas Lebendiges getreten!“ In den Raum drang wenig Licht und als Kiro den Boden absuchte konnte er kaum etwas erkennen. „Lass uns zusammen bleiben. Wenn hier Tiere leben, dann gibt es vielleicht auch irgendwo noch ein paar essbare Reste.“

Die nächsten Stunden verbrachten Nadja und Kiro damit, in dem kleinen Kiosk und den beiden angrenzenden Lagerräumen nach Lebensmitteln zu suchen. Sie öffneten Kisten, Dosen und rissen eine Packung nach der anderen auf. Die Lager waren wohl ehemals bis zum Rand gefüllt gewesen, zum Zeitpunkt als hier alles aufgegeben wurde, aber nach den Bissspuren an den Kisten hatten sich hier schon jede Menge Nagetiere ihren Bauch voll geschlagen und somit fast alle Vorräte vernichtet. Eine leere Packung nach der anderen landete auf dem Boden. Bei den Metalldosen sah es nicht besser aus. Zwar waren viele von ihnen unbeschädigt, jedoch schlug ihnen schon nach dem Öffnen der ersten ein ekelhaft, fauliger Gestank entgegen. Die meisten Dosen enthielten erstaunlicherweise nur Staub. Schon deutlich entmutigt, räumte Kiro einen Stapel leerer Kartons zur Seite, als er etwas entdeckte. An der Rückwand des Raumes, begraben unter Massen von Kartons, standen eng nebeneinander drei weiße Truhen. Außen waren sie mit Metall verkleidet und an zwei Truhen leuchtete an der Vorderseite ein grünes Licht. Kiro vermutete dass es sich um Kühltruhen handelte. Da ihnen schon vorgeführt worden war, dass im Gebäude noch Teile des Stromnetzes funktionierten, war dies noch eine Chance auf genießbare Vorräte. Der erste Versuch, eine der beiden Truhen zu öffnen, scheiterte kläglich, aber gemeinsam gelang es ihnen schließlich den schweren Deckel anzuheben.

Eine Welle eisiger Luft schlug ihnen entgegen. Die Wände der Truhe überzog eine dicke Eisschicht. Sie war bis etwa zur Hälfe mit kleinen braunen Kartons befüllt. In schwarzer Schrift waren Nummern darauf gedruckt und man konnte nicht erkennen was sich in ihnen befand. Das Herausnehmen gestaltete sich auch nicht gerade einfach, da die Kartons aneinander festgefroren waren. Nach ein paar Schlägen löste sich einer der Kartons und neugierig öffneten sie ihn. Im Inneren lagen dicht gedrängt in bunter Verpackung verschiedene Eissorten. Die einzelnen Verpackungen waren in gutem Zustand und so öffnete Kiro eines, das sich „Space-Flow“ nannte. Auf der Außenseite waren ein kleiner Roboter und ein stilisiertes Raumschiff abgebildet. Es hatte die Form eben dieses Raumschiffs und war grün. Kiro roch erst daran und probierte dann vorsichtig ein Stück. Zwar musste der Geschmack einst viel stärker gewesen sein, denn es schmeckte etwas fade, jedoch war es genießbar und würde wohl über den ersten Hunger hinweghelfen. Nadja probierte auch und so saßen sie erst einmal auf der Truhe und aßen Eis. Dies war eine leckere Abwechslung ihres Speiseplanes, allerdings wurden sie nicht besonders satt davon. So waren sie auch nicht böse darüber, keinen Vorrat mitnehmen zu konnten. Neben „Space-Flow“, „Ice-Wind“, „Planet-Jam“ und „Roller-Ball“ befanden sich in der ersten Truhe noch diverse andere Eissorten. Die zweite Truhe hingegen bot noch eine weiter kleine Überraschung. Zwar gab es auch in ihr nichts, was man als gesunde Nahrung bezeichnen konnte, jedoch fanden sie einen kleinen Vorrat an Schokolade. Das eignete sich schon besser zum Transport und füllte den Magen deutlich mehr als das Eis.

Mit ihrer mageren Beute machten sie sich schließlich auf den Rückweg. In der dritten Truhe waren nur noch faulige Kartons gewesen. Sie gingen gerade durch den Gang in Richtung des Warteraums, als sich über die Lautsprecheranlage wieder die künstliche Stimme meldete. „Achtung am Gleis 8! Zug zur Station Delta fährt in Kürze ein!“ Sie beschleunigten ihre Schritte und betraten kurz darauf wieder die Bahnhofshalle. Kiro spürte ein leichtes Vibrieren unter seinen Füßen. Der Staub auf dem Boden tanzte und vom Dach regnete immer wieder Sand herab, während sich die Vibrationen verstärkten und ein diffuses Brummen zu hören war, das sich stetig verstärkte. Nadja blickte auf das Gleis hinaus, welches sich am Horizont verlor und erkannte bald den sich nähernden Zug. Er kam mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu und jetzt sahen sie auch, dass die Strecke nicht vollkommen gerade, sondern leicht gekrümmt war. In den nächsten Minuten näherte sich der Zug soweit, dass sie erste Einzelheiten erkennen konnten. Wenig später verlangsamte er sein Tempo deutlich und fuhr schließlich in den Bahnhof ein. Mit lautem Quietschen kam er neben Nadja und Kiro zum Stehen.

Staunend betrachteten die Beiden das seltsame Gefährt, welches jetzt nur wenige Meter vor ihnen mit laufenden Motoren stand. Es war nur ein relativ kurzer Zug. Kiro zählte außer einer Lok an jedem Ende gerade mal vier Waggons. Sie waren mit reflektierendem Metall verkleidet, dass aber wohl nicht besonders dick war, denn an den Vernietungsstellen bog es sich deutlich nach innen. Das halbrunde Dach schloss sich nach einer kleinen Kante direkt an und gab dem ganzen ein überaus altertümliches Aussehen, was trotzdem nicht ganz zu dem Bahnhof passen wollte.

Die Scheiben der ovalen Fenster waren getönt und ließen keinen Blick ins Innere zu. Am Anfang und Ende jedes Waggons befanden sich verschlossene Türen. Die Loks waren mächtige, blaugraue Kolosse. Nahezu kastenförmig, überragten sie die Waggons nach oben leicht. An den Seiten hatten sie viele Schlitze aus denen warme Luft strömte und vorne befanden sich je zwei Lichterpaare. Eines war rot und das andere weiß. Kiro erinnerte sich wieder daran, dass er Bilder von ähnlichen Zügen bereits gesehen hatte, aber etwas kam ihm doch seltsam vor. Neben der Tatsache, dass beide Loks keine Fenster hatten und so ein Mensch sie unmöglich hätte steuern können, war der ganze Zug auch in einem tadellosen und auffällig sauberen Zustand. Das Metall der Außenhaut glänzte matt und er konnte nirgends auch nur eine kleine Spur von Dreck oder Schrammen erkennen. Hinten, unter den Lichtern, die gerade umgeschaltet hatten, sodass sie jetzt rot leuchteten, war mit weißer Farbe die Zahl „8803“ aufgemalt. Wie ein wartendes Monster lag der Zug ruhig da. Die Vibrationen der Loks hatten sich abgeschwächt, waren aber immer noch deutlich wahrnehmbar.

Kiro trat auf den ersten Waggon zu. Die Tür hatte keinen Griff oder anderen Mechanismus um sie zu öffnen, jedoch befand sich ein schmaler Schlitz neben ihr an der Außenwand, über dem das Symbol eines Tickets aufgemalt war. Aus seiner Tasche holte er die kleine Plastikkarte heraus, die der Automat ausgespuckt hatte und schob sie vorsichtig hinein. Bis zur Hälfte verschwand die Karte in dem Spalt. Ein summendes Geräusch ertönte und die Tür öffnete sich nach innen. Zwei Gitterstufen darunter erleichterten das Einsteigen. Behutsam zog sich Kiro hoch und stand nun im Inneren. Gedämpftes Licht erhellte einen engen Gang. Er öffnete links eine schmale Tür und blickte in das erste Abteil. Im ersten Moment war er so überrascht, dass er nur hineinstarrte, immer noch die Hand am Griff der Tür. Kiro blickte in ein vollständig ausgestattetes Zugabteil der Extraklasse. An der einen Wand waren zwei schmale Betten angebracht und gegenüber ein Tisch mit Stühlen. Auf dem Tisch stand eine kleine Lampe, die ein helles, warmes Licht verströmte. Die Wände waren überall mit dunkelroten Polstern verkleidet und alles sah sehr edel aus. Kiro untersuchte die Kabine näher und fand hinter einer Schiebetür ein winziges Bad mit Waschbecken und einer Dusche. Auch hier war alles sehr sauber und im perfekten Zustand. Kiro nahm nicht den geringsten Geruch wahr und so machte das Abteil auf ihn einen ziemlich sterilen Eindruck. Er verließ es wieder und half Nadja beim Einsteigen, die Mühe hatte, die Stufen zu überwinden. Sie hatte gerade den Waggon betreten und Kiro wollte ihr schon von der beeindruckenden Ausstattung erzählen, als hinter ihnen die Tür zuklappte. Kiro sprang zurück und wollte schon versuchen sie wieder zu öffnen, als Nadja ihn zurückhielt. „Was hast du vor? Wir können doch nirgendwo anders hin. Lass uns hier bleiben und abwarten was passiert.“ Kiro hatte die Hand schon am Griff gehabt, sah jetzt aber ein, dass Nadja Recht hatte und ließ von der Tür ab. Gemeinsam setzten sie sich in das Abteil.

Mit einem Ruck setzte sich der Zug in Bewegung. Kiro und Nadja sahen durch das Fenster den Bahnhof langsam vorbeiziehen. Wenig später glitt der Zug über den Strand hinweg und befand sich kurz darauf über den ruhigen Wellen des Meeres. Das Motorengeräusch wurde stärker und der Zug beschleunigte. Mit hoher Geschwindigkeit entfernten sie sich von der Küste, die bald nur noch als dünner Strich zu ernennen war. Hin und wieder rumpelte es leicht, wenn der Zug über ein Stützenpaar fuhr. Wie gebannt starrte Kiro hinaus auf das graue Meer. In ihm spielte sich ein Durcheinander der Gefühle ab. Wie ein Boot auf den Wellen, waren auch sie zum Spielball von Gewalten geworden, die mächtiger und unberechenbarer waren, als alles, was er sich je hatte vorstellen können. Wie sehr wünschte er sich, dass dies nur ein Traum war, aus dem er bloß aufzuwachen brauchte, jedoch saß die Gewissheit tief, dass dies die Wirklichkeit war. Es so zu akzeptieren, fiel Kiro noch immer schwer

 

Zwischenspiel

 

Läufer C-Eins nach G-Fünf. Dieser letzte Zug des Älteren hatte lähmendes Entsetzen bei dem Jüngeren ausgelöst. Wie hatte er das übersehen können? Er rief sich zu Ordnung und Konzentration auf, fand es jedoch schwierig wieder zum Spiel zurückzukehren. Mit seinen Gedanken war er an jenem Tag, als der Ältere ihm seinen Fund gezeigt hatte. Etwas war vom Himmel gefallen. Direkt beim seinem Haus. Eine Kapsel. Er hatte sie geöffnet und das herausgenommen, was sich darin befunden hatte. So unscheinbar es doch gewesen war, so groß waren die Auswirkungen gewesen, die es hinterlassen hatte. Da der Alte mit den Informationen aus der Kapsel nichts anfangen konnte, hatte er sie dem Jüngeren überlassen der bald erkannte, worum es sich dabei handelte und in den Berina-Laboren bestätigte man ihm seine Vermutung. Es waren digitale, fremdartige Erbinformationen. Er überließ den Laboren zunächst den Datenträger aus der Kapsel und verfolgte die Angelegenheit nicht weiter. Zwei Jahre später kontaktierte ihn der Leiter der Labore. Aus den Erbinformationen war es ihnen gelungen ein menschliches Wesen zu erschaffen. Als er mit dem kleinen Mädchen bei dem Älteren aufgetaucht war, hatte dieser große Bedenken gehabt. Mit der Zeit gewann er sie aber lieb. Das Kind sah aus wie ein normaler Mensch, jedoch sprachen die Erbinformationen eine andere Sprache. Um es in einer normalen Umgebung aufwachsen zu lassen, wurde beschlossen, dass der Ältere sich um es kümmern sollte. Er gab dem Mädchen den Namen Natascha und nahm sie bei sich auf. Seine eigenen Kinder hatten das Haus längst verlassen und so freute er sich über die neue Aufgabe. Der Jüngere kam oft vorbei und besuchte die beiden. Natascha Chantalos wuchs zu einer wunderschönen jungen Frau heran in die sich der Jüngere bald verliebt hatte.

Läufer F-Acht nach E-Sieben.

 

Der Schatten

 

Den Schatten quälten Schmerzen.

Die Beiden, die er verfolgte, hatten sich verbunden. Er konnte jenes Band spüren welches sie nun vereinte. Die Kraft, die davon im Raum zwischen den Ebenen freigesetzt wurde, war unerträglich. Außerdem kamen sie schneller voran, als er vermutet hatte. Das alte Transitsystem hätte längst nicht mehr funktionieren dürfen. Irgendwie war es ihnen gelungen es wieder in Betrieb zu nehmen. Ihm kamen das erste Mal Zweifel. Sollte er Kontakt mit der Quelle aufnehmen? Der Eindruck wurde immer stärker, dass ihm etwas verschwiegen worden war. Hatte sie ihn betrogen? Fragen schwirrten durch seinen Geist, während er zwischen die Welten reiste, auf dem Weg zu Ebetaminor. Einerlei. Er würde sie vernichten und dann selbst frei sein! Er schritt durch eine Tür und stand am Strand des Meeres. Einige Meter über ihm lief auf einer Stützkonstruktion das Gleis landeinwärts. In der Ferne sah er die Umrisse des Bahnhofs am Rande der Stadt. Sein Geist kam langsam zur Ruhe. Er würde sich in Geduld üben und warten. Grinsend begann er in seiner unmittelbaren Nähe die Träger zu manipulieren. Er würde ihnen einen warmen Empfang bereiten. So warm wie frisches Blut.

 

36

 

Die Stunden zogen sich endlos dahin. Unter ihnen war noch immer nichts als Wasser. Um sich die Zeit zu vertreiben, waren Nadja und Kiro nach ihrer Abfahrt noch eine Weile im Zug umhergestreift. Ihr Waggon bestand aus 8 Abteilen, die alle vollkommen identisch eingerichtet waren. Ebenfalls gemeinsam hatten sie eine akribische Sauberkeit, die Kiro schon beim Betreten des ersten Abteils aufgefallen war. Ein schmaler Gang befand sich an der rechten Außenseite des Waggons, durch den sie bis zu seinem Ende gehen konnten. Am Ende gab es keinen Durchgang, sodass ein Umstieg zu einem der anderen Waggons unmöglich war. Keins der dunkel getönten Fenster ließ sich öffnen, aber durch Lüftungsschlitze an der Decke strömte ständig frische Luft herein. Kiro probierte das Bad aus und war nicht überrascht, als auch hier kristallklares Wasser aus dem Hahn strömte. Als er es Nadja erzählte, war sie gleich bereit, die Dusche einem näheren Funktionstest zu unterziehen.

Während Nadja duschte, entdeckte Kiro neben dem Tisch in der Wand eine Klappe mit Griff. Als er sie aufzog, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen. Er blickte direkt in einen kleinen Kühlschrank, der bis zum Rand mit Lebensmitteln gefüllt war. Von Brot über Wurst bis hin zu Milch und ein wenig Gemüse stand alles für ein leckeres und vor allem gesundes Essen bereit. Noch mehr als das pure Vorhandensein überraschte ihn das frische Aussehen der Lebensmittel. Dies war genau das, was sie beide jetzt brauchten. Um Nadja zu überraschen richtete er den Tisch schnell für eine Mahlzeit her. In einem weiteren Fach fand er sogar ein paar Teller und Messer. Kiro schlüpfte kurz aus ihrem Abteil, welches das Erste im Waggon war und sah in den anderen Kabinen nach, ob auch dort ein gefüllter Kühlschrank zu finden war. Er ging in jedes Abteil hinein und fand auch dort die kleinen Kühlschränke, jedoch waren sie alle leer. Es sah ganz so aus, als hätte jemand gewusst, dass in diesem Waggon nur Nadja und Kiro reisen würden. Als er in ihr Abteil zurückkehrte, kam Nadja gerade aus dem Bad. Sie staunte nicht schlecht, als sie das ganze Essen sah. Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch, wobei Kiro auffiel, wie leicht es Nadja schon wieder fiel sich zu bewegen und ließen es sich schmecken. Sie aßen langsam und genossen jeden Bissen. Das Brot schmeckte köstlich und schien Kiro das Beste zu sein, was er jemals gegessen hatte. Nur noch die frische Milch schien dies noch zu übertreffen. Keiner von ihnen hatte in seinem Leben schon einmal etwas so intensiv wahrgenommen, wie dieses Essen.

Als sie fertig waren, war immer noch einiges übrig und nachdem Kiro die Reste wieder im Kühlschrank verstaute hatte, setzte er sich auf das untere der beiden Betten, und genoss seinen vollen Bauch. Eine große Müdigkeit überkam ihn. In den letzten Tagen hatte er nicht viel Schlaf abbekommen und das machte sich jetzt bemerkbar. Viel mehr als zu warten, konnten sie im Moment sowieso nicht tun. Nadja war im Bad verschwunden und kam gerade wieder heraus. Sie hatte den Verband um ihr Bein abgenommen und der verletzte Arm ruhte nur noch in einer Schlinge um ihren Hals, die sie aus den alten Verbänden gemacht hatte. Ihre Haare hatte Nadja nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. So frisch geduscht und mit ihren leuchtenden Augen war sie für Kiro das Wunderschönste, was er je gesehen hatte. Sie strahlte Leben und Frische aus, so wie er es bisher bei keinem anderen Menschen wahrgenommen hatte. Sie lächelte ihm zu und kam herüber. Immer noch vorsichtig, darauf bedacht ihr Bein zu schonen, setzte sie sich zu ihm. Sie küssten sich. Nadja nahm vorsichtig Kiros Arm und kuschelte sich eng an seine Seite. Beim gedämpften Rumpeln des Zuges und der angenehmen Wärme, die sie sich gegenseitig spendeten, waren sie bald eingeschlafen.

 

Nadja und Kiro träumten.

Sie standen beide in einer großen Turnhalle. Unter ihren Füßen befand sich ein Holzboden, der so aussah, als ob er bei jedem Schritt knarren würde. Bunte Linien waren auf ihm aufgemalt. An der linken Seite der Halle befand sich eine kleine Tribüne. Sie war leer. Durch große Dachfenster drang das Licht eines Spätnachmittages in den Raum und in den dicken Lichtstrahlen tanzte Staub. An den Enden der Halle hingen Basketballkörbe an grünen Metallgestellen. Unter einem der Körbe lag einsam der Ball. Kiro, der Nadja an der Hand hielt, wand sich um. Eine blaue Doppeltür führte aus der Turnhalle hinaus. Sie war angelehnt. Schritte kamen näher. Er blickte zu Nadja. „Hast du Angst?“, fragte er sie. Nadja schüttelte den Kopf. „Jetzt nicht mehr.“ Sie drückte leicht seine Hand und ihr Lächeln vertrieb seine letzten Bedenken. Die Schritte waren an der Tür angelangt und verharrten kurz. Mit einem kurzen Quietschen öffnete sich eine der beiden Türen und jemand kam herein. Zuerst mussten sie ihre Augen beschirmen, da die Person von einem hellen Lichtkranz umstrahlt wurde. Als der Glanz nachgelassen hatte und sie wieder etwas sehen konnten, erblickten sie einen Mann, der ihnen gegenüber, auf seinen Stock gestützt, stand. Er trug ein hellblaues Hemd und eine weite, schwarze Hose. Auf seinem Kopf saß schief ein alter Strohhut und auf der großen Nase thronte eine dunkle Sonnenbrille, die er im nächsten Moment abnahm. Seine dunkelblauen, von Falten umrandeten Augen blickten sie freundlich an. Er räusperte sich kurz und begann dann mit seiner rauchigen Stimme zu sprechen: „Seid gegrüßt! Ich freue mich euch wieder zu sehen.“ Nadja und Kiro blickten sich erstaunt an. Keiner von beiden hatte den alten Mann schon jemals vorher zu Gesicht bekommen. Dieser winkte ab. „Schon gut, wahrscheinlich könnt ihr euch nicht mehr daran erinnern, aber wir sind uns früher schon begegnet. Jedenfalls kenne ich euch beide, seit eurer Kindheit. Ich habe immer gehofft, dass ihr so weit kommen würdet, aber wenn ich ehrlich bin, dann habe auch ich etwas gezweifelt. Vor allem in letzter Zeit. Der Widerstand ist groß und eure Prüfungen schmerzhaft.“ Er deutete auf Nadjas Arm. „Das wird bald wieder gut sein, aber da ist noch mehr. Ebetaminor erwartet euch bereits und euer Verfolger ist euch voraus.“ Er griff in seine Tasche und holte eine Taschenuhr hervor, die Kiro bekannt vorkam. Nach einem schnellen Blick darauf war sie auch schon wieder verschwunden. „Ich bin hier um euch zu warnen. Die Quelle hat mich zu euch geschickt um das Gleichgewicht zu wahren. Ihr müsst sehr wachsam bleiben. Der Gegner bereitet für euch eine Falle vor. Ich weiß nicht wo und wann er zuschlagen wird, aber es wird sicher sehr bald geschehen. In Kürze erreicht ihr die Zwischenstation. Ihr werde dort Mittel finden um euch für eine gewisse Zeit zu schützen.“ Er machte eine kurze Pause und setzte seine dunkle Brille wieder auf. „Denkt daran, dass die größte Stärke aus eurer Verbundenheit entsteht. Knüpft das Band zwischen euch enger und tretet ihm als Einheit gegenüber.“ Er ging zur Tribüne hinüber und setzte sich in halber Höhe auf eine Holzbank. „Und nun entschuldigt mich, ich muss unbedingt dieses Spiel sehen.“ Noch bevor Kiro den Mund zu einer Frage öffnen konnte, war der Raum mit einem Schlag voller Menschen. Sie saßen überall auf der Tribüne. Von allen Seiten schrie und lachte es. Die Halle war mit Luftballons und Girlanden geschmückt und große Transparente hingen an den Wänden. Es sah so aus, als ob hier demnächst ein Basketballspiel stattfinden sollte. Im Gedränge der Tribüne konnte Kiro den alten Mann nicht mehr erkennen und in diesem Moment flog die blaue Doppeltür der Halle mit einem Schlag auf. Die Spieler kamen unter dem Gejohle der Menge auf das Spielfeld gelaufen. Niemand schien von Nadja und Kiro, die in der Mitte des Feldes standen, Notiz zu nehmen. Wie gebannt starrte sie auf die durchtrainierten Sportler, die sich dem Publikum präsentierten. Einer der Spieler hatte den Ball vom Boden aufgehoben und holte nun für einen Wurf aus. Wie in Zeitlupe schien sich der Ball durch die Luft zu bewegen. Er flog direkt auf Kiro zu. Immer größer wurde die orange Kugel des Basketballs, bis es um Kiro herum völlig dunkel wurde. Eine Stimme hallte durch die Nacht, aber er verstand nicht, was sie sagte. Nadja hingegen schon.

 

Wie lange sie geschlafen hatte, wussten Beide nicht mehr, nachdem sie aus einem angenehmen und erholsamen Schlaf aufgewacht waren. Nadja erzählte Kiro bald von ihrem Traum, der ihr in fast jedem Detail noch einfiel und sie war kaum überrascht, dass Kiro haargenau das Selbe geträumt hatte. „Was glaubst du wird uns erwarten?“ Nadja sah Kiro fragend an. „Ich bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass wir uns auf Einiges gefasst machen müssen. Nachdem er die letzte Chance nicht genutzt hat dich zu töten, wird er diesmal gründlicher vorgehen wollen.“ Nadja war bei Kiros letzten Worten noch enger an ihn gerückt und ihr Griff um seinen Arm war nun schon fast schmerzhaft. Ihr Blick glitt aus dem Fenster nach draußen und ihr wurde bewusst, dass sich etwas verändert hatte. Der Zug wurde langsamer.

 

37

 

Sie hatten sich ein Stück vom Ausgang des Tunnels entfernt und standen jetzt inmitten der Lichtung auf einer Kreuzung. Ein alter Wegweiser aus Holz war in die Erde gerammt und kleine Holztafeln an dem von Flechten bedeckten Pfahl angebracht. Die Beschriftung, einst wohl mit dunkler Farbe aufgemalt, war längst abgeblättert. Nur noch ein paar Striche waren zu erkennen, die man aber nicht mehr entziffern konnte. Der Weg geradeaus schien in einen Ort zu führen, dessen Name wohl „Brae“ lautete. Unschlüssig standen sie da und wussten nicht recht, wohin sie sich wenden sollten. Immer noch saß der Schock tief, Wartins verloren zu haben und so hatte es niemand wirklich eilig mit der Entscheidung, wie es weitergehen sollte. Der Weg nach Brae schlängelte sich vor ihnen zwischen den Bäumen hindurch und schien von den Dreien der am besten ausgebaute zu sein. Die Wege zu ihrer Rechten und Linken waren eher Trampelpfade und schienen auch schon lange nicht mehr begangen worden zu sein. Das Gras hatte sich das Terrain schon weitgehend wieder zurückerobert und an der Baumgrenze verschwand der Pfad im Unterholz. Nur unterschwellig registrierte der Stille, dass das Gras um den Wegweiser herum ziemlich herunter getreten war. Vor kurzem musste jemand hier gewesen sein.

Auf einmal löste sich der Junge von der Hand des Stillen und trat zum Wegweiser. Er kniete sich auf den feuchten Boden und legte die Hand auf eine Stelle des Holzes knapp oberhalb der Grasnabe. Minutenlang verharrte er so. Schließlich stand er auf und wand sich den drei Männern zu, die ihn fasziniert beobachtet hatten. Mit einer lauten und erstaunlich klaren Stimme begann er die ersten Worte zu sprechen: „Ihr braucht euch nicht zu sorgen. Euer Freund ist nun auf einer anderen Ebene, nahe der Quelle, aus der alles entspringt. Wir müssen uns jetzt nach Brae wenden. Dort werden wir herausfinden wie wir zum zweiten Wächter gelangen können. Ich werde euch führen, so weit ich es vermag.“ Martin wirkte fast erschrocken darüber, dass der Knabe soeben das erste Mal gesprochen hatte. „Wer bist du und woher weist du das alles?“ Seine Stimme glich jetzt eher einem Flüstern. Der Knabe schüttelte den Kopf. „Deine Fragen helfen dir nicht weiter. Habe Vertrauen. Ich weiß, dass dir das schwer fällt, aber es ist der einzige Weg zu überleben.“ Er drehte sich um und ging ein paar Schritte entlang des Weges. „Beeilt euch, der Regen wird bald stärker werden.“ Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ging er weiter.

Der Stille folgte ihm als Erster und dann schlossen sich auch Martin und Mugh an, wobei dieser ständig ängstlich nach hinten blickte. Er hatte das unbestimmte Gefühl, als ob sie verfolgt würden, schob das aber auf seine Übermüdung. Sie hatten noch nicht lange den Waldrand hinter sich gelassen, als es begann in Strömen zu regnen. Die Tropfen prasselten auf die Blätter der Bäume. Unter ihren dichten Kronen blieben sie jedoch weitgehend geschützt. Der Pfad führte tiefer in den Wald. Hier standen die Bäume immer dichter und es wurde stetig dunkler. Der Waldboden war übersäht mit abgefallenem Laub zwischen dem sich immer wieder kleine Bäumchen nach oben reckten, in der Hoffnung auf etwas Licht. Der Junge lief einige Schritte vor dem Stillen. Martin hielt unbewusst ständig Ausschau nach Bewegungen im Unterholz, so als erwarte er einen Angriff. Das Gelände war höchst unübersichtlich und kaum zu überblicken.

Der Regen nahm immer noch an Intensität zu und bald waren sie trotz des Blätterdachs über ihnen fast völlig durchnässt. Die warmen Mäntel hatten sich voll gesogen und gewährten kaum mehr Schutz. Wäre die Luft nicht noch immer so warm gewesen, hätten sie sicher gefroren. Der Waldboden federte weich unter ihren Schritten und sie kamen zügig voran, wobei der Junge ein strammes Tempo vorgab. Mehrfach mussten sie umgestürzten Bäumen ausweichen, die sich über den Weg gelegt hatten. Es sah so aus, als ob sie von einem Sturm oder einer anderen Naturgewalt aus dem Boden gerissen worden waren.

Nach einigen Stunden zu Fuß, erreichten sie eine kleine, hinter Bäumen versteckte, Hütte. Sie war nach vorne hin offen und machte einen ziemlich alten und verwahrlosten Eindruck. Das Tageslicht war bereits deutlich schwächer geworden und der Junge verkündete, dass sie die Nacht hier verbringen würden. Mit Gras und Moosen polsterten sie sich den feuchten Boden ein wenig aus und bauten sich so ein bescheidenes Lager. Der Junge verschwand kurz im Wald und Martin hatte sich nichts weiter dabei gedacht, aber als er mit einigen trockenen Ästen zurückkam, aus denen er ein kleines Feuer baute, war er doch erstaunt. Die dicken, weißen Baumpilze, die hier an vielen toten Bäumen wuchsen, benutzte er als Zunder und mit zwei Steinen entzündete er schließlich das Feuer. Dicht gedrängt saßen sie dann bis in die Nacht hinein zusammen. Viel wurde nicht gesprochen und als der Regen endlich etwas nachließ, gingen sie schlafen. In dieser Nacht ruhte Martin kaum. Jedes Knacken ließ ihn aufhorchen und das unaufhörliche Geräusch vereinzelter Regentropfen machte ihn fast wahnsinnig. Die Kälte kroch ihm in die Glieder nachdem das Feuer heruntergebrannt war. Das erste Mal seit Langem empfand er wieder Gefühle der Einsamkeit und Angst. Irgendwann setzte der Regen wieder ein und Martin fiel in einen unruhigen und traumlosen Schlaf.

 

Zwischenspiel

 

Das Spiel begann den Älteren zu langweilen. Er spürte, dass sein Gegenüber nicht mehr voll konzentriert war und an etwas anderes dachte. Was das war, konnte er sich nur zu gut vorstellen. Wenn er an Natascha dachte, und welche Freude sie in sein Leben gebracht hatte, dann kehrten alte Gefühle zurück und der Schmerz war überwältigend. Seine Frau war viele Jahre zuvor gestorben und als das kleine Mädchen bei ihm aufgetaucht war, hatte er erst eine unerklärliche Angst verspürt, aber sein Mitleid war schließlich größer gewesen, sodass er dem Vorschlag des Jüngeren zugestimmt hatte, sie bei sich aufzuziehen. Zu behaupten, dass sie ihm mit der Zeit nur ans Herz gewachsen war, wäre eine Untertreibung gewesen. Die Bindung zwischen ihnen hatte etwas Magisches und Unerklärliches gehabt. Später, als ihm die Arbeit in Haus und Garten immer schwerer gefallen war, half sie ihm treu. Obwohl von Natur aus eher zierlich, waren ihre Kraft und ihr Wille stets ungebrochen. Als er von der Beziehung zu dem Jüngeren erfahren hatte, war sein Zorn unbändig gewesen. Die Gefühle hatten die Überhand gewonnen und als er den Jüngeren zur Rede stellte, kam es zu einem Handgemenge. Das Einzige, woran er sich noch erinnerte, war das schmerzverzerrte Gesicht seines einstigen Freundes, als das Messer zwischen dessen Rippen steckte und sich das rote Blut auf dem Boden langsam ausbreitete. Der Blick, als der Jüngere schließlich starb war ein Bild das sich für Ewigkeiten in seinen Geist eingebrannt hatte. Er unternahm keinen Versuch seine Tat zu verbergen. Natascha erfuhr erst einige Tage später davon, als er abgeholt wurde. Es war das letzte Mal, dass er sie sah. In ihren Augen standen Tränen und die Verzweiflung in ihrem Blick erschütterte ihn zutiefst. Zusammen mit seinem Freund hatte er auch das, was er von Herzen liebte und eigentlich nur beschützen wollte, endgültig verloren. Zu seiner Verhandlung kam sie nicht und als schließlich bei der Urteilsvollstreckung sich seine Augen für immer schlossen, war ihr Gesicht das letzte, was er vor seinem geistigen Auge erblickte. Jedoch ist der Tod niemals das Ende. Er ist der Anfang von etwas Neuem. Ruhig führte er seinen Zug aus: Bauer von G-Zwei nach G-Vier.

 

Der Schatten

 

Zufrieden betrachtet der Schatten sein Werk. Es schien ihm gelungen und würde bestimmt gut funktionieren. Die Stadt erreichten sie so niemals, dafür hatte er Sorge getragen. Er erhob sich in die Luft und ließ sich vom Wind in Richtung Westen treiben. Noch immer bestand keine Veranlassung zur Eile. Den Zug würde er früh genug hören. Immer näher kam er der Stadt. Die Spuren der Verwüstung waren bereits in den Außenbezirken unübersehbar. Seit etwa 5000 Jahren hatte kein menschliches Wesen diese Ruinen mehr betreten. Die Krater der Nuklearwaffen hatten sich tief in den felsigen Untergrund gegraben. Wie ein Mahnmal erhob sich die mythische Stadt auf dem Hügel. Ihr Name war längst in Vergessenheit geraten und die Ratten, die in den letzten Jahren wieder hierher zurückgekehrt waren, interessierten sich nicht für die Vergangenheit. In ihren kleinen, schwarzen Augen war es nur ein großer Spielplatz. Für die Menschen, die hier gelebt hatten, war es ihre letzte Ruhestätte geworden. Der Schatten erinnerte sich daran, dass hier einst 35 Millionen Menschen gelebt hatten. Das Einzige was die Zeit übrig gelassen hatte, waren Maschinen. Der größte Teil befand sich unter der Stadt und manche von ihnen funktionierten auch noch. Gelegentliches Ticken wies auf vereinzelte Aktivitäten hin. In der Mitte der Stadt, die sich von hier aus bis zum Horizont erstreckte, stand der Turm. Die Spitze lag in einem Trümmerhaufen an seinem Fuß und nur noch sein Rumpf ragte steil empor. Näher als bis auf einige Hundert Meter konnte sich der Schatten ihm nicht nähern. Auch wenn dies nur noch eine Ruine war, so hatte die Macht des Solejier nichts von ihrer Kraft eingebüßt. Bis hierher durfte er sie in keinem Fall vordringen lassen.

 

38

 

Sie erreichten Brae am Nachmittag des folgenden Tages. Nachdem sie früh am Morgen aufgebrochen waren, hatte sich der Wald bald gelichtet. Der Pfad ging außerhalb des Waldes in einen breiteren Weg über und führte sie an ersten, frisch umgegrabenen Feldern vorbei. Auf manchen wuchsen bereits kleine Pflanzen. Die Gegend wies stetig mehr Anzeichen einer nahen Siedlung auf und gegen Mittag konnten sie die rauchenden Kamine eines Dorfes erkennen. Es schmiegte sich an einen Hang unterhalb dessen sich ein kleiner Fluss durch das Tal schlängelte. Ein massiver Palisadenzaun umgab eine Gruppe von vielleicht zwanzig oder dreißig Gebäuden, die nur von einem Kirchturm überragt wurden. Ohne eine Ahnung, was sie erwarten würde, betraten sie durch das weit offen stehende Tor das Dorf. Keine Menschenseele begegnete ihnen. Der Rauch, den sie aus der Ferne gesehen hatten, stammte tatsächlich aus den gemauerten Schornsteinen der Steinhäuser, aber offenbar versteckten sich die Bewohner vor ihnen. Die Straßen und Gassen waren leergefegt. Vom Tor führte ein gepflasterter Weg direkt zu einem Platz in der Mitte der Siedlung. Hier befand sich auch die Kirche. Alle Gebäude waren einfach und zweckmäßig gestaltet. Hinter keinem der Fenster, an denen sie vorbeikamen konnten sie jemanden erkennen oder ein Licht brennen sehen. In der Mitte des Platzes befand sich ein großer, überdachter Brunnen. An einer Eisenstange quer über seine Öffnung baumelte ein Eimer im Wind. Martin überkam ein seltsames Gefühl. Er kam sich wie in einer Geisterstadt vor.

Der Junge hatte sich von ihnen entfernt und ging auf den Eingang der Kirche zu. Er stieg die wenigen Stufen zum Tor hinauf und drehte sich dann um. Mit den Händen am Mund rief er laut: „Ihr Bewohner von Brae. Kommt aus euren Verstecken heraus. Wir sind Reisende auf dem Weg zum fernen Solejier und wollen euch nichts Böses tun.“ Erst tat sich nichts, aber dann traten zwei junge Männer vorsichtig aus dem Schatten eines Hauses und kamen langsam auf den Brunnen zu. Der Eine hatte eine spitze Mistgabel in der Hand und der andere war mit einer Stange bewaffnet. Nach und nach kamen immer mehr Bewohner von allen Seiten zwischen den Häusern hervor und bald hatte sich ein enger Kreis um die Neuankömmlinge gebildet. Der Junge war zu ihnen zurückgekehrt und hatte wieder die Hand des Stillen ergriffen. So wirkte er wie ein ganz normales Kind bei seinem Vater. Die Menge kam zu Stillstand. Niemand sprach auch nur ein einziges Wort. Ein kräftiger Mann mit dichtem, schwarzem Haar trat in diesem Moment nach vorne. Er musterte die vier seltsamen Gestalten. „Was wollt ihr in unserem Dorf?“ Martin räusperte sich. „Wir hatten gehofft bei euch Unterkunft und ein wenig Essen zu bekommen. Seit Tagen haben wir nichts Richtiges mehr gegessen und sind müde vom Wandern. Uns wurde erzählt, dass ihr den Weg zu Solejier kennt.“ Als Martin diesen Namen erwähnte, schien es ihm, als würde sein Gegenüber kurz zusammenzucken. Er ließ sich jedoch nichts weiter anmerken und fuhr fort. „Womit könnt ihr Essen und Unterkunft bezahlen? Wir leben nicht im Überfluss und können euch nichts schenken.“ Martin ließ den Kopf sinken. Ein Blick zu seinen Freunden bestätigte ihm, dass auch sie nichts mehr von Wert besaßen. Dem Mann entging das nicht und er wandte sich zu einer Frau, die neben ihm stand. Sie trug ein einfaches, braunes Kleid und hatte eine Haube auf dem Kopf, die ihr Haar bedeckte. Die Beiden wechselten einige Worte und dann wandte sich der Mann wieder Martin zu. „Könnt ihr arbeiten? Wir haben immer etwas zu tun auf unseren Feldern oder im Dorf. Wenn ihr uns tatkräftig unterstützt, dann könnt ihr bei uns schlafen und an den Mahlzeiten teilnehmen.“ Martin brauchte nicht lange zu überlegen um dem Angebot zuzustimmen. Zwar waren sie alle erschöpft von den Strapazen, die hinter ihnen lagen, doch schien ihm das ein faires Angebot zu sein, was sie unmöglich ausschlagen konnten. Er hielt dem Bärtigen seine Hand entgegen. „Wir nehmen euer Angebot an. Mein Name ist Martin.“ Der Mann schien kurz zu zögern, nahm dann aber Martins Hand und schüttelte sie kurz. „Ich bin Thomas, der Bürgermeister von Brae. Dies ist meine Frau Stella.“ Ein Raunen ging durch die Menge. „Ihr seht tatsächlich recht hungrig aus. Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten. Kommt in mein Haus und ruht euch aus. Bald gibt es Abendessen und ihr könnt euch stärken.“ Er hob die Hand und die Umherstehenden bildeten eine Gasse durch die sie den Kreis verlassen konnte. Thomas ging ihnen voraus zu einem der größeren Häuser am Rande des Platzes. Hinter ihnen begann sich die Menge wieder zu verlaufen und als Martin zurückblickte, standen nur noch vereinzelt Menschen herum, die sich leise unterhielten.

 

39

 

Ein gedämpfter Gong drang mit einem Mal aus versteckten Lautsprechern. Unmittelbar darauf folgte die freundlich klingende Stimme einer Frau, die sie darüber informierten, dass der Zug in wenigen Minuten an einer Zwischenstation halten würde um Treibstoff aufzunehmen. Kiro und Nadja blickten wie gebannt aus dem Fenster, konnten aber, außer Wasser, nichts erkennen was einem Bahnhof oder Land auch nur im Entferntesten gleichkam. Erst als Kiro das Abteil verließ und auf den Gang hinaustrat, erkannte er warum der Zug seine Geschwindigkeit verringert hatte. Unmittelbar vor ihnen lag eine kleine Insel, zu der das Gleis führte. Es war eigentlich nicht viel mehr als ein Felsen, der sich senkrecht aus dem Meer erhob und gerade so groß war, dass ein kleiner Bahnhof mit einem einzigen, winzigen Gebäude darauf Platz fand. Nur einige Meter nach den Außenwänden des Bauwerks fiel der Felsen senkrecht zum Meer hin ab. Es hatte leicht zu regnen begonnen, und das spitze Dach der Zwischenstation spiegelte matt das Grau des Himmels. Ihre Geschwindigkeit war inzwischen auf ein Minimum zurückgefallen und langsam fuhren sie in den Bahnhof ein um kurz darauf vollständig zum Stehen zu kommen.

Vor Kiro lagen die dunklen Umrisse der Station. Zwei schwache Lampen erhellten das Innere eines quadratischen Raumes, der etwa 10 Meter in jeder Richtung maß. Der Regen wurde stärker und bald schon war alles von einem nassen Film bedeckt. Im überdachten Bereich drängte sich ein kleiner Kiosk in die Ecke und auf der gegenüberliegenden Seite schienen sich Toiletten zu befinden. Kiro war unschlüssig, ob sie aussteigen sollten. Er hatte keine Vorstellung, wie lange sich der Zug hier aufhalten würde. Wenn sie einmal hier festsaßen, wäre ein Entkommen wohl kaum mehr möglich. Einen Ticketschalter oder Automaten konnte er auch nicht erkennen. Nadja war inzwischen aus dem Abteil gekommen und blickte durch die dunklen Scheiben nach draußen, auf denen die Regentropfen ihre Spuren hinterließen. Sie legte Kiro die Hand auf den Arm. „Lass und aussteigen. Der Zug wird warten.“ Seine Neugierde überwand schließlich die Zweifel.

Die Tür des Waggons stand offen und kühle, salzige Luft wehte herein. Ein kleines Dach erhob sich über ihnen, jedoch blies der Wind den Regen durch alle Ritzen und Öffnungen herein. Ein Gitter an beiden Enden des Bahnsteiges bildete einen schwachen Schutz vor dem Abgrund dahinter. Kiro schätzte die Entfernung zum Wasser auf mindestens 10 Meter ein. Unten brachen sich die Wellen an scharfkantigen Felsen. Ein Sturz in diese Fluten würde einem Todesurteil gleichgekommen. Alle Oberflächen hier waren von einer feinen Salzkruste bedeckt, die sich rau und spröde unter ihren Händen anfühlte. Der Boden, der aus einzelnen Metallplatten bestand, war dagegen von einem Algenfilm überzogen und äußerst rutschig. Auf dem kurzen Weg zum Bahnhofsgebäude wäre Nadja beinahe gestürzt, aber Kiro fing sie im letzten Moment auf. Unter dem Dach war es weitgehend windgeschützt und trocken. Noch einmal nahm der Regen an Stärke zu. Ein metallisches Geräusch ertönte hinter ihnen. Kiro wand sich zum Zug um, der still auf dem Gleis stand. Von der Bahnsteigüberdachung senkte sich langsam aus einer Luke ein dünnes Rohr auf die vordere Lock herab. In dem Moment, als es die Lock erreicht hatte, sprang jaulend ein Motor an. Kiro vermutete, dass nun Treibstoff in den Zug gepumpt wurde.

Der Raum, der nun vor ihnen lag, war fast leer. Außer dem Kiosk zu ihrer Rechten und den zwei Türen zu den Toiletten lagen nur zwei umgekippte Bänke in einer der hinteren Ecken. Die Witterung schien ihnen arg mitgespielt zu haben, denn das Holz sah dunkel und morsch aus. An der Wand neben dem Kiosk war eine Schalttafel angebracht, die leise vor sich hintickte und auf der seltsame Lichter leuchteten. Zeiger gaben rätselhafte Werte an. Kiro sah sich das genauer an und stellte fest, dass eine der Skalen Litern angab. Der Zeiger stand auf einem sehr niedrigen Wert und senkte sich langsam. Noch während Kiro dort stand und die Anzeige beobachtete, leuchtete eine rote Lampe auf. Offenbar waren die eingelagerten Treibstoffvorräte fast erschöpft. Nadja war zum Kiosk gegangen und rief Kiro nun zu sich. Eine kleine Öffnung in Brusthöhe ließ den Blick in einen winzigen Raum zu, an dessen Wänden Regale angebracht waren. Hier häuften sich Zeitschriften, Reste von Lebensmitteln und allerlei andere Dinge, von denen die meisten im Halbdunkel kaum zu erkennen waren. Eine Sache aber fesselte ihre Aufmerksamkeit sofort. Links auf einem Regal, nahe der Öffnung durch die sie beide blickten, stand ein kleiner, bunter Karton. Er war schräg aufgeschnitten und in ihm lagen, fein sortiert und ohne die geringste Spur von Staub oder Verfall, verschiedene eingeschweißte Spielzeuge. Oben auf dem Karton stand in grün und rot der Schriftzug: „Kidz-Fun-Games“. In drei verschiedenen Varianten reihten sich die Spiele vor ihnen auf. „Alien-Schleim“, „Inviz-Net“ und „Laser-Gun“ war in bunt verzierter Schrift auf die Verpackungen gedruckt.

Ein breites Grinsen legte sich über Kiros Gesicht. Nadja zog die Stirn in Falten. „Spielzeug?“ Mehr sagte sie nicht dazu. Kiro lehnte sich durch die Öffnung und holte den Karton samt Inhalt heraus. Zuerst riss er die Verpackung des Alienschleims auf. „Ich kenne so was von früher. Als ich ein Kind war, haben wir mit dem Schleim „Jagd auf Aliens“ gespielt und wahre Schlachten mit dem Zeug ausgetragen.“ Nadja sah Kiro immer noch ziemlich skeptisch an. Seine Augen hatten zu leuchten begonnen und er öffnete vorsichtig die kleine Blechdose, die in der Verpackung gewesen war. Ein glibberiger, grünlicher Schleim kam zum Vorschein. Kiro holte ihn heraus und begann damit ihn in seiner Hand zu kneten. Plötzlich holte er aus und warf den Schleim quer durch den Raum an eine der beiden Toilettentüren. Ein riesiger hellgrüner Fleck prangte nun auf der Tür. Das ganze sah ziemlich eklig, jedoch eigentlich ziemlich harmlos aus. Kiro wollte gerade zur Tür gehen und den Schleim wieder entfernen, als etwas Seltsames geschah. Der Schleim begann sich zu bewegen. Erst ganz langsam und dann immer schneller breitete er sich über die ganze Tür aus. Innerhalb weniger Sekunden hatte er sie vollständig eingehüllt. Kleine Rauchfahnen stiegen auf und der Gestank von verbranntem Plastik erfüllte den Raum. Vor ihren Augen begann sich die Tür aufzulösen. Mit einem Knacken fiel sie aus den Angeln und landete polternd vor ihren Füßen. Sie rauchte immer mehr und schrumpfte zusammen, als würde sie von einer unsichtbaren Faust zusammengequetscht. Kaum eine Minute später lag nur noch ein kleiner, dampfender Klumpen auf der Erde. Was sich da eben vor ihnen abgespielt hatte, war unglaublich. Kiro hatte mit einem Kinderspielzeug, das eigentlich nicht viel mehr als ein Spaß hatte sein sollen, in kürzester Zeit eine massive Metalltür zerstört. Ihm kam dabei eine Idee. Nadja starrte noch ungläubig auf den rauchenden Klumpen, während Kiro das „Inviz-Net“ aus seiner Verpackung nahm. Ein feinmaschiges, weißes Netz lag zusammengerollt in seiner Hand. Er zog das Gummi ab, das es zusammenhielt und wickelte das Gewebe auseinander. Es war unwahrscheinlich groß. Fast so, wie ein riesiger Umhang. Er warf einen Blick auf die Rückseite der Verpackung und benutzte es dann wie einen Umhang.

Er bemerkte keine Veränderung. „Das Teil hier scheint nicht zu funktionieren.“ Nadja, die noch immer beeindruckt vom Alien Schleim war, drehte sich zu ihm um. „Kiro? Kiro, wo bist du?“ Ihre Augen blickten umher. „Na hier, direkt vor deiner Nase.“ Der Umhang war sehr lang und Kiro musste ihn hochheben um nicht zu stolpern. „Komm raus, du machst mir Angst. Wo hast du dich versteckt?“ Kiro blickte sich um. Er hatte das Netz ganz über den Kopf gezogen und sah nun alles durch einen feinen, weißen Schleier. Nadja stand keine zwei Meter vor ihm und blickte direkt durch ihn hindurch. Sollte dieser Umhang tatsächlich unsichtbar machen? Er ging ein paar Schritte auf sie zu und dann um sie herum. Offenbar sah sie ihn tatsächlich nicht. „Kiro, komm raus, ich mag solche Versteckspiele nicht!“ Ihre Stimme war eine Spur verzweifelter geworden. Er stellte sich direkt vor Nadja und zog sich mit einem Ruck den Umhang vom Kopf. Ihre Reaktion sprach Bände. Mit einem Schlag wurde sie blass und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Sie wollte etwas sagen, konnte aber nur stammeln. Eigentlich hätte Kiro niemals geglaubt, dass dieses Spielzeug wirklich funktionieren würde und nun tat es ihm leid, dass er Nadja damit einen solchen Schreck eingejagt hatte. Er rechnete schon mit bösen Worten, aber sie überraschte ihn.

Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, kam sie heran und betrachtete das Netz näher. „Das ist ja unglaublich! Stell dir vor, was damit alles möglich wäre!“ Sie schien langsam ebenfalls zu realisieren, was es bedeutete sich unsichtbar machen zu können. „Ich weiß nur nicht, ob das gegen unseren Verfolger helfen wird. Ich vermute, dass er sich anderer Mittel bedient uns aufzuspüren.“ Nadja nickte. „Das werden wir dann wohl herausfinden müssen.“ Sie blickte ihn mit gespieltem Zorn an und hob den Zeigefinger. „Jag mir ja nie wieder so einen Schrecken ein. Das war ziemlich heftig.“ Beide mussten sie grinsen. Die Tür zur Herrentoilette, die jetzt nicht mehr da war, hatte den Blick auf ein Waschbecken mit einem Spiegel freigegeben. Diesen wischte Kiro sauber und gemeinsam probierten sie davor noch einmal das Netz aus. Es war groß genug für sie beide und der Effekt verblüffend. Sobald sie sich das Netz umgehängt hatten, verblassten ihre Umrisse langsam und nach wenigen Sekunden waren sie verschwunden.

Zum Ausprobieren der Laserkanone kamen sie nicht mehr, denn eine schrille Glocke verkündete das Ende des Tankvorgangs. Im Vorbeigehen an der Schalttafel registrierte Kiro beiläufig das die Kraftstoffreserven nun endgültig aufgebraucht waren. Alle Zeiger standen auf Null und die rote Lampe blinkte periodisch. Kiro griff sich den Karton mit dem ungewöhnlichen Spielzeug und sie kamen gerade am Zug an, als der Tankstutzen wieder im Dach des Bahnsteiges verschwand. Kiro half Nadja beim Einsteigen und war kaum selbst wieder im Waggon, als sich die Türen schlossen und der Zug anfuhr. Langsam verließen sie die Zwischenstation. Diesmal beschleunigten sie sofort und innerhalb kürzester Zeit hatten sie ihr vorheriges Reisetempo wieder erreicht.

 

Zwischenspiel

 

Sie trafen sich bald regelmäßig. Natascha erwiderte seine Liebe und nach einer Weile waren beide unzertrennlich. Vor dem Älteren verbargen sie ihre Beziehung. Natascha hatte große Angst davor, wie er darauf regieren würde. Sie nahm dem Jüngeren das Versprechen ab, niemals darüber mit irgendjemanden zu sprechen. Sie schmiedeten Pläne über eine gemeinsame Zukunft, jedoch wollten sie warten, bis der Ältere gestorben war. Sein hohes Alter ließ dies bald erwarten. Dann war es zu jener lauen Nacht im September gekommen, in der sie sich einander hingegeben hatten. Als Natascha einige Wochen später bemerkte, dass sie schwanger geworden war, wollte sie es ihrem Liebsten unbedingt mitteilen, jedoch erschien er nicht zu ihrem nächsten Treffen und auch das folgenden Mal wartete sie vergeblich auf ihn. Eine Welt brach für sie zusammen, als sie von seinem Tod erfuhr. Irgendjemand hatte ihr Geheimnis erfahren und weitergetragen. Tief verletzt war sie geflohen. Zwei Tage und drei Nächte lief sie, bevor sie gefunden wurde. In einem erbärmlichen Zustand hatte man sie in die Berina-Labore gebracht und kurze Zeit später war sie in einem Käfig aufgewacht. Ihr Entsetzen war umso größer geworden, als sie erfahren hatte, wer sie wirklich war und dass sie noch immer ein Besitz der Labore war. Über einen implantierten Chip hatte man sie aufgespürt. Ihre Schwangerschaft war für die Wissenschaftler im Labor eine Sensation und man führte unendliche Testreihen mit ihr durch. Monatelang war sie eine Gefangene und ließ die Folter über sich ergehen. Ihr Liebster war tot und ihr Wille gebrochen. Nackt vegetierte sie in ihrem Käfig, der kaum größer als der eines Tieres war, während das Kind in ihr heranwuchs. Dann, eines nachts war jemand zu ihr gekommen. Es war einer der jüngeren Wissenschaftler, der ihr gelegentlich das Essen brachte. Er hatte sie befreit und ihr neue Kleidung gegeben. Über endlose Flure waren sie in einen entlegenen Teil der Labore gegangen. Vor einer gigantischen Maschine hatte er ihr erzählt, dass in einem Traum ihm jemand befohlen hätte, sie zu befreien und an einen anderen Ort, in eine andere Zeit zu schicken. Sie hatte zuerst nichts verstanden, nur dass dies vielleicht ein Weg in die Freiheit war. Sie betrat die Maschine und alles hatte sich verändert. Schwarz am Zug: Springer von F-Sechs schlägt Bauer auf D-Fünf.

 

Brae

 

40

 

Sie blieben fast eine ganze Woche in Brae. Die Arbeit auf den Feldern und im Dorf war zuerst hart und ungewohnt, aber mit der Zeit ging es leichter und jeden Tag lernten sie mehr. Der Hauptgrund dafür länger im Dorf zu bleiben, war das unbeständige Wetter, das kurz nach ihrer Ankunft begonnen hatte. Am nächsten Morgen lag überall eine dünne Schicht Schnee und nach einem deftigen Frühstück bestand die erste Aufgabe darin den Schnee von den Wegen zu kehren. Sie arbeiteten zu zwei. Mugh und Martin waren mit Thomas auf dem Feld, wo sie die Felder umgraben mussten und anschließend gesät wurde. Der Stille und der Junge halfen Stella bei den Hausarbeiten, holten Wasser oder schafften Dinge von einem Ort zum anderen. An den ersten beiden Tagen wurden sie von den meisten Dorfbewohnern noch gemieden und so kamen kaum Gespräche zustande. Stella und Thomas verköstigten sie gut und nachts konnten sie in der Küche am Kamin schlafen. Das ganze Dorf schien sie ununterbrochen zu beobachten. Alles was sie machten wurde sogleich geprüft und falls es nicht zur Zufriedenheit des Auftraggebers war, sofort angesprochen. Jeden Abend kamen die erwachsenen Männer des Dorfes in der Kirche zu einer Versammlung zusammen. Was dort gesprochen wurde, bekam niemand mit. Die Türen wurden verschlossen und davor standen die beiden Söhne des Schusters und hielten Wache. Als Martin am Morgen des dritten Tages Thomas darauf anspracht, wies dieser ihn ungewöhnlich barsch ab. Die Treffen begannen stets nach Sonnenuntergang und dauerten dann meist eine ganze Stunde.

Am Abend des vierten Tages waren Stella und Thomas gemeinsam mit ihren Gästen beim Dorfarzt und seiner Frau eingeladen. Für diesen Anlass bekamen alle festliche Kleidung geliehen und stapften dann im Schnee, durch das nächtliche Dorf zum Haus des Doktors, dass sogar noch ein wenig größer schien, als das des Bürgermeisters. Sie wurden freundlich empfangen und in den nächsten zwei Stunden genossen sie ein wahres Festessen. Es gab Früchte, von denen Mugh oder der Stille noch nie etwas gehört hatten und die Vielfalt der Geschmacksrichtungen war regelrecht berauschend. Der Arzt und seine Frau, beide schon recht betagt, stellten ihnen viele Fragen. Vor allem schien sie zu interessieren, woher sie kamen. Darüber wohin die Reise gehen sollte, sprach niemand. Da keiner der Anwesenden auch nur ansatzweise etwas von Technik, Raumfahrt oder Ähnlichem zu verstehen schien, erfand Martin stellvertretend für die anderen eine Geschichte die teilweise der Wahrheit entsprach und zum Teil frei erfunden wahr. Danach waren sie Reisende auf der Suche nach Solejier. Von ihrer Begegnung mit Nalataja erzählte Martin nur den Teil mit dem Schloss. Anhand des Bildes aus dem Wirtshaus beschrieb er Nalataja und berichtete von einer Begegnung, die sehr persönlich und vertraulich gewesen sei. Er selbst überrascht, wie detailreich er seine Geschichte ausschmückte ohne tatsächlich etwas preiszugeben. Dass sie anfangs eine größere Gruppe gewesen waren und schon zwei ihrer Freunde unterwegs verloren hatten, erwähnte Martin nicht. Die anwesenden Dorfbewohner hörten aufmerksam zu und nickten an den richtigen Stellen. Als sich der Abend dem Ende neigte, hatte Martin das deutliche Gefühl in der Akzeptanz der Dorfbewohner ein Stück weitergekommen zu sein, jedoch spürte er noch immer Zurückhaltung und Skepsis. Zum Abschied überreichte ihm der Arzt eine große, handgearbeitete Tasche, die man sich bequem umhängen konnte und worin sich vielerlei Sachen gut verstauen ließen. Höflich bedanken sich alle für das reichhaltige Mahl und kurz darauf befanden sich alle vier wieder in der Küche von Stella und Thomas.

Sie wollten gerade alle zu Bett gehen, als der Junge ihnen bedeutete, näher zu kommen. Sie setzten sich in der Nähe des Kamins im Kreis und er begann leise zu sprechen. „Die Bewohner dieses Dorfes führen etwas im Schilde. Ich denke nicht, dass sie wissen, wer sie lenkt, aber früher oder später werden sie uns gefährlich werden. Wir sollten daher nicht länger als nötig hier bleiben. Ich habe ein paar Vorräte auf die Seite geschafft und hinter dem Haus in einem kleinen Schuppen deponiert. Spätestens übermorgen sollten wir von hier verschwinden.“ Er machte eine Pause und dachte nach. Martin nutze diese Gelegenheit. „Vielleicht sollten wir uns auch mal in die Kirche schleichen um herauszufinden, was die da treiben. Das Ganze kommt mir auf jeden Fall sehr seltsam vor.“ Der Junge nickte. „Ja. Das ist zwar sehr gefährlich, aber ich denke, es könnte das Risiko wert sein. Ich habe mich heute etwas umgehört. Im Dorf wohnt ein Kartenzeichner. Sein Name ist Jolinar. Es scheint mir, dass er ein ziemlich seltsamer Kauz ist. Er wohnt hinter der Kirche. Heute Nacht will ich ihm einen Besuch abstatten. Ich denke, dass er möglicherweise eine Karte dieser Gegend besitzt, die uns den Weg zu Solejier weisen könnte.“ Martin schüttelte den Kopf. „Das ist viel zu gefährlich. Wenn du geschnappt wirst, bringst du uns alle in Gefahr.“ Der Junge sah ihn an und lächelte. „Wir sind längst in Gefahr. Heute Nacht werde ich zu Jolinar gehen und wenn ich eine passende Karte finde, verschwinden wir von hier so schnell wie möglich.“ Die Entschlossenheit des Knaben und seine rationale Denkweise jagten Martin einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter und er schwieg. Als sich alle hingelegt hatten, kletterte der Knabe vorsichtig aus dem Küchenfenster auf den Weg und bald hatte die Dunkelheit seine Umrisse verschluckt.

 

Der Schnee unter seinen Füßen knirschte schwach. Als er sich an der Außenwand der Kirche vorbeidrückte, setzte schwacher Schneefall ein. An der Rückseite des großen Bauwerks lag das Haus des Kartenzeichners. Kein Licht brannte. Er umrundete das Haus, um zu sehen, ob vielleicht eins der Fenster offen stand oder sich ein anderer Weg anbieten würde ins Innere zu gelangen. An zwei Vorsprüngen in der Mauer zog er sich schließlich zu einem Fenster hoch, dass nur angelehnt war. Gut, er wurde bereits erwartet. Vorsichtig drückte er das Fenster ganz auf. Lautlos glitt er in den finsteren Raum und blieb regungslos stehen. Erst allmählich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er stand inmitten einer Küche. Rechts von ihm hingen Töpfe und Pfannen an Haken über dem Herd. Um ihn herum war es still. Nur das Ticken einer Uhr irgendwo in einem anderen Raum durchbrach das Schweigen. Ohne ein Geräusch zu machen bewegte er sich vorwärts, durchquerte den Raum und gelangte in den Flur. Vor ihm lag die Treppe in das Obergeschoss. Sie war aus Holz und würde mit Sicherheit sofort knarren, wenn er sie betrat. Vorsichtig, Stufe für Stufe, schlich er hinauf. Er war schon fast oben angelangt, als eine der Stufen tatsächlich gedämpft knarrte. Der Junge erstarrte und hielt die Luft an. Einige Minuten verharrte er in dieser Position und lauschte angestrengt, ob er ein Geräusch wahrnehmen konnte. Schließlich langte er am Ende der Treppe an und wendete sich nach rechts. Die erste Tür war verschlossen. Er schlich weiter zur nächsten. Sie war nur angelehnt und als er sie ein Stück aufschob, blickte er direkt in das Schlafzimmer Jolinars. Behutsam zog er sie zu und schloss sie geräuschlos. Nun blieb nur noch eine Tür übrig. Die Bodenbretter bogen sich unter seinen Schritten, jedoch gab keines einen Laut von sich. Er fand die letzte Tür unverschlossen und wenig später stand er in einem Raum voller Karten. Das Auseinanderrollen der kleinen und großen Pergamente ging nur äußerst behutsam, da das Papier dick war und jede Menge Lärm verursachte. Der Junge brauchte fast eine halbe Stunde, bis er die gesuchte Karte gefunden hatte. Sie stellte zwar leider nur eine sehr grobe Übersicht der Region dar, jedoch war Brae darauf eingezeichnet und der Weg zu einem Punkt, der mit einem „S“ gekennzeichnet war. Neben dem Buchstaben hatte der Zeichner einen stilisierten Turm aufgemalt. Offenbar lag er in der Mitte einer hufeisenförmigen Bergkette die sich nach Norden hin öffnete. Auf der Karte waren keine weiteren Siedlungen eingezeichnet. Nur ein Netz von Wegen überzog die Karte, wovon die meisten über den Rand der Karte hinausliefen.

Er rollte die Karte zusammen, steckte sie ein und wollte sich gerade wieder auf den Rückweg machen, als er ein Geräusch vernahm. Ein schwacher Lichtschein drang durch die angelehnte Tür herein. Jemand war im Flur. Der einzige Ort um sich zu verstecken bot sich unterhalb des Schreibtisches und so kroch der Knabe schnell darunter und versteckte sich hinter ein paar großen Rollen dicken Papiers, die an den Tisch gelehnt standen.

Jemand betrat den Raum. Unter dem Tisch konnte der Junge kaum etwas erkennen. Er drückte sich noch weiter an die hintere Wand in der Hoffnung nicht entdeckt zu werden. Der Lichtschein der Laterne bewegte sich im Raum umher, bevor sie unsanft auf den Tisch gestellt wurde. Der Junge sah zwei nackte Füße zu einem Regal gehen und davor stehen bleiben. Genau von dort hatte er die Karte entwendet, die jetzt unter seinem Hemd steckte. „Du kannst ruhig herauskommen, Gabriel.“ Der Mann sprach halblaut. Eigentlich hatte er ja gehofft diese Begegnung vermeiden zu können, sah jetzt aber ein, dass es unumgänglich war. Aus dem Schatten des Tisches kroch der Junge oder Gabriel, wie er mit richtigem Namen hieß, heraus und setzte sich auf den Tisch. Der Mann kramte noch immer in dem Wust von Kartenrollen im Regal. „Welche hast du mitgenommen…“ Während der Alte noch suchte, betrachtete Gabriel die Lampe. Die Flamme der Kerze tanzte in einem schwachen Lufthauch, der durch eine undichte Stelle in das Innere der Lampe drang. Feuer faszinierte ihn. Es einzufangen und sich zunutze zu machen, war eine Kunst. Er hob die Lampe hoch und leuchtete Jolinar, damit er besser sehen konnte. Er kassierte dafür einen bösartigen Seitenblick. „Ich finde es schon noch heraus. Du brauchst nicht so überheblich zu sein.“ Gabriel lächelte. „Aahh, jetzt weiß ich es. Das Gesicht des Alten hellte sich auf. Die alte Karte vom Turm fehlt.“ Er setzte sich seine Brille gerade auf die Nase und kam herüber. Mit seiner Schlafmütze auf dem Kopf wirkte er fast ein wenig lächerlich. „Von uns ist schon lange niemand mehr dort gewesen. Ist eine ungemütliche Gegend. Der Turm steht auf einem Eisfeld umgeben von hohen Bergen. Dort ist es sehr kalt.“ Er rieb sich die Stirn. „Aber das weist du ja sicher alles bereits. Er hat dich umfassend informiert nehme ich an?!“ Gabriel nickte, während er geistesabwesend mit dem Türchen der Laterne spielte. In der Tat war sein Wissen größer als er seinen Gefährten gegenüber zugegeben hatte. „Warum haben sie dich zu ihnen geschickt?“ Gabriel sah auf, als hätte er die Frage nicht richtig verstanden. Sein Blick ging ins Leere. „Er glaubt nicht, dass sie es schaffen werden. Die beiden Anderen sind stark und ihr Wille ungebrochen, aber Martin ist schwach. Sie brauchten einen neuen Führer, sonst hätten sie sich wahrscheinlich im Wald verirrt und wären längst schon alle tot.“ Er sah Jolinar direkt an und die Kälte in seinen kindlichen Augen jagte dem Mann eine Gänsehaut über die Arme. „Nicht, dass es einen Unterschied machen würde.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie genau ist deine Karte?“ Gabriel sah Jolinar fragend an. „Genau genug, denke ich. Der Weg hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht geändert. Wenn ihr da hoch wollt, braucht ihr aber gute Kleidung, sonst seid ihr schnell erfroren. Der Pass ist um diese Jahreszeit vermutlich verschneit. Drei oder vier Tage wird die Reise dauern, je nachdem wie schnell ihr vorankommt.“ Jolinar ging zu einem anderen Regal und begann wieder zu kramen. Diesmal fand er schneller was er suchte. Er zog eine kleinere Karte heraus, die schon ziemlich abgewetzt aussah und breitete sie neben Gabriel auf dem Tisch aus. „Das ist die Umgebung des Turms. Ich habe diese Karte mal einem Wanderhändler abgekauft, er hat überall auf dem Eisfeld die Gletscherspalten eingezeichnet. Es sind heute mit Sicherheit mehr als vor 40 Jahren, aber helfen könnte sie euch trotzdem.“ Er nahm seine Brille ab. „Denkst du wirklich, dass Martin es schaffen wird?“ Gabriel grinste ihn verschmitzt an. „Das wird spannend, ich weiß. Aber „Er“ scheint an ihn zu glauben. Wenn es diesmal nicht funktioniert, geht hier sowieso bald alles zur Hölle und dann brauchen wir uns auch keine Gedanken mehr darüber zu machen.“ Gabriel stand auf. „Ich denke, ich werde jetzt gehen. Das hat hier lange genug gedauert. Mein stiller Freund ist bestimmt schon ganz nervös.“ Er steckte die zweite Karte ein und wandte sich zum Gehen. „Warum hast du nicht einfach gefragt wegen den Karten?“ Der Alte hatte die Laterne wieder zur Hand genommen und sah ihn über den Rand seiner Brille fragend an. „Weiß nicht.“ Gabriel zuckte wieder mit seinen kleinen Schultern. „Ich fand es irgendwie lustiger zu versuchen dich zu überraschen. Aber du bist trotz deines Alters immer noch ziemlich aufmerksam. Ist übrigens ein netter Körper den du dir da ausgesucht hast.“ Er zog einen unsichtbaren Hut. „Deiner ist auch nicht schlecht. Da kommt so schnell keiner drauf.“ Jolinar lächelte jetzt verschmitzt. Die Beiden warfen sich noch einen letzten vielsagenden Blick zu und dann war Gabriel auch schon verschwunden. Kurze Zeit später kletterte er mit seiner Beute durch das Küchenfenster zurück in das Haus des Bürgermeisters. Seine Gefährten schliefen bereits. Bevor er sich selbst hinlegte, schob er noch ein wenig Holz im Kamin nach und als die Flammen endlich an dem Holz leckten, begab auch er sich zur Ruhe. Vollkommende Stille senkte sich über Brae, als nun auch das letzte Licht erlosch.

 

Zwischenspiel

 

Der Ältere hatte genau verfolgt wie es Natascha ergangen war. Von seiner Ebene aus hatte er einen durchaus guten Überblick über die Ereignisse gehabt, die sich nach ihrer Zeitreise zugetragen hatten. In der fehlgeleiteten Verliebtheit für sein Forschungsobjekt hatte der junge Wissenschaftler Natascha retten wollen und sie dabei letztendlich doch wieder als Versuchsobjekt benutzt. Die Maschine befand sich damals im Teststadium und Natascha war der erste Mensch, der damit transportiert wurde. Glücklicherweise hatte es mit seiner Hilfe funktioniert und sie war etwa ein Jahrhundert in die Zukunft gereist. Dort, schwanger, orientierungslos und verängstigt hatte sie noch immer die Fähigkeit einsetzen können, die sie schon bisher immer weit gebracht hatte: Ihre Fähigkeit zu arbeiten. Nur nach der Geburt ihrer Tochter hatte sie für eine kurze Zeit geruht. Um ihr ein gutes Leben zu ermöglichen, gab sie alles. Sie liebte ihre Tochter sehr und das Kind machte Hoffnung. So gab sie ihr den Namen Nadja. Das einzige Andere, was sie noch aus ihrem früheren Leben übernahm, war der Familienname ihres Ziehvaters, alle anderen Details hatte sie bald verdrängt und durch ein filigran konstruiertes Netz der Lügen und Halbwahrheiten ersetzt, die sie bis zu ihrem frühen Tod aufrecht erhalten hatte. Bis zum Schluss war sie der Meinung, dass es für Nadja so am besten wäre. Ihre wahre Herkunft könnte sie so niemals ergründen. Gelegentlich war der Ältere auf Nataschas Ebene herabgeglitten. Zwar nahm sie ihn nicht wahr, aber für ihn war es die einzige Möglichkeit ihr ein wenig näher zu sein. Es zerriss ihm das Herz wenn er sah, wie es ihr stetig schlechter ging. Als sie ihr Kind zur Welt brachte, wendete er alle seine ihm verbliebene Kraft auf um Nadja zu schützen. Zwar gelang ihm das nur dürftig, jedoch überlebte sie. Das war das Einzige was jetzt, nach Nataschas Tod, noch zählte. Der Ältere und der Jüngere waren auf ihrer Ebene allein. Natascha hatte sie niemals besucht. Sie befand sich auf irgendeiner anderen der unzähligen Ebenen. Die Hoffnung sie ein letztes Mal zu sehen hatte der Ältere nicht aufgegeben. Weiß am Zug: Bauer G-Vier schlägt Läufer auf H-Fünf.

 

41

 

Das Tageslicht schwand nun merklich. Nach einer weiteren Mahlzeit waren auch die letzten Reste aufgegessen. Nadja und Kiro blickten gedankenverloren aus dem Fenster. Der Satz aus dem Traum, dass sie ihr gemeinsames Band enger knüpfen sollten, ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er glaubte zu wissen, was Teil dieses Prozesses sein würde, war sich aber nicht sicher, wie er es beginnen konnte. Sollten sie jemals von diesem Ort in ihre Wirklichkeit zurückkehren dann war es für Kiro unvorstellbar sein altes Leben wieder aufzunehmen. Sein Dasein als Dieb und Laufbursche für Tersa war vorbei. Dies war das erste Mal in seinem Leben, dass ihm ein Mensch wirklich etwa bedeutete. Kiro wusste, dass seine Gefühle für Nadja aufrichtig waren und so begann er zu erzählen.

Sein Leben hatte nicht als das eines Diebes begonnen. Kiro kam aus einem wohlbehüteten Elternhaus und hatte in seiner Kindheit alles, was er sich nur wünschen konnte. Seine Eltern sorgten dafür, dass er in den Genuss der besten verfügbaren Schulausbildung kam und in seiner Freizeit trieb er viel Sport. Durch einen Schulfreund kam er schließlich das erste Mal in Kontakt mit Kampfsport. Er fand rasch Geschmack daran und einer der Lehrer, Rima war sein Name, erkannt das Potential, welches in Kiro steckte. Rima war alt, für Kiros Verständnis viel zu alt, als dass er ihn wirklich respektiert hätte. Das änderte sich aber schlagartig, nachdem er den Alten in seiner jugendlichen Überheblichkeit zum Duell herausforderte. Später war sich Kiro nicht mehr sicher, wie lange der Kampf gedauert hatte, aber mehr als 10 Sekunden waren es nicht gewesen. Innerhalb eines Wimpernschlages hatte Rima ihn besiegt. Durch dieses Erlebnis war er reifer geworden. Zunehmend ließ er sich Zusatzstunden erteilen und versuchte die Anweisungen und Ratschläge seines Meisters optimal umzusetzen. Seine Kraft und Geschicklichkeit nahmen von Jahr zu Jahr zu. Bals gewann er seine erste Meisterschaft. Jedoch beinhaltete das Training nicht nur die Beherrschung des Körpers, sondern auch die des eigenen Geistes und so wurde er durch seine Siege niemals überheblich. Die Demütigung durch seinen Meister war in seinem Gedächtnis stets präsent. Er hegte keinen Groll gegen den alten Mann, hielt aber Ausschau nach einer Gelegenheit sich zu revanchieren.

Kiro wurde älter und schloss die Schule ab. Seine Eltern hätten es gerne gesehen, wenn er eine weitergehende Ausbildung gemacht hätte, aber Kiro war sich nicht sicher, was er tun wollte. Ein Jahr lang verbrachte er in verschiedenen Gelegenheitsjobs, bevor er das erste Mal sein Talent als Dieb entdeckte. Sein Meister hatte ihm von Anfang an erklärt, dass große Kraft auch zu großer Verantwortung führte, aber die Versuchung war für Kiro letztendlich zu groß. Es war ihm bewusst, dass er eine überlegene Kraft und Körperbeherrschung besaß und diese Fähigkeit wollte er in bahre Münze verwandeln. In gewisser Weise bestand auch ein Zugzwang, da ihm seine Eltern schnell mitteilten, dass sie ihm zwar ein Studium finanzieren würden, jedoch nur, wenn er es bald begann. Dem ersten Einbruch in das Haus eines Bankiers folgten weitere Raubzüge. Stets ging er äußerst behutsam vor und hielt das Maß an Aufmerksamkeit gering, dass seine Diebstähle unvermeidlich hervorriefen. Er kam nachts und suchte den Weg des geringsten Widerstandes um in ein Gebäude einzudringen. Nur die wertvollsten und handlichen Dinge hatte er im Visier. Die Fähigkeit zur Beherrschung hatte er zwar bei Rima gelernt, aber es fiel im nicht immer leicht. Ein Mal war er wegen seiner Gier fast erwischt worden. Nach einiger Zeit hatte sich Kiro in gewissen Kreisen einen Ruf erworben und bekam nun regelmäßig Aufträge. Zuerst war er skeptisch, erkannte jedoch bald, dass ihm dies zum einen mehr Geld einbrachte und andererseits eine viel größere Herausforderung darstellte. Je schwieriger und gefährlicher die Aufträge waren, umso größer war der Reiz für Kiro. Er besaß nicht viel und wenn es an einem Ort zu heiß für ihn wurde, zog er weiter.

Auf Pinor-Prime schließlich lernte er Tersa kennen, der bald zu einem seiner Hauptauftraggeber wurde. Der Planet stellte sich für Kiro als eine wahre Goldgrube heraus. Mit Tersa arbeitete er gut zusammen und bei den Aufträgen ging es meistens um Industriespionage, was fast immer bedeutete in extrem gut bewachte Gebäudekomplexe einzudringen. Anonyme Auftraggeber hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht gehabt, aber das Angebot, das ihn schließlich auf die Garios-2 gebracht hatte, war einfach zu verlockend gewesen.

Nadja, die bis zu diesem Zeitpunkt ruhig zugehört hatte, wurde nun neugierig. „Was war das für ein Auftrag auf dem Schiff? Gab es eine wertvolle Fracht?“ Sie sah das Zögern in Kiros Augen und runzelte wieder die Stirn. „Du warst der Auftrag.“ Kiro war erleichtert, dass es endlich ausgesprochen war. „Es ging um irgendein „Amulett der Verstummten“, zu dem dir angeblich irgendwelche Informationen implantiert wurden, die ich beschaffen sollte.“ Nach einer Pause fügte er hinzu: „Außerdem sollte ich verhindern, dass du das Ziel des Fluges erreichst.“ Er wartete gespannt Nadjas Reaktion ab, jedoch reagierte sie zunächst überhaupt nicht. Sie schien nachzudenken. „Hättest du deinen Auftrag ausgeführt?“ Diesmal sah sie ihn direkt an. Ihr Gesicht war ernst und ihre Augen blickten ihn konzentriert an. Kiro zögerte nicht. „Ja. Ich hätte ihn ausgeführt. Daran habe ich keinen Zweifel.“ „Und jetzt? Wie ist es nun? Willst du deinen Auftrag noch immer beenden?“ In ihren Augen konnte Kiro eine gewisse Spannung erkennen. „Die Dinge haben sich verändert. Ich habe Dinge erfahren, an die ich niemals geglaubt hätte. Wir sind jetzt hier, ich habe dich kennen gelernt und…“ Wieder zögerte er kurz. „…und ich liebe dich.“

 

Für einen magischen Moment schien die Zeit stehen zu bleiben. Kiro sah nur Nadja und sie nur ihn. Er hatte sich ihr vollständig geöffnet und ihr seine Liebe gestanden. Nun war es an ihr etwas zu sagen. Eigentlich hätte Kiro erwartet aufgeregter zu sein. So offen war er bisher noch niemandem gegenüber gewesen. Ihn überkam eine unwahrscheinliche Ruhe. „Nein.“ Seine Stimme strahlte die Ruhe aus, die er in diesem Moment empfand. „Ich werde meinen Auftrag nicht ausführen. Mit dir will ich den Weg bis zum Ende gehen. Wirst du an meiner Seite sein?“ Nadja schwieg. Kiro wusste nicht, ob sie die Bedeutung seiner Worte verstanden hatte. Ihr Blick entschwand kurz in weite Ferne, bevor sie ihn wieder fixierte. „Ich danke dir für deine Offenheit und ich weiß, dass es die Wahrheit ist.“ Ohne zu zögern sagte sie noch einen einzigen, alles entscheidenden Satz. „Ich liebe dich auch und wir werden den Weg gemeinsam bis zum Ende beschreiten, auch wenn vielleicht großes Leid auf uns wartet.“ Sie lächelte und Kiro spürte es fast körperlich, wie nun etwas Unzerstörbares zwischen ihnen geschaffen worden war, gleichzeitig verspürte er einen Stich in seinem Herzen, wie eine dunkle Vorahnung. Das Band verband sie nun noch enger und so leise wie er gekommen war, verstrich der magische Moment.

 

Das Geräusch des Zuges und das gedämpfte Rauschen des Meeres drangen allmählich wieder an Kiros Ohren. Er kehrte in die Wirklichkeit zurück, die er scheinbar für einige Momente verlassen hatte. Er war sich nicht sicher, ob es ein Traum oder Wirklichkeit gewesen war. Nadja lächelte jedoch noch immer. Er nah ihre Hand, die sie ihm über den Tisch reichte und drückte sie kurz. „Ich bin dir nicht böse. Von mir weist du auch noch nicht alles.“ Kiros Blick fiel auf ihren Arm und er dachte wieder an das Implantat. Eine kleine Narbe war an ihrem rechten Arm zu sehen. Sie schien recht frisch. Er strich vorsichtig darüber. „Ich dachte du hast dich bei dem Kampf nur am linken Arm verletzt?“ Nadja betrachtete selbst die Stelle. „Die Narbe habe ich noch gar nicht bemerkt. An dieser Stelle hatte man mir im Krankenhaus einen Schlauch in den Arm gesteckt. Ich habe keine Ahnung, wofür der gut war.“ Ihre Augen weiteten sich in diesem Moment, als ob ihr etwas eingefallen wäre. „Ich erinnere mich jetzt! An dieser Stelle hat es mich immer gejuckt. Schon lange fühlte es sich dick an. Der Arzt hat nichts finden können. Vielleicht war dort wirklich etwas implantiert.“ Vorsichtig tastete sie den Bereich ab. „Ich kann nichts mehr spüren. Wenn da etwas gewesen ist, dann ist es jedenfalls jetzt verschwunden.“ „Kannst du dich erinnern, ob es vor deinem Kampf noch da war?“ Nadja überlegte. „Ja. Ich weiß noch, dass ich es gespürt habe, als wir in der Stadt waren.“ „Dann hat man es dir wahrscheinlich im Krankenhaus entfernt.“ Kiro lehnte sich zurück. „Jemand hat davon gewusst.“

Nun war es an Nadja, Kiro ein weiteres Teil des Puzzles zu liefern und so erzählte sie ihm ihre Geschichte und vor allem von ihrer Zeit bei den Verstummten. Kaum ein Detail ließ sie aus, angefangen von ihrer Zeit im Waisenhaus bis hin zu dem mysteriösen Brief ihres ehemaligen Bundesbruders Andros. Kiro staunte nicht schlecht, als er das alles hörte. Ihre Geschichte war eine völlig andere als seine. Sie waren durch unsichtbare Mächte vereint worden und rasten nun gemeinsam über das nächtliche Meer einem ungewissen Ziel entgegen. Jetzt, da jeder die Geschichte des anderen kannte, war das Vertrauen zwischen ihnen stärker denn je. In dieser Nacht wendeten sie sich einander zu. Die letzte Barriere fiel und sie wurden Eins. Die Macht des Schattens war für diesen kurzen Augenblick ohne Bedeutung.

Über dem nächtlichen Meer war der Wind zur Ruhe gekommen. Die letzten Wellen verloren langsam ihre Kraft und bald lag das Meer als spiegelglatte Fläche unter dem Gleis, das als einzige Struktur die Nacht durchschnitt. In der Ferne, ganz am Horizont, war schwach der dunkle Streifen des Landes zu erkennen. Für einen Moment erhellten zwei Lichtkegel die Dunkelheit, als der Zug sich näherte. Im nächsten Moment war er schon vorbeigerauscht. Durch die Vibration der Stützen fiel eine Wasserschnecke wieder zurück in die glatten Fluten und versank langsam. Die Kreise auf dem Wasser waren bald verschwunden und Stille trat ein. Die Ruhe vor dem Sturm.

 

Der Schatten

 

Die Qualen, die das dunkle Wesen in dieser Nacht erlitt, waren beispiellos. Es war, als wenn ihn tausend Messer foltern würden. Mit seinen Widersachern war irgendetwas geschehen. Eine Veränderung hatte stattgefunden, aber er konnte nicht erkennen was geschehen war. Die Schmerzen machten es ihm unmöglich aufzusteigen oder zu einem anderen Ort zu fliehen. Letztendlich war das auch besser, dachte er. So war ihm ein Platz in der ersten Reihe gesichert, wenn es mit ihnen zu Ende ging. Dann wäre er endlich frei von dieser Pein. Sie waren nun schon ganz nah. Er konnte die Vibrationen in der Luft spüren. Er blickte den feinen Strich der Gleise entlang und dort, ganz am Horizont, erkannte er die beiden Lichtkegel. Der Zug kam schnell näher und die Scheinwerfer wurden immer größer. Vorfreude keimte in ihm auf.

 

42

 

Als die letzten Häuser von Brae hinter den ersten Ausläufern der Berge verschwanden, atmete Martin auf. Endlich waren sie weit genug von dem Ort entfernt, wo er den letzten Tag in stetiger Angst verbracht hatte.

Am Morgen vor zwei Tagen hatte sie der Knabe früh geweckt und ihnen die Beute seines nächtlichen Streifzuges präsentiert. Sie hatten nun zwei Karten, die ihnen den weiteren Weg zum Turm Solejiers weisen würden. Martin war ziemlich beeindruckt, wie der Junge das angestellt hatte. Wieder einmal bekam er aber auf seine Fragen keine Antworten. Für den Abend planten sie, sich in die Kirche zu schleichen und zu beobachten, was dort getrieben wurde. Den Tag über arbeiteten sie wie bisher. Keinem von ihnen kam zu Ohren, dass der Diebstahl des Kartenmaterials irgendwem aufgefallen war und so wich die Anspannung allmählich. Kurz nach Sonnenuntergang schlich sich Martin, der diese Aufgabe unbedingt hatte übernehmen wollen, in die Kirche. Im Inneren war es kärglich und außer mehreren Reihen hölzerner Bänke und einem Altar mit ein paar Kerzen, gab es nicht viel. Der kahle Kirchenraum bot keine Möglichkeit sich zu verstecken. Über eine kleine Treppe gelang Martin auf die Empore und von dort weiter auf den Dachboden des Kirchenschiffes. Die Bretter der Decke waren nur ungenau aneinandergefügt und eine Vielzahl von Ritzen oder Astlöchern bot Gelegenheit den Kirchenraum zu überblicken. Martin legte sich flach auf den Boden und wartete. Hier oben war es staubig und bestimmt gab es auch Ratten, aber im Moment interessierte es ihn mehr, was hier allabendlich geschah.

Nach kurzer Wartezeit trafen bereits die ersten Männer ein und versammelten sich im vorderen Teil in der Nähe des Alters. Es dauerte noch eine weiter halbe Stunde, bis der Letzte eintraf und die Kirchentüren hinter ihm geschlossen wurden. Die Männer hatten einen Halbkreis um den Altar gebildet und in der Mitte auf den Stufen zu dem steinernen Tisch stand Thomas. Er trug ein schwarzes Gewandt mit einem in gold gestickten Zeichen auf der Brust: Ein Kreis mit einem Quadrat in der Mitte. Martin konnte sich vorstellen, was das zu bedeuten hatte. Mir dem Schlag der Turmglocke, die Martin in seinem Versteck leicht zusammenzucken ließ, begann Thomas zu sprechen. „Willkommen in der Gegenwart unseres Herrschers.“ Ein bestätigendes Raunen von den anwesenden Männern war zu hören. Martin zählte dreiundzwanzig von ihnen, die eng nebeneinander vor dem Altar standen. „Seit der Ankunft unserer ungebetenen Besucher sind einige Tage vergangen. Die große Zeremonie steht an und ich verstehe eure Ungeduld. Wenn wir es noch lange herauszögern, könnte er unser Opfer nicht mehr annehmen. Ich habe mich zurückgezogen und darüber nachgedacht. Einen Tag wollen wir ihnen noch geben, bevor wir die Herbeirufung durchführen. Was dann mit ihnen geschieht, kann nicht mehr unsere Sorge sein. Das Gebot der Gastfreundschaft verbietet es sie aus der Stadt zu jagen und viele von euch begrüßen die Hilfe bei der Arbeit, aber es wäre besser für uns alle, wenn nur die Eingeweihten im Dorf wären wenn die Zeremonie beginnt.“ Viele der Männer nickten und zustimmendes Gemurmel wurde laut. Thomas hob seine Hand und sogleich trat Stille ein. „Ich habe aber auch eine gute Nachricht für euch. Die Wahl ist getroffen. Das Geschenk für unseren Herrscher ist ausgesucht worden. In der letzten Nacht habe ich das Zeichen empfangen.“ Er winkte jemanden heran und aus dem Schatten unterhalb der Empore kamen zwei Gestalten hervor. Ein junger Mann, Martin hielt ihn für gerade volljährig, zog an einem Strick ein, an den Händen gefesseltes und geknebeltes, Mädchen hinter sich her.

Sie trug ein einfaches, weißes Gewand, das bis zum Boden reichte. Lange, dunkle Haare fielen ihr über die Schultern. „Seht her! Das ist Sie! Eine Jungfrau, die in diesem Winter ihr achtzehntes Jahr vollendet hat. Sie wird ein würdiges Opfer für unseren Herrscher sein.“ Bewegungslos und ohne einen Laut von sich zu geben, stand das Mädchen vor dem Altar. Sie hatte den Kopf gesenkt sodass Martin ihr Gesicht nicht erkennen konnte. Die Reaktion der Männer brachte Martin jetzt jedoch vollkommen aus der Fassung. Sie gerieten außer sich und begannen stürmisch Beifall zu klatschen, gleichzeitig stießen einige von ihnen Jubelschreie aus und erst als Thomas erneut seine Hand hob, wurde es allmählich wieder still. Er drehte sich zu dem Mädchen um, dass noch immer regungslos neben ihm stand. „Anna ist sich ihrer großartigen Aufgabe bewusst und wird sich freudig für uns opfern. Die gewaltige Ehre vom Herrscher selbst auserwählt worden zu sein, liegt schwer auf ihr, aber bald schon wird sie erlöst sein.“ Er legte ihr eine Hand auf die Schulter woraufhin sie leicht zusammenzuckte. „Aber genug der Worte, lasst uns unser Opfer gebührend weihen.“ Thomas griff unter den Altar und kurz darauf öffnete sich eine Luke im Boden vor ihm. Rasselnd stieg daraus ein Käfig empor. Die Tür des winzigen Käfigs wurde geöffnet und der junge Mann führte das Mädchen hinein. Nachdem die Tür wieder geschlossen und durch ein altertümliches, metallenes Schloss von Thomas persönlich verriegelt worden war, begann ein bizarres Schauspiel, das Martin vom Dachboden ungläubig verfolgte.

In der Kirche war es inzwischen finster und nacheinander wurden jetzt Kerzen in Halterungen an der Wand entzündet. Ein Gefäß auf dem Altar, dessen Inhalt ebenfalls angezündete wurde, fing bald an zu rauchen und füllte den Kirchenraum schnell mit einem seltsam, süßlichen Geruch. Eine unnatürliche Müdigkeit überkam Martin und er konnte nur noch mit Mühe die Augen offen halten. Unter ihm begannen sich die Männer zu bewegen. Sie wanden sich in wahnsinnigen Posen und ein dissonanter Singsang erfüllte den Raum. Bei Martin erweckte das Spektakel den Eindruck einer wirren Anbetung. Immer wieder knieten sich die Männer vor den Altar und verbargen ihr Gesicht schluchzend in den Händen. Alle sprachen und sangen gleichzeitig und Martin konnte nichts verstehen. Was er hier sah, machte ihm Angst. Er versuchte sich weiter darauf zu konzentrieren, was unten geschah, aber bald hatte sich so viel Rauch unter der Decke gesammelt, dass ihm ganz schwindelig wurde. Er versuchte aufzustehen, aber es war schon zu spät. Ihm wurde schwarz vor Augen und er verlor das Bewusstsein.

Als Martin wieder aufwachte, war alles um ihn herum finster. Er tastete umher. Noch immer befand er sich auf dem Dachboden der Kirche. Die Kirche unter ihm war leer. Vorsichtig stieg er die Stufen zur Empore hinunter. Keine Menschenseele war mehr hier. Er rieb sich die Augen und fragte sich insgeheim, ob das alles ein Traum gewesen war, was er vorhin erlebt hatte. Martin ging weiter hinunter und schlich leise bis zum Altar. Vorsichtig hob er das Tuch an, das darüber lag und tastete die Unterseite ab. Nach kurzen Suchen stieß seine Hand auf einen Vorsprung und er zog daran. Die Luke im Boden öffnete sich und das leere Kirchenschiff verstärkte das Rasseln um ein Vielfaches, mit dem nun der Käfig aufstieg, sodass Martin schon besorgt war, dass jemand den Krach hören würde. In wenigen Sekunden hatte sich der Käfig vollständig gehoben und stand nun vor ihm. Vollkommen entgeistert starrte ihn das Mädchen an. Ihr Mund war noch immer geknebelt und sie gab keinen Laut von sich. Als er durch die Gitterstäbe greifen wollte, zuckte sie zuerst zurück und erst als er beschwichtigend auf sie einredete, ließ sie sich den Knebel abnehmen. „Wer bist du?“ Noch immer waren ihre Augen voller Angst. Martin konnte sehen, dass sie geweint hatte. „Wir sind Gäste in eurem Dorf. Ich war bei der Versammlung oben auf dem Dachboden und habe alles beobachtet. Was tut ihr hier? Ist das irgendeine kranke Religion, oder was hat es mit der Zeremonie auf sich? Haben sie dir etwas angetan?“ Er verstummte, weil das Mädchen den Kopf senkte. Tränen begannen aus ihren Augen zu kullern. Im selben Moment tat es Martin leid, dass er sie so mit seinen Fragen bombardiert hatte, aber er verspürte einen großen Zorn gegen die abscheuliche Behandlung dieses Mädchens, was doch eigentlich noch ein Kind war. Sie rang nach Fassung. „Jedes Jahr muss dem mächtigen Herrscher eine Jungfrau aus dem Dorf geopfert werden. Das ist die Tradition seit unzähligen Jahren. Der Bürgermeister ist unser Priester und wählt jedes Jahr ein Mädchen aus, das gerade volljährig geworden ist. Wenn kein Opfer gebracht wird, dann geschieht irgendetwas Furchtbares.“ Sie schluchzte uns sah wieder zu Boden. „Es ist unvermeidlich.“ Martin war fassungslos. Niemals wollte er glauben, dass es keine andere Möglichkeit gab. Ihm kam eine Idee.

„Wir bringen dich hier raus!“ Er griff in den Käfig und hob ihr vorsichtig das Kinn. „Du musst nicht sterben. Übermorgen früh verlassen wir das Dorf. In der Nacht davor kommen wir dich holen und dann kannst du mit uns kommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Sie werden mich finden. Es gibt keine Ort, wohin ich gehen könnte.“ Wieder begann sie zu schluchzen. Martin war jedoch nicht bereit sie ihrem Schicksal zu überlassen. „Wir kommen aus einer anderen Welt. Dort muss niemand für so einen Wahnsinn sterben. Verlass dich darauf, wir kümmern uns um dich.“ Nachdem Martin so viel Leid und Tod gesehen hatte, sah er in dem Mädchen die Möglichkeit etwas wieder gut zu machen für die Situationen in der Vergangenheit, in denen er machtlos gewesen war. „Dein Name ist Anna?“ Sie nickte. Noch immer die Tränen über ihr hübsches Gesicht. „Willst du leben, Anna?“ Sie sah auf und Martin blickte sie direkt an. Erst schien sie nicht wirklich zu verstehen, aber dann begann sie langsam zu nicken. Offenbar wurde ihr bewusst, dass es Martin ernst war. Er lächelte sie freundlich an. „Morgen Abend um die gleiche Zeit werde ich, oder jemand meiner Freunde, hierher kommen und dich befreien.“ Er untersuchte das Schloss. Es wirkte äußerst stabil. Da musste er sich erst noch etwas einfallen lassen. „Kannst du es bis Morgen aushalten?“ Anna wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und nickte eifrig. Sie schien langsam aus ihrer Trance aufzuwachen. Ihre Hände waren noch immer gefesselt. „Ich muss dich jetzt wieder knebeln. Falls vor morgen Abend jemand kommt, darf es nicht auffallen, dass ich hier war.“ Anna nickte noch einmal. „Ich habe einen Freund. Sein Name ist Jeremy. Kann er mit uns kommen?“ Martin überlegte. Es war riskant, wenn sie eine zweite Person mitnahmen. „Wo finde ich ihn?“ Anna erklärte Martin, wo Jeremy wohnte und nahm ihm das Versprechen ab, mit ihm zu sprechen. Danach knebelte er das Mädchen wieder, was ihm gar nicht leicht fiel und ließ den Käfig wieder in den Boden hinab. Durch eine kleine Seitentür verließ er die Kirche anschließend wieder und machte sich auf den Weg zum Haus von Thomas.

Seine Freunde waren alle noch auf und erwarteten ihn bereits gespannt. Das Entsetzen war ihnen in den Gesichtern abzulesen, als Martin erzählte, was er soeben erlebt hatte. Niemand erhob Einspruch dagegen, dass er das Mädchen befreien wollte. Der Junge war still geworden und sagte dazu kein Wort. Gemeinsam planten sie ihre weitere Vorgehensweise. Es wurde beschlossen, dass Martin in ihrer letzten Nacht mit Anna und Jeremy aus dem Dorf in Richtung der Berge verschwinden sollte. Wenn sie außer Sichtweite der Häuser waren, konnten sie sich irgendwo verstecken und bis zum Morgen warten. Dann würden Martin, Mugh und der Stille mit dem Jungen sie dort abholen. Das Ganze musste sehr schnell und reibungslos verlaufen. Mugh erklärte sich bereit, nach etwas Geeignetem zu suchen, mit dem das Schloss zu öffnen war und der Stille würde morgen versuchen unauffällig den Kontakt mit Jeremy aufzunehmen. In dieser Nacht konnte keiner von ihnen richtig schlafen. Mugh wollte immer wieder hören, was Martin bei der Zeremonie gesehen hatte und erst als der Morgen graute, fielen Martin endlich die Augen zu.

Der nächste Tag zog sich endlos dahin. Beim Frühstück besprach Martin mit Thomas ihre für den nächsten Morgen geplante Abreise und versuchte sich dabei Nichts anmerken zu lassen. Thomas, der seine Freude nur unzureichend verbergen konnte, sicherte ihnen Proviant zu und nahm Martin dann ein letztes Mal mit auf die Felder. Der Junge und Mugh halfen Stella wieder bei den Hausarbeiten, wobei Mugh die Gelegenheit nutzte um einige Nägel und zwei dicke Haarklammern aus dem Haus zu entwenden. Der Stille, der vorgab noch einmal den Doktor wegen seines Knies besuchen zu müssen, suchte stattdessen aber an der beschriebenen Adresse nach Annas Freund. Er fand ihn schließlich in einem Heuschuppen wo er auf einigen Ballen lag und vor sich hin döste. Jeremy war ein drahtiger, hoch gewachsener junger Mann, der nur wenig älter als Anna selbst war. Erst wollte er nicht mit dem Stillen reden, aber als er erfuhr, worum es ging, war er bei der Sache. Jeremy hatte sich schon fast mit dem Schicksal abgefunden, dass er Anna verlieren würde und als der Stille ihm von der geplanten Rettungsaktion berichtete war er sofort dabei. Er schien keine Bedenken zu haben seine Familie zu verlassen. Es wurde vereinbart, dass er sich in der kommenden Nacht bereithalten würde, bis ihn jemand abholte.

Der Tag ging dann endlich doch zu Ende und alle waren ziemlich aufgeregt. Beim Abendessen aßen sie nur wenig, was Stella sofort auffiel und sie schon argwöhnte, dass eine Krankheit im Anmarsch war. Sie gingen zeitig schlafen und warteten ungeduldig, bis Ruhe im Haus eingekehrt war. Der Junge hatte ein paar Schuhe und Kleidung organisiert und gab sie Martin mit, als dieser sich auf den Weg zur Kirche machte. Der Stille schlich sich in der Zwischenzeit zum Haus, in dem Jeremy schlief. Sie würden am Tor auf Martin und Anna warten. Der erste Teil von Martins Plan funktionierte auch ziemlich perfekt. Er gelangte ohne Schwierigkeiten in die Kirche und nachdem er den Käfig wieder heraufgeholt hatte, machte er sich daran, das Schloss zu öffnen. Das beanspruchte einige Zeit, da er im Gegensatz zu Kiro keine wirklich Praxis beim Einbrechen hatte. Endlich hatte er es geschafft und mit einem rostigen Klicken öffnete sich die Tür. Gerade hatte er Anna von ihren Fesseln befreit, als sich ihre Augen vor Schreck weiteten. Martin ahnte, dass jemand hinter ihm sein musste und konnte gerade noch dem Schlag mit einem Prügel ausweichen, der für seinen Kopf bestimmt war. Mit voller Wucht knallte das Holz scheppernd gegen den Käfig. Martin rang mit dem Angreifer, den er in der Dunkelheit kaum erkennen konnte und schließlich gelang es ihm, die Waffe an sich zu reißen und seinen Gegner bewusstlos zu schlagen. Anna, die sich vor Schreck hinter den Altar gekauert hatte, erkannte in dem Mann den Gehilfen von Thomas, der die Funktion eines Messdieners bekleidete. Martin steckte ihn kurzerhand in den Käfig und ließ ihn hinab in die verborgene Kammer. Das würde eine große Überraschung für Thomas und seine Spießgesellen geben. Anna umarmte Martin stürmisch und bedankte sich überschwänglich. Sie zog sich dann die Kleider an, die er ihr mitgebracht hatte und gemeinsam verließen sie die Kirche. Bis zum Tor drückten sie sich am Zaun entlang, wo sie mit dem Stillen und Jeremy zusammentrafen, die dort schon warteten. Das Wiedersehen von Anna und Jeremy war kurz und heftig. Martin musste die beiden schließlich trennen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht geglaubt, dass man sich so lange küssen konnte.

Da die Tore am Abend geschlossen wurden, mussten sie über den Zaun klettern, was gar nicht so einfach war, da sie fast drei Meter zu überwinden hatten. Zu guter Letzt gelang es aber doch. Der Stille blieb im Dorf und Martin eilte mit dem Pärchen in die Dunkelheit davon. Sie mussten ein ganzes Stück laufen, bevor sie einen passenden Platz fanden, wo die beiden die Nacht verbringen konnten. An einem Hang fanden sie eine kleine Mulde die genügend Schutz vor dem Wetter bot. Martin schärfte ihnen nochmals ein extrem leise zu sein und eilte dann wieder zurück zum Dorf. Der Stille hatte in der Zwischenzeit ein Seil besorgt und so kam Martin schnell wieder über die Palisaden zurück ins Dorf. Die Zeit war wie im Fluge vergangen und als sie wieder im Haus von Thomas angekommen waren, begann schon die Dämmerung einzusetzen. Erleichterung wollte aber noch nicht so richtig einsetzen und erst als sie ein paar Stunden später freundlich verabschiedet wurden und das Dorftor durchschritten, war Martin halbwegs überzeugt, dass ihre nächtliche Aktion unbemerkt geblieben war. In seiner überschwänglichen Freude über ihre Abreise hatte sich Thomas noch zu eineigen Geschenken hinreißen lassen. Ihre Taschen waren voll mit Proviant und neue, prall gefüllte Wasserschläuche lagen schwer über ihren Schultern.

Kurze Zeit später langten sie am Versteck von Anna und Jeremy an. Die beiden lagen zitternd unter der dünnen Decke, die ihnen Martin für die Nacht dagelassen hatte und ihre Freude war unbeschreiblich, als sie ihn und seine Freunde wieder sahen. Gemeinsam setzten sie den Weg fort. Es herrschte eine ausgelassene Stimmung und auch Martin begann langsam wieder nach vorne zu schauen. Für den Moment gab er sich der guten Stimmung hin und lachte sogar mit Mugh, den er sonst eher mied. Das Gelände stieg an und der Weg wurde steiler. An der Seite des Berges wand er sich Meter um Meter in die Höhe.

 

Zwischenspiel

 

Sein letzter Zug war nicht besonders gut gewesen. Die Gedanken des Jüngeren kehrten allmählich wieder zurück zum Spiel. Er hatte sich gelegentlich gefragt, ob diese endlosen Schachspiele seine persönliche Hölle waren, oder warum er dazu verdammt schien immer wieder an diesem Tisch Platz zu nehmen und die kleinen Figuren von einem Feld auf das nächste zu schieben. Der Ablauf war bisher stets gleich geblieben. Er verlor und kurz darauf begann der Prozess des Aufsteigens, der sie auf das Schlachtfeld von Klyth zurückbrachte. In ihren schweren Rüstungen standen sie auf der staubigen Ebene und die tief stehende Sonne stand in ihrem Rücken. Dies war kein Traum oder eine Episode aus ihrer Vergangenheit. Es war eine der unzähligen Ebenen, die in der Unendlichkeit existierten. Kein Sinn, kein Zweck und kein Erbarmen waren hier zu finden. Sie machten sich gemeinsam auf den Weg. Außer ihnen war niemand hier. Ein endloser, qualvoller Zyklus begann von neuem. Der erste Ansturm würde nicht lange auf sich warten lassen. Er umklammerte das Schwert fester und hielt wachsam Ausschau nach dem Feind. Schwarz zieht: Läufer von E-Sieben schlägt Läufer auf G-Fünf.

 

Eins

 

43

 

Nadja wachte auf. Um sie herum war es noch immer dunkel. Neben sich spürte sie Kiro. Sein Atem ging langsam und gleichmäßig. Unter dem dünnen Laken war es angenehm warm. Eine innere Unruhe hatte sie geweckt. Sie drückte sich ein Stück aus dem Bett um besser aus dem Fenster sehen zu können. Gegen den helleren Horizont hob sich deutlich der dunkle Streifen des Landes ab. Nadja war wie elektrisiert. Bald würden sie ankommen und die Vorahnung, dass sie erwartet wurden, war nun fast schon zur Gewissheit geworden. Behutsam stieg sie ganz aus dem Bett. Die Verletzung an ihrer Seite war schon deutlich besser geworden, aber noch immer konnte sie nicht alle Bewegungen ohne Schmerzen ausführen. Still, ohne Kiro zu wecken, zog sie sich an und trat auf den Gang hinaus. Das Land kam stetig näher. Kein Licht war zu erkennen und auch im Zug war alles finster. Bald würde es hell werden. Nadja lächelte. Die letzte Nacht war unvergesslich gewesen. Sie gehörten nun für immer zusammen. Noch bevor Kiro im nächsten Augenblick leise von hinten an sie herantrat und seine Arme um ihre Taille legte, wusste sie dass er da war und schloss die Augen. Sie lehnte sich zurück und die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, ließ ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken laufen.

Abrupt und ohne Vorwarnung bremste der Zug plötzlich ab. Rotes Licht durchflutete den Waggon und die Stimme aus dem Lautsprecher war wieder da. Diesmal klang sie gar nicht mehr so freundlich wie bei der Zwischenstation. „Achtung! Die strukturelle Integrität des Gleisbettes ist beeinträchtigt. Geschwindigkeit wird reduziert.“ Der Zug bewegte sich noch immer vorwärts, aber nun deutlich langsamer als zuvor. „Das ist Er!“ Nadja flüsterte. Kiro wusste, was sie meinte. Eine Konfrontation war nunmehr unvermeidlich. Sie rafften ihre wenigen Sachen zusammen. Wie Kiro erwartet hatte, ließen sich die Türen während der Fahrt von innen nicht öffnen. So blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu warten, was passieren würde. In der Nische des Bettes waren sie am besten geschützt und so zogen sie sich dorthin zurück.

Der Tag brach an und der Himmel wurde stetig heller. Das Land war nun zum Greifen nah. Die Fahrgeräusche unter ihnen wurden unregelmäßig. Der Zug schien zu schlingern und ein schabendes Geräusch drang zu ihnen herauf. Kiro barg Nadjas Kopf in seinen Armen. Es hatte begonnen. Kurz schien wieder alles normal, als es eine lauten Schlag gab und ein heftiger Ruck durch den Zug ging, der sie fast aus dem Bett schleuderte. Der Waggon wurde nach links geschleudert und einen kurzen Moment schienen sie zu schweben, bevor es einen harten Aufschlag gab. Mit ungeheurer Wucht überschlugen sie sich und alles im Abteil, was nicht befestigt war, flog durch die Gegend. Kiro nahm wahr, wie sich die Tür des Kühlschranks aus ihrer Verankerung löste und wie ein Geschoss in der Decke stecken blieb. Das Fenster war durch den Aufschlag geborsten und überall flogen Glassplitter herum. Kiro schmeckte Blut. Noch immer lag er schützend über Nadja. Irgendetwas traf ihn an der Schulter. Noch drei oder vier Mal drehte sich der Waggon und blieb dann liegen.

Kiro wartete noch einen Moment und sah dann auf, in der Hoffnung, dass es vorbei war, als eine große Detonation alles erschütterte und den Zugwaggon noch einmal ein Stück vorwärts schob. Eine seltsame Stille trat ein. Kiro spürte deutlich, dass jemand in der Nähe war. Nadja regte sich und Kiro gab sie frei. „Bist du ok?“ Er blickte sie besorgt an. Sie nickte nur. In ihren Augen las er, dass auch sie spürte, wie etwas näher kam. Er musste schnell handeln. Kiro griff hinter sich. Eine Tasche, die er im Bahnhof mitgenommen hatte, war noch da. Dorthinein hatte er die mächtigen Spielzeuge aus der Zwischenstation gepackt. Nun zog er vorsichtig das Netz hervor und breitete es über Nadja und sich selbst aus. Sie machten sich ganz klein und warteten ab. Der Waggon war so zum Liegen gekommen, dass sie durch das Fenster nur den Himmel sehen konnten, der schon recht hell geworden war. Einige Minuten lagen sie bewegungslos so da, ohne dass sich auch nur das Geringste tat. Die sie umgebende Stille wirkte unheimlich und bedrückend. Mit einem Mal verdunkelte sich das Fenster. Schwarze Schwaden schoben sich vor die ovale Öffnung und ließen fast kein Licht mehr herein. Gleichzeitig fiel die Temperatur und Nadja fröstelte. Etwas kam durch das Fenster herein und bald war das gesamte Abteil von dunklen Nebelschwaden erfüllt. Nadja zuckte zusammen denn ihre Verletzung an der Seite begann wieder heftig zu schmerzen. Kiro beobachtete fasziniert, wie eine kleine Wasserpfütze, die sich unterhalb des Kühlschranks gebildet hatte langsam gefror. Nadjas Hand suchte die seine. Er hatte keine Angst und als sie seinen festen Griff spürte, strömte die Gewissheit durch ihren Geist. Sie waren Sicher. Der Schatten konnte sie nicht finden.

Bald zog sich das Wesen wieder zurück. So nahe war Nadja ihm bei ihrer ersten Begegnung nie gewesen. Der geballte Hass, die Kälte und das unbändige Verlangen nach Vernichtung, dass sie soeben vom Schatten wahrgenommen hatte, erschütterte sie zutiefst. Seine Macht hatte zugenommen. Erst als Kiro den Eindruck hatte, dass der Schatten nicht mehr in der Nähe war, zog er das Netz von ihnen herunter. Der feine Stoff war noch immer gefroren und als er ihn jetzt berührte, zerbrach das filigrane Gewebe in tausende Stücke. Diesen Schutz hatten sie also verloren. Nadja kletterte zum Fenster und schaute vorsichtig hinaus. Der Waggon lag auf dem Strand. Nur wenige Meter entfernt begann das Meer. Das Gleis, welches in einiger Entfernung auf den Strand zulief, hörte in der Nahe der Wasserlinie abrupt auf. Mehrere der Stützen waren zerstört und ihre Bruchstücke lagen überall herum. Nadja sah zwei Waggons im Wasser liegen. Wellen gingen immer wieder über sie hinweg. Außer ihrem eigenen Waggon konnte sie keinen anderen mehr erkennen. Die vordere Lok hatte sich in den Sand gebohrt. Offenbar war der restliche Treibstoff explodiert und jetzt schlugen Flammen aus dem schwarzen, deformierten Wrack. Überall lagen Metallfetzen und Splitter herum. Schwarzer Rauch stieg auf. Die ganze Szenerie war ein einziges Bild der Zerstörung.

Nadja drückte sich ganz heraus und sprang auf dem Strand. Kiro blieb dicht hinter ihr. Sie hatten unwahrscheinliches Glück gehabt, damit sie nicht im Wasser gelandet waren. Zwar hatte auch ihr Waggon äußerlich massiv Schaden genommen, aber außer ein paar Kratzern bei Kiro waren sie unverletzt. Hinter der zerstörten Stelle lief das Gleis schnurgerade landeinwärts. Die Explosion war wohl ziemlich heftig ausgefallen, denn das Metall der Schienen hatte sich bizarr nach oben gebogen und wirkte nun wie ein grober Korkenzieher. Vom Schatten war weit und breit nichts zu sehen. Gemeinsam stiegen sie die Böschung empor und hatten bald darauf die Anhöhe hinter dem Strand erklommen. Vor ihnen, nicht weit entfernt, begann die Stadt. Auch wenn es größtenteils nur längst verfallene Ruinen waren, erhoben sich manche Bauwerke noch in beachtliche Höhen. Aus der Ferne war nicht viel zu erkennen, jedoch überraschten selbst Kiro ihre gigantischen Ausmaße. Ganz am Horizont erblickten sie die feine Nadel des Turmes. „Dort ist unser Ziel.“ Nadja blickte in die Ferne. Das Gelände fiel von ihrem Standpunkt aus leicht ab. Auf halber Strecke zwischen dem Strand und den ersten Gebäuden der Stadt, lag der Bahnhof. Das Gebäude war leicht zu erkennen, da es das identisches Gegenstück zum Theta-Endbahnhof war, von dem aus ihre Fahrt begonnen hatte. Dieser Bahnhof hatte die Zeit jedoch nicht so gut überstanden. Als sie sich ihm näherten, erkannten sie das ganze Ausmaß der Zerstörung. Das Dach war eingestürzt und hatte den Innenraum unter sich begraben. Die Wände waren massiv beschädigt und sahen so aus, als drohten sie jeden Moment einzustürzen. Wie zur Bestätigung lösten sich einige Steine aus der Mauer in stürzten polternd auf einen Bahnsteig. Hier würde kein Zug mehr abfahren. Dieser Ort strahlte eine tiefe Traurigkeit aus. Rasch setzten sie ihren Weg zur Stadt hin fort.

 

Der Schatten

 

Sein Plan hatte perfekt funktioniert. Wie er es vorausgesehen hatte, waren die Stützpfeiler des Gleises kollabiert. Zwar hätte der Zug etwas schneller sein sollen, aber das Resultat war das Gleiche. Nachdem die Lok ins Schlingern geriet, waren schon die ersten Waggons ins Wasser gestürzt und sogleich versunken. Die Lok selbst brach mit ihrem hohen Gewicht schließlich durch das Gleis. Die Explosion war ein Augenschmaus gewesen. Seine Aufmerksamkeit widmete der Schatten dann aber sogleich dem einzigen Waggon, der es bis auf den Strand geschafft hatte. Die Lok hatte ihn vor ihrem Absturz noch vom Ort der Katastrophe weggeschleudert. Wie ein Spielzeug war er über den Sand gerollt. Von seiner Position einige Meter über den Strand hatte der Schatten alles genau beobachten können. Er drang in den Waggon ein. In seiner derzeitigen Form war er fähig an vielen Orten gleichzeitig zu sein. Wie Rauch breitete sich seine Gegenwart in dem Wrack aus. In jedem Winkel suchte er nach seiner Beute. Er spürte ihre Gegenwart, jedoch konnte er sie nicht finden. Irgendwie war es ihnen gelungen ihn zu täuschen. Statt sich Zorn und Unzufriedenheit hinzugeben, beschloss er, sich zunächst zurückzuziehen. Er würde Geduldig abwarten. Aus seinem Versteck heraus beobachtete er, wie die Beute vorsichtig den Waggon verließ. Wie ein Tier, das die Gefahr wittert sahen sich die Beiden, die er jetzt schon so lange verfolgte, in alle Richtungen um. Schließlich gingen sie in Richtung der Stadt davon. Er erhob sich in die Luft und hielt Ausschau nach einem geeigneten Schlachtfeld. Ein freier, ebener Platz schloss sich an die alte Ruine des Bahnhofes an. Ruhig verharrte er in einigen hundert Metern Höhe, wo er mit bloßem Auge kaum mehr auszumachen war und wartete, bis Nadja und Kiro sich in der Mitte des Platzes befanden. Dann stieß er auf sie herab.

 

44

 

An vielen Stellen war der Weg sehr eng. Links ging es steil bergauf und rechts fiel der Fels viele Meter nahezu senkrecht ab. Bald hatten die ausgelassenen Gespräche und das Lachen aufgehört, weil sie nun fast dazu übergehen mussten zu klettern. Eine feine Eisschicht lag an manchen Stellen über den Steinen und machte den Aufstieg zusätzlich gefährlich. Mugh rutschte einmal aus und es war äußerst knapp, dass er nicht herunterfiel. Er hatte von allen die größte Mühe. Jeremy, der anfangs noch Martin mit Dank für ihre Rettung überhäuft hatte, war jetzt auch schon am Keuchen. Hin und wieder bemerkte der Stille, wie er Anna seltsame Blicke zuwarf. Die beiden kletterten gemeinsam und Jeremy half ihr bei den schwierigsten Stellen. Am leichtesten fiel es dem Knaben, der allen voran, in halsbrecherischem Tempo über die gefährlichsten Felsen sprang. In regelmäßigen Abständen wartete auf die Nachzügler hinter ihm. Martin sagte nichts. Ihm war es durchaus lieb, dass sie solch ein hohes Tempo beibehielten denn ein schwacher Schneefall hatte eingesetzt und für die Nacht brauchten sie ein gut geschütztes Lager. Von hier oben konnten sie weite Teile der Landschaft unter ihnen überblicken. Es sah nach einem fruchtbaren Land aus. Immer wieder erhoben sich große Felsen aus dem breiten Tal. Der Fluss, an dem auch Brae lag, floss hier in einer fast schnurgeraden Linie weiter. An seinen Ufern konnten sie immer wieder kultiviertes Land erkennen, aber eine andere Siedlung kam nie in Sicht. In der Ferne wurde das Land wieder eben. Weit und breit war kein Baum zu erkennen. Am frühen Nachmittag bog ihr Pfad nach links ab. Erst konnte Martin nicht erkennen, wo sie nun hingeführt wurden, aber dann öffnete sich ein Spalt im Berg und zwischen zwei Gipfeln gelangten sie ins Innere des Massivs. Der Pfad, der nun so schmal wurde, dass sie nur noch hintereinander gehen konnte war auf beiden Seiten von steil aufragenden Felswänden begrenzt. Nachdem sie mehrfach Geröllfelder und heruntergefallene Felsbrocken überklettert hatten, hielten sie bald alle Ausschau nach den gefährlichen Stellen. Gegen Abend erwartete sie dann an einer Stelle ein grausamer Fund. Unter einem großen Felsen, der ihnen den Weg versperrte, lagen die Überreste eines menschlichen Skeletts. Der Schädel und viele der anderen Knochen waren zertrümmert. Offenbar hatte ein plötzlicher Steinschlag den Wanderer überrascht. Nach dem Grad der Verwesung und den Hautresten an den Knochen war das vor noch nicht allzu langer Zeit geschehen. Der Knabe, der die sterblichen Überreste zuerst entdeckte, untersuchte alles mit großem Interesse. Außer der Kleidung fanden sie noch einen Beutel mit den Habseligkeiten des Toten, den sie mitnahmen. Der Schnee hatte wieder aufgehört zu fallen und ein kühler Wind kam auf. Sie brauchten eine ganze Weile um über den Felsen zu klettern. Auf der anderen Seite wurde der Pfad bald etwas breiter. Sie waren noch nicht lange weitergegangen, als Mugh auf halber Höhe des Hanges eine Öffnung entdeckte. Martin und der Knabe kletterten hinauf und untersuchten das, was sich schon bald als eine kleine Höhle herausstellte. Zwar roch es hier nicht besonders angenehm und am Boden hatte sich auch etwas Wasser angesammelt, aber wenn sie eng zusammenrückten, würden sie die Nacht hier windgeschützt und einigermaßen warm überstehen können. Sie holten ihre Freunde nach und als es dunkel wurde, hatten sie es sich in der Höhle gemütlich gemacht. Nachdem Martin und Mugh das Wasser herausschöpften, war es jetzt sogar schon fast bequem. Weil sie nicht genügend Decken hatten, legten sie sich immer paarweise zusammen. Anna und Jeremy gefiel das mit Abstand am besten. Die Dunkelheit senkte sich nun langsam über die Berge und die das Schlafdefizit der vergangenen Nächte forderte bald seinen Tribut, sodass ihnen schnell die Augen zufielen. Nur Anna war noch wach. Die Geräusche der Nacht machten ihr Angst und in der Ferne glaubte sie das Heulen von Tieren zu hören. Im Dorf gab es Geschichten von Wölfen und anderen grausigen Kreaturen die in den Bergen lebten. Sie war noch nie so weit von ihrer Heimat entfernt gewesen. Zweifel stiegen in ihr auf, ob sie das Richtige getan hatte. Was würde jetzt aus ihren Eltern werden? Jeremy schlief neben ihr tief und fest. Er regte sich nicht. Sie war sich noch immer nicht vollkommen sicher, ob sie diesen Fremden wirklich vertrauen konnte. Zwar hatten sie Anna gerettet, aber was, wenn sie etwas im Schilde führten? Unruhig wälzte sie sich umher. Es dauerte lange bis sie endlich einschlief.

 

Langsam verstrichen die Stunden der Nacht. Nach einer Weile fand sich auf dem Weg unterhalb der Höhle eine seltsame Kreatur ein. Fast sah sie so aus wie ein Hund, jedoch waren ihre Beine lang und dünn, optimal um über die Geröllfelder zu klettern. Winzige Ohren lugten zwischen den struppigen Haaren auf dem großen Kopf hervor. Die Kreatur wirkte abgemagert und an vielen Stellen war das dunkle Fell ganz dünn und zerzaust, wie nach einem Kampf. Hechelnd setzte sich das Wesen auf den Pfad und blickte zur Höhle empor. Als es gähnte, öffnete es ein Maul mit mehreren Reihen spitzer und überaus scharfer Zähne. Es schien auf irgendetwas zu warten. Bald gesellte sich ein zweites Wesen dazu und nach einiger Zeit noch drei weitere. Aus ihren kleinen schwarzen Augen blickten sie sich an, als ob sie sich ohne einen Laut verständigen würden. Ihre überproportional großen Köpfe bewegten sie hin und her, wobei die lange, rote Zunge wie ein Pendel aus ihren Mäulern hing. Das ganze Schauspiel hätte durchaus drollig wirken können, wäre da nicht der starre Blick in ihren Augen und die großen Krallen an ihren Füßen gewesen, die sie immer wieder aus und einfuhren. Sie hatten die Witterung von Beute aufgenommen. Die fünf Wesen blieben noch eine Weile sitzen, bis sie sich den Geruch, der von der Höhle wie ein unsichtbarer, dicker Dunst zu ihnen herabquoll, vollständig eingeprägt hatten. Dann stand eins nach dem anderen auf und verschwand in der Dunkelheit. Noch war es nicht Zeit.

 

Am nächsten Morgen wurden sie erst spät wach. Martin hatte beschlossen, nachdem er gespürt hatte, wie nötig sie alle den Schlaf hatten, niemanden zu wecken, sondern seine Gefährten ausschlafen zu lassen. Als er wach wurde, schaute er sich zunächst den Inhalt des Beutel näher an, den sie gestern bei dem Toten gefunden hatten. Es war ein einfacher Lederbeutel, der mit einem Riemen zusammengezurrt war. Wind und Wetter hatten dem Material zwar zugesetzt, es aber nicht in übermäßigem Maß beschädigen können. Als Martin endlich das Band gelöst hatte, schüttelte er den Inhalt der Beutels auf den Boden. Klimpernd fielen einige kleine Metallmünzen heraus, ein Essgeschirr aus dunklem Metall, einige abgebrochene Pfeilspitzen und eine zusammengeschnürte Rolle Pergament. Gespannt zog er die Schnur ab und rollte das dicke Papier auseinander. Überall waren dunkle Flecken und Feuchtigkeit hatte die Ränder beschädigt. Martin musste sehr vorsichtig sein um das Papier nicht zu zerreißen.

Das äußerste Blatt war eine Karte. Sie war sehr grob und zeigte, ähnlich wie ihre eigene, das Gebiet, in dem sie sich befanden. Im Unterschied zu der Karte aus dem Dorf, zeigte diese hier ein weitaus größeres Gelände. Neben Brae und dem Turm waren hier auch noch drei weitere Siedlungen am Rand der Karte eingezeichnet. Die schwarzen Striche waren an vielen Stellen bereits ausgeblichen und die Schrift unter den verschiedenen Orten war kaum mehr lesbar. Den Namen unter dem Turm, der auch hier inmitten der Berge eingezeichnet war, konnte Martin gut lesen. Nun gab es keinen Zweifel mehr. In feiner Handschrift stand dort „Solejier“. Die anderen Blätter in der Rolle waren offenbar das Tagebuch des Toten. Martin blätterte die Seiten durch und von Satz zu Satz wuchs sein Erstaunen und gleichzeitig überkam ihn ein beklemmendes Gefühl. Der erste Eintrag stammte aus dem Jahr 2692.

 

25.03.2692 – Mittwoch (oder doch Donnerstag?)

 

Wir sind abgestürzt. Gerade noch befanden wir uns auf dem Weg nach Tarweniak 7, als uns ein Ionensturm erfasste und uns mehrere Millionen Kilometer vom Kurs abgebracht hat. Irgendwie sind wir in das Gravitationsfeld eines Planeten geraten. Die Steuerung hat versagt und wir kamen der Oberfläche immer näher. So eine Angst hatte ich noch niemals zuvor in meinem Leben. Meine Frau ist tot. Sie hat den Absturz nicht überlebt. Am Strand, nahe unserer Absturzstelle habe ich sie begraben. Das ist jetzt 3 Tage her. Es hat keinen Sinn zu bleiben und abzuwarten. Es wird niemand kommen. Weit und breit ist keine Menschenseele. Gott sei Dank funktioniert der Notsignalsender. Ich habe ihn mit einer periodischen Botschaft programmiert und wenn jemand das Signal empfängt, wird er wissen, dass ich nach Osten, entlang des Strandes losgegangen bin. Ist das überhaupt Osten? Mein Kompass spielt total verrückt.

 

30.03.2692 – (welcher Tag?)

 

Ich habe Wasser gefunden aber mein Proviant geht bald zur Neige. Noch immer ist mir niemand begegnet. Ich habe beschlossen den Strand zu verlassen und ins Landesinnere vorzudringen. Wenn es hier Wege gibt, dann muss auch irgendwo jemand leben. Diese Stille macht mich wahnsinnig. Nachts schleichen Tiere um mich herum und ich kann kaum die Augen schließen. Ich habe Angst. Trisha du fehlst mir so sehr!

 

02.04.2692

 

Ich bin auf eine Siedlung gestoßen. Sie war verlassen. Vor langer Zeit müssen hier Menschen unter den primitivsten Bedingungen gelebt haben. Ein Teil der Häuser sah so aus, als ob hier einst ein großer Brand gewütet hätte. In einer Kiste habe ich Essgeschirr und ein paar Münzen gefunden. Ich nehme es mit. Das ist bestimmt hilfreich. Ein paar Bögen eines seltsamen Pergaments waren auch dabei. Meinem Datenspeicher geht bald die Energie aus. Ich werde die Tagebucheintragungen übertragen und von Hand weiter schreiben. Das Wetter ist kalt und es regnet viel. Das dauernde Grau des Himmels lässt mich verzweifeln. Scheint denn hier niemals die Sonne? Ich werde Morgen noch im Dorf bleiben und nach nützlichen Dingen suchen. Vielleicht finde ich ja auch etwas zum Essen.

 

 

 

04.04.2692

 

Ich bin krank. Das Korn, das ich in einem Sack im Dorf gefunden hatte, war wohl doch schon zu alt. Vielleicht sollte ich ein oder zwei Tage pausieren und mich erholen. Meine Füße tun sowieso schon ziemlich weh und ich habe überall Blasen. Noch immer habe ich keine Menschenseele getroffen.

 

07.04.2692

 

Endlich Menschen! An einer Wegkreuzung habe ich ein paar Frauen getroffen. Zuerst sind sie vor mir davongelaufen, aber dann konnte ich sie davon überzeugen, dass ich kein übler Bursche bin. Die haben hier anscheinend noch nie was von Raumfahrt oder elektrischem Licht gehört. Als ich mit meiner Energiewaffe einen Stein verdampft habe, waren sie ganz begeistert. Die Frauen haben mich in das nächste Dorf mitgenommen, das nur ein paar Kilometer entfernt war. Dort konnte ich tatsächlich endlich wieder in einem richtigen Bett schlafen und etwas Vernünftiges essen. Das Geld hat wenig Wert, aber ein paar meiner technischen Geräte haben Abnehmer gefunden, sodass ich jetzt eine kleine Reserve habe. Der Gastwirt hat versprochen mit mir Morgen zum einem Händler zu gehen, der Karten verkauft. Sie haben keine Ahnung, wie man von diesem Planeten wieder entkommt, aber vielleicht gibt es woanders jemanden, der mir helfen kann. Eschnak soll dieser Ort heißen. Habe ich noch nie gehört.

 

22.04.2692

 

Ich bin weit gekommen in den letzten Wochen. Mit der Karte komme ich schnell von Dorf zu Dorf. Überall bietet sich mir das gleiche Bild. Primitives Leben ohne Technik. Ich kann nicht verstehen, wie diese Menschen das aushalten können. Keiner kann mir hier wirklich helfen. Ich habe von einem Ort gehört, der angeblich große Bedeutung für die Menschen hier hat. Sie wollten mir erst nichts darüber erzählen, aber anscheinend gibt es in den Bergen einen geheimnisvollen Turm. Habe mir eine andere Karte besorgt, wo er eingezeichnet ist und mache mich Morgen auf den Weg in die Berge. Meine Hoffnung ist groß. Ich will endlich von diesem öden Ort verschwinden.

 

 

Fortsetzung folgt…

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202403030230558e096c74
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Erstellt: 05.09.2007, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08, 4834