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Das graue Meer Teil 4

Autor: Sebastian Schenk

 

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Die Luft geriet in Bewegung. Zunächst kaum spürbar und dann immer stärker. Nadjas Nackenhaare sträubten sich und ein Schauer lief ihr über den Rücken. Einen Moment zu spät wurde ihr bewusst, dass sie sich hatte täuschen lassen. Als sie sich gerade umwenden wollte, wurde es vollkommen finster um sie herum. Kiro griff nach Nadjas Hand. Sie schwiegen. Die Temperatur sank und Nadja begann zu frieren. Irgendetwas krabbelte auf dem Boden. Das Trippeln von winzigen Füßchen durchbrach die Stille. Nadja und Kiro rückten enger zusammen. Vorsichtig machte Kiro einen Schritt nach vorne. Sein Fuß berührte etwas Weiches und im selben Moment hörten sie ein schmerzvolles Quieken. „Lass meine Hand nicht los, hörst du!“ Nadja flüsterte kaum hörbar. In der Finsternis war nicht das Geringste zu erkennen. Noch immer wurde es stetig kälter und ein fauliger Geruch stieg ihnen in die Nasen. Das Trippeln wurde immer lauter und Nadja schien es fast, als ob sich der Boden unter ihren Füßen bewegen würde. In diesem Moment begann etwas Feuchtes an ihrem Bein herauf zu kriechen. Innerhalb von Sekunden breitete sich die Kälte in ihrem Körper aus und alles wurde taub. Kiro, der vorsichtig in der Finsternis umhertastete, spürte nur noch, wie Nadja zu Seite wegsackte. Er wirbelte herum und fing sie auf, bevor sie zu Boden gehen konnte. „Es ist kalt…“ Das war alles, was Nadja noch flüsterte. Ihnen blieb keine Zeit mehr. Mit seiner freien Hand griff Kiro in die Tasche und tastete nach einem der verbliebenen Päckchen aus dem Bahnhofskiosk. Er fand, was er gesucht hatte und entfernte die Verpackung. Inzwischen war es so kalt geworden, dass alle Bewegungen schwer fielen. Sein Gesicht schmerzte und Nadja, die er an sich gedrückt hatte, wurde immer schwerer. Endlich hielt er die kleine Laserwaffe in der Hand und drückte hoffnungsvoll auf den Auslöser. Für den Bruchteil einer Sekunde blitzte rotes Licht auf und erhellte die Umgebung. Kiro erschrak, und Nadja zuckte schwach in seinem Arm zusammen. Noch war sie bei Bewusstsein.

Das Bild hatte sich in sein Hirn eingebrannt. Riesige Würmer mit unzähligen Beinen und Unmengen von schlangenähnlichen Wesen bedeckten den Boden. Sie standen in der Mitte einer Halbkugel aus dunklem Rauch. Kein Lichtstrahl durchdrang die wabernde Masse. Panisch drückte Kiro noch ein paar Mal auf den Auslöser der Waffe, aber nichts passierte. Er zwang sich selbst zur Ruhe, zielte auf eines der Wesen am Boden und hielt den Auslöser für einige Sekunden gedrückt. Ein satter, roter Lichtstrahl schoss aus der Waffe und traf einen der armdicken Würmer. Das Tier gab ein lautes Quieken von sich und bevor es wieder dunkel wurde, sah Kiro, wie es bewegungslos liegen blieb. Noch einige Male feuerte er die Waffe ab, bis ihn ein gurgelndes Geräusch an seiner Seite ablenkte. Im Licht des nächsten Schusses blickte er zu Nadja hinüber und sah, wie sich eins der Wesen um ihren Hals gelegt hatte und ihr nun langsam die Luft abschnürte. Zitternd hob er die Waffe und zielte in der Dunkelheit auf Nadja. Er zögerte. Kiro wollte Nadja nicht treffen, wusste aber, dass er schießen musste um sie zu retten. Mit einem Mal überkam ihn eine erstaunliche Ruhe. Kiro schloss die Augen und entspannte sich. Ruhig betätigte er den Abzug und wieder erfüllte das helle, rote Licht die Umgebung.

Dumpf schlug das Wesen auf dem Boden auf und keuchend rang Nadja nach Luft. Ihr Gewicht in seinem Arm verlagerte sich. Kraft kehrte in ihre Beine zurück und sie erlangte einen sicheren Stand. Viele der großen Würmer hatte Kiro nun erledigt, aber dass war kaum beruhigend. Sie mussten versuchen zu entkommen, bevor ihnen der Schatten noch mehr entgegenschleudern konnte. Kiro richtete die Waffe auf die Wand aus dunklem Dunst und feuerte einen weiteren Schuss ab. Was dann geschah, überraschte ihn vollkommen. Von einem Augenblick auf den Anderen fand er sich in einem hell erleuchteten Raum wieder. Nadja war verschwunden, die Würmer waren fort und die Temperatur hatte sich normalisiert. Die Kälte ihres dunklen Gefängnisses schien niemals existiert zu haben. Noch immer trug er seine Kleidung, aber die Waffe und seine Tasche waren beide verschwunden. Er blickte sich um. Die Wände des kleinen Raums, in dessen Mitte er stand, waren aus groben, unbearbeiteten Steinblöcken gemauert und durch mehrere vergitterte Fenster drang helles Sonnenlicht herein. Kiro war so überwältigt vom Anblick des blauen, wolkenlosen Himmels, dass er alles andere völlig vergaß, bis eine warme und sanfte Stimme hinter ihm begann zu sprechen. Er drehte sich langsam um und musste sich dabei fast schon gewaltsam vom Blick aus dem Fenster losreißen. Der Raum war vorhin leer gewesen, dessen war er sich sicher. Von einer Tür fehlte jede Spur und doch stand nun eine Person in einer brauen Mönchsrobe vor ihm. Der Kopf, der unter einer Kapuze steckte, war geneigt, sodass Kiro das Gesicht nicht erkennen konnte.

„Was tust du hier?“ Die Frage verwirrte Kiro, denn er konnte sich nicht erinnern, wie er hierher gelangt war. Etwas Dunkles schwebte diffus in seinem Kopf, aber er konnte es nicht zuordnen. Mit einem Mal schien alles was vor diesem Moment geschehen war aus seinem Gedächtnis verschwunden zu sein. „Du musst das nicht tun. Es gibt hierfür Andere.“ Die Person kam einen Schritt auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sie war leicht und Kälte ging von ihr aus. „Leg deine Waffen nieder und komm ins Licht.“ Behutsam drehte ihn der seltsame Besucher um, sodass er zur rückwärtigen Wand des Raumes blickte. Neben einem der Fenster war eine Tür aufgetaucht. Sie stand offen. Durch die große Öffnung konnte er eine belebte Straße erkennen. Gleiter schwebten über ihr und am Straßenrand gab es eine Reihe von Geschäften, an denen reges Treiben herrschte. Kiros Augen begannen zu leuchten. Ja, das war es, was er sich lange gewünscht hatte. Ein Leben, in dem es Ruhe gab. Ein Leben, ohne Auftraggeber, ohne Kunden und ohne Flucht. Zwischen zwei Häusern konnte er einen kleinen Park erkennen, in dem Kinder auf einem Spielplatz herumtollten. Eine Familie. Er würde endlich eine Familie gründen können. Der Anblick der Straße erfüllte ihn mit dem Gefühl unbeschreiblichen Friedens.

„Du brauchst nur durch diese Tür zu treten und alles hat ein Ende. Was du siehst, wird Wirklichkeit sein. Kein Schmerz, keine Entbehrungen und keine Flucht mehr.“ Sanft schob ihn die Hand an seiner Schulter vorwärts. „Gib deinen Widerstand auf.“ Die Stimme schien aus immer weiterer Ferne zu kommen. Kiro sah nur noch das idyllische Panorama vor sich, das immer größer wurde und sein Geist schien alles andere auszublenden. Er war nur noch wenige Zentimeter von dem Durchgang entfernt und sein nächster Schritt würde ihn auf das Pflaster der Straße führen, als ein Gedanke seinen Geist durchzuckte und er stehen blieb. Mit wem wollte er eine Familie gründen? Die Menschen, die er sah, waren ihm fremd. Aber er erinnerte sich daran, dass er einen Menschen kannte und liebte. Wie ein Fisch, der aus dem Wasser springt, drang das Bild Nadjas an die Oberfläche seines Geistes und mit einem Schlag fiel ihm alles wieder ein. Die Zugfahrt, der Bahnhof und der Schatten. Kiro wand sich zu dem Mönch um. Wie als hätte sich eine Wolke vor die Sonne geschoben wurde das Licht im Raum plötzlich fahl. Schatten tauchten auf und ein Wind wehte durch die vergitterten Fenster. Kiro wusste nun, wen er vor sich hatte. Die Hand des Mönchs war von seiner Schulter geglitten. Kiro sprach mit fester Stimme. „Bring mich zurück. Ich werde dein Angebot nicht annehmen. So sehr du sich auch bemühst. Sieh mich an Schatten. Wir werden dich bekämpfen und siegreich aus der Schlacht hervorgehen.“ Die letzten Worte schrie er dem Wesen vor sich wütend entgegen und verstummte erst, als der Schatten nun langsam seinen Kopf hob. Kurz bevor es völlig dunkel um Kiro wurde, konnte er das Gesicht unter der Kapuze erkennen. Sein Entsetzen und die Qualen die er bei diesem Anblick empfand, waren grenzenlos. Ein grauenhafter Schrei der Angst entriss sich seiner Kehle und dann war alles fort.

Zuerst dachte Kiro, er wäre wieder in dem kalten und dunklen Gefängnis des Schattens bei Nadja, aber er spürte ihre Nähe nicht und überhaupt schien sich gar nichts in seiner Nähe zu befinden. Er rief, aber es kam keine Antwort. Der Klang seiner Stimme schien von der undurchdringlichen Dunkelheit völlig verschluckt zu werden. Er streckte seine Hand aus, bekam aber nichts zu fassen. Er sog die Luft in seine Lungen, konnte aber keinen Geruch wahrnehmen. Er lauschte angestrengt in die Schwärze, vernahm aber keinen Ton. War er gestorben?

Ein lautes Klicken war zu hören, und in einiger Entfernung vor Kiro flammten drei Scheinwerfer auf. Sie tauchten eine große Bühne in grelles Licht. Er blickte sich um und stellte zu seiner Überraschung fest, dass er inmitten eines Theaters saß. Die Decke eines altertümlichen Raumes erstreckte sich hoch über ihm und unendliche Sitzreihen verloren sich in der Dunkelheit. Die Bühne selbst war aus hellem Holz gefertigt. Die fast nahtlos aneinander gefügten Bretter glänzten matt in den Lichtkegeln und es sah fast so aus, als hätte diese Bühne noch niemals jemand betreten. Vorhänge aus rotem Samt umrahmten die Szenerie. Kiro war sich durchaus im Klaren, dass dies eine weitere Illusion des Schattens war, um ihn zu beeinflussen. Nachdem er die erste Täuschung durchschaut hatte, würde er sich nicht mehr so einfach täuschen lassen. Wie auf ein unhörbares Kommando hin, begann nun halblaut Musik zu spielen. Sie kam von irgendwoher unterhalb der Bühne und schien keiner bestimmten Melodie zu folgen. Sinnlose Sequenzen von Tönen folgten disharmonischen Klängen und hässlichen Modulationen. Ein vierter, kleinerer Spotscheinwerfer strahlte auf und im selben Moment betraten einige sonderbare Gestalten die Bühne. Allesamt sahen sie wie Zirkusclowns aus. Sie trugen lächerlich bunte Kostüme und waren übertrieben geschminkt. Einer nach dem anderen betraten sie die Bühne und stolzierten in einer Reihe hintereinander her. Auf der anderen Seite der Bühne angekommen, machten sie kehrt und liefen zurück. So stolzierten sie zu der skurrilen Musik im Kreis und Kiro betrachtete fasziniert die unterschiedlichen Gestalten. Der erste Clown in dieser aberwitzigen Prozession war groß und schlank. Sein Gesicht machte einen dümmlichen Ausdruck und auf seinem Kopf saß schief eine Schirmmütze in Armeetarnfarben. Über seiner Schulter hing ein Gewehr, das ziemlich alt und kaputt aussah. Mit Schminke hatte man ihm große Tränensäcke auf das Gesicht gemalt. Sein Gang war schwerfällig und gebückt. Der Clown hinter ihm schien sein vollkommenes Gegenstück zu sein. Er war klein, dick und trug eine lustige, hellgrüne Melone, in deren Hutband eine knallgelbe Blume steckte, die bei jedem Schritt hin und her wippte. Sein großes, fröhliches Gesicht strahlte pralle Lebensfreude aus. Über seiner Schulter hing ein brauner Sack. Er war groß und schien recht schwer zu sein, aber sein Träger ließ sich davon nichts anmerken. Hin und wieder musste er jedoch nachgreifen um den Sack, der ein Stück heruntergerutscht war, wieder sicher zu halten. Von Zeit zu Zeit klopfte er seinem Vordermann ermutigend auf die Schulter, woraufhin dieser sich umdrehte und ihn grimmig ansah. Jedes Mal verzog der Dicke daraufhin sein Gesicht und dicke Tränen kullerten aus seinen kleinen Augen, jedoch hielt die Reaktion nie lange an und er fand schnell zu seiner unbeschwerten Art zurück. Der Dritte in der Reihe war die merkwürdigste Erscheinung von allen. Von Kopf bis Fuß trug er weiß. Selbst Gesicht und Hände waren im blütenreinen Weiß seiner Kleidung geschminkt. Auf seinem Kopf trug er keinen Hut. Stattdessen fielen lange, ebenfalls weiße, Haare bis hinab auf seine Schultern. Auf eine Weise wirkte er alt, jedoch zeigte sein Gesicht keinen Ausdruck der Müdigkeit und seine Augen blickten starr nach vorne. Fast schien es, als ob dem Autor des Theaterstücks bei dieser Rolle die Ideen ausgegangen wären. So, als ob er nicht genau gewusst hatte, was in dieser Person vorgehen sollte. Zielstrebig schritt er vorwärts und sein Blick glitt niemals nach rechts oder links vom Weg ab. Hinter ihm lief ein Kind. Es war so, wie alle andern, als Clown verkleidet, aber seine Erscheinung war die farbenfrohste von allen. In einer Hand hielt es eine bunte Traube Luftballons, die bei jeder Bewegung aneinander gerieten und quietschten. Seine Nase war knallrot und er kicherte ständig. Mit einer Hand hielt er sich am Gürtel seines Vordermanns fest, dem das nicht das Geringste auszumachen schien. Seine Schritte waren unregelmäßig und erinnerten mehr an ein Stolpern. Das Gesicht war in zwei Farben geschminkt die rechte Seite war schwarz, die andere weiß. Der Übergang zwischen beiden Seiten war fließend grau und die rote Nase in der Mitte wirkte seltsam deplaziert. Auf dem Kopf trug er, wie sein Vordermann, keinen Hut.

Sie letzten beiden Clowns liefen Hand in Hand nebeneinander. Ununterbrochen starrten sie einander an. Ihrer Kleidung nach war einer von ihnen eine Frau. Sie trug eine enge graue Hose und ein Oberteil, das ihren Körper in unnatürlicher Weise einzuquetschen schien. Den überdimensional großen Kopf, der von einer wallenden, roten Haarmähne umrahmt wurde, krönte ein silbernes Diadem. Ihr Gesicht war in einer Fratze der überschwänglichen Freude geschminkt und ihre dünnen Ärmchen schlackerten bei jedem Schritt vor und zurück. Der Clown, dessen Hand sie hielt war nahezu vollständig schwarz. Außer seinem Gesicht und den Händen, die in hellstem Weiß erstrahlten, bot er den düstersten Anblick. Die Schminke in seinem Gesicht ließ eine Hälfte lachend und die andere weinend erscheinen. Wie gebannt verfolgte Kiro von seinem Platz aus das Geschehen, bis mit einem Mal eine laute Stimme erklang. Sie begann eine Geschichte zu erzählen.

„Es waren einmal ein paar einfältige Pinsel. Sie beschlossen, sich zusammenzutun und auszuziehen um die Welt zu retten. Gemeinsam bauten sie sich eine Flugmaschine und starteten auf ihre große Reise. Unterwegs stellten sie aber fest, dass sie zu dumm waren die Maschine zu bedienen und so stürzten sie in der Mitte von Nirgendwo ab. Dabei gingen ein paar von ihnen drauf, aber das war ja eigentlich nicht wirklich schlimm, denn sie waren alle wirklich sehr dumm und überhaupt keine besonders guten Pinsel. So rafften sie ihre Habseligkeiten zusammen und machten sich auf die Suche nach den Herren der Welt, die sie besänftigen wollten, um das fortbestehen einer Welt zu sichern, von der sie nicht das Geringste wussten. Vor lauter Einfalt bekamen sie nicht einmal mit, mit welch mächtigen Wesen sie dabei den Konflikt suchten. Sie rannten jedoch weiter blindlings ihrem Schicksal entgegen, das sie hart prüfen sollte.“ Die Stimme fuhr fort eine Geschichte zu erzählen, in der Kiro mehr und mehr ihre eigene Geschichte erkannte und die Ereignisse wiederentdeckte, die bereits hinter ihnen lagen. Der Erzähler stellte das Vorhaben der Protagonisten als eine sinnlose und völlig aussichtslose Sache dar, die ganz unmöglich zu bewerkstelligen war. Dabei gab er immer wieder vernichtende Kommentare über die Clowns ab, die er stets nur Pinsel nannte. Mit jedem Satz, den der Erzähler fortfuhr, sank Kiro der Mut ein Stück weiter. Die Aufgabe, welche noch vor ihnen lag, schien noch so viel zu erfordern, dass es ihm langsam selbst wie ein aussichtsloser Kampf erschien. Auf der Bühne sank ein Clown nach dem anderen nieder. Zuerst blieben die beiden verliebten Clowns auf der Strecke. Danach folgten die anderen bis nur noch der vollkommen weiße Clown übrig war. Er blieb schließlich in der Mitte der Bühne stehen und nach einer Weile verstummte die schreckliche Musik. Bis auf den Spotscheinwerfer, der auf dem einzig verbliebenen Clown ruhte, erlosch das restliche Licht. Der Erzähler sprach seinen letzten Satz und verstummte dann. Das Ende der Geschichte war trotz der dunklen Zukunft, die am Horizont stand, offen. Völlige Stille trat für einen Moment ein. Langsam glitt die Hand des letzten Clowns zu seiner Hosentasche und er griff hinein. Vorsichtig holte er daraus etwas hervor. Zuerst erkannte Kiro es nicht, aber dann sah er, dass es ein kleiner, schwarzer Revolver war, wie er ihn aus alten Filmen kannte. Mechanisch hob der Clown die Waffe an seine Schläfe. Kiro, der während des gesamten Schauspiels immer mehr mit den Protagonisten gelitten hatte, sprang auf und wollte schreien, aber kein Ton drang aus seiner Kehle. Völlig unerwartet begann der Clown nun aber zu singen. In einem kurzen Solo sang er nur einen einzigen Satz: „Adieu, du schnöde Welt!“ Und dann betätigte er den Abzug. Ein Knall ertönte, er sackte zu Boden und es wurde dunkel. Der Schmerz, den Kiro empfand, war unerträglich. Eine Frage, nagend und zäh, drängte sich an die Oberfläche seines Geistes. Was wenn sie es gar nicht schaffen konnten?

 

Der Schatten

 

Er hatte seine helle Freude. Seine Falle hatte zugeschnappt und nun waren die Beiden, die sich für so mächtig gehalten hatten, in seinem Inneren gefangen. Er konnte ihre Desorientierung spüren und wie sie nicht wussten was mit ihnen geschah. Mit den Würmern hatte er ihnen Angst machen wollen, aber es hatte nicht zu seiner vollen Zufriedenheit funktioniert. Irgendwoher hatten sie eine Waffe bekommen, die seine armen kleinen Freunde vernichtet hatte. Aber das beunruhigte ihn nicht. Seine Macht beschränkte sich nicht nur auf eine einzige Ebene. Der Schlüssel zur Vernichtung seiner Beute war deren Trennung. Er wollte ihnen die ganze Bandbreite an Angst vermitteln, die er im Stande war zu erzeugen. Schließlich würde ihre Bindung aneinander versagen und dann hatte er die Macht sie zu vernichten. Bis dahin hatte er alle Zeit der Welt, oder besser, aller Welten. Er musste lachen. Letztendlich war es so einfach das Ziel zu erreichen. Ganz im Gegenteil zu seiner Beute. Die würde ihr Ziel niemals erreichen. Er würde verhindern, dass sie erfuhren, wie nahe sie bereits waren. Sein erstes Opfer war der Mann. Die Frau war schwach. Kaum erholt von ihrer letzten Begegnung schien es ihm ein schaler Sieg, wenn er sie zuerst vernichten würde. Der Mann bot eine viel größere Herausforderung. Schnell fand er heraus, was seine tiefsten Wünsche und Ängste waren. Den Geist der Menschen zu lesen, war eine Kunst, die er meisterhaft beherrschte. Gelegentlich war es ein schwieriges und bisweilen auch gefährliches Unterfangen, aber für gewöhnlich hatte er damit Erfolg. Bei dem Mann hatte sein erster Versuch schon fast zum Erfolg geführt. Nur knapp hatte dieser seinen Plan durchschaut. Der Schatten fragte sich, ob seine grandiose Fähigkeit zu lügen, doch wieder etwas mehr Training brauchte. In seinem nächsten Schritt machte er den Mann und seine Freunde lächerlich. Wenn er ihm vermitteln konnte, wie sinnlos ihr Tun war, dann hätte er bald gewonnen. Wenn nur ein einziger von ihnen aufgab war sein Ziel erreicht. In diesem Spiel hatte jeder einzelne eine tragende Rolle, nicht wie in der Schau, die er in Kiros Geist Gestalt annehmen ließ. Ein Einziger würde genügen. Wenn auch das nicht funktionierte, blieb immer noch eine Sache übrig. Wahrlich, so lobte er sich, er war wirklich ein Meister der Illusion. Wäre er nicht ein so fähiger Lügner gewesen, hätte er glatt zum Zirkus gehen können. Kaltes Lachen erklang in seinem Geist und auch Kiro hörte es.

 

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Kiro trieb in der Schwärze der Unendlichkeit und das laute Lachen des Schattens hallte darin tausendfach wider. Das Schauspiel hatte ihn zermürbt. Zwar war sein Glaube an die Stärke des Bandes zwischen ihm selbst und Nadja ungebrochen, doch keimte der Zweifel auf, ob auch Martin und die anderen den Herausforderungen gewachsen sein würden, die vor ihnen lagen. Er wollte es sich erst nicht eingestehen, aber der Schatten hatte etwas in seinem Geist angeregt, dass nun nicht mehr so einfach zum Verstummen gebracht werden konnte. Mehr und mehr wurde ihm die abgrundtief böse Natur des Schattens gegenwärtig und er machte sich erste Vorwürfe, dass er Nadja im Kampf gegen dieses Monster in der unterirdischen Stadt alleine gelassen hatte. Wie war sie überhaupt lebend entkommen? Während er so durch die Weiten der Dunkelheit glitt, kamen unzählige Fragen in seinen Geist, die in ihm Gefühle der Schuld, des Schmerzes, der Angst und des Hasses weckten. Er merkte kaum, wie er auf ein helles blaues Licht zuschwebte. Es wurde immer größer und als es sein ganzes Sichtfeld ausfüllte, fand er sich mit einem Mal an einem vertrauten Ort wieder.

Er stand inmitten der schwarzen Halbkugel. Von überall her drang diffus Licht durch die dunklen Nebelschwaden und gab der Szene eine unwirkliche Erscheinung. Auf dem Boden lagen die Kadaver der riesenhaften Würmer, die kaum weniger furcht erregend wirkten, jetzt wo sie leblos vor ihm lagen. Kiro ließ den Blick schweifen. Ein seltsames Gefühl, kaum zu beschreiben, breitete sich in ihm aus. In der Ecke, dort wohin am wenigsten Licht drang, lag etwas. Er trat langsam näher und mit jedem Schritt wuchs sein Unbehagen. In der Haltung eines Embryos, ganz verkrümmt, lag dort ein Mensch. Ein Wurm hatte sich um den Hals der Person gewickelt. Sein glatter Körper bewegte sich pulsend, so als ob er den Herzschlag seines Opfers in sich aufsaugen würde. Wäre diese schwache, kaum wahrzunehmende aber doch regelmäßige Bewegung nicht gewesen, hätte man das Ding fast für eine Art exotischen Schal halten können. Kiro konnte das Gesicht nicht erkennen, aber von einem Moment auf den nächsten wusste er, wer dort auf dem Boden lag. Der Schock lähmte seine Glieder. Eigentlich wollte er sich zu Nadja hinabbeugen, aber sein Körper gehorchte ihm nicht und er blieb einfach nur bewegungslos stehen.

Immer wieder hallte ein Satz in seinem Geist wider: „Es ist vorbei…“ War dies das Ende? Langsam löste sich die Spannung und wie in Zeitlupe glitt Kiro zu Nadja hinunter. In einer plötzlichen Aufwallung von Zorn griff er nach dem Wesen um es von ihrem Hals zu zerren. Zu seiner Überraschung ließ es sich widerstandslos abstreifen. Ihr einst so schöner Hals lag nun blutverschmiert vor ihm. Wie ein riesiger Blutegel hatte sich der Wurm in ihren Körper gebohrt und ihr Blut abgesaugt. Aus der großen Wunde quoll nur noch schwach Blut. Vorsichtig drehte er sie herum. Nadjas Gesicht war bleich und leblos. Die Gewissheit nahm langsam in Kiros Geist Gestalt an und jede Empfindung wich aus ihm. Nadja war tot. Um Kiro senkte sich Stille. Keine Bewegung. Nur das Licht, welches sich in immer neuen Winkeln durch den Dunst brach, warf weiche Schatten auf Nadja. Kiro konnte seinen Blick nicht von ihr wenden. Wie lange er so verharrte, wusste Kiro nicht mehr. Sein Unterbewusstsein hatte jede die Zeit verdrängt. Erst als Kiro die Stimme hinter sich vernahm, kehrte sein Bewusstsein allmählich wieder an die Oberfläche seines Geistes zurück. Noch bevor er sich umgedreht hatte, wusste er, wer hinter ihm stand und alles in ihm zog sich unangenehm zusammen. „Komm mit. Es ist vorbei.“ Kiros Blick streifte eine dunkle Robe, die weit über alte Lederstiefel fiel. Die Stimme des Schattens war sanft und angenehm. Eine unwiderstehliche Ruhe ging von dem Wesen aus und Kiro begann zu vergessen. Das Bedürfnis loszulassen war überwältigend. Mit zitternden Knien stand er auf. Kiro war sich bewusst, dass er eigentlich hätte Zorn oder Wut empfinden müssen, gegenüber dem, der Nadja vernichtet hatte, aber gleichzeitig war eine unglaublich große Last von seinen Schultern genommen worden. Auf eine Weise empfand er Dankbarkeit. Das Gesicht des Schattens war noch immer von einer Kapuze verhüllt. Er streckte Kiro seine Hand entgegen. „Komm und lass uns diesen Ort verlassen. Ich bringe dich nach Hause. Wie im Traum hob Kiro seine Hand, zögerte dann aber. „Dein Alptraum wird ein Ende haben.“ Die Stimme des Schattens schien sich in Kiros Ohren du dehnen. Nur noch Zentimeter trennten ihre beiden Hände. Kiros Blick streifte seine eigene, leere Hand und die Bewegung erstarb. Etwas stimmte hier nicht. Warum waren seine Hände leer? Wo waren die Waffe und seine Tasche? Kiro riss den Blick vom Schatten los und sah hinter sich. Nadja war verschwunden und mit ihr die Kadaver der Würmer. Woher kam dieses Licht? Eine Illusion. Wie Schuppen fiel es von Kiros Augen. Dies war ein weiteres Trugbild des Schattens. Neue Hoffnung keimte in Kiro auf. Er hatte sich blenden lassen von dem, was er am meisten fürchtete. Der Schatten las offenbar seinen Geist wie ein offenes Buch. Er wandte sich dem Schatten zu und stolperte erschrocken einen Schritt zurück, als er ihn nun erblickte. Das dunkle Wesen, das eben noch in einer Mönchsrobe vor ihm gestanden hatte, stand nun von Kopf bis Fuß in Flammen. Brennend kam es auf Kiro zu und begann markerschütternd zu schreien. „Niemals werde ich euch freigeben. Ihr könnt nirgendwohin entkommen. Kein Versteck ist sicher. Eure Vernichtung ist unausweichlich!“ Den letzten Satz schrie er in einer solchen Intensität, dass Kiro sich die Ohren zuhalten musste und immer weiter zurückwich. Er war nur noch wenige Schritte von der dunklen Nebelwand hinter im entfernt, als er eine zweite Stimme vernahm. Hinter dem Geschrei des Schattens war sie nur schwach zu hören. Mehr unterschwellig nahm Kiro sie wahr, als dass er sich tatsächlich hörte. „Wach auf, Kiro! Was ist mit dir? Du darfst mich nicht allein lassen! Du hast es versprochen…“ Nadjas Stimme war verzweifelt. Kiro presste die Hände auf seine Ohren. So konnte er sie wenigstens ein wenig besser hören. Einem unterschwelligen Impuls folgend, schloss er die Augen. Kiros geistiger Fokus begann sich zu entfernen. Weg von der dunklen Höhle, weg von dem Geschrei, weg von dem brennenden Wesen, das nur Zerstörung und Chaos im Sinn hatte. Kiro erblickte Nadja. Sie lächelte ihm ermutigend zu. „Glaube seinen Lügen nicht. Was du siehst ist nicht die Wirklichkeit. Er hat nur Macht über dich, wenn du sie ihm gibst. Komm jetzt zu mir zurück.“ Und Kiro kam zurück. Schritt für Schritt durchbrach er den Schleier, den das dunkle Wesen über sein Bewusstsein gelegt hatte. Kiro kehrte zurück an den Ort, von dem ihn der Schatten in eine Welt der Illusionen gerissen hatte. Ihn umgab wieder Dunkelheit, aber er war nicht allein. Als er spürte, wie Nadja seine Hand ergriff, war Kiros Erleichterung grenzenlos. Er zog sie heran und drückte sie an sich. Im Moment war ihm alles andere egal. Kiro sah nichts, spürte aber Nadjas feuchtes Gesicht. „Ich dachte du wärst tot…“ Sie konnte es nur flüstern. Einige Minuten hielten sie einander einfach nur fest und keiner sagte etwas. Dann brach Kiro die Stille. „Ich weiß wie wir hier herauskommen können.“ Nadja schniefte. „ Was sollten wir deiner Meinung nach jetzt auf keinen Fall tun?“ Er sah Nadjas Gesicht nicht, konnte sich ihre Überraschung aber gut vorstellen. Sie dachte eine Weile nach und dann erkannte sie, auf was Kiro hinauswollte. „Denkst du wirklich, dass das funktioniert?“ „Freiwillig wird er uns nicht gehen lassen.“ Dessen war sich Kiro nach der Begegnung mit ihrem Widersacher sicher. „Also gut, dann lass es uns versuchen.“ Kiro griff nach seiner Tasche. Wie er erwartet hatte, hing sie noch immer über seiner Schulter. Auch die kleine Spielzeugwaffe hatte er noch bei sich. Noch einmal drückte er den Abzug, doch nichts geschah. Wie das Tarnnetz, so war auch die zweite Waffe nutzlos geworden. Hand in Hand gingen sie vorwärts. Mit jedem Schritt, den sie der dunklen Nebelwand näher kamen wurde die Kälte durchdringender. Für Kiro war es fast schon beruhigend, dass man nichts erkennen konnte, denn er war sich nicht sicher, ob er sonst den Mut aufgebracht hätte weiter zu gehen. Die Luft, die sie einatmeten, schien immer dicker zu werden. Noch einmal drückte Nadja Kiros Hand. „Schnell…“ und dann traten sie gänzlich in den Nebel ein. Hier drinnen war es bitterkalt. Zügig schritten sie vorwärts. Die Umgebung war unwirtlich und diffus drangen Geräusche an ihre Ohren. Gesprächsfetzen, Schreie und das Summen von Elektrizität mischten sich zu einer Kulisse der Angst. Wie eiskalte Hände schien der Dunst nach ihnen zu greifen. Mit jedem Atemzug fiel das Luftholen schwerer. Nadja stolperte, aber Kiro zog sie weiter. An diesem Ort länger als nötig zu bleiben, war keine gute Idee. Langsam wurde es vor ihnen heller. Der Schimmer war erst nur schwach, wurde dann aber immer deutlicher. Kiro hielt direkt darauf zu, aber auf einmal spürte er wie ihn Nadja zurückhielt. Er konnte sie noch nicht sehen, aber in ihrer Stimme hörte er Angst. „ Er will uns wieder in die Irre führen. Das ist zu leicht.“ Sie schwieg einen Moment. „Ich denke, wir sollten uns rechts halten.“ Kiro war sich unsicher. Nach alledem, was ihn das dunkle Wesen hatte sehen und spüren lassen, war eine weitere Täuschung durchaus möglich. Langsam spürte er Panik in sich aufsteigen. Was sollten sie tun? „Bist du sicher, dass es ein Trugbild ist?“ Kiro spürte Nadjas Zittern. Statt ihm zu antworten, zog sie ihn sanft vorwärts. Sie schlugen einen leichten Bogen nach rechts ein. Die Dunkelheit nahm wieder zu und umgab sie schließlich erneut von allen Seiten. Ohne dass sie es bemerkt hatten, war es still geworden. Kein Laut drang mehr durch die dunklen Schwaden. Selbst das Summen war verstummt. Kiro konnte sich später nicht mehr daran erinnern, wie lange sie so gelaufen waren, aber mit einem Schlag standen sie im Freien. Nicht, dass sich der Nebel um sie herum langsam aufgelöst hatte, sondern es war, als würde man durch eine Tür treten und sich in einer völlig anderen Umgebung wieder finden. Das Licht blendete Nadja und Kiro, als sie nun wieder unter dem bewölkten Himmel standen. Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Noch immer standen sie auf der freien Fläche in der Nähe des verfallenen Bahnhofs. Hinter ihnen war jedoch nichts mehr. Weit und breit konnten sie keine Spur des Schattens mehr erkennen. Es war, als ob er niemals hier gewesen wäre. Fassungslos, aber auch ziemlich erleichtert, sahen beide sich an. „Bist du in Ordnung?“ Kiro blickte Nadja fragend an und bekam als Antwort jenes Lächeln, das er wohl am meisten an ihr liebte. Sie wandten den Blick wieder nach vorne zur Stadt, die jetzt ein Stück näher schien. „Lass uns nicht mehr zurückschauen. Seine Macht hat sich ein weiteres Mal als zu gering erwiesen. Für den Moment ist er geschlagen, aber er wird sich noch ein letztes Mal gegen uns wenden.“ Sie zögerte, bevor sie noch etwas hinzufügte. „Und ich habe Angst davor.“

 

Der Schatten

 

Er dachte nach. Ratlosigkeit hatte sich mit Belustigung und einer ordentlichen Portion Wut gemischt und ihn in einem merkwürdigen Gefühlszustand zurückgelassen. Niemals hätte er erwartet, dass seine Illusionen derart leicht von seiner Beute durchschaut würden. War seine Arbeit so schlecht gewesen? Nein, er war sicher, dass er damit eigentlich hätte Erfolg haben müssen. Wider Willen musste er ihnen zugestehen, dass sie sich gut geschlagen hatten. Aber warum hatten sie ihn erneut besiegen können? War er möglicherweise zu hochmütig gewesen? Er hatte seine Beute fast soweit gehabt, dass sie aufgegeben wollte. In seinem Eifer war ihm wohl die geistige Kontrolle über den Mann ein wenig entglitten und das hatte gereicht.

Es war ein seltsames Gefühl gewesen, als er seine Beute in seinem Inneren gespürt hatte. Die vielen Emotionen, oft so stark und widersprüchlich. Gab dies seiner Beute die Stärke? Er hatte im Geist der beiden Menschen geforscht um den Ursprung dieser Emotionen zu entdecken, aber er war nicht imstande sie zu begreifen. Vielleicht, dachte er, war hier eine andere Herangehensweise erforderlich. Er beschloss, sich für eine Weile zurückzuziehen und zu beobachten. Seine Späher hatten ihm mitgeteilt, dass die Falle für die anderen bereit war. Die Verwüster hatten ihre Witterung aufgenommen und warteten auf seinen Befehl. Nachdem er noch einen letzten, ziemlich unmotivierten Versuch unternommen hatte seine Beute in die Irre zu führen, gab er sie frei. Innerhalb kürzester Zeit stieg er zu einer anderen Ebene auf, die sich vorzüglich für die Beobachtung eignete. Dort würde er auf zwei alte Bekannte treffen. Nach dieser langen Zeit der Verfolgung war es wohl vertretbar sich etwas Spaß und Entspannung zu gönnen.

Kaum war er aus der Gegenwart von Nadja und Kiro verschwunden, da hatte sich seine Gemütsverfassung schon wieder vollkommen gewandelt. Während des Aufsteigens nahm in seinem Geist bereits ein neuer Plan erste Formen an. Als er durch die Tür trat und die beiden Spieler an ihrem Tisch erblickte, stand es ihm schließlich deutlich vor seinem geistigen Auge, wie er den Kampf am Ende für sich entscheiden würde. Die beiden Männer sahen zu ihm auf und als er das blanke Entsetzen in ihren Augen wahrnahm, konnte er sich ein breites Grinsen nicht verkneifen. Geräuschvoll ließ er die Tür hinter sich zufallen.

 

47

 

Nach und nach waren seine Gefährten erwacht und Martin hatte ihnen das Tagebuch aus dem Sack des Toten gezeigt. Was ihn am meisten erstaunte, war die lange Zeit, die der Tote hier offenbar vollkommen unentdeckt gelegen hatte. Entweder hatte ihn niemand gefunden, oder sein Notruf war niemals von irgendwem empfangen worden. Diese Gegend war wahrscheinlich vollkommen verlassen. Martin gab sich äußerste Mühe seine Sorgen zu verbergen, aber er war sich nicht sicher, wie gut ihm das gelang. Für den Moment konnten sie mit den anderen Dingen aus dem Beutel nicht viel anfangen und so verstaute er alles wieder, bevor sie das Lager abbrachen. In der Nacht hatte es geschneit und die Landschaft lag jetzt unter einer dünnen Schicht pulvrigen Schnees. In der Höhle war es weitgehend trocken geblieben. Nur bei Mugh und dem Stillen, die in der Nähe des Eingangs geschlafen hatten, war es ein wenig feucht geworden. Fast alle hatten gut geschlafen und so herrschte beim Frühstück gute Stimmung.

Als sie am Fuß des Hangs wieder auf den Weg trafen, machte Mugh unerwartet eine Entdeckung. In der Nacht waren Tiere hier unten gewesen. Viele Tiere. Der Weg war übersäht mit ihren Fußabdrücken. Zu welchem Tier sie gehörten, konnte niemand genau bestimmen. Wegen ihrer geringen Größe wirkten sich nicht besonders abschreckend, allerdings war es seltsam, dass gerade unterhalb ihres Schlafplatzes die meisten Spuren existierten. Mugh witzelte, dass dies ja schon fast nach einer mitternächtlichen Versammlung der Berghasen aussehen würde und alle lachten darüber. Sie folgten dem Weg. Nach und nach verließen die Spuren den Pfad und verloren sich in den Weiten der Geröllfelder auf beiden Seiten der Steilhänge. Durch die Reflektion des Lichts im Schnee war es an diesem Morgen deutlich heller als sonst und auch wenn es stetig kälter wurde, war Martin zuversichtlich, dass sie ihrem Ziel näher kamen. Die Hänge flachten weiter ab und gegen Mittag, nachdem der Pfad noch einmal um Einiges angestiegen war, erreichten sie ein Felsplateau, von dem aus sie ein gigantisches Bergpanorama überblickten. Vor ihnen erstreckte sich bis zum Horizont ein gewaltiger Talkessel, Umrandet von zerklüfteten und schneebedeckten Bergen lag eine nahezu flache Hochebene eingebettet darin. Inmitten dieses riesigen Gletschers erhob sich, fast schon unscheinbar winzig, der Turm. Umgeben von einem Labyrinth von Spalten und Rinnen ragte seine Spitze bis hinein in die schnell vorbeiziehenden Wolken.

Während Martin, Mugh und der Stille wie gebannt die Landschaft vor ihnen bestaunten und keinen Ton hervorbrachten, ließen Anna und Jeremy ihrer Begeisterung freien Lauf. Da sie den größten Teil ihres Lebens in Brae zugebracht hatten, war der Anblick für beide überwältigend. Martin deutete auf die schmale Nadel des Turmes. „Das ist unser Ziel. Wenn wir zügig weitergehen, können wir ihn morgen schon erreichen.“ Jeremy sah Martin fragend an. „Und was wird uns dort erwarten?“ Martin wich seinem Blick aus. „Ich weiß es nicht. Aber es ist der einzige Ort, zu dem wir gehen können und wo wir Antworten bekommen werden. Wie auch immer sie ausfallen werden.“ Er hielt inne und dachte kurz nach. „Ich denke, dass dies der Turm von Solejier ist. Einer der vier Weltentürme, wie jener auf der Insel, der uns an einen anderen Ort gebracht hat. Der erste Turm hat uns von Nadja und Kiro getrennt und ich bin überzeugt, dass Nalataja dafür verantwortlich ist. Vielleicht sehen wir sie ja schon bald wieder.“ In dem Moment, als er es aussprach kamen ihm aber bereits erste Zweifel. Er hoffte inständig, dass die beiden noch am Leben waren. „Von jener Nalataja habe ich gehört.“ Martin drehte sich zu Anna um. „In einer Legende heißt es, dass sie eine Zauberin ist.“ Martin sagte nichts. Anna und Jeremy wussten nichts von Wartins und wie sie ihn verloren hatten. Natürlich wusste Martin es selbst nicht mit Sicherheit, aber er vermutete, dass Nalataja dieses Opfer gefordert hatte. „Mag sein, dass sie eine Zauberin ist. Von uns ist ihr jedenfalls niemand begegnet. Einer unserer Freunde ist verschwunden, als wir im Thronsaal ihres Schlosses waren.“ Martin war nicht unbedingt begierig jetzt über dieses Thema zu sprechen. Anna jedoch bemerkte sein Unbehagen nicht.

Während sie sich nun an den Abstieg machten, erzählte sie immer weiter von alten Legenden und Märchen, die in ihrem Dorf im Umlauf waren. Leider konnte sie ihnen zu Solejier nichts von Bedeutung erzählen. Die Geschichten waren wohl im Laufe der Zeit immer mehr ausgeschmückt worden und enthielten kaum mehr verwertbare Informationen. Mugh, der ihr interessiert zuhörte, versuchte etwas über die letzten beiden Namen herauszubekommen, die sie in dem Rasthaus am Anfang ihrer Reise gelesen hatten. Den Namen Ebetaminor hatte Anna noch nie gehört, aber von Warkandoblan schien sie etwas zu wissen. Kaum hatte Mugh den Namen erwähnt, da wurde Anna unwillig und das Gespräch kam ins Stocken. Entweder hatte sie Angst, oder sie verbarg etwas vor ihnen. Martin, der das Gespräch verfolgt hatte, vermutete die Ursache von Annas Reaktion in ihren Erlebnissen mit der fanatischen Sekte, beschloss aber zu einem späteren Zeitpunkt wieder auf das Thema zurückzukommen. Der Weg wurde bald schmaler und auch steiler. Überall lag Geröll herum, das manche Abschnitte des Weges zu einer regelrechten Kletterpartie werden ließ.

Dem Stillen ging es nicht gut. Er fühlte sich zunehmend unwohl. Es hatte angefangen, kurz nachdem sie Brae verlassen hatten und je näher sie nun dem Turm kamen, desto schlimmer wurde es. Nicht das er krank gewesen wäre, aber sein Geist litt mit jedem Schritt schlimmere Qualen. Es war etwas im Gange und das hatte mit dem Turm zu tun, der jetzt mit jedem Schritt näher kam. Dem Stillen fiel es immer schwerer sich auf den abschüssigen Weg zu konzentrieren. Mehrmals war ihm schon der Fuß von einem vermeintlich sicheren Tritt abgerutscht und er war fast gestürzt. Es war, als ob etwas oder jemand verhindern wollte, dass er Herr über seinen Geist blieb. Er hielt es durchaus für möglich, dass jemand auf ihn aufmerksam geworden war, der seine Rolle bisher unterschätzt hatte. Nach außen hin sah es für seine Gefährten so aus, als ob der Junge, der nun wieder an seiner Hand ging in ihm einen Beschützer sah, aber der Stille hatte längst erkannt, das mehr dahinter steckte.

Als sie den Knaben im Schnee gefunden hatten, war sein Mitleid für ihn groß gewesen. Sein erbärmlicher Zustand und das kindliche Gesicht hätten wohl bei jedem Menschen Mitgefühl hervorgerufen. Allerdings war der Stille kein Mensch und der Knabe kein Kind. In dem Moment als der Junge, fast schon gewaltsam, das erste Mal die Hand des Stillen ergriffen hatte, war alles anders geworden. Allein mit der Kraft seines Geistes hatte das Wesen, welches im Körper dieses Jungen steckte, die Kontrolle über den Stillen gewonnen. Es bürdete ihm seinen eigenen Willen auf und machte ihn zum Sklaven in seinem eigenen Körper. In den ersten Tagen hatte der Knabe durch das ständige Halten der Hand des Stillen eine Verbindung geschaffen, die später auch Bestand hatte, wenn sich der Knabe von ihm entfernte. Immer perfekter übte das Wesen Kontrolle aus. Bisher war das Band nur einmal schwächer geworden, als der Junge in Brae die Karte gestohlen hatte. Es war so gewesen, als ob ihn etwas abgelenkt hätte. Kaum war er jedoch zurückgekehrt, als er mit aller Gewalt noch tiefer in den Geist des Stillen eindrang, wie als ob er seinen Besitzanspruch unmissverständlich festigen wollte. Der Stille, dessen Name eigentlich Michael war, hatte zu keinem Zeitpunkt Widerstand geleistet. Vielleicht wäre es dem Knaben nicht so einfach gelungen in seinen Geist einzudringen, wenn er ein Mensch gewesen wäre, aber in gewisser Weise fand Michael es auch interessant, wie sich der Knabe seiner bediente. Statt die Kontrolle über sich mit aller Kraft abzustreifen, nutzte er die Verbindung zwischen ihnen um selbst ein wenig den Geist seines Peinigers zu erforschen. In seiner Bemühung die Kontrolle über Michael aufrechtzuerhalten, erkannte das Wesen diese Infiltration seines Selbst zuerst nicht. Im ersten Moment war Michael überrascht gewesen, welches Chaos in diesen Gedanken herrschte. Er machte sich auf die Suche nach einem Namen, denn er wusste, dass der Name eines jeden lebendigen Wesens eine tiefe Bedeutung hatte. Nach kurzer Zeit wusste er, wie sein Unterdrücker hieß. Das Wesen Gabriels war schwierig zu lesen und Michael brauchte seine Zeit um es zu lernen. Nachdem er eine gewisse Struktur ausgemacht hatte, erkannte er bald, dass dies alles Tarnung war. Hinter alledem steckte nichts. Das Wesen, das sich Gabriel nannte und in dem Körper eines kleinen Jungen steckte, existierte eigentlich gar nicht wirklich. Dort wo bei jedem anderen Wesen Gefühle und Erinnerungen lebten, war bei Gabriel gähnende Leere. Michael war überrascht und zuerst dachte er, dass Gabriel sein Eindringen bemerkt hatte und ihn nun täuschte, aber offenbar war dies nicht der Fall. Erst spät, kurz bevor sie Nalatajas Schloss verlassen hatten, war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Die Reaktion Gabriels auf den Tod von Wartins war der entscheidende Hinweis für Michael gewesen. Denn es hatte keine Reaktion stattgefunden. Fast war es so, als ob Gabriel dies gewusst, ja geradezu erwartet hatte. In dem Moment, als die Tür zugefallen war und alle anderen von dem Schreck durchzuckt wurden, hatte er bei Gabriel überhaupt nichts gespürt. Nicht die geringste Wesensregung hatte er wahrnehmen können. Mit leichter Verzögerung hatte der Knabe schließlich zu weinen begonnen. Wie als hätte ihm jemand mitgeteilt, dass dies wohl eine angebrachte Reaktion sei. Und genau dies, vermutete Michael, geschah hier auch. Irgendjemand oder irgendetwas benutzte Gabriel selbst als Marionette um ihn selbst und seine Gefährten zu beeinflussen. Und nun wurde ihm auch klar, warum von Gabriel eine solche Kraft aufgewandt wurde um ihn zu kontrollieren. Offenbar hatte derjenige, der ihn lenkte vorausgesehen, dass Michael den Betrug früher oder später durchschauen würde. Seine Gabe den Geist der Menschen zu lesen war gar mächtig. Deshalb wurde er dazu gezwungen still zu halten, während seine Gefährten unbemerkt gelenkt wurden. Michael schalt sich selbst dafür, dass er dies erst so spät erkannt hatte, aber noch war Zeit zu handeln. Genau dies war jedoch sein Problem. Gabriel, oder das Wesen, das ihn kontrollierte, hatten etwas bemerkt. Michael war überzeugt, dass er mit größter Kraft in der Lage sein würde die Bindung seines Peinigers zu überwinden, aber vermutlich nur für kurze Zeit, denn die Kraft, die Gabriel lenkte, war immens. Und so wartete Michael noch immer ab, wann der Zeitpunkt kommen würde, der für ihn der richtige war. Dann, wenn er durchschaut hätte, was dieses ganze Schauspiel bedeutete. Der Turm schien nun seinen Plan vereiteln zu wollen. Irgendetwas in Gabriel zog ihn zu diesem Ort und riss seinen eigenen Geist mit sich. Er übertrug eine ungeheure Wucht der Emotionen auf Michael, die ihm nun solch unerträgliche Schmerzen bereitete. Gleichzeitig ließ die Kontrolle ein wenig nach und er wurde auf sich selbst zurückgeworfen. Das Gehen erforderte wieder die Aufmerksamkeit Michaels und so musste er seinen Geist teilen.

Etwas würde am Turm geschehen. Noch wusste Michael nicht ob es gut oder schlecht war und auf welche Seite er sich stellen würde. Er musste sich neu sammeln um im entscheidenden Moment bereit zu sein. Schritt für Schritt zog er sich in seinen eigenen Geist zurück und suchte für einen Moment die Stille in der Erinnerung. Er ging zurück bis zu seiner Geburt.

 

Als Kind eines Telepathen und einer menschlichen Frau war er im Krieg aufgewachsen. Nachdem sich die meisten Welten in den Wirren der endlosen Gefechte verloren hatten, waren seine Eltern kurz vor seiner Geburt geflüchtet. Eine Bergbaustation im abgelegenen Barachnios-System war ihnen sicher genug erschienen. Damals war sie noch in Betrieb gewesen und hatte sogar eine gewisse Kriegspriorität gehabt, wodurch sie dort einen gewissen Schutz genossen hatten. Sein Vater hatte Arbeit im Bergwerk gefunden und so waren die nächsten Jahre bis zum Ende des Krieges ohne Zwischenfälle vorüber gezogen. Zwar hatten sie anfangs in ständiger Angst gelebt, doch irgendwann war auch aus dem Krieg eine Gewohnheit geworden. Nach 14 Jahren schließlich waren die letzten Kämpfe beendet und der Frieden kehrte wieder zurück. Jedoch verlor mit dem Ende des Krieges der Bergbau an Bedeutung und wenige Jahre später wurden die Minen geschlossen. Um wenigstens ihm die Möglichkeit zu einer guten Ausbildung zu bieten, schickten seine Eltern ihn zu Verwandten in einen der zentralen Sternencluster. Dieser Bruder seines Vaters lehrte ihn den Umgang mit seiner Gabe. Als er die Telepathie das erst Mal entdeckt hatte, waren die Eindrücke noch sehr unkontrolliert gewesen. Wenn er Menschen begegnete, so fand er jedes Mal schnell heraus, wie er in ihren Geist eindringen konnte um die Gedanken zu lesen. Sein Onkel half ihm dabei seine Fähigkeit zu kontrollieren und zu fokussieren und vor allem sie nicht zu benutzen um sich im Alltag Vorteile zu verschaffen. In seiner Umgebung erntete er dafür meistens nur verachtende Worte und Spott, weil sich die Menschen schnell vor ihm fürchteten. Niemand konnte sich sicher sein, das Michael nicht gerade seine Gedanken las und so ging er dazu über diese Eigenart seiner selbst für sich zu behalten. In diesem Prozess lernte er die Vorteile des Schweigens kennen und bald schon sprach er kaum mehr ein Wort. Ein Lichtblick in dieser selbst gewählten Isolation war seine erste und bisher einzige Liebe gewesen. Sie hatte nichts von seiner Telepathie gewusst und er hatte auch keine Notwendigkeit gesehen, es ihr zu sagen. Sie verlebten zwei Jahre im Taumel des Glücks, bis sie sein Geheimnis schließlich herausfand. Genau wie alle anderen vor ihr, bekam sie Angst und verließ ihn letztendlich. Dies gab ihm die Gewissheit, dass er nicht für die Gemeinschaft mit anderen Menschen bestimmt war. So entschloss sich Michael dazu in ein Kloster zu gehen. Er informierte die Brüder zu Anfang über alles und wurde nach einiger Zeit auch endlich akzeptiert und als Mensch geachtet. Die nächsten zwölf Jahre verbrachte er mit einfacher Arbeit in einem festen täglichen Rhythmus und endlich glaubte er ein Zuhause gefunden zu haben, als ihn ein Brief seiner Eltern erreichte. Sein Vater lag nach langer Krankheit im Sterben und seine Mutter bat ihn in noch ein letztes Mal zu dem Ort seiner Geburt zurückzukehren. Über die Jahre waren die Kontakte zu seiner Familie immer weniger geworden und eigentlich wollte er zunächst gar nicht auf die Nachricht reagieren. Er liebte seinen Vater, jedoch löste der Gedanken an seine Vergangenheit und alles was damit zu tun hatte, großes Unbehagen in ihm aus. Erst durch den drängenden Zuspruch seiner Ordensbrüder ließ er sich endlich dazu überzeugen die weite Reise anzutreten, was nun den Frieden seines Geistes zerstört hatte. Abgestürzt auf einem einsamen Planeten und gefangen in einer Welt der Vergangenheit als Sklave eines wahnsinnigen Geistes. Michael kehrte zurück an die Oberfläche seines Selbst und öffnete die Augen. Ein Schauer überlief ihn und Aufregung brandete wie Wellen über ihn hinein. Sie waren dem Turm jetzt sehr nahe. Wie viel Zeit war vergangen? Unter ihm knirschte Eis und ein eisiger Wind pfiff über den Gletscher. Die Spalten rechts und links des Weges waren bedrohlich nahe. Schon schwand das Licht. Bald würde die Nacht hereinbrechen.

 

Zwischenspiel

 

Die ersten Gefechte waren nicht besonders fordernd gewesen, aber jene Macht, die sie auf das Schlachtfeld geschickt hatte, wusste, dass sie sich nicht einfach würden abschlachten lassen. Zu sehr erwacht ihre Kampfeslust nach den ersten Schlägen und dem ersten vergossenen Blut. Der Ältere fand aufs Neue Gefallen daran, aber er wusste nur zu gut wie es enden würde. Keine Erholung, keine Rast. Immer vorwärts. Die Anstrengung in der schweren Metallkleidung war unbeschreiblich. Wie von einem fernen Magneten angezogen, schleppten sie sich über den roten Staub. Immer wieder stießen ihre Füße an die Gebeine der gefallenen Krieger. Wie aus dem Nichts tauchten die Gegner vor ihnen auf und stürzten sich in sinnlosem Wahnsinn in ihre Schwerter. Geschrei, ein kurzes Gefecht und dann wieder Stille. Scheppern von Beinschienen und Holzkreuze. Überall standen sie herum. Einfach und aus Zweigen abgestorbener Bäume zusammengebunden. Lange Schatten in die Wüste werfend. Anfangs waren es noch wenige, aber je weiter sie kamen, desto häufiger standen sie da. Kündend von einem sinnlosen Kampf, den es nicht wert war zu schlagen. Und dann tauchten am fernen Horizont die ersten Zinnen der Festung auf. Wie ein Verdurstender, der nach Wasser lechzt, beschleunigten sie ihre Schritte und hasteten auf die letzte Festung zu.

Der Ältere schloss seine Augen und versuchte seinen Geist neu auszurichten. Sie waren das letzte Mal so nahe gewesen. Er schenkte dem aufkeimenden Zorn keine Beachtung und widmete sich wieder dem Spiel. Weiße Dame von D-Eins nach E-Zwei. Noch während er seinen Zug ausführte hörte er ein Geräusch und drehte sich um. Eine Tür war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Jemand betrat ihre Ebene. Das erste Mal seit einer Ewigkeit überfiel ihn Angst.

 

48

 

Die alte und ziemlich demolierte Straße führte geradewegs zur Stadt. Netzartig zogen sich Risse durch den dicken Asphalt und an vielen Stellen hatten Flechten und kleine Büsche die Oberfläche durchbrochen. Langsam, aber unaufhaltsam eroberte sich die Vegetation das verlorene Terrain wieder zurück. Wohl einst als mehrspurige Autobahn gebaut, war die Straße schon lange nicht mehr für Fahrzeuge nutzbar. Für Kiro und Nadja war sie hingegen ein bequemer und schneller Weg ihrem Ziel näher zu kommen. Im Gegensatz zur unterirdischen Stadt konnten sie weit und breit keine Überreste von Fahrzeugen entdecken. Trotz ihres Zustandes wirkte die Straße seltsam aufgeräumt. Es war um die Mittagszeit, als sie die ersten Ausläufer der Stadt erreichten. Zerstörung war allgegenwärtig. Die ersten Gebäude waren kaum mehr als ein paar Grundmauern im hohen Gras, über das der Wind strich. Immer wieder mussten sie durch die Krater gewaltiger Explosionen gehen, die sich als tiefe Mulden in die sonst so flache Landschaft eingegraben hatten. Längst war der Boden von einem dichten Bewuchs überzogen, jedoch wirkte alles seltsam eintönig und leer. Die Farbe der Landschaft schien lediglich in einigen wenigen Variationen von Brauntönen zu variieren. Die Erdschicht war hier nicht besonders dick und schon nach wenigen Metern kam massiver Fels. Manche Krater hatten sich mit Wasser gefüllt und bildeten kleine Seen. Meist war es eine zähe, dunkle Brühe, die mehr an frischen Teer erinnerte als an Leben spendendes Wasser. Je weiter sie sich dem Kern der Stadt näherten, desto besser war der Zustand der Bauwerke. Die meisten hatte man aus Beton oder einem anderen massiven Stein gefertigt, aber noch immer hatten nur die wenigsten der Macht der Verwüstung widerstehen können. Mit der Zeit war die Erosion durch Wind und Wetter zu ihrem Verhängnis geworden.

Kurz nachdem sie die Grenze zum nahezu flächendeckend bebauten Gebiet passiert hatten, hörte Kiro zum ersten Mal jenes unheimliche Summen. Es war tief und monoton. Er konnte nicht genau sagen woher es kam, aber ab diesem Zeitpunkt war es allgegenwärtig. Weder nahm es zu noch wurde es schwächer. Wie ein unsichtbarer Begleiter war es stets bei ihnen. Nadja und Kiro wanderte durch leere Straße und die Gerippe der Häuser erhoben sich wie überdimensionale Gräber an beiden Seiten ihres Weges. Es war ein seltsames Gefühl einen solchen Ort zu betreten. Niemand hinderte sie daran weiterzugehen und doch fühlten sie sich auf eine Art unwillkommen und fehl am Platz. Mehrmals bemerkte Kiro in leeren Winkeln und an den Ecken von Gebäuden Bewegungen, aber meistens spielte ihm seine Wahrnehmung einen Streich, oder es waren die Ratten, die es hier überall zu geben schien. Kiro vermutete schon, dass sich Nadja vor ihnen ekeln würde, aber da hatte er sich getäuscht. In gewisser Weise war es sogar beruhigend zu wissen, dass sie nun nicht mehr völlig alleine waren. Überall hielten sie Ausschau nach dem Schatten oder anderen menschlichen Wesen, jedoch vergeblich. Zwar glaubte Nadja nicht wirklich, dass schon so bald ein weiterer Angriff erfolgen würde, aber sie blieben trotzdem wachsam. Die Gebäude wurden immer größer und bald liefen sie im Schatten von Bauten, deren untere Geschosse teilweise noch gut erhalten waren. Die Häuser standen dicht gedrängt beieinander und hatten meist vier bis acht Stockwerke. Kiro wollte sie immer wieder betreten, aber Nadja hielt ihn zurück. Es war wichtig jetzt schnell voran zu kommen und sich nicht aufhalten zu lassen. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass Eile angebracht war. Früher oder später mussten sie ohnehin einen Unterschlupf für die Nacht finden. Als ob sie etwas suchen würde, blickte Nadja angestrengt in die Ferne, wo sich die schnurgerade Straße in den Häuserschluchten verlor.

Sie liefen weiter bis es fast Nach war. Es war schnell dunkel geworden und irgendwann waren tatsächlich noch ein paar Lichter der alten Straßenbeleuchtung angegangen. Kiro wusste nicht genau, ob das ein Anzeichen davon war, dass hier noch jemand lebte, oder ob wie in dem alten Bahnhof ein Teil der technischen Strukturen die Zeitalter überlebt hatte. Die an hohen Masten in der Mitte der Straße angebrachten Lampen lieferten ein schwaches, bläuliches Licht und das Summen, welches bisher auf einem konstanten Niveau geblieben war, wurde nun stärker. Offenbar waren hier noch einige alte Hochenergieleitungen aktiv. Auf seinen nächtlichen Beutezügen war Kiro auch einmal bei einem Versorgungswerk eingestiegen und kannte von dort ein ähnliches, wenn auch nicht identisches Summen von Elektrizität. Erstaunlicherweise war die Straßenbeleuchtung nicht das einzige Licht. Vereinzelt erleuchtete Fenster und andere, viel schwächere Lichtquellen die zum Teil kaum ortbar waren, verwandelten die nächtliche Stadt in ein geisterhaftes Lichterspiel. Manche Lichter flackerten unregelmäßig und gemeinsam mit der Stille, die sich über die Stadt gesenkt hatte, erzeugte dies eine gespenstische Atmosphäre. Es war nicht wirklich hell, aber Nadja und Kiro konnten trotzdem ihren Weg fortsetzten. Je näher sie dem Zentrum der Stadt kamen, desto mehr Lichter tauchten auf. Inzwischen waren die Wohnhäuser, die anfangs hauptsächlich das Straßenbild bestimmt hatten, ersten Läden und Geschäftsgebäuden gewichen. Über leeren Schaufenstern warben Schriftzüge für Lebensmittel, Kleidung und allerlei Technisches. Die Schrift konnten sie meist problemlos lesen und manchmal über verblichene Bilder auch den ehemaligen Sinn und Zweck entschlüsseln, aber die meisten Begriffe hatten für Nadja keine Bedeutung.

Nachdem sie ein paar Stunden durch die nächtliche Stadt gewandert waren, kamen sie an eine große Kreuzung. Alte Signalanlagen hingen dunkel über dem Asphalt. Die Straßen waren hier in einem besseren Zustand, aber noch immer war die Fahrbahn leergefegt. Nur ein wenig Schutt lag auf dem Gehsteig herum. Auf eine Weise wich das Licht diesem Ort aus, denn an der Kreuzung brannte keine einzige Lampe. Rechts wurde der Fußgängerweg breiter und direkt neben der Fahrbahn führe eine Treppe abwärts. Ein blaues Schild darüber wies dies als den Zugang einer unterirdischen Bahnstation aus. Kühles Licht drang schwach aus der Öffnung nach oben und als sie näher kamen, nahmen sie einen warmen Luftstrom wahr. „Ich denke wir sollten dort hinuntergehen.“ Kiro drehte sich überrascht zu Nadja um die stehen geblieben war. Sie hatte dies aus voller Überzeugung und mit einem alarmierenden Unterton ausgesprochen. „Warum denn? Hier oben sehen wir wenigsten was auf uns zukommt.“ Kiro war es nicht wohl bei dem Gedanken in den Eingeweiden der Stadt herumzuirren. Dort unten konnte alles lauern. „Die Straße ist eine Sackgasse, hier geht es nicht weiter.“ Kiro wollte sie schon fragen, was sie damit meinte, als ihm etwas auffiel. Ein schwacher, blauer Schimmel schwebte jenseits der Kreuzung in der Luft. Es sah fast so aus, als wäre es ein Widerschein der Straßenbeleuchtung. Nadja hatte sich unterdessen gebückt und einen kleinen Stein vom Boden aufgehoben. Sie holten aus und warf das Steinchen in hohen Bogen in die Richtung des Schimmers. Nun geschah etwas Unerwartetes. Von einem Moment auf den anderen schien sich die Luft mit Energie zu laden. Die Haare auf Kiros Oberarmen stellten sich auf und das Summen um sie herum steigerte sich zu einem lauten Knistern. In dem Augenblick als der Stein einen bestimmten Punkt in der Luft erreicht hatte, zuckten blaue Energieblitze von allen Seiten auf ihn zu und einen Sekundenbruchteil später zerbarst er mit einem lauten Knall in kleine, glühende Splitter. Einige flogen sogar bis dorthin wo Nadja und Kiro standen. Für einen kurzen Moment hatte etwas aufgeleuchtet, das wie eine gigantische Glocke aussah, die über dem gesamten Teil der Stadt vor ihnen hing. „Was in aller Welt ist das?“ Kiro sah Nadja entgeistert an. Sie blickte nur starr geradeaus. „Es ist eine Barriere. Jemand hat diesen Ort versiegelt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und er hat einige überzeugende Argumente.“ Nadja drehte sich zu Kiro um. „Keine Ahnung, woher ich das weiß. Es ist einfach so in meinem Kopf, ohne dass ich es verhindern kann.“ Eine gewisse Verzweiflung lag in ihrer Stimme. Kiro wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte davon nichts bemerkt und wäre vermutlich geradewegs in die tödliche Falle hineingelaufen.

Vorsichtig stiegen sie die Stufen hinab. Die weißen Leuchtstoffröhren spiegelten sich in den gelb gefliesten Wänden und erinnerte Kiro einmal mehr an den Bahnhof am Strand. Der größte Teil der Wände war mit Graffiti beschmiert, die bunten Farben hatten jedoch längst ihren Glanz verloren und waren stumme Zeugen einer nicht mehr existierenden Kultur. Über weitere Treppen stiegen sie immer tiefer hinab, kamen an zwei verschlossenen Stahltüren vorbei und nachdem sie durch einen kurzen, waagerechten Gang gelaufen waren, standen sie vor einem Gitter, das ihnen den Weg versperrte. Es war offenbar nachträglich angebracht worden und hatte keine Tür oder ein Schloss. Die Schweißnähte waren beunruhigend neu. Irgendwo jenseits des Gitters musste die Quelle der warmen Luft liegen. Für einen Moment schloss Nadja die Augen und genoss die Wärme, die ihren Körper langsam durchdrang.

Kiro überlegt wie sie weiter vorgehen sollten. Er wollte keine Zeit verlieren und dieser Ort schien ihm für ein Nachtlager reichlich ungeeignet. Da fiel ihm etwas ein. Er ging den Tunnel bis zu den zwei Stahltüren zurück. Beide waren verschlossen gewesen, aber Kiro besaß noch einen Schlüssel. Für das Schloss in der Toilette des Restaurants war er damals zu groß gewesen, aber hier konnte er passen. Das Schloss der ersten Tür war ziemlich verbogen. Anscheinend hatte hier schon mal jemand versucht sich Zutritt zu verschaffen. Bei der zweiten Tür hatte er jedoch Glück. Wie frisch geölt ließ sich der Schlüssel drehen und ohne ein einziges Quietschen schwang die Tür auf. Der Raum dahinter war winzig. Kiro tastete nach einem Lichtschalter und als er ihn gefunden hatte erhellte eine schwache Lampe an der Decke nackte Betonwände. In den Ecken hingen dicke Spinnweben und auf dem Boden lag Staub. Mittig im Boden war ein Loch und eine Leiter aus dünnem Metall verschwand in der Tiefe. Dies war ihr Weg. Der Gedanke behagte Kiro zwar im ersten Moment überhaupt nicht, aber eine andere Möglichkeit schien es im Moment nicht zu geben. Er rief nach Nadja, die nicht überrascht war, als sie erkannt, wie Kiro die Tür geöffnet hatte. „Den hat Sie dir zugesteckt, oder?!“ Sie deutete auf den Schlüssel und Kiro nickte. Er hatte versucht ihn wieder abzuziehen, aber das ließ sich nicht mehr bewerkstelligen. „Geh du zuerst.“ Nadja deutete auf die Leiter. Sie nahm ihren Arm aus der Schlinge und bewegte ihn vorsichtig. Die Schmerzen waren nur noch ein schwacher Abglanz von der Zeit im Krankenhaus. Stufe um Stufe stiegen sie die rostigen Sprossen herab und je tiefer sie kamen, desto feuchter wurde die Luft. Eine der Stufen war unerwartet glitschig und im nächsten Moment hing Kiro nur noch an den Händen während seine Füße durch die Luft wirbelten. Licht drang nur von oben auf sie herab und so wurde es stetig finsterer. Nach einer Zeit, die Nadja ziemlich lang vorgekommen war, langten sie endlich am Ende der Leiter an. Hier unten stand das Wasser in kleinen Pfützen und die Wände waren so feucht und glitschig wie die Leiter selbst. Ein niedriger Tunnel schloss sich waagerecht an. Vorsichtig tasteten sie sich hindurch. Nach ein paar Metern schon war der Gang zu Ende und sie standen in einer kleinen unterirdischen Halle. Von einfachen Lampen an den Wänden, die mit einem grünen Film überzogen waren ging schwaches Licht aus.

Sie befanden sich in der Kanalisation. Ein träger Strom floss nahezu geräuschlos durch die niedrige Halle und vereinigte sich mit einem Seitenarm, bevor er ein einem kleineren Tunnel im Dunkel verschwand. Kiro hätte Gestank und viel Dreck erwartet, jedoch roch es nur schwach feucht. Ein weiteres Indiz dafür, dass in diesem Teil der Stadt kein Mensch mehr lebte. Ein paar Ratten lagen tot in der Ecke. Offenbar verhungert. Hier unten gab es nichts mehr für sie und so hatten sie sich wohl an die Oberfläche zurückgezogen. Auf der anderen Seite, dort wo der Seitenarm in den breiten Strom hinein floss, konnte Kiro einen schmalen Weg erkennen, der parallel zum Wasser verlief. Im schwachen Licht war kaum auszumachen, wohin er führte. Dorthin würden sie aber nur mit einem weiten Sprung gelangen, denn eine Brücke gab es nicht. Nadja, die eben dies auch erkannt hatte, stöhnte leise. Zwischen den beiden gemauerten Ufern lagen bestimmt drei Meter Wasser. Kiro war noch am Überlegen, wie er den Sprung am besten angehen sollte, als er nur noch sah wie Nadja an ihm vorbei flog. Sie war gesprungen.

 

Der Schatten

 

Die Tür war bereits wieder zugeschlagen und verschwunden, als der Ältere seinen Zug beendet hatte und schwer atmend den Schatten anstarrte. Die Hand hatte er noch immer and der Dame. Leichtfüßig kam der Schatten auf den Tisch zu. Er schnippte mit den Fingern und im selben Moment materialisierte sich ein dritter Stuhl direkt vor ihren Augen. Im Gegensatz zu den einfachen Möbeln der Spieler wirkte sein Sessel schon fast wie ein Thron. Er ließ sich betont langsam nieder, verschränkte die Arme über der Brust und grinste die beiden kreidebleichen Männer vor ihm am Tisch frech an. „Na, immer noch beim Spielen?!“ Er sprach leise, aber dennoch war seine Stimme so klar wie Eis und so scharf wie ein Messer. Langsam zog der Ältere seine Hand vom Spielfeld zurück und lehnte sich nach hinten. Geräuschvoll atmete er aus. Er würde dem Neuankömmling nicht die Genugtuung geben und sich von seiner Erscheinung provozieren lassen. Genau das bezweckte der Schatten. Er hatte seit jeher nichts anderes gewollt. „Was verschafft uns die Ehre?“ Er hielt kurz inne, während er den Schatten musterte. „Es ist eine Weile her, seit du uns das letzte Mal besucht hast. Dir ist doch nicht etwa langweilig?“ Das Grinsen des Schattens wurde noch breiter. Er spürte die Angst, die mit jeder Minute seiner Gegenwart größer wurde. Der Versuch des Älteren seine Unsicherheit zu überspielen, war armselig. Der Schatten spürte den Zorn, der nach all der Zeit noch immer da. Er schlug die Beine übereinander und hob die Hand. Eine Sekunde später hielt er eine altmodische Fernbedienung in der Hand. „Ich dachte mir, dass ich mal wieder ein bisschen Spaß mit alten Freunden haben könnte.“ Er runzelte die Stirn, während er das kleine Gerät in seiner Hand studierte. Ohne aufzuschauen, sprach der Schatten weiter. „Eure Zeit ist fast abgelaufen, aber das wisst ihr ja selbst sehr genau.“ Sein Gesicht entspannte sich wieder und als er sie anblickte, war das Grinsen wieder da. Mit abgespreizten Fingern hob er die Fernbedienung und drückte einen der kleinen Knöpfe. Das bunte Spiel des farbigen Nebel um die drei Gestalten herum wandelte sich von einem Augenblick auf den anderen total. Wo bisher nur ein undefinierbarer Brei aus Farben und Lichtern gewesen war, erschien nun ein Bergpanorama. Ein leises Zischen entfuhr dem Jüngeren und der Ältere krallte sich unbewusst an der dicken Tischplatte fest. „Das ist schon eine witzige Sache, was?!“ Der Schatten kicherte. Wie gebannt starrten die beiden Spieler auf das Bild vor ihnen, das sich nun langsam zu bewegen begann. Sie konnten einen gigantischen Talkessel vor sich erkennen, der von einer Bergkette umgeben war. Unter ihnen erstreckte sich eine helle Eisfläche und über ihnen zogen graue Wolken dahin. Stück für Stück senkte sich ihr Blickwinkel herab. Wie ein Vogel im Sturzflug kamen sie der Eisfläche immer näher. Immer mehr Details wurden deutlich, bis das Bild einige Meter über dem Eis verharrte und langsam über den Gletscher vorwärts glitt. Sie sahen sanfte Hügel, die von einer frischen Schneeschicht bedeckt waren und flogen über tiefe Spalten im Eis. Nach einiger Zeit wurde der Gleitflug wieder langsamer und kam neben einer halbhohen Schneewehe zum Stillstand. Hier wand sich ein schmaler Pfad vorbei. Einige Sekunden lang tat sich nichts, aber dann kam jemand hinter der Schneewehe hervor. Erst konnte man nur einige undeutliche Gestalten erkennen, aber bald war klar, dass es sich um sechs Personen handelte. Ein von ihnen war ziemlich klein. Wahrscheinlich ein Kind. Die Gestalten liefen den Pfad entlang und kamen stetig näher. Bald waren sie so weit herangekommen, dass die beiden Spieler sie genau erkennen konnten. Keine der Personen kam ihnen bekannt vor. Nachdem die Gruppe vorbeigezogen war, erhob sich das Bild wieder gen Himmel, drehte eine weite Kurve und heftete sich dann in einiger Höhe wie ein geisterhafter Verfolger an den kleinen Trupp Menschen. Der Schatten rieb sich vergnügt die Hände. Bald würde es interessant werden. Der Unruhestifter in seinem Inneren war hellwach und wartete nur auf die passende Gelegenheit zuzuschlagen.

 

Konfusion

 

49

 

Etwas stimmte nicht.

Am Fuße des Hanges waren sie auf den Gletscher gestoßen. Der Weg führte immer weiter und war in einem erstaunlich guten Zustand. Auf dem Eis mussten sie keine größeren Steigungen mehr bewältigen und so kamen sie zügig voran. Fast war es so, als ob der Turm mit jedem ihrer Schritte ein Stück näher kommen würde. Der Pfad führte sie in weiten Bögen und immer neuen Umwegen um Spalten und andere gefährliche Stellen herum. Je näher sie dem Turm kamen, desto mehr war das Eis geborsten und hatte teilweise gewaltige Risse gebildet. Martin hatte sich seit seinem ersten Blick in das Tal gefragt, wohin das Eis floss. Die Berge bildeten eine geschlossene Kette und so war kein Weg des Gletschers erkennbar. Eigentlich hätte es hier nicht so viele Anzeichen einer Bewegung des Untergrundes geben dürfen. Aber er blieb dabei: Hier stimmt etwas ganz gewaltig nicht. Keiner von ihnen hatte mehr etwas gesagt, seitdem sie das Eis betreten hatten. Martin hatte über Anna und Jeremy nachgedacht und war mechanisch dem Weg gefolgt. Nun blieb er stehen. Er war einige Meter der Gruppe voraus und blickte sich um. Links und rechts von ihnen befanden sich Schneewehen. Es war vollkommen still. Als nun seine Gefährten ebenfalls hinter ihm stehen blieben, war überhaupt nichts mehr zu hören. Martin wollte gerade weitergehen, als er ein Knurren hörte. Erst leise und dann immer lauter. Es war kaum zu bestimmen, woher es kam, aber je lauter es wurde, desto mehr gewann er den Eindruck, dass es von überall her kam. Noch ehe der erste dunkle Kopf über dem Kamm der Schneewehe links von ihm auftauchte, wusste er, dass sie in eine Falle geraten waren. „Lauft!“ Er zischte es seinen Kameraden zu, die sich erschrocken umschauten, und nicht wussten wovon er redete, während immer mehr Köpfe auftauchten und allen langsam klar wurde, woher das Knurren kam. „Lauft um euer Leben!“ Nun schrie Martin und im selben Moment begann er zu rennen. Er dachte nichts mehr und schaute auch nicht mehr zurück. Jetzt ging es darum zu leben oder zu sterben.

Martins Schrei hatte die Wesen, die hinter den Schneewehen versteckt gewesen waren, noch wilder gemacht. Schnell liefen sie den flachen Hang herab und manche kamen dabei ins Rutschen. Als die kleine Gruppe auf dem Weg eine knappe Sekunde später den Angriff realisierte, waren die Wesen bereits bedrohlich nahe gekommen. Anna starrte noch immer wie gebannt auf die mageren Tiere, als Jeremy sie am Arm packte und mit sich riss. Wie von Sinnen, begannen sie zu rennen. Mugh und der Stille, der den Knaben nun auf dem Rücken trug, liefen vor ihnen. Die Angst verlieh ihnen zusätzliche Kraft und während der Schnee unter ihren Füßen knirschte, wurde das wütende Kläffen hinter ihnen immer lauter. Jeremy warf einen schnellen Blick über die Schulter. Er zählte ein gutes Dutzend hässlicher, langbeiniger Tiere, die sie bellend verfolgten. Ein bisschen sahen sie so aus wie große Hunde. Trotzdem hatte Jeremy nicht vor nähere Bekanntschaft mit den scharfen Zähnen in ihrem Maul zu machen. Noch einmal steigerte er das Tempo. Anna keuchte neben ihm, konnte aber mithalten.

Wie lange sie gerannt waren, wusste Martin nicht mehr. Es kam ihm vor wie eine Ewigkeit. Seine Lungen schmerzten und das Gesicht brannte. Seine Beine waren zwar von vielen Wandern gestärkt, jedoch rebellierten sie gegen diese heftige und überaus plötzliche Belastung mit unangenehmen Krämpfen. Er blickte nicht zurück. Etwas in ihm weigerte sich strikt dagegen. Ein ursprünglicher Instinkt das eigene Leben zu schützen war in ihm erwacht und hatte die Kontrolle übernommen. Unbemerkt war eine Veränderung im Gelände eingetreten. Die Schneewehen auf beiden Seiten waren einem Meer von kleinen Spalten gewichen, die je weiter sie kamen stetig an Größe zunahmen. Der Pfad schlängelte sich dazwischen hindurch und wurde schmaler. Kurze Zeit später hatten sich die vielen einzelnen Spalten zu einer einzigen und enorm breiten Spalte vereinigt, an deren rechtem Rand der Pfad verlief. Martin war nicht imstande den Boden des Bruchs auszumachen. Eis barst bei jedem Schritt und fiel in die Tiefe. Von allen Gegenden, durch die sie bisher gekommen waren, war diese mit Abstand am besten für einen Angriff geeignet. Warum ihm das erst so spät klar geworden war, konnte er sich nicht erklären. Martin verdrängte diese Gedanken und rannte weiter. Rechts stieg die Eisbruchkante senkrecht an. Der Spalt wurde noch ein wenig breiter und erreichte schließlich die Ausmaße einer Schlucht, bevor er bei dieser Größe verharrte und dem Pfad folgte. Zwar war Martin durchaus bewusst, dass es genau umgekehrt war und der Pfad dem Spalt folgte, aber in seinem Kopf herrschte Verwirrung.

 

Mugh fiel immer weiter zurück. Er war überzeugt, dass er sterben würde, wenn sie nicht bald haltmachten. Für einen Dauerlauf war er definitiv nicht geschaffen und auch körperlich gar nicht in der Lage. Zwar war auch er in den letzten Wochen deutlich fitter geworden und hatte sogar abgenommen, jedoch machte diese verhältnismäßig kurze Zeit nicht die Jahre falscher Ernährung und totaler Verweigerung jeglichen Sports wett. Mugh fühlte sich wie ein Hamster im Laufrad, der weiß, dass er seinen Verfolgern nicht entkommen kann. Anna und Jeremy waren dicht hinter ihm. Er konnte sie schon keuchen hören. Auch er wagte den Blick nach hinten nicht. Bestimmt würde er vor Schreck stolpern und dann wäre alles noch viel schneller vorbei. Wenigstens würde er bei dem Versuch zu entkommen sterben und nicht einfach kampflos aufgeben. Dann war etwas links neben ihm. Er blickte hinunter und erschrak. Eins der hundeähnlichen Wesen lief neben ihm und starrte ihn aus kleinen, bösartigen Augen an. Das Maul mit unzähligen scharfen Zähnen war weit geöffnet und die lange Zunge hing hässlich heraus. In diesem Moment kam eine unbändige Wut in Mugh auf. Ein kurzer Blick nach vorne zeigte ihm, dass der Weg frei war. Ohne zu zögern, machte er einen kleinen Bogen und aus dem Lauf heraus trat er dem Wesen mit voller Wucht gegen die Seite. Das Tier gab ein erstauntes Heulen von sich. Es hatte nicht viel Gewicht und die Stärke des Tritts reichte aus es über die Kante des Spaltes zu befördern. Im nächsten Moment war es in den Tiefen des Risses verschwunden. Das Eis unter Mugh knackte. Neuer Mut erfasste ihn. Er hatte eine Chance. Mit neuer Kraft rannte er weiter.

Jeremys Kräfte schwanden. Mit jedem Schritt multiplizierten sich die Schmerzen in seinem Körper. Eins der Wesen hatte schon nach ihm geschnappt und er spürte warmen Atem an seinen Beinen. Anna ging es nicht besser. Sie begann zu weinen. Am liebsten wäre sie jetzt zu Hause bei ihren Eltern gewesen und hätte sich unter der Bettdecke verkrochen, wie nach einem schlechten Traum. Aber dies war kein Traum. Der schmerzhafte Biss an ihrem Arm war Beweis genug. Sie blickte hinüber zu Jeremy. Ihre Blicke trafen sich und dann war es zu Ende.

Sie befanden sich auf einem schmalen Stück des Pfades, der sich an dieser Stelle leicht zur Schlucht hin wendete. Mit einem trockenen Knacken brach der Eisvorsprung unter ihnen ab. Ohne viel Getöse stürzten Anna, Jeremy und mit ihnen die gesamte Meute der Tiere in die Tiefe. Es waren noch nicht alle Wesen bei ihnen angekommen als das Eis nachgab, aber die übrigen Wesen stürzten sich im Wahn ihren Artgenossen hinterher. Das Ganze dauerte nicht lange und war nach einem einzigen Augenblick schon wieder vorbei. Mugh war noch in vollem Freudentaumel über seinen kleinen Sieg, als mit einem Schlag hinter ihm Ruhe einkehrte. Er blickte sich um und kam kurz darauf schlitternd zum Stehen. Niemand war mehr hinter ihm. Von seiner Position aus überblickte er nur ein kleines Stück des Pfades. Keuchend stand er da, mit seinen Händen auf die Beine gestützt und unfähig einen einzigen Ton von sich zu geben. Die Minuten vergingen und er rang noch immer nach Luft. Als sich seine Atmung wieder einigermaßen beruhigt hatte, ging er langsam zurück. Die Stille war bedrückend. Er kam um die Biegung des Pfades, von der er noch vor wenigen Minuten seinen Angreifer hinunter gestoßen hatte und starrte in den Abgrund. Der komplette Weg war auf der Länge mehrerer Meter abgebrochen und in die Tiefe gestürzt. Gähnend tat sich der Abgrund vor ihm auf und ihm wurde schwindelig. Mugh trat einen Schritt zurück. Er musste sich setzen. Sofort begann die Kälte des Eises in ihm hochzusteigen, jedoch bemerkte er das in diesem Moment nicht. Erst als er seinen Namen hörte, kam er wieder zu sich.

Er drehte sich um und stand auf. Schritte kamen schnell näher und dann waren alle seine Gefährten wieder da. Nur leises Keuchen war zu hören. Sie standen dich beieinander und starrten erschrocken in den Abgrund. Martin zog Mugh, der gefährlich nahe an der Kante stand, ein Stück zurück. „Sie… sie waren einfach weg. Sind abgestürzt.“ Mugh stammelte ein paar Worte hervor. Er keuchte noch immer ein bisschen. Und dann überkam ihn unvermittelt ein Hustenanfall, der das Schweigen und den Schrecken etwas löste. „Hast du es gesehen?“ Martin sah ihn nicht an, sondern starrte noch immer hinunter. „Nein. Auf einmal waren sie weg und die Hunde auch.“ Mugh war den Tränen nahe. Der Knabe trat an den Rand und der Stille hielt ihn nicht auf. Sein Gesicht war bleich. Martin erschrak, als das Kind sich umdrehte und sie sein Gesicht sahen. „Das hätte nicht passieren dürfen.“ Seine Stimme war leise und er wirkte matt. Mehr sagte er nicht mehr. Und auch als sie ihren Weg wenig später fortsetzten, schwieg er. Die gesunde Gesichtsfarbe kehrte schon am Abend wieder zurück, als sie sich ein notdürftiges Nachtlager bereiteten, aber er verlor trotzdem kein einziges Wort mehr. Etwas hatte sich geändert, dass spürten alle. Ein Ereignis war unvorhergesehen eingetreten, in einer Welt in der sonst alles vollkommen vorherbestimmt und unabänderlich zu sein schien.

 

Die Verbindung war abgerissen und hatte ihn in vollständige Verwirrung gestürzt. Mit dem letzten Maß seiner mentalen Kraft hielt er die Kontrolle über Michael aufrecht. Es war eine rein instinktive Handlung um seinen Anweisungen treu zu bleiben. Die anderen durften nichts von dem kleinen Geheimnis zwischen ihm und Michael erfahren. Aber im Moment beherrschten ihn andere Gedanken. Es hatte einen Plan gegeben. Einen Plan, den es genau zu befolgen galt. In jedem Detail hatte er getan, was von ihm verlangt worden war. Und nun herrschte das blanke Chaos. Was sollte er tun? Die beiden aus Brae waren für ein anderes Schicksal vorhergesehen gewesen. Ihre Rolle war wichtig und nun hatte jemand den Plan durchkreuzt. Er fragte, aber die Quelle blieb still. Als der erste Schock abgeklungen war, fingen seine Gedanken langsam wieder an sich zu sortieren. Er musste selbst entscheiden, wie er weiter vorgehen sollte. Da er den Plan kannte, würde er versuchen ihn zur Vollendung zu bringen. Einige Umstellungen wären wohl erforderlich, jedoch schien es ihm nach einigem Nachdenken nicht vollkommen unmöglich noch das Ziel zu erreichen. Bis dorthin lag noch ein Stück des Weges vor ihm und er würde Hilfe brauchen. Alleine wäre es nicht zu schaffen. Es dauerte ein wenig, bis er sich überwinden konnte, aber dann war es soweit und er stellte die Kommunikation zu Michael her. Gabriel wusste nur zu gut, dass sein Gefangener wütend sein würde und daher machte er ihm zu Beginn ein Geschenk und lockerte das Maß seiner Kontrolle ein wenig. Er war überrascht wie Michael reagierte. Sie sprachen lange miteinander. Gabriel teilte sein Wissen. Fast alles, was er von der Quelle wusste gab er an Michael weiter. Nur einen kleinen Teil behielt er für sich. Sozusagen als eine Art Versicherung. Es war niemals gut, alle Karten auf den Tisch zu legen, solange das Spiel noch lief. Und dieses Spiel würde noch eine Weile andauern, auch wenn es nun in seine heiße Phase eingetreten war. Manche Spieler waren bisher überschätzt worden, andere jedoch wurden deutlich unterschätzt. Die Karten waren neu gemischt und nun warteten alle gespannt darauf, wie es weitergehen würde. Gabriel hatte da jedenfalls schon eine gewisse Vorstellung.

 

In der Nacht schlief niemand. Mit dem Verschwinden des letzten Lichtes war Wind aufgekommen und immer wieder schneite es. Die Kälte war zermürbend und jeder hoffte nur darauf, dass es endlich Tag werden würde. Die Stunden zogen sich endlos dahin und die Hoffnung schwand. Als die ersten Vorboten des neuen Tages die Eiswüste um sie herum erhellten, machten sie sich wieder auf den Weg. Der Turm war nahe. Mit jedem Meter, den sie vorankamen, wurde das Eis spröder und das Gelände stieg leicht an. Sie blieben dich beieinander und gingen mit größter Vorsicht. Zwar war der Pfad vor ihnen längst nicht mehr so gefährlich, jedoch wollte niemand mehr etwas riskieren. Am Nachmittag passierten sie einen Zaun. Er war etwa mannshoch und das Drahtgeflecht sah stabil aus. Sie fanden eine Tür, die nur mit einem einfachen Riegel verschlossen war. Ein altes, ausgeblichenes Schild war daran befestigt. Dahinter war das Gelände fast vollkommen flach. Keine einzige Spalte war mehr zu sehen. Die Schneedecke lag unberührt vor ihnen. Eine knappe Stunde später kamen sie am Fuße des Turms an. Glatte, mattgraue Steine waren eng zusammengefügt und bildeten eine ebenmäßige Oberfläche. Die Fugen zwischen den Steinen wirkten frisch, so als ob der Turm erst kürzlich errichtet worden wäre. Vielleicht, überlegte Martin, stimmte das ja auf eine Weise auch. Ehrfürchtig legte er seine Hand auf den kühlen Stein. Er fühlte sich rau an. Die Spitze des Turms war noch immer in den Wolken verborgen. Sie umrundeten die massive Basis des Turms und langten endlich an einer kleinen Tür an. In feinem Metall war das Symbol Solejiers in das helle Holz eingelegt. Ein Kreis mit einem Viereck in der Mitte.

Der Griff an der Tür glänzte und reflektierte verzerrt die Umgebung. Diesmal gab es keine Plakette, die Auskunft über den Turm hätte geben können. Unschlüssig standen sie vor der Tür. Fast schon unwirklich kam es ihnen vor, dass sie nun vor ihrem Ziel standen. Freude oder gar Erleichterung wollte sich nach den jüngsten Ereignissen noch nicht so schnell einstellen. Endlich trat Mugh einen Schritt nach vorne und legte behutsam die Hand auf den Türgriff. Kühl und nicht unangenehm lag er darin. Mugh hielt die Luft an. Ohne noch einen weiteren Augenblick zu zögern, drückte er die Klinke hinunter und schob die Tür nach innen auf. Warme Luft kam ihm entgegen, als er den Raum hinter der Tür betrat. Mugh wusste nicht, was er erwartet hatte hier anzutreffen, jedoch mit Sicherheit nicht das, was er jetzt vor sich sah. Er stand in einem runden Zimmer, dessen Wände in reinem Weiß gestrichen waren. Vier Stühle standen um einen niedrigen Tisch auf dem eine große Schale stand. Sie quoll über von Obst. Mugh sah Äpfel, dicke Weintrauben, Birnen und Bananen. Fein säuberlich daneben stand ein kleiner Serviettenständer. Alles hier war in Weiß gehalten. Der Boden, die Decke, die Stühle und der Tisch. Selbst die Obstschale und die Servietten strahlten im blütenreinsten Weiß. Woher das Licht kam, war unmöglich auszumachen. Es sah so aus, als ob es aus den Wänden dringen würde. Nur noch zwei weitere Dinge gab es in dem Raum. Zentral in der Mitte befand sich eine dünne Röhre. Gerade so breit, dass ein Mensch hineinpassen würde. An der Vorderseite hatte die Röhre eine Schiebetür. Mugh war sofort klar, dass dies ein Fahrstuhl sein musste. Über der Tür hing eine Uhr. Die Zeiger standen auf kurz vor 9 Uhr. Einer nach dem anderen kamen seine Gefährten nach. Ihr Erstaunen war groß, als sie das Zimmer sahen. Wieder einmal erwartete man sie offenbar. Martin fiel auf, dass am Tisch nur vier Stühle standen. Bis gestern waren sie noch zu sechst unterwegs gewesen. Der Stille schloss die Tür hinter ihnen. Nach der Kälte der Nacht war die angenehme Temperatur im Zimmer eine wahre Wohltat. Beim Anblick der Früchte lief Martin und Mugh das Wasser im Mund zusammen. Sie umringten den Tisch. „Sollen wir es wagen?“ Mugh sah Martin erwartungsvoll an, so als ob er von ihm eine Erlaubnis erwartete zuzugreifen. Anstatt ihm zu antworten griff Martin in die Schale und nahm eine der Weintrauben heraus. Sie fühlte sich prall und überaus frisch an. Ein irres Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Gleich sind wir schlauer.“ Mit diesem Wort steckte er sich die kleine, hellgrüne Frucht in den Mund und biss zu. Süßer Saft breitet sich in seinem Mund aus und im gleichen Moment brandete in ihm ein Gefühl der Leichtigkeit auf. Er griff noch einmal zu und ein weiteres Mal. Mugh, der ihn erst nur fassungslos angestarrt hatte, griff nun selbst in die Schale und nahm sich eine dicke Birne heraus. Schon immer hatte er Birnen geliebt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als er nun in die Frucht biss und der Saft an seinem Kinn hinunterlief. Es kam ihm so vor, als ob er niemals etwas Besseres gegessen hatte. Langsam kam auch der Stille an den Tisch. Er konnte seinen Blick kaum von den roten Äpfeln wenden. Die nächsten Minuten verbrachten sie Essend und niemand sagte mehr etwas. Sie fanden noch nicht einmal Zeit sich hinzusetzen, so groß war das Verlangen nach den Früchten auf dem Tisch. Alles andere um sich herum hatten sie vergessen und so merkten sie auch nicht, wie der Knabe als einziger keinen Bissen aß. Allmählich leerte sich die Schale und kurze Zeit später lag darin nur noch eine einzelne Traube. Martin stöhnte. „Ich kann nicht mehr.“ Er zog einen Stuhl zurück und ließ sich darauf fallen. „So etwas Gutes habe ich in meinem Leben noch nicht gegessen.“ Mugh nickte ihm beipflichtend zu. Er konnte nichts sagen, denn er war immer noch dabei zu kauen. Gerade hatte er seinen Bissen hinuntergeschluckt, als ein heller Ton erklang und die Schiebetür des Aufzugs mit einem leisen Zischen aufglitt. Es war 9 Uhr.

 

Schattenspiele

 

Der Schatten lachte noch immer, als er mit einem weiteren Druck auf die Fernbedienung das Bild von Mughs entsetztem Gesicht verschwinden ließ. Bunte Nebelschwaden umgaben wieder den Tisch, an dem die beiden Spieler und ihr dunkler Besucher saßen. Sie hatten bewegungslos das Geschehen vor ihnen verfolgt und das Ausmaß des Schreckens, welches sie in diesem Moment empfanden, war kaum mehr auszudrücken. Während vor ihren Augen zwei Menschen in ihren Tod gestürzt waren, verfolgt von einer blutrünstigen Meute grässlicher Wesen, hatte sich der Schatten in einen wahren Lachanfall hineingesteigert. Die beiden Spieler hatten das Ganze anfangs für ein Trugbild oder eine Art Inszenierung gehalten, jedoch wussten beide nun, dass es dies nicht war. Die nackte Angst und der pure Wille zu Überleben, den sie in den Augen der Flüchtenden gesehen hatten, waren zu überzeugend, zu echt gewesen. Und der Schatten hatte dafür gesorgt, dass ihnen auch nicht das kleinste Detail entgangen war. Die Chancen standen nun denkbar schlecht. Der Schatten hatte etwas Unerwartetes getan. Etwas, womit eigentlich niemand hatte rechnen können. Der Plan war gewesen, dass er sich auf Kiro und Nadja konzentrieren würde. Jedoch war er nun in ganz anderer Weise in Aktion getreten. Vielleicht, dachte sich der Ältere als er nun langsam wieder klare Gedanken fassen konnte, würde er seine Rolle des Beobachters doch aufgeben müssen. Der Jüngere konnte nicht wissen, welche Möglichkeiten noch bestanden. Zunächst war es wichtig, Zeit zu gewinnen. Zeit, die Nadja und Kiro brauchten um sich mit ihren Gefährten wieder zu vereinen. Das war jetzt die einzige Möglichkeit noch ein richtiges Ende herbeizuführen. Mit aller Macht konzentrierte er sich wieder auf das Spiel. Der Jüngere starrte noch immer den Schatten an, der sich Lachtränen aus den Augenwinkeln wischte und immer noch etwas kicherte. Er musste die Aufmerksamkeit seines jüngeren Gegenübers erlangen. Mit der Kraft seines Geistes rief er seinen Namen. Langsam wandte sich der Jüngere ihm wieder zu. Zunächst blickte er ihn irritiert an, aber dann schien er langsam zu begreifen, was zu tun war. Schwarzer Springer von D-Fünf schlägt weißen Springen auf C-Drei.

 

50

 

Hilflos musste Kiro zusehen, wie Nadja über den unterirdischen Kanal flog, dem anderen Ufer entgegen. Er sah sie schon in die Fluten stürzen. Jedoch geschah dies nicht. Wie als würde sie von einer unsichtbaren Hand noch ein kleines Stück vorwärts geschoben, landete sie knapp, aber sicher auf der anderen Seite. Als sie aufgestanden war und Kiros ungläubiges Gesicht sah, lächelte sie verlegen. „Tut mir leid, aber ich dachte, dass es so am Schnellsten geht.“ Kiro zögerte noch immer. „Denke nicht darüber nach, sondern spring einfach.“ Nadjas Stimme erzeugte ein schwaches Echo im Tunnel. Für Kiro reichte es in diesem Moment als Motivation aus, Nadja auf der anderen Seite zu sehen. Er nahm Anlauf und sprang ihr hinterher. Wie in Zeitlupe segelte er über das dunkle Wasser dem anderen Ufer entgegen. Wenn es bei Nadja knapp gewesen war, dann war es bei ihm jetzt äußerst knapp. Er erreichte die gegenüber liegende Kante und ruderte taumelnd mit den Händen in der Luft. Nadja griff geistesgegenwärtig zu und zog in zu sich her. „Wie hast du das bloß geschafft?“ Kiro konnte noch immer nicht glauben, dass er sicher auf der anderen Seite gelandet war. Er war mit aller Kraft gesprungen und es hatte offenbar nur gerade so gereicht. Nadja hielt den Kopf schief und blickte verträumt ins Nirgendwo. „Ich wusste, dass es funktionieren würde.“ Verstehen konnte Kiro es nicht und so war das Einzige was ihm übrig blieb, es einfach zu akzeptieren.

Sie gingen weiter. Der Tunnel wurde niedriger und sie mussten sich leicht gebückt, eng an der Wand auf einem schmalen Steinsims entlang vorwärts bewegen. Die Lampen erhellten ihnen in regelmäßigen Abständen den Weg. Sie kamen zügig voran und das Wasser strömte ruhig neben ihnen dahin. Hin und wieder schwammen ein paar Zweige oder etwas Gras darin herum. Nadja lief so schnell voraus, dass Kiro ihr kaum hinterher kam. Die Verletzungen schienen inzwischen vollkommen ausgeheilt zu sein. Selbst die Armschlinge brauchte sie nicht mehr.

So liefen sie mehrere Stunden durch das Halbdunkel unter der Erde. Nur einmal machten sie kurz Rast um etwas zu trinken. Eigentlich hätten sie todmüde sein müssen, aber keiner von ihnen war wirklich erschöpft. Etwas gab ihnen Kraft, das nicht greifbar war und endlich kam das Ende des Tunnels in Sicht. Einige Zeit später wurde der Tunnel breiter und erweiterte sich zu einer großen, unterirdischen Zisterne. Der Boden war von einem groben Metallgitter bedeckt und unter ihnen vereinigten sich mehrere Ströme in einem großen Becken. Wie ein umgedrehter Trichter wölbte sich die Decke über ihnen. Eine schmale Leiter führte senkrecht nach oben. Algen und andere Gewächs klebte an ihr. Lange war hier schon niemand mehr gewesen. Kiro wollte eben zur Leiter gehen, als Nadja etwas entdeckte. Ein kurzer Gang zweigte rechts von ihnen aus dem großen Raum ab und an seinem Ende befand sich eine Tür. Sie war nur angelehnt und von der anderen Seite drang Licht hinüber. „Komm, lass uns zuerst nachschauen, was dort ist.“ Kiro folgte Nadja.

 

Die dicke Tür war in die gemauerte Wand eingelassen und schon fast vollkommen verrostet, ließ sich jedoch nach anfänglichem Widerstand unter Quietschen öffnen. Kiro und Nadja standen in einem kleinen, schwach beleuchteten Raum. Überall hingen Bildschirme und anderes elektronisches Gerät türmte sich überall an den Wänden. Viele der Monitore waren ausgefallen, aber einige wenige funktionierten noch. Manche zeigten Schaltpläne und andere Diagramme, die Kiro nicht entziffern konnte, aber die meisten waren offenbar direkte Übertragungen von Kameras, die überall in der Stadt angebracht waren. Nadja zählte mindestens drei dutzend verschiedene Bilder von Straßen und Häusern, die ihnen teilweise nicht unbekannt waren. Auf einem Monitor erkannte Kiro die Treppe wieder, über die sie die Oberfläche verlassen hatten. Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihm aus. Hatte man sie beobachtet? Alles sah hier alt und unbenutzt aus, aber was wenn jemand seine Spuren gut verbarg? Der Drang von hier zu verschwinden wurde bei Kiro mit einem Mal äußerst stark. Nadja ging von einem Monitor zum anderen. Es sah so aus, als ob sie etwas Bestimmtes suchen würde. Als sie endlich stehen blieb, wurde Kiro klar, wonach sie gesucht hatte. Der Bildschirm flackerte stark und nur hin und wieder zeige er für ein paar Sekunden ein klares Bild. Ein weitläufiger Platz war zu sehen. Überall lagen Trümmer herum. In der Mitte war schwach der Turm zu erkennen. Viel war nicht mehr übrig geblieben. Eigentlich nur noch die Ruine des Turmrumpfes zeugte von der einstigen Größe des Bauwerkes. Der Steinhaufen an seinem Fuße war gigantisch. Irgendetwas hatte ihn vor langer Zeit zum Einsturz gebracht. Zwischen den Steinen wuchsen Pflanzen. Die Straßenbeleuchtung erhellte den Platz nur unzureichend und so war nicht viel mehr zu erkennen. Das Bild verschwand und der Monitor wurde schwarz. „Der Verfall ist weiter vorgeschritten, als ich gedacht habe.“ Nadja drehte sich zu Kiro um. „Uns bleibt höchstens noch eine Stunde.“

Schnell verließen sie den Raum wieder und begaben sich zu der Leiter in der Zisterne. Unter ihrem Bewuchs war sie in einem erbärmlichen Zustand und Nadja stieg vorsichtig voraus. Von oben kam schwach etwas Licht durch ein paar Löcher in den Schacht. Nadja stemmte sich gegen die schwere Metallplatte, die den Schacht an der Oberfläche verdeckte. Mit aller Kraft hob sie diese an und schob sie zur Seite.

Kühle Nachtluft wehte ihr entgegen. Sie atmete tief durch, bevor sie ganz hinaufkletterte und Kiro nachkam. Als er gerade die letzte Sprosse der alten Leiter verlassen hatte, gab sie nach und brach mit einem trockenen Knacken ab. Laut scheppernd krachte das verrostete Metall auf den Zisternenboden. Im ersten Moment bekam Kiro einen gehörigen Schreck. Auf diesem Wege würde sie niemand mehr verfolgen können. Beide standen auf und sahen sich um. Direkt unter einer hohen Straßenlaterne hatten sie den Kanal verlassen und befanden sich jetzt am Rande des großen Platzes, den Nadja auf dem Monitor gesehen hatte. Im Gegensatz zur Stadt außerhalb des Begrenzungsfeldes, herrschte hier Chaos. Die Spuren der Zerstörung waren allgegenwärtig. Man konnte keinen einzigen Meter weit gehen, ohne auf Trümmer zu stoßen. Alles wirkte wie eingefroren, wie schon seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden in diesem Zustand ohne dass sich etwas verändert hätte. Etwa 500 Meter vor ihnen erhob sich der Turm. Zügig liefen sie durch das Feld aus Bruchstücken einstmals prächtiger Bauten und näherten sich Schritt für Schritt ihrem Ziel. Sie hatten etwa die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als plötzlich der ganze Platz in hellem Licht erstrahlte.

Gigantische Scheinwerfer, die an den umliegenden Gebäuden befestigt waren, hatten sich eingeschaltet und blendeten grell. Eine Sekunde später fielen die ersten Schüsse. Ohne weiter Zeit zu verlieren, rannten Nadja und Kiro los. Es gab nicht wirklich einen Weg und so hasteten sie über Berge von Steinen dem Turm entgegen. Ein Gebrüll erhob sich von überall her. Ohne sich umzudrehen, rasten die beiden vorwärts. Kiro hatte wieder die Führung übernommen und hielt Nadjas Hand fest in seiner. Immer näher kamen sie der kleinen Tür am Fuße des Turms. Kiro konnte das Symbol schon sehen. Mehrere Projektile schlugen gefährlich nahe ein. Kiro nahm alles um sie herum nur unterbewusst wahr. Das Einzige was zählte, war den Turm zu erreichen. Schmerzhaft riss er sich das Bein an der scharfen Kante eines Steins auf, aber er spürte es kaum. Nur noch wenige Meter trennten sie von der rettenden Tür. In vollem Lauf warf er sich ihr entgegen. Sie stand einen Spalt breit offen und leistete keine Gegenwehr, als Kiro sie aufstieß. Im Lauf sah er das Symbol, das auf ihr prangte. Ein Kreis mit einem kleineren Kreis in seiner Mitte. Er konnte gerade noch bremsen, hielt sich an der Tür fest und als Nadja hinter ihm war, warf er sie zu. „Sie kommen. Du musst den Zugang blockieren!“ Nadja war völlig außer Atem. Die Tür hatte keinen Riegel. Einstmals hatte sie ein einfaches Schloss verriegelt, nun lag es jedoch aufgebrochen im Staub neben dem Eingang. Von draußen wurde das Gebrüll immer lauter. Da fiel Kiro ein, wie er das Schloss aus der Toilette des Restaurants an der Wüstenstraße mitgenommen hatte. Hastig kramte er es aus seiner Tasche hervor. Der Schlüssel steckte noch. Als er ihn drehte, brach er mit einem trockenen Knacken ab, das Schloss selbst sprang jedoch auf. Mühelos ließ es sich durch die Metallbügel an Tür und Mauer schieben. Durch diese Tür würde niemand mehr kommen. Einen Sekundenbruchteil später prallte etwas mit voller Wucht gegen das Türblatt sodass die Angeln bebten. Wütend wurde von außen gegen das harte Holz geschlagen.

Erleichtert lehnte sich Kiro gegen die Tür. Erst jetzt nahm er den Raum wahr, in dem sie sich befanden. Er war klein. Die dicken Mauern des Turms ließen nicht viel Platz im Inneren übrig. Von oben drang das Licht der Scheinwerfer schwach durch die abgebrochene Röhre des Turms bis zu ihnen hinunter. Auch hier lagen viele Trümmer herum. Weder eine Treppe noch eine Tür waren erkennbar. Es sah so aus, als ob es keinen Ausgang geben würde. Das wütende Gebrüll außerhalb des Turms steigerte sich weiter und noch immer wurde geschossen. Nadja, die noch immer nach Atem rang, trat in die Mitte des kleinen Raums und blickte nach oben. „Da hängt etwas!“ Sie musste es Kiro zurufen, um gegen die Geräusche von draußen anzukommen. Er kam zu ihr herüber und sein Blick folgte ihrem. Einige Meter über ihnen hing ein Balken quer im Schacht. An ihm war etwas befestigt. Kiro konnte das Objekt nicht genau sehen, glaubte aber eine Glocke zu erkennen. Ein Seil baumelte herab, jedoch hing es so hoch, dass er nicht heran kam. „Wenn du auf meine Schultern kletterst, kommst du dran.“ Er ging in die Hocke und Nadja stieg auf seine Schultern. Sie griff nach dem Seil. Fast konnte sie es erreichen. Nur wenige Zentimeter fehlten noch. „Es reicht nicht!“ Kiro ging in die Knie. „Halt dich fest, ich springe.“ Und mit aller Kraft schnellte er empor. Nadja griff nach dem Seil und hielt sich daran fest. Es gab sofort nach und erschrocken klammerte sie sich noch fester daran. Im ersten Moment geschah gar nichts, aber dann ertönte der helle Klang einer Glocke. Noch niemals in ihrem Leben hatte Nadja einen solchen Ton gehört. Es war, als ob sie ihn nur mit ihrem Geist hören konnte. Alles um sie herum wurde still. Das Gebrüll verstummte und ihre Sinne schwanden dahin. Um Nadja und Kiro wurde es dunkel. Sie waren auf dem Weg zu einem anderen Ort. Aufsteigen.

 

Die Dunkelheit war erfüllt mit Düften und seltsamen Geräuschen. Schritte hallten und jemand rief etwas. Der Geruch nach altem Holz war stark, jedoch nicht unangenehm. Er mischte sich mit dem Duft von frisch gemähtem Gras. Nadja roch Essen. So ähnlich hatte es bei ihrer Mutter in der Küche gerochen, als sie noch ein Kind gewesen war. Da war Licht. Wie ein Schleier lag etwas über ihren Augen und behutsam schob Nadja es zur Seite. Wind blies ihr sanft über das Gesicht und sie sog die frische Luft in ihre Lungen. Sie hatte das Gefühl, als wenn sie an einen vertrauten Ort zurückgekehrt wäre. Die Konturen festigten sich und das Bild wurde klar. Sie standen beide in einem lichtdurchfluteten Flur. Große, weit geöffnete Fenster ließen das helle Sonnenlicht herein und im kühlen Wind bewegten sich die dünnen Vorhänge. Ein ganzes Stück über ihnen erhob sich eine gewölbte Decke, die genau wie die Wände in hellem Weiß gestrichen war. An der den Fenstern gegenüberliegenden Wand befanden sich viele Türen. Sie glänzten blau im Sonnenlicht und jede von ihnen trug eine Zahl. Unwillkürlich lief Nadja ein Schauer über den Rücken, als sie sich an das Labyrinth unter dem Rasthaus erinnern musste. Ihr Blick glitt aus dem Fenster vor dem sie stand. Einige Meter unter ihr befand sich ein kleiner Park. Vereinzelte Bäume standen auf einer weitläufigen Rasenfläche. Reste des gemähten Grases lagen herum. Der Wind bewegte leicht die Wipfel der Bäume, deren Blätter langsam gelb wurden. An drei Seiten war der Hof von hohen Mauern begrenzt, die von mehreren Reihen Stacheldraht gekrönt wurden. Sie befanden sich in einem Gefängnis. Einen Moment war Nadja irritiert, aber dann spürte sie Kiro neben sich. „Wo sind wir? Ist das wieder eine Illusion?“ Kiro schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht wo wir sind, aber das hier ist kein Traum. Es fühlt sich wirklich an.“ Er lächelte und Nadja entspannte sich etwas. „Komm.“ Er nahm sie an die Hand und sie begannen den breiten Flur hinunterzugehen. Unter ihren Füßen knarrte das alte Parkett. Aus der Ferne drangen Stimmen an ihre Ohren. Menschen unterhielten sich und irgendwo spielte Musik. Sie näherten sich dem Ende des Korridors, wo sie Treppen erkennen konnten. Jemand gab sich viel Mühe, diesen alten Ort in Stand zu halten. Der Geruch von frischer Farbe lag in der Luft.

Kiro wollte gerade um die Ecke biegen, als ihm ein Mann entgegenkam. Er entdeckte Kiro und blieb abrupt stehen. Ein schmutziger Malerkittel hing lässig über seiner Schulter und er hatte zwei Farbeimer in der Hand. Ein Ausdruck des Erstaunens lag auf seinem Gesicht. „Das kann doch nicht…“ Er beendete seinen Satz nicht und stellte stattdessen die Farbeimer auf den Boden. Erst jetzt bemerkte Kiro, dass ein Teil des Bodens abgedeckt war und einige Malerutensilien herumstanden. Unterdessen hatte sich die Überraschung des Malers in sichtbare Freude verwandelt. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er ging zu Nadja, die einen Schritt zurückwich und nahm ihre Hand, die er sogleich kräftig schüttelte. „Herzlich willkommen! Endlich seid ihr angekommen. Ich freue mich ja so euch zu sehen.“ Nadja war sichtbar überfordert. „Wer erwartet uns denn?“ Kiro versuchte die Aufmerksamkeit des kleinen Mannes wieder auf sich zu lenken. „Der Direktor ist in seinem Büro. Geht zu ihm, er erwartet euch bereits.“ Mit ein paar kurzen Richtungsangaben beschrieb er ihnen einen Weg durch das Gebäude. „Es ist wirklich schön, dass ihr da seid. Jetzt muss ich aber wieder an die Arbeit, sonst schaffe ich es nicht mehr bis heute Abend.“ Er hob kurz seinen Hut, der voller Farbkleckse war. „Denn was morgen sein wird, ist noch ungewiss.“ Mit diesem Satz hob er wieder seine zwei Farbeimer hoch und war im nächsten Moment um die Ecke verschwunden. Kiro lief ihm ein paar Schritte hinterher, aber als er um die Ecke kam, war weit und breit nichts mehr von dem kleinen Maler zu sehen. So als ob er sich geradewegs in Luft aufgelöst hätte.

 

Schattenspiele

 

„Das Ende ist nahe.“ Es kostete den Älteren immense Kraft diese kurze Nachricht an den Jüngeren zu übermitteln, während das Chaos tobte. Der Schatten hatte eine wahre Hölle um sie herum losgelassen. Der Jüngere hingegen hatte schon längst begriffen um was es hier ging. Zu offensichtlich war die Bemühung des Schattens ihr Spiel vorzeitig zu beenden. Sie würden es hier und jetzt zu Ende bringen. Wahrscheinlich war dies die einzige Möglichkeit, die ihnen verblieben war, noch in das Geschehen einzugreifen.

Grausame Visionen nahmen vor ihren Augen Gestalt an. Der Schatten ließ die beiden Spieler wieder und wieder jene Stunde erleben, die ihre beiden Leben zerstört hatte. Damals waren sie blind für seine Trugbilder gewesen, aber seit diesem unglückseligen Tag vor unsagbar langer Zeit, hatten sich die Dinge geändert. Dämonen kreischten mit ihren bestialischen Stimmen in das Ohr des Älteren und er wand sich unter Schmerzen. Einzig das grausame Lachen des Schattens war konstant. Zitternd führte er seinen Zug aus: Bauer von B-Zwei schlägt Springer auf C-Drei.

 

Solejier

 

51

 

Die Müdigkeit war plötzlich gekommen und hatte sie völlig übermannt. Innerhalb kürzester Zeit waren Martin, der Stille und der Junge eingeschlafen. Noch halb auf ihren Stühlen sitzend, lagen sie vornüber gesunken auf dem Tisch und schlummerten. Ihr Atem ging kräftig und regelmäßig. Eine seltsame Klarheit hatte den Geist von Mugh erfasst. Es schien ihm nun eindeutig, was zu tun war. Er ging auf die Röhre in der Mitte des Raumes zu. Die Schiebetür stand noch immer offen und er blickte in einen kleinen Aufzug, gerade groß genug für eine Person. Eigentlich hatte Mugh immer Platzangst gehabt und Aufzüge waren ihm von jeher ein Graus gewesen, aber diesmal zögerte er nicht. Mit zwei Schritten war er in der kleinen Kammer. Einen Moment später schlossen sich die Schiebetüren wieder. Es herrschte Stille. Mugh hob die Hand und drückte den kleinen blauen Knopf, der neben ihm in die Wand eingelassen war. Summend setzte sich der Aufzug in Bewegung. Erst stieg er nur langsam, aber dann nahm er immer mehr Fahrt auf. In Mughs Magen begann es zu kribbeln. Das Gefühl breitete sich in seinem ganzen Körper aus, bis es ihn komplett erfasst hatte. Es kam ihm so vor, als würde er fallen. So hoch konnte der Turm doch gar nicht sein. Eigentlich hätte er in diesem Moment Angst bekommen müssen. Er bekam sonst immer so schnell Angst. Endlich wurde der Lift langsamer. Er verlor rasch an Fahrt und blieb schließlich stehen. Ein helles Klingeln ertönte und die Türen öffneten sich. Ohne weiter darüber nachzudenken, fast schon so, als ob jemand anderes die Kontrolle über seinen Körper übernommen hatte, verließ er mit schnellen Schritten die kleine Kabine und befand sich kurz darauf an einem anderen Ort.

Mugh stand inmitten eines kleinen Zimmers. Kahle, weiße Wände umgaben ihn. Zwei frisch gemachte Betten standen da. Die blaue Tür des Raums war geschlossen. Sie hatte keine Klinke. Durch das geöffnete Fenster schien die Sonne herein und tauchte den Raum in helles Licht. Ein Gitter war vor dem Fenster angebracht und es viel Mugh nicht schwer zu erkennen, dass er sich in einer Zelle befinden musste. Er wandte sich zur Tür, als er hinter sich eine Stimme hörte. „Wo willste denn hin, Kollege? Hier kann einer nich’ einfach geh’n, wenn er Lust dazu hat.“ Ruckartig drehte Mugh sich um. Eben noch waren die beiden Stühle an dem kleinen Tisch vor dem Fenster leer gewesen. Nun saß dort ein alter Mann. Vor ihm stand eine Flasche und seiner Stimme nach zu urteilen war er ziemlich betrunken. Er winkte Mugh heran. „Setz dich, Kollege. Wir ham’ was zu besprech’n.“ Er hob die Flasche an den Mund und trank. Krachend setzte er die Flasche danach wieder auf den Tisch und ein Hustenanfall schüttelte ihn. Zögernd ging Mugh auf den Mann zu. Schon nach wenigen Schritten schlug ihm die übel riechende Alkoholfahne entgegen. Widerstrebend setzte er sich zu ihm an den Tisch. Aus glasigen Augen starrte ihn sein Gegenüber wild an. Jetzt erst sah Mugh, wie ungepflegt und schmutzig der Mann wirklich war. Das lange Haar hing wirr vom Kopf herunter und er hatte sich bestimmt schon lange nicht mehr gewaschen. Der Gestank des Alkohols mischte sich mit dem Geruch von Schweiß zum einem unangenehmen Aroma des Verfalls. Die faltigen Mundwinkel hatte er hochgezogen und so wurde sein Gesicht zusätzlich durch ein irres Grinsen entstellt. „Jetzt habe ich dich endlich ganz für mich allein. Willst du auch einen Schluck? Das macht das Ganze vermutlich um einiges Einfacher für dich.“ Er bot Mugh die Flasche an, aber dieser lehnte ab. „Wer bist du?“ Mit einem Schlag war das Grinsen aus dem Gesicht des Alten verschwunden. „Was? Das kannst du dir nicht denken?“ Er schwieg kurz, so als ob er überlegen würde. Dann setzte er sich aufrecht hin, warf die langen, grauen Haare schwungvoll zurück und mit einer Stimme, die Mugh fast umwarf, sprach er donnernd: „Ich bin Solejier, der mächtige und rachsüchtige Herrscher. Vernichter der Völker und Herr des Wassers. Letzte Bastion vor der Einöde und Hüter der Schlüssel.“ Wie als hätte man ihm mit einem Mal den Strom abgedreht, fiel er nach diesen drei Sätzen wieder in sich zusammen, griff nach seiner Flasche und trank sie in einem Zug leer. Ein besorgter Ausdruck schlich sich auf sein Gesicht und mit einer Hand hielt er sich den Bauch. Dann, ohne Vorwarnung, drang ein lautes und an Widerlichkeit kaum zu übertreffendes Rülpsen aus seinem Mund. Das ganze Schauspiel hatte eine solche Komik inne, das Mugh sich nicht mehr halten konnte und prustend zu lachen begann. Glaubte er dem Alten auch schon fast, dass es sich bei ihm um Solejier handelte, so konnte er ihn doch mit im Mindesten ernst nehmen. Dies hatte sein Gegenüber in diesem Moment ebenfalls realisiert und mit einer schnellen Bewegung schwang er die Flasche über seine Schulter und warf sie nach Mugh. Sie flog knapp an ihm vorbei und zersprang klirrend an der Wand. Das Lachen erstarb. „Hör mir gut zu, Mensch! Mach dich nicht lustig über jenen, der dein Leben in seiner Hand hält. Es könnte sich für dich als ungünstig erweisen.“ Die blauen Augen des Alten blitzen ihn an. Für einen Moment trat Stille zwischen den beiden Männern ein. Der Alte lehnte sich langsam zurück und Mugh entspannte sich wieder. Als Solejier nun wieder zu sprechen begann, war in seiner Stimme keine Spur mehr von Betrunkenheit zu hören.

„Im Gegensatz zu meiner Schwester werde ich nicht so viele Worte verlieren. Sie liebt die Sprache und hat einen Hang zum Melodramatischen. Man braucht sich nur ihre Behausung anzuschauen und denkt schon man ist in einem dieser altertümlichen Märchen. Die Vereinigung steht unmittelbar bevor und es gibt nicht mehr viel zu tun. Du musst nun eine Entscheidung treffen.“ Er hob die Hand, schnippte mit dem Finger und aus dem Nichts erschienen die Bilder von Kiro, Nadja, Martin und dem Stillen auf dem Tisch. Eins nach dem Anderen drehte er sie so, dass Mugh sie genau sehen konnte. Der hatte jedoch noch immer nicht verstanden. „Wähle einen, auf das der Rest voranschreiten kann.“ Der Schreck durchfuhr Mugh als er begriff, was von ihm verlangt wurde. Wie Schuppen fiel es ihm von den Augen. Ähnliches musste Nalataja von Kiro verlangt haben. Wut mischte sich mit Zorn und dem lähmenden Gefühl der Machtlosigkeit. In diesem Moment hätte er am liebsten die ganze Wut und Enttäuschung seines Lebens dem Wesen vor ihm entgegengeschleudert, doch gleichzeitig war ihm bewusst wie sinnlos das sein würde. Hier herrschten andere Mächte. Sie zu bekämpfen, ja gar zu besiegen, schien sinnlos und unmöglich. Fieberhaft überlegte er, wie er am besten vorgehen sollte. Noch während er so dasaß, schnippte Solejier ein zweites Mal und auf dem Tisch erschien eine Uhr. Es war ein kleiner, altmodischer Wecker. Er zeigte Viertel vor Sechs. Der Sekundenzeiger fehlte. Die ersten Minuten starrte Mugh nur auf die Uhr auf dem Tisch und beobachtete wie unter Hypnose den Minutenzeiger langsam vorwärts kriechen. Langsam dämmerte ihm die Erkenntnis, dass die Zeit knapp wurde. Die Entscheidung war jedoch nahezu unmöglich. Mugh war von jeher ein Menschenfreund gewesen. Es schien ihm undenkbar nun eine solche Entscheidung zu treffen, deren Endgültigkeit sicherlich unumstößlich war. Er wand sich und es war ihm eine Qual. Die Gesichter seiner Begleiter, die ihm zu Freunden geworden waren, tauchten immer wieder vor seinem geistigen Auge auf und schienen ihn zu verfolgen. Schweiß trat aus allen Poren und obwohl die Temperatur im Raum seit seiner Ankunft konstant geblieben war, fühlte er sich wie in einem Schwitzbad. Alles begann sich zu drehen und unbekannte Stimmen drangen auf ihn ein. Noch niemals war Mugh ein Freund von Entscheidungen gewesen. Er hatte solche Situationen immer gewusst zu vermeiden. Wie würde er jemals seiner Familie wieder unter die Augen treten können, mit dem Bewusstsein dieser Bürde? Ihn verschlang ein Strudel aus Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit. In der Ferne, ganz weit weg, konnte er jemanden lachen hören. Die Stimme kam ihm nicht unbekannt vor. Ein lautes Klingeln holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Noch immer saß er an dem kleinen Tisch und vor ihm verharrte bewegungslos Solejier. Sein Blick fiel auf den Wecker und ein lähmender Schrecken durchfuhr alle seine Glieder.

„Es ist vorbei. Die Wahl ist getroffen.“ Ein kühles Lächeln lag auf dem Gesicht des Alten. Seine Züge hatten sich entspannt. Mugh wollte noch etwas erwidern und suchte nach Worten, aber da hatte der Alte schon wieder mit den Fingern geschnippt. Alles um Mugh herum wurde dunkel und er fühlte sich mit einem Mal völlig schwerelos. Dann war er wieder in dem engen Lift. Die Türen öffneten sich und er stieg ein zweites Mal aus. Eisiger Wind wehte ihm entgegen, als er die Spitze des Turms betrat. Über ihm zogen die dichten Wolken dahin und der Himmel hatte sich deutlich verfinstert. Er stand auf einer flachen, vollkommen geraden Plattform. An ihrem Rand fiel sie senkrecht ab. Es wirkte fast so, als ob jemand den Turm kurz vor seinem Ende einfach abgeschnitten hätte. Der Wind blies laut in seine Ohren. Mugh drehte sich um und sah gerade noch, wie die Kabine des Lifts wieder im Boden verschwand. Hier oben gab es kein Geländer und der Wind zerrte an seinen weiten Kleidern. Mugh hatte versagt, dieser Gedanke erfüllte sein gesamtes Bewusstsein. Er würde seinen Freunden nicht mehr gegenüber treten können. Hier, auf der Spitze des Turms endete nun seine Reise. Auf eine Weise war ihm nach Weinen zumute, aber dann auch wieder nicht. Bald würde er erlöst sein von der endlosen Qual der Sinnlosigkeit. Mugh blickte auf den Boden. Eine schmale, runde Fuge im Boden zeigte ihm die Stelle, an welcher der Lift im Boden verschwunden war. Daneben befand sich eine kleine Vertiefung. Zwei winzige Knöpfe waren hier in den Boden eingelassen. Mugh wusste genau, was er zu tun hatte. Er würde nicht feige sein und sich davon machen. Nein. Seine letzte Handlung würde er mit Stolz ausführen und damit seinen Freunden die Rettung ermöglichen. Einen Zentimeter über dem kleinen, schwarzen Knopf verharrte sein Finger. Er zögerte. Was würde nach dieser Existenz kommen? War da noch mehr?

Er würde es nun bald wissen. Mit einer schnellen Bewegung drückte er den Knopf tief hinein. Die Spannung durchfloss seinen Körper, als sich die Spitze des Turms nun langsam begann mit Elektrizität aufzuladen. Gleichzeitig wurden die Wolken noch einmal dichter und dunkler. Bald war es fast wie in der Nacht. Erste, kleine Blitze zuckten am Himmel. Der Boden unter Mugh schimmerte leicht bläulich. Längst hatte er begriffen welches Schicksal ihn ereilen würde. Ruhe überkam ihn und er schloss die Augen. Der Wind blies ihm ins Gesicht und die ersten Regentropfen begannen zu fallen. Er dachte an seine Familie und das gab ihm Kraft. Als der erste Blitz in die Spitze des Turms schlug, ging er direkt durch seinen Körper und tötete ihn innerhalb von Sekundenbruchteilen. Er spürte Nichts. Kein Schmerz mehr und kein Leiden. Mugh nahm einen anderen Weg, als viele vor ihm. Eine Kraft, die weitaus größer war, als Solejier oder Nalataja nahm ihn auf und trug sein Bewusstsein auf mächtigen Schwingen davon. Zwanzig Sekunden später schlug Mughs verkohlte Leiche brennend am Fuße des Turms auf. Der Aufprall war so laut, dass seine Gefährten im Inneren es hörten und langsam aus ihrem tiefen Schlaf erwachten. Der Anfang vom Ende hatte begonnen.

 

Die Gewalt des Gewitters, das um den Turm herum tobte, war unbeschreiblich. Im Sekundentakt schlugen die Blitze in den Turm ein und luden ihn immer weiter auf. Krachend grollte der Donner über die Hochebene. Martin war zuerst erwacht. Er weckte den Stillen und den Jungen und erst dann merkte er, dass Mugh fehlte. Die Türen des Lifts waren jedoch verschlossen. Ein Geräusch vor dem Turm hatte ihn geweckt, aber als er draußen nachsehen wollte, fand er die Tür verschlossen. Das Licht begann zu schwinden, wie als wenn jemand langsam die Energie abdrehen würde. Angst breitete sich aus, als sie sich bald kaum mehr gegenseitig erkennen konnten. Martin hatte ein ungutes Gefühl. Was war geschehen, während sie geschlafen hatten? In den Früchten musste etwas gewesen sein. Fragen über Fragen und keine einzige Antwort. Während das letzte Licht wich und es völlig dunkel wurde, fassten sich die drei verbliebenen Gefährten an den Händen und bildeten einen Kreis. Niemand sprach ein Wort. Es gab auch eigentlich nichts mehr zu sagen. Sie schlossen die Augen und warteten ab. Es dauerte lange, bis das Gewitter schwächer wurde, aber endlich war es wieder vollkommen still. Die Dunkelheit dauerte an. Martin spürte das leichte Kribbeln zuerst an seinen Fußspitzen und dann stieg es langsam höher. Es war ein seltsames und ungewohntes Gefühl, jedoch nicht unangenehm. Der Prozess des Aufsteigens hatte begonnnen. Die letzte Ebene erwartete sie bereits.

 

Schattenspiele

 

Der Schatten war abgelenkt. Einer seiner Feinde war vernichtet worden. Eigentlich hätte er erwartet mitzubekommen, was passiert war, jedoch war dem nicht so. Jemand, oder besser gesagt etwas, hatte Mugh mit sich genommen. Er war nun an einem Ort, zu dem der Schatten keinerlei Zugang hatte. Er hatte sich schon so viele Gedanken gemacht, wie er den kleinen dicken Händler hatte quälen wollen. Das würde ihm wohl jetzt verwehrt bleiben. Nun gut, dachte er sich, es gab noch weitaus interessantere Charaktere. Immerhin hatten sie den alten Mechanismus des Turmes in Bewegung setzten können. Die hohe Nadel war tatsächlich nicht viel mehr als ein riesiger Transporter. Erbaut vor langer Zeit und eigentlich nur noch Überrest einer toten Kultur. Seine abgelegene Position hatte ihn weitgehend vom Verfall geschützt. Diese letzte Aktivierung würde trotzdem seine letzte sein. Kurz nachdem Martin und der Stillen mit dem Jungen zur letzten Ebene aufgestiegen war, schmorten die gigantischen Energiespulen unter der Basis des Turms allesamt durch. Die Unmengen an Energie, die sie speichern mussten, waren nach so langer Zeit der Inaktivität zuviel für die alten Maschinen gewesen. Niemals wieder würde jemand diesen Weg benutzen können. In gewisser Weise hatte der Schatten gehofft, selbst noch einmal auf diese Weise das Schlachtfeld betreten zu können, aber jetzt würde er warten müssen, bis ihn jemand dorthin hinauf zog. Derweil trieb er weiter seinen Schabernack mit den beiden Schachspielern, die ihm soviel näher waren, als alles andere. Schwarzer Läufer von G-Fünf nach H-Vier. Schach!

 

Ebetaminor

 

52

 

Sie hatten die Anweisungen des Malers genau befolgt. Durch endlose Flure und Treppenhäuser drangen sie immer tiefer in den gigantischen Komplex vor. Überall hörten sie Stimmen hinter den blauen Türen. Stockwerk um Stockwerk stiegen sie hinauf. Hinter einer der Türen hörten sie etwas klirren. Offenbar war ein Glas zu Bruch gegangen. Eine laute Stimme sprach. Dreimal die 9 stand auf der Tür. Nadja und Kiro gingen schnell weiter. An keiner der Türen verharrten sie. Endlich standen sie in einem Flur, der keine Tür mehr hatte. Nur noch an seinem Ende, ganz hinten, konnten sie eine große Holztür erkennen. Sie waren am Ziel. Wie in Trance wandelten sie durch diesen letzten Flur, den Blick stets auf die Tür gerichtet, die immer näher kam. Schließlich langten sie an. Auf einem kleinen, schlichten Schildchen stand dort nur das Wort „Direktor“. Nadja und Kiro verharrten einige Minuten bewegungslos vor der Tür. Keiner von ihnen wusste etwas zu sagen. Der Ort an sich hatte schon etwas Geheimnisvolles. Das helle Holz strahlte Wärme aus und wirkte durchaus einladend. Endlich hob Kiro seine Hand und klopfe. Ein paar Sekunden lang tat sich nichts, aber dann hörte sie gedämpft, wie sie hereingerufen wurden. Das Herz klopfte beiden bis zum Hals, als Kiro die schwere Klinke herunterdrückte und die Tür aufschwang. Sie traten über die Schwelle und fanden sich in einem geräumigen Büro wieder. Lange Holzregale an den Wänden enthielten hunderte von Büchern. Ein weinroter Teppich bedeckte den Boden und vor drei großen Fenstern gegenüber der Tür stand ein großer Schreibtisch. Hinter ihm saß jemand in einem hohen Stuhl, hatte ihnen jedoch den Rücken zugedreht. „Kommt nur herüber. Ich beiße nicht.“ Ein leises Lachen folgte. Die Stimme kam Nadja bekannt vor, doch noch wusste sie nicht, wo sie diese einzuordnen hatte. Der dicke Teppich verschluckte ihre Schritte, als sie sich dem Schreibtisch nun langsam näherten. Eine Standuhr tickte träge neben einem der Regale. Die Fenster waren geschlossen und so entfaltete der Duft nach altem Holz und Büchern in diesem Raum sein volles Aroma.

Der Schreibtisch war leer. Aktenablagen aus verschnörkeltem Metall standen ordentlich aufeinander. In einem Kasten lagen einige Stifte und eine Tasse stand einsah herum, aber kein einziges Blatt Papier war zu sehen. Kiro, der in der Vergangenheit schon so manche Berührung mit Bürokratie und Behörden gehabt hatte, kam dies alles höchst seltsam vor. Kritisch ließ er seinen Blick durch den Raum schweifen. Auf einem Messingschildchen, nicht unähnlich dem an der Tür, stand hier ein Name. „E. B. E. Taminor“ Kiro brauchte einen Moment um das Spiel mit den Buchstaben zu durchschauen, aber als er es verstand schlich sich ein Grinsen auf sein Gesicht. „Einen Sinn für Humor habt ihr irgendwie alle. Nicht wahr?“ Die Provokation in seiner Stimme war deutlich herauszuhören, aber der, an den sie gerichtet war, reagierte darauf nicht. Beide sahen sie nur einen dunklen Schopf, der über die hohe Lehne des Bürostuhls hinausragte. Während Nadja noch überlegte, was sie sagen sollte, begann sich der Stuhl zu drehen und einen Augenblick später sahen sie jenen Ebetaminor von Angesicht zu Angesicht. Alles andere hätte Kiro erwartet, jedoch nicht die Person, die jetzt vor ihnen saß. Dunkles, volles Haar krönte Ebetaminors wohlgeformten Kopf und aus braunen Augen blickte sie ein Mann an, der kaum viel älter als sie selbst sein konnte. Ein Lächeln umspielte seinen Mund und Nadja konnte keine einzige Falte auf seinem jugendlichen Gesicht ausmachen. Er trug einen einfachen, schwarzen Anzug und ein schlichtes, weißes Hemd. Auf eine Weise erinnerte er Nadja an einen Sargträger, den sie irgendwo einmal gesehen hatte.

„Nun seid ihr also endlich angekommen…“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Ich hatte die Ehre euren Weg bis zu mir verfolgen zu dürfen. Meinen Respekt habt ihr euch in der Tat verdient. So wie der Schatten von euch zweimal besiegt wurde, habe ich ihn noch niemals versagen sehen. Möglichweise ist es euch ja entgangen, aber jene Entität ist ein überaus mächtiges Wesen. Sicherlich wisst ihr, dass er sich längst zu einem finalen Schlag gegen euch rüstet.“ Er machte eine kurze Pause, wie als wenn er die Reaktion von Nadja und Kiro abwarten würde. Als diese jedoch ausblieb, fuhr er fort. Unterschwellig registrierte Nadja einen Sekundenbruchteil der Verwirrung in seinen dunklen Augen. Dieser kurze Moment verriet ihr viel. Ebetaminor war offenbar nicht umfassend informiert. „Euer Aufstieg zur letzten Ebene steht bevor. Dort werdet ihr eure verbliebenen Freunde treffen.“ Bei diesem Satz durchzuckte Kiro ein scharfer Schmerz. Welche seiner Freunde würde er überhaupt noch wieder sehen? Ebetaminor sprach weiter. „Auf jener Ebene von Klyth werdet ihr das letzte Gefecht schlagen, jedoch bedürft ihr noch einiger Informationen, bevor ich euch dorthin entlassen kann. Unter euch ist ein Verräter.“ Er nickte Kiro zu. „Du hast ihn bereits als jenen kleinen Jungen kennen gelernt, den ihr im Schnee gefunden habt. Dort ist er bewusst platziert worden um euch zu infiltrieren. Er hat seit jenem Zeitpunkt die Kontrolle über das Wesen das ihr den „Stillen“ nennt. Dieser ist gar mächtig. Die Quelle hat dies erkannt und um das Gleichgewicht zu wahren, wurde seine Macht zeitweise gebunden. Jedoch ist nun eine Veränderung eingetreten, die wir alle nicht erwartet oder vorausgesehen haben. Weshalb auch immer…“ Er räusperte sich und rollte mit dem Stuhl ein Stück nach vorne. „Das Wesen im Körper dieses Jungen ist verwirrt und seine Verbindung zur Quelle ist abgerissen. Er hat beschlossen, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Dies ist jedoch nicht in unserem Interesse. Ich gebe zu, es ist ein Akt des Vertrauens, den ich von euch verlange, aber nur so werdet ihr letztendlich jenen vierten von uns und damit das Ende eurer Reise erreichen können. Der Name des Wesens ist Gabriel und sein Geist ist schwach. Seine Rolle hatte von Anfang an keine große Bedeutung, jedoch könnte er nun zum Zünglein an der Waage werden.“ Ebetaminor lehnte sich etwas vor und blickte Nadja und Kiro durchdringend an. „Worum ich euch bitte ist lediglich, dass ihr ihn genau beobachtet. Ihr müsst dabei mit äußerster Vorsicht vorgehen, da sich Gabriel den übersensiblen Sinnen seines Wirtes bedient. Der kleinste Fehler eurerseits könnte eine unvorhersehbare Reaktion provozieren. Ich hoffe, dass euch der Ernst der Lage bewusst ist. Dort, auf der Ebene von Klyth, seid ihr vollkommen auf euch allein gestellt. Keiner der vier Wächter hat dort Macht. Es regiert das blanke Chaos. Ich werde euch in meinem eigenen Interesse mit ein paar Dingen ausrüsten, die sicher hilfreich sein werden, aber mehr kann ich nicht tun. Es gibt dort keine Nacht. Ihr müsste die Ebene überqueren so schnell ihr könnt. Die Zeit ist bereits äußerst knapp.“

Wieder schien Ebetaminor kurz zu zögern. „Einen Hinweis gebe ich euch noch. Das Wesen, das ihr den „Stillen“ nennt, ist kostbar. Sein Name ist Michael. Gleichsam verwundbar wie mächtig, müsst ihr es schützen. Er wird eure einzige Verteidigung sein, wenn ihr die letzte Festung betretet. Er ist der Schlüssel zur Zitadelle.“ Kiro, der unzählige Fragen hatte, wollte schon etwas sagen, aber Ebetaminor hob die Hand. „Die Zeit ist zu knapp und ich bin nicht imstande euch mehr zu sagen, als ich es bereits getan habe.“ Er stand auf. „Kommt jetzt mit mir und ich werde euch ausrüsten für das, was vor euch liegt. Mögen Weisheit und ein schneller Finger mit euch sein.“ Ebetaminor zwinkerte Nadja zu und ging um den Schreibtisch herum. Mit wenigen Schritten war er an einem der Bücherregale und zog eines der Bücher ein Stück heraus. Sofort schwang das nebenan stehende Regal nach außen auf und gab eine Öffnung in der Wand frei. Kiro atmete scharf ein. Geheime Türen lösten bei ihm inzwischen ein gewisses Unbehagen aus. Eine Treppe führte hinter dem gemauerten Torbogen abwärts. „Folgt mir und beeilt euch.“ Schon war er verschwunden und Kiro hörte nur noch seine Schritte auf der Treppe. Ohne weiter zu überlegen folgten sie jener seltsamen Erscheinung, hinab ins Dunkel.

Die enge Wendeltreppe schlang sich drei oder vier Windungen hinunter, bevor sie durch einen kurzen Durchgang eine kleine Halle betraten. Helle Leuchtstoffröhren an der Decke erhellten den Raum bis in den letzten Winkel. Kiro blieb wie angewurzelt stehen, als er sah was sich alles hier unten befand und Nadja war nicht weniger überrascht. An den Wänden befanden sich eng nebeneinander viele Metallregale, auf denen das Waffenarsenal für einen kleinen Krieg lag. Kiro kannte einige dieser Waffen von Bildern, andere jedoch waren ihm gänzlich unbekannt. Alle hatten gemein, dass es primitive Schusswaffen waren. Langsam ging er von Regal zu Regal und kam aus dem Staunen bald nicht mehr heraus. Es gab Schnellfeuerwaffen, Handfeuerwaffen, kleine Raketenwerfer und Granaten in allen Größen und Variationen. Ein ganzes Regal war allen Arten von Minen vorbehalten und sogar Messer war vorrätig. In der Mitte des Raumes stand ein kleiner, alter Armeelaster, der aus ähnlichen Zeiten zu stammen schien wie das übrige Gerät. „Gefällt euch, was ihr seht?“ Kiro drehte sich um zu Ebetaminor, der immer noch am Eingang stand und ihn schräg ansah. „Was sollen wir damit?“ Kiro konnte die Fassungslosigkeit in seiner Stimme kaum verbergen. „Krieg führen natürlich. Oder denkt ihr, dass man euch einfach so passieren lassen wird.“ Er deutete mit dem Finger nach oben. „Auf der Ebene von Klyth herrscht Krieg. Schon immer war es so und so wird es bleiben. Ich schlage euch vor, dass ihr so viel einladet, wie in den Karren reinpasst und euch dann so schnell wie möglich aus dem Staub macht.“ Er drückte auf einen Knopf neben der Tür und die Wand vor dem Kleinlaster hob sich knirschend nach oben. Offenbar befanden sie sich in einer Art Garage. Der Wind kam herein und wehte Blätter in die kleine Halle. Ebetaminor hob die Hand und wandte sich zum Gehen. „Viel Glück.“ Kurz darauf war er verschwunden. Nadja und Kiro waren allein. „Das ist Wahnsinn!“ Nadja sah Kiro aus riesigen Augen an. Kiro antwortete nicht sofort. Er dachte nach. „Das werden wir wohl bald herausfinden.“ Er ließ Nadja stehen und ging zum Heck des Lasters. Die dunkelgrüne Plane war nach oben gebunden und Kiro schwang sich behände auf die leere Ladefläche. Hier oben war tatsächlich reichlich Platz.

 

Die nächsten Stunden verbrachten sie mit dem Einladen der Waffen. Kiro versuchte eine sinnvolle Mischung zu erzeugen und auch die reichlichen Munitionsvorräte vergaßen sie nicht mitzunehmen. In der Ecke standen noch einige Reservekanister, die bis zum Rand mit Treibstoff gefüllt waren. Sie nahmen alle mit. Nadja hatte ihren anfänglichen Widerstand die Waffen anzufassen schnell aufgegeben und das Tageslicht begann schon zu schwinden, als sie endlich fertig waren. Kiro half Nadja in das hohe Fahrerhaus hinein und schwang sich dann selbst auf den Fahrersitz. Wie er erwartet hatte, steckte der Zündschlüssel. Ein kleiner Notizzettel war mittig auf das Lenkrad geklebt. Ebetaminor wünschte ihnen damit noch eine gute Reise und eine sichere Fahrt. Grinsend knüllte Kiro den Zettel zusammen und warf ihn aus dem Fenster. Er ließ den Motor an, der sofort startete und sah zu Nadja hinüber. Sie wirkte ein wenig bleich, aber ihr Händedruck war fest und bestätigte ihm, dass sie voll und ganz dabei war. Sie hatten zwei Maschinenpistolen mit ins Fahrerhaus genommen. Man konnte nie wissen, wann das Spektakel losgehen würde. Über die betonierten Wege lenkte Kiro den Laster sicher dem Tor entgegen. Was sie erwarten würde war ungewiss. In jedem Fall waren sie jedoch gerüstet. Die großen Stahltore des Gefängnisses lagen nun vor ihnen. Dahinter war nichts mehr. Nur helles Sonnenlicht kam ihnen entgegen. Nadja öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch Kiro steigerte das Tempo noch weiter und in voller Fahrt rasten sie hindurch und waren kurz darauf wieder an einem anderen Ort. Diesmal jedoch, würde sie nicht mehr alleine sein.

 

Schattenspiele

 

Der Schatten verstand Schach nicht. Trotzdem war er für einen Moment fasziniert gewesen vom Spiel der beiden Kontrahenten und wie sehr sie darin vertieft waren. Es ging nun wohl in die Endphase. So wie alles andere würde auch dieser Kampf bald beendet sein und der Sieger feststehen. Seine Angriffe auf die beiden Männer hatten bisher noch nicht den gewünschten Erfolg erzielen können und daher steigerte er noch einmal den Terror seiner Diener. Früher oder später würde es zu Ende gehen. Jetzt waren seine Gegner alle auf der einen Ebene versammelt und der finale Akt konnte beginnen. Noch ein letztes Mal würde sich der Vorhang lüften und die Bühne freigeben für das Schauspiel welches so ultimativ war, dass die Aufregung immer stärker in ihm emporstieg. Der ältere Spieler konnte sich nicht entscheiden. Er war noch nicht bereit für ein Opfer. Er hatte zwei Möglichkeiten. Beide sahen jedoch wenig berauschend aus. Das erste Mal kam ihm der Gedanke, dass er möglicherweise verlieren könnte. War es das, worauf alles hinauslief? War es nötig zu verlieren? Sollte er aufgeben? Kopfschmerzen begannen in seinem Schädel zu rumoren und er rieb sich die Schläfen. Dieses Spiel dauerte schon viel zu lange. König von E-Eins nach D-Zwei.

 

Klyth

 

53

 

In dem Moment, als Nadja und Kiro durch das Tor fuhren, gelangten sie auf die rote Ebene. Einen Augenblick lang kam es Nadja so vor, als ob sie sich an zwei Orten gleichzeitig befinden würde. Das Gefühl war unangenehm, wich aber in der Sekunde, als sie mit den Rädern auf dem sandigen Boden aufsetzten und das Fahrzeug kurz schlingerte. Kiro hingegen war einen Moment lang völlig überwältigt, als er jenen Ort erblickte, von dem er bereits so oft schon geträumt hatte. Der Moment der Erkenntnis war kurz und doch auf eine Weise schmerzhaft. Vor ihnen erstreckte sich nichts als endloses, flaches Land. Schwach wirbelte der Wind Staub in die Luft. Zwei Sonnen standen am Himmel. Schwach war die Straße im Sand zu erkennen, die ohne jede Biegung geradeaus lief. Einige hundert Meter vor ihnen standen drei Personen mitten auf dem Weg. Kiro bremste, während sie langsam näher kamen und schließlich blieb er kurz vor Martin, dem Stillen und dem Jungen stehen. Sprachlos und unfähig sich zu bewegen starrten sie einander an. Langsam fand Kiros Hand den Weg zum Zündschlüssel und das Geräusch des Motors erstarb. Wie im Traum stiegen sie aus und gingen auf die drei zu. Die sie ebenfalls ungläubig anstarrten.

Die Wiedervereinigung selbst lief still ab. Weinend lagen sie sich in den Armen und noch wusste keiner wirklich etwas zu sagen. Eigentlich wäre da so viel gewesen, aber in diesem Moment schien es so bedeutungslos zu sein. Sie waren wieder beisammen und das zählte. Die Wenigen die übrig geblieben waren. Nach einer Weile stiegen sie alle gemeinsam in den Laster. Als Martin die Waffen sah, konnte er seine Verwunderung kaum verbergen und stieg erst ein, als Kiro ihm eine Erklärung versprach. Die nächsten Stunden waren sie nonstop unterwegs und hielten nur an, um sich beim Fahren abzuwechseln. Das anfängliche Schweigen wurde schnell gebrochen und bald schon erzählten sie sich gegenseitig die Dinge, die sie seit ihrer Trennung bei Nalataja erlebt hatten. Martin wollte unbedingt wissen, wie Kiro Nadja hatte retten können und sogar der Stille war neugierig was ihnen widerfahren war. Die Gesichter wurden ernster, als Kiro von ihrer Begegnung mit dem Schatten erzählte und Martin war skeptisch, als Kiro meinte dass sie hier eine Weile vor ihm sicher sein würden. Nach und nach trugen sie ihr Wissen zusammen und Stück für Stück fügten sich die Teile des Rätsels zusammen. Ihnen fehlten nach wie vor noch viele Informationen, jedoch wurde das Bild immer klarer.

 

Ein paar Stunden später erfolgte der erste Angriff. Noch bevor sie irgendetwas sehen konnten, hörten sie das Geschrei. Kiro kannte dieses durchdringende Geräusch bereits. Es hörte sich fast genauso an, wie das Gebrüll ihrer Verfolger kurz bevor sie den Turm Ebetaminors erreicht hatten.

Bald darauf tauchten die ersten Angreifer auf. In Lumpen gehüllte, dunkle Gestalten rannten auf sie zu. Sie schwangen wild Keulen und Knüppel und waren so schnell, dass ihre Beine in Staubwolken verschwanden. In einer Gruppe von etwa zwei Dutzend kamen sie so immer näher. Jedoch war es in diesem Moment Martin, der sie alle noch viel mehr überraschte. Bevor Nadja oder der Stille reagieren konnten, hatte er das Fenster gesenkt und sich eine der Waffen geschnappt. Er legte an, wartete kurz und als die Gestalten auf etwa fünfzig Meter herangekommen waren, begann er zu schießen. Das trockene Knallen der halbautomatischen Waffe wurde in der Fahrerkabine vielfach verstärkt, sodass sie sich die Ohren zuhalten mussten. Kiro erschrak sich im ersten Moment so, dass er das Lenkrad ein wenig verriss und der Laster einen kleinen Bogen fuhr.

Martin feuerte beide Magazine leer und als der letzte Schuss gefallen war, lag wieder Stille über der Ebene. Er hatte jeden der Angreifer erwischt. Als kleine, dunkle Haufen lagen sie im Staub. Noch bevor irgendjemand etwas sagen und der allgemeinen Verblüffung Ausdruck verleihen konnte, hob Martin seine Waffe hoch und betrachtete sie nickend. „Habt ihr davon noch mehr?“ Das war dann doch zuviel und einer nach dem anderen, angefangen bei Kiro, brachen sie in schallendes Gelächter aus.

Ein paar Minuten später hielt Kiro an. Jeder nutzte die Gelegenheit um sich etwas die Beine zu vertreten und Kiro zeigte Martin, was sie hinten auf der Ladefläche alles hatten. Der kam aus dem Staunen fast nicht mehr heraus. Eine Waffe nach der anderen nahm er in die Hand und untersuchte sie akribisch. „Das reicht wirklich für einen Krieg.“ Für die nächste halbe Stunde war dies sein einziger Kommentar. Kiro ließ ihn allein und sprang wieder von der Ladefläche hinunter. Das gleißende Licht der Sonnen, das ihm entgegenkam, blendete ihn im ersten Moment, sodass er der Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen musste. Nadja stand ein Stück abseits und blickte in die Ferne. Der Wind ließ ihre langen, dunklen Haare tanzen. Kiro beobachtete sie einen Moment und ging dann zu ihr. „Auf eine Weise ist sie schön.“ „Wen meinst du.“ Kiro war sich nicht sicher, wovon Nadja sprach. „Die Landschaft. Hier ist weit und breit nichts. Nur der Wind, die Sonnen und der Staub.“ Sie bückte sich, und hob etwas von dem rötlichen Sand auf. Langsam ließ sie ihn durch ihre Finger gleiten und der Wind trug Korn für Korn davon. Nur ein paar glitzernde Reste blieben auf ihrer Handfläche zurück. „Dazu werden wir auch einmal werden. Staub im Wind. Man wird sich nicht mehr an uns erinnern. Manchmal ist der Gedanke daran grausam, dass alles vergänglich ist und wir dazu verdammt sind zu sterben. Asche zu Asche…“ Nadja biss sich auf die Lippen, weil sie spürte, wie Traurigkeit in ihr aufzusteigen begann. Kiro schloss sie fest in seine Arme. Sie schlossen beide die Augen und ließen sich vom Wind streicheln. „Stell dir vor, du wärst am Meer. Hörst du das Meer rauschen und die Vögel schreien? Der Himmel ist blau und nur ein paar Wolken ziehen darüber hinweg.“ Nadja seufzte. „Blauer Himmel. Glaubst du, dass wir ihn je wieder sehen werden?“ Kiro nickte. „Ganz bestimmt werden wir den blauen Himmel wieder sehen. Ob in dieser Welt oder einer anderen. Denn eine Sache ist gewiss…“ Eine kurze Pause entstand. „Es gibt andere Welten als diese.“ Sie schwiegen wieder. Beide hatten eine Ahnung, dass dies vielleicht das letzte Mal sein würde, dass sie einen solchen Moment zu zwei genießen könnten. Als Martin sie rief, war es fast schmerzhaft, dass der Moment schon zu Ende war. Hand in Hand gingen sie zurück.

Martin hatte das Steuer übernommen, nachdem er Nadja, Kiro und dem Stillen kurz vor ihrer Abfahrt eine kurze Einweisung in verschiedene Waffen gegeben hatte. Außer Kiro, hatte keiner von ihnen schon erwähnenswerte Erfahrungen mit Waffen gemacht. Das Gewicht der Waffe war zwar enorm, besonders für Nadja, aber die Durchschlagskraft ganz immens. Mit einem Stück Holz von einer der Munitionskisten übten sie das Zielschießen. Der Stille bewies dabei eine ganz außerordentlich gute Treffsicherheit. Nadja und Kiro wechselten hinter seinem Rücken besorgte Blicke. Ihre eigenen Leistungen waren gut, kamen jedoch nicht an die des Stillen heran. Kiro und Nadja versuchten ein wenig zu schlafen, während der Stille mit dem Junge am Fenster Wache hielt. Das stetige Rumpeln des Lasters wirkte ermüdend und da seit einer Weile niemand mehr etwas gesagt hatte, waren sie bald eingeschlafen.

 

Nadja träumte. Sie war wieder zu Hause auf Pinor-Prime und stand an der Haltestelle, von der aus sie jeden Morgen zur Arbeit gefahren war. Die Straßen waren gefüllt mit lärmenden Menschen, und eine Vielzahl von Geräuschen stürzte von allen Seiten auf sie ein. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie laut und schnell hier alles war. Unwillkürlich hielt sie sich die Ohren zu, doch der Lärm wurde nur unbedeutend leiser. Sie betrachtete die Menschen, die neben ihr standen. Ihre Gesichter waren farblos und wirkten erschreckend leer. Niemand hier schien fröhlich zu sein.

Nadja blickte an sich herunter und stellte fest, dass sie noch immer ihre Kleidung von Eschnak trug. Keiner schien es zu bemerken. Dann kam der Bus. Die Massen drängen hinein und schoben Nadja mit sich in das enge Gefährt. Es war kein Platz mehr frei und so musste sie ganz vorne stehen und sich an einer der Stangen festklammern. Die Tür schloss sich rumpelnd und der Bus setzte sich ruckartig in Bewegung. Draußen begannen die Straßen immer schnell vorbeizurasen. Mehrmals musste der Bus halten und Nadja beobachtete fasziniert das Treiben. Hatte sie dieses Leben anfangs vermisse und es sich so sehr zurückgewünscht, spürte und sah sie jetzt, wie leer und ohne Sinn es doch war. Die Menschen wussten nicht wofür sie lebten, wofür sie arbeiteten und warum sie überhaupt da waren. Der Sinn war verloren gegangen, doch schon vor sehr langer Zeit. Und das Schlimmste daran war, das sich eigentlich jeder einzelne dieser Tatsache tief in seinem Inneren bewusst war. Getrieben von Angst und Mutlosigkeit, brachte niemand die Kraft auf, aus dem Kreislauf der Sinnlosigkeit auszubrechen. „Sie suchen nach dem Sinn, nicht wahr?“ Nadja drehte sich zur Seite um zu sehen, wer gesprochen hatte. Der Fahrer lächelte sie an und sprach weiter. „Sie suchen den Sinn des Ganzen und warum sie genau dort sind, wo sie sich gerade befinden, oder?“ Nadja verstand noch immer nicht, was ihr der Mann sagen wollte. „Es ist schwer, ich weiß. Aber vielleicht sehen sie es einfach als ihre Möglichkeit etwas zu verändern. So können sie vielleicht mit ihrer Existenz einen bleibenden Unterschied machen. Jemand hat ihnen etwas zugetraut, wozu nicht jeder die Chance bekommt. Ihr innerer Widerstand hindert sie daran das ganze Bild zu betrachten.“ Der Bus fuhr um eine Kurve und Nadja verstärkte ihren Griff. „Lassen sie los und gehen sie ein paar Schritte zurück. Dann wird ihnen klar werden, wo der Sinn liegt und was ihre Bestimmung ist.“ Aus der Ferne hörte Nadja ein Geräusch. Es klang wie die Fehlzündung eines Motors. Der Fahrer beugte sich zu ihr hinüber. „Und denke immer daran, liebe Nadja. Es gibt immer mehr als einen Weg.“ Er zwinkerte ihr zu und im nächsten Augenblick kam der Bus abrupt zum Stehen. Die Menschen drückten aus dem Bus und rissen Nadja mit sich. Sie versuchte sich festzuhalten, aber verlor doch den Halt und stürzte. Füße traten auf sie, es wurde dunkel und Nadja wachte auf.

 

Das Hämmern des Maschinengewehrs hatte sie geweckt. Kiro war ebenfalls aufgewacht und blickte neugierig aus dem Fenster. Gerade verstummte die Waffe und der Stille lehnte sich wieder in das Fahrzeug. „Diesmal waren es deutlich mehr und ich habe auch das Gefühl, dass sie stärker werden.“ Martin, der noch immer am Steuer saß, nickte ihm anerkennend zu. „Gut geschossen, mein Freund. Dich würden sie mit Sicherheit bei den Streitkräften aufnehmen.“ Er grinste den Stillen an, aber dieser blickte noch immer zum Horizont. „Es werden noch mehr kommen…“ Mit einer kurzen Handbewegung warf er das leere Magazin aus dem Fenster und lud nach. Wie spät es war, konnte niemand sagen. Die Sonnen hielten ihre Position direkt in ihrem Rücken und so schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Einzig der Kilometerzähler des Lasters vermittelte ihnen einen groben Wert der zurückgelegten Entfernung. „Da vorne ist irgendwas.“ Martin zeigte zum Horizont, an dem sich die rote Ebene mit dem Grau des Himmels mischte. Nadja und Kiro suchten die dünne Linie ab und tatsächlich konnten sie dort undeutlich etwas erkennen. „Ist es wieder ein Angriff?“ Noch konnte Nadja nichts Genaues erkennen. Martin wartete einen Moment, bevor er antwortete. „Ich denke nicht. Es scheint sich nicht zu bewegen.“ Sie kamen dem Objekt immer näher und als sie nur noch ein paar Kilometer davon entfernt waren, lehnte sich der Stille wieder aus dem Fenster. Bereit, alles zu erschießen, was sich ihnen in böser Absicht nähern wollte.

Ihre Vorsicht erwies sich jedoch als unbegründet. Was da vor ihnen ganz einsam am Rand des Weges stand, war ein alter, abgestorbener Baum. Seine toten Äste ragten wirr in den Himmel und neigten sich wie eine Hand mit dürren Fingern über die Straße. „Halt an!“ Kiro hatte etwas gesehen und das wollte er sich genauer anschauen. Einige Meter vor dem Baum stoppte Martin das Fahrzeug und ließ Kiro aussteigen. Martin wollte ihm folgen, aber Kiro bat ihn im Wagen zu warten. Der Stille lag noch immer mit seiner Waffe im Anschlag auf der Lauer, als ob er der Ruhe nicht trauen würde. Kiro ging auf den Baum zu. Nadja folgte ihm mit einigen Metern Abstand. Etwas Weißes flatterte an der Rinde des Baumes im Wind. Jemand hatte hier eine Nachricht hinterlassen und Kiro zweifelte nicht daran, für wen sie bestimmt war. Mit einem in der Sonne blitzenden Messer war ein Fetzen Papier an den Baum geheftet worden. In kleiner Schrift standen ein paar wenige Worte darauf. Frisches Blut war vom Messer auf das Papier getropft und hatte es gerötet. Mit trockenem Mund las Kiro die Nachricht vor:

 

Willkommen in der Hölle,

 

Ihr habt es also geschafft. Wenigstens ein Paar von euch leben noch, wenn ihr das hier lest, aber freut euch nicht zu früh. Dem wird auf jeden Fall Abhilfe verschafft werden. Was ihr bisher gesehen habt, war nur der Anfang. Jetzt geht der Spaß erst richtig los.

 

Euer Freund und Helfer

 

Der kurze Brief war nicht unterschrieben, aber Nadja und Kiro hatten keinen Zweifel, dass der Schatten diese Nachricht hinterlassen hatte. Schnell gingen sie zum Laster zurück und kurz darauf waren sie wieder unterwegs.

 

Schattenspiele

 

Wie der Schatten es vermutet hatte, war ihm der Zugang zur Ebene von Klyth verwehrt worden. Nun gut, dachte er sich, auch so war es noch möglich ein wenig mitzuspielen. Spätestens beim Finale war er wieder mit von der Partie. Die Einladung lag quasi schon auf seinem Tisch. Wenn er auch nicht persönlich auf der roten Ebene sein durfte, so konnte er aber noch immer jemanden schicken, der ihm einen kleinen Gefallens schuldig war. Seine Diener waren ohne Zahl und ihm ohne jeden Zweifel ergeben. Diesmal blieb es ihm verwehrt den Erfolg seiner Bemühungen zu beobachten, jedoch konnte er sich die Gesichter vorstellen, wenn sie seine Nachricht entdeckten. Es würde seinen Zweck erfüllen. Das Finale stand bevor und bis dahin konnte er warten. Schwarze Dame von D-Acht nach G-Fünf. Schach!

 

54

 

Einige Kilometer nachdem sie den toten Baum passiert hatten, tauchten das erste Kreuz auf. Windschief steckte es einige Meter abseits des Weges im Sand und dahinter lag ein kleiner, länglicher Hügel. Martin wollte schon wieder anhalten, aber Nadja ließ ihn weiterfahren. „Das wird nicht das letzte Grab sein, was wir zu sehen bekommen.“ Und sie sollte Recht behalten. In den nächsten Stunden wurden die Gräber immer häufiger. An manchen Stellen trafen sie auf regelrechte Friedhöfe und an anderswo standen sie nur allein oder zu zweit. Seit dem letzten Angriff war schon einige Zeit vergangen und Kiro wurde langsam misstrauisch. Trügerische Stille hatte sich über die Ebene gelegt und nur das Dröhnen des Motors war noch zu hören. Jeder hielt wachsam Ausschau. Der Stille und der Junge schliefen.

Nadja spürte etwas. Unterschwellig nahm sie Vibrationen wahr. Sie berührte Martin am Arm. „Wir müssen sofort anhalten. Da kommt etwas Großes!“ Martin blickte sie irritiert an und wollte gerade fragen, woher sie das wüsste, als er es selbst bemerkte. Was genau, konnte er nicht sagen, aber vielleicht war es tatsächlich besser zunächst anzuhalten. Mit quietschenden Bremsen kamen sie zum Stehen und stiegen aus. Als das Geräusch des Motors erstarb konnten sie alle die dumpfen Schläge hören. Der Boden zitterte und der Sand war in Bewegung. „Bewaffnet euch!“ Das Adrenalin schoss durch Martins Körper. Er stieg auf die Ladefläche und durchsuchte das Durcheinander. Da kam etwas Großes und das musste entsprechend bekämpft werden. Endlich hatte er die Raketenwerfer gefunden. Nacheinander reichte er sie Kiro, Nadja und dem Stillen hinunter. Der Junge hatte sich auf Martins Anweisung hin im Fahrerhaus verkrochen. Sie legten sich noch ein paar andere Waffen und einen Vorrat von Granaten auf die Seite und bezogen dann Stellung vor dem Laster, mitten auf dem Weg. Damit waren sie keine Minute zu früh dran, denn kurze Zeit später tauchte etwas am Horizont auf. Es war tatsächlich ziemlich groß und kam schnell näher. Als Martin sah, was dort auf sie zukam, sank ihm für einen Moment der Mut. Wie sollten sie das schaffen? Die richtige Taktik würde den Sieg bringen. Schnell ließ er seine Freunde auseinanderrücken, sodass ein weiter Halbkreis entstand. Er schärfte ihnen ein, erst dann zu schießen, wenn sie sicher waren zu treffen und danach ständig in Bewegung zu bleiben. Der Gigant war zwischenzeitlich deutlich näher gekommen und sie erkannten nun seine wirkliche Größe. Er war mindestens zehn Meter hoch und von oben bis unten in einen Metallpanzer gehüllt. Nur der Kopf, die Arme und die Füße lagen frei. Das dunkle Fell gab ihm das Aussehen eines überdimensionalen Tieres. Ein Gesicht war unter dem Pelz nicht zu erkennen. Der Panzer reflektierte die Sonne und blendete Martin. Vermutlich würden sie das Metall mit ihren Waffen kaum durchdringen können, Der Kopf des Wesens bildete seine Schwachstelle und Martin war überzeugt, dass dies der einzige Weg war, aus dieser Schlacht siegreich hervorzugehen. „Auf den Kopf!“ Martin brüllte es zu seinen Freunden hinüber, bevor der Riese endlich in Schussweite gelangte. Er wartete noch einen Augenblick und dann feuerte er seine Rakete ab. Inständig hoffte er, dass es ein zielsuchendes Geschoss war. Die Rakete raste aus ihrer Halterung und warf Martin fast um. Ohne sich weiter darum zu kümmern griff er sofort nach dem Maschinengewehr, das vor ihm auf dem Boden lag und begann mit kurzen Salven auf ihren Gegner zu feuern.

Das nun folgende Gefecht blieb allen in guter Erinnerung. Der Gigant erwies sich als äußerst zäh, jedoch war ihre Taktik letztlich erfolgreich. Martins erster Schuss traf den Riesen an seinem Arm und die folgende Explosion riss ihm den Arm fast vollständig ab. Der Schuss des Stillen fand sein Ziel auch und das Geschoss explodierte knapp unterhalb des Kopfes am gepanzerten Hals. Der Effekt war trotzdem ausreichend. Für einen Moment taumelte das Wesen und blieb irritiert auf der Stelle stehen. Das gab allen die Gelegenheit die Waffen zu wechseln und den Riesen mit Dauerfeuer einzudecken. Er wich aus und auch die Gefährten veränderten ihre Positionen. Nadja warf zwei Granaten, die an den ungepanzerten Füßen ihres Gegners detonierten. Das schwere Wesen wurde nach hinten geworfen und fiel mit einem rudernden Armen schwer in den roten Sand. Aus mehreren Wunden quoll schwarzes Blut hervor. Martin und Kiro eilten zum Kopf des Wesens, das sich im Sand wand und leerten den Rest ihrer Magazine in seinen Kopf. Hektisch wechselten sie ihre Magazine und wollten schon weiterfeuern, als ihnen in ihrem Blutrausch bewusst wurde, dass der Gigant nur noch zuckte. Einige Minuten standen sie mit ihren Waffen im Anschlag dort, bis an dem riesigen Körper auch die letzte Bewegung aufhörte. Sie hatten es besiegt. Unwillkürlich entfuhr Martin ein Seufzer der Erleichterung. Er reckte die Faust gen Himmel. Ihn hätte der Anblick des tot im Staub liegenden Giganten anwidern können, aber seinen Körper durchströmte nur das glorreiche Gefühl des Sieges, das alle anderen Empfindungen überdeckte. Der Stille musste ihm mehrmals auf die Schulter tippen, bevor Martin wieder zurück in die Realität fand. Mit einem Mal schien das Wesen förmlich auszulaufen. Aus allen Wunden strömte das schwarze, ölige Blut in wahren Sturzbächen heraus, nur um wenig später im Boden zu versickern. Die Hülle seines Körpers fiel zusammen und schließlich waren nur noch die Haut und der Panzer übrig. Es schien, als ob kein einziger Knochen in ihm gewesen war. Der Gestank der jetzt von der Leiche ausging war enorm. Schnell wichen sie zurück und nachdem die Waffen wieder eingeladen waren, startete Martin ohne Verzögerung den Laster. In einem weiten Bogen wichen sie der Leiche aus und als sie wieder auf dem Weg waren, beschleunigte Martin zügig auf Höchstgeschwindigkeit.

Die folgenden Stunden waren ein wahrer Alptraum. Ein Angriff folgte dem nächsten. Es war, als ob man ihnen keine Ruhe lassen und durch Zermürbung zur Aufgabe zwingen wollte. Müdigkeit und Erschöpfung ließen sie unaufmerksam werden und auch das Material zeigte erste Ermüdungserscheinungen. Als der Stille gerade nachgeladen hatte und erneut weiterfeuern wollte, gab es eine kleine Explosion und die Waffe fiel aus dem Fenster. Die schweren Reifen des Lasters überrollten das Gewehr. Der Angriff wurde letztendlich zurückgeschlagen, aber ihre Munitionsvorräte schwanden zusehends. Etwas später übernahm Kiro wieder das Steuer und Martin hielt Wache. Die letzte Angriffswelle war stark gewesen und ihr Sieg nur knapp. Hätten sie noch einen oder zwei zusätzliche Schützen gehabt, so wäre es einfacher gewesen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Ihre Freunde waren alle entweder tot oder verschollen.

Am Horizont zeigte sich wieder unheilkündend eine Staubwolke und kurze Zeit später schwoll das Kriegsgeschrei der wahnsinnigen Horde an. Das Gebrüll ging durch Mark und Bein, ließ die Zähne klappern und den Schädel vibrieren. Diesmal waren es viele, sehr viele. „Ich denke, wir sollten einfach mit Vollgas durchbrechen.“ Martin hatte es Laut gesagt, aber eher als Feststellung und weniger als Frage gemeint. Niemand widersprach. Die Müdigkeit war zu übermächtig. Jeder sehnte sich nach etwas Schlaf. Die schwarze Wand kam immer näher. Kiro und Martin hielten die Stellung im Führerhaus und der Stille war mit Nadja auf die Ladefläche geklettert. Die Plane der Seitenwände ließ sich leicht aufreißen und so schafften sie sich zwei zusätzliche Schießstände mit bester Nachschubversorgung. Als Kiro begann zu feuern, stimmten sie mit ihren Waffen in das allgemeine Knattern ein. Als gemeinsame Front kamen die Horden immer näher. Die Ersten fielen tot in den Staub, doch noch immer war die Masse unüberschaubar. Von vorne in einem weiten Halbkreis stürmten ihre Gegner auf sie zu und begannen sie einzuschließen.

Der Zusammenprall der Fronten geschah schnell und heftig. Mehrere Angreifer wurden vom Laster bei voller Fahrt überrollt, während die drei Schützen wild in die Masse schossen. Kurz darauf war ein trockener Knall zu hören und das Fahrzeug schlingerte. Sie hatten die Front durchbrochen und vor ihnen lag nun wieder die freie Ebene. Nadja schaute zurück. Sie wurden verfolgt und der Feind kam trotz ihrer schnellen Fahrt immer näher. Das Schlingern des Lasters nahm zu und Kiro wurde langsamer. Nadja sah, wie er sich aus dem Fenster beugte. Sie folgte seinem Blick und stellte mit Erschrecken fest, dass der linke Vorderreifen geplatzt war. Der Zeitpunkt hätte schlechter nicht sein können. Der Stille hockte bereits am Ende der Ladefläche und verschoss ein Magazin nach dem anderen in die sei verfolgende Meute. Fast jeder Schuss war ein Treffer, doch die Masse der Gegner noch immer riesig. Nadja wollte ihm gerade Unterstützung leisten, als ihr noch etwa anderes einfiel. Ihr Vorrat an Granaten war noch fast unberührt und so begann sie eine nach der anderen scharf zu machen und nach hinten aus dem fahrenden Laster zu werfen. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die einzelnen Explosionen vernichteten ganze Reihen von Angreifern. Der Laster beschleunigte und ließ die Verfolger ein kleines Stück zurück. Schon war sich Nadja ihres Sieges sicher, als sie mit einem Mal nach rechts ausbrachen und sich bedrohlich neigten. Sie schrie, in der Erwartung, dass der Laster umstürzen würde, jedoch geschah dies nicht. Im letzten Moment kippte das schwere Fahrzeug zurück und blieb wenig später stehen. Das Geräusch des Motors erstarb. Sie hörte das Knallen der Türen, als Martin und Kiro aus dem Führerhaus sprangen. „Eine Waffe, schnell!“ Kiro tauchte vor der Ladefläche auf. Nadja war noch immer erschrocken von dem abrupten Halt, aber sie griff geistesgegenwärtig das Maschinengewehr, das neben ihr lag und warf es Kiro zu. Martin war bereits in Stellung gegangen und begann in diesem Moment zu feuern. In unglaublicher Schnelligkeit kam die Horde näher. Es waren deutlich weniger geworden, aber noch war ihre Masse erschreckend groß. Diesmal würden sie nicht so einfach davonkommen. Das Gefecht Mann gegen Mann war unausweichlich. Gemeinsam nahmen sie den Feind in Empfang.

Martin war der erste, der einem seiner Gegner von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand. Von der Nähe aus betrachtet sah er wie eine kleine Version des gigantischen Wesens aus. Ein Schauer überlief Nadja, während sie drei Wesen in der Nähe gezielt eine Kugel in den Schädel jagte. Der Stille hatte in der Zwischenzeit fast doppelt so viele Treffen zu verbuchen. Nadja versuchte ihren Widerstand und den Ekel abzulegen und konzentrierte sich nur noch auf das Kampfesgewirr unmittelbar vor ihr. Ihre Freunde nahm sie bald kaum mehr wahr. Eine Art Tunnelblick hatte sich eingestellt und sie suchte nur noch nach dem nächsten Ziel dem sie ihre Kugeln hinterher jagen konnte. Das Nachladen lief inzwischen so automatisch, dass sie es fast nicht mehr mitbekam. Endlich lehrte sich der Bereich hinter dem Fahrzeug. Sie zwang sich, den Finger vom Abzug zu nehmen und blinzelte ein paar Mal, so als ob sie ein Trugbild verscheuchen wollte. Stille trat ein. Nahezu völlige Stille, aber in diesem Moment nahm Nadja das erschrockene Rufen Kiros wahr.

 

Martin war verwundet. Wie schwer, konnte keiner von ihnen sagen. Er hatte das Bewusstsein nicht wieder erlangt, seitdem sie ihn unter einigen toten Gegnern hervorgezogen und ihm auf der Ladefläche ein provisorisches Bett eingerichtet hatten. Mehrere Platzwunden am Kopf ließen nichts Gutes erahnen. So gut es eben ging, verband Nadja ihn mit alten Resten ihrer eigenen Verbände und konnte so wenigstens die größten Blutungen stoppen. Der Stille und Kiro montierten gerade das Ersatzrad. Nadja hörte sie draußen Fluchen. Das nötige Werkzeug war nicht vorhanden und so mussten sie improvisieren. Es war unwahrscheinliches Glück gewesen, das überhaupt ein zusätzliches Rad an Bord gewesen war. Nadja konnte sich nicht erinnert es bemerkt zu haben, bevor sie losgefahren waren. Vorsichtig tupfte sie etwas Wasser auf Martins Stirn. Er glühte regelrecht und sein Atem ging schnell und unregelmäßig. Tränen standen in ihren Augen. Sie konnte Nichts für ihn tun. Nicht einmal annähernd besaßen sie etwas um ihm zu helfen. Ein Zittern überlief ihren Körper. Bleich, wie ein Toter lag Martin vor ihr. Erst jetzt, wo sie fast am Ziel ihrer Reise angekommen waren, merkte Nadja, wie sie die vergangenen Wochen geprägt hatten und sie grundlegend verändert worden war. Auch wenn sie härter, stärker und widerstandsfähiger geworden war, so war sie noch immer ein Mensch mit Gefühlen. Sie spürte wie diese Emotionen nun an ihr nagten und den Panzer, den sie um ihre Empfindungen gelegt hatte zu durchbrechen drohten. Es war einfach zu viel, was sie gesehen, erlebt und gefühlt hatte in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit. Niemand konnte nachempfinden was sie alle durchleiden mussten. Es wurde Zeit für ein Ende oder eine Erlösung von alledem. Hätte Nadja in diesem Moment vor der Wahl gestanden, wäre sie wohl bereit gewesen aufzugeben. Sie lehnte sich gegen einen Stapel Munitionskisten und ließ den Blick schweifen. Still flossen ihr die Tränen aus den Augen und sie ließ ihrem ganzen Schmerz freien Lauf. Überall standen hier Kreuze. Unzählige waren hier vor ihnen gewesen. Würden noch Unzählige folgen? Nadja schloss ihre Augen. Konnten sie es schaffen? War es möglich einen Unterschied zu machen? Etwas zu ändern im eigentlich unabänderbaren Plan? Allein?

Die Müdigkeit übermannte sie und Nadja fiel in einen tiefen Schlaf. Dunkel und traumlos. Ihr erschöpfter Geist begann sich zu regenerieren. Er bereitete sich vor auf das Ende des letzten Akts.

 

Schattenspiele

 

Ein Gefühl der Langeweile hatte sich eingeschlichen. Die beiden Spieler vor ihm am Tisch reagierten kaum noch auf seine Versuche sie zu peinigen. Zwar sah er ihre Schmerzen, jedoch setzten sie noch immer ihr Spiel fort. Angst und Folter waren offenbar nicht genug. Noch während er überlegte, was ihm für andere Möglichkeiten blieben, wurde er aufgerufen. Es war Zeit zu gehen. Gerne wäre er noch weiter hier geblieben und hätte seine Spielchen mit den beiden Spielern getrieben, jedoch war dies nicht seine Entscheidung. Er stand auf. Hinter ihm war wieder die Tür erschienen, aber noch hatte keiner der Männer vor ihm es bemerkt. Es wäre wohl eine gute Idee, leise zu verschwinden, dachte sich der Schatten und schlich behutsam davon. Lautlos trat er durch die Tür und zog sie vorsichtig hinter sich zu. Seine Dämonen würden auch bald fort sein. Er bekam nicht mehr mit, wie der Ältere zog. Weiße Dame von E-Zwei nach E-Drei.

 

55

 

Sie waren wieder unterwegs. Durch die Reifenpanne war viel Zeit verloren gegangen. Nadja war noch immer hinten bei Martin und wachte an seinem Lager, während die andern im Führerhaus saßen, die Waffen im Anschlag und auf neue Gegnermassen wartend. Nadja interessierte das nicht mehr. Sie hatte ihre Waffe zur Seite gelegt und würde sie auch nicht wieder aufnehmen. Wenn dies das Ende sein sollte, dann sollte es eben so sein. Ihre Wasservorräte waren fast erschöpft. Zwar war es nicht besonders heiß und der Wind kühlte zusätzlich, doch trocknete der feine, rote Staub den Mund aus und der Hals brannte. Martins Zustand hatte sich weiter verschlechtert. Der hohe Blutverlust und das Fieber verlangte seinem Körper alles ab, was dieser noch zu bieten hatte. Er war stark, doch war dies möglicherweise nicht genug. Nadja hatte nur noch wenige Erinnerungen an ihre Mutter, aber sie wusste noch gut, wie sie Nadja immer gepflegt hatte, wenn sie krank gewesen war. Sie hatte an Nadjas Bett gesessen und ihr Lieder vor gesungen oder war einfach nur da gewesen. Das hatte oft schon gereicht um sie einschlafen zu lassen. Die Schleier der Vergangenheit lagen über alledem. Es war mühsam und schmerzhaft sie zu heben. Eine der Weisheiten ihrer Mutter war gewesen, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Es war ohnehin nichts daran zu verändern. Während Nadja so in Gedanken versunken war, wurde sie auf einmal hart am Arm gepackt. Sie fuhr herum und blickte geradewegs in Martins weit aufgerissene Augen. Er atmete hektisch und Nadja spürte seine Angst. „Er sieht alles.“ Martins Stimme war brüchig und heiser. „Er ist überall, es gibt kein Entrinnen.“ Sein Körper krümmte sich und er stöhnte. „Der Wolf ist der Schlüssel! Gebt Acht auf den Verräter. Sein Spiel ist gefährlich.“ Die Kraft in seiner Hand wich und Martin sank zurück. Seine Stimme war kaum noch zu hören, als er nun seinen letzten Satz sprach: „Die Vier sind nicht Eins.“ Die Luft wich aus seinen Lungen und sein Blick wurde starr. Das Knattern der Maschinengewehre übertönte Nadjas Schluchzen.

 

Sie begruben Martin im roten Sand der Ebene. Abseits der Straße auf einem freien Feld hoben sie ein flaches Grab aus und legten ihn hinein. Nadja hatte ein kleines Kreuz gebunden und das steckten sie auf den flachen, geradezu unscheinbaren Hügel. Der Stille führte eine schlichte Zeremonie durch ohne dabei viele Worte zu verlieren. An Kiros Schulter gelehnt weinte Nadja die ganze Zeit still vor sich hin. Trauer hatte sie übermannt. Nicht dass sie eine besondere Bindung zu Martin empfunden hatte, aber einmal mehr war ihre Gruppe kleiner geworden und viele waren sie nun nicht mehr. Erst später wurde ihr bewusst, dass dies das einzige Mal gewesen war, dass sie wirklich einen ihrer Kameraden hatten zu Grabe tragen können. Bisher war der Abschied schnell und plötzlich gekommen, aber nicht dieses Mal. Martins letzte Worte hatten sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt und spukten nun in ihrem Kopf herum, aber Nadja verstand ihren Sinn nicht. Es wäre einfach gewesen sie als das Gestammel eines Sterbenden abzutun, aber sie hatte eine Ahnung, dass weitaus mehr dahinter steckte.

Der Stille war mit dem Jungen, der die ganze Zeremonie über geschwiegen hatte, zum Laster zurückgekehrt. Zwar war allen bewusst, dass die Zeit drängte, aber für einen Moment hatten sie sich dem allgegenwärtigen Druck entzogen um den Tod ihres Freundes würdig betrauern zu können. Kiro, der mit Nadja noch am Grabe stand, nahm die Waffe, die er mitgebracht hatte und legte sie behutsam auf den Hügel. Es war das Maschinengewehr, das Martin bis zuletzt benutzt hatte. „Leb wohl.“ Kiro flüsterte es in den Wind, der die Worte davontrug. Er wandte sich Nadja zu, die noch immer mit roten Augen auf das Grab starrte. Er hob behutsam ihren Kopf. „Ich weiß, es ist schmerzhaft, aber wir müssen vorwärts blicken und noch das letzte Stück bewältigen.“ Nadja nickte langsam. Sie konnte sich nur schwer von dem gerade Erlebten lösen. Sie beruhigte sich etwas und erzählte Kiro dann, was Martins letzte Worte gewesen waren. Er runzelte die Stirn, da auch ihm auf Anhieb kein Sinn offenbar wurde. Die Erwähnung des Verräters traf am ehesten noch auf das Wesen im Jungen zu vor dem sie Ebetaminor gewarnt hatte. „Ich denke, dass Ebetaminor uns täuschen wollte. Er verfolgt eigene Interessen und der Junge steht ihm im Weg. Bisher hat er uns immer geholfen. Auf jeden Fall sollten wir weiterhin ein Auge auf ihn haben, aber ich neige dazu ihn ins Vertrauen zu ziehen.“ Nadja sah Kiro zweifelnd an. „Was hast du vor?“ Kiro schüttelte den Kopf. „Im Moment noch gar nichts. Es wird sich bald zeigen, auf welcher Seite er steht.“ Er blickte zum Horizont. „Wir sind jetzt fast dort.“ Nadja schwieg. Auch sie spürte das Ziehen, dass von dem Ding hinter dem Horizont ausging. Noch sahen sie es nicht, aber es war da und verlangte nach ihnen.

 

Ein paar Stunden später saßen sie wieder im Laster. Nadja verfolgte das kleine Holzkreuz im Rückspiegel, bis es nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont war. Schließlich war es verschwunden. In alle Richtungen dehnte sich die rote Ebene aus. Flach und ohne jede Struktur. Fast sah es so aus, als ob hier noch niemals jemand gewesen war. Unberührt lag der Sand vor ihnen und die großen Reifen des Lasters pflügten frische Spuren hinein. Sie saßen zu viert in der Kabine des Führerhauses. Kiro fuhr und Nadja saß neben ihm. Der Stille hatte den Knaben auf den Schoß genommen und seine Waffe lag auf dem Boden. Auf eine Weise spürte er, dass die Zeit des Kämpfens mit dem Tod Martins zu Ende gegangen war. Die Ebene hatte ihren Blutzoll erhalten und war nun still geworden. Für einen Moment war ihr grenzenloser Hunger nach allem Lebendigen versiegt. Es herrschte Schweigen und nur das Dröhnen des Motors war zu hören, als sich nun langsam der erste Turm der letzten Festung aus dem Flimmern des Horizonts löste und für alle sichtbar wurde. Für einen Moment hielte alle unbewusst die Luft an. Ihr Ziel lag nun vor ihnen und löste sich Stück für Stück aus dem endlosen Sand der Ebene. Kiro drückte das Gaspedal bis zum Anschlag auf den Boden und sie jagten mit irrem Tempo der Festung entgegen. Unzählige Türmchen und Mauern verbanden sich zu einer wilden und scheinbar planlos konstruierten Struktur. Der Ort übte eine unglaubliche Anziehungskraft aus und sie konnte ihren Blick nicht mehr abwenden.

Sie waren bis auf wenige Kilometer an die Festung herangekommen, als auf einmal die Geräusche aus dem Motorraum unregelmäßig wurden. Weißer Rauch stieg auf und mit einem Schlag war es still. Sie rollten noch ein paar Meter und blieben dann am Rand des Weges stehen. Ein Lächeln spielte um Kiros Mundwinkel und er sah Nadja an. „Er will, dass wir das letzte Stück laufen.“ Er öffnete die Fahrertür. „Ich denken, dass wir ihm diesen Gefallen tun können.“ Er sprang herunter und seine Freunde verließen ebenfalls das Fahrzeug. Alles was sie nicht mehr benötigten, die schweren Mäntel und die meisten Waffen ließen sie zurück. Nur mit dem restlichen Wasser und jeder mit einem leichten Gewehr über der Schulter und einer Pistole im Gürtel machten sie sich auf den Weg.

Die Stimmung war erstaunlich gut, obwohl tatsächlich niemand wusste was sie erwarten würde. Kiro und Nadja gingen Hand in Hand. Sie waren beide glücklich noch einander haben zu dürfen und keiner von beiden dachte daran, was für ein Schicksal vor ihnen liegen könnte. Der Stille hatte mittlerweile seine ganze verbliebene Kraft gebündelt und wartete nur noch auf den richtigen Moment seinen kleinen Unterdrücker wie einen alten Anzug abzustreifen. Auch er war frohen Mutes und voll Erwartung. Die Spannung, die in diesem Moment empfand, war größer als alle Angst vor dem Unbekannten. Auch ihm war klar. Hier würde ihre Reise enden. Der Einzige von ihnen, der in diesem Augenblick größte Mühe hatte den Schein zu wahren, war der Knabe. Gabriel zitterte förmlich vor Aufregung. Er kannte diesen Ort. Von ihm war er entsprungen. Es war, als ob er nach einer Ewigkeit nach hause zurückkehren würde. Er wusste, dass man sie bereits erwartete, aber wie dieser Empfang aussah, war auch für ihn ungewiss. Mit kindlichen Augen betrachtete er jenen Ort, der auf mehr als eine Weise das Ende der Welt bedeutete.

 

Der Schatten

 

Die Quelle hatte ihn heimgerufen. Von den Zinnen der Burg wurde ihm die Ehre zuteil die Ankunft jener mitzuerleben, die in jüngster Zeit für so viel Unruhe im Gleichgewicht der Welten gesorgt hatten. Ein mattes Lächeln war über sein Gesicht gehuscht, als ihr Fahrzeug kurz vor dem Ziel seinen Geist aufgegeben hatte. Das verlieh dem ganzen noch eine zusätzliche dramatische Note. Hier, an diesem Ort, hatte der Schatten keine Macht mehr. Er war hier ein Wesen, nicht mächtiger oder schwächer als jene, die dort unten als kleine schwarze Punkte auf ihn zukamen. Hinter ihm, im Zentrum der Festung, erhob sich eine gläserne Nadel, die senkrecht in die Wolken über ihm hinaufstieg. Er konnte die Spitze des Turms nicht erkennen, aber schwach schimmerte das kräftige Blau des alten Himmels über jenen grauen Wolken hindurch. Der schwache Funke der Hoffnung auf diesem Wege entkommen zu können, hatte jene Wanderer hierher geführt, aber an diesem Ort würden sich alle ihre Hoffnungen und Wünsche zerschlagen. Schwarze Dame von G-Fünf schlägt Bauer auf H-Fünf.

 

Das Tor des Fisches

 

56

 

Sie waren angekommen. Dunkle Mauern erhoben sich mächtig über ihren Köpfen. Alles wirkte alt und verbraucht und bei weitem nicht so mächtig wie es aus der Ferne gewirkt hatte. Die Mauern waren an vielen Stellen beschädigt und manchmal waren die großen Quadersteine sogar ganz heraus gefallen. Der Wind hatte den Sand zu hohen Wehen aufgehäuft und wie eine verlassene Wüstenfestung lag der Ort nun vor ihnen. Irgendwo klapperte etwas im Wind. Andächtig waren sie stehen geblieben. Keiner wagte durch das halboffene Tor zu treten. Auf seiner Außenseite hatte sich wohl einst etwas befunden, jedoch waren jetzt nur noch die Reste eines goldenen Rings zu erkennen. Sosehr dieser Ort auch den Eindruck der Verlassenheit vermittelte, glaubte Kiro, dass sie getäuscht werden sollten. Jemand war hier. Kiro und Nadja gingen langsam vorwärts und bahnten sich einen Weg zwischen den Sandwehen hindurch. Nirgends gab es ein Anzeichen von Leben. Keine Spuren im Sand, Nichts.

Wenige Augenblicke später standen sie in einem kleinen, halbrunden Hof. Umrandet von dunklen Wänden war es nur ein kleines Stück Himmel, das Licht von oben herabfallen ließ. Sechs Torbögen lagen vor ihnen. Jeder führte in einen dunklen Gang, dessen Ende nicht erkennbar war. Kleine, ehemals silberne Scheiben hingen an rostigen Ketten von jedem Bogen herab. Nadja trat einen Schritt näher und erkannte nun, dass auf den Scheiben verschiedene Tiere eingeprägt waren. Es gab einen Bär, eine Ente, einen Elefant, einen Wolf, einen Hirsch und einen Fisch. Bei dem Wolf fielen ihr sofort die letzten Worte Martins ein. „Das ist der richtige Weg.“ Sie deutete auf das Zeichen. Kiro, der es ebenfalls erkannt hatte, wollte schon weitergehen, als er einen markerschütternden Schrei der Schmerzen hinter sich vernahm. Nadja und Kiro fuhren erschrocken herum. Es war nicht klar, woher der Schrei gekommen war, aber dann sahen sie den Jungen, der sich wild im Sand wälzte und sich mit beiden Händen den Schädel hielt. „Nein, aufhören! Lass das! Du weist gar nicht was du da tust!“ Immer wieder schrie er und hatte dabei seine Augen zusammengekniffen. Sein kleines Gesicht lief rot an und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Voller Schrecken beobachteten Nadja und Kiro das Geschehen. Der Stille stand ein paar Meter abseits und starrte geradewegs auf den Jungen. Er war vollkommen reglos. Wie in Stein gemeißelt bewegte er keinen einzigen Muskel. Nadja wollte gerade loslaufen um dem Jungen zur Hilfe zu kommen, als Kiro sie am Arm packte. „Nein! Das ist zu gefährlich! Ich denke, ich weiß, was hier passiert. Das ist nicht unser Kampf.“ Hilflos blickte Nadja wieder zu dem sich windenden Knaben und innerlich blutete ihr das Herz.

 

Nach einigen Minuten trat eine Veränderung ein. Langsam und zunächst kaum bemerkbar, bewegte der Stille sich. Der kleine Finger, die Hand, der Arm und dann der andere Arm. In einem Kampf, den weder Nadja noch Kiro mitbekommen konnten, eroberte sich der Stille die Kontrolle über seinen Körper und seinen Geist zurück. Der Fokus seiner gesamten mentalen Kraft war zuviel für den Knaben gewesen. Michael spürte, dass der Widerstand bald brechen würde. Noch ein letztes Mal warf er Gabriel eine Woge der unterschiedlichsten Gefühle entgegen und in einem Moment der Verwirrung seines Peinigers streifte er auch die letzten Fesseln ab. Überrascht und gleichzeitig voller Freude, taumelte er ein paar Schritte zurück. Nebenbei registrierte er die entsetzten Blicke seiner Freunde, die einige Meter entfernt von ihm und dem Jungen standen. Das Geschrei hatte aufgehört und Gabriel lag zusammengekrümmt in der Mitte des Hofes. Er zitterte. Schwer atmend ließ sich Michael auf die Knie nieder. Ungläubig und mit dem berauschenden Gefühl des Sieges betrachtete er seine Hände, die endlich wieder ihm gehörten. „Alles in Ordnung?“ Kiro sah besorgt zu ihm hinüber. Michael lächelte schwach und nickte. Noch immer rang er nach Atem. Es war fast so, als ob er dies schon seit einer Ewigkeit nicht mehr selbst getan hatte. Gabriel lag noch immer auf dem Boden und rührte sich nicht. Langsam kroch Michael auf das Kind, das eigentlich keines war, zu. Behutsam legte er ihm eine Hand auf die Schulter. Das Zittern erstarb. Michael schloss seine Augen und sandte Gabriel eine kurze Nachricht. Erst tat sich nichts, aber dann kam der Kopf des Jungen vorsichtig unter seinen Armen hervor. Aus roten und aufgequollenen Augen blickte er Michael an. „Was willst du von mir?“ Mehr als ein Flüstern drang nicht aus seinem Mund. Michael stand auf und reichte dem Knaben die Hand. Laut und für alle hörbar, sagte er zu dem Häuflein Elend, das da vor ihm im Staub lag, nur einen einzigen Satz: „Ich will dir helfen.“ Ein schwaches Lächeln lag auf seinem Gesicht. Seine Beine zitterten. Auf die Arme gestützt blickte der Junge zu ihm auf. „Ich verstehe nicht…“ Seine Augen drückten Verwirrung aus. „Nimm meine Hand und ich werde es dir zeigen. Es wird deinen Schmerz lindern.“ Der Junge bewegte sich nicht. Für einen Moment schien die Szene wie eingefroren. Michael beugte sich zu Gabriel herab.

 

Ohne das Geschehen zu verstehen und auf die Rolle von Beobachtern beschränkt, sahen Nadja und Kiro zu, wie der Junge zögernd und unwahrscheinlich langsam seine kleine Hand hob und sie in die des Stillen legte. In dem Moment, als der Mann seine Hand um die des Kindes schloss, geschah etwas Merkwürdiges. Wie ein leichtes Erdbeben erzitterte der Boden um sie herum. Das Vibrieren hielt einige Augenblicke lang an und als es schließlich aufhörte, standen der Stille und der Junge wieder Hand in Hand nebeneinander, so als ob die vergangenen Minuten nie existiert hätten. Jedoch war nun etwas anders. Die vorletzte Karte des Spiels war umgedreht worden. Festen Schrittes kamen die beiden auf Nadja und Kiro zu, die stumm noch immer am gleichen Fleck standen. Der Stille lächelte, als er Nadja nun seine Hand entgegenstreckte. „Hallo, mein Name ist Michael. Wir sind uns noch nicht persönlich begegnet, aber ich freue mich euch kennen zu lernen.“ Er schüttelte auch Kiro die Hand und wandte sich dann dem Knaben zu. „Das hier ist Gabriel. Er ist ein wenig schüchtern, aber er hat sich nun entschieden, auf welcher Seite er steht und deshalb gehört er jetzt zu uns. Gemeinsam werden wir dem Ende entgegentreten.“ Er fuhr dem Knaben väterlich durch das Haar. „Nicht wahr?“ Gabriel nickte. Freundlich lächelnd ging Michael in die Hocke, sodass er auf einer Augenhöhe mit dem Jungen war. „Und nun, da wir keine Feinde mehr sind, kannst du uns auch sagen, welches der richtige Weg ist um zu unserem Ziel zu gelangen.“ Wieder nickte der Knabe, löste sich kurz von der Hand Michaels und lief ein paar Schritte auf die Tore zu. „Es ist dieses da.“ Mit seinem Finger zeigte er auf den Fisch und kam dann schnell wieder zurück an die Hand Michaels. Dieser lachte kurz auf und drückte den Knaben einmal liebevoll, bevor er wieder aufstand. „Die Wahrheit ist doch so viel schöner als die Lüge.“ Er wandte sich wieder Nadja und Kiro zu. „ Es tut mir leid, dass ich es euch jetzt nicht alles erklären kann, aber die Zeit drängt und wir müssen weiter. Das Tor des Fisches wird uns zum vierten Wächter bringen.“

Und so betraten sie schließlich durch das Tor des Fisches jenen Ort, der die Entscheidung bringen sollte. Diesmal waren es der Michael und Gabriel die vornweg liefen, während Kiro und Nadja ihnen folgten. Unmerklich hatte ein Wechsel der Rollen stattgefunden. Der Gang führt, leicht abschüssig, geradeaus. Mit jedem Schritt wurde es dunkler und bald hörten sie nur noch das Knirschen des Sandes unter ihren Füßen. „Keine Angst, uns wird nichts geschehen.“ Michaels Stimme drang gedämpft zu Kiro und Nadja nach hinten. Um sie herum war Dunkelheit und sie orientierten sich nur an den Schritten der ihnen voraus Laufenden. Der Gang schien sich zu erweitern und bald schon wurde es kühler. Mittlerweile mussten sie sich einige Meter unter der Oberfläche befinden. Der Boden hatte sich verändert. Kiro beugte sich hinunter und berührte kalten, feuchten Stein. Scheinbar waren sie in einer Art Grotte oder unterirdischen Höhle. Er stieß einen kurzen Pfiff aus und vielfach kam das Echo von allen Seiten zurück. Die Schritte vor ihnen waren stehen geblieben. Entweder gewöhnten sich Kiros Augen langsam an die Dunkelheit oder das Lichtniveau nahm zu, denn langsam lösten sich aus der Schwärze der Umgebung Konturen heraus. Alles wurde immer schärfer und nun erkannten sie das riesenhafte Objekt, das einige hundert Meter vor ihnen in der Mitte einer gigantischen Halle lag. Von der goldenen Pyramide ging ein diffuses Leuchten aus, das langsam stärker wurde und die Umgebung erhellte. Ihre Schönheit war überwältigend. Die goldene Oberfläche des Objekts war so glatt wie ein Spiegel und die Fläche nicht von einem einzigen Makel behaftet. Staunend und vollkommen gefesselt standen sie da. Nadja war überzeugt, dass dies das Vollkommenste und Schönste sein musste, was im Universum existieren konnte. Michael blickte fragend zu Gabriel hinab. „Ist dies jener Ort?“ Der Junge nickte. Angst glomm in seinen Augen und er hielt krampfhaft Michaels Hand fest. „Wirst du mich vor ihm beschützen?“ Michael nickte. Sein Gesicht war jedoch ernst. „Ja, bis zum Ende.“ Alle vier gingen weiter und bald darauf waren sie an der Pyramide angekommen. In einem steilen Winkel, der ein Hinaufklettern unmöglich machte, stiegen die Seiten bis zur Spitze hin an, die sich in schwindelerregender Höhe knapp unterhab der Decke der Halle befand. Aus der Nähe wirkte die Oberfläche auf eine Weise flüssig. Langsame Bewegung war auf ihr zu erkennen. Es gab weder eine Tür noch ein Tor. Erwartungsvoll blickte Michael den Jungen an seiner Hand an. „Wie gelangen wir hinein?“ Der Knabe zögerte. „Es gibt keinen Eingang. Die Pyramide ist nur ein Trugbild, das er euch sehen lässt um euch zu blenden. Man kann einfach hindurchgehen.“ Ohne noch einen Moment zu zögern, trat Michael einen Schritt nach vorne. Gabriel nahm er mit sich und im nächsten Moment waren sie hinter der goldenen Wand verschwunden. Kiro staunte. Es hatte so ausgesehen, als ob jemand durch einen Wasserfall gehen würde. Für einen Moment hatte er etwas gesehen. Er blickte zu Nadja und drückte ihre Hand. „Ich liebe dich.“ Und sie traten ein.

 

Der Schatten

 

Etwas war in Bewegung geraten. Jener Junge, oder besser gesagt das Wesen, das in ihm steckte war besiegt worden. Ungläubig verfolgte der Schatten was im Vorhof der Festung geschehen war. Sein vorletzter Trumpf war ihm einfach so aus der Hand gerissen worden. Noch viel schlimmer war jedoch, dass sie ihn verschont hatten. Er war nicht vernichtet worden. Irgendwie hatten sie das Wesen überzeugt sich ihnen anzuschließen. Für einen Moment hatte der Schatten wieder jene Macht gespürt, die er schon einmal erfahren hatte, als er auf das Paar getroffen war. Nur diesmal war diese Macht noch um ein Vielfaches stärker gewesen. Die Erde hatte gebebt und nun waren sie auf dem Weg zum Tempel. Er würde tatsächlich Alles auf seine letzte Karte setzen müssen. Alles war wieder möglich. Das Ganze behagte dem Schatten in keiner Weise. Nun war es jedoch Zeit zu gehen. Er verschwand in den Eingeweiden der Festung und verbarg sich. Bereit, seinen Platz einzunehmen, wenn er gerufen würde. Stille senkte sich über die Umgebung. Sogar der Wind hatte aufgehört zu blasen. Weißer Turm von A-Eins auf B-Eins. Schwarz reagiert sofort: Dame von H-Fünf nach D-Fünf.

 

Die Zitadelle

 

57

 

„Herzlich Willkommen! Meine Damen, meine Herren, Jungen und Mädchen. Ich grüße alle, die heute als Zuschauer bei „UltraBrain“ dabei sind. Wir werden ihnen eine Show bieten, die alles andere übertreffen wird, was sie bisher in ihrem Leben gesehen haben und ich garantiere ihnen, dass es sie begeistern wird! Wieder werden unsere vier Kandidaten versuchen die unmöglichsten Rätsel zu lösen und so ihr Schicksal zu beeinflussen.“ Die Stimme des Moderators kam laut von allen Seiten. Kaum war er verstummt, da erhob sich donnernder Applaus. Das Publikum kreischte, johlte und brüllte. Das Licht der Scheinwerfer war zu hell, als das Kiro die Menschen jenseits des Randes der Arena hätte sehen können, in dessen Mitte er und seine Gefährten auf hohen Drehstühlen einige Meter über dem Boden saßen. Der Lautstärke nach zu urteilen mussten um sie herum wahre Menschenmassen sitzen und sie beobachten. Kiros Ohren schmerzten von dem Lärm. Nur langsam flaute die Begeisterung der Menge ab. Von ihrer Position aus konnten Nadja, Kiro, Michael und Gabriel außer dem hellen Kreis der Arena nichts anderes erkennen. Jeweils zu zweit saßen sie einem fünften Sitzplatz gegenüber, der in diesem Moment noch leer war. Wieder begann die Stimme des Ansagers zu plärren. „Und nun will ich sie nicht weiter auf die Folter spannen. Begrüßen sie gemeinsam mit mir ihren Gastgeber!“ Der Applaus und das Gebrüll der Menge hoben wieder an und steigerten sich noch einmal um ein Vielfaches. Kiro wollte sich schon die Ohren zuhalten, als er sah, wie jemand auf sie zukam. Er trug einen schwarzen Anzug, schwarze Schuhe und sein schwarzes Haar war kurz geschnitten. In dem Moment, als er in den Lichtkegel trat, der den leeren Platz erhellte, blieb Kiro für einen Moment das Herz stehen. Es stand außer Zweifel, wer nun dort auf dem Suhl des Spielleiters Platz nahm. Es war der Schatten. Ein Lächeln lag auf einem Gesicht das jedem beliebigen Menschen hätte gehören können. Es sah weder hässlich noch alt oder sonst irgendwie ungewöhnlich aus. Eigentlich, fand Kiro, war es sogar auf eine gewisse Weise interessant. Als er sich ihnen nun zuwandte, blickten die vier Gefährten in zwei tiefschwarze Augen. Sie wirkten unnatürlich groß und in ihnen spiegelte sich Nichts. Das Endspiel begann und diesmal hatten sie keine Chance zu entkommen. Der Schatten lehnte sich zurück und verschränkte die Beine übereinander. Aus einer seiner Taschen zog er einen Stoß Karten hervor. Er sah sie an und lächelte. „Auf zur ersten Runde!“. Als der Schatten nun begann zu sprechen, lief Nadja ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich hoffe ihr seid bereit, denn jetzt geht es los und es wird sicher lustig.“ Er lachte laut und das Publikum stimmte ein. In diesem Moment ertönte ein lauter Gong, das Gelächter verstummte und Stille senkte sich um sie herum. „Kommen wir zur ersten Frage.“ Der Schatten sortierte eine Karte ans Ende des Stoßes. „Ein mächtiger Herrscher regierte in einem Land fernab von diesem Ort und ließ stets alle seine Gefangenen hinrichten. Um ihre Schuld zu beweisen besaß er ein kleines Kästchen mit einem schwarzen und einem weißen Kügelchen darin. Jeder Gefangene durfte nun eine der beiden Kugeln aus diesem Kästchen ziehen. Wenn es die Schwarze war, so wurde er hingerichtet. Zog er hingegen die weiße Kugel, so kam er frei. Seltsamerweise gelang es aber niemandem die weiße Kugel zu ziehen und so vermutete man bald im ganzen Land, dass der König in seinem Kästchen zwei schwarze Kugeln hatte. Niemand hatte aber den Mut, dies laut auszusprechen und so starben weiterhin alle Gefangenen, bis einer von ihnen eine Idee hatte und sein Leben retten konnte.“ Erwartungsvoll blickte der Schatten auf und sah sie an. „Wie hat er dies geschafft?“

Während der Schatten seine kleine Geschichte erzählt hatte, war es Kiro langsam gedämmert, dass es sich dabei um ein Rätsel handeln musste. Dies war nun also der letzte Zug ihres Gegners. Da er sich nicht in der direkten Konfrontation besiegen konnte, suchte er nun einen anderen, für ihn aussichtsreicheren Weg sie zu vernichten. Kiro musste zugeben, dass das Rätsel gut war. Früher, als Kind, hatte er sich niemals gerne mit solchen Denkspielen beschäftigt. In der Schule hatten sie das ein paar Mal gemacht, aber jedes Mal hatte Kiro die Lösung nicht herausbekommen. Unruhig blickte er Nadja an, aber die starrte nur geradeaus und hatte die Stirn in Falten gelegt. Der Schatten meldete sich wieder zu Wort. „Die Regeln des Spiels sind denkbar einfach. Es gibt zwei Teams. Unsere beiden Turteltäubchen zu meiner linken und den Vater mit seinem Sohn zu meiner rechten.“ Er deutete auf Michael und Gabriel. „Selbstverständlich geht das Ganze auf Zeit und ihr spielt gegeneinander. Drei Fragen. Wer verliert, auf den wartet der Tod.“ Er lachte kurz auf und dann regte sich die Menge um sie herum wieder. Erst leise und dann immer lauter begannen sie das Wort „Tod“ zu skandieren. Der Schatten ließ es eine Weile zu, bis die Lautstärke fast wieder unerträglich war und brachte den Tumult dann mit einer kurzen Handbewegung zum Schweigen. Er blickte sich schelmisch lächelnd um. „Wir wollen ihnen doch eine faire Chance lassen, oder?“ Dann wandte er sich wieder seinen Kandidaten zu. „Für die Beantwortung der Frage bleiben euch noch vier Minuten.

Fieberhaft dachten sie nach. Kiro wurde immer verzweifelter. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, wie er an diese Sache herangehen sollte. Diesmal war Nadja auf sich allein gestellt. Er blickte zu Michael und Gabriel hinüber. Die zwei sahen sich nur gegenseitig an und schienen auf eine wortlose Weise miteinander zu kommunizieren. Immer wieder nickte der Junge leicht und Michael wirkte außerordentlich konzentriert. Was ging dort drüben von? Kiro gewann nicht den Eindruck, als ob die beiden an der Lösung der gestellten Aufgabe arbeiteten. Es sah noch nicht einmal danach aus, als ob sie sonderlich beunruhigt wären. Der Schatten hingegen beachtete ausnahmslos Kiro und Nadja. Spannung lag in der Luft, als nun die letzte Minute anbrach und noch niemand etwas gesagt hatte. Kiro trat der Schweiß auf die Stirn. Noch wenige Sekunden verblieben, als er mit einem Mal ein Bild vor seinem geistigen Auge sah. Wie als hätte jemand seine Aufmerksamkeit umgelenkt. In diesem Moment erkannte er die Lösung des Rätsels.

„Die Zeit ist abgelaufen! Hat jemand eine Lösung?“ der Schatten blickte sie erwartungsvoll an. Kiro schaute vorsichtig zu Michael und Gabriel hinüber, die beiden rührten sich nicht, sondern waren noch immer in ihren seltsamen Dialog vertieft. Nadja blickte ihn an. „Ich weiß nichts.“ Ihre Stimme war leise. Kiro drehte sich wieder zum Schatten. „Ich habe die Lösung.“ Erstaunt zog der Schatten eine seiner Augenbrauen hoch. Wäre die Situation nicht so auf Messers Schneide gewesen, hätte es durchaus witzig wirken können. „Der Gefangene nahm eine der schwarzen Kugeln aus dem Kästchen und verschluckte sie schnell. Daraufhin musste die andere Kugel herausgenommen werden und da sie ebenfalls schwarz war, konnte der Gefangene nur die weiße gezogen haben. Hätte der König protestiert, hätte er sich verraten und so musste er den Gefangenen freilassen.“ Kiro verstummte, seine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt. Der Schatten schwieg einen Moment, jedoch nickte er dann langsam. „Das ist die richtige Lösung!“ Applaus, gemischt mit einigen Buhrufen brandete auf und verwandelte die Arena in ein Tollhaus. Erst als der Gong ein zweites Mal erklang, kehrte wieder Ruhe ein. „Die zweite Frage! “ Wieder sortierte der Schatten einige Karten nach hinten und begann dann die Frage vorzulesen. Diesmal fiel das Rätsel kürzer aus. „Drei Leben habe ich. Bin sanft genug, dein Gesicht zu umschmeicheln, leicht genug um über den Himmel zu streichen und hart genug den härtesten Felsen zu brechen.“ Kaum waren ein paar Sekunden vergangen, als sich Michael schon zu Wort meldete. Er lächelte den Schatten freundlich an, so als ob er sein bester Freund sein würde. „Das ist einfach.“ Eine erwartungsvolle Pause entstand. „Es ist das Wasser. In seiner Flüssigen Form ist es eine Wohltat, als Wolke steht es am Himmel und als Eis kann es Felsen sprengen.“ Die Überraschung des Schattens war deutlich spürbar. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Rätsel so schnell gelöst werden würde. Für einen Moment versagte seine Fassade, aber im nächsten Augenblick hatte er sich schon wieder gefasst. „Auch das ist die richtige Lösung!“ Der Applaus war diesmal noch lauter und kaum ein Buhruf mischte sich mehr darunter. Der Gong zur dritten und letzten Runde sorgte einmal mehr für Schweigen. „Nun gut, ihr habt zwei der Rätsel gelöst. Nun werde ich euch die letzte Frage stellen. Nur wer dieses Rätsel löst wird leben. Wenn ihr alle versagt, so wird dies euer Ende sein und ihr werdet niemals wieder den Himmel schauen.“ Ein paar Augenblicke verstrichen, ohne dass jemand etwas sagte. Der Schatten sortierte wieder seine Karten. Es schien fast so, als könnte er sich nicht entscheiden, welches das richtige Rätsel sei. Endlich nahm er eine Karte heraus. Das Lächeln, welches sich nun auf seine Lippen legte war kalt und Kiro erkannte darin die blanke Gier des Todes. Langsam begann er Wort für Wort die letzte Frage vorzulesen. „ Atemlos lebt es, kalt wie der Tod schwebt es, fühlt keinen Durst und doch trinkt es, trägt ein Kettenhemd und nie klingt es.“ Kiro wurde es kalt. Er hatte keine Ahnung, welche Antwort man auf diese Frage geben konnte. Noch bevor der Schatten die Frage ganz vorgelesen hatte, war der erste Teil schon wieder aus Kiros Gedächtnis entschwunden. Seine Hoffnungen schienen dahin zu sein. Niemals würden sie dieses Rätsel lösen können. Er merkte nicht, wie Michael ihn beobachtete.

 

Schon bei der ersten Frage hatte Michael gespürt, dass Kiro extrem nervös war. Rätsel waren nicht seine Stärke. Mit Gabriel hatte er unterdessen unbemerkt vom Schatten den Dialog aufgenommen und beide berieten eifrig, wie die Situation am besten zu lösen wäre. Sie waren sich einig, dass Nadja und Kiro unterstützt werden mussten. Gabriel wollte nicht von diesem Ort verschwinden und Michael verfolgte längst einen anderen Plan. Jener Ort, der die Quelle genannt wurde, war jetzt ganz nahe. Das Verlangen dorthin zu gelangen war übermächtig. Jedoch mussten sie sich erst um Nadja und Kiro kümmern. Ursprünglich hatte der Plan vorgesehen, dass Nadja sich für die Rettung des Planeten opfern würde, dies war nun aber nicht mehr notwendig. Die Dinge hatten sich geändert. Um nicht den Verdacht den Schattens zu erregen, wartete Michael ab bis die Zeit der ersten Frage fast vollständig abgelaufen war, bis er Kiro jenes Bild sandte, welches ihn befähigt hatte die Frage zu beantworten. Das Rätsel war leicht gewesen. Um es zu lösen hatte Gabriel nur einen kurzen Augenblick gebraucht. Beim Zweiten war es nicht anders gewesen. Um jedoch Kiro und Nadja unter Spannung zu halten und das Ende hinauszuzögern, hatte Michael die Lösung selbst ausgesprochen. Er wusste nur zu gut, dass es dem Schatten so am besten gefallen würde. Dieses Wesen war faszinierend. In ihm konzentrierte sich eine solche Menge an negativer Energie, Hass, Wut und blindem Zerstörungswahn, wie es Michael noch nirgends erlebt hatte. Die Verschmelzung ihrer Geister würde hochinteressant werden. Das Wesen war sich seines Sieges sehr sicher, jedoch war sich dies Michael auch. Nachdem sich Gabriel ihm angeschlossen hatte, waren seinem Geist ungeahnte Fähigkeiten hinzugefügt worden und er verstand Zusammenhänge, die ihm vorher verborgen geblieben waren. Um jedoch das Ganze zu verstehen, musste er die Quelle erreichen und versuchen sich mit ihr zu verbinden. Der Gong zur dritten Runde ertönte und Michael hörte mit wachsendem Interesse den Worten des Schattens zu. Als er geendet hatte, musste sich Michael mit aller Kraft zurückhalten um nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Die Frage war nicht ohne Humor gestellt, das musste er dem Schatten lassen, aber die Lösung war so nahe liegend, dass sie vermutlich ein Kind hätte finden können. Er war gespannt, ob Nadjas Geist die Verschleierung des Schattens durchdringen konnte. Die Lösung war in ihrem Kopf verborgen. Eigentlich brauchte sie diese nur abzurufen. Michael machte sich bereit einzugreifen. Sekunde um Sekunde verstrich die kostbare Zeit.

 

Nadja spürte wie sich ihr Geist der Lösung des Rätsels näherte. Stück für Stück wurden Verbindungen hergestellt und sie durchdrang die Struktur und Denkweise des dunklen Wesens. Sie wusste, dass der Schatten sie mit dieser letzten Frage verspotten wollte. Jedoch war ihr sein Plan noch nicht vollständig klar. Nadja schloss die Augen und ging Schritt für Schritt den Weg zurück, den sie in den letzten Stunden gekommen waren. Und dort fand sie schließlich das, wonach sie suchte. Sie öffnete ihre Augen und sprach die Lösung aus. Noch einen Augenblick durfte sie voll Genugtuung das versteinerte Gesicht des Schattens sehen, bevor jede Struktur um Nadja und Kiro herum in gleißendem Licht ausblich und jene Macht, die größer war als der Schatten und die Quelle zusammen, sie von diesem Ort fortbrachte. Unbeschreibliche Leichtigkeit erfüllte Nadjas Seele und grenzenlose Dankbarkeit ließ ihr Herz fast bersten. Sie verstand nun. Längst nicht alles war enthüllt worden. Manches blieb im Dunkeln, aber eines war gewisslich wahr. Sie würden Leben.

 

Zwischenspiel

 

Schlag auf Schlag.

Weißer Bauer von C-Drei nach C-Vier. Schwarz unter Druck, zieht Dame von D-Fünf nach C-Sechs. Weiß setzt nach, Turm von B-Eins nach B-Fünf. Schwarz reagiert, Springer B-Acht nach D-Sieben. Atemlos. Weiß am Zug, Dame von E-Drei nach E-Vier. Schwarz will Damentausch, C-Sechs nach E-Vier. Weiß spielt mit, Bauer F-Drei nach E-Vier. Schwarz, große Rochade. Durchatmen. Gerade will der Ältere den nächsten Zug ausführen, als er versteht. Dieses Spiel wird niemals einen Gewinner haben. Sinnlosigkeit. Er steht auf. Erstaunt blickt ihn der Jüngere an. Er versteht nicht, aber dann erhebt auch er sich. Sie reichen sich die Hände. In dem Moment, als sich ihre Hände treffen, verschwinden das Schachbrett, der Tisch und die Stühle. Das Ende?

 

Finale

 

58

 

Michael freute sich. Sie war alleine auf die Lösung gekommen. Unmittelbar, nachdem Nadja das Wort ausgesprochen hatte, verschwanden sie und Kiro von ihren Stühlen. Fast wirkte es, als hätte dort niemals jemand gesessen. Kein Applaus mehr, keine Buhrufe. Einfach nur Stille. Der Schatten starrte noch immer wortlos auf jenen Platz, auf dem Nadja noch vor wenigen Sekunden gesessen hatte. Michael konnte fast spüren, wie sich das Wesen mit Wut und Zorn auflud. Wie eine gigantische Energiespule sog er jeden Funken negativer Energie in sich auf und Gabriel sorgte dafür, dass er genug davon fand. Bevor sich der Schatten ihm nun zuwandte, legte Michael das süßeste Lächeln auf, zu dem er im Stande war. Die Provokation bewirkte genau jene Reaktion, die Michael erwartet hatte. Mit seiner gesamten Macht raste der Schatten nun auf Michael zu. Eine Millisekunde später prallten die beiden Wesen aufeinander und verschwanden unmittelbar darauf in einem gleißenden Ball des Lichtes. Jegliche Existenz hörte auf und als der Schatten seinen katastrophalen Fehler letztendlich bemerkte, war es bereits zu spät. Er war auf mehr als eine Weise getäuscht worden und nun war er es, der den Preis bezahlen würde.

Ein neues Wesen war entstanden. Eins aus drei. Dies war nun genug und wie eine Blume, die am Morgen langsam ihre Blätter öffnet, offenbarte sich nun die Quelle jenem Wesen, das einzig würdig war.. Eine erste Begegnung fand statt und wenig später leitete die Quelle die Vereinigung ein. Langsam, und ganz behutsam begann nun endlich der Heilungsprozess.

 

Letztes Zwischenspiel

 

Die Tür war aus dem Nicht aufgetaucht. Beide Spieler hatten seltsame und zwiespältige Gefühle. Etwas Vertrautes war zu Ende gegangen und nun lag das Ungewisse vor ihnen. Durch jene Tür zu treten war nicht einfach. Keiner der beiden wollte diesen Ort verlassen, aber gleichzeitig hielt sie nichts mehr zurück. Durch einen Spalt kam Lich in das Dunkel. Auf der anderen Seite lag etwas Anderes. Der Ältere zögerte lange. Endlich legte der Jüngere ihm behutsam eine Hand auf die Schulter, lächelte ihm zu und nickte ermutigend. „Es wird gut werden, da bin ich mir sicher.“ Langsam, Schritt für Schritt, gingen sie auf die Tür zu. Bedächtig legte der Ältere seine Hand auf den kühlen Knauf der Tür. Er fragte sich, ob er es schaffen konnte, als ihm ein Gedanke aus der Vergangenheit kam. Natascha hatte dies einst gesagt und damit wohl recht gehabt. Die meisten Dinge waren eine Frage der Entscheidung. Man musste nur einfach vorwärts gehen. Und das taten sie nun also. Behutsam öffneten sie gemeinsam diese letzte Tür ihres Daseins und traten hinaus ins Licht. Leise schloss sich der Durchgang hinter ihnen und der Ort, der sie so lange Zeit gefangen gehalten hatte hörte von einem Moment auf den anderen auf zu existieren.

 

Der blaue Himmel

 

Ein heller Flur lag vor ihnen. Nadja und Kiro schritten auf die gläserne Tür am Ende des Ganges zu. Vogelgezwitscher drang von irgendwoher an ihre Ohren und der Duft von Blumen lag in der Luft. Der Mann neben der Tür blickte sie freundlich an. Er war alt. Viele Falten hatten sich über die Jahre in sein Gesicht gegraben und sein Kopf war fast kahl. Ohne ein Wort zu sprechen streckte er seine Hand aus, die in einem weißen Handschuh steckte und schüttelte erst Nadja und dann Kiro kurz die Hand. Dabei nickte der alte Mann anerkennend. Er griff nach der Tür und zog sie auf. Nadja und Kiro traten über die Schwelle in die gläserne Basis des letzten Turms. Hinter ihnen schloss sich die Tür wieder und nach einigen Momenten der Stille begann ganz behutsam das Aufsteigen. Zuerst langsam, Meter für Meter, schwebten sie vom Boden empor, um dann immer schneller den grauen Wolken entgegen zu steigen. Durch die gläsernen Wände der Röhre des Turms blickten sie auf die dunkle Festung und die Ebene von Klyth herab. Immer schneller entschwand die Welt und sosehr sich Nadja auch freute, dass sie nun diesen Ort verlassen durfte, empfand sie auch einen Schmerz. Auf eine Weise war sie dieser Welt verbunden gewesen und nun war es zu Ende. Die ersten Wolken nahmen ihnen mehr und mehr die Sicht und bald war alles voller Nebel und Dunst. Das Licht wurde heller. Endlich lösen sich die Wolken auf und einige Momente später stießen sie durch den letzten Schleier hinein ins gleißende Licht einer einzigen Sonne. Der Himmel erstrahlte in sattem Blau. Wie eine perfekte Halbkugel erstreckte er sich von Horizont zu Horizont. In diesem Augenblick wusste Nadja, dass dies wirklich das Schönste war, was je das Auge eines Menschen erblickt haben musste. Ihre Seele war tief bewegt und sie ließ ihren Tränen freien Lauf.

Immer weiter ging es hinauf. Das Blau der Atmosphäre begann langsam dunkler zu werden, bis es schließlich nur noch eine dünne Trübung der Schwärze des Weltraums war. Erste Sterne funkelten und schließlich hatten sie den Planeten verlassen. Sie blickte nach oben und ihre Überraschung war groß. Schnell näherten sie sich einem großen Objekt, das im All schwebte. Es sah fast so aus wie eine Raumstation. Wenige Minuten später waren sie angelangt und schwebten durch die Röhre in das Innere. Ihr Aufstieg wurde langsamer und schließlich blieben sie vor einem Durchgang stehen. Mit wenigen Schritten hatten Nadja und Kiro wieder festen Boden unter den Füßen. Hinter ihnen verschloss sich der Durchgang wieder. Sie standen an einer Wegkreuzung, an der mehrere Gänge abzweigten. Fast alle waren durch Gitter versperrt und schon nach wenigen Metern verloren sie sich im Dunkel. Nur ein Weg blieb offen. Auf einem Schild über dem Gang, der hell erleuchtete war stand in großen Buchstaben „Rettungskapseln“. Ohne weiter darüber nachzudenken gingen Nadja und Kiro los. Hand in Hand schritten sie durch leere Gänge, vorbei an stillen Hallen, immer tiefer hinein in ein totes Stück Technik, erbaut vor unvorstellbar langer Zeit. Nichts regte sich mehr und kein Leben war mehr hier. Und dann war auf einmal der Gang zu Ende. Eine kleine Runde Öffnung stand offen. Kiro kroch zuerst hindurch und dann half er Nadja. Im Inneren der kleinen Kapsel war es eng. Es hatten gerade zwei Personen Platz. Die Bedienelemente der Kapsel waren dunkel. Nur ein einziger grüner Punkt leuchtete. Kiros Finger schwebte einen Moment darüber. Er zögerte. Nadja legte ihm die Hand auf die Schulter und seine innere Ruhe kehrte zurück. Gemeinsam drückten sie auf das Licht und der Zugang hinter ihnen wurde verriegelt. Tore fuhren vor den Sichtfenstern der Kapsel zurück und enthüllte den Weltraum. Eine sanfte Computerstimme erinnerte sie daran sich anzuschnallen. Kiro und Nadja nahmen in den weichen Sesseln platz und legten ihre Gurte an. Der Countdown begann. Nadja blickte hinüber zu Kiro und ihre Blicke trafen sich.

Mit unwahrscheinlicher Beschleunigung wurde die Kapsel Sekunden später in den Weltraum geschleudert. Einem Lichtstrahl gleich durchzog sie die Schwärze der Unendlichkeit und war bald nur noch einer von vielen hellen Punkten, langsam kleiner werdend. Die Station hatte ihren letzten Dienst geleistet. Das Alter und unzählige Beschädigungen, die in den letzten Jahrtausenden entstanden waren, ließen die Versiegelungen brechen. Kurze Zeit später war das Vakuum in sie eingedrungen und hatte jedes Leben unmöglich gemacht. Durch die Vibration riss die Verbindung zum Planeten ab und langsam trieb das alte Stück Weltraumschrott davon. Auf Eschnak hingegen zeigten sich die ersten Zeichen der Widerherstellung. Die Wolken zogen sich immer mehr zurück und die Strahlen der Sonne erreichten das erste Mal seit ungezählten Jahren wieder die Oberfläche des erkalteten Planeten. Ein neuer Anfang war gemacht und die Karten neu ausgeteilt. Wie würde das Spiel diesmal enden? Niemand konnte es wissen.

 

Epilog

 

Irgendwo, irgendwann – am Meer. Kleine Sandkörner rieseln durch ihre Hände. Der Wind bläst sie davon. Eine Erinnerung wird wach an eine Zeit vor der Zeit. Doch sie ist nicht wichtig. Viel bedeutender ist das Hier und Jetzt. Das Meer, der salzige Geschmack im Mund und die Sonne, die den Körper wärmt. Wolken ziehen über den blauen Himmel. Einige sehen fast aus wie kleine Schäfchen, findet sie. Das Mädchen lacht laut auf und wendet sich wieder seiner Sandburg zu, die es gerade gebaut hat. Der kleine Eimer ist fast wieder voll Sand. Nur noch eine Schaufel, dann ist es geschafft. Gerade will sie den gelben Eimer umstülpen, als eine große Welle kommt und die filigrane Sandburg überschwemmt. Mit großen und entsetzten Augen betrachtet das Kind sein Werk, das soeben dem Erdboden gleich gemacht wurde. Jemand war stärker gewesen. Jemand hatte alles wieder kaputt gemacht. Erste Tränen rollen über die zarten Wangen des Kindes. Seine kleine Welt wurde erschüttert. Es sitzt da und Wellen kitzeln seine kleinen Zehen.

Unbemerkt hat sich der Vater von hinten genähert und als er nun sein Kind umarmt, ist innerhalb weniger Augenblicke alles wieder gut. Gemeinsam bauen sie eine neue Sandburg. Sie ist besser, stärker, sicherer und vor allem größer. Das Kind freut sich, als es das kleine Fähnchen auf den obersten Turm setzt und das Bauwerk vollendet ist. Alle Tränen sind getrocknet und alles Vergangene vergessen. Was zählt ist Hier und Jetzt. Der Vater lächelt sein Kind an und es lacht fröhlich zurück. Bis es Abend wird sitzen die beiden am Strand und spielen im Sand. Rot glühend versink die Sonne im Meer und als es langsam kalt wird, nimmt der Vater seine Tochter bei der Hand und gemeinsam gehen sie zu dem kleinen Holzhaus hinter dem Kamm der Dünen. Der Duft des Abendessens liegt in der Luft und als sie eintreten rennt das Kind zu seiner Mutter, die gerade den Tisch deckt. Sie schließt ihre Tochter in die Arme und blickt voller Liebe zu ihrem Mann auf. „Ihr kommt gerade zur rechten Zeit.“ Gemeinsam setzten sie sich an den Tisch und essen. Jetzt.

 

 

© Sebastian Schenk 2007

 

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Erstellt: 12.10.2007, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08