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Das Jahrhundertkind von Ralf Isau

Reihe: Der Kreis der Dämmerung Bd.1

Rezension von Carmen Huber

 

Der Kreis der Dämmerung ist ein Geheimzirkel mit einem ungeheuerlichen Plan: Im Verlauf des 20. Jahrhunderts soll die Menschheit dazu gebracht werden, sich selbst zu vernichten, damit dann die „würdigen“ Überlebenden – also die zwölf Mitglieder des Geheimzirkels unter der Führung Lord Belials – ein neues Menschengeschlecht begründen können. Denn in den Augen des Zirkels ist die gesamte Menschheit verkommen und zum Untergang verurteilt. Stets bleiben die einzelnen Mitglieder im Hintergrund und ziehen von dort aus ihre Fäden, um durch ihre Kontakte und Verbindungen bis in die höchsten Kreise der verschiedensten Län-dern ihren „Jahrhundertplan“ weiter voran zu treiben.

 

Am 1.1.1900 wird pünktlich zum Anbruch des 20. Jahrhunderts ein Kind geboren: Der Junge David Camden, Sohn eines britischen Diplomaten, erblickt zum Glockenschlag um 12 Uhr in Japan das Licht der Welt. Das wirklich Seltsame daran: Das Baby hat schneeweißes Haar. Die Hebamme bezeichnet den Jungen als Seiki no ko, ein Kind des Jahrhunderts. Laut einer Le-gende sind Jahrhundertkinder Menschen mit außergewöhnlichen Gaben und schneeweißem Haar, die in einer Ära, in der das Böse in der Welt die Überhand zu gewinnen droht, von den Mächten des Guten geschickt werden, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Sie haben genau 100 Jahre Zeit, um ihr Schicksal zu erfüllen.

 

Zwar glauben Davids Eltern nicht wirklich daran, und anfangs scheint es auch so, als ob Da-vid – abgesehen von seiner seltsamen Haarfarbe – ein ganz normales Kind sei. Doch schon bald zeigen sich seine besonderen Fähigkeiten, die von dem Jungen wie selbstverständlich benutzt werden: Er ist ein Sekundenprophet, was bedeutet, dass er schon Sekunden früher sieht, was geschehen wird. Außerdem kann er den Ablauf von Geschehnissen verlangsamen oder die Farbe von Gegenständen verändern. Und zudem ist David ein Wahrheitsfinder: ihn umgibt eine Aura der Wahrhaftigkeit, eine Vertrauen erweckende Ausstrahlung, der sich nie-mand entziehen kann. Seine unbeschwerten Kindheit in Japan wird schon relativ früh ein har-tes Ende gesetzt, und beinahe scheint es, als würde der junge David an den schrecklichen Schicksalsschlägen (ausgelöst von dem Kreis der Dämmerung) und seiner schier erdrücken-den Bestimmung zerbrechen. Doch dann muss er sein Schicksal annehmen ....

 

 

Die Idee eines geheimen Zirkels, der seine ganz eigenen Pläne mit der Welt hat, ist zwar nicht neu, aber immer wieder interessant, und auch der Gedanken an ein Jahrhundertkind mit be-sonderen Fähigkeiten gefiel mir gut. Leider aber wird die Handlung immer wieder von poli-schen Begebenheit – das plötzliche Ableben von höheren Personen, politische Verhandlungen und Ränkespiele etc. abgebremst. Da liest man dann wieder einige Seiten lang von den ver-schiedensten Personen, ihre Ansichten und Handlungen, wie sie die Regierung eines Landes beeinflussen usw. Da diese Personen meistens nichts mit der eigentliche Geschichte zu tun haben, gestaltet sich dann das Lesen ziemlich langwierig. Auch im 1. Weltkrieg werden sämt-liche Schlachten exakt beschrieben – welche Seite unter welchem General wann angriff, wie ihr Vorgehen war, wie viele Kilometer sie sich erkämpfte, welche Taktiken und Waffen sie verwendete etc. An solchen Stellen (und leider nehmen diese einen nicht unbeträchtlichen Teil des Buches ein) kommt die Handlung dann regelrecht zum Stillstand. Und obwohl ich eigentlich jemand bin, der selbst für ein dickeres Buch nicht lange braucht, habe ich mich bei diesem Roman regelrecht durchkämpfen müssen, um die 700 Seiten zu schaffen.

 

Andererseits erfährt man auch vieles über den 1. Weltkrieg, und vor allem die japanische Kul-tur. Da David in Japan seine Kindheit verbringt und schon bald einen engen Kontakt zum Kaiser pflegt, erhält man da sehr interessante Einblicke. Leider nur nimmt es der Autor mit der Detailgetreue zwischendurch ein wenig zu genau ...

 

Auch die Hauptperson, David, kann leider nicht immer ganz überzeugen. Seine Beweggründe und Reaktionen sind zwischendurch nicht ganz nachvollziehbar. Und auch ist er fast schon zu perfekt: Er ist der Verkörperung alles Gutem, der ideale Mensch und scheinbar ohne charakte-ristische Fehler. So weigert er sich im Krieg zu kämpfen und rettet statt dessen Leben: Er läuft auf dem Schlachtfeld von einem Verwundeten zum nächsten und verarzten ihn (egal ob Freund oder Feind). Die umherschwirrenden Kugeln scheinen ihm dabei nichts anhaben zu können, obwohl sich dann später zeigt, dass er durchaus nicht unverwundbar ist (was irgend-wie etwas unlogisch ist). Auch seine Ehefrau ist wirklich perfekt: Sie ist eine liebende Gattin, und das junge Paar streitet sich nie. Und das, obwohl die beiden auf der Flucht vor dem Kreis der Dämmerung ziemlich viel reisen müssen und oft den Wohnsitz so wie ihre Identität wech-seln. All das wirkt fast zu idyllisch, und so kann man sich auch nicht wirklich mit David iden-tifizieren. Er wirkt einfach nicht so, als ob normale menschliche Probleme ihn nur im gerings-ten berühren. Auch hat es David zwischendurch eine Spur zu leicht. Zwar wird er vom Kreis der Dämmerung verfolgt, muss viele Schicksalsschläge erdulden und geliebte Menschen ver-lieren, aber seine Wahrheitsfindung öffnet ihm überall alle Türen, er kann immer jeden zu fast allem überreden. Das macht es zwischendurch fast langweilig.

 

„Das Jahrhundertkind“ ist der erste Teil der vierbändigen Reihe „Der Kreis der Dämmerung“ und umfasst die Zeit von Davids Geburt bis ins Jahr 1929. Alle vier Bände sind einheitlich und passend gestaltet, das Cover zeigt Lord Belials Ring. Die Fortsetzungen dazu sind „Der Wahrheitsfinder“, „Der weiße Wanderer“ und „Der unsichtbare Freund“.

 

Fazit: Ein Buch mit interessanten Ideen, aber sehr vielen Längen.

 

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Buch:

Titel: Das Jahrhundertkind

Reihe: Der Kreis der Dämmerung Bd.1

Autor: Ralf Isau

Verlag: Bastei Lübbe

broschiert, 751 Seiten

Erschienen: Mai 2005

ISBN: 3-404-15318-9

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 16.07.2005, zuletzt aktualisiert: 06.12.2019 15:13