Der Prinz aus Atrithau (Autor: R. Scott Bakker; Der Krieg der Propheten Bd.2)
 
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Der Prinz aus Atrithau von R. Scott Bakker

Reihe: Der Krieg der Propheten Bd. 2

Rezension von Christel Scheja

 

Es geschieht selten, dass Autoren mit einer außergewöhnlichen Trilogie debütieren, die nichts mit klassischen Fantasy-Elementen am Hut haben, aber dennoch eine epische Geschichte erzählen. R. Scott Bakkers Trilogie um den „Krieg der Propheten“ benötigt keine Elfen, Zwerge oder Orks, um in eine fremdartige Welt zu entführen. Statt dessen spricht er sehr aktuelle Themen an, die in unserer heutigen Zeit auch Auswirkungen auf die Realität haben.

 

Eänna ist ein Subkontinent mit langer und grausamer Geschichte voller Machtgier, Krieg, Fanatismus und ungezügelter Gewalt. Immer wieder versuchten Sterbliche und Unsterbliche die Länder nach ihrem Gutdünken zu gestalten, und so kam es schon einmal zu fanatische Glaubenskriegen.

Nun, fast zweitausend Jahre später, versammeln die obersten Priester der Inrithi alle Gläubigen, die bereit sind, in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen, um die heidnischen Fanim auszulöschen, deren Lehren denen des „Stoßzahnes“ widersprechen.

Sie ahnen nicht, dass sie auch nur Figuren in einem weit größeren Spiel sind, denn die „Rathgeber“, die verborgene Anhänger des im früheren Glaubenskrieg beinahe ausgelöschten Nicht-Gottes, spinnen ihre Intrigen und sehen eine Chance, ihren Herrn wieder seine alte Machtposition zu verschaffen.

Dabei soll ihnen unwissentlich Anasurimbor Kellhus helfen, der letzte der Nachfahren eines legendären Königs. Selbst Mönch eines obskuren Ordens hat er lange in der Abgeschiedenheit gelebt und nun erst seine Berufung erkannt. Nicht wenige erkennen in ihm einen „Kriegerpropheten“, der den „Heiligen Krieg“ in die richtige Richtung führen wird, was der mächtigen Priesterschaft der Inrithi weniger gefällt, wird die gewaltige Heerschar doch nun zu einem unkontrollierbaren Wagnis.

Unter den wenigen Wissenden, die ahnen, dass hinter dem Aufruf zum Glaubenskrieg mehr als eine einfache Laune machtgieriger Sterblicher steckt, ist Drusas Achamian, ein Hexenmeister der Mandati. Er erkennt die Zeichen, die auf das Wirken der Rathgeber hinweisen und sucht die Nähe des immer mehr in seine Rolle wachsenden, aber auch zweifelnden Anasurimbor Kellhus, um diesen zu warnen Achamian sieht in dem ehemaligen Mönch, jemanden dessen Geist offen genug ist, um ihm zu glauben.

Während die Soldaten des „Heilige Krieges“ in Einöde, Wüste und feindlichem Gebiet immer größeren Prüfungen ausgesetzt werden und um ihr Leben fürchten müssen, beginnt Anasurimbor Kellhus besser zu verstehen, was ihn erwartet. Doch als er den entscheidenden Schritt tun will wird Drusas Achamian von einem feindlichen Orden, den Scharlachspitzen entführt und das Heer in eine tödliche Falle gelockt...

Und der barbarische Steppenkrieger Cnaiür erhält weitere Gelegenheit um ein seiner Rache an dem Geschlecht der Anasurimbor zu arbeiten, denn er hat immer noch eine Rechnung mit Kellhus Vater offen...

 

Obwohl „Der Prinz aus Atrithau“ weniger sperrig und besser zu lesen ist als „Schattenfall“, so ist auch der zweite Band der Trilogie keine leicht verdauliche Fantasy, die man „mal eben so“ herunterlesen kann. Wieder geht es um das Aufeinandertreffen moralischer und ethischer Grundsätze. Fanatismus und Glaubenswahn werden in Gewalt und Grausamkeit ausgelebt - dabei schenken sich die Inrithi und die Famnim nichts. Mit einem fast schon zynischen Unterton führt der Autor die Chronik eines Krieges fort, in dem es keine Sieger geben kann, sondern nur Verlierer, denn auch diejenigen, die keine körperlichen Wunden davon tragen werden in Seele und Geist zerstört.

R. Scott Bakker bewertet seine Protagonisten jedoch nicht, sondern lässt sie aus ihrem gesellschaftlich-philosophischen Kontext heraus logisch handeln und das mag nicht immer angenehm auf den Leser wirken. Selbst die Helden sind in ihrer Handlungsweise ambivalent und wissen das auch. Am ehesten kann der Leser dabei wohl auch noch Zugang zu

Drusas Achamian finden, der durch seine Lebenserfahrung und frühere Enttäuschungen abgeklärt genug ist, um Idealismus schon lange abgelegt zu haben. Er betrachtet die Geschehnisse mit nüchterer Abgeklärtheit und so viel Skepsis, dass er die Fehlschläge besser verdauen und etwas unternehmen kann.

Diesen Prozess macht Anasurimbor Kellhus in diesem Band jedoch erst durch - mehrfach zerbrechen für ihn Glaubenswelten und tun sich neue auf, und dem anfänglichen Idealismus weicht der Fatalismus in eine Rolle gedrängt worden zu sein, die zur zu seinem eigenen Untergang führen kann.

Auch der Hintergrund ist zwar komplex aber nicht leicht fassbar. Er lässt sich keiner vertrauten Kultur zuordnen. Der Autor hat keine markanten kulturellen Eckpunkte seiner Länder heraus gearbeitet, so dass die Vorstellung von ihnen seltsam schwammig bleibt. Ähnlich sieht es mit den nichtmenschlichen Rassen und der Magie aus. Sie sind zwar vorhanden, spielen aber keine besondere Rolle.

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind nur angerissen, da es nicht darum geht, strenge Hierarchie und absolutes Patriarchat in Frage zu stellen. Frauen sind im Roman stark unterrepräsentiert und ihre Rollen eher klassisch.

Die Stärke des Romans liegt wie im ersten Band auf den philosophisch-ethisch-moralischen Konflikt seiner Helden und der involvierten Völker und wirft immer wieder interessante Fragen auf, die zum Nachdenken anregen, da nicht wenige der angesprochenen Themen sehr aktuell erscheinen. Selbst die Wahrheit ist nicht eindeutig und auch als Leser wird man immer wieder vor die Wahl gestellt, seine Ansicht zu revidieren.

 

Das macht nach „Schattenfall“ letztendlich auch „Der Prinz aus Atrithau“ zu einem Roman, der beweist, dass man auch mit den Werkzeugen und Möglichkeiten der Fantasy ein intelligentes und spannendes Buch verfassen kann, das neben faszinierenden und vielschichtigen Persönlichkeiten nicht zuletzt auch eine gute Portion Zeitkritik enthält.

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202404141219256b799df2
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Der Prinz aus Atrithau

Reihe: Der Krieg der Propheten Bd. 2

gebunden - 704 Seiten

Klett-Cotta, erschienen März 2007

ISBN 978-3-608-93784-8

Übersetzung aus dem kanadischen Englisch von Andreas Heckmann

Titelbildgestaltung von Dietrich Ebert

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 04.04.2007, zuletzt aktualisiert: 24.03.2024 19:16, 3753