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Der Wert des Augenblicks

Autorin: Nina Horvath

 

Mit der Kälte kam die Einsamkeit. Oder war in Wirklichkeit alles normal und Alissas Körper reagierte nur auf den Mangel an Reizen, indem er sich selbst welche schuf? Sie wußte es nicht. Sie war ratlos und verfroren und einsam, während sie von allen Seiten von der Unendlichkeit des Universums bedroht wurde. Sie glaubte, verrückt werden zu müssen: Rund um sie breitete sich die Ewigkeit des Alls aus, aber wenn sie sich aufrecht hinsetzen wollte, stieß sie mit dem Kopf an der Decke an.

 

 

Wieder und wieder öffnete sie ihre kleine Tasche und kramte darin herum, aber jedesmal mußte sie erneut feststellen, daß sich abgesehen von ihrem Ausweis und ihrer Kreditkarte nichts darin befand. Wie auch. Sie hatte ja nicht ahnen können, daß bei einem völlig normalen, nur zweitägigen Flug gerade dann, als sie sich todmüde und deshalb noch vollkommen bekleidet auf ihr Bett geworfen hatte, der Feueralarm losgehen würde und eine durchsichtige Kapsel über ihr zusammenklappen würde. Sie erinnerte sich nur noch, daß sie ohnmächtig in sich zusammengesunken war, sicher eine Auswirkung des betäubenden Gases, das in solchen Fällen eingesetzt wurde, um eine Panik zu vermeiden.

 

 

Dann plötzlich hatte sie sich in dieser unendlichen Schwärze befunden. Nach einiger Zeit aber hatte sie bemerkt, wie sich aus der dunklen, sternenbehangenen Weite die unterschiedlichsten Farben herauszulösen begannen. Alles erstrahlte in einer verwischten Buntheit, aus der sich manchmal flimmernde Formen herauslösten.

 

 

Alissa hatte zuerst fest daran geglaubt, daß man sie retten würde. Danach hatte sie gehofft und gebangt, dann geschrien und gewimmert. Sie hatte begonnen, ihre Bluejeans mit ihrem Taschenmesser zu bearbeiten, bis die Hosenbeine in schmalen Stoffstreifen herabhingen und die Verpackungen ihrer täglichen, von der Rettungskapsel ausgespuckten Ration in winzige Stückchen zu reißen, ehe sie sie durch den Müllschacht in den Weltraum beförderte. Sie hatte an den Erfrischungstüchern herumgekaut und sich in der übrigen Zeit die ohnehin sauberen Fingernägel ausgeputzt. Sie hatte sich unentwegt neue Beschäftigungen ausgedacht, damit sie nicht merkte, wie allein und klein sie in der Unendlichkeit schwebte.

 

 

Das war auch das Schwerste überhaupt gewesen, die unermeßliche Größe des Alls zu akzeptieren. Und selbst so verschwindend klein in der eigenen Einsamkeit zu sein.

 

 

Alissa war hilflos, wenn die Kälte an ihr hochkroch, sie einhüllte und sie zitternd zurückließ. Einsamkeit und Kälte waren miteinander verwoben, das eine kündigte sich stets durch das andere an.

 

 

Nach einiger Zeit verlor sie das Interesse an allem. Sie lag nur noch da und starrte abwesend in die Weiten des Weltraums, vollkommen unbewegt. Nur manchmal zitterte sie stark.

 

 

Alissa hatte jegliches Zeitgefühl verloren, auch zählte für sie nicht mehr, was in der Vergangenheit geschehen war oder was in der Zukunft geschehen würde. Es war alles egal in dieser unermeßlichen Stille.

 

 

Dann aber bemerkte sie plötzlich, daß sich kleine Lichtpunkte aus der Unendlichkeit lösten, die ihr winziges Raumschiff wie kleine Glühwürmchen umschwirrten. Immer wieder von Neuem sah den schwirrenden Lichtpunkten nach, ehe sich einer von ihnen näherte und so im Vakuum stehen blieb, daß sie ihn genau erkennen konnte.

 

 

Es war ein winziges, schillerndes Wesen mit zerbrechlichen Flügeln. Sein Körper hatte menschliche Proportionen, war aber viel feingliedriger. Für einen Moment sah Alissa auch sein Gesicht. Es war von einer schwer zu fassenden Schönheit. Diese sonderbaren, elfenartigen Geschöpfe umschwirrten ihre Rettungskapsel, manchmal löste sich eines aus dem Schwarm und blickte zu ihr hinein.

 

 

Alissa fragte sich, was die zarten Wesen dazu trieb, ihr zu folgen. Wurden sie wie Motten vom Licht angezogen? Trieb sie eine kindliche Neugier dazu? Oder waren diese wunderbaren Lebensformen Geschöpfe Gottes, die gekommen waren, um ihr in all ihren Zweifeln und in ihrer Einsamkeit beizustehen?

Als die Elfen in immer neuen Mustern umherschwirrten, daß es aussah, als vollführten sie einen dreidimensionalen Tanz, wurde Alissa bewußt, daß sie angesichts dieser Vollkommenheit mehr Glück verspürte, als sie ertragen konnte.

 

 

Die kleinen Wesen wollten offensichtlich ihre Aufmerksamkeit erregen. Alissa konnte sich ihrem Tanz nicht entziehen, wie gebannt starrte sie unentwegt die göttlichen Geschöpfe an. Es erfüllte sie mit fiebrigen Gefühlen, gleichzeitig aber erkannte sie, daß sie noch nie so vollkommen zufrieden mit sich und ihrer Welt gewesen war.

 

 

Plötzlich wußte sie, daß es genau das war, was sie sich auf eine gewisse, unbestimmte Weise gewünscht hatte. Kein Schatten der Vergangenheit mochte sie noch zu berühren, genau, wie auch jede Angst vor der Zukunft hinfällig geworden war. Jeder einzelne Atemzug erfüllte sie mit neuer Lebenskraft, während ihre Gedanken mit den wunderbaren Wesen im Weltall umherschwirrten und in ungeahnte Tiefen vorstießen.

 

 

Als Zentrum des Interesses der perfekten Geschöpfe stieg ihr eigener Wert, erst jetzt wußte sie, wie kostbar jeder einzelne Augenblick war und wie sehr sie ihr bisheriges Lebens, das größte und doch so unverdiente Geschenk, verschwendet hatte. Gerade dadurch, all ihre Zeit sinnvoll und Ameisen gleich beschäftigt verbringen zu wollen, hatte sie die Hälfte ihrer Menschlichkeit eingebüßt.

 

 

Alles war nur noch wie ein einziger, süßer Traum. Sie erwachte jäh daraus, als die engelartigen Wesen auseinanderstoben. Grelles Licht blendete sie, die Rettungskapsel wurde erschüttert, von eisernen Armen ergriffen und in das Innere einer gewaltigen Maschine befördert. Man brach ihre eiserne Schutzhülle auf und zerrte sie gewaltsam aus der Rettungskapsel.

 

 

Sie schrie auf, weil ihr das dröhnende Gewirr von Stimmen in den Ohren wehtat. Das Licht war viel zu grell und verwirrte sie nur, es stach wie Tausende glühender Nadeln auf ihre Netzhaut ein.

 

 

Von ihrem erhobenen Menschsein war nur ein zitterndes, bleiches Bündel übriggeblieben, daß andauernd fast lautlos wimmerte. Ihre Muskeln waren viel zu schwach, als daß sie aus eigener Kraft hätte gehen können, also packte man sie, nachdem sie einige Zeit geschlafen hatte, erneut, um sie an Bord einer nahegelegenen Raumstation zu bringen.

 

 

Alissa wußte nicht, daß die Nachricht über ihre Ankunft ihr vorrausgeeilt war. Es war ihr auch unbekannt, daß sie ein ganzes Jahr in der Rettungskapsel verbracht hatte, was sie für viele Menschen zu einem unfreiwilligen Helden machte.

 

 

Als sie sorgfältig in eine Decke eingehüllt über den Gang getragen wurde, war bereits eine Masse versammelt. Jeder versuchte, ein Stück von ihrem Glanz zu ergattern, ihr möglichst nahe zu kommen, vielleicht sogar ein Foto zu machen oder eine Frage von ihr beantwortet zu bekommen.

 

 

Alissa aber ertrug weder die Stimmen noch die Blitzlichter, aber am schlimmsten war die Tatsache, daß ihre Umwelt sie nicht mehr träumen ließ, sondern sofort wieder mit Forderungen begann, damit anfing, ihr Leben wieder in von anderen bestimmte Bahnen zu lenken.

 

 

Alissa wand sich kreischend aus dem Griff ihrer Träger und fiel zu Boden. Ohne die Decke sah man, daß sie eine bleiche Zerbrechlichkeit angenommen hatte.

 

 

“Ich will zurück!” schrie sie. “Ich will wieder ein ganzer Mensch sein!”

 

 

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Erstellt: 10.06.2005, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08