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Die Dienerin des Schwertes von Ellen Kushner

Reihe: Swords of Riverside

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Die Talberts gehören zum verarmten Landadel. Die Tochter des Hauses, Lady Katherine, macht gerade eine Inventur des zu verkaufenden Familiensilbers, als ein Brief vom ungeliebten Onkel – er ist für die finanzielle Misere verantwortlich – eintrifft, der eben jene Situation bereinigen könnte: Katherine soll in die Stadt kommen um zur Degenfechterin ausgebildet zu werden, dafür werden die aufgrund eines Rechtstreits eingefrorenen Geldmittel wieder freigegeben. Über das bizarre Ansinnen wundert man sich kaum, schließlich wird der Onkel der "Irre Herzog" genannt und wenn sich so wieder alles zum Guten wendet, Katherine in die feine Gesellschaft eingeführt wird, schöne Kleider tragen und sich einen schmucken Mann angeln kann, soll ihr das Recht sein. Doch ihr Onkel lässt sie nur Jungenkleidung tragen – in der feinen Gesellschaft hält man sie für ein Ungetüm des Irren Herzogs. Auch das Fechten sagt ihr nicht recht zu: Zunächst fand sie es recht romantisch, nachdem sie einen echten Kampf sah, ändert sich dieses jedoch. Sie weigert sich weiter Fechten zu lernen und ihr Onkel schickt sie zu einem seltsamen Fechtlehrer auf's Land nach Highcomb. Unterdessen ist der Herzog in allerlei kleine Intrigen verstrickt, Katherines Freundin Lady Artemisia sucht einen Mann und ihre Eltern favorisieren Lord Ferris, den Kanzler des großen Kreises. Der Mann ist älter als Katherines Vater und musste für einige Zeit im Exil leben, kehrte aber mit viel Geld zurück und konnte sich seither eine beachtliche Machtposition erarbeiten.

 

Das Setting ist nur schwer zu beschreiben, da Kushner es ihrerseits nur knapp und beiläufig vorstellt – sie gibt keinen Überblick über die Welt oder das Land, tatsächlich nicht einmal über die Stadt, die auch bloß "die Stadt" genannt wird. Technisch-kulturell scheint es irgendwo in der frühen Neuzeit angesiedelt zu sein: Man reist per pedes, Pferd, Kutsche oder lässt sich in einer Sänfte tragen, der Adel kämpft mit dem Degen (bzw. lässt kämpfen), während das Gemeine Volk Messer oder Knüppel nutzt – Schusswaffen spielen keine Rolle. Das politische System ist eine klassische Aristokratie – man hatte die 'bösen' Könige verjagt – in der eine Reihe von Adelsräten entscheiden. Das letzte Wort wird durch das Privileg des Degens, eine Art Gottesurteil, gesprochen: Wer seinen Gegner in einem Duell bezwingt, hat recht. Die Mentalität der Figuren ist eine Mischung aus frühneuzeitlicher und moderner: So ist es kaum vorstellbar, dass eine Frau fechtet und anderes als eine gute Partie machen will, andererseits spielen Standesunterschiede keine nachhaltige und Religion überhaupt keine Rolle. Insgesamt ist das Setting weitgehend ein Ambiente mit ein paar milieuhaften Momenten, das deutlich an Operretten oder Theaterstücke von Shakespeare erinnert.

Das einzige phantastische Element ist das nicht-reale Setting; Magie oder andere Wunder gibt es nicht. Damit ist die Geschichte in dieser Hinsicht am ehesten als Alternativ-Welt-Geschichte zu lesen.

 

Der Roman bedient sich einer großen Zahl von Figuren, die vielfach zum Exzentrischen neigen: Neben der Hauptfigur Lady Katherine, der fechtenden Frau, und Herzog Tremontaine, dem Irren Herzog, gibt es dessen Freundin Flavia – die "Hässliche Dame" – eine blitzgescheite Mathematikerin, seinen alten Geliebten St. Vier, ein tödlicher Meisterfechter, die aktuelle Geliebte Schwarze Rose, eine höchst attraktive Schauspielerin, und seinen Intimfeind Lord Ferris, der vielleicht der mächtigste Mann der Stadt ist, um nur ein paar zu nennen. Selbst eher zentrische Figuren wie Lady Artemisia Fitz-Levi oder der Diener Marcus, die beide mit Katherine befreundet sind, haben außergewöhnliche Geheimnisse oder verhalten sich exzentrisch. In den meisten Fällen fallen die Figuren nicht sonderlich vielschichtig aus, wobei die wichtigeren Protagonisten alle einen internen Konflikt aufweisen.

Neben dem Irren Herzog, der immer wieder für Überraschungen sorgt ohne dabei zu albern zu werden, wird vor allem Lady Katherine detailliert entwickelt. Sie tritt als relativ typische sympathische Jugendliche aus dem verarmten Landadel auf die Bühne: Sie ist kaum mehr als eine Aufseherin, die auch pragmatisch mit anpacken kann, aber ihre Träume hat – sie will selbst die 'Prinzessin' sein. Wenn sie nur einmal die Gelegenheit erhielte im Seidenkleid die Treppe im Anwesen herabzuschweben, das weis sie, dann würde sie die begehrteste Frau der ganzen Welt sein. Allein es kommt anders. Ihr Onkel macht aus ihr nicht die Schöne, sondern das Biest – nur wer durch die 'monströse' Fassade der Fechterin schauen kann, wird das nette Mädchen sehen. Die romantische, naive Ader bleibt ihr trotz einiger Enttäuschungen erhalten. So lernt sie das Fechten, weil sie das Buch "Der Degenfechter, Der Nicht Tod Hieß. Von einer Dame von Stand", eine kitschige Liebesgeschichte, so sehr schätzt. Zwar muss sie erkennen, dass die Realität viel banaler und harscher ist, aber deshalb verabschiedet sie sich weder vom Buch noch von ihren Vorstellungen. Natürlich fallen in diese Zeit auch einige amouröse Wirrungen – sie ist sich nicht immer klar darüber zu welchem Geschlecht sie sich hingezogen fühlt und als sie im Theater eine erotische Szene zwischen zwei Schauspielerinnen beobachtet, verspürt sie ein warmes Kribbeln zwischen den Beinen. Genau da, wo die Männer ihr Ding haben – ihr wird doch nicht etwa auch eines wachsen? Wo sie doch Fechten lernt und noch andere Männer-Sachen macht! Die Erklärung, warum das nicht so sein kann, ist nicht nur herzallerliebst, sondern auch urkomisch.

 

Der Plot greift die Eigenarten von Katherine auf: Ihre Naivität führt zu komischen, pikaresken Situationen, ihre Freundschaft zu Artemisia und Marcus, wie auch ihre Verbindung zum Herzog, der sich in der Stadt allerlei Feindschaft zugezogen hat, verstrickt sie in Romanzen und Intrigen, die eher mit dem Herzen oder dem Hirn als mit dem kaltem Stahl gelöst werden. All diese unterschiedlichen Plotaspekte lassen sich kaum in Handlungsstränge organisieren: Zentral ist Katherines Entwicklung, wozu das Fechten und damit neben Charakterbildung und romantischen Erfahrungen auch rasante Actionszenen gehören. Es ist vor allem Marcus, mit dem sie pikareske Abenteuer erlebt. Ihr Onkel, Lord Ferris und Artemisia sind zudem in eine Intrige verstrickt, in der die Rollen nicht immer klar verteilt sind. Dem Leser stehen einige überraschende Wendungen bevor. Verknüpft mit dieser Intrige ist eine gewisse Sozialkritik: Frauen wird eingeimpft eine gute Partie machen und ansonsten still sein zu müssen. Mit der Frau heiratet der Mann eine Mitgift – und gibt das Versprechen, die Familie seiner Gattin politisch zu unterstützen. Auch darüber hinaus wird der Missbrauch von Frauen thematisiert. Wunder im eigentlichen Sinne gibt es nicht, wohl aber einige bizarre Figuren und Ereignisse, über die der Leser ebenso sehr staunen kann.

In dieser Vielfalt liegt eine besondere Stärke des Romans – ganz vorzüglich verknüpft Kushner persönliche Eitelkeiten, sozialen Druck und politische Erwägungen zu einem verworrenen Knoten von Handlungsmotiven – aber auch eine Schwäche, denn am Ende wünschte man sich einen klareren Höhepunkt; der zieht sich leider über einige Kapitel hin.

Sieht man von dieser bedauerlichen Länge ab, so ist der Plotfluss recht hoch und lässt keine Langeweile aufkommen.

Dieses in mancherlei Hinsicht an Die drei Musketiere von Alexandre Dumas erinnernde Mantel-und-Degen-Abenteuer ist das dritte in der Reihe Swords of Riverside; ihm waren Swordspoint. A Melodrama of Manners und The Fall of the Kings vorangegangen. (Der zweite Band wird als Die Legende vom letzten König im März 2009 erscheinen. Nachtrag vom 27. 04. 2009: Dieser Band ist zwar einige Jahre vor der Dienerin verfasst worden, das Geschehen spielt aber etwa fünfundvierzig Jahre danach.) Zwar tauchen einige Figuren – hier seien in erster Linie der Irre Herzog und sein Geliebter St. Vier genannt – wieder auf, doch zum Verständnis von Die Dienerin des Schwertes sind sie keineswegs nötig.

 

Der Handlungsaufbau ist weitgehend unauffällig, sieht man vom Erzählstrang-Gewirr ab: Katherines Strang wird aus der Ich-Perspektive erzählt, einige weitere – vor allem Herzog Tremontaine und Artemisia – erhalten kürzere aus der jeweiligen personalen Perspektive geschilderte Stränge. Ungewöhnlich ist der teilweise überraschende Wechsel – so werden Katherines Szenen nicht immer aus ihrer Sicht erzählt.

Der Erzählstil ist dagegen etwas gewöhnungsbedürftig, da Kushner nicht nur viele Kosenamen verwendet, die eher an die gegenwärtigen USA als an die frühe Neuzeit gemahnen, sondern auch eine – in Ermangelung besserer Worte – modern anmutende Erzählverve an den Tag legt. Hat man aber akzeptiert, dass es hier nicht ernst und getragen, sondern mit moderner Laxheit zugeht, entdeckt man, dass der Stil gut zu lesen ist und zu gewissen Eigenarten von Setting, Figuren und Plot passt; dieses Buch gibt an keiner Stelle Historizität vor und der Leser sollte sie auch nicht verlangen.

 

Fazit:

Es scheint ein großes Glück für die verarmte Landadelsfamilie Talbert zu sein, als der als Irrer Herzog bekannte Onkel die Tochter des Hauses zum Fechtunterricht in die Stadt holt, doch besagte Katherine muss feststellen, dass das Leben im Hause Tremontaine kein Zuckerschlecken wird und dass die feine Gesellschaft von Banalität und Oberflächlichkeit einerseits, Eitelkeiten und politischen Intrigen andererseits durchdrungen ist. Ellen Kushner gelingt es gut Elemente des Entwicklungsromans mit dem Intrigenspiel und amourösen Abenteuern zu verknüpfen, wobei sie die humorvollen Momente betont. Wer pikareske Mantel-und-Degen-Abenteuer mag ist gut beraten einen Blick in Die Dienerin des Schwertes zu tun.

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Titel: Die Dienerin des Schwertes

Reihe: Swords of Riverside

Original: The Privilege of the Sword (2006)

Autor: Ellen Kushner

Übersetzer: Karlheinz Dürr

Verlag: Goldmann (Juli 2008)

Seiten: 540-Broschiert

Titelbild: Les Edwards & Ciruelo

ISBN-13: 978-3-442-46707-5

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 20.08.2008, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 19:45