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Die Fürsten des Nordens von Guy Gavriel Kay

Rezension von Christel Scheja

 

Der Kanadier Guy Gavriel Kay gehört zu den Fantasy-Autoren, die sich nicht unbedingt die Mühe machen, exotische Fantasy-Welten mit phantastischen Kreaturen und Gesellschaften zu erfinden, sondern lieber historische Epochen oder Ereignisse und irdische Mythen und Sagen adaptieren. Der geschichtskundige Leser wird sehr leicht dahinter kommen, dass zum Beispiel Sarantium keine andere Stadt als Byzanz in der Spätantike und dem Frühmittelalter ist und AlRassan das maurische Spanien.

 

„Die Fürsten des Nordens“ entführt an die Gestade des rauen Nordmeeres. Seit einigen Jahrzehnten verbreiten die Erlinger Angst und Schrecken an den Küsten. Mit ihren Drachenbooten kommen sie nicht unbedingt immer, um Handel zu treiben, sondern viel öfter, um Gehöfte zu plündern und niederzubrennen, Menschen, Schätze und Vorräte zu rauben und die Menschen damit in Angst und Schrecken zu versetzen. Nur wenige Fürsten wie Aedred, der König der Anglycyn oder Brynn ap Hwyll, der Herr von Brynnfell wissen ihnen genügend Kampfkraft und Entschlossenheit entgegen zu setzen, um das Schlimmste zu verhindern.

Doch gegen feige Überfälle aus dem Hinterhalt sind sie ebensowenig gewappnet. Das muss der Herr von Brynnfell schmerzhaft erfahren, als Erlinger sein Gehöft überfallen und seine Familie als Geiseln nehmen. Nur das beherzte Eingreifen einiger Gäste und eines Erlingers, der sich auf ihre Seite stellt, verhindert ein Blutbad.

Von Thorkell Einarson erfahren die Cyngael, dass der Überfall ein Racheakt war. Die Enkel eines Mannes, den Brynn vor Jahrzehnten tötete, verlangen danach, Vergeltung zu üben. Und die Gefahr ist noch nicht vorüber, denn einer der Männer ist entkommen und wird weiter darauf sinnen, der Familie Schaden zuzufügen.

Guter Rat ist teuer, und ein weiser Mann rät den Cyngael, Verbündete zu suchen. Warum nicht unter den Anglycyn, deren König Aeldred weithin dafür bekannt ist, dass er die Erlinger im Zaum hält? Doch dieser Herrscher hat derweil andere Probleme. Immer wieder wird er von einem heimtückischen Fieber niedergeworfen, dessen Ursprung er nicht kennt. Und wenn die Erlinger von dieser Schwäche erfahren, könnten sie das für weitere Raubzüge nutzen. Tatsächlich landen beutegierige Söldner an der Küste an und fallen in das Land ein.

Nun ist guter Rat teuer, denn auch die Feenwelt scheint sich gegen den Herrn der Anglycyn verschworen zu haben, lassen sie doch einige seiner Kinder bei einem Ausritt in ihrem Wald verschwinden...

Während sich die Lage zuspitzt muss auch Thorkell Einarson seine neue Loyalität überdenken, denn einer der Männer, die sich gegen die Cyngael und Anglycyn stellen ist sein eigener Sohn Bern...

 

„Fürsten des Nordens“ zentriert sich zwar um das Schicksal Thorkell Einarsons, König Aeldreds und Fürst Brynns und dem ihrer Familien, liest sich aber dennoch eher wie ein Sittengemälde und Episodenroman, der vom Leben einfacherer und bedeutender Leute auf den britischen Inseln und an den Küsten Skandinaviens erzählt. Die Helden berühren immer wieder den Lebensweg von Menschen, der dann in den Kapiteln weiter erzählt und zu einem Ende geführt wird. Das ist zwar oft sehr interessant, der Spannung des Romans allerdings schaden die Exkurse durch ihre Häufung. Auch wenn bei genauerem Nachdenken durchaus ein roter Faden zu erkennen ist, so fragt man sich doch öfters, worum es eigentlich geht. Da die Handlung dadurch sehr einfach wirkt, gibt es keine besonderen Überraschungen und Wendungen. Der Fantasy-Anteil des Romans ist übrigens eher verhalten. Zauberei tritt so gut wie gar nicht auf und ihre Wirksamkeit ist eher gering, nur die Einbindung der Anderswelt versprüht einen Hauch von Magie.

Guy Gavriel Kays Stärken liegen in der glaubwürdigen Darstellung der Lebensumstände seiner Helden, die durch viele Kleinigkeiten Atmosphäre und Farbenpracht erhalten. Es gelingt ihm durchaus die Figuren zum Leben zu erwecken, auch wenn er ihnen bis auf Ausnahmen nicht sonderlich viel an Tiefe verleiht. Und nicht zuletzt macht er historische Gesellschaften ohne all zu sehr ins Detail zu gehen, vorstellbar. Aber man sollte bereit sein, zu akzeptieren, dass darunter die Spannung der Geschichte an sich etwas leidet und die Handlung immer wieder vorhersehbar ist.

 

Alles in allem ist „Fürsten des Nordens“ eine interessante Adaption historischer Kulturen und Geschehnisse in Skandinavien und auf dem britischen Inseln aus dem 8. und 9. Jahrhundert – an die Raubzüge der Wikinger und die Kriege Alfreds des Großen - mit stimmungsvollen Schilderungen und durchaus spannenden Episoden, aber wie alle Romane von Guy Gavriel Kay besitzt das Buch auch Längen und Schwächen, die nicht von der Hand zu weisen sind, und die man schon hinnehmen sollte, um es wirklich genießen zu können.

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Die Fürsten des Nordens

Autor: Guy Gavriel Kay

Original: The Last Light of the Sun

Übersetzerin: Irene Holicki

Piper Verlag, 2007

Gebundene Ausgabe, 551 Seiten

ISBN-10: 3492700985

ISBN-13: 978-3492700986

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.04.2007, zuletzt aktualisiert: 13.07.2019 19:34