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Leseprobe: Die Konferenz oder Wie G.O.T.T. erfunden wurde

Unendlich hoch erschien der Schacht über ihm. Verborgen hinter unreinem Licht von der Farbe toter Flamingos lag die Decke. Aus unbegreiflichem Anlaß stellte er sich tote Flamingos vor, blaß in der Kälte des Todes jedenfalls und von irgendetwas beschmutzt. Was hätte sich ein Mensch in seiner Lage sonst vorstellen sollen? Alles mögliche, natürlich alles mögliche, Gott weiß was, die Geliebte, die Eltern, scharfe Mädchen, ein Konzert von Purcell. Warum gerade Purcell? Es schien sich um eine jener Unwägbarkeiten zu handeln, eine Laune. Er aber wollte sich nicht Launen ausliefern. Zu Purcell hatte er nie eine herausragende Beziehung gefühlt, konnte sich überhaupt an Töne nicht erinnern in diesem scheinbar schalltoten Kubus. Stand für Taube die Zeit still? Wie wär‘s mit Autismus der gelegentlichen Hellsichtigkeit wegen? Dann schon lieber tot oder besser, Bilder aus der Vergangenheit. Verreckte Flamingos sind so gut wie alles andere. Vielleicht war es der Reflex eines Erlebens jenseits des unermeßlichen Zellenschachtes, jenseits der Erinnerung. Irgendein Filmvorspann begann so: Flamingos und wippende, braune Brüste. Na bitte, da haben wir sie ja, die Verbindung zum entsetzlich Banalen. Immer kehrt der Mensch auf Umwegen dahin zurück. (Noch unterm Fallbeil bekennt er sich zu den heren Idealen der Revolution). Und denkt doch an das warme Fleisch der Menschin, an den süßen Duft der Liebe, an Verführung, zitternde Erwartung. Make love, not war. Ficken statt Schießen und all der andere Schwachsinn militanter Pazifisten. Dialektik? Hatte er sich immer gewünscht. Jetzt hatte er sie. Und verstand Gott noch immer nicht. Wie sollte er da sich selber verstehen? Für sich selbst suchte er nach einem Credo jenseits der Moden und fand keines.

Money, money, money, money, money, money, money, money, money, money, money, money, moneymoneymoney, money, money, money.

Alles war Cabaret. Triste Einsicht, aber gesungen klang sie doch ganz nett; und Gott ist ewig, tirili, tirila.

Am Grunde der Unendlichkeit hockte er. Manchmal ging er auf und ab, manchmal ließ er sich nieder, manchmal maß er mit den Füßen Länge und Breite des Raumes, manchmal nicht. Es ergab sich ja keine Veränderung. Aber wenn der Wunsch danach allzu stark in ihm wurde, unternahm er doch wieder einen Versuch, setzte balancierend Fuß vor und Fuß neben Fuß, errechnete infinitesimale Flächenverschiebungen als Beginn eines statistischen Bauwerkszerfalls. Er proklamierte die Auflösung der Materie als ehernes Gesetz des Fortschritts. Er beschwor die Brownsche Molekularbewegung und den Maxwellschen Dämonen im Namen des Vaters, des Sohnes und der ganzen Heiligen Scheiße und hatte gleichzeitig deren Abschaffung beschlossen.

Die ihr hier eingeht, laßt alle Hoffnung fahren! Das war keine moderne Zelle, wie man sie aus Filmen wie ‘Das Blöken der Lämmer‘ kennt, auch kein Verlies à la ‘Graf von Monte Carlo‘, obwohl sein Schicksal, ohne Parallelen zu bemühen, dem des unglückseligen Grafen ungleich näher lag als dem des Kannibalen. Sie, die Zelle, stellte irgend etwas dazwischen dar. Ein paar Füße und etwas lang, ein paar Füße und etwas breit, acht und vierzehn jeweils und etwas, vielleicht das Viertel und das Drittel einer Fußlänge oder Breite, dieses Etwas. Soweit die Normalität. Aber die Höhe! Den Kopf weit in den Nacken gelegt, starrte er hinauf. Wenn man sich am Blick hinanziehen könnte, wie weiland Münchhausen am Zopf aus dem Sumpf, wohin gelangte man dann? Ungeachtet der unbeantwortbaren Frage, versetzte die Vorstellung einer solchen Möglichkeit ihn in einen seltsamen Zustand der Träumerei. Er konnte, aller Realität zum Trotz, wieder hoffen, nicht auf wirkliche Rettung, aber doch auf ein Wunder. Hatten sie so etwas eingeplant, vorausgesehen? Was bezweckten sie damit, damit, ja, damit? Mit seinem Glauben, mit seiner Hoffnung zu spielen. Mit allem bezweckten sie etwas. Mitmitmit, kiwitt, kiwitt. Wie klein man sich vorkam als Zweck, Zwecke, Zecke. Es war lächerlich, ihn noch zusätzlich zu quälen. Aber was wußte er von deren Motiven? Sie hätten ihn gleich töten lassen können, ohne viel Aufhebens, ein Schuß; ein Schlag ins Genick, ist billiger (aber die mußten nicht sparen), den Leichnam verscharrt im Gletschereis. Fünftausend Jahre später würde die Mumie der Wissenschaft Rätsel aufgeben. Lag ein Verbrechen vor oder eine Hinrichtung? Was bedeutete diese Narbe, jener alte Bruch, der letzte Mageninhalt?

Sie haben tatsächlich noch Fleisch gefressen, damals. Richtiges, echtes Fleisch! Shocking! The Queen is not amused.

Die Queen würde es noch geben, irgendeine jedenfalls. Und ewig grüßt das Empire. Rule Britannia, Britannia rule the waves! Wie ging doch gleich die Melodei? Da dadada dadada dadada. Klingt irgendwie nicht. Gott erhalte Franz den Kaiser. Daaaa dadaada daadadahada. Ein Trauermarsch. Allons enfants de la patrie. Dada dada dadadada. Das schon eher, riecht nach Kampf und Ruhm, wenn auch blutrünstig. Ein Weltreich im Geiste erobern. Die Russen hatten Napoleon geschlagen, starkes Volk eben, Bollwerk gegen, trotz Wodka oder wegen. Wie sollte man nüchtern diese Welt ertragen? Er wußte, daß er sich nicht besaufen würde vor dem letzten Gang. Ein Gläschen Champagner vielleicht, Brut, Chateau de Sade, verschafft klaren Blick. Hatte Le Impereur gefehlt. Wahrscheinlich würden die Moskowiter wieder einen CZaren haben, während die Deutschen sich ängstlich unter der Knute der Demokratie eines kommunistischen Kaisers ducken würden. Der Große Bruder liebt dich. He is democrat mit Leib und Seel und liebt alle, natürlich alle verdammt noch mal, wie dë liobê Got. Ozeanien würde Krieg führen gegen Eurasien. Zweifelsohne würde man englisch sprechen zu jener Zeit, vielleicht denglisch im wieder zerfallenen Europa. Zur Völkerverständigung würde es hinreichen. Auf englisch klingt alles nach Understatement, selbst in Neusprech, gerade dann, erträglich eben, selbst das Dramatischste, eben very british. Tomorrow will go down the world, dubblepluscool. Aber bitte nicht five o clock! The Queen would not be amused, tastete Gott zu Armageddon die geheiligte Teestunde an. Was würde die Queen sagen, überbrächte man ihr die Nachricht vom Auffinden seines Leichnams? Der Große Deutsche Bruder würde ihn für sich beanspruchen, ebenso der CZar. Grund für einen neuen Krieg. Doch vielleicht hatten die Deutschen bis dahin einen veganischen Großkaiser, der den Gegner mit Kohlköpfen bombardierte. Man würde die Gletschermumie nach Majestät benennen, sofern ihr Mageninhalt rein pflanzlicher Herkunft wäre. Er bemerkte, daß er grinste. Ja, so würde er vors Peloton treten und mit dem überlegenen Grinsen des Fleischfressers, des Kannibalen, des siegreichen Soldaten, des strapazierten Menschen, des ewigen Verlierers, des Weisen der vorletzten Erkenntnis, des hoffnungslosen Idealisten, des Träumers und Gläubigen des letzten Moments, des niemals Aufgebenden, in den Tod gehen. Sollten sie rätseln, warum die Mumie lächelte. Rätsel über Rätsel. Vielleicht war das ein Ritualopfer, von Vegetariern vollzogen. Recht so, die Mumie grinst. Gott segne den Käsar und seine Mahlzähne! Veganer, Fruttarier, harmlose Irre gegen die, in deren Auftrag er exekutiert werden sollte, deren Person und Namen er nicht kannte, über deren Ziel und Absicht er nur grob informiert war. Aber auch das Wenige konnte Irreführung sein.

Der Vorsitzende Ehrenwerte Richter beugte sich ihm zu und lieblächelte fürchterlich, so daß die Beisitzer erbleichten und um ihr Leben bangten, nicht etwa um seines.

– Was haben wir denn empfunden, als wir die Mama mit dem Onkel erwischten?

– Ich war ein Kind. Ich verstehe nicht, was die Frage mit meinem Fall zu tun hat.

– Sie haben Anspruch auf Gerechtigkeit. Wenn wir Sie erschießen, wollen wir das mit gutem Gewissen tun und wenn nicht, dann auch.

Die Gefahr, die von dieser zweideutigen Formulierung ausging, zog ihm plötzlich den Magen zusammen. Wer waren seine Gegner? An denen würde die Welt nicht genesen, und die Queen würde nicht amüsiert sein. Die kannten keinen Spaß. Profit kennt keinen Spaß. Eher hat ein Fundamentalist Witz als ein Profiteur. Dreihundert Prozent, fünfhundert Prozent, tausend! Auf was hatte er sich da eingelassen in seiner Naivität, in seinem lächerlichen Willen zu leben (und das auch noch sinnvoll). Er hätte schon längst tot sein können, erfroren im ewigen Schnee eines unbekannten Gebirges. Ein schöner Tod, ein leichter Tod. Warum noch ein Gerichtsverfahren?

Giftgrünes Ölpaneel, unter schmutzigroséfarbenem Kalkanstrich in der dritten und vierten Dimension. Vergangenheit und Zukunft in einem einzigen fortdauernden Moment; ja, was hatte er empfunden, damals? Auf dem Zellenfußboden (in der Farbe getrockneten Bluts) inventarisierten sich: ein Klapptisch, eine Pritsche, ein Hocker und der Abort. Ausguß und Wasserhahn wirkten neu. Poliertes Chrom und Porzellan schufen die Illusion zivilisatorischer Verläßlichkeit. Man würde ihn nicht quälen. Er ließ Wasser tropfen, um verrückt zu werden. Aber er wurde es nicht. Tock, tock, tock, tock. Er zählte bis sechshundertsechundsechzig, die Zahl des Tieres. Dann gab er den Versuch auf und starrte in den blaßroséfarbenen Tod.

Wie Gottes Glanz drang stets für ein paar Stunden aus unerreichbarer Höhe diffuse Helligkeit durch ein Geviert von Glassteinen zu ihm herein. Nachts verbreitete eine Glühbirne hinter vergitterter Abdeckung brandiges Licht, das bis in seine Träume drang. Es hatte keinen Sinn, die Tage zurück oder nach vorn zu numerieren. Denn das Datum seiner Hinrichtung war unbestimmt. Von Mal zu Mal sagte man ihm, morgen, von Mal zu Mal, nächste Woche, von Mal zu Mal, nächsten Monat. Dann hob man den Termin wieder auf und verschob ihn ins Irgendwann. Wie lange noch? fragte er, allein wegen dessen Grinsens, den Wärter, der ihm dreimal täglich eine Mahlzeit brachte. Der Ton seiner Frage variierte von eindringlich über fordernd befehlend zu um Erbarmen bittend. Die Reihenfolge war nicht festgelegt, folgte keinem Konzept, keiner Strategie. Wie lange? Aber der Wärter spitzte nur sein Breitmaul, um desto effektiver in ein Grinsen mit immer dem nämlichen Affekt auszubrechen; Clownerie eines angekündigten Todes. Diese Verläßlichkeit empfand er als beruhigend. Er verfügte über keinen Rechtsanspruch auf den Zeitpunkt der Exekution. Auf gar nichts besaß er einen Anspruch. Man hatte seine Existenz reduziert auf einen Stempel, ein Formular und ein paar Unterschriften. In solchem Zustand ist nichts mehr maßgeblich als die Erinnerung. Um ihr ab und an etwas hinzufügen zu können, fragte er, von einem gewissen Trotz geleitet, in regelmäßig unregelmäßigem Intervall nach dem Wann und erhielt als Antwort jedesmal ein überlegen stumpfsinniges Grinsen und ein clowneskes Schulterzucken. Tat er dem Manne nicht unrecht? Vielleicht verspürte der Mitleid und drückte sich auf diese Weise aus. Wieviel unschuldig Verurteilte mochte er betreut haben, ein Dutzend, hunderte? Dann würde er, auch ohne die Muttersprache des Delinquenten zu beherrschen, die Frage verstehen. Oder nicht und seine Mimik galt irgend etwas gänzlich anderem, der eigenen Not oder einer sadistischen Freude? Aber wenn er einen Arzt anforderte, dann kam der Arzt. Jedes Mal aufs neue verlieh der ihm den Status, ohne Befund, selbst noch, was selten vorkam, wenn er ihm völlig grundlos Medikamente schickte, ohne Befund. Er spülte die Tabletten und Pillen im Klo hinunter. Wann? fragte er auch den und erhielt immer die gleiche Antwort:

»Werden Sie erst mal gesund.«

»Ich bin nicht krank.«

»Ich bin für Ihre Gesundheit verantwortlich.«

»Es ist so still hier.«

»Na sehen Sie!«

»Ich bin nicht taub.«

»Vielleicht hilft Ihnen das Selbstgespräch.«

Das schien ein wirklich menschlicher Ratschlag zu sein, und irgendwann beherrschte er Rede und Gegenrede seiner monologischen Erinnerung sogar in unterschiedlicher Diktion.

Er hatte es sich abgewöhnt, nach Logik in den Antworten des Mediziners wie in seinen eigenen zu suchen, nach der Logik seines Zustands überhaupt. Diplomatische Verwicklungen schien sein Schicksal nicht zu bewirken. Niemand kümmerte sich um ihn. Offiziell war er vielleicht längst für tot erklärt worden, abgestürzt in einer klapperigen Chartermaschine an unbekanntem Ort, von keinem Satellitenortungssystem auffindbar, unter Schnee und Eis begraben wie in dieser Zelle. Das kleine Universum um ihn herum war leer. Er schien der einzige Gefangene zu sein. Niemals vernahm er einen anderen Laut, als den Schritt des Wärters, aus der Ferne des langen Ganges näherkommend, das Rasseln der Schlüssel, das Schurren des Plastegeschirrs. Einmal am Tag Hofgang, eine halbe Stunde. Hohe Mauern schirmten die Sicht nach allen vier Seiten hin ab. Die Luft war gleichmäßig kühl. Auch von außerhalb drang niemals ein Laut, bis auf den Wind gelegentlich. Niemals ließ sich ein Vogel nieder.

Anfangs hatte er sich das Gehirn zermartert, warum er schuldig sein sollte. Schuldig wessen? Er hatte die Anklagepunkte ihrem Sinn gemäß nicht verstanden. Ein Schriftstück war ihm nie ausgehändigt worden. Andererseits hinterließ das Hohe Gericht bei ihm nicht den Eindruck der Voreingenommenheit. Richter und Staatsanwalt hatten in sachlich-professionellem Ton Inhalt und Auslegung von Paragraphen verhandelt. Die Fragen an ihn waren von keinerlei Emotion getragen, ja, sie erweckten im großen und ganzen sogar den Anschein menschlichen Wohlwollens.

– Wann sind Sie auf die Idee gekommen, es handele sich um eine weltweite Verschwörung?

– Nicht um eine Verschwörung, eher eine Interessengemeinschaft.

– Aber doch eine nach Ihrem Empfinden, die sich konspirativer Mittel bedient.

– Man manipuliert Menschen.

– Das ist kein Verbrechen. Die Gedanken sihind frei, niemand kann sie erraten, sie fliegen vohorbei wie nächtliche Schatten, lalalala lalala (der Große und Ehrenwerte Vorsitzende verfügte über eine außerordentlich gepflegte Singstimme). Also bitte, können Sie sich konkreter zur Sache äußern?

– Man nimmt den Tod von Menschen billigend inkauf.

– Wo tut man das nicht? Wenn Sie ein Auto fahren! Wenn Sie eine Kettensäge kaufen! Wenn Sie einen Menschen verfluchen. Haben Sie jemals in Ihrem Leben jemanden auf den Tod gehaßt?

– Nein.

– Sind Sie sich dessen sicher?

– Ich glaube schon.

– Sie glauben. Wir aber müssen wissen. Ich kann Sie nicht verurteilen ohne handfeste Fakten.

In seiner Stimme hatte ein gewisses Bedauern mitgeschwungen. Aber es war ungewiß, welchem Umstand es galt, der Verurteilung oder den Fakten. Immerhin schienen es gebildete Leute zu sein, beherrschten sie doch akzentfrei seine Sprache und glänzten durch fulminante Kenntnis des Völker- wie des Menschenrechts. Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren, auch an der Sorbonne und in Cambridge. Ein wahrhaft internationalistisches Gericht, dem man vertrauen durfte. Gelegentlich verstiegen sich Richter und Staatsanwalt sogar zu einer philosophisch geistreichen oder dichterischen Sentenz, die wohl - wenngleich ihm ein redegewandter Verteidiger vorenthalten wurde - ihren humanitären Anspruch wie ihren Witz unterstreichen sollte.

– Gut gehängt ist besser als schlecht verheiratet (bedeutender englischer Dramatiker).

Krachlachte da der Große Vorsitzende und schlug dem linken Beisitzenden generös mit der Faust auf den Zwergenschädel über welchselbiges Lob der rechte Beisitzer sich gallig ergrimmte.

– Angeklagter, machen Sie hier nicht den Don Quixote de la Mancha y Molinas y Torres y Rosinante y Konsonante y Dulcinea, drohbüttelte er, kriecherisch schielend auf den Delinquenten.

Doch der Vorsitzende bedachte ihn mit einem Blick, daß er das Blut der letzten Mahlzeit hochwürgte und die gelben Vampyrzähne (1.1 und zwo.1 nach modernster Zählart) schuldbewußt in die eigene Unterlippe schlug.

– Was ist der Mensch? inszenierte der Staatsanwalt die Position der Anklage und alle behördlich Beteiligten nickten feierlich und hoben drei Finger zum Satansschwur.

Man gab dem Angeklagten hinreichend Gelegenheit, sich zur Person und ihren Umständen zu äußern. Was hätte ein engagierter Advokat bewirken können? Die Umwandlung in lebenslänglich? Freispruch? Bar allen Egoismus’, hatte er keine Angst vor dem Tod, nicht einmal vor der Sekunde, da dem Sterbenden das ganze Leben noch einmal vorüberziehen soll. Das hatte er bereits hinter sich. Die Freiheit? Wohin hätte er zurückkehren sollen, in welches Leben, in was für eine Welt, die seiner angemessen wäre nach allem was geschehen war? Denn wer würde ihm glauben? Was müßte er bereuen? Alles? Oder nichts? Beide Extreme schlossen ein vernünftiges Weiterleben aus, und er war dem Richter letztlich sogar dankbar für dessen Konsequenz, ihm die letzten Geheimnisse der menschlichen Welt zu erklären. Vielleicht hätte er seine gewesene Position im Namen der Karriere nicht annehmen dürfen; ein alltägliches Geschäft, wie es Tausende gab auf der Erde. Aber wie hätte ein Mensch, allein der Logik verpflichtet, die Verbindung zu diesem Ausgang ahnen sollen? Käme er in diesem Punkt mit der klassischen Dialektik weiter?

Er hatte seine Arbeit als Assistent des Chefmanagers getan, und genau genommen hatten die Geschehnisse, die ihn schließlich hierher an diesen seltsamen Ort führten, direkt nichts damit zu tun, es sei denn, man glaubte daran, daß alles mit allem im Kosmos zusammenhängt. Daran zu glauben hatten ihn ganz andere Ereignisse gelehrt. Die Umstände hatten ihn gezwungen, die Not. Im Allgemeinen beginnt solch Prozeß ziemlich harmlos. Meist gibt er sich den Anschein der Zufälligkeit. Aber dann zeigt er plötzlich sein wahres Gesicht und erwirkt Einsichten, Erkenntnis, im schlimmsten Falle Weisheit. Ein solchermaßen gebeutelter Mensch kann sich nicht mehr mit Harmlosigkeit herausreden. Er ist verantwortlich!

Wie hatten alle ihn gedrängt, endlich Karriere zu machen. Er wollte sie nicht enttäuschen. Eigentlich hätte er, einem infantilen Drang oder einer genetischen Störung zufolge, seine Tage damit verbringen wollen, die Welt zu retten. Vor den Menschen. Die Menschen: vor sich selbst. Das Selbst: vor den anderen.

– Ein hoher Anspruch, hatte der Ehrenwerte Richter kritisiert. Aber wir waren ja alle mal jung. Haben Sie nicht gelernt, dialektisch zu denken.

– Ich habe gelernt, daß alles mit allem zusammenhängt.

– Na sehen Sie, das ist doch schon mal was. So kommen wir uns doch näher.

Auf der Stufenleiter des beruflichen Erfolgs war er als Protegé spät, jedoch zügig nach oben gerückt. Lediglich Assistent, war er doch verantwortlich für ein riesiges Gebiet, während sein Vorgesetzter mit den Stammesfürsten Privatgeschäfte von exotischen Margen einfädelte. Dort, in der Zone mittelalterlichen Stillstands, sollten die Produkte des Konzerns Fuß fassen. Käufer waren zu animieren, Untervertreter zu rekrutieren, Standorte für neue Produktionslinien zu erschließen. Corporate idendity war gefragt, hier mehr, denn an jedem zivilisierten Ort, absolute Loyalität zur Firma und ihrer Ideologie bis hin zur Selbstaufgabe. War er hier schon zum Verräter an sich selbst geworden?

Willst du den Erfolg? Ich will! Willst du Akzeptanz? Ich will! Willst du glücklich sein? Ich bin es! Lauter, flüsterte das Maschinengewehr Gott Mammons und lud das Magazin mit frischen Münzen. Wir wollen wissen, wer da zu uns aufsteigt aus dem Sumpf der Anonymität. Wir verwalten das wahre Leben, die Macht. Schrei lauter, Adept, ich will. Aber nach des Tages Arbeit umgab ihn die Stille und die Weite der Halbwüste, begrenzt vom fernen Gebirge, und eines Tages fragte er sich, wohin er zurückkehren sollte, wenn er denn zurückkehrte. Was für eine merkwürdige Metamorphose, so in die Stille gedacht, hatte die Stille in ihm vollzogen. Was für eine merkwürdige Geschichte überhaupt.

 

 

 

2. Kapitel

Sonnabend. Oder war es ein Donnerstag gewesen? Als wenn das wichtig wäre. Jedenfalls ein Tag im April. Die Heiligen vom Berge johlten im Wind. Der trieb das Flugzeug sonnenwärts, rüttelte es hin und wieder in einer erträglichen Turbulenz durch und drehte mit, als es in elegantem Bogen vom Meer weg hineinflog ins Gebirge mit dem fremdklingenden Namen, aus welchem (dem Mythos zufolge) noch nie eine Seele zurückgekehrt war. Aber die Heiligen vom Berge johlten, als wollten sie die alten Mythen und Legenden lächerlich machen. Gleich einem Virus, dem die Gegend nichts an Abwehrkräften entgegenzusetzen wußte, hatte er sie hierher mitgeschleppt, empfand sich indes selbst als fremdartigen Erreger, importiert aus den Fieberebenen des Westens und des Südens, wo man ihn und jene schon gar nicht mehr als solche bemerkte aus der Gewohnheit von Jahrhunderten. Dort mochten sie johlen, die Heiligen des Tieflands. Keiner gab ihre Existenz zu, und jeder verehrte sie dennoch. Auf mysteriöse Weise verschwanden und erschienen sie, wechselten Gestalt und Stimme und blieben doch Schemen, Ausgeburten des Irrsinns dieser Zeit und aller anderen vor ihr. Und doch existierte ein Unterschied zu früher: Vervielfältigt waren sie fett geworden die bunten Schattenwesen. Meist gaben sie sich harmlos, grinsten unsichtbar von Hauswänden und Bürofassaden, johlten lautlos als Echo, Reflex von unbefriedigten Biophotonen oder anderen Elementarboten, vielleicht dem Higgs-Teilchen. Aber immer steckte ES dahinter, das schöne Grauen des Heils.

– Leander, Sie brauchen Urlaub, hatte sein Chef gesagt. Nehmen Sie sich ein paar Tage frei, ehe wir in die heiße Phase der Verhandlungen mit diesen verdammten engstirnigen, geldgeilen Kaziken eintreten. Sie werden uns wieder ihre Weiber zum Vögeln anbieten. Wir brauchen Ihre Diplomatie. Also fliegen Sie nach Paris, gehen sie ins Bordell oder in den Louvre, besuchen Sie Ihre Familie, grüßen Sie Ihren Vater und Ihre Mutter und den Rest der Mischpoke. (Dr. Reispincher konnte sich den Ton erlauben. Man kannte sich gut genug.)

Was seine angebliche Begabung zur Diplomatie mit dem anderen zu tun hatte, blieb schleierhaft. Warum sollte er nicht ins Bordell und in den Louvre gehen? Auf beides verspürte er keine Lust. Rom die Ewige Stadt, Berlin, Athen des Nordens. Er fühlte sich fremd mit der Vorstellung von Geschichte, deren Gegenwart nicht die seine war. Die lag begraben im Staub der Sterne und wirbelte manchmal irdisch auf mit den Fallwinden vom Gebirge. Dann fühlte er schmeckend, riechend den Stoff aus dem der Mensch gemacht war und begriff den verborgenen Sinn der Legende, jeglicher Legende, fernab von den Fakten akademischer Historiographie. Gott erhalte Franz, den Kaiser. Wie hatte der 1.FC Köln gespielt? Die Börse notierte und die Heiligen johlten bei jedem Tor, und die Verdammten taten es ihnen nach. Wer war Gewinner, wer Verlierer?

Die Wetterlage hielt sich stabil. Kein Grund zum Übermut. Aber die Heiligen johlten. Verdammtes Pack, und Ehre sei Gott in der Höhhöhhöh‘. Er fühlte sich nicht verbraucht durch den Zwiespalt zweier Wirklichkeiten, weil er noch immer geglaubt hatte, auch auf diesem Wege ein nützliches Mitglied der westlichen Zivilisation zu werden. Dem widersprach in gewisser Hinsicht ein hin und wieder aus ihm heraus dringendes überlegenes Lächeln, dessen entlarvenden Charakters er sich nur teilweise bewußt war. Da er das Signal jedoch zuließ, wirkte es offenherzig und charmant, was ihm in der eigenen Firma den Ruf eines privilegierten Aufsteigers mit großer Zukunft eingebracht hatte. Hinsichtlich seiner Vergangenheit wurde nur geraunt. Die Neider allerdings nannten ihn überheblich und (eben wegen des zweifelhaften Vorlebens) ein Sicherheitsrisiko, erwiesen sich jedoch als unfähig etwas gegen dieses charismatische Mienenspiel auszurichten, dem die Geschäftspartner während der Verhandlungen beim Tee, je mehr sie sich in die Länge streckten, Vertrauen schenkten und durch das Ausschlagen gewisser Angebote nicht beleidigt waren.

Mühsam zog die Maschine auf die vorgeschriebene Höhe. Die Motoren dröhnten. Angenehm schmerzhafte Vibrationen durchfluteten den Körper. Tief unter ihnen, begraben von Eis und Schnee, lagen uralte Zeichen, Spuren wahrhaftiger Tragödien, um die sich heutzutage kein Mensch mehr scherte, Titanengliedmaße, abgestürzte außerirdische Raumschiffe und dergleichen spinnertes Zeugs mehr, während sich die Menschheit um ihre Zukunft sorgte.

Leander Beekensleit wandte den Blick ab von der Ferne. Einer der Mitreisenden auf der anderen Seite des Ganges nahm soeben aus der Hand des Piloten einen gefüllten Becher entgegen, hob ihn sachte, mit einer gewissen, graziösen Zärtlichkeit, die man seiner massigen Erscheinung nicht zugetraut hätte, an die Lippen. Die große, gebogene Nase ragte in den Becher, als wollte sie vogelgleich nippen. Man nickte sich, so von Passagier zu Passagier und gleichsam erkennend zu, hello und Maseltow, Oxford, Cambridge, Berlin, New York. Aber der Mann war mit einiger Sicherheit so wenig Engländer wie Leander Beekensleit Jude, wirkte eher wie ein Franzose (e französischer Goj, wennse mir folgen können, Nachfahre von Jesus und Maria Magdalena), aber wenigstens doch auf angenehme Weise gegenwärtig, unbelastet von einer schwermütigen einerseits oder allzu intellektuellen Geschichte andererseits und somit kein Brite, was deren Qualitäten nicht schmälern soll (3.000jährige abrahamitische Versuchung hinterläßt ihre Spuren, und daß der Apfel nach unten fällt, hätte man auch außerhalb des Empire mitkriegen können), erschien dem Beobachter somit durchaus irdisch, uneitel und von bescheidener Unbescheidenheit. Der Pilot hingegen in all seiner monströsen Häßlichkeit hätte aus Trollgeschlecht stammen können, derart grotesk unmenschlich wirkte seine Erscheinung, ein Bruder Quasimodos, des unglücklichen Glöckners, wenigstens. Gütig wie ein echter Seelsorger verteilte er Kaffee, erkundigte sich virtuos in fünf oder sechs Sprachen nach dem Befinden, stieß einen Laut des Jammers aus, wenn die Antwort auch nur im Tonfall Ungemach andeutete und tröstete einen jeden, der die Gabe des flüssigen Labsals empfing, in dessen Muttersprache mit leiser Stimme, inbrünstig wie ein Gebet mit den Verszeilen seines Nationaldichters:

»›Wohl bei den Sternen bin ich geboren.

Sterbend im Eis will ich leuchten,

Wenn alles schläft und niemand fragt,

Für immer.‹«

Das klang auf Französisch so anmutig wie auf Englisch weltgreifend, auf Gälisch geheimnisvoll. Das Norwegische brauste auf und verhallte introvertiert. Ungarns Ruf senkte sich mit mahnender Melodie.

Aus reinem Mutwillen oder weil er ihn bei seinem Ehrgeiz packen wollte, fragte Leander Beekensleit, ihn französisch anredend, ob er das auch auf Hebräisch fertig bringe. Das Monstrum von einem Flieger blickte ihn durchdringend an, mit einer Aufmerksamkeit, die wie der Segen des Vaters für den Sohn wirkte. Dann wiederholte er den Vers in der Sprache Israels. Ein einsamer älterer Tourist klatschte Beifall. Ein bescheidener erster Diener seiner Passagiere wandte sich der Rezitator Leander Beekensleits Nachbarn wieder zu, indem er auf den Becher in dessen Hand anspielte.

»Ich hab ihn nur halb voll gemacht«, erklärte er fürsorglich auf Deutsch. »Wegen etwaiger Turbulenzen. Sie können jede Menge nachbekommen.« Als leiste er einen heiligen Eid, legte er die Pranke an die niedrige, fliehende Stirn, während die Wülste der Lippen ein theriomorphisches Gebiß entblößten.

»Ja, ja, ist recht«, erwiderte akzentfrei der Eulennasige. Mit leichtem Atem blies er über das heiße Getränk. Gütig verzeihend betrachteten seine in dem flächigen Antlitz klein wirkenden Augen den Umstand, so wie er möglicherweise immer auf alles und jeden mit einem ähnlichen Ausdruck blickte. Obwohl sie sich gar nicht kannten, fühlte sich Leander Beekensleit diesem Gleichmut verpflichtet, in gewissem Sinn sogar ausgeliefert. Eigene Erfahrungen oder uralte Erinnerungen des Menschengeschlechts in ihm lehnten sich allerdings dagegen auf, indessen eine Ahnung ihn in dieser wie in jener Hinsicht zur Vorsicht gemahnte. Konnte man dieser Mimik trauen? Wo war er dem Phänomen schon einmal begegnet, irgendwo und immer aufs neue? Schaute nicht der Ältere stets mit überlegenem Wohlwollen auf den Jungen, der Prüfende auf den Lernenden, der Adept auf den Suchenden, die Verführerin auf den Verführten, erwartend, daß er sich einreihte hinter ihre Phalanx der ex kathedra Agierenden und der dem Unschuldslamm Segenspendenden? Wo war sie hin die Zeit der Tugend, da niemand etwas von ihm erwartete, etwas, dem er nicht gerecht werden wollte oder konnte? Dennoch erwiderte er die Geste des anderen mit einem gewissen Zutrauen. Merkwürdiger Mensch der, mit seiner langen, gewellten Haarmähne, um den feisten Hals die Goldkette (24 Karat oder mehr, wenn das ginge), gestohlen aus dem Schatz des Nibelungen, des weisen Piloten Alberich.

Jenes väterliche Freundlichkeit und dieses mütterliche Fürsorge stellten wenigstens in Leander Beekensleits Phantasie eine Erfahrung dar, die den ganzen Sinn des Fluges in sich zu vereinen schien. Von grenzenlosem Vertrauen darein erfüllt, entfernte er sich mit jedem Kilometer um Äonen von seiner Vergangenheit, ein Zeitreisender, an dem Namen und Ereignisse epochengleich vorbeirasen, ab in die Anonymität, ein Konzert von Rachmaninow (gestorben irgendeines ‘43 in Amerika; vergiftet vom NKGB oder von den Handlangern des Vatikans?), ein Roman von Houellebecq (hatte sich vor Jahrhunderten zu Tode gevögelt oder seine Seele verkauft), ein Figth zwischen Sir Henry und Max Schmeling (waren die überhaupt eine Gewichtsklasse gewesen?), eine Ausstellung prähistorischer Kunst (wer war dieser Beuys?), ein Theaterstück von Jelinek (hatte dreimal den Nobelpreis bekommen und war von der Queen geadelt worden), Bildungsreisen für den Start ins Leben, Stationen des Vorteils, der Überlegenheit, des Trainings zur Vertrauensbildung in die eigene Fähigkeit (vertrauet alle Gott, oijoijoi). Zweifel am Zweifel. Für welche Art von Vertrauen sollte die Fürsorge des Piloten den Eulenmann konditionieren, und was hatte das alles mit dem Hier und Jetzt und mit ihm selbst zu tun? Vermutlich nichts.

»Coffee, Sir?«

»Sie können deutsch mit mir reden.«

»Verzeihung, Meister. Ich war mir nicht sicher, da Sie das Französische mit englischem Akzent sprachen. Sie sehen nicht aus wie ein Deutscher.«

»Wie sieht ein Deutscher aus?«

Der fürsorgliche Außerirdische beehrte ihn mit einem Lächeln, das man jedem Erdenwurm übel angekreidet hätte, so wehrlos machte es einen. »Wie Hardy Krüger vielleicht.«

»Nicht wie Adolf Hitler?«

»Das ist doch lange her.« Noch immer lächelnd goß der Himmelsgeborene ein.

Er nahm den Pappbecher entgegen. »Fliegt die Maschine ohne Sie?«

»Keine Sorge, mein Co-Pilot kann das auch ohne mich.«

»Wie lange fliegen Sie schon?«

»Ein Leben lang. Ich wollte nie was anderes tun. Beim Fliegen ist man den Sternen näher, verstehen Sie. Als die Armee mich nicht mehr brauchte, gründete ich meine eigene Fluggesellschaft, Rundflüge, Jagdgesellschaften, Trauungen, Luftbestattungen, Vögeln in zehntausend Metern Höhe. Die Jungen sind ganz scharf auf solche Orgien. Oder einfach Transport. Dieses Land ist unermeßlich, selbst heute noch. Es braucht die Fliegerei.«

»Mit Maschinen aus dem Zweiten Weltkrieg?«

Der Pilot lachte verschämt erbaut über den Witz, wie ein schweinischer Pfaffe ob einer Laszivität. Sein Gelächter klang auf als rezitiere er wieder die Poesie des Volkes in mindestens fünf verschiedenen Zungen. »Das waren nicht die schlechtesten. Gott mit Ihnen, Meister.« Er zog weiter, trug seinen Vers vor, verteilte Kaffee an die zwanzig Passagiere, die einen Rundflug zum Zentralmassiv mit seinen einmaligen Gletschern und Formationen gebucht hatten, Zwischenlandung auf Kufen im Schnee und Ausflug inclusive, wenn auch offiziell verboten. Die Passagiere waren instruiert, warme Kleidung und praktisches Schuhwerk mitzuführen. Das waren die Neureichen, Angeber allesamt in Leander Beekensleits Augen mit ihrer geliehenen Wichtigkeit; ein paar Ausländer noch, wahrscheinlich Touristen, die weder das Wunder einer sich in die Lüfte erhebenden Maschine, noch das ihres eigenen Daseins nachvollziehen würden: Ein junges Mädchen samt ältlichem Geliebten. Wie der die wohl rumgekriegt hatte, dieser Senilokrat! Kein Neid bitte. Sie war schön. Er streichelte ihr zärtlich das Knie. Sein Wissen um die Zusammenhänge der Welt und der Liebe hatte sie ihm in die Arme getrieben. Außerdem war er ein geiler Bock, und das in seinem Alter. So etwas läßt eine Frau an die Ewigkeit glauben. Nun lobet alle den Herrn! Offenkundig betete er ihre Jugend an. Sie lächelte glückselig, wenn er sie auf Bemerkenswertes im Gebirge unter ihnen hinwies. Gläubig lauschte sie seinen Erklärungen. Mit derselben Hingabe schlief sie mit ihm. Er erhöhte sie gleichermaßen mit seinem Wissen wie mit fingerfertiger Praxis in die Region der Ekstase. Vielleicht war er Universitätsprofessor und sie seine Studentin. Mit eleganter Zurückhaltung bediente er sich ihrer Tugend. Der Tod würde sie sicherlich dereinst nicht vereinen. Überlegen und dankbar nickte er erst dem Piloten und dann Leander Beekensleit zu. Er fühlte sich nicht verunsichert durch die Verunstaltung des einen, noch durch die Jugend des anderen.

Backbords saß ein strenggekleidetes Ehepaar. Sie wagte nicht, die Pretiose ihres toupierten Kopfes anzulehnen, war selbst ganz makelloses Juwel. Er lächelte maliziös unter dem dünnen, schwarzen Schnurrbart, als habe er sie bei einer permanenten Peinlichkeit beobachtet, derer sie sich nicht bewußt war. Hin und wieder warf er einen gleichgültigen Blick nach draußen. Dann wagte auch sie, den Kopf zu wenden. Aber durch ihn war die Aussicht versperrt. Mit einem gewissen Trotz nahm sie dann ihre vorige Haltung wieder ein und ertrug sein Lächeln wie eine vom Schicksal gesandte Krankheit. Einige Männer in maßgeschneidertem Anzug und teuren Sportschuhen an den Füßen, das Haar modisch auf die gleiche Weise kurzfrisiert, fragten rauh und mit gierig kaltem Blick nach Schnaps. Man hätte sie für Brüder halten können oder für Clone. Der Pilot gab ihnen streng Bescheid, daß Trinken an Bord nicht erlaubt sei.

»Was heißt Saufen, du Mistkerl. Wir haben kalte Füße. Deine Heizung ist nicht in Ordnung.«

»Die Heizung ist okay.« Sie zwinkerten sich verständnisvoll zu. »Auf dem Rückweg gibt es für jeden ein Gläschen. Ich kann es mir nicht erlauben, daß ihr mir die Kabine voll kotzt. Wir werden Turbulenzen haben.«

»Sind die gefährlich?« fragte der Professor.

»Nein, nicht gefährlich. Insgesamt haben wir eine ruhige Wetterlage. Aber die Aufwinde überm Gebirge sind unberechenbar. In einer halben Stunde sind wir am Ziel.«

»Warum stellst du keine hübsche Stewardeß ein?« fragte einer der Mafiosi. »He, ich hab dich was gefragt! So ein Nüttchen, so ein Fötzchen.« Sie brachen in wieherndes Gelächter aus.

»Weil ihr Ganoven nicht mehr bezahlen wollt.«

»Der Scheißkerl hat uns Ganoven genannt!«

»Du kannst ihn nicht umlegen«, besänftigte ein anderer den Aufgebrachten. »Mit deiner großen Kanone würdest du auch noch ein Loch in die Kabine ballern.«

Ihrer nicht achtend, ging der Kapitän nach vorn, schloß die Cockpittür hinter sich, und sie vernahmen nun wieder die Lautsprecherstimme des Co-Piloten, der sie über Flugdaten und Sehenswertes am Boden informierte.

Gleichmäßig dröhnten die Triebwerke. Luftdruck und Temperatur in der Kabine hielten sich konstant. Vibrationen zogen von den Tragflächen in den Rumpf, von backbords und steuerbords, trafen sich in der Mitte, fluteten vor, zurück, ins Heck und ins Cockpit, drangen durch Schuhe und Kleidung in Füße und Rücken, erzeugten schließlich mit den Schwingungen der Luft Kräuselungen auf der Oberfläche des Kaffees. Leander Beekensleit versuchte, sie wegzublasen, aber die Natur erwies sich als stärker. Immer war sie stärker gewesen, immer wenn er sich gegen sie aufgelehnt hatte, gegen die Natur der Dinge, gegen seine eigene (worin bestand die, und wie lange wollte er sich das noch fragen?), gegen die anderer (wer waren die?), und so hoffte er in seinem Zweifel gegen sich selbst auf einen virtuellen Verbündeten, dem er kraft dessen eingeschränkter Autorität nicht unbedingt vertrauen mußte. In diesem Sinne schien die Eule ein idealer Partner für jede Art von gedanklicher Willkür zu sein.

»Hallo, Sie«, flüsterte er. »Glauben Sie an das Schicksal?« Gespannt erwartete er die sanfte Bewegung des Kopfes, das Mona-Lisa-Lächeln unter der Raubvogelnase, den allesverstehenden Blick, um im gleichen Moment das ganze Gehabe sowie seine eigene Frage lächerlich, weil übertrieben zu befinden.

Uhugleich ruckte der Schädel des Fremden herum. Ein scharfer, strahlender Blick traf Leander Beekensleit. Der Mund, schmallippig, dennoch nicht von kalter, unsinnlicher Kontur, öffnete sich wie zum scharfen Hieb der Erwiderung. Doch dann lachte er mit den lautlosen Schwingen des nächtlichen Räubers.

»Ich bin hierher gekommen, um zu sterben.«

»O, verzeihen Sie«, sagte Leander Beekensleit automatisch. »Das tut mir leid.« Aber im Grunde nahm er diese Äußerung nicht ernst. Wer bekannte sich schon zu seiner eigenen Endlichkeit? Vielleicht trieb der einen Scherz, oder er wollte ihn auf eine Art, die er womöglich für originell hielt, prüfen. Sollte er sich darauf einlassen?

»Es täte mir leid«, korrigierte er nun den Tonfall seiner ersten Aussage, »müßten Sie nur so sterben, wie aus einem dummen Zufall. Aber vielleicht ist Ihr Tod die Folge von großartigen Opfern, Abschluß eines erfüllten Daseins. Dann wäre er weniger tragisch.«

»Haben Sie in Ihrem Alter Grund, über solchen schwermütigen Unsinn nachzudenken? Schauen Sie hinaus. Was sehen Sie?«

»Überwältigend«, murmelte Leander Beekensleit mit einem flüchtigen Blick, »wahrhaftig überwältigend. Das kann einem Ehrfurcht einflößen.«

»Ehrfurcht?« höhnte der andere. »Das sind Schneewittchen und die sieben Zwerge? Man nennt sie hier nur anders.«

»Ach so«, sagte Leander Beekensleit eingeschüchtert und schaute mit einem Schauder hinaus in die abgründige Tiefe.

»Die Natur flößt Ihnen Angst ein, nicht wahr.«

»Was geht Sie das an?« Leander Beekensleit wagte nicht zuzugeben, daß er Angst empfand. Vielleicht sollte auch das ein Witz sein.

»Sie fragten mich nach dem Schicksal.«

Er suchte eine Erwiderung im Grandiosen und fand sie nicht. Der Eulenmensch beugte sich ihm zu. Sein ungeheurer Arm überbrückte feldherrenhaft die kurze Entfernung zwischen den Sitzen ohne ihn ganz zu erreichen. Doch eine imaginäre Verlängerung, gewissermaßen ein Bannstrahl kindlicher Phantasie durchbrach das Kabinenfenster und wies seinem irrenden Auge das Ziel.

»Da schauen Sie, jene Formation rechts und links des Gletschers. Drei an jeder Seite und einer trottet hinterdrein. Unterm Eis liegt wie in seinem Glassarg das scheintote Schneewittchen. Es ist schön, nicht wahr. Sogar den Apfel hat es noch zwischen den Zähnen. Weshalb macht Ihnen das Angst? Sie wissen doch, daß die Träger stolpern werden und sie das Gift ausspeit. Und wenn sie nicht gestorben sind...«

Das erinnerte ihn an den versteckten Großvater, der ihm – immer unter mäßigem Alkoholpegel – mit leicht nuschelndem Akzent Märchen vorgelesen hatte, und der regelmäßig bei dieser Phrase einnickend von seinem Sitz fiel. Die Familie war bemüht, den Vater von Leander Beekensleits Mutter vor ihren Kreisen abzuschirmen. Aber er besaß ein immenses Vermögen, dessen Herkunft niemand kannte. Das wäre nicht das Schlimmste gewesen, pflegte er doch regelmäßig die Allzuneugierigen damit zu verhöhnen. Man wußte nicht, was von seinen Andeutungen als wahr und was als erfunden zu gelten hatte. Jede dieser Varianten, in die Öffentlichkeit gelangt, wäre gleichermaßen peinlich gewesen. Dessen ungeachtet liebte das Kind Leander ihn und wartete jedes Mal, da die Familie ihn notgedrungen dem reichen Erpresser auslieferte, erneut gespannt auf den Akt des Vom-Sessel-Fallens. Stammte das Vermögen nun aus jüdischem Besitz oder von einer spanischen Galeone? Vielleicht eine, die jüdischen Reichtum aus dem Spanien der Reconquista herausgeschmuggelt hatte. Heil Ihren Katholischen Majestäten. Ein deutsches U-Boot mit dem SS-Schatz. Heil dem Führer. Napoleons Kriegskasse. Vive L’Impereur!

»Ich sehe den Prinzen nicht.«

»Er ist noch nicht da. Ich habe verfügt, daß man meinen Leichnam auf dem Gletscher beerdigt, aber unterhalb des Sarges. Damit sie über mich stolpern müssen. Aber wahrscheinlich werde ich auch das selbst erledigen müssen, da man sich auf niemanden verlassen kann, vor allem, wenn man tot ist.«

»Sie sind ja ein Geschichtenerzähler«, erstaunte sich Leander Beekensleit. »Das hätte ich Ihnen nicht zugetraut.« Und er fügte entschuldigend hinzu: »Aber in diesem Land kommen einem die merkwürdigsten Gedanken, nicht wahr.« Die Suche nach einem Verbündeten erschien ihm plötzlich wichtiger denn je, und er gab sich in gewissem Sinne preis. »Ich kenne das. Ich bin schon zu lange hier. Sie, mein Herr, kehren mit mehr oder minder flüchtigen Eindrücken nach Hause zurück. Das verliert sich wieder. Aber ich.«

»Sie nehmen mich nicht ernst«, erwiderte der Todeskandidat mit unerschütterlicher Sanftmut. »Die Ärzte geben mir noch drei Monate. Manchmal werden die Schmerzen unerträglich.«

Aufgeschreckt von der nunmehr offenkundigen Wahrheit wandte Leander Beekensleit den Blick ab und versuchte im Spiegel des Fensterglases die fahle Bleiche des Todes zu erhaschen, die einem Sterbenden angemessen zu Gesicht stünde.

»Suchen Sie den Tod nicht da draußen. Er sitzt neben Ihnen.«

Unwillig wandte sich Leander Beekensleit dem Fremden zu. »Warum sind Sie zum Sterben gerade hierher gekommen?«

»Belästigt Sie die Vorstellung? Sie müssen kein Mitleid mit mir haben. Ich will in Würde sterben. Dazu schien mir dies der rechte Ort zu sein, einer, der von Menschen unbefleckt ist.«

»Sind Sie sich da sicher?« Leander Beekensleit gab sich lauschend. »Ich höre sie noch immer.«

»Wen?«

»Die Heiligen. Sie johlen.«

»Welche Heiligen?«

Als wisse er es selber nicht zuckte Leander Beekensleit die Schultern und fragte mit der Nachsicht des Lehrers gegen den hoffnungslosen Schüler: »Was wissen Sie von diesem Land, von diesem Volk?«

»Nichts«, lautete die gleichmütige Antwort.

»Ich weiß alles. Soll ich Ihnen verraten, woher das kommt? Man sagt mir nach, ich könnte einem Targi Sand verkaufen. Ich habe den Leuten hier Sand verkauft, verstehen Sie. Man lernt andere Menschen niemals besser kennen, als wenn man ein Unrecht an ihnen begeht.«

»Wie kommen Sie zu solcher Weisheit?«, wandte die Eule ein, als hätte er ihn bei einer Lüge ertappt..

»Aber«, fuhr Leander Beekensleit unbeirrt fort, »ich habe die Gerüche und die Farben wie andere eine gesunde Urlaubsbräune angenommen. Bis auf die Knochen geht das. Das Tosen des Schwarzen Windes verfolgt mich wie die Klage eines Verlassenen. Der Schatten der Sonne ätzt mir die Haut mit Tätowierungen. Ich höre Gesänge, die niemals ein Mensch vernommen hat. Vielleicht bin ich verrückt geworden.«

Der Blick des Eulengottes wischte den Selbstzweifel des letzten Satzes hinweg. Das Lächeln wirkte verständnisinnig wie von Betrüger zu Betrüger. »Welchem großen Dramatiker haben Sie das gestohlen?«

»Warum denken Sie derart schlecht von den Menschen?«

»Weil ich selber so bin.«

»Halten Sie das für eine Erkenntnis?«

»Nein.«

»Und warum nicht?«

»Ich habe zu lange dazu gebraucht.«

»Ist das eine Frage des Zeitpunkts?«

»Es ist eine Frage der verbleibenden Zeit.«

»Stürbe ich nun morgen«, wandte Leander Beekensleit ein, »dann wäre demnach alle Einsicht, die ich heute gewonnen hätte, nichts wert? Das erscheint mir als eine merkwürdig destruktive, weil unlogische Philosophie.«

»Sie könnten nichts mehr damit anfangen.«

»Es muß ja nicht gleich ein Apfelbaum sein«, gab sich die Anmaßung bescheiden.

»Wenn Sie schon so lange hier sind«, lenkte der Todeskandidat ab, »dann sind Sie wohl heimatlos. Sie treibt vielleicht die Angst um, zu Hause als ein Fremder zu gelten wie jemand, der im Krieg war, und der nicht als derselbe heimkehrt als der er ausgezogen ist.« Er lächelte wie um der Behauptung etwas von ihrer Radikalität zu nehmen. »Da habe ich es einfacher.«

»Sind Sie tatsächlich krank?« fragte Leander Beekensleit, noch immer in ungläubiger Abwehr zweifelnd.

»Unheilbar«, erklärte der Andere feierlich wie an Eides statt. »Aber verschonen Sie mich mit Mitleid. Ich habe als Egoist gelebt, ich werde als Egoist sterben. Und ein Prinz werden.« Nun zuckte er mit den Schultern, als könne und wolle er nichts gegen ein solch triumphales Geschick ausrichten.

»Halten Sie sich angesichts des Todes für geläutert?«

»Sie denken, Egoisten seien schlechte Menschen.«

»Wenn nicht, worauf stützte sich dann Ihr Egoismus?«

Der Eulige schnippte mit Daumen und Mittelfinger, als wollte er sich wie von einem Stäubchen von einer unsichtbaren, winzigen Belanglosigkeit befreien. »Darin zu sterben wann ich will, ohne Rücksicht zu nehmen auf andere.«

»Hätten Sie die Wahl.«

»Mit einer vagen Erfolgsaussicht könnte ich mich weiterhin behandeln lassen.«

»Wer trauert um Sie?«

»Niemand.«

»Hat niemand Sie geliebt?« Unwillkürlich verfiel Leander Beekensleit in die Vergangenheitsform als spräche er über einen Toten.

»O doch, gewiß«, erwiderte sein Nachbar. »Aber es war niemals die Liebe, die über den Tod hinausreicht. Also scheide ich leichten Herzens aus dem Leben.«

»So betrachtet wären Sie zu beneiden.«

»Sehen Sie, darin besteht gerade mein Egoismus. Ich habe mich immer davor gescheut, Schmerz zu ertragen.«

»Bereuen Sie etwas?«

»Reue ist eine christliche Kategorie. Der reuige, zerknirschte Sünder, o ja, das wollen sie, die Seelenverkäufer jeglicher Schattierung. Ich sage, Schattierung, mein Lieber, denn sie sind Schatten des Menschlichen, all diese Heilsverwahrer mit und ohne Halleluja. Verschonen Sie mich mit Reue. Einsicht ist eine zutiefst menschliche Kategorie, Erkenntnis!«

»Aber die Seele«, wandte Leander Beekensleit ein.

»Sind Sie ein Mystiker oder ein gottverdammter Narr?« spottete der Todvertraute.

»Wenn Sie die Chance hätten, durch Reue zu gesunden«, wahrte nun Leander Beekensleit seinen Anspruch, »da Einsicht als Kategorie der Logik nicht ausreicht, das Gewissen einzusetzen, also den ganzen Menschen, würden Sie dann bereuen und sei es, den angerichteten Schaden an sich selbst, durch das Rauchen, durch das zu viele und zu fette Essen, durch die Selbstsucht in der Liebe, durch die enttäuschten Gefühle anderer Menschen?«

»Sie legen es darauf an, daß ich mich infrage stelle. Sehen Sie, das ist ein weiteres Indiz meines grenzenlosen Egoismus. Mögen andere ihr Seelchen fleddern. Ich habe niemanden ermordet noch übervorteilt. Von der Dummheit und der Eitelkeit anderer zu leben, ist kein Verbrechen. Der Rest ist pfäffische Seelenquacksalberei: Ich habe begehrt meines nächsten Weib. Indem ich ihre Werte nicht bewahrte, habe ich meine Eltern nicht geachtet. Kraft meiner Entscheidungen habe ich auch getötet. Ich habe viele Götter gehabt. Es war mein Schicksal; ich habe es angenommen. Was immer du unternimmst, es ist dein verdammtes Schicksal. Du kannst raus springen. Dann ist das dein Schicksal. Du kannst sitzenbleiben. Dann ist das dein Schicksal.«

»Sie haben sich selbst aufgegeben«, erkannte Leander Beekensleit, »deshalb sind Sie krank.«

»Ich sagte ja, ich habe als Egoist gelebt.«

Plötzlich sackte die Maschine durch. Die jugendliche Geliebte schrie auf. Der Professor bekreuzigte sich mannhaft. Die elegante Gattin sah bleich und starr geradeaus, während ihr Mann sie unverwandt böse musterte, als sei sie schuld daran. Der einsame ältere Tourist betete mit fröhlicher Anmut. Animiert und doch irgendwie angstvoll randalierte die Männergruppe nach Schnaps. Jetzt habe dieser Hurensohn von Kapitän sie noch um ihre letzte Freude gebracht. Doch sie schienen mit dem Sterben vertraut. Nach einigen hundert Metern fing der Pilot die Maschine ab und meldete über Lautsprecher, daß kein Grund zur Besorgnis bestünde. Leander Beekensleit hatte sich lediglich festgeklammert und seinen Magen unter Kontrolle gebracht. An eine Katastrophe hatte er keinen Augenblick geglaubt. Vielmehr beschäftigte ihn das Geschick des Nachbarn. Überrascht erkannte er, daß er sich noch nie Gedanken um seinen eigenen Tod gemacht hatte, selbst damals nicht, als er ihm täglich nahe gestanden hatte.

Er war noch immer jung. Er war aktiv. Er war mit Todesverachtung nicht nur einmal über seinen eigenen Schatten gesprungen. War das nun sein Erfolg, sich angepaßt zu sehen? Oder besaß er gar keinen Schatten? War der ihm längst abhanden gekommen durch das Wirken teuflischer Mächte? Oder wuchs einem erst ein solcher in dem Maße wie man erwachsen wurde?

Lange Zeit seines Lebens hatte er nicht gewußt, was er mit sich anfangen sollte. Keine Not hatte ihn gezwungen. Die Welt zu erretten war ein kindliches Ideal. Da hinein paßte nicht die Vorstellung vom Tod. Viel später dann in der Firma mit Kollegen, Mitarbeitern über das Ende zu reden, hätte ihm Minuspunkte eingebracht. Vielleicht hätte man das als Schwäche ausgelegt und angefangen ihn zu mobben. Einem Gemobbten würde kein ehrenvoller Nachruf gewidmet werden. Worauf hätte der Erfolgreiche Anspruch, auf eine viertel Zeitungsseite, vielleicht eine halbe? Denn man würde nicht leicht Ersatz für seine Position, für seine Fähigkeit finden.

Die Familie würde über seine glänzenden Zukunftsaussichten reden. Die Mutter in ihrer hochaufragenden illuminierten Schönheit würde seine Dummheit verdammen, in diesem Land eine solche Maschine zu besteigen. Du hättest an deine Karriere denken sollen, hörte er sie klagen. O, was habe ich nur in die Welt gesetzt.

Die Verwandten würden sich zum Trauermahl in der postmodernen Architektur des elterlichen Hauses versammeln und sich – anhand von Barock- und Biedermeierameublements – der eigenen Geschichtlichkeit versichern. Wernher, einer der Brüder, würde Liszt spielen wollen, die Mutter würde Chopin verlangen, der Vater aus Prinzip, um ihr zu widersprechen, Beethoven. Auch Le Prelude würde zur Diskussion stehen, wegen der weihevollen Kraft, die das Stück seit damals dem sieghaften Untergang verlieh, welcher der seine ja nicht wäre. Man würde sich kultiviert streiten. Onkel Henry würde den Totenkult in Mexiko preisen, und alle würden sich erleichtert der Fröhlichkeit der Lebenden hingeben. Onkel Henry war ein Philosoph im Schafspelz des gehobenen Versicherungsvertreters, ein in Grau unscheinbar schillernder Falter. Dem Kind Leander hatte er die Angst vor dem Tod genommen durch seine wunderbaren Schilderungen fremder Bräuche. Er wußte congenial Tänze und Gesänge nachzuahmen und zu erfinden. Ganze Rollen der theatralischen Weltliteratur kannte er auswendig und gab sie, dem Kinde gemäß, nur in geheimer Vorstellung. Er hatte ja ein Schauspieler werden wollen und war es geblieben, dem Fluch seines Vaters zum Trotz. Auch ihn umgab ein Geheimnis, ein anderes als den versteckten Großvater, eines, das noch lebendig war, und welches Leander Beekensleit später wenigstens teilweise entschlüsseln sollte. Vielleicht tat er Buße am Neffen. Obwohl der sich als Erwachsener dessen aufrichtiger Liebe sicher war. Gemeinsam mit dem Knaben legte er den Rütlischwur neu ab: Wir wollen sein ein einig Volk von Menschen und niemals schwach in unserm Ideal. Angeblich mochte Leanders Mutter ihn nicht. Jedoch in Gegenwart des Onkels röteten sich die Wangen des damals schwer erkranken Jungen, und langsam genas er. Das änderte nichts an der zur Schau getragenen Abneigung der Mutter, die sie damit begründete, wie Henry über ihre Herkunft spottete (was niemals jemand vernommen hatte), obwohl sie den gerichtsnotorischen Beweis anzutreten vermocht hätte, einmal gegen bürgerliche Selbstgefälligkeit revoltiert zu haben. Henry ließ sich dazu hinreißen, das für Attitüde auszugeben und verbreitete gelegentlich, der Clan würde in echtes Meißner scheißen. Mehr ließ er sich nicht zuschulden kommen und erschien dabei doch wie einer, der sich selber widerspricht. Dabei war das Tafelsilber der eigenen Sippe längst vergessener Ahnen Legat und massiv, nicht etwa 90er Auflage. Dafür lief es an und mußte geputzt werden, was ihm in seinen Augen den Geruch des allzu Noblen nahm, und seiner Bescheidenheit in materiellen Dingen wie ein durch sich selbst geführter Beweis Glaubwürdigkeit verlieh.

Schmeißt doch das alte Zeug weg, würde Leanders schicke, blonde Cousine Desiree wie immer fordern. Moderne Legierungen laufen nicht an. Ich mache euch ein Freundschaftsangebot aus meiner letzten Kollektion.

Mit ihr hätte er beinahe einmal geschlafen. Aber sie wollte erst geheiratet werden. Warum hatte er sie nicht geheiratet, das kalte Luder? In aller Unschuld hatte er ihr widerstanden. Seltsame Fügung. Wäre sein Schicksal dann anders verlaufen? Säße er dann nicht hier in dieser wenig vertrauenerweckenden Maschine, sondern bereits im Vorstand seiner Firma? Desiree wußte Männer um den Verstand zu bringen. Auf Parties lagen sie ihr zu Füßen. Herren zitterten vor Begehren und Verlangen, wenn sie mit ihr tanzten. In ihr Juweliergeschäft kamen die oberen Zehntausend, um sie zu sehen und erwarben nebenher ein Kollier für die Gattin, Klunker für die Geliebte, Rolex und Cartier für den Geschäftspartner, alles steuerlich absetzbar.

Zu Ehren des toten Sohnes, Neffen, Enkels, Cousins Leander würde man sein Lieblingsgericht servieren lassen, vielmehr das, was die Mutter dafür ausgab. Wahrscheinlich kannte sie es nicht einmal; seine jüngste Vorliebe für Hammelinnereien würde sie abartig finden. Selbst das Essen stand bei ihr im Dienste des Fortkommens: Brochet au beurre blanc oder wenigstens Asperge à la flamande. Hatte er in stillem, innerem Protest nie gemocht. Sie sorgte sich auf ihre Weise um das Wohl ihrer Kinder, sie, welche die andere Seite des Daseins kannte, die schmutzige, häßliche, heroische. Man muß das Wesentliche im Auge behalten, pflegte sie zu behaupten, mit jenem warnend dozierenden Predigerton, der sich von allem menschlichen Maßstab befreit hat und eine Überexistenz, ein Überglück meint, das Heil der Gleichheit vor der Geschichte oder vor Gott oder. In ihrer makellosen Schönheit war ein jeder bereit, ihr bedenkenlos zu glauben. Merkwürdig, daß er sie niemals in seinen kindlich vorpubertären Phantasien begehrt hatte, in aller Freudschen Unschuld, versteht sich.

Das Wesentliche, meine Liebe, pflegte der Vater dann jeweils anzusetzen, gelangte aber niemals darüber hinaus, auch nicht jetzt, beim Totenmahl. Denn sie bedeutete ihm mit dem innig gestrengen Liebesblick jenes weltbekannten amerikanischen Stars (Zwillingsgeburt), daß jetzt nicht der Moment für Marginalien sei. Nie war der Moment dafür. Der Mann, der als Herausgeber einer bedeutenden Zeitschrift das Medienprofil des Landes mit prägte, lächelte stets zustimmend, denn auch von seinen Mitarbeitern verlangte er kreativen Widerspruch. Notgedrungen überließ er die Erziehung ihrer sieben Kinder seiner Frau. Deren Erfolg legitimierte sie als gute Mutter. Ihre Tochter, Renata, reüssierte im Showgeschäft beim hauptstädtischen Fernsehen und saß im Aufsichtsrat mehrerer Privater. Der älteste Sohn, Franz, residierte als Botschafter in einem der mächtigsten Länder der Erde. Seine Frau besaß die Aktienmehrheit eines pharmazeutischen Globalplayers. Salvator stand als Sekretär eines Kardinals beim Heiligen Stuhl in Rom in Diensten. Wenher, in absehbarer Zeit einer der jüngsten Generäle, war zügig beim Militär aufgestiegen. Die unscheinbare Ruth agierte als graue Eminenz nunmehr bereits hinter drei Kanzlern. Lissy stand als strahlender Mittelpunkt, im Geschehen internationalen Kreditgeschäfts, und der Nachzügler Leander hätte eine großartige Zukunft vor sich gehabt. Er ruhe in Frieden. Wir werden sein Andenken ewig bewahren. Was für eine bourgeoise Anmaßung, dieses EWIG.

Waren es die Jahre seines Suchens, die sie dem Jüngsten, vielleicht in Verleugnung eigenen, wenn auch nur temporären, aber doch wahrhaftig stattgefundenen Aufbegehrens, zugestanden hatte, Jahre ziellosen Treibens durch die Welt, die ihn mit einem Keim infiziert hatten? War sie der Hoffnung gewesen, er würde, das böse Beispiel der Mutter vor Augen, sowie angesichts weltweiten, der Natur des Menschen geschuldeten Elends, infantilen Träumereien von der Weltrevolution mit oder ohne Blumen und Joint, mit oder ohne Villon und Neruda, mit oder ohne Kalaschnikow abschwören? Er hatte auf drei Kontinenten zwei Dutzend untröstliche, weil unerhörte Geliebte zurückgelassen, die zum einen schlechter von ihm dachten als er war, denn er trug in seinem einfachen, unverfälschten Sinn ihr platonisches Andenken immer im Herzen, zum anderen besser, denn er hatte ja nie eine um ihrer selbst willen geliebt, hatte nie ihre Sehnsüchte befriedigt, jene Eigenschaft, die Synonym ist für Unwissenheit und Naivität. Sich seinen unschuldigen Sinn bewahrend, war er unbewußt grausam zu ihnen gewesen. Genau genommen hatte er ihre Liebe im Namen seiner Freiheit, seines Friedens und seines Fortschritts genossen und bildete sich ein, indem er sie heiligte, an ihnen Gutes zu tun. Begriffen hatte er weder die, welche ihn vergötterten, noch jene, welche ihn in ihrer Ratlosigkeit verhöhnten. Immerhin hatte er keine von ihnen vergessen, weder die Reichen noch die Elenden, weder die Jungen noch die Reiferen, weder die Hübschen noch die Bescheidenen. Der eine oder andere Name war ihm entfallen, ihr Bild nicht. Er hatte niedrige Arbeiten verrichtet, gebettelt oder sich aushalten lassen, war mit einem Wandertheater und einem dubiosen Zirkusunternehmen umhergezogen und hatte einmal nach allen Irrungen sogar den Leuchtenden Pfad des Revolutionärs beschritten. Gefunden hatte er nicht, was er suchte. Er wußte ja damals, trotz aller Illusionen, nicht einmal, was. Nun ja, Menschlichkeit im weitesten Sinne. Am ehrlichsten erschienen ihm in Rückblick noch die Theaterleute und seine Rolle als Untermann in einer bescheidenen Zirkusnummer, was nicht heißt, daß sich Erstere tatsächlich aufrichtig sich selbst und anderen gegenüber gezeigt hätten. Als Untermann war er immerhin verläßlich gewesen. Das Böse indessen hatte kein eigenes Gesicht, war Schatten, gleichermaßen Einbildung wie Realität, Windstoß, Hauch, unfaßbar auch in Menschengestalt.

Er selbst, Leander, schlug sich durch das Leben wie durch eine fremde Stadt. Seitenstraßen verlaufen ins Anonyme. Markante Punkte sind nicht Orte der Erinnerung. Plätze, Gassen, Parks verbinden sich durch kein Orientierungsschema. Aber mit der Kühnheit jugendlichen Selbstvertrauens verließ er die enge Dimension bekannten Raums und irrte weiter. Durch irgendeine prägende Begegnung, ein Ereignis mit Nachhall hätte sein Weg anders bestimmt werden können. Hatte er es nicht gesucht? War er blind daran vorbeigelaufen? Die Mutter, durch ihn selbst informiert über jeden seiner Schritte, hatte ihn irgendwann, als sie meinte, es sei genug, heim geholt und ihm den Weg in eine bürgerliche Existenz bereitet. In der wahren und körperlichen Liebe noch unerfahren, hatte er nicht aufbegehrt. Friede seiner Asche und seiner reinen Seele.

Wir werden ihn niemals. Salbungsvolles Nicken. Bis auf Onkel Henry, dem solche Pathetik zuwider war. In tiefer Trauer. Im Herzen. Stilles Gedenken. Der Herr hat‘s genommen. Möchten Sie noch ein wenig von der köstlichen, Frau Professorin? Wie konnte der Junge, bei seiner zugegeben nicht sehr umfangreichen, aber immerhin, nur so unüberlegt? Dort! Ein Flugzeug, nicht etwa ein deutsches oder ein amerikanisches Fabri! Er befand sich nicht einmal im Dienst, versteht ihr, meine Lieben. Er gondelte zu seinem Vergnügen im Gebirge herum, anstatt an seine Karriere. Dort gibt es keine Infrastruktur. Ein Menschenleben gilt dort. Diesen Barbaren Kultur zu bringen, mußte mein Sohn. Er starb zu seinem Vergnügen, als hätte er es darauf angelegt, mich, seine Mutter. Im Dienst hätte seine Firma wenigstens. Nun, die rechtliche Seite ist die, Verehrteste. Aber so? Ich vertrete die Kanzlei Blaubeer & Blööd. Ich verstehe, daß für den Fortschritt Opfer. Darf ich Ihnen meine Karte? Danke, Herr Doktor. Ich werde mich auch nicht in die sentimentale Klage, warum es gerade mein Sohn. Sehr aufmerksam, Senator. Das wäre geradezu lächerlich. Ich hätte ihm nur vergönnt, daß er unter Kulturmenschen, unter seinesgleichen. Exitus, Herr Dr. Schiwago, kennen wir uns nicht von irgendwoher?, so heißt es doch unter. Wahrscheinlich war der Pilot. Man hört, daß dort viel, bis zur Bewußtlosigkeit. Brauereiaktien sind en vogue, Herr Vorsitzender. Es sind eben Barbaren. Sie verdienen den Fortschritt nicht. Aber der Leo Zwo ist eine exzellente. Es gibt keine Alternative zur bürgerlichen.

Dies war eine der späteren Einsichten der ehemaligen Terroristin, deren Vergangenheit vor den Kindern wie die Archive des Vatikans gehütet wurde. Onkel Henry hatte geplaudert, grinsend, versteht sich und mit christlich verzeihendem Gestus. Ach, Onkel Henry. Du hättest auch so einen verschwiegenen Verbündeten in mir gehabt.

Einsitzend seinerzeit im Hochsicherheitstrakt eines High-tech-Knasts der Bundesrepublik Deutschland hatte sie den Vater von Leander anläßlich eines Interviews kennengelernt. Der junge Journalist verliebte sich in sie. Da man ihr die direkte Beteiligung an Morden nicht nachweisen konnte, kam sie einige Jahre später dank eines Gnadenaktes frei. Eine inoffizielle Kronzeugenregelung tat das Ihre. Persönlichkeiten der Politik und des öffentlichen Lebens hatten - frühzeitig erkennend die vielfältig nutzbaren Talente des Mediennachwuchses, Dr. jur. Ludger Beekensleit, - ihren Einfluß beim Bundespräsidenten geltend gemacht. Die Nachricht von der Heirat war wirksam in Szene gesetzt worden. Ein deutsches Magazin titelte: Make children not revolution, und zeigte die schwangere ehemalige Staatsfeindin auf dem Cover. Die bürgerliche Gesellschaft sonnte sich selbstgefällig in ihrem Erfolg, und ihre Prediger strapazierten genugsam das Wort vom reuigen Sünder, Luk. 15.7. Lobet den Herrn! Im Focus der Aufmerksamkeit unsichtbarer Mächte stand nun, ohne sich dessen anfangs bewußt zu sein, ein noch unbedeutender Nachwuchsredakteur. Er und seine attraktive Gattin wurden auf Parties gefragte Gäste und gaben dem Amüsement jenen Hauch von Hautgout an der Grenze des Erlaubten und des Zumutbaren. Man streichelte den bezwungenen Un-Geist und kam sich geweiht vor wie ein Exorzist. Von Stufe zu Stufe erfüllte der Vater die Erwartungen, die in ihn gesetzt wurden, und erst spät, lange nach seiner Gattin, und als er selbst Teil jener Mächte geworden war, begriff er in der Auseinandersetzung mit seinem pubertierenden Jüngsten den eigenen, unaufhaltsamen Aufstieg und setzte in der Verteidigung seiner selbst Fähigkeit und Leistung, die er sich keineswegs absprechen mußte, dagegen. Um sich derselben gelegentlich zu versichern, gönnte er sich durchaus eine eigene Meinung, und das sogar gegenüber seiner Gattin, was die Person des Bruders Henry betraf. Der war in gewissem Sinn sein Erfüllungsgehilfe, sein Stellvertreter und Sprachrohr, dem er beifällig zunickte, wenn der politisch unkorrekte Wahrheiten aussprach. Daß dieser seine Rolle irgendwann allzu vielseitig ausgelegt hatte, war nichts weiter als konsequent.

Meine Liebe, diese Barbaren blicken immerhin auf eine uralte Kultur zurück und gesoffen wird in Deutschland rein statistisch. Der Vater würde das nicht aussprechen, aber wenigstens denken. Im Geheimen liebte Leander Beekensleit seinen Vater für dessen stille Größe an der Seite dieser Frau, die seine Mutter geworden war. Aber er hatte es ihm niemals gesagt.

Jetzt im Flugzeug über einem fernen, wilden Land schwebend, dachte er ohne Groll: Was wißt ihr von diesen Menschen? Was von dem Leben hier, von der Landschaft, von den Sehnsüchten, die in den Flüssen sich verströmen und im Schwarzen Wind? Damals zu Beginn meiner eigenen Wanderung hatte ich davon keine Ahnung. Ich hatte ja niemals eingegriffen in das Fremde. Es blieb mir äußerlich wie eine flüchtige, unerreichbare Liebe, ein Rausch, ein Traum. Nun ist das anders. Nun werde ich tatsächlich als ein Fremder zurückkehren, denn ich habe hier Veränderungen bewirkt, die mich mit Trauer erfüllen und wurde selbst verändert, untauglich für das Leben in eurer zivilisierten Gesellschaft. Ja, manchmal habe ich mir gewünscht zu sterben, aus Angst vor dieser Aussicht.

Offenbar hatte er diesen Satz laut gedacht oder seine Mimik hatte ihn wenigstens erahnen lassen, denn der Eulenmensch hielt ihm die Hand hin und sagte fröhlich: »Willkommen im Club.« Seine Pranke war riesig, fühlte sich geschmeidig und fest zugleich an. Leander Beekensleit spürte die Kraft, die in ihr steckte. Es schien die eines Übermenschen nietzschescher Prägung zu sein. Unvorstellbar, daß er einen Todgeweihten vor sich haben sollte. Für diesen Händedruck war er ihm dankbar, denn er schloß jegliches sentimentale Mitgefühl seinerseits endgültig aus.

Der Mensch, gefügt wie aus stoffgewordener Energie, unzerstörbar (ein Monument die gesamte Erscheinung), das Gesicht rätselhaft in jeder Daseins- wie Ausdrucksweise, und doch offenbarte sich in jedem Detail ein gleichsam zugängliches Geheimnis, eine Einladung es zu ergründen. Das Antlitz eines Charakterschweins konnte Leander nicht feststellen. Geradlinig führten die Strukturen hin zum Gral, einer unaufdringlichen Gelassenheit, die sich heiter gab (in der Erwartung des Todes?). Das war vielleicht ihre einzige Eigenschaft. Besaß man den Schlüssel zu ihr, kannte man die Formel, Zauberspruch und Credo: Das Dickicht menschlichen Erinnerns wiche und gäbe frei den Weg ins Innerste, Geheiligte, den Hort der Leidenschaft. Ein obszönes Wort, vielleicht Mutterficker oder Wichser, würde den Wächter erschüttern, ein konspirativer Händedruck wie unter Verschwörern, Schwulen oder anderen Gotteslästerern, das geheime Losungswort: Der Name des Menschen, der Unaussprechliche, hm, mnsch, hmbr, hmm, mn, члвк, gedacht nur und als biometrischer Abdruck im Auge identifiziert und schon erwachte der verwunsch‘ne Ort zu heit‘rem Leben. So wollte es dem Beobachter scheinen.

Musik erklang. Gelächter schallte aus der Augen Fenster, bei der Ohren Erker strahlte Licht von tausend Kerzen, und in des Mundes Halle fanden sich Besucher mit Esprit ein. Durch Witz und Ernst begrüßten sie des Schweigens Ende. Wir sind erlöst. Ein Lächeln war‘s zur rechten Zeit, der Name. Onkel Henry, warum spukst du hier herum? Denn ich erkenne dich in der Verkleidung. Was hatte der ihm nur für Flausen in den Kopf gesetzt? Ein Lächeln wie im Märchen? (hier wäre ein Ausdruck von Skepsis angesagt); welch Kinderkram; das Losungswort, des Leichtsinns Opfer, der Name!

Angesichts der Camouflage, des Daseinsspuks, wurde er sich bewußt, daß er dem verfallen war, dem Ungehorsam gegen die Natur der Dinge. Unpassend, da am falschen Ort, zur falschen Zeit? Zu spät? Unversehens brach die Mauer zwischen ihm und jenem Fremden ein, barst gleichsam auseinander und unter der in Wahrheit dünnen, porzellanen Haut wurde für den Moment das Leid des Kranken sichtbar, offenbarte sich den Bruchteil eines Lidschlags lang ein veritabler Mensch, geborgen in der eignen Schwäche.

»Man sollte sich vor Ihnen hüten«, sagte Leander Beekensleit. »Sie sind wohl ein Schauspieler. Aber ich mag Sie. Vielleicht, weil Sie sterben werden.« Verlegen wandte er sich mit scheuen Blick und der unsicheren Aufmerksamkeit ewiger Wahrheitssucher ab. Er sah hinaus auf das gigantische Panorama unter sich. Durch das Dröhnen der Motoren hörte er die Stimme:

»Vor allen Ernst ist Zweifel auch gesetzt. Mylord, was soll ich glauben? Ihr wollt mich retten, die Ihr soeben noch das Schwert geführt im Ausfall gegen meine schwache Brust? O nein, ich witt‘re Lug und Trug. Ihr wollt Euch an mir messen und größer scheinen durch die Gnade, die Ihr mir gewährt, als Ihr in Wahrheit seid. Stoßt zu! Vollendet Eure Tat und seid‘s zufrieden.«

»Das war nicht Shakespeare«, mutmaßte Leander Beekensleit mit leichtem Vorwurf und begegnete dem unmenschlich heiteren Blick des Euligen. »Von wem, aus welchem Stück?«

»Aus dem Stück des Lebens.« Er lächelte geschmeichelt. »Ich bin talentiert, nicht wahr? An mir ist ein großartiger Dichter verloren gegangen.«

»Sie sind zu eitel«, widersprach Leander Beekensleit. »Wahre Größe ist bescheiden.«

»Daher habe ich es nie ernsthaft versucht.«

»Sie haben Verrat an sich selbst geübt. Daher sind Sie krank.«

»Der Mensch schafft sich selber ab. Darin besteht seine Größe.«

»Ich sehe Feigheit.«

Leander Beekensleit wich dem lautlosen, triumphierenden Gelächter aus, widmete sich den überschaubaren äußeren Vorgängen. Das Flugzeug verlor derzeit an Höhe. Man konnte bereits Einzelheiten am Boden einer weiten Schlucht wahrnehmen, jedoch nicht derart detailliert, daß sie ihrerseits Aufmerksamkeit erheischten.

»Sie sollen ihren Vorwurf nicht gegen Anonym richten. Erlauben Sie, Martin Bormann.«

Es wäre unhöflich gewesen, weiterhin aus dem Fenster zu schauen. Leander Beekensleit wandte sich ihm zu und stellte sich vor. »Ihr Name erscheint mir irgendwie bekannt.«

»Hitlers Reichsleiter.«

»Was haben sich Ihre Eltern dabei gedacht? Waren das Nazis?«

»O, die trifft sicherlich keine Schuld. Ich wurde kurz nach der Geburt vor einem Pfarrhaus abgelegt, ein Schildchen mit Vornamen und Geburtsdatum an der Zehe. Später adoptierte mich das Ehepaar. Es hieß Bormann. Ich kann damit leben. Es weiß doch kaum noch jemand, wer das war.“

„Hat es Sie verletzt, daß Ihre leibliche Mutter Sie ablehnte?“

Das Findelkind schüttelte nachsichtig und wie über eine Bagatelle den Kopf. »Bormanns waren gute Eltern. Sie ließen es nach ihrem Verständnis an nichts fehlen. Was sind Namen? Peinlich war mir lediglich, wenn mich Schulkameraden anläßlich der durchgenommenen Geschichtsepoche gelegentlich mit, Heil Reichsleiter! begrüßten. Neben jenen setzten sich die üblichen Neider in Szene, die mir die Aufmerksamkeit nicht gönnten und lästerten, Bormann sei ja nur eine graue Maus hinter der Lichtgestalt des Führers gewesen. Das ärgerte mich schon. Es waren eben pubertäre Spielchen. Nun ja, vor dem Hintergrund deutscher Geschichte. In der süddeutschen Provinz waren solche Reminiszenzen damals nicht ungewöhnlich. Im Geschäftsleben später kam niemand mehr darauf zurück. Wie gesagt, die Menschen haben sich selbst begnadigt und vergessen.«

»Hat dieser Name in irgendeiner Weise Ihren Lebensweg beeinflußt?«

»Sie meinen, nomen est omen?« Der Namensdoppelgänger schüttelte belustigt den Kopf. »Ich bin zum Verführer geboren. Bormann war ja eher die graue Eminenz, das gesichtslose Werkzeug hinter dem Charismatiker. Manchmal nahm ich als Jugendlicher die mir von meinen Mitschülern aufgedrängte Rolle spielerisch an und machte schon damals eine erstaunliche Erfahrung: Die Menschen vertrauen der Irrationalität mehr als der Logik.«

Die Antwort ließ Leander Beekensleit zutiefst unbefriedigt zurück. Doch scheute er sich, weiter in seinen Reisegenossen zu dringen. Dessen Schicksal erschien ihm tragisch, weniger der kuriosen Namensgleichheit und der daraus resultierenden Folgen, als viel mehr des Ausgesetztseins wegen. Wie mußte sich ein Mensch fühlen, den die eigene Mutter verraten hat, der die Eltern nicht kennt. Die elterliche Liebe mochte ersetzbar sein, und es mochten sich Wurzeln zu den Bormanns ausgebildet haben, gute, stabile Wurzeln. Aber sie reichen doch nicht in die Vergangenheit. Vielleicht hatte sich Bormann deshalb zu zeitig aufgegeben und wollte sterben. Er hatte ihm Unrecht getan.

»Und Sie?« vernahm er dessen Stimme. »Sie sehen mir so aus, wie jemand, der seine Eltern liebt.«

»Wie sieht so einer aus?«

Der Eulenmann wiegte den Schädel. »Selbstsicher und von einer inneren Fröhlichkeit erfüllt. Gelegentlich nennt man diese Erscheinung Charme, in ihrer Steigerung Charisma.«

»Vielleicht trifft Ihre Einschätzung zu«, erwiderte Leander Beekensleit einigermaßen verlegen. »Ich habe nie wie andere meiner Generation unter meinem Elternhaus gelitten. Wahrscheinlich fehlt mir ein gewisses Widerspruchspotential. Hader mit der Vergangenheit ist mir fremd. Die Wahrheit zu suchen, habe ich nicht aufgegeben. Vielleicht wirke ich daher auf andere Menschen überzeugend.«

»Aber irgend etwas fehlt ihnen doch nicht wahr«, zweifelte der Eulige und wiegte wiederum den Schädel. »Keine Auseinandersetzungen? Sie müssen mir nicht antworten. Schließlich kennen wir uns kaum. Aber einem Sterbenden gegenüber kann man ehrlich sein. Das sagt ihnen ein Mensch, der viel gelogen hat.«

»Um ehrlich zu sein«, erwiderte Leander Beekensleit, »ich weiß nicht, wohin ich gehöre.«

»Ich immerhin bin ein verhinderter Dichter«, bekannte Martin Bormann lästerlich heiter.

In Leander Beekensleits Elternhaus war die Geschichte niemals namhaft gemacht worden. Später, als er durch Onkel Henry in gewisse Dinge eingeweiht worden war, hatte er die Scheu seiner Eltern begriffen, obwohl die Mutter ihre Irrtümer nicht hätte verleugnen müssen. Es waren ja ihre Überzeugungen gewesen, in Vergangenheit, wie andere in Gegenwart. Der Vater hingegen war längst Teil jenes Mechanismus geworden, dessen allumfassende Gewalt ihn seiner eigenen Schwäche als Stärke versicherte. Unwissentlich (soviel an Verständnis glaubte er ihnen schuldig zu sein) erzogen sie ihre Kinder halbherzig zu dem, was man Demokraten nennt. Mit seinem eigenen gewesenen Mut, mit seinen unerfüllten Idealen legitimierte sich der Vater dazu. Doch gesellschaftlich nicht anerkannte Extreme waren ihnen beiden suspekt. Auch Talente mit dem Attribut des Außergewöhnlichen wären es gewesen, zumindest befremdlich, auch wenn sich ihr Stolz darin hätte spiegeln können. In diesem Sinne wollten sie sich, bei aller Distinguiertheit ihrer Person, so wenig von ihrem Leitbild bürgerlichen Selbstverständnisses unterscheiden wie im äußerlichen Habitus. Der Glaube an die demokratische Volksgemeinschaft und an den Wert des Individualismus sollte ihren Kindern den Weg bereiten. Deren eigener Erfolg sollte sich am Bonus der Öffentlichkeit orientieren. Widersprüche, die des Individuums, wie die der Gesellschaft, wurden allenfalls philosophisch abstrakt diskutiert. Es waren ohne Zweifel interessante, kontroverse Dispute. Der Kampf um eine bessere Welt für alle hatte sich auf dem Wege des Konsums als Unmöglichkeit erwiesen und erschien nicht nur deshalb als nicht erstrebenswert. Es galt nun abzuwarten auf neue Kräfte und neue Ideen und währenddessen die eigene Position zu sichern. Die konventionelle Revolution hatte sich als ein allzu untaugliches Mittel erwiesen.

Mit der Ungeduld der Jugend (von wem hat er das nur?) war Leander Beekensleit in die Welt hinausgestürmt, auf der Suche nach einer Kraft, nach einem Mythos, nach einer Liebe, nach einem Gott, nach einer brennenden Begierde. Geläutert, nicht enttäuscht oder frustriert, war er Jahre später heimgekehrt, um seinen Platz einzunehmen, einen Platz, den er sich nicht erobert hatte. Sein Weg war vorgezeichnet, und nur manchmal haderte er mit sich, ersann verlorene Möglichkeiten für ein freies, selbstbestimmtes Leben. Eine Zeitlang konnte er sich mit dem Geld das er verdiente über seinen Zustand hinwegtäuschen. Aber die erkaufte Freiheit erwies sich als Surrogat und somit als brüchig. Je höher sein Gehalt stieg, desto abhängiger machte es ihn. Gerade in seiner Position als designierter Projektleiter und Kandidat für den Vorstand erwartete man politische Korrektheit von ihm, Teamgeist und absolute Verfügbarkeit. Er war ein Sklave geworden, persönlicher Besitz eines Molochs, wie alle anderen, Sklave einer Fiktion, Sklave des Glaubens an grenzenlosen Fortschritt durch Wachstum. Bormann hingegen schien sich Unabhängigkeit bewahrt zu haben. Aber vielleicht war es nur die Freiheit des Todgeweihten. Es wäre interessant, sagte er sich, herauszufinden, was sich hinter dieser zweifelhaft gütigen Maske verbarg.

»Mit diesem Credo dichten Sie?« fragte er so harmlos und desinteressiert wie möglich. »Aber das widerspräche letztlich nicht Ihrem Credo als Egoist.«

Martin Bormann lächelte in freundlicher Selbstgefälligkeit. »Ich bin ein einfacher Profitjäger geworden, kein Menschenjäger. Businessman, sagt man heutzutage. Das klingt harmloser. Ich vermittelte Geschäfte und kassierte. Gleichwohl benötige ich von der täglichen Entfremdung gelegentlich Entlastung mittels der Sprache.

 

(faustisch deklamierend, doch mit gesenkter Stimme, fast flüsternd)O kommt, ihr göttlichen Gestalten, Wir wollen es wie in früh'ren Zeiten halten,

Da niemand in dem weiten Erdenrund

Bezweifeln durfte unsern Bund.

Wie damals, als der Morgenstern

Zum Horizont sich neigte in der alten Nacht

Erneuern wir durch unsern Schwur die Macht,

Wohl wissend, was des Pudels Kern

Welch Wunder laßt ihr heute werden?

Ich werde nie des schönen Truges satt.

Es ist kein besseres Plaisir auf Erden,

Als wenn man einen hohen Geist zum Freunde hat.

(lacht freundlich mephistophelisch)

 

Dann verfalle ich auf solche Eitelkeit, die großen Dichter nachzuahmen. Denn ich habe nie etwas Rechtes gelernt. Es ist mir offenbar gelungen«, lobte er sich ohne jede übertriebene Anmaßung, die dennoch Leander Beekensleit mit grausamer theatralischer Umschlingung zu vereinnahmen suchte. Wie sollte er die Distanz wahren zu dem unheimlichen Gast?

»Sie treiben Ablaßhandel mit der Kunst.« formulierte Leander Beekensleit sein Verdikt. »Wahrscheinlich kommt man in Ihrem Metier nicht umhin, gewisse charakterliche Ideale fallen zu lassen und sich mit teuflischen Mächten einzulassen.«

Abwägend schürzte Martin Bormann die Lippen. »Was tun Sie selbst, um so orthodox zu reden? Die großen Bauten sind mit Blut errichtet worden. Schweiß und Tränen kann man noch erwähnen. Ist Ihr Gewissen rein?«

Aus den Lautsprechern erklang leicht verzerrt und von gelegentlichem Krachen und Knistern unterbrochen die Stimme des Co-Piloten: »Ladies and Gentlemen, Mesdames, Messieurs, Damen und Herren, wir nähern uns jetzt dem Zielgebiet, der verbotenen Zone. Unser kleiner Umweg wird im Prospekt aus verständlichen Gründen nicht. Sie werden ein einmaliges. Die Hochebene vor uns liegt in etwa Metern.« Die Höhenangabe ging in einem kosmischen Gedudel unter. »Beachten Sie bitte zur Linken, die von den Einheimischen ›Schemel Gottes‹ genannt. Rechts erheben sich die ›Fünf verdamm‹. Wir fliegen jetzt direkt auf den größten der nördlichen Halbkugel zu. Ist nie vermessen worden. Aber wir hier wissen, daß. Somit trägt auch keinen offiziellen, da er nirgendwo. Die Urbevölkerung nennt ihn ›Himmels‹. Der nach sollen von hier die Götter zu den Sternen. Ein Wissenschaftler oder ein Bergtourist war noch nie. Umweltfanatiker haben wahrscheinlich. Werden also ein einmaliges.«

»Jeder behauptet, den größten der Welt zu haben«, nörgelte Martin Bormann in einem Tonfall tiefster Verachtung. »Das gehört zum menschlichen Egoismus.«

»Das sagen Sie?«

Etwa dreihundert Meter unter ihnen erstreckte sich eine gewaltige Hochebene von unberührtem Weiß. Wie Wächter der Unschuld wirkten die Berggipfel ringsumher. An ihnen würde jeder Eindringling scheitern, wenn nicht auf dem Hin- so spätestens auf dem Rückweg. Leander Beekensleit kam in den Sinn, wie wichtig ein Ort in der Vorstellung der Menschen ist, den nie ein Fuß betreten hat. Man müßte überall auf der Welt verbotene Zonen schaffen, dachte er, in die sich die Phantasie hineinretten kann. Aber die Gier würde größer sein. Egoisten von der Art Bormanns würden sich einfinden, die den Bodenpreis Phantasias bestimmten. Häuslebauer würden verlockt mit günstigen Krediten, virtuelle Villen gegen reales Geld. Nichts ist unmöööglich!!!

Die Flanke des Berges schimmerte im Halblicht der Sonne, grüngraue Schatten lagerten unterm Firneis. Zwischen Graten und Steilabstürzen tobten Klänge in g-dur. Das Adagio – Allegro (oder wars das Allegretto?) löste eine kleine Staublawine aus. Im Presto wirbelten Schneeschleier hoch. Die fünf Weisen stampften im Takt des Finales auf. Kreischten etwa im Andante-attacca die Heiligen vom Berge mit? Nein, bis hierher waren sie noch nicht vorgedrungen. Hier war unberührtes Niemandsland, frei vom Stakkato menschlicher Verirrung. Wie lange noch? Ein rotes Mal in der Ferne der Ebene blendete Leander Beekensleit einen Moment lang, unvermutet brandete es auf, wie eine schmale Woge aus Blut oder das flächige Aufzucken einer Detonation. Seine Phantasie vollendet die Vision zum Kreuz. Die Wirklichkeit verwehrte sich der Prüfung. Bläulichweiß zog die Ebene dahin, ein stummer Ort des Bleibens, des Vergessens. Er tauchte nicht auf in den Karten der Prospektoren. Hier lagerten kein Zinn, kein Blei, nicht Kupfer, noch Gold, das göttlich Aurum. Der Ort war frei von Interessen, besaß keine Geschichte, keine Zukunft; er war einfach heute und immerdar. Gott hatte niemals auf seinem Schemel Platz genommen. Wow schrien einige der Gaffer begeistert. Aber das Dröhnen der Flugzeugmotoren schluckte den Laut, wischte ihn weg mit jedem Kreisen der Propeller, sauber, rein, tiefenrein. Weit voraus zeichneten sich die Umrisse des Gletschers ab.

»Vielleicht ist er nicht der größte, aber der schönste«, bemerkte Leander Beekensleit.

»Wie mißt man das?« fragte der Todeskandidat.

»Findet nicht jedes Volk sein Land am schönsten?« fragte Leander Beekensleit sanft. »Das ist legitim.«

»Und seine Frauen«, der Euler lachte verhalten dumpf wie aus der Gruft heraus, aber doch seltsam befreit, als habe er lange um diese Erkenntnis gerungen.

In sein jenseitiges Gelächter tönte der leise Aufschrei der steifen Gattin, der sich ein begeistertes Schluchzen der Professorengeliebten anschloß.

»Halt den Mund«, ließ der Gatte unter dem seidigen Schurrbart verlauten.

»Die da vorne qualmen «, stellte einer der Männer im edlen Zwirn rachegeladen fest. »Aber uns ein Gläschen bringen, dazu reicht‘s nicht. Ich werd‘ ihnen den Arsch aufreißen.« Er reckte großspurig ein Bein in den Gang, blieb jedoch sitzen.

Unter der Cockpittür zog ein Rauchfaden in die Kabine. Plötzlich übertrug der Lautsprecher die Geräusche aus der Pilotenkanzel.

»Muß ein Kurzschluß sein«, sagte einer der Flieger.

»Das Funkgerät ist ausgefallen«, erwiderte der andere.

Einer der Nobelmänner in der Kabine lachte klirrend auf. »Das Triebwerk brennt.« Aber das war nur die halbe Wahrheit. Aus dem anderen quoll dichter Qualm.

»Das kriegen wir nicht mehr in den Griff«, sagte offenbar der Co-Pilot zum Käptn.

»Was sagen sie!?« schrien die Passagiere, welche weder Englisch noch die Landessprache beherrschten.

»Sie wollen den Sprit ablassen«, informierte der Professor die Verängstigten.

»Ich habe mir immer gewünscht, mit dir zusammen zu sterben«, sagte die jugendliche Assistentin in seinem Arm mit einer Art romantisch freudigen Erregung in der Stimme.

»Sei ganz ruhig, mein Täubchen«, erwiderte der Professor. »Der Schnee wird unseren Aufprall dämpfen, und man wird nach uns suchen. Das sind gute Flieger.« Er bekreuzigte sich und sein Blick suchte nicht den der Geliebten sondern das himmlische Erbarmen.

»Schnallen Sie sich an«, tönte jetzt die Stimme des Kapitäns zu ihnen. »Wir haben ein kleines Problem und versuchen eine Not...« Der Rest ging im Ionenstrom einer Riesenprotuberanz auf der Sonnenoberfläche unter.

Zu schnell verlor die Maschine an Höhe (denn um der touristischen Attraktion willen, hatte der Pilot zuvor bereits die Geschwindigkeit reduziert), sackte schließlich durch, schlug krachend und knirschend auf, ein Geräusch wie beim mißglückten Ziehen eines Zahns, nur zehntausendfach verstärkt. Der Rumpf pflügte eine urweltliche Spur in den Schnee, zerfetzte sich schließlich in Einzelteile, die mit einem Rest an Energie in eine Wächte einbrachen, welche sich am Rande des Gletschers auftürmte. Ein paar Wrackteile, Leichen und Gliedmaße schossen darüber hinaus und trudelten, spielzeughaft verkleinert, abwärts in die Tiefe des gläsernen Flusses, der sie aufnahm, und der sie konservieren würde, bis die Klimaerwärmung die sterblichen Überreste dereinst gnädig erlöste. Triumphierend gedämpft johlten nun doch auch hier die Heiligen vom Berge angesichts des Spektakels, stellvertretend für den Wind, und proklamierten den Triumph des Fortschritts. Mehr ließ die Stille nicht zu. Ein Echo brach sich. Dann herrschte wieder Alltag in den Bergen.

 

 

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Erstellt: 05.09.2006, zuletzt aktualisiert: 24.02.2015 04:39