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Das verlorene Land von Michael A. Stackpole

Rezension von Christian Endres

 

Michael A. Stackpole – Die Nacht der düsteren Träume

 

Kurzgeschichtensammlungen verkaufen sich nicht gerade wie geschnitten Brot – und wenn einer der großen Verlage dann doch einmal wagt, eine Zusammenstellung kürzerer phantastischer Texte zu veröffentlichen, dann sind es zumeist Anthologien mit mehreren bekannten Genreautoren, zumeist auch noch unter Schirmherrschaft eines anderen renomierten Herausgebers oder mit einem werbekräftigen Thema wie Tolkiens Mittelerde. Aber die berühmte Ausnahme bestätigt bekanntermaßen die Regel, und so können wir uns über »Die Nacht der dsteren Träume« freuen, einen Kurzgeschichtenband, in dem es nur einen einzigen Autor mit einer Vielzahl Geschichten gibt: Michael A. Stackpole. Dieser ist eine Art Multitalent der Phantastik; Romane zu Star Wars, Shadowrun und Battletech beherrscht er ebenso wie mehrbändige, düstere Fantasy-Epen, Scripts zu Computer- und Rollenspielen oder aber eben phantastische Kurzgeschichten aus allen Spielarten dieser Litteraturgattung. Sechzehn Stück an der Zahl bietet der vorliegende Band dem Leser – und damit einen imposanten Querschnitt von Stackpoles Schaffen und seiner Qualität als Weltenerfinder und Schriftsteller ...

 

Nach einer zweieinhalbseitigen Einleitung/Begrüßung vom Autor (später wird jede einzelne Geschichte mit zwei oder drei Sätzen explizit eingeleitet werden) stürzen wir uns mit der titelgebenden Geschichte Die Nacht der düsteren Träume bereits voll ins Getümmel – genauer gesagt in eine kleine, ergänzende Vorgeschichte zu Stackpoles Dark-Fantasy-Saga »Düsterer Ruhm« (die ihrerzeit äußerst stark begonnen, aber zur Mitte hin stark nachgelassen und gar fuchtbar geendet hat). Stackpole nimmt sich in der Titelstory Alyx’ im Verlaug der eigentlichen Saga an einigen Stellen zitierter Traumnacht an, und obwohl damit eine der sympathischsten und wohl auch beliebtesten Figuren aus Düsterer Ruhm einen Auftritt hat und einige schöne Bögen zur Serie gespannt werden, die Geschichte gut aufgebaut ist und natürlich auch ein packender Kampf mit den hässlichen Kreaturen der dunklen Nordlanshexe nicht fehlen darf, ist die namengebende Geschichte dennoch eine eher durchwachsene, stellenweise etwas zähe und im Gesamten leider nur eher mäßige Story, die mich nicht ganz überzeugen konnte und auch wirklich nur für solche Leser interessant ist, die die ganze Geschichte um den Krieg um die Drachenkrone kennen.

 

Die nachfolgende Story, Die Krells von Tancras Moor, hat dann, wie Stackpole folgerichtig einleitet, ein paar Anklänge an Robert E. Howards Degenabenteurer Solomon Kane, kommt aber lange nicht an die sprachliche Gewalt oder Aussagekraft des Texaners und Heldenschöpfers Howard heran – da hilft es auch nichts, dass Stackpole noch eine Abart der Werwölfe, die auf dämonischen Symbionten beruht, mit einbaut. Unterm Strich aber eine kurzweilige, immerhin atmosphärische Hommage an die Zeit der Pulp-Magazines.

 

Sei mein Zuckerschnäuzchen ist dann die erste Science-Fiction-Story des Bandes, und bereits hier zeichnet sich ab, was später noch ein paar Mal freimütig bewiesen werden soll: Mit eben diesen Abstechern zur Science Fiction – diesmal Abseits von Star Wars oder Battletech – fährt Stackpole im Falle weniger Seiten fast besser als mit den meisten der Fantasy-Kurzgeschichten in diesem Band. Zwar leidet diese bittersüße Story über eine schokoladenabhängige Zukunft ein wenig unter ihrer Kürze und Sprunghaftigkeit, doch birgt sie ungemein viel Potential in sich und wäre in meinen Augen eine Aus- oder Umarbeitung zu einer Novelle (oder gar einem Roman) alle Mal wert. Doch auch so schon ist sie äußerst lesenswert und macht vor allem durch die Anspielungen auf die großen amerikanischen und europäischen Süßwaren-»Legenden« und den Zusammenhang, in den sie gebracht werden, Spaß. Den Action-Part spult Stackpole dabei routiniert ab, ohne dass er sich nun sonderlich ins Zeug legt – was jedoch nicht weiter schlimm ist, da die moralische Konfrotnation des amerikanischen Schokoladenfahnders mit dem dekadenten Schokoladen-Europa klar im Vordergrund steht.

 

Die vierte Geschichte des Bandes wurde für eine Glücksspiel-Anthologie von Stackpoles Freund, dem leider viel zu früh verstorbenen Roger Zelazny, geschrieben. Der Tipp ist eine in der Zukunft angesiedelte Sportgeschichte über die Manipulation von Basketballspielen und Rassismus und darf als interessante, wenn auch manchmal etwas umständliche Science-Fiction-Story gesehen werden, die vor allem menschlich-moralisch einige gute Aspekte hat.

 

In Einfach zauberhaft schickt Stackpole einen Autor (wer könnte das nur sein, mh?) ins Rennen, der mit Hilfe eines magischen Siegels auf dem Briefpapier seine Manuskripte für Verleger und Lektoren unwiderstehlich gestalten will, um sich an diesen zu rächen. Fatalerweise kennen aber auch die Veralge ein paar solcher Siegel ... – eine humorvolle, kurzweilige Geschichte mit einer schönen Pointe, die gerade Autoren ansprechen dürfte und ihnen vielleicht ein wenig Mut zu machen versteht.

 

Die Die Parker-Panik bricht aus, als Stackpole ein mystisches Western-Abenteuer präsentiert, das sich irgendwo zwischen Wolfgang Hohlbeins Hexer-Reihe, dem Leben von Karl May und der (wenig comicgetreuen) Verfilmung des Westerncomic Blueberry bewegt. Interessante Ansätze, stilistisch sauber und ohne Schnörkel und mit ein paar witzigen Stellen während der Zeitsprünge in der Erzählung, qualitativ letztlich aber nur im Mittelteil dieser Sammlung anzutreffen.

 

Die darauf folgende Story Windtiger darf trotz, vielleicht aber gerade auch wegen starker Stereotypen zu den besten Geschichten des Bandes gezählt werden: Ein liebestoller Bandit und sein brummiger, bodenstäniger Kompanion, Mantel- und Degen-Action, zwei hübsche, unterschiedliche Cousinen und ein verfluchtes Piratenschift samt nicht minder verfluchter Crew, ein Monster und ein packendender Kampf in einer Schatzhöhle – das ist der Stoff, aus dem echte Abenteuer gemacht sind. Mit viel Witz und Charme zeigt Stackpole hier in einer temporeichen Geschichte, was man alles in einer perfekten Kurzgeschichte unterbringen kann, die zudem sprachlich noch voll und ganz zu überzeugen weiß und als Krönung noch zwei hübsche Love-Stories bereit hält. Die Charaktere, die zumeist Klischees bedienen müssen, passen dabei wie die Faust aufs Auge, und am Ende wünscht man sich definitiv noch mehr der Geschichten um das sympatische Schurkenpaar Marek und Rais ...

 

Mit Gieri konnte ich leider so gut wie gar nichts anfangen – in meinen Augen die schwächste Story des Bandes, die selbst von den Ansätzen her kaum Positives beinhaltet.

 

Den Rang als misslungenste Story könnte der eben erwähnten Geschichte höchstes noch Unter Toten ... ablaufen. Mit diesem Ausflug ins Unheimliche, den uns Stackpole in seiner Einleitung als Gespenstergeschichte verkaufen möchte, wurde ich auch nicht warm, da weder die Story, noch die Geschichte oder die Erzählweise mich zu irgendeinem Zeitpunkt gepackt haben, wie es bei einer gruseligen Horrorstory eigentlich der Fall sein sollte. Schade.

 

In Auf den Gedanken kommt es an vereint Stackpole Hammets Maltester Falken mit Dicks Blade Runner, kombiniert klassische amerikanische Hard-Boiled-Literatur mit klassischer Science Fiction á la »Demolition«. Eine spaßige, spannende und vor allem packende Krimi-Kurzgeschichte in der Zukunft, in der Stackpole wieder geschickt mit Klischees und altbewährten Science-Fiction-Elementen spielt und diese zu einer sehr guten Story vereint. Eine der besten Geschichten des Bandes.

 

Mit Asgard Unlimited betreten wir dann wieder ganz andere Gefilde. Die Geschichte hat ein bisschen etwas von Gaimans American Gods, aber auch von Pratchetts Einfach Göttlich. Loki macht aus Walhalla ein mächtiges PR-Unternehmen, das auf Gläubiger aus ist, und zieht dabei trotzdem sein altbekanntes Lügenspiel ab. Eine witzige, spritzige Geschichte mit guten Ideen und einem tollen Ende, die man ebenfalls weit vorne ansiedeln darf.

 

Der Hirte hat einen Helden, dessen erstes langes Abenteuer mich seinerzeit unwiederruflich zum Stackpole-Fan gemacht hat: Nolan, den Held aus Der Weg des Richters, einem der in meinen Augen besten Fantasy-Romane der letzten fünfzehn Jahre. Stackpole gelingt es in dieser recht guten Geschichte, den Charme seines Durchbruch-Romans im phantastischen Bereich der Literatur einzufangen, auch wenn die Story teilweise mit etwas zu ausgiebigen Action-Szenen zu kämpfen hat. Dafür überzeugen vor allem die Dialoge und die Zusammenhänge, wenngleich sie auch etwas aufgesetzt wirken. Dennoch ist Der Hirte alles in allem eine gelungen Ergänzung der Geschichte des Rechtsprechers Nolan, dessen Lebensgeschichte ich an dieser Stelle noch einmal jedem ans Herz legen möchte, zumal sie nächstes Jahr im Frühjahr eine Neuauflage bei Piper erfahren wird ...

 

Mit Das letzte Geschenk hatte ich meine Probleme, was weniger am religiösen Hintergrund als am allgemeinen Setting der Story lag. Zumindest ist sie sprachlich äußerst ansprechend zu Papier gebracht und weist ebenso wie die Geschichte über Asgard, Odin und Loki ein in jederlei Hinsicht göttliches Ende vor ...

 

Mit Kid Binary und die 2Bit-Bande und Das Greenhorn betritt Stackpole gegen Ende des Bandes noch einmal ungewohnte Pfade: In der ersten Geschichte knallt er dem Leser seines Cyberwestern Begriffe aus der Computersprache wie Hagelkörner um die Ohren, während er anschließend mit einem Gedicht – einer Cowboy-Ballade, wie er sagt – völlig unerwartet in lyrische Gefilde aufbricht. Beides Mal erreicht er dabei leider nur Mittelmaß, wobei das Gedicht jedoch durchaus seine Anhänger finden mag, wenn ein etwas ... poetischerer Leser als ich des Weges daher kommt. Eine objektive Meinung zu Das Greenhorn ist also kaum möglich, wohingegen Kid Binary´s Abenteuer ganz klar als etwas flaches, von zu vielen Fachbegriffen durchwachsenes Cyber-Adventure mit lediglich ein paar guten Cyberpunk-Ansätzen angesehen werden muss.

 

Bevor im Anhang alle Copyrightvermerke und Namen der Originalstories zum Besten gegeben werden, legt Stackpole mit Anhörung eine unglaublich gute Geschichte über einen Superhelden hin, die eines Comics durchaus würdig wäre. Dabei nimmt er die JLA und Captain America aufs Korn und punktet bei mir vor allem mit seiner Anspielung auf Turtle Raphael. Zum Abschluss des Bandes noch einmal eine abgedrehte, irgendwie aber schöne Story mit flotten, trashigen Sprüchen und einem hohen Sinn für echte Gerechtigkeit und Moral, die es so hoffentlich nicht nur in Comics und Superheldengeschichten wie dieser gibt.

 

Das Brom-Cover, die Gestaltung des Titels, aber natürlich auch eben dieser Titel selbst samt Subtitle und der Klappentext wollen es uns auf die Nase binden: Dieses Buch gehört zum Düsterer-Ruhm-Zyklus! Sorry, lieber Piper-Verlag, aber das tut es definitiv nicht. Auch muss sich der Verlag leider die Kritik gefallen lassen, dass die Gestaltung des Buchrückens gar grässlich ist und das schon erwähnte Cover von Brom so rein gar nicht zum Inhalt passt und mich irgendwie an Moorcocks Elric erinnert. Dafür fährt das gut 400 Seiten starke Taschenbuch einige Pluspunkte dafür ein, dass es eine kurze Biographie samt Autorenphoto auf der zweiten Seite gibt, was ja in Taschenbüchern dieser Preisklasse nicht unbedingt Standard ist, muss sich aber auch die Kritik gefallen zu lassen, einen eher mäßigen Buchrücken zu besitzen.

 

Fazit: »Die Nacht der düsteren Träume« zeigt vor allem eines: Die Vielseitigkeit des Autors Michael A. Stackpole. Schade nur, dass man keine Star-Wars-Kurzgeschichte mit reingenommen hat, doch wird da wohl die Lizenzproblematik mit hineingespielt haben. Wie auch immer, stilistisch ist jede Story in Ordnung und typisch für Stackpole, und inhaltlich gibt es bis auf ein oder zwei Totalausfälle und ebensowenige mittelprächtige Geschichten wenig bis gar nichts zu bemängeln. Es überwiegt ganz klar das Positive, und entsprechend positiv fällt dann auch der Gesamteindruck aus.

 

Viele der Geschichten sprechen für sich, doch wünsche ich mir von manchen, dass Stackpole sie wirklich hernehmen und ausarbeite würde – das gilt vor allem für seine Science-Fiction-Stories, von denen manch eine wirklich ungemein viel Potential in sich birgt.

 

Stackpole-Fans können bedenkenlos zugreifen – alle anderen Freunde der phantastischen Literatur, sei es nun Fantasy oder Horror, dürfen gerne einmal reinschauen.

 

 

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Buch:

Die Nacht der düsteren Träume

Autor: Michael A. Stackpole

Broschiert - 461 Seiten

Verlag: Piper

Erscheinungsdatum: April 2006

ISBN: 3492291465

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 03.04.2006, zuletzt aktualisiert: 02.08.2019 12:28