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Die Schamanenbrücke von Robin Hobb

Reihe: Nevare, Band 1

Rezension von Christel Scheja

 

Die amerikanische Schriftstellerin Megan Lindholm ist unter ihrem Pseudonym Robin Hobb inzwischen wesentlich erfolgreicher als unter ihrem richtigen Namen. Mit ihren Weitseher-Trilogien hat sie sich auf die Bestseller-Listen geschrieben und mehrere Preise gewonnen, während ihre „Windsänger“- Romane und andere Frühwerke eher untergingen. Allen Büchern gemeinsam ist aber, das sie sehr viel Wert auf die Ausarbeitung der Charaktere legen und eine ganz eigene Auslegung von Magie benutzen, die eher einen mythologischen Hintergrund hat. Das merkt man auch an dem Roman „Die Schamanenbrücke“, dem erste Teil ihrer aktuellen Trilogie.

 

Im Reich Gernien sind von alters her die zweiten Söhne der Adligen dazu bestimmt, Soldaten und Offiziere zu werden. Gerade weil man in den letzten Generationen das Land nach Osten ausgedehnt und die Flachländer erobert hat, herrscht Not an gut ausgebildeten Männern, die nicht das verspielen, was ihre Väter erobert haben.

Auch der junge Nevare ist dazu ausersehen. Sein Vater legt besonderen Wert darauf, dass er von Kindesbeinen an auf den Dienst vorbereitet wird, weil er selbst einst ein Soldatensohn war und nur durch die Ehrung des Königs zum Landbesitzer und Adligen wurde. Er hofft nun darauf, dass der Junge vielleicht sogar in seine Fußstapfen tritt.

Denn die Herrschaft der Gernier über die Flachländer ist längst nicht so fest wie es scheint. Zwar haben die meisten der barbarischen Nomadenstämme den Widerstand aufgegeben, sind sesshaft geworden und haben sich der Kultur ihrer Eroberer untergeordnet, aber es gibt doch immer noch einige, die sich auflehnen, so wie das Bergvolk der Fleck, das im Einklang mit der Natur lebt und uralten mächtigen Zauber zu weben weiß und für die immer wieder in den Grenzstädten grassierende Seuche verantwortlich zu sein scheint.

Damit er weiß, was auf ihn zukommt, vertraut der alte Offizier Nevare eines Tages für einige Zeit einem ehemaligen Feind an. Der Kidona Dewara, einst Häupling und berühmtester Krieger eines räuberischen Strammes, soll dem Jungen mehr über die Lebensweise der Stämme beibringen, damit er diese einzuschätzen lernt.

Die wenigen Tage in der Obhut des stolzen Mannes werden zu einem besonderen Abenteuer für Nevare. Er lernt nicht nur die Lebensweise der Flachländer kennen, sondern bekommt auch einen Eindruck ihrer seltsamen aber gefährlichen Magie. Dabei berührt er eine Macht, die sein eigenes Ich spaltet - etwas, was Jahre später, als er schließlich an der Offziersakademie weilt, ihm und anderen zum Verhängnis werden könnte. Denn dort wird er immer wieder von Träumen und Visionen eingeholt, die ganz im Gegensatz zu dem stehen, was er sich in seinem realen Leben auf der Akademie gefallen lassen muss...

 

Auch wenn der Titel auf wichtige Elemente der Geschichte anspielen, so stehen diese doch nicht so sehr im Mittelpunkt wie man denken könnte, sondern werden zunächst eher verhalten eingesetzt. Ein Großteil des Buches erzählt den Werdegang Nevares als Soldatensohn. Aufgewachsen in einem strengen Haushalt, in dem Gehorsam über alles zählt, bewahrt er sich doch seine Beobachtungsgabe und einen eigenen starken Willen. Zwar ist er gegenüber seinem Vater, Lehrern und Vorgesetzten gehorsam, aber hin und wieder auch bereit, Grenzen zu überschreiten, wenn es nötig wird. Das geschieht eher selten, ist aber in seiner Erziehung begründet und macht ihn trotz seiner insgesamt eher passiven Haltung zu einer interessanten Figur.

Denn sein in einer kontrollierten und hierarchischen Welt aufgewachsenes Ich steht im krassen Gegensatz zu dem zweiten Ich, das sich in der mystischen Welt der „Baumfrau“, der bei den Unterweisungen durch Dewara begegnet, wild und frei entwickelt und später zu einer großen Gefahr wird.

Immerhin entwickelt er sich weiter und bleibt nicht auf den festgelegten Chrakterzügen stehen. Nach und nach lernt er Zusammenhänge zwischen Intrigen und politischer Wirklichkeit zu erkennen, wird mit einer Hackordnung konfrontiert, in der er selbst nicht unbedingt so viel zählt, nur weil er in den Augen des alten Adels ein Emporkömmling ist und muss erkennen, dass im Herzen des gernischen Reiches oft andere Tugenden zählen, als ihm zu Hause vermittelt wurden.

Das liest sich zwar stellenweise wie andere Entwicklungsromane, in denen sich ein Junge oder Mädchen niederer Herkunft erst die Achtung der anderen erkämpfen muss, wird aber erfrischend anders ausgelegt und endet nicht ganz so gut wie man vermuten mag.

Auch das Setting überrascht durch eine Kultur, die sich nicht mehr an Mittelalter und Renaissance, sondern an die der britischen und französischen Kolonialherren in Amerika erinnert, gemischt mit Elementen aus der Zeit der Eroberung des Wilden Westens. Die Flachländer und Fleck sind unverkennbar amerikanische Ureinwohner, während die Gernier mit dem Selbstbewusstsein herum stolzieren, das überlegenere Volk zu sein und die Klassengesetze pflegen, die man aus dem 18. und 19. Jahrhundert kennt.

Robin Hobb nimmt sich etwas zu viel Zeit, um das Lebensumfeld Nevares auszuarbeiten und die Intrigen zwischen den Schülern in der Akademie zu schildern, so dass der Roman recht langatmig wird, kann aber insgesamt doch mit einem recht atmosphärisch dichten Werk überzeugen.

 

Das macht „Die Schamanenbrücke“ zu einem Roman, der zwar nicht ganz so spannend und mystisch ist, wie er sein könnte und stellenweise an ein Jugendbuch erinnert, aber dennoch in den Bann schlagen kann, wenn man nicht all zu viel Action und Abenteuer erwartet.

 

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Buch:

Die Schamanenbrücke

Reihe: Nevare, Band 1

Autorin: Robin Hobb

Übersetzer: Joachim Pente

Klett-Cotta, März 2008

gebunden - 672 Seiten

Titelbild: John Howe

 

ISBN-13: 978-3-608-93812-8

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.04.2008, zuletzt aktualisiert: 18.07.2019 19:45