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Die Schläfer

Unheimliches Erwachen in der Antarktis

Hörspiel

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Dr. Vincent Lürssen wird im Radio interviewt: Bald geht es in die Antarktis zur internationalen Forschungsstation Darwin, wo er für die ESA ein Programm zur psychologischen Stabilisierung unter Extrembedingungen testen soll, dessen Ergebnis bei einem potenziellen Flug zum Mars genutzt werden soll. Lürssen kommt mit dem letzten Flug bei Darwin – oder Vostok, wie sie bei den Russen heißt – an. Danach wird für einige Monate der Kontakt zur Außenwelt kaum noch möglich sein, da die Temperaturen im Schnitt bei – 70° liegen werden. Das Sommerteam verabschiedet sich fröhlich und es bleibt nur noch das neunköpfige Winterteam: Lürssen selbst, der NASA-Ingenieur Hanson, der Geologe Cesari, der Koch Samir, die Meteorologin Orli Ruben, der Funker Cronenburg, die Evolutionsbiologin Jovanovic, die Stationsärztin Komarowa und der Stationsingenieur Fjelstad. Die Stimmung ist gut, auch wenn der eine oder die andere dem ESA-Programm eher skeptisch gegenüber stehen. Besondere Aufmerksamkeit erhält das NASA-Projekt Hansons: Mittels einer speziellen Bohrsonde sollen Proben aus dem unter einer dicken Eisdecke liegenden See Vostok entnommen werden. Jovanovic ist begeistert: Es gibt dort sogar Kleinstlebewesen. Doch diese Entdeckung bleibt nicht die einzige Überraschung.

 

Die Schläfer. Unheimliches Erwachen in der Antarktis ist eine Mischung aus Wissenschaftsthriller und Horror. Genau hier liegen die Stärken und Schwächen des Hörspiels. Das zentrale Problem liegt in den Handlungssträngen: Da ist zunächst das ESA-Programm und die zu erwartende psychologische Extremsituation, bedingt durch die fehlende Sonne, die Begrenztheit der Räumlichkeiten und des mitmenschlichen Kontakts: Es gibt für einige Monate nur dieselben Räume und dieselben Gesichter zu sehen, selbst das Internet ist nur selten via Satellitenverbindung verfügbar. Aggressionen und Depressionen sind die Norm, es kann sogar zu Wahnvorstellungen kommen. Dann ist da das NASA-Programm und das, was deren Sonde mit zur Station bringt: Durch die Dekompression werden die Trichtertierchen getötet, doch bald leben sie wieder – wie kann das sein? Und dann ist da die Entwicklungsgeschichte des Protagonisten Lürssen selbst: Dämonen aus der Vergangenheit quälen ihn; wird er sie besiegen können – oder werden sie ihn besiegen? Es gelingt dem Skript nicht, aus diesen drei Strängen einen einzigen Plot zu flechten. Eine Zeit lang ist es ein Rätselplot, doch mit der zweiten CD wird es bald ein 'Kampf gegen Monster'-Plot. Hinzu kommt, dass dieser sich in zu bekannten, vorhersehbaren Bahnen bewegt (Filme wie Alien – Das unheimliche Wesen einer fremden Welt oder Das Ding aus einer anderen Welt lassen grüßen). Ein weiteres Problem sind die Dialoge, die gelegentlich zu gekünstelt klingen und zu viel erklären: Die Sondenteile Orpheus und Eurydike zu nennen, ist eine schöne Anspielung, die Benennung zu erklären, entwertet sie wieder und schafft zudem unnötige Länge. Zuletzt will ich bei den Schwächen die Figuren selbst nennen – für eine elitäre Forschungsstation sind mir zu exzentrische (und zum Teil klischeehafte) Figuren dabei, hier wäre etwas mehr Nüchternheit angebracht gewesen. Aber damit zu den Stärken: Die Grundidee (die Teil des Rätsels ist und daher hier nicht weiter ausgeführt werden soll) gefällt mir sehr. Zudem hat der Autor gut recherchiert und viele Details geschickt verwendet – hier lag Potenzial für einen herausragenden Wissenschaftsthriller. Zuletzt will ich das Cover und Booklet erwähnen, die sehr schön eine Reihe von Informationen hineinbringen, die im Hörspiel selbst schnell untergehen könnten.

Es bleibt ein durchwachsenes Skript: Es mangelt an Kohärenz im Plot selbst, hinzukommen Schwächen bei den Figuren und Dialogen, dafür gibt es eine tolle Grundidee, einige gute, spannende Szenen und ein tolles Cover plus Booklet.

 

Das Booklet zählt mit vierundzwanzig Sprechern eine solide Anzahl auf, was sich natürlich deutlich relativiert durch die Länge und die Menge der Nebenrollen – neun Sprecher dominieren die zweieinhalb Stunden. Sieht man von André Beyer (Vincent Lürssen) ab, den man zum Beispiel aus Die drei ??? Kids kennen kann, sind mit die anderen Acht in puncto Hörspiel unbekannt. Größere Stärken oder Schwächen sind mit auch nicht aufgefallen, darum will ich sie hier bloß aufzählen: Andreas Kleb (Hanson), Stephan Ziwich (Cesari), Arno Abd-el Kader Lüning (Samir), Petra Springhorn (Orli Ruben), Ralf Bettinger (Cronenburg), Katja Pilaski (Jovanovic), Liudmyla Vasylieva (Komarowa) und Alexander Schattenberg (Fjelstad).

Die Performanz der Sprecherriege ist durchweg im oberen Bereich des Soliden mit nur wenigen Schwankungen nach oben oder unten.

 

Die Inszenierung ist recht modern, so gibt es etwa jenseits des Prologs keinen Erzähler. Dafür werden verschiedene Modi verwendet: Es gibt ein Radiointerview, Funksprüche, direkte szenische Erzählung und Blog-Einträge, die die Inneren Monologe Lürssens wiedergeben – und damit gewissermaßen Erzählerfunktionen übernehmen. Die Geräusche stehen stets für sich selbst, sie werden sogar genauso häufig dramaturgisch wie untermalend verwendet. Die Musik wird nur sehr selten verwendet, dann üblicherweise untermalend in besonders dramatischen Situationen. Bei der Musik handelt es sich um moderne Orchestralmusik, wie sie in den meisten aktuellen Hollywood-Filmen verwendet wird; für meinen Geschmack lehnt sie sich dabei ein bisschen zu sehr an Hans Zimmers Stil an, wie er z. B. in Christopher Nolans Batman Beginns zu hören ist. Üblicherweise gibt es zwei Tonschichten: Sprecherdialog und Geräusche (oder seltener Musik). Die Inszenierung ist gut, die Geräuschkulisse sogar sehr gut, und wenn die verschiedenen Modi konsequenter umgesetzt worden wären, hätte ich sogar in beiden Fällen die Höchstnote vergeben.

 

Fazit:

Der ESA-Forscher Vincent Lürssen soll im langen Winter in der Antarktisstation Darwin eine Testreihe durchführen, die helfen soll, den Stress in Extremsituationen zu mindern. Doch auch die anderen Forscher gehen ihren Experimenten nach – wie etwa einen seit Urzeiten abgeschotteten See anzubohren und Proben mitzubringen. Die Schläfer. Unheimliches Erwachen in der Antarktis ist eine sauber produzierte Mischung aus Wissenschaftsthriller und Horror, mit z. T. sehr guten Elementen wie der Grundidee oder den Geräuschen, aber auch inkohärenten Handlungssträngen und klischeehaften Figuren. Es lohnt sich dennoch, mindestens einmal reinzuhören.

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Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

Heiko
Sonntag, 08. Dezember 2013 18:49 Uhr
super Rezi!

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Hörspiel:

Die Schläfer. Unheimliches Erwachen in der Antarktis

Reihe: -

Produktion: Torsten Gellrich

Regie: Petra Springhorn/Andreas Kleb

Label: vitaphon

Erschienen: Mär 2013

Umfang: 2 CDs, ca 150 min

ISBN-13: 978-3942210324

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Sprecher

André Beyer

Andreas Kleb

Petra Springhorn

Ralf Bettinger

Katja Pilaski

Liudmyla Vasylieva

 

 

Weitere Infos:

Die Webpräsenz des Labels Vitaphon.

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Erstellt: 20.10.2013, zuletzt aktualisiert: 28.05.2019 19:09