Die Schlinge zieht sich zu (Sleeper Bd.2)
 
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Die Schlinge zieht sich zu

Reihe: Sleeper Bd.2

 

Rezension von Olaf Kieser

 

Rezension:

Holden Carver ist ein erfolgreicher Mann. Er hat mehr erreicht, als er es für möglich gehalten hätte. Es ist ihm gelungen, in der Organisation des mysteriösen und charismatischen Tao ganz nach oben zu kommen. Carver ist einer von drei Prodigals, die nur Tao selbst Rechenschaft schulden und besondere Aufträge für ihn übernehmen. Doch nicht nur auf beruflicher Ebene hat Holden Erfolge vorzuweisen. Mit Miss Misery hat er eine mehr als aufregende Geliebte gefunden. Ihren Namen trägt diese Frau nicht zu Unrecht, liebt sie es doch anderen Schmerz zuzufügen und moralische und gesellschaftlichen Grenzen zu überschreiten. Will man eine Beziehung mit ihr überleben, sollte man schon über einen widerstandsfähigen Körper und eine robuste Psyche verfügen. Seit einer gescheiterten Operation im südamerikanischen Dschungel, bei dem Carver mit einem außerirdischen Artefakt verschmolz, verspürt er keinen Schmerz mehr und ist mit einer phantastischen Selbstheilungskraft gesegnet. Außerdem kann er Schmerzen speichern und an andere in Form von Entladungen weitergeben. Das ist durchaus von Vorteil für seine Arbeit und die Beziehung zu Miss Misery. Genocide Jones, ein nahezu unverwundbarer Schläger und Mörder, ist Carvers bester Freund innerhalb der Organisation geworden. Wäre Carver nicht ein Doppelagent, der für den Meister-Geheimdienstler John Lynch Taos Organisation infiltrieren und ausspionieren soll, könnte er zufrieden mit seinem Erfolg sein. Doch eigentlich will Carver aus der Kälte heimgeholt werden. Da Lynch seit einem Anschlag im Koma liegt, weiß niemand um Carvers Auftrag. Gefahr droht Carver nicht nur durch Neider in den Reihen von Taos Organisation. Auch sein ehemaliger Arbeitgeber ist hinter ihm her. Als sich Carver durch einen in Ruhestand befindlichen Agenten, der angeblich im Auftrag von Lynch wieder aktiv geworden ist, eine unerwartete Möglichkeit bietet, seine Rolle als Doppelagent zu beenden, geraten die Dinge in Bewegung. Tao beginnt einen Maulwurf in den eigenen Reihen zu vermuten und beauftragt seine Agenten nach dem Verräter zu suchen. Carvers Lage wird von nun an schnell bedrohlich und höchst gefährlich. Es kostet ihn zunehmend mehr Mühe, seinen Gegnern einen Schritt voraus zu sein. Jeder Schritt will wohl überlegt sein, da es sein letzter sein könnte. Ist er wirklich bereit, sein neues Leben aufzugeben? Kann er dem Angebot überhaupt trauen?

 

Die Schlinge zieht sich zu ist der zweite Band der Reihe Sleeper, erdacht von dem Autor Ed Brubaker und seinem Zeichner Sean Phillips. Dieser Band enthält die zweite Hälfte der ersten Season von „Sleeper“. Die Serie enthält viel, wovor einen Eltern, Pädagogen und Comic-Gegner immer gewarnt haben: Nackte Frauen mit ungesundem Lebenswandel (Rauchen!), Sex (vor der Ehe) und viel Gewalt. Aber auf solche Einwände hört niemand, der sich für packende, anspruchsvolle Geschichten begeistert. Brubaker ist einer der besten Autoren, die zur Zeit am US-Comic Markt tätig sind. Neben „Sleeper“ hat er Point Blank, Criminal und diverse Titel für Marvel und DC betreut. Phillips, ein britischer Comiczeichner, hat zahlreiche Comics gezeichnet, wie Wildcats, Marvel Zombies und Hellblazer um nur einige zu nennen.

 

„Die Schlinge zieht sich zu“ macht genau da weiter, wo der erste Band endete. Stand der erste Band eher unter dem Zeichen von Carvers Aufstieg innerhalb der Organisation, so liegt der Schwerpunkt im zweiten Band auf seinem Überlebenskampf. Brubaker gelingt es meisterlich, die Spannung weiter anzuziehen. Die komplexe Geschichte nimmt den Leser sofort gefangen. Man wird Zeuge, wie Carver verzweifelt versucht, einen Ausweg zu finden und seine Gegner abzuschütteln. Dabei muss er Risiken eingehen und moralische Grenzen überschreiten.Neben der komplexen Story sind die plastischen Figuren eine weiter Stärke von Sleeper. Brubaker gelingt es, seine Figuren realistisch und glaubwürdig erscheinen zu lassen und ihnen Tiefe zu geben. Er charakterisiert sie tiefgründig. Deshalb ragen sie aus der Masse an Comicfiguren heraus. Carver ist gezwungen, böses zu tun, um gutes zu erreichen. Das schließt manchmal auch den Tod von Unschuldigen mit ein. Carver unterscheidet sich so deutlich von solchen Kino-Agenten wie Bond oder Bourne, die immer die Bösen erledigen. Die Geheimdienstwelt in „Sleeper“ ist weitaus düsterer, was ihr einen gewissen Grad an Glaubwürdigkeit verleiht. Neben Carver gibt es aber noch eine Reihe weiterer interessanter und faszinierender Figuren. Miss Misery, Genocide, Tao und Lynch sind alles keine positiven Figuren. Dennoch erwecken sie das Interesse des Lesers. In Band eins erfuhr man etwas über die Hintergrundgeschichte von Miss Misery. In diesem Band erzählen Genocide und Tao über ihre Vergangenheit. Die Geschichte von Genocide ist ähnlich tragisch und schockierend wie die von Miss Misery. Tao überzeugt als diabolischer und charismatischer Anführer. Er ist ein kriminelles Genie. Über seine Ziele und Motive soll hier nichts verraten werden, doch unterscheiden sie sich deutlich von typischen Zielen von den anderen Comic-Superschurken. Unter Brubakers Regie wird Tao zu einem der gefährlichsten Schurken, den es im Superheldengenre gibt.

 

Eine weitere Leistung von Brubaker ist es, dass die Superheldenwelt, in der „Sleeper“ spielt, durchaus als glaubwürdig empfunden wird. Dies ist darauf zurückzuführen, dass genretypische Elemente auf ein nötiges Mindestmaß zurückgenommen werden. Brubaker hat einen realistischen Ansatz gewählt, der der Geschichte zu Gute kommt. Sucht man Vergleiche im Film, müsste man Michael Manns Heat und den von der Thematik sehr an „Sleeper“ erinnernden Infernal Affairs nennen.

 

Neben Brubaker müssen aber auch einige Sätze über den großartigen Zeichner Sean Phillips verloren werden. Nicht zuletzt seinen Bildern ist es zu verdanken, dass „Sleeper“ ein so herausragender Comic geworden ist. Phillips fängt die Welt des Holden Carver in düsteren Bildern ein. In seinen Zeichnungen lassen sich die Emotionen der Figuren bemerkenswert klar ablesen. Phillips Bilder sind in einer Art Realismus gezeichnet, der sich selbst in Details wiederfindet. Man kann sich keinen anderen Zeichner für diese Serie vorstellen und das sagt etwas aus. Cross Cult würdigt Phillips im Bonusmaterial des Bandes (Das gibt es nicht nur bei DVDs!) mit einem kurzen Portrait

 

Fazit:

Mit „Sleeper“ hat Cross Cult eine Top-Serie auf den deutschen Markt gebracht, die durchaus mit filmischen Meisterwerken wie „Heat“ und „Infernal Affairs“ zu vergleichen ist. „Sleeper – Die Schlinge zieht sich zu“ überzeugt in Inhalt und Darstellung vollkommen. Die Aufmachung des Bandes ist wie von Cross Cult gewohnt ansprechend. Man kann den Comic gut im Bücherregal unterbringen. Der einzige kleine Wermutstropfen sind jedoch ein paar Rechtschreibfehler („davonspazierten“ und „plastern“). Insgesamt kann man nur festhalten: „Sleeper“ ist nicht weniger als ein Meisterwerk.

 

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Comic:

Die Schlinge zieht sich zu

Reihe: Sleeper Bd.2

Original: Sleeper : All False Moves, 2004

Reihe: Sleeper Band 2

Autor: Ed Brubaker

Zeichner: Sean Phillips

Übersetzerin: Maria Morlock

gebundenen, 144 Seiten

Cross Cult, Jan / Feb 2009

Lesealter: 16 +

 

ISBN-10: 3936480729

ISBN-13: 978-3936480726

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 04.04.2009, zuletzt aktualisiert: 28.12.2022 16:07, 8516