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Die Stunde des Abtrünnigen von Robin Hobb

Reihe: Nevare, Band 3

Rezension von Christel Scheja

 

Mit „Die Stunde des Abtrünnigen“ schließt Robin Hobb ihre Geschichte um Nevare, den gernischen Soldatensohn ab, der in Berührung mit der Magie eines Volkes kommt, dessen Lebensraum seine Landsleute immer mehr beschneiden.

Dabei hat seine Karriere als Offizier am Anfang noch glänzend ausgesehen, da ihn sein Vater schon früh in seine Pflichten eingewiesen hat, weil er selbst ein Soldatensohn gewesen ist. Wie andere Söhne neuadliger Familien setzt sich Nevare erfolgreich und mit viel Verstand gegen die Jungen aus altem Adel durch und verschafft sich bei den konservativen Lehrern Respekt.

 

Doch während die Fleck, ein naturnahes und barbarisches Volk aus den Bergen, dass sich den Gerniern noch wiedersetzt, eine Seuche über die Hauptstadt bringen holen ihn Erlebnisse aus der Kindheit ein, in denen er durch einen Schamanen das erste Mal in Berührung mit der Magie kam. Von der geheimnisvollen „Baumfrau“ berührt, beginnt er sich zu verändern. Während viele andere sterben oder das Fieber abgemagert überleben, setzt er immer mehr Fett an. Auch Training und Hungern können nicht verhindern, dass er dicker und dicker wird.

Schließlich entlässt man ihn aus der Offiziersakademie. Ohne Patent in der Tasche bleibt ihm nur noch die Wahl, entweder als jämmerlicher Versager nach Hause zurückzukehren oder als einfacher Soldat in die Armee zu gehen. Er entscheidet sich für letzteres, nachdem er gemerkt hat, dass er zu Hause keinen Frieden findet und seiner Familie nur Qualen bereitet.

Schließlich kommt es zu einer großen Tragödie, die Nevare aus dem Haus und an die Grenze treiben. Er weiß, dass er nur dort Antworten auf seine Probleme und Visionen finden kann, wenn er jemals wieder Frieden finden will. Er schreibt sich in Gettys bei den Truppen ein.

Doch das ist nur der Anfang einer großen Zahl von Prüfungen und Demütigungen, die ihn noch erwarten, denn er erntet nur Spott und Hohn. Schließlich landet er auf einem Friedhof, wo er die Seuchenopfer verscharren und bewachen soll, damit deren letzte Ruhe nicht geschändet werden. Dabei beginnt er eine Beziehung mit Carsina, die einst seine Verlobte gewesen ist, nun aber den hochrangigen aber kaltherzigen und brutalen Hauptmann Thayer heiraten musste. Doch auch dieses Glück ist nur von kurzer Dauer, denn Carsina stirbt. Als dann auch noch die Toten auch noch erwachen und für einige Stunden zu Wiedergängern werden, eskaliert die Situation.

Nevare wird Verbrechen wie Leichenschändung und Vergewaltigung angeklagt und zum Tode verurteilt. Es gelingt ihm in die Wälder zu fliehen. Traumatisiert von seinen Erlebnissen, zu denen auch sein Tod unter den Fäusten einer wütenden Menge gehörte, flieht er von der Magie getrieben in die Wälder und vergeudet seine Zauberkraft zunächst sinnlos. Das macht aber die Fleck auf ihn aufmerksam, die sich seiner annehmen und sich um ihn kümmern. So gelangt Nevare ohne es forciert zu haben in das Herz des Widerstands gegen sein eigenes Volk. Mit gespaltener Persönlichkeit überlebt er die kommenden Monate in denen er sich ganz der Magie ergibt, mit anderen Gettys angreift und schließlich das tut, was die Magie von ihm verlangt, ohne zu wissen, wie das alles für ihn ausgehen wird.

 

Faszinierend ist wohl am meisten die Erzählweise. Nevare fungiert zwar weiterhin als Erzähler, aber er betrachtet seine Handlungen aus einer sehr distanzierten und fremden Sicht. Der „Soldatenjunge“ ist der Teil seines Bewusstseins, dass sich ganz der Magie ergeben hat, sich von ihr und seinen Gefühlen treiben lässt und manchen grausamen Fehler begehen. Erst als es ihm gelingt, die beiden Hälften seines Ichs zu vereinen kann er das erfüllen, wozu er geschaffen worden ist

All das erzählt Robin Hobb auf den über siebenhundert Seiten in einem behäbigen und weitausholenden Stil. Sie fasst sogar noch einmal die letzten Geschehnisse aus dem vorhergehenden Band „Im Bann der Magie“ in den ersten paar Kapiteln zusammen, wenn auch aus einer etwas anderen Sichtweise. Erst später erkennt man warum – sie begünstigen die Spaltung in zwei Seelen, von denen die eine ihr altes Ich als Verstand-geprägter Gernier, der beobachtet und analysiert, strategisch plant und bedacht handelt, beibehält, die andere aber ganz Fleck ist – voller hitziger Gefühle und Leidenschaften getrieben, skrupellos und voller Magie.

Einen richtigen Höhepunkt gibt es leider nicht. Die Geschichte plätschert mehr oder weniger vor sich hin, verwirrt durch Sprünge und Visionen, in denen Nevare Kontakt zu seiner Familie hält, langweilt stellenweise durch viel zu ausführliche Beschreibungen und endet ziemlich unspektakulär und schon gar nicht spannend.

Immerhin geht der Roman gut aus, denn Nevare findet nicht nur die Frau wieder, die ihm schon im zweiten Band wichtig gewesen ist, er darf nun auch wieder ein wichtiger Teil seiner Familie werden, auch wenn er keine Laufbahn als Soldat mehr einschlagen wird.

Alles in allem erfüllt das Buch dann aber doch nicht die Erwartungen, die durch die beiden ersten Bände geweckt wurden, denn wirklich Anteil nimmt man an Nevares Erlebnissen mit der Magie der Fleck nicht und der komplexe Hintergrund löst sich sehr schnell in Wohlgefallen auf, lässt zudem noch einige Fragen offen.

 

Alles in allem ist „Die Stunde des Abtrünnigen“ der wenig spektakuläre und viel zu ruhige Abschluss der Trilogie, der einiges an Möglichkeiten verschenkt, den Hintergrund spannend und unterhaltsam einzubinden. Stattdessen darf man sich durch einen dicken Wälzer voller gepflegter Langeweile quälen.

 

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Buch:

Die Stunde des Abtrünnigen

Reihe: Nevare, Band 3

Autorin: Robin Hobb

gebunden - 768 Seiten

Klett-Cotta, erschienen August 2009

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Joachim Pente

Titelbild von John Howe

ISBN-10: 3608938141

ISBN-13: 978-3608938142

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.11.2009, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 14:35