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Django Unchained (Kino; Horror; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Wenn ein Filmemacher konstant und mit leidenschaftlicher Inbrunst regelmäßig seine Aufwartung gegenüber einer ganz speziellen Sub-Gattung des europäischen Films macht – den so genannten Spaghetti-Western –, so ist ein eigener Versuch, im klassischen Westerngenre Fuß zu fassen, nicht bloß logisch, sondern überdies konsequent. Besonders wenn es sich bei diesem Filmemacher um keinen Geringeren als Quentin Tarantino handelt.

Dabei hat der Kult-Regisseur aus Knoxville, Tennessee, neben diversen klassischen Einstellungen und Stilmitteln seines großen Vorbilds, Sergio Leone sowie der Verwendung von Stücken seines musikalischen Kollaborateurs, Ennio Morricone, sich bisweilen auch stets thematisch am Western Made in Italy orientiert. So vergleiche man die letzten beiden Akte von Tarantinos Debüt, Reservoir Dogs (1992) mit dem Finale von Leones Zwei glorreiche Halunken (1966). Und auch über dem großartigen Kill Bill, Vol. 1 (2002) schwebte stets auch ein Hauch von Für eine Handvoll Dollar (1964). Und die vielleicht größte Leone-Hommage gab es bislang zu Beginn von Inglorious Basterds (2009). Wer den Auftakt des Streifens nicht nur aufgrund seiner Kapitelbeschreibung nicht als ungemein clevere Verneigung vor Spiel mir das Lied vom Tod (1968) identifiziert, dem fehlt im Grunde basisches Filmwissen.

In seinem aktuellen Streifen, Django Unchained, darf sich Tarantino nun ungehemmt seiner Liebe zum Italo-Western von einst hingeben. Allerdings mit einem gewaltigen Unterschied: dem Ansatz. Denn was prinzipiell als überbordender, für Tarantinoverhältnisse erfrischend stringent erzählter und sich niemals seiner Gewalt schämender Western daherkommt, ist in Wahrheit eine unverblümte Abrechnung mit einem ganz düsteren Kapitel der amerikanischen Geschichte; eins, mit dem sich – in dieser Form und auf so radikale Art und Weise – noch kein Filmemacher auseinander gesetzt hat: der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. Ein Thema, und das wird sehr schnell klar, welches Tarantino sehr am Herzen lag. Ihm, der mitunter selbst in den afroamerikanischen Slang verfällt. Dessen allein erziehende Mutter auch farbige Freunde hatte. Ihm, dem dadurch eine völlig andere Sicht auf die Welt ermöglicht worden war wie den meisten.

Doch bereits in einer der ersten Einstellungen von »Django« dreht Tarantino erst einmal den Spieß um. Mehr noch: Auf einer fast schon metaphysisch anmutenden Ebene lässt er den Zuschauer ungewollt erst mal selbst zum Rassisten respektive Sklaventreiber verkommen. Wer wird bei der Aufnahme von kräftigen weißen Männern auf kräftigen Rappen, die gebeugte, ausgemergelte, angekettete, lediglich in alten Decken steckende farbige Sklaven durch eine bitterkalte Nacht treiben nicht unbewusst an den Unterschied zwischen Mensch und Tier – oder noch radikaler: Mensch und Affe – erinnert, bevor er den mentalen Griff ins Klo rasch korrigiert?

Ein Geniestreich, den Film auf diese Art und Weise beginnen zu lassen; fortgeführt durch den mannigfaltigen Verbrauch des hässlichen N-Worts, bis es selbst der Zuschauer nicht mehr können kann und will. In ebendieser eisigen Nacht lernen wir auch umgehend die beiden Protagonisten kennen: zum einen den einstigen Zahnarzt und jetzigen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (Christoph Waltz) sowie den Namensgeber des Opus, den Sklaven Django. Dieser hat für den gebildeten, redseligen aber dennoch ungemein toughen Schultz einen eminent wichtigen Wert, weiß er doch um wichtige Details was die steckbrieflich gesuchten Brittle Brüder betrifft, die ganz weit oben auf der Agenda des Kopfgeldjägers stehen.

Dumm nur, das Ace und Dicky Speck keine Interesse hegen, eine ihrer Neuerwerbungen so schnell wieder herzugeben. Dumm für die beiden, wohlgemerkt. Denn was mit Djangos Befreiung beginnt mündet letztlich sogar in einem kleinen, aber ungemein blutigen Coup d’Etat seitens der anderen Sklaven. Gemeinsam mit Django reitet Schultz davon – und allmählich erfährt man mehr über diesen interessanten Mann. Wie es sein Nachname bereits impliziert, ist er Deutscher (aus Düsseldorf), kombiniert einen klugen und wachen Verstand mit Akten gnadenloser Gewalt – und verabscheut die Sklaverei in höchstem Maße. Mit der Zeit erwacht der verängstigte Django und verlässt schließlich sein auf Furcht zementiertes Schneckenhaus. Er und Schultz werden Partner, Freunde. Zusammen machen die beiden Jagd auf gesuchte Mörder, Vergewaltiger und Kutschendiebe; lernt Django den Job des Bountyhunters praktisch von der Pike – und offenbart Schultz schließlich sein dunkelstes Geheimnis: die Existenz seiner geliebten Frau, Broomhilda (Kerry Washington).

Ihr Aufenthaltsort entzieht sich jedoch Djangos Kenntnis. Nach allem, was er weiß, könnte sie auch schon längst tot sein. Schultz, der es als Verpflichtung ansieht, seinem Partner bei der Suche beizustehen, findet schließlich entscheidende Hinweise. Offenbar gehört Broomhilda einem gleichermaßen charmanten wie eiskalten Plantagenbesitzer, der eine gehörige Affinität zu tödlichen Menschenkämpfen hat – »Mandingo Fighting«. Wobei die Kämpfer selbstredend ausnahmslos aus farbigen Sklaven bestehen. Unter Vorgabe falscher Tatsachen erschleichen sich Django und Schultz die Aufmerksamkeit von Calvin J. Candie (Leonardo DiCaprio) und begleiten ihn nach »Candyland«, seiner Plantage. Nicht lange, bis die beiden schließlich auch auf Broomhilda stoßen – und Candie auf die Wahrheit …

 

Das sich Tarantinos prominenter Kollege, Spike Lee, über »Django Unchained« echauffiert hat, mag zu Beginn des Films (partiell – siehe oben) durchaus passen, doch schon nach wenigen Minuten ist es überdeutlich, wem Tarantinos Sympathien gehören – und dies sind nicht die weißen Farmer und Sklavenhändler. In diesem Kontext weißt Tarantino ferner darauf hin, dass nicht alle Deutschen von Natur aus verbrecherische Herrenmenschen sind. Ein subtiles, aber meisterhaft vorgetragenes Statement. Umso unverhohlener geht er mit den tumben Weltanschauungen der Südstaatler um, die beim kleinsten Vergehen sofort zur Peitsche oder drastischeren Mitteln greifen, beim Thema Geld jedoch umgehend zu Charmebolzen erster Güte werden. Und wie man homophoben Ignoranten genial die eigene Dummheit unter die Nase reiben kann beweist ein Disput – vermeintlich – vermummter Ku-Klux-Klaner, die es nicht auf die Kette kriegen, ein paar simple Löcher in ihre Laken zu schneiden – ein Höhepunkt, in einem mit reichlichen Höhepunkten ausgestatteten Film.

Freilich, es ist ein Tarantino und demzufolge wird in Sachen Härte keineswegs gespart. Da werden farbige Sklavenmädchen ausgepeitscht, Menschen von Hunden zerfetzt, Gliedmaßen gebrochen und Augen ausgerissen – von den bleihaltigen Momenten ganz zu schweigen. Wenngleich man stets das Gefühl nicht los wird, dass dies nicht die bevorzugte Fassung des Regisseurs ist, sondern jene, die von den US-Zensoren goutiert wurde. Gut möglich – und wünschenswert –, dass in nicht allzu ferner Zukunft ein Director’s Cut folgen wird.

Jedoch punktet Tarantino gar nicht mal so sehr mit exzessiver Gewalt, sondern mit einer narrativen und stilistischen Expertise, die schlichtweg ihresgleichen sucht. So oft und so gerne der Mann seine Helden referiert, unterm Strich bleibt ein Tarantinofilm ein Tarantinofilm. »Django« macht da keine Ausnahme. Womöglich ist dies sogar sein bislang »komplettestes« Werk, was die Gesamtheit ausmacht. Ausstattung, filmische Sprache, Plot, Darsteller – sie ergeben ein episches Ganzes, das den Zuschauer atemlos zurücklässt.

Trotz des Fehlens von Tarantinos Stammcutterin, Sally Menke, die im September 2010 verstorben ist. Ihr Posten wurde von Fred Raskin übernommen, der gottlob Tarantinos Filmsprache versteht und dementsprechend gearbeitet hat. So werden auch die langen, aber niemals langweiligen Dialoge zu keinem Augenblick ihrer Wucht beraubt und beweisen, dass auch in diesem Sektor kaum jemand Mister T. das Wasser reichen kann, der den Zuschauer ferner und bisweilen völlig unvermittelt durch ein Wechselbad der Gefühle gleiten lässt; wechseln sich knochenharte Passagen mit oftmals ans Lächerlich grenzende (aber niemals lächerlich wirkende!) Szenen ab, ohne die Harmonie der Komposition aus der Balance zu bringen.

Dafür sorgen selbstredend auch die superb ausgesuchten Darsteller. So geht Oscarpreisträger Jamie Foxx in seiner Rolle als Django Freeman im Verlauf des Films immer weiter auf, ehe Tarantino sein Alter Ego in einen coolen Western-Superhelden verwandelt. Exklusive des comichaften Beigeschmacks, versteht sich. Und was soll man über Christoph Waltz sagen? Er lebt diese Rolle; mutiert abermals zu jener Sorte von Larger than Life-Rampensau, die sein Hans Landa in »Inglourios Basterds« schon innehatte und die sich mitunter gerade durch kleine, kaum merkbare Details (dem regelmäßigen Bartzwirbeln etwa) vom Rest absondert. Eine abermals oscarreife Leistung!

Dies kann – mit minimalen Abschnitten – auch zu Leonardo DiCaprios Auftritt gesagt werden. Sein Calvin J. Candie (dessen Gebiss passenderweise braun und kaputt ist – eine wunderbare Symbolträchtigkeit!) durchlebt das gleiche Wechselbad der Gefühle. Mal ist er aufbrausend, mal freundlich, gelegentlich sogar schüchtern … ein Psychopath bleibt er dennoch. Eine Art Gegenpol stellt sein getreuer Haussklave Stephen dar, treffsicher von Samuel L. Jackson als trauriges Individuum portraitiert, das längst den Bezug zu seiner Herkunft verloren und stattdessen die feige Natur seiner Herrscher adaptiert hat. Einzig Kerry Washington wirkt etwas deplatziert, wenngleich ihr erster »großer« Auftritt in »Django« entwürdigender kaum hätte ausfallen können. Als Broomhilda (ihre Vorbesitzer waren Deutsche) stellt sie dennoch den Mittelpunkt einer glaubwürdigen, und bisweilen auch ans Herz gehenden Sehnsucht des Protagonisten dar. Dann genügt oftmals nur ein schüchterner Blick.

Auch in Sachen Nebendarsteller geizt Tarantino nicht mit Qualität. Neben alten Bekannten (etwa Tom Savini, James Parks, Zoë Bell oder Michael Bowen) ließ es sich der Meister nicht nehmen, diverse Rollen mit alten Haudegen (Don Johnson, James Remar, James Russo) und Genrelegenden (Tom Wopat, Bruce Dern, Don Stroud, M. C. Gayney) zu besetzen. Ganz der alte Cineast eben – und ein Leckerbissen für Gleichgesinnte. Als Krönung gibt es sogar ein Cameo des einzig wahren Django, Signore Franco Nero höchstselbst, der passenderweise von einer anderen Legende synchronisiert wurde: Rainer Brandt (u. a. Tony Curtis’ Stimme in der Kult-Serie Die Zwei). Das ferner Tarantino abermals auf ein buntes Sammelsurium alter Soundtracks zurückgriff und mehrere Stellen wunderbar anachronistisch mit HipHop untermalt, darf fast schon als selbstverständlich erachtet werden. Das ein Streifen jedoch so gut unterhält und gleichermaßen so unverblümt die hässliche Vergangenheit der Vereinigten Staaten offen legt, ist definitiv eine Leistung die ihresgleichen sucht.

 

Fazit:

Hart, rau, brutal, clever, ungeschönt – Quentin Tarantino ist wieder da! Und mit ihm sein vielleicht stärkstes Werk. »Django Unchained« ist eine gleichermaßen gelungene Verbeugung vor dem Spaghetti-Western und ferner eine unverblümte Abrechnung mit der Sklavenzeit der USA. Gemeinsam ergibt dies nicht mehr und nicht weniger als ein cineastisches Bravourstück; eine perfekte Meisterleistung!

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Eure Meinung:

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Kino:

Django Unchained

USA, 2013

Regie: Quentin Tarantino

Drehbuch: Quentin Tarantino

Produktion: Reginald Hudlin, Stacy Sher, Pilar Savone

Kamera: Robert Richardson

 

Darsteller:

Jamie Foxx

Christoph Waltz

Leonardo DiCaprio

Kerry Washington

Samuel L. Jackson

Jonah Hill

James Remar

Don Johnson

Franco Nero

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Erstellt: 27.01.2013, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23