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Drúdir von Swantje Niemann

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Ein neues Zeitalter ist angebrochen – aber die dunkle Magie der Vergangenheit kehrt zurück!

Dampfkraft und die genialen Maschinen der zwergischen Erfinder haben die Welt unwiderruflich verändert. Magie gilt als Relikt einer Zeit, in der Zauberei und Religion Werkzeuge der Unterdrückung waren. Deshalb ist es dem jungen Uhrmacher Drúdir nahezu unmöglich, seine magische Begabung zu akzeptieren. Doch als sein bester Freund ermordet wird, kann er nicht tatenlos bleiben.

Die Suche nach der Wahrheit führt ihn in die unterirdische Seestadt Schwarzspiegel. Dort begegnet er unerwarteten Verbündeten und entdeckt, wie fragil der innere Frieden der neugegründeten Zwergenrepublik ist. Seine Ermittlungen bringen ihn auf die Spur einer Verschwörung, die die Freiheit aller bedroht. Drúdir muss in eine Welt der Geheimnisse, Intrigen und Gewalt eintauchen, um das Unheil abzuwenden …

 

Rezension:

Der zunächst 2016 im Eigenverlag erschienenen Fantasy-Roman Drúdir von Swantje Niemann fand im Herbst 2017 eine Heimat im Verlag Edition Roter Drache.

 

Nach Jahren im selbstgewählten Exil kehrt ein junger Zwerg namens Drúdir Skadirson in seine Heimatstadt zurück. Sein alter Lehrmeister Fragar wurde ermordet und da Drúdir über eine ganz spezielle Gabe verfügt, hofft er, den bisher unbekannten Mörder ausfindig zu machen. Doch als Drúdir die von ihm gehasste und von der Gesellschaft zudem verfemte Magie einsetzt, mit der er die letzten Erinnerungen Toter nacherleben kann, erfährt er lediglich, dass ein anderer ehemaliger Lehrling Fragars, Kargan – ein Mensch, in gefährliche Machenschaften verstrickt wurde. So bleibt Drúdir nur die Chance, über Kargan jenen Mörder mit den polierten Stiefelschnallen aufzuspüren.

Doch Drúdirs Anwendung von Magie blieb nicht unbeobachtet. Die junge zwergische Ermittlerin Findra Ramnasdottir wird Zeugin, wie Drúdir seine Nekromantie anwendet. Schon bald muss sie ihren Schock überwinden und zusammen folgen sie der Spur des Mörders in die prächtige Zwergenmetropole Schwarzspiegel …

 

Eine Verbindung von Steampunksetting und High-Fantasy findet sich in den letzten Jahren immer wieder. Insofern mag es nicht leicht sein, neue Aspekte darin auszumachen oder gänzlich neue Wege einzuschlagen. Swantje Niemanns Debüt zeichnet sich jedoch darin aus, einige ganz spezielle, genretypische Themen neu zu verknüpfen.

 

Die Welt von Drúdir ist zunächst eine typische Fantasy-Welt mit Zwergen, Elfen usw. usf. Jedoch erdachte die Autorin eine spannende Abweichung. Die Magie ist vor hundert Jahren entschwunden und hat das Gefüge der Welt verändert. Nicht nur verloren Zauberkundige ihre direkte Macht, es entstand auch ein Innovationsdruck, der in den Zwergenlanden zur technischen Revolution führte samt Dampfmaschine, Elektrizität und Luftschiffen. Das allein ist schon eine interessante Prämisse. Swantje Niemann entwickelt daraus einen historischen Nährboden. Die Zwerge bilden nicht nur neue gesellschaftliche Schichten wie Bürgertum und Arbeiterschaft heraus, sie entwickeln auch eine Folklore, die sich gegen Magie richtet, entfremden sich von ihrer Religion und geben ihrem Staatswesen eine föderale und demokratische Verfassung. Verbunden ist das mit der Befreiung von Fremdherrschaft, die sie bisher als magisch weniger begabtes Volk durch Elfen und Menschen zu erleiden hatten. Ihre technische und wissenschaftliche Überlegenheit half ihnen, eine ganz neue Rolle unter den Völkern einzunehmen.

All das wird bedroht durch das allmähliche Zurückfließen der Magie. Swantje Niemann konstruiert daraus eine Reihe von Konflikten. Da wären die reichen Industriellen, die ihre Macht erhalten wollen und daher präventiv etwas gegen eine neue mögliche Kolonialisierung unternehmen wollen. Das verbindet sich zudem gut mit dem Wunsch, ihrerseits Kolonien zu erobern und auszubeuten.

Gleichzeitig bildet diese Entwicklung einen idealen Acker für Nationalismus und Rassismus. Mit viel Gespür für das passende Maß, lässt die Autorin unsere politische Realität in ihre Fantasywelt einfließen. Dadurch wird das Intrigenspiel um Macht und Einfluss sehr lebendig und vor allem glaubwürdig. Es bietet zudem eine Vielzahl an Möglichkeiten, den Figuren Steine in den Weg zu legen. Die Aufdeckung einer Verschwörung ist eine brisante Angelegenheit und in »Drúdir« spürt man das jederzeit.

Damit kommen wir zu einer weiteren Besonderheit in der Dramaturgie der Autorin. Sie verweigert sich etlichen Standards im Szenenaufbau. So gibt es keine Bösewichtrede, die Aufklärung des Mordes erfolgt, aber völlig anders als man es erwarten könnte und an vielen Stellen lösen sich Probleme auf gänzlich unerwartete Weise, aber ohne die »deus ex machina«-Karte zu spielen.

 

Beeindruckend ist auch das Figurenensemble. Swantje Niemann wechselt regelmäßig die Perspektiven und vermittelt somit beständig auch eine Sicht auf die Gedanken und Gefühle der Protagonisten, bietet aber auch hier eine erstaunliche Ausgewogenheit zwischen Denken und Handeln. Es entstehen zu keiner Zeit Löcher in der Dramaturgie. Im Gegenteil, die Handlung besitzt ein deutliches Tempo, ohne rasant zu sein, und liefert eine bis zum Schluss hohe Spannung.

Wir lernen die Figuren, auch die eher negativ angelegten Charaktere, immer besser kennen, erleben Veränderungen und sind daher auch jederzeit in der Lage, ihre Motive zu verstehen. Gleichzeitig ist die Bandbreite der Persönlichkeiten und ihrer Probleme sehr groß. Die konservative Generalin, die sich für ein höheres Ziel mit rechten Kräften einlässt, die Tochter aus gutem Hause, die ihre Rebellion als Enthüllungsjournalistin auslebt, ein zynischer Killer, der doch noch ein paar Werte hochhält, das künstliche Wesen auf der Suche nach der eigenen Identität und noch einige mehr.

Ganz besonders die Beziehung zwischen der Automate Moryn und Drúdir zeichnet sich durch Vielschichtigkeit aus, deren einzelne Schichten und ihr Entstehen sehr sorgfältig erzählt werden. Das bietet Raum zur Entfaltung, vermeidet jeden Kitsch und bindet sich ohne dramatische Szenen in den Handlungsfluss ein.

 

»Drúdir« ist bei all dem kein gewaltarmes Buch. Es geschehen schreckliche Dinge und noch viel mehr davon schweben drohend über der Szenerie. Aber stets im Rahmen des Notwendigen, zwar präzise beschrieben, doch ohne Lust am Splatter.

Stilistisch präsentiert sich die Autorin, als schriebe sie bereits seit Ewigkeiten High-Fantasy. Wenn sie auf diesem Niveau weiterschreibt, dürfte sie sich bald eine große Fangemeinde erarbeitet haben. Zwar ist »Drúdir« als Singleton entstanden, inzwischen hat die Autorin jedoch bereits die Rohfassung einer Fortsetzung fertiggestellt und Band 2 ist vom Verlag für das Frühjahr 2019 angekündigt.

 

Das Cover der Neuausgabe gestaltete Jörg Schlonies und lieferte damit nicht nur eine schöne Vorstellung von Moryn, auch das Wesen Drúdirs lässt sich aus dem Bild sehr gut ableiten.

 

Fazit:

»Drúdir« von Swantje Niemann ist eine spannende Verbindung von Steampunk- und Fantasyelementen. Das beeindruckende Debüt überrascht vor allem mit seiner wohl durchdachten und breit aufgestellten politischen Struktur, in der sich eine Reihe von sorgfältig aufgebauten Figuren tummeln, deren Entwicklung mitzuerleben eine wahre Freude ist.

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Eure Meinung:

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Buch:

Drúdir

Autorin: Swantje Niemann

Taschenbuch, 411 Seiten

Edition Roter Drache, 19. September 2017

Cover: Jörg Schlonies

 

ISBN-10: 3946425364

ISBN-13: 978-3946425366

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:

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Erstellt: 16.10.2017, zuletzt aktualisiert: 28.03.2019 10:38