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Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

»Esmeralda in Nöten« präsentiert eine Sammlung surrealistisch-expressionistischer Kurzgeschichten. Menschen, in Ausnahmesituationen beleuchtet: Sie sind in einer eigenen Wirklichkeit gefangen, erleben Verzerrungen und Brüche im Alltag, sie deuten und begreifen sich neu. Das Innere des Menschen tritt an die Oberfläche, erhält eine eigene Gestalt. Existenzielle Fragestellungen erscheinen nur lösbar, wenn der Leser sich von Beginn der Erzählungen an mit Protagonisten konfrontiert sieht, die gewandelt, in neuem Gewand, oft dem eines Tieres, in Szene gesetzt werden - wobei das Fantastische literarisches Ausdrucksmittel bleibt.

 

Rezension:

Ihr Debüt gab Stephanie Schnee 2015 ebenfalls im Verlag p.machinery mit dem Öko-Märchen Der Schuppenmann. Nun erschien eine Story-Sammlung mit neun Geschichten, in denen die Autorin erneut ihrer Liebe am fantasievollen Fabulieren nachgeht.

 

Mit Der Schriftsteller, der sich als Hund verkleidete legt Stephanie Schnee die Richtung des Bandes fest. In teils surrealen Bildern beschreibt sie den Körpertausch zwischen einem Autoren und seinem Hund, der dadurch zu einem Essen, Aufmerksamkeit und einer kreativen Freiheit gelangt, die sich am Ende komplett anders als erwartet gestaltet.

 

Die Titelgeschichte Esmeralda in Nöten widmet sich dem Leben einer ganz besonderen Fliege. Von Geburt an ist Esmeralda etwas besonders, denn ihr Intellekt ist menschenähnlich. Glücklicherweise ist ihr Zuhause eine Schule und nach einigen lebensbedrohlichen Situationen erkennt sie die Freuden des Lernens …

Wenn man berücksichtigt, dass die Autorin als Lehrerin arbeitet, liest man die kleine Geschichte mit ganz anderen Augen. Mit wachem Blick für Details bringt uns Stephanie Schnee nicht nur den Schulalltag aus ungewohnter Perspektive näher, sie verknüpft ihn auch mit einem freundlichen Plädoyer für die Akzeptanz von Andersartigkeit. Der Wechsel zwischen märchenhaften Passagen und sehr naturalistischen Beschreibungen erfolgt mitunter recht plötzlich, als ob sich die Autorin hin und wieder selbst dabei erwischte, sich zu sehr in den Einzelheiten zu verlieren.

 

In Das Loch geht es kafkaesker zu. Ein vielleicht depressiver Mann bleibt im Bett liegen, obwohl es Montagmorgen ist und die Arbeit ihn erwartet. Er gibt einer plötzlichen Neigung nach und pult ein Loch in die Wand, in das er sich verkriecht. Eine seltsame Metamorphose beginnt …

Während die Geschichte langsam Fahrt aufnimmt und sich die Realität immer radikaler verschiebt, implodiert sie mit einem viel zu seichten und zuckersüßen Ende.

 

Ganz anders Der Kandidat. Auch hier ist ein deutlicher Kafka-Einfluss zu spüren. Die Verlassenheit der Hauptfigur Hans erinnert zudem an Rilke. Auch hier entwickelt sich die Geschichte aus detaillierten Beobachtungen heraus. Ein junger Mann hustet verlegen auf der Straße, poliert fast versessen seine Schuhe und es vergeht einige Zeit bis er sich als junger Kandidat dem Preiskomitee stellen kann. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, wohin sich die schräge Situation entwickelt und ihre Auflösung ist so prägnant wie gelungen in ihrem bitterbösen Zynismus. Hier versagt sich die Autorin jede Fröhlichkeit, die ansonsten in ihren Texten immer wieder hindurchscheint.

 

Karl, der Käfer – der Titel lässt zwangsläufig einen alten Öko-Klassiker im Ohr erklingen. Jedoch ist Karl in diesem Text ein liebeshungriger Geselle, der sich in die falsche Frau verguckt.

Es mag eine Stilübung sein, Stephanie Schnee frönt in ihr der Begeisterung für altertümliche Wendungen und Satzkonstruktionen, was den Text fast bis zur Unlesbarkeit zersplittert. Dabei ist das Horror-Potential groß und obwohl das Ende nicht enttäuscht, hätte die Geschichte auch in eine andere, radikalere Richtung gehen können.

 

Radikal hingegen ist Peter, der Floh. Die Autorin beginnt diese Geschichte bereits auf einem hohen Level der Verstörung, der hier vor allem durch die Liebe zur blumigen Beschreibung von Details erreicht wird. Eine schmerzvolle Geburt eignet sich dafür in der Tat, vor allem wenn das unter Schmerzen geborene Kind, ein undankbarer, fieser Floh ist.

Die Story gebiert einige feine Metaebenen und ein ziemlich passendes, unerwartet witziges Ende.

 

Aus einem skurrilen Gedankenexperiment heraus scheint Die Nase aus der Petrischale entstanden zu sein. Was macht so eine Nase, wenn sie sich ihrer selbst bewusst ist?

Kurz, knackig und trotzdem im gewohnt expressiven Beobachtungsfeuerwerk erzählt.

 

Eine ganz besondere Symbolik behandelt Das zweite Gesicht. Ein solches trägt Max voller Qual auf dem Rücken und es dauert genauso quälend lange, bis er dessen wahre Bedeutung erkennt.

Auch wenn die Metaphorik der Geschichte etwas für sich hat, trägt die Idee sie nicht über die gesamte Spanne. Hier hätte man sich eine funktionalere Bedeutung gewünscht, eine Hintergrundgeschichte.

 

Den Abschluss bildet Allegorie auf den Schriftsteller: Mann und Stift im Meer. Stephanie Schnee wendet all ihr Können auf, um das im Titel vorgestellte Gleichnis mit gedrechselter Stilistik und freimütigem Sprachspiel zu einem kraftvollen Leben zu erwecken. Ein wuchtiges, breit ausgewalztes Bild.

 

Es ist seit Schuppenmann eine deutliche Straffung der literarischen Mittel zu verspüren, vielleicht auch bedingt durch die Kürze der hier versammelten Geschichten. Stephanie Schnee entwickelt eine eigene Stimme in der Phantastik, die sich bewusst aus klassischen Quellen nährt, aber mit großer Experimentierfreude neue Wege erkundet.

 

Fazit:

Esmeralda in Nöten von Stephanie Schnee bietet eine ganz außergewöhnliche Sammlung phantastischer Geschichten, die von kafkaesken Parabeln über märchenhafte Metamorphosen bis hin zu bitterbösem Horror reichen. Stets auf der Suche nach nicht abgedroschen klingenden Sätzen und einer feinziselierten Beschreibung. Ein Fest für den Phantastik-Gourmet.

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Buch:

Esmeralda in Nöten

Autorin: Stephanie Schnee

Taschenbuch, 116 Seiten

p.machinery. 20. Februar 2017

Cover: Stephanie Schnee

 

ISBN-10: 395765078X

ISBN-13: 978-3957650788

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B06XMXTMCK

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

  • Der Schriftsteller, der sich als Hund verkleidete
  • Esmeralda in Nöten
  • Das Loch
  • Der Kandidat
  • Karl, der Käfer
  • Peter, der Floh
  • Die Nase aus der Petrischale
  • Das zweite Gesicht
  • Allegorie auf den Schriftsteller: Mann und Stift im Meer

Weitere Infos:

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Erstellt: 26.04.2017, zuletzt aktualisiert: 02.05.2017 18:22