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Federico von Waldtraut Lewin

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, in seinem wahren Heimatland Italien Federico genannt, ist eine fast legendäre Persönlichkeit des Mittelalters, eine schillernde Gestalt zwischen Genialität und Machtwillen, Grausamkeit und Liebesfähigkeit. Ein Leben voller Erfolge und Höhepunkte, aber auch voller bitterer Niederlagen. Der Mann, der seiner Zeit weit voraus war, wird hier durch die Augen einer Frau gesehen: Der Zeitzeugin Truda, die sich ein Bild von diesem Herrscher machen will, dem sie gedient hat …

 

Rezension:

Die DDR-Literatur ist prall gefüllt mit Biographien historischer Persönlichkeiten, die sich in einem phantastischen Umfeld von Mythen und Realität an der sozialistischen Gegenwart brachen. 1983 veröffentlichte Christa Wolf ihren großen Troja-Roman Kassandra und ein Jahr später bereiste Waldtraut Lewin das Mittelalter zur Zeit Friedrich II. mit Federico.

 

Zeit ihres Lebens folgte Waldtraut Lewin historischen Spuren und bettete in die vagen Quellen ihrer Stoffe Figuren von großer Lebendigkeit.

Der Roman um den Enkel Barbarossas beginnt mit einer wilden Rahmenhandlung. Truda bezeichnet sich als eine Fahrende, abstammend von jenen ersten Menschen, die mit Adam und Hawa das Paradies verließen und denen die Speisung vom Baum der Erkenntnis ein Leben voller Neugier und Ruhelosigkeit beschert.

Truda will die wahre Geschichte von Federico hören, dem sie einst diente, den sie einst liebte und der ihr im langweiligen Diesseits so fehlt.

Sie begibt sich auf die Reise in die Unterwelt, auf Pfaden, die sowohl Dante als auch Orpheus beschrieben und die dennoch völlig anders sind.

Die Unterweltverwaltung führt zwar eine Akte über Federico, doch sie ist leer. Truda erkennt, dass sie sie selbst erst füllen muss. So beginnt sie auf schwierigen Wegen Zeugen zu befragen, sich selbst zu erinnern und ihrem königlichen Ziel anzunähern.

Von Anfang an ihrer Seite befindet sich Petrus de Vinea bei ihr, einst erster Minister von Federico und dann in Ungnade gefallen, geblendet und verstoßen. Ein Verräter. Und Sohn einer Hure in Capua, einer Fahrenden wie Trude. Die Reise beginnt …

 

Der Roman folgt lose den markanten Wendepunkten in der Geschichte Federicos. Seine Kindheit in einem besetzten Land, zu dessen König er gekrönt wurde, Mündel des Papstes und doch machtlos. Lewin nimmt die Legenden und Mythen des Kinds aus Apulien und baut daraus eine ergreifende Geschichte um ein Kind, dass sich in Bibliotheken schlecht, muslimische Weisheit ebenso leicht in sich einsaugt wie das der Antike und das spärliche Gedankengut der Christen. Das Kind schlägt sich nicht nur im Hafen durch, es erobert die Herzen der Bevölkerung, schlägt sich an die Spitze einer Jungenbande, lernt von Haremsmädchen die Liebe und den Umgang der Körper und sammelt einen Kreis von Getreuen um sich, der sich über Welten und Religionen hinwegsetzt. Ein begnadetes Kind, ein Wunder, ein Messias und Weltenretter.

 

Doch das Mittelalter ist kein Ort für Genies, es ist ein Ort der Soldaten und Politiker. Um sein Land zu beherrschen wird Federico all das. Ein gefürchteter Kämpfer und ein gnadenloser Machtmensch, der sich mit der ganzen Welt anlegt. Also mit dem Papst und den deutschen Fürsten.

Lewin stellt uns als Augenzeugen zunächst die Amme Federicos zur Seite, später folgt Ricardo, Geliebter und Kammerherr Federicos, muslimisches Erbe der Kindheit. Durch seine Augen erleben wir die Veränderungen, die Macht und gnadenloser Konkurrenzkampf mit sich bringen. Aus dem göttlichen Kind wird ein weltlicher Despot. Das einzige Licht bringen die Frauen. Federicos erste Liebe, seine Kaiserin Konstanze, die Lewin ihm geistig ebenbürtig beschreibt und zuletzt seine Konkubine Bianca Lancia, die von ihm Treue fordert.

Obwohl er seinen Harem pflegte, überall mit Hofdamen anbändelte und wohl zwanzig Kinder zeugte, stehen die starken Frauengestalten im Zentrum des Romans. Waldtraud Lewin entfernt sich weit von Minne und gesellschaftlichen Grenzen. Tief bohrt sie das Leben Federicos auf und verankert einen weiblichen Samen, der all das Leid und die Zerstörung ausgleichen soll.

Ihre Frauenfiguren stehen für Frieden, Verstehen und Ausgleich und tragen doch auch immer einen Großteil des Leids.

 

»Federico« ist eine phantastische Überblendung der Geschichte. Sie bringt das Besondere dieser Herrschaft zutage, markiert sie als einen Wendepunkt in der Geschichte. Hier hätte etwas Neues entstehen können, ein fortschrittlicher Staat. Nicht nur die Kultur erblühte am Großhof Friedrich II., auch sein Staatswesen, seine Gesetzgebung und seine religiöse Toleranz hätten Weg weisend wirken können. Auf keinem Fall aber ist »Federico« eine historische Biographie. Zu viele Probleme gab und gibt es mit den Quellen, von den Gegnern verfasst, religiös verbrämt. Lewin hatte vielleicht ein anderes Land, einen anderen Staatenneubau im Sinn, ein unschuldiges Erzählen von Geschichte gab es in der DDR nicht. So mag man zwischen den Zeilen suchen. Verräter und Despoten vergleichen, Ideologien auf Metaphern hin abklopfen, das Visionäre bleibt davon unbenommen.

 

Dass wir dem Scheitern Federicos bis zum Ende fast fiebrig folgen und Respekt bewahren, ist dem großen erzählerischen Können Waldtraut Lewins zu verdanken. Es mag ein früher Roman sein, der leicht im Schatten ihrer Antiken-Reihe steht, aber dieser erste Ausflug in die Grenzgebiete der Phantastik nimmt einen gesonderten Platz im Schaffen der Autorin ein, die am 20.05.2017 verstarb.

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Eure Meinung:

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Buch:

Federico

Autorin: Waldtraut Lewin

Verlag Neues Leben, 1984

Cover: Achim Kollwitz

gebundene Ausgabe, 648 Seiten

 

ISBN-10: 3423213795

ISBN-13: 978-3423213790

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B072C7DSLP

 

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weitere Infos:


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Erstellt: 23.01.2018, zuletzt aktualisiert: 17.02.2019 17:18