Fins de Siécle
 
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Fins de Siécle

Rezension von Christel Scheja

 

Zu den bedeutendsten Künstler der franko-belgischen Comicszene gehören schon seit vielen Jahren der Zeichner, Illustrator und Filmregisseur Enki Bilal und der Szenarist Pierre Christin, die viele Jahre eng miteinander zusammen gearbeitet haben. Letzterer ist in Deutschland allerdings vermutlich eher durch seine SF-Serie „Valerian & Veronique“ bekannt, die er zusammen mit Jean-Claude Mezieres gestaltet.

Sowohl Enki Bilal als auch Pierre Christin haben sich nie gescheut, auch heikle politische oder gesellschaftliche Themen in den Mittelpunkt ihrer Geschichten zu stellen und entsprechend kritisch zu betrachten oder ihren eigenen bösen Kommentar dazu abzugeben. Sie sind in ihrem Meinungen zwar oft genug der Linken zuzurechnen, scheuen sich aber auch nicht irgendwelche negativen Auswüchse und Vorstellungen auseinander zu pflücken und mit einem leicht satirischen Unterton an den Pranger zu stellen. Das merkt man auch an „Fins de Siécle“, in dem die drei Geschichten „Der Schlaf der Vernunft“, „Treibjagd“ und „Nachwort“ zusammengefasst wurden.

 

1979 ist das Jahr, in dem es die extremen Linken ihre Aktionen auf die Spitze treiben und vor allem Westeuropa mit ihren terroristischen Anschlägen in Angst und Schrecken versetzen. Das erinnert eine Gruppe alter Männer, die in den späten 1930ger Jahren im spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben, an ihre eigene Vergangenheit, als sie erfahren müssen, dass das nordspanische Dorf Nieves, in dem sie monatelang Widerstand gegen das Franco-Regime geleistet haben, völlig zerstört wurde.

So kommt die bunt zusammen gewürfelte Gemeinschaft aus aller Herren Länder auf die Bitte eines Mannes, der ein einer Zeitung arbeitet wieder zusammen, um der faschistischen Bande Einhalt zu gebieten, die eine Bluttat nach der anderen begeht und sich selbst als „Die schwarze Falange“ nennt. Obwohl sie längst mit den Wehwehchen des Alters zu kämpfen haben, sind Miguel Valino, Etorre Pisciotta, Hans Heinkel, Javier, Colpin, Kuyper und all die anderen nicht bereit, diese Greueltaten hinzunehmen und beginnen ihren eigenen privaten Feldzug, nachdem sie dem Dorf noch einen Besuch abgestattet haben.. Denn was haben sie noch außer ein paar Jahren Leben zu verlieren? Ihre Ehre und die Rache ist ihnen wichtiger. Und so verfolgen sie die Terroristen quer durch halb Europa, bezahlen selbst einen hohen Blutzoll und geraten mit den offiziellen Staatsbehörden in Konflikt, denn sie sind auch nicht viel zurückhaltender als ihre Feinde, die ihnen lange einen Schritt voraus sind.

1983 versammeln sich in einer abgelegenen Datscha irgendwo im verschneiten Russland einige der Führungskräfte aus den Politbüros der „Sozialistischen Bruderländer“, um über die anstehenden und ihnen nicht gerade angenehmen Entwicklungen zu sprechen und zudem in Erinnerungen an ihre glorreiche Vergangenheit und die „guten alten Zeiten in denen alles noch besser war“ zu schwelgen. Andererseits sind sie aber gerade für den Erhalt dieser längst überholten Ordnung auch untereinander Morde zu begehen.

Im Jahr 1990 hat der politische Winter ein Ende, als die Mauer fällt und die Sowietunion in viele kleine Länder zerfällt. So gilt es nur noch ein Nachwort über ein düsteres Kapitel der Menschheitsgeschichte zu verfassen.

 

Treffend, bitterböse, manchmal visionär aber doch nicht mit erhobenem Zeigefinger, kommentieren Enki Bilal und Pierre Christin den Schwanengesang auf Ideale und Träume der Vergangenheit, deren Untergang auch nicht mit Gewalt und Mord aufzuhalten ist. Die Zeit zeigt unerbittlich, ob Hoffnungen und Ideen sich bewähren konnten oder nur Fassade für all zu menschliche Leidenschaften und Ungerechtigkeiten wurden. Und sie machen eines deutlich – auch die, die sich krampfhaft an den Erhalt des Status Quo klammern, weil sie ihre Pfründe nicht verlieren wollen, müssen irgendwann erkennen, dass auch ohne ihr Zutun alles verblasst und verrinnt, was ihnen Vorteile gebracht hat.

Bei all ihren Geschichten konzentrieren sie sich auf die Menschen. Ob nun in „Schlaf der Vernunft“ oder „Treibjagd“ rücken die unterschiedlichsten Charaktere in den Vordergrund – ob nun der Funktionär, der einem jungen Reporter erzählt, warum er in den 1930ger Jahren zu einem überzeugten Stalinisten wurde und wie er sich später entwickelt hat, oder der anerkannte Professor, der alles aufgibt, um mit Freunden aus einer lange vergessenen Vergangenheit Phantomen hinterher zu jagen.

Sie zeugen knallhart und ohne Dinge zu beschönigen, wie die Menschen, die sich nicht verändern können und wollen, nach und nach gebrochen werden und daran zu Grunde gehen. Gleichzeitig zeigen sie aber auch die Kaltschnäuzigkeit derjenigen auf, die Ideale und Dogmen stets zu ihrem Vorteil zu nutzen wussten.

Das zeigen auch die klaren und in gedeckten Farben gehaltenen Bilder, die den nüchternen Realismus noch verstärken. Nur manchmal werden die Farben heller und fröhlicher, vorherrschend ist eine eher triste und düstere Atmosphäre

Heraus kommt ein tiefgründiges Album, dass Menschen, die diese Zeiten schon bewusst erlebt haben an ein bewegendes Jahrzehnt erinnern, in dem sich die Hälfte der Welt in Etappen verwandelt hat. Jüngeren Lesern geben sie einen spannenden und berührenden Einblick in eine Zeit, die glücklicherweise viel von ihrer Bedrohlichkeit verloren hat. Interessanterweise sind auch die beiden Geschichten „Schlaf der Vernunft“ und „Treibjagd“ in den Jahren erschienen, in denen sie spielen und haben einige spätere Entwicklungen sogar vorweg genommen.

 

So ist „Fins de Siécle“ durchaus als Zeitdokument zu betrachten, das unterhaltsam und eindringlich vom Ende eines Zeitalters erzählen, dass längst in sich erstarrt war und den Glanz seiner Ideale und Hoffnungen schon lange verloren hatte. Es erzählt berührend aber pragmatisch und nüchtern von Menschen, die Schiffbruch erleiden und teuer dafür bezahlen müssen, weil sie die Veränderungen nicht akzeptieren können. Das findet man heute in Comics nur noch selten.

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240222042140862a4dbd
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Fins de Siécle

Autor: Pierre Christin

Zeichner: Enki Bilal

Aus dem Französischen von Resel Rebiersch

Fins de siécle, Frankreich 2006

Hardcoveralbum vollfarbig, 193 Seiten

Ehapa Comic Collection, Köln, 11/2008

ISBN-10: 3770432444

ISBN-13: 978-3770432448

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 30.01.2009, zuletzt aktualisiert: 31.12.2023 11:30, 8189