From Hell
 
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From Hell

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Ausgezeichnet mit dem „Prix de la Critique“ als bester Comic 2001 auf dem Internationalen Comicfestival Angoulême

 

Grüße aus der Hölle …

 

1888 bringt ein bis heute anonymer Mörder vier Prostituierte im Londoner Stadtteil Whitechapel um. Morde von ausgesprochener Brutalität: den vier Dirnen werden die Kehlen aufgeschlitzt, ihre Unterleiber werden verstümmelt. Die Person und die Motive des Täters liegen bis heute im Dunkeln.

1988 begann Alan Moore die Arbeit an From Hell. Zehn Jahre sollte er für dieses monumentale Werk benötigen, das mehr ist als nur eine minutiöse Aufarbeitung und Interpretation der Ereignisse in und um Whitechapel jener Tage. Auf sechshundert Seiten schildert dieser berühmte grafische Roman, wie sich reale Ereignisse und irrationale Ängste im London Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Massenparanoia ungekannten Ausmaßes ausweiten …

 

Rezension:

Die epische Graphic-Novel From Hell hat einen ungeheuren Vorrat an Superlativen verbraucht, mit der man das Werk bereits beschrieb und wahrscheinlich treffen sie alle zu, irgendwie.

Schon wieder ein Jack The Ripper Buch, mögen unbelastete Neuentdecker vielleicht denken, doch der thematische Hintergrund ist nur der fette Acker für eine wesentlich üppigere Handlung, die sich zudem weit über das einfache Präsentieren der bekannten Fakten und Spekulationen hinaus begibt. Eine Reise durch die Zeiten und mehrdimensional durch die Bedeutungen.

Wie es sich für ein Schlüsselwerk ziemt, haben Zeichner und Autor mehr in die einzelnen Panele gesteckt, als beim oberflächlichen Lesen und Betrachten auffallen mag. Die im Anhang befindlichen ausführlichen Anmerkungen von Alan Moore erschließen darüber hinaus Seite für Seite nicht nur die verwendeten Quellen und ihre Interpretation, sie offenbaren darüber hinaus auch wesentliche Intentionen, die den Unterschied darstellen zwischen Unterhaltung und Kunst.

Wenn der Blick von einem der bestialischen Morde nach Österreich wechselt um einem Paar bei ihrer Vereinigung beizuwohnen, ist es nicht unbedingt naheliegend, dass die Geburt des 20. Jahrhunderts durch Jack auf den Zeitpunkt der Zeugung Adolf Hitlers fällt. Die urbritische Faszination an Hitler und seine Symbolhaftigkeit für die Verderbtheit eines ganzen Jahrhunderts bildet eine der vielen überbordenden Momente in "From Hell", in denen sich Epochen zu einer Art allgemeingültiger und ewigen Geschichte verbinden, die losgelöst von der separierenden Zeit alles zur Gegenwart erheben. Das mag transzendent erscheinen, unterstreicht auf jeden Fall aber die mythische Bedeutung der Verbrechen.

Während man zunächst etwas hilflos in die phasenverschobenen Kapitel fällt, gewinnt man nach und nach tieferen Einblick in die Facetten der Handlung. Immer wieder muss man sich dabei auf Experimente in der Erzählstruktur einlassen, aber nur dann entfernt man sich vom gewöhnlichen Comic-Konsum. Wer Sir Gull durch das Londoner Symbolmeer folgt, wird vielleicht die Hauptstory aus dem Auge verlieren, bis die Künstler plötzlich dabei helfen, die Augen für eine ganz andere Sicht zu öffnen. Dabei gewinnen nicht nur die Theorien zu den Morden eine überhöhte Lebendigkeit, sehr schnell lernt man beim Lesen und Betrachten die Bilder und Symbole neu zu gewichten, den Comic mit anderer Schärfe auszuleuchten.

Der Architektur-Rundgang, in dessen Folge wir Nicholas Hawksmoor als Teil des Ritualen begreifen, gehört zu diesen Erweiterungen der Sichtweise ebenso hinzu, wie die Odyssee des sterbenden Gull durch die Zeiten.

Wie schwierig es ist, diese optische Vielfalt in ein anderes Medium umzubrechen, kann man der Verfilmung aus dem Jahre 2001 ebenso deutlich erkennen, wie auch gerade in der Watchmen-Kino-Version.

Moore und Campbell erforschen nicht nur die Möglichkeiten des Genres, sie definieren sie.

 

Verlag Cross Cult schuf mit der Neuedition eine schwergewichtige Gesamtausgabe, die man nicht so einfach verschlingt, sondern gerade wegen der Schwere von Inhalt und Buch immer wieder weglegen muss, um fast süchtig erneut danach zu greifen. Sowohl die Anmerkungen, als auch Der Tanz der Möwenjäger runden diesen einzigartigen Band ab.

 

Fazit:

Ein Klassiker und Meilenstein in der Geschichte der Graphic-Novel liegt hier in einer lobenswerten Komplettausgabe vor. Sie werden Comic auf neue Art erleben und in eine Geschichte eintauchen, deren Faszination ungebrochen ist.

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240225123239a1aff181
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Comic:

From Hell

Autor: Alan Moore

Zeichner: Eddie Campbell

Übersetzer: Gerlinde Althoff

gebunden mit Lesebändchen

Schwarz/Weiß, 604 Seiten

 

ISBN-10: 3936480532

ISBN-13: 978-3936480535

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 12.03.2009, zuletzt aktualisiert: 20.02.2023 19:18, 8409