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Ghosts of Cité Soleil (DVD)

Redakteur: Björn Backes

 

Inhalt:

Haiti im Jahre 2004: Das Land ist durch einen blutigen Bürgerkrieg zerrüttet und fürchtet die Tyrannei des Gewaltherrschers Aristide. Der rücksichtslose Präsident schlägt nach und nach alle Oppositionen nieder und versetzt politische Gegner ebenso in Angst und Schrecken wie die vielen unschuldigen Bürger des Landes. Die UN erklärt die radikalen Szenarien in der Hauptstadt Port-au-Prince zum Ausnahmezustand und entsendet ihre Truppen in die Diktatur der bewaffneten Exekutive. Doch dieser Plan ruft die Chimeres, die Gangs der Cite Soleil, einem Slumvorort der Metropole, auf den Plan. Mit äußerster Brutalität verteidigen diese fanatischen Anhänger die Machenschaften des Präsidenten und unterstützen seine Pläne mit einem gewaltigen Blutzoll. Unter ihnen befinden sich auch die beiden Brüder 2Pac und Bily, zwei Gangleader, die Aristides Weg bislang bedingungslos unterstützten. Doch während Hardliner 2Pac auch der nahenden Auseinandersetzung mit den Friedenstruppen mit äußerster Aggression entgegensieht, verliert sein Bruder langsam das Vertrauen in die Regentschaft des politischen Führers. Doch bevor der Zwist der Familie eskalieren kann, verlässt Aristide das Land – und überlässt seine Vorstadtarmeen ihrem ungewissen Schicksal.

 

Rezension:

Ghosts Of Cite Soleil unterliegt einer sehr weitläufigen Charakterisierung. Während Musikexperten in dem erschreckend brutalen Streifen eine Art außergewöhnliche Hip-Hop-Chronik sehen – unter anderem weil Fugees-Star Wyclef Jean das Projekt maßgeblich unterstützt hat und die beiden Protagonisten ebenfalls der Szene zugehören – wird die Dokumentation aus den Ghettos der gefährlichen Hauptstadt als eine beängstigend realistische Widergabe der politischen Zustände in einem Land vor der inneren Zerstörung betrachtet. Beide Aspekte spielen bei der Beurteilung sicherlich eine gewichtige Rolle, wobei die skandalöse Tyrannei des Präsidenten sicherlich im Fokus des Interesses steht.

 

Zunächst einmal verdient das Werk des dänischen Dokumentarfilmers Asgar Leth für seine wagemutigen Einblicke größten Respekt. Der Regisseur wagte sich an zahlreiche Originalschauplätze, reflektiert unterdessen das inhumane Leben in den Straßen Haitis und beleuchtet auch die Motive der unterwürfigen Menschen, deren letztes Fünkchen Macht darin besteht, Aristide in irgendeiner Form zu unterstützen und das unrechtmäßige System aktiv mitzugestalten. Am Beispiel zweier gewaltbereiter Gangleader erzählt Leth eine einerseits ungewöhnliche, anderseits aber auch packend authentische Story, deren ganz besondere Kraft vor allem aus dem bildgewaltigen Material hervorgeht, welches der Regisseur an den Originalschauplätzen aufgezeichnet hat. Zwar mag der Hintergrund der beiden Akteure ähnlich sein wie die Motive der berüchtigten Bandenführer amerikanischer Großstadtghettos, allerdings vermittelt der Regisseur hier teilweise derart beängstigende Eindrücke, wie sie wohl nur an einem Ort entstehen können, der unmittelbar von einer politischen Schreckensherrschaft sowie innerstaatlichen Unruhen gezeichnet ist. Und das ist in den Slums von Port-au-Prince eben – und im Gegensatz zu Schauplätzen wie South Central oder der Bronx - definitiv der Fall.

 

Dementsprechend ist der gesamte Stoff auch ziemlich harter Tobak; die verschiedenen Szenarien werden von Hunger, Hoffnungslosigkeit, Gewalt und bitterlichen Todesfällen bestimmt, ohne dass die Dokumentation hier in irgendeiner Form die Umstände mildern würde. Leichen liegen in den Straßen, Raubmord ist an der Tagesordnung, und genau dort, wo sich das gemeine Volk gegen die Schreckensherrschaft auflehnt, werden die Proteste durch tödliche Exempel an der friedfertigen Bevölkerung ganz schnell beendet – wenn nicht durch die reguläre Exekutive, dann spätestens durch die Gangs der Cite Soleil, den Chimeres, die sich hier in Aristides geheimem Auftrag als Aufräumtruppe engagieren.

 

Alleine die hierdurch vermittelten Bilder sind in einer Art und Weise erbarmungslos, wie sie selbst bei realistischen Berichterstattungen kaum brutaler sein könnten. Dies mag zuweilen auch an der basischen Aufnahmetechnik liegen, die das gesamte Projekt deutlich vom klassischen Spielfilm trennt, die Authentizität der eigentlichen Botschaft aber noch einmal deutlich forciert. Gerade dies macht „Ghosts Of Cite Soleil“ schlussendlich aber auch zu einem unheimlich sehenswerten Streifen, weil die bewegenden Emotionen sich hier von Szene zu Szene ständig überschlagen. Der Film markiert einen unerbittlichen Bericht über die Missstände in einem völlig zerstörten Entwicklungsland, dargestellt an zwei Personen, die Täter und Opfer zugleich sind, und Werte loben, die nicht mehr oder minder normal sind als diejenigen der westlichen Gesellschaft: nur eben mit dem Unterschied, dass diese Normen lediglich Wunschträume auf Lebenszeit sind, ohne jegliche Chance, dem Teufelskreis des Vorstadtlebens in Haiti zu entfliehen.

 

Fazit:

Angst, Schrecken, Terror, Gewalt, und all dies in einer dichten, rundum realistischen Bilderwelt. „Ghosts Of Cite Soleil“ ist eine der finstersten Dokumentationen der Filmgeschichte und aufgrund seiner authentischen, beunruhigenden Szenen mit vollem Recht mehrfach preisgekrönt. Gewarnt seien lediglich diejenigen, die wegen der Partizipation von Wyclef Jean einen musikbetonten Film erwarten. Zwar mag der Soundtrack, der im Übrigen von Jean komponiert wurde, ein wesentlicher Bestandteil von „Ghosts Of Cite Soleil“ sein, jedoch kann die pure Kraft der melancholischen Klänge nicht einmal im Ansatz das erfassen, was Leth mit der Kamera aufgenommen und in einem beispiellosen Plot wiedergibt. Keine Frage, diese Produktion ist eine absolute Ausnahmeerscheinung und als solche ein Muss für den Liebhaber des anspruchsvollen Dokumentar-Spielfilms.

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205191544f7465e9a
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DVD:

Ghosts of Cité Soleil

Regie: Asger Leth

Komponisten: Wyclef Jean, Jerry "Wonda" Duplessis

Genre: Dokumentation

Format: Dolby, PAL, Surround Sound

Sprache: Französisch (Dolby Digital 2.0), Französisch (Dolby Digital 5.1), Deutsch (Dolby Digital 2.0), Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Region: Region 2

Bildseitenformat: 16:9

Anzahl Disks: 1

Filmlänge: 86 Minuten

USA 2006

Ascot Elite, 13. März 2008

FSK: 16

 

ASIN: B0010S3J90

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Winson "2Pac" Jean

James "Bily" Petit Frère

 


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Erstellt: 01.04.2008, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01