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Heartless (DVD; Drama; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Ruhig geworden ist es um Philip Ridley. Geschlagene 16 Jahre hat’s gebraucht, bis der Nachfolger zu seinem (immer noch verkannten) kleinen Meisterwerk, Die Passion des Darkly Noon auf Zelluloid gebannt wurde. Andererseits nehmen Filmliebhaber durchaus auch schon mal anderthalb Jahrzehnte und mehr in Kauf, um auf den neuesten Streich aus der Gedankenschmiede ihrer Lieblingsregisseure zu warten – siehe Terence Malik. Wobei man zu Ridleys Verteidigung anmerken sollte, dass der gebürtige Londoner in der Zwischenzeit alles andere als müßig gewesen ist: Kurzgeschichten, Kinderbücher, Theateraufführungen, Fotoausstellungen … »umtriebig« trifft’s wohl eher. Nun also Heartless, dessen Plot dank der Inspiration von Goethes „Faust“ – ob gewollt oder ungewollt – Ridleys Verbindung zum Theater und den klassischen Dramen deutlich zementiert.

Mittelpunkt der Geschichte ist Jamie (Jim Sturgess). Ein junger Mann Mitte, Ende Zwanzig – und ein Außenseiter. Ungewollt, wie man anmerken muss. Denn seit Geburt verunziert ein Feuermal eine Hälfte seines Gesichts und hat ihn schon früh zum Ziel für Spott und Häme werden lassen. Die einzigen Menschen, die Jamie an sich heranlässt, sind seine Mutter (Ruth Sheen), sein Vater (Timothy Spall) sowie sein Bruder Lee (Luke Treadaway), in dessen Fotostudio Jamie sich das nötige Geld um Leben verdient. Dort stößt er per Zufall auch auf eine Aufnahme von Tia (Clémence Poésy) – und fühlt sich augenblicklich hingezogen zu der schönen Blondine.

Doch welche Chance hätte ausgerechnet jemand wie er bei solch einer attraktiven jungen Frau? Frustriert flüchtet Jamie in die Nacht, der einzigen Tageszeit, in der er keine dummen Sprüche und keine Pöbeleien erwarten kann. Allerdings stellt die Dunkelheit nur bedingt eine Flucht dar. Vielmehr dient sie für Jamie als vermeintliche Offenbarung; begibt er sich, mit der Kamera bewaffnet, auf die Suche nach geheimnisvollen Motiven und dem dunklen Herzen der Millionenmetropole. Denn auch wenn er es niemandem, selbst seiner eigenen Familie, anvertrauen würde, so nagt an Jamie die Gewissheit, dass es dort draußen irgendetwas geben muss – etwas, dass sein Leben von Grund auf verändern wird.

Allerdings nicht zwangsläufig zum Guten, wie er schließlich feststellen muss. Denn das London bei Nacht wird nicht nur von menschlichen Kreaturen bevölkert. Legt sich die Finsternis über die Straßen und Hochtürme, die dunklen Gassen und verwinkelten Ecken bricht nämlich auch die Zeit der Dämonen an. Zumindest ist Jamie davon überzeugt, deren Züge in den Gesichtern einer – vermeintlichen – Straßengang gesehen zu haben, die ihn zum Ziel auserkoren hatten. Verwirrt und zutiefst verängstigt isoliert sich Jamie daraufhin noch mehr von seiner Umwelt, die zudem von der hinterhältigen Ermordung seiner Mutter noch weiter angespornt wird. Zumal sich Jamie sicher ist, dass die feige Tat von denselben Wesen verübt wurde, die es schon auf ihn abgesehen hatten. Doch wer sind diese Kreaturen? Warum haben sie es ausgerechnet auf Jamie abgesehen?

Eine Teilantwort bekommt Jamie kurze Zeit später, als sich der mysteriöse Papa B (Joseph Mawle) per Telefon bei ihm meldet und um einen Besuch bittet. Auch wenn der Mann ein Fremder ist – was hat Jamie noch zu verlieren? Er willigt schließlich ein und trifft auf einen unheimlichen, sinistren Charakter, der scheinbar nur äußerlich die Form eines Mannes zu besitzen scheint. Dieser macht ihm ein Angebot; gleichermaßen verlockend und unheilig. Eine Offerte, die binnen eines Wimpernschlags Jamies tristes Dasein auf den Kopf stellen könnte – zum Guten wie zum Bösen …

 

»Heartless« beginnt höchst vielversprechend. Gute Schauspieler, das richtige Tempo und – vielleicht zum allerersten Male – ein überzeugendes, weil mit Ecken und Kanten staffiertes, cineastisches Urban Fantasy-Setting. Einen besseren Ort als London hätte sich Philip Ridley jedenfalls nicht aussuchen können. Hier nimmt man es einfach als gegeben hin, dass die Nächte von unheimlichen, geheimnisvollen Wesenheiten bevölkert ist und dunkle Magie keineswegs eine Ausgeburt der Fantasie ist. Doch statt seine Story möglichst stringent vorzutragen, pickt sich Ridley immer mehr Früchte vom Baum der Eingebung, die mit den bereits vorhandenen Ideen letztlich einen ziemlich konfusen und überfrachteten Mischmasch aus zu vielen Versatzstücken und noch mehr ungelösten Fragen ergibt, der den Zuschauer mindestens genau so verwirrt zurücklässt wie Protagonist Jim. Liebesgeschichte? Drama? Urbanes Märchen? Faust-Allegorie? Letzten Endes läuft »Heartless« auf all dies hinaus, kann sich aber einfach nicht entscheiden. Und das ist äußerst bedauernswert. Hätte Philip Ridley, der sich auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, seine Fabulier-Pferde besser unter Kontrolle gehabt, »Heartless« wäre ein weiteres Meisterwerk geworden. So aber werden immer wieder neue Richtungen eingeschlagen, neue Vorgaben unerwartet und nicht selten sinnlos in den Vordergrund gedrängt, so dass letztlich die tollen und teilweise sogar innovativen Aufnahmen, die wirklich prächtig gecastete Besetzung und – leider, leider – auch die Spannung entweder zu austauschbarem Beiwerk werden oder auf ein Minimum reduziert werden.

 

Fazit:

»Heartless« ist ein Film, der nicht genau weiß, wo er hin will – weil er einfach zu viele Richtungen einschlägt. Trotz der starken Bilder und überzeugenden Schauspieler bleibt dank zu vieler konfuser Elemente ein fader Beigeschmack. Sehr, sehr schade!

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230330222632d2948c25
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DVD:

Heartless

Großbritannien 2009

Regie: Philip Ridley

Format: Dolby, PAL, Widescreen

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)

Untertitel: Deutsch

Region: Region 2

Bildseitenformat: 16:9 - 2.35:1

Umfang: 1 DVD

FSK: 18

Universum, 7. Januar 2011

Spieldauer: 109 Minuten

 

ASIN: B0046E5HBI

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Jim Sturgess

Noel Clarke

Clémence Poésy

Eddie Marsan

Joseph Mawle

Ruth Sheen

Timothy Spall

Luke Treadaway


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Erstellt: 08.07.2011, zuletzt aktualisiert: 29.04.2022 13:54