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Interview mit Sebastian Fitzek

Redakteurin: Dorit Wiebke

 

Der Augensammler heißt der neueste Thriller des erfolgreichen Berliner Autors Sebastian Fitzek. In ihm geht es um einen ehemaligen Polizisten, dessen Welt aus den Fugen gerät, als er sich zu sehr mit einer Serie von grausam verübten Mordfällen beschäftigt. Ein überaus spannendes, gleichzeitig aber auch verstörendes Buch, das wir zum Anlass genommen haben, den Autor um ein Interview zu bitten.

 

Fantasyguide: Sie bezeichnen die Geschichte des Augensammlers als ein Perpetuum morbile. Eine Geschichte, die niemals begonnen hat und niemals enden wird. Und doch hat der Leser nach Beendigung des Buches den unbedingten Wunsch, eine Fortsetzung lesen zu wollen. Wird es eine solche geben oder lassen Sie ihn in ewiger Ungewissheit zurück?

 

Sebastian Fitzek: Erst einmal vielen Dank, dass Sie noch mehr lesen wollen. Ja, ich kann Sie beruhigen. Ausnahmsweise wird es vom Augensammler tatsächlich eine Fortsetzung geben, ich sitze gerade am zweiten Teil „Der Augenjäger“. Allerdings wird das keine klassische Fortsetzung, wie man vielleicht denkt, und ich plane auch nicht weitere 200 Teile bis zur Rente von Alina und Zorbach, sondern allenfalls eine Trilogie.

 

Fantasyguide: Eine ihrer wichtigsten Figuren im Augensammler ist die blinde Physiotherapeutin Alina Gregoriev. Eine Frau, die ihr Leben besser meistert, als mancher sehender Zeitgenosse. Sind Sie bei Ihren Recherchen zu dem Buch auf genau so eine toughe Frau gestoßen oder entspringt sie in allen Belangen Ihrer Fantasie?

 

Sebastian Fitzek: Ich finde, jede blinde Person ist unglaublich tough und verdient unsere uneingeschränkte Hochachtung. Versuchen Sie einfach mal mit geschlossenen Augen eine befahrene Kreuzung zu überqueren, blind Geld abzuzählen oder sich einfach nur ein Glas Wasser einzuschenken. Bei meinen Recherchen bin ich auf viele außergewöhnliche Schicksale gestoßen – Menschen, die blind Ski fahren oder windsurfen, Schülerlotse waren oder einen Betrieb leiten. Für das Buch musste ich vieles, was ich über Blinde gelernt habe, sogar abmildern, weil man es mir vermutlich sonst gar nicht geglaubt hätte. Da alle Kapitel mit Alina übrigens von über 20 Menschen mit Sehbehinderungen probegelesen wurden, entspringt bezüglich dem Thema Blindheit nichts meiner Fantasie.

 

Fantasyguide: „Der Augensammler“ ist ein Buch, dessen Handlung eine Menge Grauen offenbart, aber auch sehr surreal ist. Von was träumen Sie eigentlich nachts, wenn Sie am Tage schon so imaginäre Gedanken zu Papier bringen?

 

Sebastian Fitzek: Schreiben ist für mich wie eine Therapie, mit deren Hilfe ich meine Albträume verarbeite. Ich stülpe dem Leser quasi meine eigenen Ängste über und kann dann selbst sehr ausgeglichen und fröhlich weiterleben. Daher habe ich nachts eigentlich nur schöne Träume;)

 

Fantasyguide: Eine weitere Frage, die sich beim Lesen des Augensammlers unweigerlich aufdrängt, ist die nach der Klärung eines wichtigen Details aus Ihrer Kindheit. Haben Sie damals Verstecken gespielt und was haben Sie dabei so Schreckliches erlebt, dass Sie es in einem Buch verarbeiten müssen?

 

Sebastian Fitzek: In diesem Buch geht es weniger um Verstecken als um Vernachlässigung. Ich selbst merke an mir, wie oft ich den wirklich wichtigen Dingen in meinem Leben kaum Beachtung schenke und meine Zeit stattdessen mit Arbeiten verbringe. Ich hoffe dass ich nicht einmal zu der Sorte Väter gehören werde, an denen sich der Augensammler rächt.

 

Fantasyguide: Bei Krimis und Thrillern ist es bekannterweise so, dass die Handlung bis ins Detail feststeht, bevor der Autor zu schreiben beginnt. Wie ist es eigentlich mit den Figuren? Passiert es Ihnen, dass sie sich während des Schreibens anders entwickeln, als ursprünglich geplant?

 

Sebastian Fitzek: Immer! Ich denke jedes Mal wenn das Exposé fertig ist, dass ich die Geschichte perfekt durchdacht habe und nur noch runter schreiben muss. Doch schon nach den ersten Sätzen verändert sich alles und die Figuren entwickeln ihr Eigenleben. Das ist eine der schönsten Erfahrungen, die man beim Schreiben machen kann.

 

Fantasyguide: Sie haben nach 6 erfolgreichen Büchern eindrucksvoll bewiesen, dass nicht nur englische und amerikanische Thrillerautoren in Deutschland gelesen werden, sondern auch ein deutscher Psycho-Thriller hohe Verkaufszahlen erreichen kann. Ist das nicht genug Anlass, es auch einmal auf einem anderen Gebiet zu versuchen und zum Beispiel Abenteuerbücher für Kinder zu schreiben?

 

Sebastian Fitzek: Thriller sind meine Leidenschaft, sowohl als Leser als auch als Autor und der werde ich vermutlich noch einige Jahre treu bleiben. Das ist aber keine in Stein gemeißelte Regel, sondern hat sich einfach so ergeben. Sollte mich morgen schon der Hafer stechen und ich eine gute Kinderbuchidee haben, werde ich ganz sicher mal was Neues ausprobieren. Das hab ich im Leben schon oft getan. Schließlich wollte ich ja mal Tennisspieler, Schlagzeuger und Tierarzt werden und Sie wissen ja, wohin mich das gebracht hat;)

 

Fantasyguide: Ihre Lesungen sind ja immer etwas Besonderes. Bei der Premiere von Amokspiel stürmte ein Geiselbefreiungskommando der SEK durch die geschlossene Tür und Der Seelenbrecher feierte seine Premiere in einer psychiatrischen Klinik. Beim Augensammler haben sie sich nun einen Bus gechartert, der zu einer rollende Dunkelkammer umfunktioniert wurde. Machen Sie das nur, um ihre Leser zu unterhalten oder freuen Sie sich heimlich schon vor den Veranstaltungen über die Reaktionen der Teilnehmer?

 

Sebastian Fitzek: Ich schreibe, um meine Leser zu unterhalten und aus diesem Grund setze ich mich auch nicht einfach nur an ein Pult und lese eine Stunde aus meinem Buch vor. Ich finde, da haben die Gäste, die mit mir den Abend verbringen und Eintritt zahlten, etwas anderes verdient. Allerdings gestehe ich, dass mir die Reaktionen natürlich auch große Freude bereiten und das ist vermutlich auch notwendig. Nur wenn ich Spaß habe, kann sich der auf das Publikum übertragen. Bei allem Spaß aber, kommt bei mir die Information nie zu kurz. Das SEK-Kommando hat eindrucksvoll demonstriert, wie schnell und effektiv eine Geiselsituation normalerweise beendet wird, und auf meiner aktuellen Lesetour habe ich nicht nur mit der Dunkelkammer meinen Lesern einen Einblick in die (gar nicht so düstere) Welt der Blinden gegeben.

 

Fantasyguide: Sie haben es mit ihren irrwitzigen Ideen und ungewöhnlichen Lesungen auf Platz einundvierzig der „Liste der 100 peinlichsten Berliner“ geschafft. Eine Auszeichnung, auf die sie stolz sind. Waren Sie auch schon in der Schule der Klassenclown?

 

Sebastian Fitzek: Nein, das war unmöglich. Unsere Klasse war voll von Spinnern und Clowns, da war ich nur einer unter vielen und konnte nicht herausstechen.

 

Fantasyguide: Nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Eine Maxime, die sie ausgiebig in ihren Büchern verwenden. Doch wie steht es mit ihrer eigenen Wahrnehmung? Was gefällt oder missfällt Ihnen an sich selbst am meisten?

 

Sebastian Fitzek: Ich mag an mir, dass ich mich gut in andere Menschen hineinversetzen kann. Ich bin sehr gut darin, Stimmungslagen und Gefühlszustände einzuschätzen. Diese Sensibilität hilft mir als Autor natürlich sehr. Gleichzeitig ist sie im zwischenmenschlichen Bereich oft ein Fluch, denn ich habe selbst für die absurdesten Verhaltensweisen und für die größten Deppen irgendwo noch Verständnis. Da wäre ich tatsächlich oftmals etwas weniger Waage und würde gerne leichter Schwarz-Weiß-Entscheidungen treffen. Paradoxerweise ist also die Eigenschaft, die mir am besten gefällt, gleichzeitig die, die mir am meisten missfällt.

 

Fantasyguide: Wenn Ihnen eines Tages jemand das Angebot unterbreitet, für eine gewünschte Zeit Ihr Leben mit einer anderen Person zu tauschen. Würden Sie das tun und in welchen fremden Körper würden Sie gerne schlüpfen?

 

Sebastian Fitzek: Aktuell in den Körper meiner schwangeren Frau Sandra. Aber nur mit einer Switch-Möglichkeit, sobald die ersten Wehen einsetzen.

 

Fantasyguide: Finden Sie neben ihrer Tätigkeit als Autor noch Zeit, einem oder mehreren Hobbys nachzugehen und welche sind das in diesem Fall?

 

Sebastian Fitzek: Kaum. Ich spiele einmal im Monat mit meinem Vater (80!) Tennis. Der scheucht mich gnadenlos über den Platz. Und jüngst habe ich mit meinen alten Bandkollegen wieder Kontakt aufgenommen. Vielleicht spielen wir ja mal wieder was zusammen. Mein Schlagzeug ist schon aufgebaut.

 

Fantasyguide: Sie haben mittlerweile einige Bücher veröffentlicht. Ist es immer noch aufregend, das neueste Buch gedruckt in den Händen zu halten oder schleicht sich allmählich Routine ein?

 

Sebastian Fitzek: Routine? Um Himmels Willen, nein. Das ist immer noch pures Adrenalin. Sobald sich in irgendeinem Teil meines Lebens Routine einschleicht, ändere ich diesen übrigens sofort. (Hoffe, meine Frau liest das hier nicht ;))

 

Fantasyguide: Und ganz zum Schluss eine Frage, die jeder Autor gestellt bekommt und bei deren Antwort begeisterte Thrillerleser förmlich an ihren Lippen hängen werden. Worum geht es in ihrem nächstes Buch und wann erscheint es?

 

Sebastian Fitzek: Es heißt „Der Augenjäger“, wird nächstes Jahr erscheinen und viel kann ich noch nicht verraten, nur vielleicht diese Sätze hier:

 

Er zählt zu den besten Augenchirurgen der Welt

Er ist ein Meister im Operationsaal

Und er entfernt den Frauen ihre Augenlider, bevor er sie vergewaltigt ….

 

Der Augenjäger

Nach „Der Augensammler“ der zweite Albtraum um Alina Gregoriev und Alexander Zorbach.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Spaß beim Schreiben und eine Menge verrückter Ideen, um uns verwöhnte Leser auch in Zukunft gut unterhalten zu können.

 

Sebastian Fitzek: Ich danke, hat Spaß gemacht!

 

 

Das Interview wurde im September 2010 per E-Mail geführt, als sich der Autor Sebastian Fitzek auf seiner Lesereise zu dem Roman "Der Augensammler" befand.

 

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<b>Sebastian Fitzek</b>

Thriller:

Der Augensammler

Autor: Sebastian Fitzek

Thriller, Droemer/Knaur, 1. Juni 2010

Gebunden, mit Schutzumschlag

448 Seiten, 16,95 Euro

ISBN 978-3426198513

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.10.2010, zuletzt aktualisiert: 17.11.2018 10:28