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9 Fragen - 9 Antworten: Joachim Körber - Herausgeber der Edition Phantasia, Übersetzer, Autor und Journalist

Joachim Körber

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Fantasyguide: Hallo Joachim, Fantastik-Fans kommen an Deinem Namen derzeit nicht vorbei – wer ist der Mensch dahinter?

 

Joachim Körber: O je, das ist gleich zu Beginn eine schwierige Frage. Ich muss offen gestehen, ich fühle mich immer ein wenig unwohl, wenn man mich allzu sehr ins Licht der Öffentlichkeit zerrt. Ich denke, in einem Job wie meinem sollte man an dem gemessen werden, was man tut, und nicht an dem, was man ist. Der Mensch Joachim Körber ist eigentlich nicht wichtig; davon abgesehen ist er ein ganz normaler Mensch, der alles tut, was andere auch tun, kochen, essen, die Katze füttern, mit dem Hund spazierengehen, Musik hören, die alle außer mir als vollkommen nervtötend und unhörbar ansehen. Meine Frau und ich führen ein relativ zurückgezogenes Leben. Es ist keine Überheblichkeit, aber den Menschen Joachim Körber stelle ich nicht gern in den Vordergrund – und den Verleger und Autor und Übersetzer muss man nach dem beurteilen, was er tut.

 

Fantasyguide: Mit der Edition Phantasia bist Du ja so gut wie verheiratet, was reizt Dich an Deiner Braut, wo liegen ihre Vorzüge?

 

Joachim Körber: Die Vorzüge der Edition Phantasia sind natürlich in erster Linie ganz klar, dass sie „meine“ Braut ist – meine und die von Uli Kohnle, um genau zu sein –, und ich mit ihr anstellen kann, was ich will. Es ist schön, wenn man sein eigenes Verlagsprogramm gestalten kann, in das einem keiner reinredet und das allein dem verpflichtet ist, was Uli und ich unter guter und lesenswerter Literatur und unter schön gestalteten Büchern verstehen. Ich schätze an der Edition besonders ihre Wendigkeit, das heißt, wir planen meist recht kurzfristig und können so auf aktuelle Trends und Entwicklungen schnell reagieren – schneller jedenfalls als große Verlage, die ihre Programme teils zwei Jahre im voraus planen müssen. Und wir können neue und ganz plötzlich sehr „angesagte“ Autoren wie Nick Mamatas schnell ins Programm nehmen und schneller publizieren als das einem großen Verlag möglich wäre, wo im Frühjahr 2007 schon an den Programmen von Herbst 2008 und Frühjahr 2009 gearbeitet wird. Aus dem Grund ist der Verlag auch nach 22 Jahren immer noch eine aufregende „Spielwiese“ für mich. Und es spricht doch sicher für eine Ehe, wenn auch nach so langer Zeit noch keine Langeweile herrscht, oder?

 

Fantasyguide: Mit Texten etwa in der Spex, nummerierten Sammlerausgaben oder dem Phantasia Almanach, beschreitet ihr ganz eigene Wege, euer Publikum zu finden und zu binden. Ist das Extravaganz oder kapitalistische Notwendigkeit?

 

Joachim Körber: Vermutlich ist es eine Mischung aus allem. Wir haben, als wir die Phantasia Paperbacks 2004 aus der Tauf gehoben haben, ja von vornherein eine klare Marschrichtung vorgegeben, und die sieht so aus, dass es uns darum geht, eine gehobene Unterhaltungsliteratur zu veröffentlichen. Es gibt enorm viel Lesenswertes gerade im angloamerikanischen Sprachraum, das von den großen Verlagen meines Erachtens sträflich vernachlässigt wird. Dass Autoren wie Delany oder Ballard hierzulande kaum noch große Verlage finden, die ihre Bücher herausbringen, ist ein Armutszeugnis. Ich finde, und ich hoffe, es wird mir nicht als Eigenlob ausgelegt, das wichtig, was Uli Kohnle und ich in der Edition Phantasia machen, denke aber – und damit sind wir bei der „kapitalistischen Notwendigkeit“, dass Verlage wie die Edition nur eine Überlebenschance haben, wenn sie sich ein möglichst großes und interessiertes Publikum erobern – und diesem Zweck dienen eben Aktionen wie Texte in Spex und so weiter. Man muss versuchen, die ablehnende Haltung zu durchbrechen, die das deutsche Feuilleton der Phantastik gegenüber überwiegend hat; das versuche ich auch durch Rezensionen und Artikel in größeren Publikationen außerhalb des Genres. Nicht aus Hochmut, weil mir die phantastischen Genres oder die Horror- und SF-Freaks gleichgültig wären, damit das klar ist. Um das an einem Beispiel zu konkretisieren, den Lesern des HEYNE SF-JAHRBUCHS muss ich nicht erklären, dass Künstler wie J. G. Ballard oder Ursula K. Le Guin eben nicht nur hervorragende SF-Autoren sind, sondern bedeutende Literaten der Gegenwart, die wissen das – aber wenn ich das den Lesern von Zeitungen wie der Jungle World erkläre, wo ich in den letzten Jahren einiges veröffentlicht habe, oder wenn ich versuche, Rezensionen unserer Bücher in großen Zeitungen wie der Frankfurter Allgemeinen oder der Zeit zu platzieren, dann erschließe ich diesen Autoren vielleicht neue Leserschaften, neue Absatzmärkte. Dasselbe gilt für „extravagante“ Aktionen wie zum Beispiel dem Abdruck von Stories von Lucius Shepard oder Nick Mamatas in Spex. Wenn man nur einen Bruchteil der Leser dazu bringt, diesen Autoren eine Chance zu geben, weil ihnen die Stories gefallen haben, dann haben sich solche Aktionen auch gelohnt.

 

Fantasyguide: Übersetzungen, Essays und eigene Texte - worin fühlst Du Dich am sichersten und wie gelingt Dir dieses unerhörte Pensum?

 

Joachim Körber: Ich habe ja schon oft gesagt, im an sich habe ich vier Berufe und kann mich nicht entscheiden, welcher mir der liebste ist. Im Grunde genommen mache ich alles gern, auch wenn ich das Übersetzen in den letzten Jahren deutlich zugunsten der Arbeit für die Edition Phantasia zurückgefahren habe. Ich schaffe das Pensum, weil ich das bin, was man wohl einen „workaholic“ nennt; ich kann mir, ehrlich gesagt, ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen, und so sollte es natürlich auch sein, wenn man gewissermaßen sein Hobby zum Beruf macht. Man macht diesen Job nicht nur des Geldes wegen, obwohl ich natürlich wie jeder andere auch mein Auskommen haben muss, sondern aus Überzeugung und Liebe, und dann ist es auch nicht so schlimm, wenn Arbeitstage von 12 – 14 Stunden täglich eher die Regel als die Ausnahme sind.

 

Fantasyguide: Übersetzer im SF-Bereich haben es nicht leicht, etliche Fans betreiben anhand der Originale zielgerichtete Fehlersuchen. Wie gehst Du damit um?

 

Joachim Körber: Indem ich versuche, keine zu machen! [lacht] Nein, Spaß beiseite, mir ist klar, dass die Welt diesbezüglich sehr geschrumpft ist. Heutzutage ist es gar kein Problem mehr, sich Bücher weltweit zu besorgen, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass speziell Phantastik-Fans ein sehr kritisches Publikum sind. Umso mehr freut mich natürlich das viele Lob, das ich für meine Arbeit als Übersetzer wie als Autor/Herausgeber und als Verleger bekomme – es zeigt, dass man auf dem richtigen Weg ist und das Publikum zu schätzen weiß, was man tut. Sicherlich habe auch ich eine „Tagesform“, und manchmal passieren einem eben Schnitzer, das liegt in der Natur der Sache; auch wir bei der Edition Phantasia sind nur Menschen, aber wir geben uns alle Mühe, unseren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und vieles besser zu machen als andere ... gerade was Sorgfalt der Editionen und Übersetzungen angeht, Werktreue und Gestaltung.

 

Fantasyguide: Rezensionen kritisieren oft Klischees in Werken und bedienen sich dabei selbst Klischees. Wie gehst Du bei Deinen Artikeln und Essays vor und worin siehst Du die Bedeutung dieser analytischen Texte?

 

Joachim Körber: An manchen Klischees führt leider kein Weg vorbei, das ist so. Aber generell versuche ich, nicht auf allzu ausgetretenen Pfaden zu wandeln. Analytische Texte und allzu inzüchtige germanistische Werkexegesen sind nicht unbedingt mein Ding; mir geht es eher darum, wie schon erwähnt, den Leuten mit meinen Rezensionen und Artikeln Lust aufs Lesen zu machen, ihr Interesse an der Phantastik generell zu wecken und Vorurteile in den Köpfen auszuräumen. Ich liebe die Phantastik praktisch seit ich lesen kann, und es schmerzt mich auch heute noch, wenn ich sehe, welche Geringschätzung den phantastischen Genres von manchen Leuten entgegengebracht wird. Dem muss man entgegentreten, und das versuche ich so gut ich kann.

 

Fantasyguide: Wie sehen Deine nächsten Projekte aus?

 

Joachim Körber: Derzeit arbeite ich für einen befreundeten Verleger aus Neustadt an der Weinstraße, das ist ganz in der Nähe von Bellheim, wo ich wohne, an einer Anthologie mit Regionalkrimis aus Rheinland-Pfalz – er startet im Herbst ein diesbezügliches neues Buchprogramm, und ich stelle eine Art Sammelband zusammen, der ein bisschen aufzeigen soll, in welche Richtung das geht. Neben Kurzgeschichten von Jens Schumacher & Jens Lossau, Michael Siefener und Gisbert Haefs wird auch eine von mir enthalten sein, und möglicherweise erscheint auch ein kurzer Roman von mir in der Reihe, das dürfte sich in den nächsten Tagen und Wochen endgültig entscheiden. Darüber hinaus werden wir natürlich das Programm der Edition Phantasia weiter pflegen und ausbauen und mit Gisbert Haefs und Eugen Egner auch erstmals deutsche Autoren publizieren. Und ich hoffe, dass ich darüber hinaus generell mehr Zeit finde, wieder selbst zu schreiben. Die Reaktionen auf meinen Romanerstling WOLF waren damals ja so einhellig positiv, dass es eigentlich eine Schande war, mir für einen zweiten Roman so lange Zeit zu lassen.

 

Fantasyguide: Was für Titel von Fritz Leiber sie außer Fafhrd und dem Mausling sind noch geplant (im letzten Band des Zyklus steht „Weitere Bände von Leiber sind in Vorbereitung“)?

 

Joachim Körber: Von Fritz Leiber gibt es vor allem im Storybereich eine unglaubliche Menge sehr starken Materials, das nie ins Deutsche übersetzt wurde. Als ersten Vorgeschmack wird der Phantasia Almanach im Herbst eine sehr schöne Horror-Story aus Weird Tales in deutscher Erstveröffentlichung enthalten. Aber wir denken vor allem auch an seinen Horror-Roman CONJURE WIFE, der nie eine ungekürzte und vernünftige deutsche Ausgabe gesehen hat, oder – im Bereich Science Fiction – an eine vollständige Neuausgabe des CHANGE WAR-Zyklus, der deutsch auch nur sehr fragmentarisch vorliegt, mit einigen unübersetzten Stories.

 

Fantasyguide: Wird die Paperback Crime-Reihe ausgebaut und wenn ja, wie?

 

Joachim Körber: Die Crime-Reihe wird sicher ausgebaut, allerdings haben wir vor, uns zunächst auch ein wenig im „phantastischen“ Umfeld zu tummeln. Sehr viele Autoren des Phantastischen haben ja auch Krimis geschrieben bzw. vermengen gar Genres wie Science Fiction und Kriminalroman zu utopischen Krimis, in diese Richtung möchten wir gehen, d. h. Kriminalromane von Autoren der phantastischen Genres, vielleicht auch einmal Kriminalromane oder Stories mit phantastischen Zügen. Wenn möglich möchten wir natürlich auch Krimis von Autoren präsentieren, die wir ohnehin schon mit phantastischen Titeln im Programm haben, um hier ein wenig, wie das auf so schön Neudeutsch heißt, „Synergieeffekte“ zu nutzen. So wird, als Beispiel, im Frühjahr ein Band mit Science-Fiction-Erzählungen von Gisbert Haefs in der SF-Reihe der Paperbacks erscheinen, und Ende des Jahres oder Anfang des nächsten dann Kriminalgeschichten von ihm in der Crime-Reihe. Es werden auf jeden Fall Romane und Erzählungen erscheinen, die auch die Fans der phantastischen Genres sicher nicht enttäuschen werden.

 

Fantasyguide: Vielen Dank für die ausführlichen Antworten!

 

Eure Meinung:

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Erstellt: 31.01.2007, zuletzt aktualisiert: 14.03.2019 19:03