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James Bond 007 – Skyfall (BR)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Sind klassische Geheimagenten im Jahre 2012 noch relevant? Besitzt der elegant gekleidete, weltgewandte Spion auch noch im 21. Jahrhundert immer noch dieselbe Signifikanz, die er zu Zeiten des Kalten Kriegs inne hatte? Eine gewiss berechtigte Frage, zumal spätestens nach 9/11 die Kriege weder kalt noch ausschließlich unter dem Deckmantel kultivierter Passivität ausgefochten werden. Allerspätestens jener Krake namens Terrorismus hat das altbewährte Spionage-/Nachrichtendienstgeschäft vollkommen demontiert und gewiss auch mit bislang ungelösten Problemen konfrontiert. Probleme, die auch zwangsläufig die fiktiven Alter Egos erreichen müssen, wollen sie nicht als vollkommen deplatzierte Lachnummern längst vergangener Ären enden. Anpassung und Dekonstruktivität lauten jene Schlagworte, die in beiden Welten sicherlich von prägender Bedeutung sind. Das davon auch DER Spion schlechthin, womöglich DIE ultimative popkulturelle Ikone aller Zeiten, ebenfalls betroffen sein wird, ist von daher zugleich logisch wie nur konsequent.

Richtig, die Rede ist von James Bond.

Er hat einen langen Weg hinter sich gebracht, der Doppelnullagent mit der Lizenz zum Töten. Von seinem ersten Auftritt 1951 in Ian Flemings Casino Royale weiter zu mittlerweile sechs cinematischen Darstellern in insgesamt 23 offiziellen und einem inoffiziellen Streifen. Dazu eine Legion von Büchern, Merchandise und unzähligen, mal guten, mal schlechten Kopien. Die Langlebigkeit des fiktiven Sohns eines Ingenieurs und einer Schweizer Bergsteigerin ist gleichermaßen einzigartig wie weiterhin ungebrochen populär. Wobei besagte Filme gewiss den Löwenanteil des Erfolgs ausmachen, zugleich aber auch die Achillesfersen sein können. Auch wenn die Bondfilme niemals ihr Wesen verbargen – spektakulärer Eskapismus – so wurde die eigens gefasste Formel »Höher, schneller, weiter!« mitunter zum Bumerang, der auch schon so manche Bauchlandung zu verantworten hatte. Man erinnere sich nur an die geradezu gagaistischen Intentionen des Superschurken Hugo Drax (in Moonraker – Streng geheim, 1979) die Weltbevölkerung mittels Giftgas auszurotten und im Gegenzug eine neue Superrasse auf der eigenen Weltraumstation zu züchten.

Nur mal so zum Vergleich: In Flemings exzellentem Roman aus dem Jahre 1953 (der übrigens dank Cross Cult eine nicht minder großartige Neuübersetzung erhalten hat) stritten 007 und sein Opponent nur um eine auf London gerichtete Atomrakete bei einer, zugegebenermaßen, giftigen Partie Poker miteinander. Wobei Drax’ filmischer Vorgänger, der ebenfalls extrem megalomanisch geprägte Karl Stromberg (aus Der Spion, der mich liebte, 1977), nicht weniger unfreiwillig übertrieben lustig war – nüchtern betrachtet.

Und wer wendet sich nicht mit Grauen an die Erinnerung eines unsichtbaren Aston Martin V12 ab; so erlebt in Pierce Brosnans letztem Bondeinsatz 2002 in Stirb an einem anderen Tag? Solche Momente trugen Sorge, dass die Marke, die Ikone Bond zur Lächerlichkeit verkam; wenngleich die Zahlen unterm Strich stets in angenehmem Schwarz gehalten waren. In derlei Augenblicken degenerierte Bond zum grausigen Klischee und Opfer der gegenwärtigen popkulturellen Strömungen, was seinen guten Ruf selbst lädierte.

Allerdings folgte nach besagten Tiefpunkten zumeist ein absoluter Höhepunkt innerhalb der Filmreihe, wie In tödlicher Mission (1981), die Ablösung Roger Moores durch den sträftlichst unterbewerteten Timothy Dalton und, besonders, Daniel Craigs 007-Debüt, Casino Royale (2006) mehr als denkwürdig bewiesen. Diese Filme drehten die Uhren gewissermaßen zurück und erinnerten sich gleichzeitig dem thematischen Grundwesen der Reihe, das ausnahmslos in Flemings Romanen zu finden ist: relative Bodenständigkeit, Seriosität und nicht zuletzt gesunde Härte. Eigenschaften, die Craig ausnahmslos verkörperte und damit die alte Magie wieder heraufbeschwor. Traurigerweise währte sie nur zwei Jahre, ehe sie Regisseur Marc Forster mit einer letztlich viel zu konfusen und visuell überstilisierten Arbeit praktisch zum Kippen brachte. Keine besonders gute Wahl der Stammproduzenten Michael G. Wilson und Barbara Broccoli.

 

Ähnliches könnte man auch über den aktuellen Regisseur, Sam Mendes, behaupten. Ein versierter Theaterregisseur und oscargekrönter Experte fürs Dramatische; für Niveau und Tiefgang. Aber für rasante, stets in Bewegung begriffene Action? Für eine Inszenierung, die Bond ins rechte Rampenlicht setzt?

Doch ebendies tut er – und zwar bereits nach wenigen Sekunden. Auch wenn das legendäre Gunbarrel-Intro auch diesmal (vorerst) weiterhin in der Mottenkiste ruhen darf, so beschert die klare visuelle Beschaffenheit umgehend dem nervösen Bauchgefühl Ruhe. Mehr noch: Bonds Jagd nach einer gestohlenen Festplatte mag nicht die Spektakulärste Einführung innerhalb Reihe sein, birgt aber dennoch zwei handfeste Überraschungen. Ein 007, der von einer Kugel getroffen wird – undenkbar? Nicht für Sam Mendes. Eben so wenig wie der harte Hund letzten Endes von der eigenen Kollegin (Naomie Harris) angeschossen und sogar für tot erklärt wird. Und prompt hat Mendes eine Legende auseinander genommen, begnügt sich aber nicht nur bei ihr. So wird auch Bonds Chefin, M (Judi Dench) von dem undurchschaubaren Kongressabgeordneten Gareth Mallory (Ralph Fiennes) mit freundlichem Nachdruck zum Rücktritt gebeten, was sich die renitente Dame natürlich nicht bieten lässt. Zumal ein hinterhältiger Anschlag auf das MI6-Gebäude klar macht, wie sehr sie noch immer gebraucht wird.

Doch vielleicht noch mehr als eine starke, entschlossene Führung wird in dieser dunkelsten Stunde ein Agent vom Schlage 007 gebraucht. Was niemand weiß: Bond lebt. Und genießt den scheinbaren Tod mit Leidenschaft und Laster an der türkischen Küste. Jedoch ist von dem einstigen Bond nicht mehr viel geblieben außer einer Hülle, die mittels Schmerztabletten und Alkohol die Leere und Bestimmung zu vertreiben versucht. Bis ihn die Nachricht des Anschlags erreicht und er sein Exil aufgibt. Doch damit ist es nicht getan. Unvermittelt werden Bonds Stärken und Fähigkeiten infrage gestellt; ja selbst seine stoische Loyalität. Zum Glück hält M weiterhin an ihm und trägt Sorge, dass Bond abermals in den Außeneinsatz darf. Seine Mission: das Aufspüren des bzw. der Terroristen, die für den feigen Anschlag verantwortlich sind und offenbar ferner in Verbindung zu der gestohlenen Festplatte stehen, deren brisanter Inhalt häppchenweise an die Öffentlichkeit gelangt. Der Weg führt Bond über Shanghai und Macao zu einer verlassenen Insel, die dem gleichermaßen kultivierten wie diabolisch agierenden Raoul Silva (Javier Bardem) gehört; einem ehemaligen Schützling von M. Sie ist auch diejenige, an der sich Silva rächen möchte, wenngleich es Bond gelingt, den ehemaligen Agenten gefangen zu nehmen und nach London zu schaffen. Was aber weder 007 noch M wissen: dies ist alles Teil eines ungemein perfiden Plans, an dessen Ende gewiss weitere Opfer zu beklagen sind …

 

Ein vermeintlich toter James Bond? Ein MI6, der gezwungenermaßen in den Untergrund zurückkehren muss? Eine Geheimdienstchefin in Lebensgefahr? Mendes macht wirklich keine Gefangenen. Effektiv und ebenso rabiat fegt er bewährte Figuren vom Spielbrett um sie entweder völlig neu aufzustellen oder durch etwas anderes zu auszutauschen. Präzise dringt er ins Mark des Charakters James Bond vor; legt er ungeschönt dessen Seelenleben bloß und stellt es mitsamt seines Berufsstandes auf den Prüfstand. Dadurch lässt er 007 menschlich werden; womöglich zum aller ersten Mal seit dem Start von Dr. No (1962). Doch genau innerhalb dieser Dekonstruktion liegt neben der kritischen Hinterfragung ferner der erste Schritt zum Neuanfang; verschmilzt das Klassische mit der Moderne ohne dabei das Wesen zu verlieren. Das beste Beispiel dafür mag der alte/neue Waffenmeister Q sein. War er Jahrzehnte lang stets ein leicht mürrischer grauhaariger Mann, liebenswert portraitiert vom leider verstorbenen Desmond Llewelyn, so kommt die neue Inkarnation als leicht verschrobenes nerdiges Genie samt Streberbrille und Pickeln daher, der sich sogar über die Erfindungen seines Vorgängers lustig macht, wenngleich die gleichen Wesenszüge unverkennbar sind. Inklusive dem mehr oder minder dezenten Respekt vor 007, der im Übrigen, wenn auch noch nicht ganz erkennbar, auf Gegenseitigkeit beruht. Mit Ben Whishaw (der zuletzt in Cloud Atlas zu begeistern wusste) als Q wurde nicht nur eine exzellente Wahl getroffen, vielmehr merkt man außerdem umgehend, wie gut die Chemie zwischen ihm und Daniel Craig beschaffen ist. Statt mittels Kugeln wird sich verbal duelliert, man darf sich auf seine kommenden Auftritte definitiv freuen.

 

Ein weiterer Coup gelang den Produzenten ferner mit Ralph Fiennes Besetzung. Bewegt sich sein Alter Ego zunächst in einer Art Grauzone, die den Zuschauer unschlüssig lässt, auf welcher Seite der Mann eigentlich steht, so gehört er letzten Endes zu jenen Aktivposten, die dafür Sorge tragen, dass sich der Kreis zwischen Alt und Neu auf höchst befriedigende Art und Weise schließt.

 

Aber was wäre ein Bond-Film ohne den Schurken respektive die schönen Damen? Fangen wir mit letzteren an. Mit der Französin Bérénice Marlohe als geheimnisvolle Sévérine wurde abermals eine klassische Femme fatale-Figur konzipiert, der bedauernswerter Weise zu wenig Platz zugesprochen wurde, wenngleich Marlohe in jedem Fall ihr Bestes gibt, nach ihrem Abgang allerdings wohl eher ihr atemberaubendes Abendkleid mit Swarowsky-Diamanten in Erinnerung bleiben wird. Bedauerlich. Ähnlich verhält es sich auch mit Naomie Harris’ Part. Sicher, wenn ihre Eve mit Bond schäkert, dann richtig, aber letzen Endes bleibt es auch nur dabei – aus gutem Grund, wie ihr letzter Auftritt beweist; trägt sie nämlich auch dazu bei, dass sich der bereits erwähnte Kreis schließt.

 

Vollkommen anders dagegen Oscar-Preisträger Javier Bardem. Endlich mal wieder ein Bondschurke, der seinem Ruf gerecht wird! Dabei setzt Bardem gar nicht mal so sehr auf Brachialität bzw. übersteigerte Manie; im Gegenteil. Wie schon bei seiner Portraitierung des Killers Chigurh (in No Country for Old Men, 2007) bezieht er seine Kraft aus dem Subtilen, kleinen Gesten und Andeutungen sowie einem gerüttelt’ Maß an Überheblichkeit und einem messerscharfen Verstand. Auch wenn er erst nach gut 60 Minuten seinen ersten Auftritt hat – und was für einen! – so lag doch bereits zuvor sein imposanter Schatten über (fast) allem. Alleine für seinen ersten Monolog hätte man Bardem abermals für den Oscar nominieren müssen; mindestens. Zumal der Spanier ferner dank der offenkundigen Homosexualität seines Charakters mit einer Mühelosigkeit jene maskulinen Fesseln des Franchises sprengt, dass man nur ungläubig staunen kann. Selbst der Held bleibt davor nicht mal verschont … Das er des Weiteren eine gelungene Hommage an den wohl berühmtesten Handlanger der Bondgeschichte parat hält (Stichwort Gebiss!) lässt seine Performance noch denkwürdiger werden. Gewiss darf man Bardem schon jetzt zu den besten Gegenspielern rechnen, die Bond jemals das Leben schwer gemacht haben.

Mag Bardem – diesmal – der Oscar verwahrt geblieben sein, so wurde Skyfall trotz allem mit zwei goldenen Statuen bedacht: zum einen für den besten Tonschnitt, zum anderen für den von Adele vorgetragenen Titelsong, der gewiss seine Momente hat (besonders im Zusammenspiel mit Daniel Kleinmans überragender Titelsequenz, bei der er sich selbst übertroffen hat), aber verglichen mit den Vorgängern untrüglich nicht zu den besten musikalischen Beiträgen gehört. Zugegeben, der Song wächst mit der Zeit, zieht man jedoch die Glanztaten von Duran Duran, Shirley Bassey, a-ha oder Tina Turner heran, so zieht er trotzdem den Kürzeren. Man muss es unumwunden zugeben: In einer recht mageren Saison der Filmscores und –songs war er eben der Beste. Doch wenn schon der Titelsong nominiert war, wieso nicht ferner Thomas Newmans Score? Der Haus- und Hofkomponist von Sam Mendes durfte dieses mal anstelle von David Arnold die musikalische Untermalung beisteuern und hat sich mitunter nämlich selbst übertroffen. Wie sein Regisseur, nimmt er klassische Elemente auf, verbindet sie mit modernen Klängen und seiner eigenen Handschrift – und etwas Aufregendes entsteht; eine frische Brise, deren Ursprung dennoch klar erkennbar ist.

Ein weiterer Mendes-Kollaborateur durfte dazu hinter der Kamera Platz nehmen: Roger Deakins. Zehn Mal bereits für den Oscar nominiert, hätte er ihn für »Skyfall« gewinnen MÜSSEN. Denn seine Arbeit ist ein absoluter Glücksgriff. Präzise, sorgfältig tariert, clever und ausnehmend elegant trägt seine Arbeit viel zur narrativen Qualität bei. Auf das er auch bei den nächsten Bondabenteuern dabei sein möge!

Dies lässt sich bedauerlicherweise nicht über Regisseur Sam Mendes sagen, der den Produzenten in Sachen Bond 24 einen Korb gegeben hat. Trotz der relativ überschaubaren Story holt der Mann ein Maximum aus dem Stoff heraus, etabliert sich im Actionmetier und verpasst dem Mythos Bond ferner Tiefgang und neue Stärken. Da lässt sich die eine oder andere Schwäche mehr als leicht verkraften, wenngleich es davon nicht viele gibt.

 

Daumen hoch auch für die rezensierte Blu Ray, die in Sachen Ton- und Bildqualität durch beeindruckende Referenzwerte besticht, seien es nun die glasklaren Sounds oder die scharfen, unglaublich natürlichen Farbwerte, die man schlicht als phänomenal bewerten muss. Sollten die restlichen Teile der Reihe mit einer ähnlichen Hingabe transferiert worden sein, dürfte der Griff zur Blu Ray-Jubiläumsbox unvermeidlich werden …

Seufz. Einzig bei den, ein bisschen spärlich daher kommenden Extras hätte man gerne noch ein paar Kohlen mehr ins Feuer schippen können. Immerhin: die Audiokommentare von Sam Mendes und den Produzenten sind sehr ausführlich und interessant.

 

Fazit:

Ist »Skyfall« der beste Bond aller Zeiten? Die Antwort mag erst die Zeit selbst geben, doch gewiss rangiert der 23. Einsatz des berühmtesten aller Geheimagenten in der Rangliste sehr weit vorne; nicht zuletzt wegen der brillanten Regie von Sam Mendes, der einen abermals hervorragend agierenden Daniel Craig perfekt in Szene setzte, dabei unterstützt von einem erlesenen Team aus Darstellern und versierten Filmprofis. Ein mehr als gelungener Jubiläumsfilm, der Tradition mit Moderne vermischt und gleichzeitig dank seiner Thrillereigenschaften die besten Werte von Ian Flemings klassischen Werten inne hat. Kurzum – ein absolutes Muss!

Eure Meinung:


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BR:

James Bond 007 – Skyfall

Originaltitel: Skyfall

Regie: Sam Mendes

Großbritannien/USA, 2012

Format: Widescreen

Sprache: Deutsch (DTS 5.1), Türkisch (Dolby Digital 5.1), Englisch (DTS-HD 5.1), Französisch (DTS 5.1)

Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch

Region: Region B/2

Bildseitenformat: 16:9 - 2.40:1

Umfang: 1 Disk

FSK: 12

20th Century Fox Home Entertainment, 27. Februar 2013

Spieldauer: 143 Minuten

 

ASIN (Blu Ray): B009YELWVY

ASIN (DVD): B009YELGAQ

 

Erhältlich bei Amazon

 

Darsteller:

Daniel Craig

Javier Bardem

Judi Dench

Naomie Harris

Ralph Fiennes

Bérénice Marlohe

Albert Finney

Ben Whishaw

Rory Kinnear

Ola Rapace

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Erstellt: 04.05.2013, zuletzt aktualisiert: 15.12.2019 11:47