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Kaltes Herz

Autor: Michael Schmidt

 

Die Nacht war warm und sternenklar. Der Vollmond verströmte ein helles, angenehmes Licht. Kaum ein Lüftchen störte den nächtliche Frieden. Mal von einem einzelnen Nachtschwärmer abgesehen. Ein schwarzes Etwas flatterte durch die Luft, bevor es in einer dunklen Nische landete.

Lilith Eden transformierte in ihre menschliche Gestalt. Leicht benommen schüttelte sie die ungewohnte Wahrnehmung ab. Sie würde sich nie richtig an das Wesen der Fledermaus gewöhnen, immerzu spürte sie die Erleichterung, in ihre gewohnte Gestalt zurückzukehren. Ihre menschlichen Sinne übernahmen die Kontrolle, ihre Augen studierten die Umgebung. Mühelos erfaßte sie die Einzelheiten ihrer Umgebung, der Mangel an Helligkeit bereitete ihr kein Problem. Wenn sollte es wundern, schließlich war sie eine Kreatur der Nacht.

Ihr Symbiont schloß sich zu einem enganliegenden Overall, sie wollte nicht zu viel Haut zeigen, damit sie besser mit der Nacht verschmolz. Ihre Reize würde sie später zur Geltung bringen, wenn sie ihr erstes Opfer erspäht hatte.

Lautlos glitt sie aus der engen Gasse, kaum wahrnehmbar im Schatten der Nacht. Vor den nächtlichen Spaziergängern verbarg sie sich in diversen Eingängen und Nebenstraßen. Sie wollte vorerst unentdeckt bleiben, ihr attraktives Äußeres erweckte gewöhnlich zu viel Aufmerksamkeit. Dazu stand ihr jetzt noch nicht der Sinn. Doch aufgehoben war nicht aufgeschoben. Sie würde sich nur einer einzelnen Person zeigen, und daß würde gleichzeitig ihr Opfer sein.

Doch heute war die Jagd anders als gewöhnlich. Anstelle der gewohnten Vorfreude waren ihre Empfindungen äußerst zwiespältig. Die Gier nach Blut rauschte fast schmerzhaft durch ihre kalten Adern. Ungewohnt stark dürstete es sie nach dem pulsierendem Lebenssaft. Das Blut ihres Opfers würde besonders stark in Wallung sein, noch mehr als sonst.

Doch eine weitere Empfindung beschäftigte sie. Ihr träge schlagendes, kaltes Herz sandte ungewohnt heftige Signale an ihr Hirn. Moralische Bedenken, die sie in dieser Heftigkeit seit ihrem Erwachen, ihrer eigentlichen Geburt, nicht mehr gequält hatten. Abscheu gegen sich selbst, dem vom Blut gesteuerten Monstrum mit der engelsgleichen Fassade.

Durch die Gegend streifend versuchte sie den Konflikt aus ihrer Gedankenwelt zu bannen, doch es mißlang kläglich. Einzig ihr ganz spezieller Hunger steigerte sich ins Unermeßliche, und proportional dazu auch ihre Bedenken.

Sie stoppte, verharrte im Dunkeln, ihre nachtsichtigen Augen nach vorne gerichtet, auf der Suche nach dem geeigneten Opfer. Einen nach dem Anderen ließ sie vorbeiziehen, denn Niemand entsprach ihren Vorstellungen, genügte heute ihren Ansprüchen. Und hatte sie endlich jemand Geeignetes erblickt, zögerte sie und kämpfte mit ihren Zweifeln, bis der günstige Moment vorbei war und das potentielles Opfer in der Nacht verschwand.

Sehnsüchtig spürte sie die streichelnde Hand über ihren Körper streifen. Ihre Haut wurde von einer Gänsehaut überzogen. Ein angenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, sank langsam tiefer, in Bereiche, die ihr Anliegen nach Beute noch dringender machte. Sie spürte eine tiefe Erregung und zwang sich, die Wunschträume weg zu schieben und sich auf die Realität zu konzentrieren. Es wurde Zeit für ein Opfer.

Jedoch bei dem Gedanken, ihre Zähne in das weiche Fleisch ihres Opfers zu schlagen, regte sich unwillkürlich Ekel in ihr . Das arme, hilflose Opfer. War es nicht ähnlich einer Vergewaltigung, ihn ungefragt zur Ader zu lassen? Ihn gegen seinen Willen seiner Lebenskraft zu berauben? Ihre Begierde wurde von diesem Abscheu so stark durchdrungen, daß sie sich innerlich zerrissen fühlte. Unwillkürlich heulte Lilith auf.

Dieser unkontrollierte Zwiespalt ging ihr auf die Nerven, es wurde Zeit, die Passivität zu beenden. Würde das Blut erst einmal ihre Kehle herunter rinnen, wäre die Welt wieder in Ordnung. Und die Zweifel dorthin verschwinden, wo sie hingehörten.

In die hintersten Winkel ihres Bewußtseins.

Das unbestimmte Gefühl des Beobachtenwerdens riß sie aus ihrer Gedankenwelt. Ein nächtlicher Wanderer war auf sie aufmerksam geworden. Ein staatlicher, wenn auch nicht mehr junger Mann, groß und kräftig, wie sie es liebte. Sein dunkles Haar wurde von silbernen Strähnen durchzogen. Unter der sportlichen Kleidung zeichnete sich ein durchtrainierter, athletischer Körper ab. Stählerne blauen Augen beherrschten ein markantes Gesicht. Sie faßte einen Entschluß. Er sollte es sein, es war seine eigene Schuld.

Statt nach Hause zu seiner Angetrauten zu gehen, starrte er sie an, als hätte er gerade die Liebe seines Lebens entdeckt. Lilith kannte diese Blicke, immer wieder verlor sich diese hormongesteuerte Spezies im Anblick ihrer vollendeten Weiblichkeit. Und verfielen ihr ohne jegliches Zutun. Männer waren so berechenbar.

Liliths jadegrüne Augen hefteten sich auf den Mann, versprachen ihm die pure Sünde. Der Fremde spürte die Verlockung, das unhörbare Rufen in seinem Geist. Seine Füße setzten sich wie von selbst in Bewegung, fast hätte sie sich die Einflußnahme sparen können, so heftig reagierte der Mann auf ihre Erscheinung.

Er sah eine überaus attraktive Schwarzhaarige, mit kräftigem, wohlgeformten Busen und unendlich langen Beinen. Ein kurzer Ledermini und ein durchsichtiges Nichts von Oberteil ließen seine Hormone verrückt spielen. Er begegnete seinen kühnsten Träumen und fühlte, daß sie kurz vor ihrer Erfüllung standen.

Lilith Mund umspielte ein grausames Lächeln. Sie fühlte förmlich die pochende Ader des begehrten Lebenssaftes. Ihre Augenzähne schienen förmlich unter Strom zu stehen, so sehr wurde die Halbvampirin von dem Durst nach Blut beherrscht.

Sie packte ihn an den Jackenaufschlägen und zog ihn an sich heran. Ihr stand heute nicht der Sinn nach gemütlichem Kennenlernen und sanftem Vorspiel. Dafür war ihre Gier, das Bedürfnis nach hemmungslosem Sex, zu groß. Ihre Lippen verschmolzen in ungestümer Begierde. Er reagierte noch etwas langsam, aber sie würde dem nachhelfen. Lilith drückte sich fest an ihn, während der Symbiont sich zurück zog und ihre Haut preisgab.

"Wie heißt du?", hauchte Lilith ihr Opfer an.

"Peter."

Peters Hände streichelten sanft ihren Körper, liebkosten ihre Schultern. Zu sanft.

"Sei nicht so zurückhaltend. Ich liebe es wild und unbeherrscht. Faß mich richtig an"

Und unterstreichte dies, indem sie selbst die Initiative übernahm, seinen Körper mit fester Hand streichelte, ihn damit schier zum Wahnsinn brachte. Er hatte verstanden, zügelte sein Temperament nicht mehr. Die Hände wanderten über ihren Körper, brachte Liliths Blut zum Kochen, ihre Beherrschung ging flöten. Sie konnte nicht mehr warten, der Drang wurde unerträglich. Jetzt sollte es passieren. Sein Atem ging keuchend, während ihre Leiber immer mehr in Ekstase verschmolzen. Dann war es soweit, der Zeitpunkt war da, ihre Begierde heftig und ungezügelt. Ihr Mund wanderte zu seinem Hals, die Lippen fanden die passende Stelle. Ihre Augenzähne spielten mit ihm, er stöhnte vor Wonne auf und verlor im selben Moment jegliche Beherrschung.

Und verspürte jäh einen brennenden Schmerz. Gierig trank Lilith den edlen Tropfen. Und brach jäh ab. Ekel stieg in ihr hoch, Ekel vor sich selbst, dem bluttrinkenden Monster ohne Gewissen. Peters Blick zeigte Unverständnis, doch nahm sie daß nur am Rande war. Angewidert spuckte sie den roten Tropfen wieder aus, löste sich von ihm und lief schreiend davon. Völlig durcheinander, gequält von diesem Zustand absoluter Zerrissenheit. Denn die Gier nach Blut hielt sie unvermindert stark in ihrem Bann.

Allzu lange würde sie diese Qual nicht mehr durchhalten. Sie war jetzt schon geschwächt, und es war erst der zweite Tag, seit dieses Phänomen aufgetreten war. Und sie wußte nicht, wie lange es noch dauern würde. Bis der unheilvolle Einfluß des Halleyschen Kometen vorüber war. Der Ekel endlich verging und das Bluttrinken wieder so war, wie es in der Vergangenheit immer gewesen war. Ein Akt der Ekstase.

 

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Erstellt: 24.07.2005, zuletzt aktualisiert: 04.10.2015 18:14