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Krupp – Eine deutsche Familie (DVD)

Filmkritik von Olaf Kieser

 

Rezension:

Deutsche Geschichte erfreut sich seit einigen Jahren im Fernsehen und Kino als beliebt und erfolgreich. Laut einer in in der TV Spielfilm (24 / 08) veröffentlichten Online-Umfrage ist das Interesse des Publikums an historischen Stoffen aller Art hoch. Es ist also kein Wunder, das Fernsehen und Kino die deutsche Geschichte nach neuen Stoffen für dramatische Filme durchsuchen. Im März diesen Jahres zeigte das ZDF einen Dreiteiler über die Familie Krupp, eine der bedeutendsten, schillerndsten aber auch umstrittensten Industriellen-Familien Deutschlands. Dass Iris Berben die weibliche Hauptrolle spielt, ihr Sohn Oliver als Produzent fungiert und der Berben-Vertraute Carlo Rota Regie führt, er tat das bereits bei zahlreichen Filmen von Iris Berben (Die Patriarchin, Rosa Roth), zentrale Aufgaben also bei der Familie Berben liegen, erscheint als logische Konsequenz und ganz im kruppschen Sinne.

 

Aber worum geht es überhaupt in dem Dreiteiler? Der Film beginnt 1957. Bertha Krupp streitet mit ihrem Sohn Alfried Krupp über die Zukunft der Firma. Bertha erleidet dabei einen Zusammenbruch. Auf dem Krankenlager erinnert sie sich an die bewegte Vergangenheit ihrer Familie und erzählt einem Dienstmädchen von den Tagen, als Kaiser Wilhelm II. ein eigenes Zimmer in der Villa Hügel hatte, und die Geschichte der Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zur gleichen Zeit erinnert auch Alfried sich mit seinem aus dem Krieg heimgekehrten Bruder Harald an seine durch Disziplin geprägte Kindheit, seine gescheiterte Ehe und das Hineinwachsen in die Rolle als Leiter des Familienunternehmens. Der Dreiteiler schließt mit dem Tod Alfrieds im Jahre 1967.

 

Das ZDF hat sich „Krupp – Eine deutsche Familie“ satte 11,4 Millionen Euro kosten lassen. Diese wurden in eine beachtliche Besetzung (Heino Ferch, Iris Berben, Barbara Auer, Benjamin Sadler ) und ansprechende Ausstattung investiert. Gedreht wurde in Bayern, Österreich und auf Capri. Für die berühmte Villa Hügel gab es keine Drehgenehmigung, so dass man auf Schloss Nordkirchen ausweichen musste. „Krupp – Eine deutsche Familie“ weckt Erwartungen nach einem opulenten TV-Geschichts-Event, dass dem Zuschauer Einblicke in das Privatleben der Industriellenfamilie gewährt. Diese Erwartungen werden leider nur teilweise erfüllt. Gerade der historische Teil wird vernachlässigt und von der Familiengeschichte samt Mutter-Sohn-Konflikt überlagert. Geschichte dient hier eher als mehr oder weniger bunter Hintergrund. Ab und zu werden Jahreszahlen eingeblendet, damit der Zuschauer weiß, wann die betreffende Szene gerade spielen soll. Dies ist auch unbedingt nötig, gibt es doch immer wieder lange Rückblenden und dann Szenen, die 1957 spielen. Die Weltkriege werden in gelegentlichen Kriegsszenen gezeigt. Diese illustrieren eher und dienen kaum historischem Erkenntnisgewinn. Auch sind hier historische Fehler zu finden. So wird im zweiten Teil der Serie der Vormarsch der Wehrmacht an der Westfront gezeigt, der anscheinend im Winter stattfindet. Der Frankreich-Feldzug fand jedoch im Mai des Jahres 1940 statt, bei gutem Frühlingswetter. Unfreiwillig komisch gerät ein Besuch Hitlers auf Villa Hügel. Bertha, die den „Proleten“ zunächst nicht in ihrem Hause haben will, bleibt dem Empfang fern. Im Treppenhaus hören sie und der Zuschauer den Diktator nur undeutlich in dem Speisesaal poltern. Das klingt dann wie eine Parodie, die aber wohl nicht beabsichtigt war. Der Erste Weltkrieg wird sogar nur mit einer sekundenlangen Schlachtfeldimpression abgehandelt. Auch die „Kruppianer“, die zahllosen Arbeiter und Angestellten, sind für den Dreiteiler nahezu bedeutungslos. Bedauerlich ist es in diesem Zusammenhang, dass die Handlung erst im 20. Jahrhundert beginnt. Krupps Geschichte reicht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Was hätte man über den Aufstieg der Firma im Zeitalter der Industrialisierung alles erzählen können! Krupps große Zeit begann mit der Eisenbahn, die Waffen kamen erst später dazu. Unerwähnt bleiben so beispielsweise die überdurchschnittlichen Löhne und Werksarbeiterwohnungen, mit der man bei Krupp die Angestellten und Arbeiter an sich band. Natürlich sollten diese so von Sozialdemokratie und Politisieren abgehalten werden, doch da liegen eben auch Grundlagen des modernen deutschen Sozialstaates und einer der Gründe für die besondere Beziehung der Arbeiter zu ihrer Firma und konkret zur Familie Krupp.

 

Den Machern ging es angeblich um Motive und Gefühle der Menschen. „Emotionen stehen nicht in den Akten“, erklärt Regisseur Rola. Das ist durchaus legitim. Doch hier betritt der Regisseur die Gestade der Fiktion, die eben meistens nicht durch Zeitzeugenaussagen oder Quellen abgesichert sind. Dass Rola sich das Familienleben der Krupps als unerfreulich vorstellt, wird in fast jeder Einstellung und der Lichtgestaltung deutlich. „Krupp – Eine deutsche Familie“ ist vor allem düster. Menschen wandeln in dunklen holzgetäfelten Gängen und Zimmern umher und plagen sich mit Sorgen und dem beständigen Widerspruch zwischen Pflichterfüllung und Wünschen. Gibt es mal einen Augenblick der Freude, so wird er gewiss nicht lange andauern. Immer wieder wird auch das Firmenlogo ins Bild gerückt, um die Allgegenwart der Last der Verantwortung zu verdeutlichen. Durch den Dreiteiler weht eine Hauch von Untergang, der einen aber merkwürdig kalt lässt. Das liegt daran, dass die Figuren einen nur selten berühren. Zu groß ist die Distanz zwischen ihnen und Zuschauer. Dabei ist die schauspielerische Leistung der Darsteller solide bis ansprechend. Iris Berben gibt die kalte Patriarchin überzeugend, erweckt aber keine Sympathie. Benjamin Sadler verkörpert den leidenden Alfried Krupp angemessen. Auch Mavie Hörbiger als Alfrieds Ehefrau Anneliese und Valerie Koch als junge Bertha machen ihre Sache gut. Mit wenigen Ausnahmen lassen die Figuren einen aber kalt.

 

Regie und Musik können leider auch nicht recht überzeugen. Zu banal sind manche Dialoge, zu sprunghaft die Figuren in ihren Entscheidungen und zu plakativ die Symbolik (Beleuchtung, dauerpräsentes Firmenlogo). In einer Szene lehnt Gustav Krupp zu Bohlen und Hombach im Industieclub eine Zusammenarbeit mit den Nazis ab. Drei Szenen später erklärt er dann seiner Frau, dass man für Hitler Panzer und Waffen bauen müsse. Was den Sinneswandel bewirkt hat bleibt unbekannt. Wollte Regisseur Rola nicht gerade hier ansetzen? Auch verliert Rola einige Figuren aus den Augen, sie tauchen einfach nicht mehr auf und man erfährt auch nicht, was aus ihnen wurde.

 

In technischer Hinsicht kann man nichts negatives über die DVD sagen. Bild und Ton sind in Ordnung. Die Extras finden aber fast nicht statt. Es gibt Hinweise auf weitere DVDs und ein paar Zeitzeugeninterviews. Da hätte doch etwas mehr Hintergrundmaterial gut getan.

 

Als Fazit muss man leider feststellen, dass „Krupp – Eine deutsche Familie“ mehr Fiktion als Geschichte ist. Wenn man etwas über die Geschichte des Unternehmens und der Familie zu erfahren hoffte, so wird man enttäuscht. Zu frei, ungenau und spekulativ ist die Geschichte, die Regisseur Rola erzählt. Der prominent besetzte Dreiteiler berührt den Zuschauer kaum und erweitert den historischen Horizont nur wenig.

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DVD:

Krupp – Eine deutsche Familie

Krupp – Eine deutsche Familie

BRD, 2009

Regisseur: Carlo Rola

Drehbuch: Christian Schnalke

Musik: Christian Brandauer

Bildformat: 16:9

Sprache: Deutsch

Ton: Dolby Digital 2.0

Spieldauer: 270 Minuten

Umfang: 2 DVDs

FSK: 12

Extras: Making of, Zeitzeugen Reportage

Universum Film, 2009

 

ASIN: B001RBY9P8

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Iris Berben

Valerie Koch

Benjamin Sadler

Heino Ferch

Theo Trebs

Barbara Auer

Mavie Hörbiger


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Erstellt: 23.05.2009, zuletzt aktualisiert: 22.11.2019 07:56