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Leutnant Blueberry: Das eiserne Pferd und die Sioux

Die Blueberry Chroniken Bd. 4

Rezension von Christian Endres

 

Der bis dato dickste Band der äußerst lobens- und lesenswerten Blueberry-Werkausgabe von Ehapa präsentiert sich dem Freund klassischer Edelwestern dieses Mal in einem besonders üppigen Gewand: satte vier Original-Alben warten auf über 200 (!) Seiten und laden den Leser dazu ein, sich gemeinsam mit Mike Blueberry den Problemen beim Bau der Eisenbahnstrecke quer über den nordamerikanischen Kontinent zu stellen – und wie der Titel schon verspricht, bedeutet dies, dass die Probleme größtenteils zwischen Weißen und Indianern ausgetragen werden. Doch auch der ein oder andere Falschspieler, Halunke oder Schurke hat seine Finger im Spiel, wenn die verschiedenen Parteien um die Gleise aneinander geraten ...

 

Raus aus der Bratpfanne, rein ins Feuer: Blueberry sitzt einmal mehr einen Arrest im Gefängnis von Fort Navajo ab. Doch gleich zu Beginn von Das eiserne Pferd schickt General Dodge, ein alter Bekannter des widerspenstigen Leutnants, nach dem erfahrenen Haudegen, da er aller Scherereien einen Mann von Mikes Qualitäten und Kaliber benötigt, um beim Bau der Eisenbahnstrecke voran zu kommen.

 

Dieses ambitionierte Unternehmen wird derweil nicht nur durch den Konkurrenzkampf der beiden beauftragten Divisionen bedroht, die sich in der Nähe von Utah mit ihren Gleisen treffen sollen, sondern auch durch die Indianer, die sich in ihren Lebensbedingungen eingeschränkt fühlen und durch den Vorstoß des »eisernen Pferdes« beispielsweise um ihre Büffel-Jagdgründe fürchten. Als der durchtriebene Schurke Steelfingers dann auch noch einen Komplott gegen Blueberrys Bemühungen um Frieden zwischen Weißen und Indianern schmiedet, scheint ein folgenschwerer Krieg zwischen dem weißen und dem roten Mann dies- und jenseits der Eisenbahn-Baustelle unausweichlich ...

 

Nachdem alle Protagonisten für den weiteren Verlauf des »Eisenbahn-Zyklus« Position bezogen haben, folgt in Steelfingers die Fortsetzung des erbitterten Kampfes zwischen dem ebenso gerissenen wie gierigen Schurken mit der Metallhand und dem nicht weniger gerissenen Schlitzohr Blueberry, der sich nach wie vor darum bemüht, den Konflikt der Arbeiter und Gesellschafter mit den aufgebrachten Indianern zu entschärfen, um auf beiden Seiten möglichst viele Leben zu retten. Doch mit Steelfingers und seiner Bande hat der gute Blueberry einen unerbittlichen Gegner gefunden, dem moralische Skrupel völlig fremd sind; einen Gegner, der auch nicht davor zurückschreckt, sich heuchlerisch mit den Indianern zu verbünden, um einen Anschlag auf eine Brücke zu planen – und um damit einen Zug voll tapferer Männer ins Unglück zu stürzen, nur um sich an den Arbeiterlöhnen bereichern und nebenbei auch noch an Blueberry rächen zu können ...

 

Faustkämpfe, Schießduelle, Hausbrände, Brückenexplosionen, wilde Verfolgungsjagden mit Kutschen, Büffeln, Broncos und Indianern sowie Hinterhalte in engen Canyons und pulverschwere Kämpfe – die Action kam bisher nicht zu kurz, und auch im großen Finale der Trilogie um das eiserne Pferd, Die Spur der Sioux, kommen Freunde deftiger Western-Action voll auf ihre Kosten. Furios bringt Jean-Michel Charlier den spannenden Zyklus um den bedeutungsvollen Bau der ersten kontinentalen Eisenbahnstrecke Amerikas und den Konflikt zwischen Weißen und Indianern zu einem Ende, ehe er mit General Gelbhaar, einem Solo-Abenteuer in verschneiten Gefilden des Westens, Blueberry abermals auf der vermeintlich richtigen Seite der Blauröcke gegen die Indianer kämpfen und sich wieder einmal mit einem ihm vorgesetzten Offizier anlegen lässt ...

 

Vom Setting her präsentiert Charlier mit Das eiserne Pferd und die Sioux auf den ersten Blick wieder einmal nur wenig Neues – gewissermaßen orientiert er sich mit seiner Version des populär-trivialen Konflikts zwischen Weißen und Indianern (wegen des Baus der Eisenbahn) sogar an dem klassischen Motiv Dutzender Bücher und Filme. Dennoch vermochte Charlier es wie kaum ein anderer Texter oder Skripter, den klassischen, manchmal sogar angestaubten Attributen und Mechanismen des Western-Genres Leben einzuhauchen, da seine Geschichte vor Atmosphäre und Dichte schier überbrodelt und Seite für Seite nur so strotzt vor Ankern, die uns in die raue Wirklichkeit des Wilden Westens zu ziehen scheinen. Und nachdem er im ersten der drei Alben des Zyklus seine Figuren wieder einmal äußerst geschickt an allen Ecken und Enden der Geschichte positioniert hat und eine erste Eskalation anstrebt, führt er die klassische Story konsequent zu einem – trotz aller Routine und bekannten Archetypen – nicht weniger spannenden Ende.

 

Die letzte Story im Band ist dann ein nettes Zubrot, das Blueberry trotz all dessen Schläue und Gefluche wieder einmal als ziemlich ethnischen und moralischen Helden darstellt, der sich nicht vom Rassismus blenden lässt. Außerdem überzeug die vierte, von den ersten drei Teilen des Bandes etwas losgelöste Geschichte vor allem dadurch zu gefallen, dass man die roten Canyons und die Prärie- und Wüstenlandschaften endlich einmal verlässt, sodass Moebius sich an einer verschneiten Winterlandschaft austoben konnte.

 

Womit wir beim nächsten nicht ganz unbedeutenden Thema wären. Doch ist es eigentlich überhaupt noch einer Erwähnung wert? Moebius’ Artwork genießt ja nicht umsonst Kultstatus und gilt als echte Perle der neunten Kunst. Sein Stil, der zwischen »westerngetreuem« Realismus und einem etwas übertriebenen Frankobelgischen Look hin und her schwankt, passt wie die Faust aufs Banditenauge, um die Abenteuer von Blueberry in atmosphärischen Bildern, actionreichen Panels und herrlichen Wild-West-Panoramen einzufangen. Perspektiven, Dynamik, Action, Landschaftsbilder, Menschen, Tiere, Sachlichkeiten – es gibt nichts, was Moebius nicht kann oder was ihm nicht gelingt.

 

Erzählerische und zeichnerische Höchstleistungen der beiden Kreativen ergeben somit ein gestochen scharfes Wanted!-Bild des Wilden Westens, das in erster Linie durch erzählerische Dichte, atmosphärische Tiefe und eine authentische Optik besticht.

 

Dieses Mal habe ich an der Einleitung des Bandes rein gar nichts zu bemängeln. Wunderbar informativ, gelingt dem Text das Spagat zwischen lebhaft geschilderter historischer Fakten und der dezenten Einbettung in den Blueberry-Kontext. Zudem ist das Ganze diesmal vom Satz her auch endlich einmal gut gelöst und typographisch halbwegs sauber gemacht – so darf das alles gerne bleiben!

 

Und auch darüber hinaus macht der vierte Band der Werkausgabe um Mike S. Blueberry aufmachungstechnisch wieder einen richtig guten Eindruck – was nicht zuletzt daran liegt, dass er mit seinen mächtigen 206 Seiten fast 40 Seiten dicker ist als die letzten beiden Bände (was mit dem nachfolgenden, etwas dünneren Band wohl wieder ausgeglichen wird, doch bleiben so die Zyklen wenigstens weitmöglichst zusammen – der Leser profitiert am Ende jedenfalls). Die gewohnt gute und äußerst stabile Verarbeitung, das üppige, ausladende Format, das Moebius’ Zeichnungen vollauf gerecht wird, das gute Papier und diesmal, wie oben schon erwähnt, eben auch das schön gestaltete Vorwort hinterlassen einen äußerst positiven Eindruck und bringen dem vierten Band der Blueberry Chroniken die volle Punktzahl in Sachen Aufmachung, Verarbeitung und Gestaltung.

 

Fazit: Nach wie vor sind die Blueberry Chroniken ein ehrgeiziges, erhaltenswertes Projekt des Ehapa Verlages, dessen einzelne Bestandteile eine jede Comicsammlung und den Erfahrungsschatz eines jeden Comiclesers nachhaltig bereichern. Der vorliegende »Eisenbahn-Zyklus« sowie das Solo-Abenteuer in der verschneiten Wildnis, bei denen es wirklich Schlag auf Schlag zur Sache und immer heiß her geht, bilden hierbei keine Ausnahme und sind ein eindrucksvolles Zeugnis der kreativen Schaffenskunst von Charlier und Giraud.

 

Nicht nur ein frühes Highlight der Werkausgabe, sondern auch für Einsteiger dank Umfang und Inhalt bestens geeignet, um den ersten Schritt in die Welt von Blueberry zu wagen.

 

Ein zeitloser Klassiker und ein üppiges Sahnestückchen feinster Westernunterhaltung – und damit eine uneingeschränkte Empfehlung.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Leutnant Blueberry: Das eiserne Pferd und die Sioux

Reihe: Die Blueberry Chroniken Bd. 4

Autor: Jean-Michel Charlier

Zeichner: Jean »Moebius« Giraud

Verlag: Ehapa Comic Collection

Januar 2006

Format: Hardcover-Album

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3770430514

Anzahl Seiten: 206

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 30.01.2007, zuletzt aktualisiert: 18.02.2021 18:53