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Leutnant Blueberry: Der verlorene Reiter

Die Blueberry Chroniken Bd. 3

Rezension von Christian Endres

 

Zum nunmehr dritten Mal schickt Ehapa mit Mike S. Blueberry den wohl populärsten Cowboy in der Geschichte des Westerncomics ins Rennen – und zwar im zweiten Band der Leutnant-Unterreihe seiner eigenen Werkausgabe, der uns in diesem Fall den zweiteiligen Abschluss des ersten Reihen-internen Zyklus um die legendären Apachen-Kriege präsentiert und nebenbei noch mit einem knackigen Solo-Abenteuer aufwartet, in dessen Verlauf Blueberry sich als Sheriff eines Örtchens voller korrupter Klapperschlangen und feiger Angsthasen verdingt und nicht nur mit dem Schießeisen umzugehen versteht ...

 

Das Halbblut ist nicht nur der vierte und damit vorletzte Teil der Geschichte um die Geschehnisse im Apachen-Krieg, er bietet dem Leser auch ein Wiedersehen mit Crowe – jenem Halbblut also, das schon zu Beginn dieser Storyline um den Konflikt zwischen den Weißen und den Indianern den ein oder anderen denkwürdigen Auftritt hatte und auch im vorletzten Kapitel noch einiges zu sagen und zu tun hat, während er Seite an Seite mit Blueberry und dessen neuen Gefährten Jim Mac Clure reitet und ebenfalls alles daran setzt, den sinnlosen Kampf, das sinnlose, brutale Abschlachten auf beiden Seiten zu beenden.

 

Mit dem fünften Kapitel, Die Spur der Navajos, kommt das erste große Abenteuer der Serie zu seinem Ende. Leider verzettelt sich Giraud ein bisschen, in dem er das Finale für meinen Geschmack ein wenig zu breit anlegt und mit den Südstaatlern und den Mexikanern neue Parteien aus der Taufe hebt, die nicht zwingend hätten auftauchen müssen. Auch dass die Konfliktlösung mit den Apachen am Ende ein wenig zu kurz kommt und etwas zu glatt läuft (und das eigentliche Finale zuvor schon in der Mine der Mexikaner stattfindet), ist ein klein wenig seltsam, lag der Fokus selbst im ersten Drittel des Bandes doch noch klar auf der Angelegenheit mit den Indianern. Andererseits deutet Charlier schon hier die Möglichkeiten an, die er im Folgenden immer wieder anzapfen und ausschöpfen sollte – und bestimmte mit der letzten Episode seines ersten Zyklus gewissermaßen den Weg für neue Abenteuer vorher. Alles in allem also ein guter Abschluss, wenngleich ein wenig schwächer und wirrer als die vorangegangen Teile der Handlung.

 

Nach dem fünfteiligen Zyklus, der sich über zwei Bände der Werkausgabe erstreckt und zum Ende hin ein klein wenig geschwächelt hat, bietet Der Sheriff eine kleine, aber wohlfeine, in sich abgeschlossene Geschichte zum Ende des dritten Bandes der Blueberry Chroniken, die nicht weniger unterhaltsam ist als der üppige Mehrteiler, der ihr voran gegangen ist. Blueberry verschlägt es dank der Geschwätzigkeit seines mehr oder weniger trinkfesten Freundes Mac Clure nach Silver Creek, wo Mike sich als Gesetzeshüter einer kriminellen Bande entgegen stellen muss – allein mit Mac Clure und einem jungen Revolverhelden sowie der mutigen Lehrerin des Örtchens als Unterstützung ...

 

Nicht weniger kongenial als Goscinny und Uderzo steuern Charlier und Giraud Blueberry durch die letzten beiden Kapitel der fünfteiligen Story, die mitten im Apachen-Krieg spielt, und geleiten ihn zum Abschluss in sein erstes, knackiges Einzelabenteuer, ein unterhaltsamer Zwischenstop auf Blueberrys Weg weiter in den Westen, der mit einer sehr guten Mischung aus Action, Humor und sogar ein bisschen Wild-West-Romantik zu überzeugen weiß, ehe Blueberry am Ende zu seinem Fort und seiner Einheit zurückkehrt. Jean »Moebius« Giraud überzeugt dabei wieder durch große Handwerkskunst: Seitenaufteilung, Perspektiven, Details – man kann sich an diesem Artwork eigentlich nie, nicht einmal nach 160 Seiten, satt sehen und wünscht sich, dass es ewig so weiter ginge. Nicht umsonst ist Giraud/Moebius einer der ganz großen im Business – und seine Arbeit an Blueberry mit das Beste, was das Genre, aber auch das Medium jeweils hervorgebracht haben. Eine Perle des Frankobelgischen Abenteuercomics, der durch eine herausragende Optik auch diejenigen unter den Lesern besticht, die sonst vielleicht eher skeptisch auf die Wild-West-Thematik blicken.

 

Ich glaube, dass Band drei genau richtig ist, um sich einmal die Zeit und die Muße zu nehmen, um etwas genauer über die Aufmachung zu sprechen und die Arbeit aller Beteiligten an diesem Projekt nicht mit einem lapidaren »stabiles Hardcover, tolles Papier, saubere Verarbeitung, gute Bindung« lobzupreisen – und damit irgendwo aber eben auch abzuspeisen. Dabei begeistert, ja euphorisiert mich die Aufmachung der Bände der Blueberry Chroniken jedes Mal von Neuem: Ein schlichter, aber irgendwo ungemein passender Look ziert den Umschlag, immer mit einem hübschen, nett kolorierten Titelbild – in diesem Fall sieht es sogar so aus, als sei es geradewegs einer Marlboro-Werbung entsprungen, gefällt mir von den bisherigen drei Covermotiven aber am besten (wenngleich ich auch gerne das Cover zu Der Sheriff auf dem Hardcover vorne drauf gesehen hätte ...) – und kleinen Gefälligkeiten wie etwa der abgesofteten Blueberry-Büste im Hintergrund, der einprägsamen und stimmungsvollen roten Western-Typo oder dem einheitlichen Backcover, wo Blueberry lässig an einem Pfahl lehnt und wir ein bisschen schön im Flattersatz gesetzten Text über die Figur und ihre Historie zu lesen bekommen. Die inneren Umschlagseiten des Hardcovers und die beiden Vorsatzseiten indes haben ebenfalls ein schönes, einfarbiges Doppelseitenbild abbekommen, das bisher einmal, von der Jugend zu den Leutnant-Bänden, gewechselt hat. Danach flacht die Gestaltung leider ein bisschen ab und hält nicht ganz das, was das Äußere versprochen hat. Wie so oft bei einer Ehapa-Werkausgabe (egal ob Lucky Luke oder Asterix) mangelt es dem Satz der redaktionellen Seiten an Sorgfalt, sodass manche Zeilen – insbesondere wenn ein Formsatz ins Spiel kommt – leider geradezu lieblos aussehen und die Buchstaben und Wörter ab und an maschinell arg gequält werden. Auch die Bilder und Photos – an sich eine tolle Sache mit den historischen Motiven oder Karten – wirken oftmals eher willkürlich auf die Seite geklatscht und weniger sinnvoll angeordnet und gelayoutet. Hier hätte sich vielleicht ein etwas schöneres Gestaltungsraster angeboten. Allerdings weiß ich natürlich auch nicht, inwiefern sich das wiederum mit der europäischen Co-Produktion gebissen hätte, von daher ...

 

Alles in allem kann man aber guten Gewissens behaupten, dass die Bände der Blueberry-Werkausgabe einen optisch äußerst guten und verarbeitungstechnischen sogar sehr guten, ja nahezu bestechenden Eindruck machen. Das einzige, was der äußeren Aufmachung und Präsentation neben einer etwas besseren Typographie und Gestaltung im redaktionellen Teil also fehlt, ist letztlich nur ein gemeinsames, stetig anwachsendes Buchrückenmotiv aller Bände – ansonsten bleiben da wenig bis gar keine bibliophilen Wünsche offen, und mit ein paar Abstrichen sind auch die Vorworte inhaltlich recht interessant und eine nette, historisch-informative und für den Interessierten lukrative Zugabe, Gestaltung oder ab und an etwas umständliche Abschweifungen auf die Biographien einzelner Personen der Zeit des Wilden Westens hin oder her.

 

Auch die Qualität der einzelnen Seiten im Innenteil, um das abschließend noch einmal zu erwähnen, ist für das Alter der Vorlagen und des Materials sehr gut. Ab und an (z. B. in Szenen, die bei Nacht spielen, oder wenn viel roter Sand und rote Erde oder Felsen vorkommen) ist zwar ein Panel oder selten auch mal eine viertel oder halbe Seite dabei, die ein bisschen zu viel Farbe abbekommen haben oder nicht 100%ig scharf und deutlich ist – aber unterm Strich, in der Summe und unter Berücksichtigung der geballten Masse an bisher in den Chroniken abgedruckten Seiten, ist das hier eine richtig gute, vielleicht sogar die ultimative Präsentation der zur Verfügung stehenden Blueberry-Comicseiten, die ja auch schon an die vierzig Jahre auf dem Buckel haben.

 

Und dass man an 160 Seiten eines extrem textlastigen Comics im großzügigen Alben-Großformat (22 x 29 cm) einiges zu lesen hat, brauche ich hier hoffentlich nicht eigens zu erwähnen – Preisdiskussionen sind an dieser Stelle ausnahmsweise wirklich bedeutungslos und dem Verlag gegenüber unfair, denn das Produkt und die Leistung stimmen definitiv. Mit diesem Comic kann man sich einen ganzen Samstag um die Ohren schlagen, wenn man denn Lust und Laune hat, und richtig darin aufgehen und ihn regelrecht inhalieren.

 

Fazit: Die ersten beiden Original-Einzelbände, die in »Der verlorene Reiter« enthalten sind, schließen den Zyklus um Fort Navajo, der im zweiten Band der Werkausgabe seinen Anfang genommen hat, bis auf einige Abstriche zum Ende hin eigentlich relativ schön ab, während wir mit Der Sheriff das erste echte Einzelabenteuer Blueberrys erleben dürfen, das sich zwar in keinen Geschichtenkomplex eingliedert, aber dennoch durch seine klassische Western-Anmutung zu überzeugen weiß. Alle drei Geschichten faszinieren einmal mehr aufgrund eben dieser grundsoliden, in mehrerlei Hinsicht sehr klassischen Erzählweise und Elemente sowie ihres großartigen Artwork und werden unter all denen, die schon mit den ersten beiden schön aufgemachten Hardcover-Bänden der Reihe ihre Freude hatten, wieder für Begeisterung und Freude sorgen.

 

Wer auf Western-Comics steht und den großen Klassiker des Genres lesen möchte, der kann hier nach wie vor nichts falsch machen und darf weiterhin beherzt zugreifen – und darf nun gemeinsam mit allen anderen Kuhtreibern und Greenhorns erst einmal wieder auf den nächsten Band im Frühjahr des nächsten Jahres warten.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Leutnant Blueberry: Der verlorene Reiter

Reihe: Die Blueberry Chroniken Bd. 3

Autor: Jean-Michel Charlier

Zeichner: Jean »Moebius« Giraud

Verlag: Ehapa Comic Collection

Format: Hardcover-Album

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3770430506

Anzahl Seiten: 160

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 19.11.2006, zuletzt aktualisiert: 18.02.2021 18:53