Lumen (Autor: Christoph Marzi)
 
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Lumen von Christoph Marzi

Rezension von Valentino Dunkenberger

 

Christoph Marzis Roman „Lycidas“, der Auftaktband zur Trilogie um Emily Laing, war ohne Zweifel eine der großen Überraschungen des Fantasy-Jahres 2004 und wurde mit dem Deutschen Phantastik Preis als bestes Debüt ausgezeichnet. Nun, im Oktober 2006, schickt Christoph Marzi seine Protagonisten auf ihre dritte und letzte Reise hinab in die uralte Metropole, der Stadt tief unterhalb der Straßen Londons.

 

Wieder einmal ist der Winter über die Weltmetropole London hereingebrochen, Weihnachten steht vor der Tür. Emily Laing jedoch hat andere Sorgen, denn erneut geschehen seltsame Dinge in London. Was zum Beispiel haben die unheimlichen und mysteriösen Nebel zu bedeuten, die neuerdings durch die Straßen und Gassen Londons kriechen und in denen immer wieder Personen verschwinden und nicht wieder auftauchen? Als Emily gemeinsam mit ihrem Mentor, dem Alchemisten Mortimer Wittgenstein, ihrer Freundin Aurora und dem undurchschaubaren Bibliothekar Tristan Marlowe, der nach dem Tod Maurice Micklewhites dessen Posten übernommen hat, schließlich herausfindet, wo der drückende Nebel seinen Ursprung hat, wer ihm befiehlt und dass er von bösem Charakter ist, drängt die Zeit – denn der Nyx, den der Lichtlord sechs Jahre zuvor besiegt hatte, scheint zu neuem Leben erwacht zu sein und die beiden mächtigsten Häuser Londons, das Haus Manderley, dessen Namen sich Emily noch immer anzunehmen weigert, und das Haus Mushroom, nun gegeneinander ausspielen zu wollen, um sich von deren Hass aufeinander nähren zu können.

Doch indem sie versuchen, die Pläne des Nyx zu vereiteln und das Haus Manderley Manor in die Geschehnisse einweihen, spielen sie dem bösen Geschöpf unter den Straßen Londons direkt in die Hände. Nachdem sie unwissentlich ihren Teil zum Gelingen des grausamen Planes beigetragen haben, setzen die Häscher des Nyx Emily und Wittgenstein fest und sperren sie in einen Kerker in den Gewölben der uralten Metropole. Befreit werden sie dort schließlich von Mylady Lilith, die noch zwei Jahre zuvor im Sand der Wüste begraben lag und die die einstige Geliebte Lord Lycidas’ war. Lilith, die gleichzeitig auch Eliza ist, führt die beiden nach Pandaemonium, wo sie auch Aurora und Tristan Marlowe wiedertreffen, die ihrerseits inzwischen von den Engeln am Piccadilly Circus von den neuesten Ereignissen in Kenntnis gesetzt wurden. Um den Nyx und die bösartigen Nebel doch noch aufhalten zu können, begeben sich Emily und ihr Mentor schließlich nach Prag, einer Stadt, die keine uralte Metropole unter ihren Straßen besitzt. Und zwar aus dem Grund, weil sie selbst eine ist ...

 

„Das mit der Zeit ist so eine Sache ...“ – So oder zumindest so ähnlich würde wohl Mortimer Wittgenstein die Tatsache erklären, dass Emily Laing bereits um sechs Jahre gealtert ist, obwohl sie vor gerade einmal zwei Jahren das erste Mal im Schneegestöber der Literatur aufgetaucht ist. Denn wieder liegt zwischen Emilys letzten Abenteuern in „Lilith“ und der neuen Bedrohung in „Lumen“ eine lange Zeitspanne, sodass die Protagonisten von Christoph Marzis Roman im abschließenden dritten Buch der Trilogie nun bereits achtzehn Jahre alt ist. Bewunderswert ist dabei die Tatsache, dass Emily nicht einfach nur in Zahlen älter geworden ist, sondern dass sich ihr gesamtes Verhalten, ihr Charakter und ihre Wesenszüge verändert haben, während die Jahre für das Mädchen verstrichen sind. Gleichzeitig jedoch ist Emily Laing noch immer dieselbe Person, die sie zu Beginn des ersten Romans der Trilogie war – nur reifer, älter, erwachsener. Eine solche Entwicklung ist bei jedem der Figuren Marzis zu erkennen – bei den jugendlichen verständlicherweise stärker als bei den älteren –, was die jahrelangen Zeitabstände zwischen den Geschichten umso authentischer und glaubwürdiger erscheinen lässt.

 

„Die Welt ist gierig, und manchmal umschließen Nebel unsere Herzen, bis wir uns nicht einmal mehr daran erinnern können, wann unsere Träume zu sterben begannen.“ Gleich mit dem ersten Satz versteht es Christoph Marzi, seinen Leser zurück in Emily Laings Welt zu holen, von der ersten Silbe an erwacht die bezaubernde Atmosphäre aus „Lycidas“ und „Lilith“ zu neuem Leben – und das alles nur wegen eines einzigen Satzes, der sich wie eine Art Leitmotiv in variierter Form durch die gesamte Trilogie zieht.

Erneut wird die Geschichte aus Sicht des Alchemisten Mortimer Wittgenstein, der als teilweise mürrischer und geheimnisvoller Charakter bereits „Lycidas“ und „Lilith“ mit seinem Erzählstil bestimmt hat. Sicherlich ist die Art, wie Marzi seinen Protagonisten erzählen lässt, gewöhnungsbedürftig und wohl nicht jeder wird sich mit ihr anfreunden können, zeichnet er sich doch durch knappe, oft unvollständige oder abgehackte Sätze aus. Doch macht gerade diese neue und vielleicht gewagte Art, eine Geschichte zu erzählen, einiges vom Charme und der Atmosphäre der Romane aus. Vermutlich kann man sich so am besten erklären, warum die Meinungen über Christoph Marzis Emily-Laing-Trilogie mitunter stark auseinandergehen. So gibt es Leser, die mit den Romanen inhaltlich und vor allem stilistisch überhaupt nichts anzufangen wissen, während andere sie über Maßen loben. Doch auch letztere sind sich nicht alle einig: Während die einen davon überzeugt sind, dass „Lilith“ den ersten Band der Trilogie noch um einiges übertroffen hat, bekunden andere, dass sie von der Fortsetzung zu „Lycidas“ doch ein wenig enttäuscht waren. Ich selbst gehöre zu den ersteren Lesern und hatte oftmals mit den Längen und dem Übermaß an Ideen in „Lycidas“ zu kämpfen, um daraufhin von dem spannenden Fluss von „Lilith“ regelrecht angetan und begeistert gewesen zu sein. So ist „Lumen“ für mich nun wieder ein kleiner Schritt zurück – mit knapp 800 Seiten ist der Roman beinahe schon wieder so monumental wie es „Lycidas“ war und geht auch erzählerisch wieder in diese Richtung. Welcher dieser beiden Gruppen der geneigte Leser aber nun auch angehört – „Lumen“ liegt als gelungener Abschlussband in punkto Spannung, Tempo und Einfallsreichtum in jedem Fall irgendwo zwischen seinen beiden Vorgängerbänden.

 

Blau und violett waren die Grundfarben der ersten beiden Emily-Laing-Romane, und so wirkt die weinrote Grundierung von „Lumen“ zunächst ein wenig befremdlich. Schnell jedoch gewöhnt sich das Auge des Lesers an diese Färbung und erkennt, dass sich so ein wunderschön abgestuftes Farbschema im Bücherregal ergibt. Auch sonst ist die Gestaltung von „Lumen“ erneut rundum gelungen. Angefangen bei der wundervollen Coverillustration aus der zeichnerisch sehr begabten Hand von Dirk Schulz, die als gemeinsames Erkennungsmerkmal mit den beiden Vorgängerromanen von einem großen, runden Vollmond dominiert wird, über die kleinen Vignetten zu Beginn jedes Kapitels bis hin zur fantastischen Karte auf der Innenseite der Klappbroschur, die dieses Mal von Andreas Hancock angefertigt wurde und die Straßen und Gebäude Prags zeigt.

 

Fazit:

Mit „Lumen“ liegt ein rundum gelungener und wunderschön aufgemachter Abschluss der Trilogie um das Mädchen Emily Laing und ihre Freunde und Gefährten vor, der leider stellenweise etwas langatmig erscheint, dessen Unterhaltungswert, Spannung, Tempo und Einfallsreichtum sich jedoch zwischen jenen der beiden Vorgängerbände „Lycidas“ und „Lilith“ bewegt.

 

Hinweis:

Nachdem Christoph Marzi sein erstes umfangreiches Romanprojekt erfolgreich beendet hat, kann man gespannt sein, was uns nun von dem deutschen Autor erwartet. Als nächstes darf man sich auf „Malfuria“ freuen, das Mitte Januar im Arena-Verlag erscheinen soll und ebenfalls der Auftakt zu einer Trilogie ist – mehr ist jedoch noch nicht bekannt.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240528062638395125fb
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Buch:

Lumen

Autor: Christoph Marzi

Broschiert: 798 Seiten

Verlag: Heyne; Auflage: 1 (November 2006)

ISBN: 3453810813

Erhältlich bei Amazon


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Erstellt: 21.11.2006, zuletzt aktualisiert: 21.05.2024 18:41, 3085