Marie (Das Nest Bd. 1)
 
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Marie

Reihe: Das Nest Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

Maries Mann Felix, der Krämer des kleinen kanadischen Örtchens Notre-Dame am See, stirbt. Fortan steht Marie alleine da - mit dem Laden und vor allem auch den Wünschen und Bedürfnissen eines ganzen Ortes, für den der Krämerladen Dreh- und Angelpunkt der Gemeinschaft und der Alltäglichkeiten ist, da ein jeder auf die kleinen und großen materiellen Dinge angewiesen ist, die nur Marie aus der Stadt besorgen kann, in die sie einmal die Woche mit dem stotternden Laster ihres verstorbenen Mannes fährt.

 

Doch Notre-Dame hat nicht nur die liebenswerte Witwe und ihre Sorgen und Nöte zu bieten: Neben der Lektion, dass das Leben irgendwie weiter geht und nicht sonderlich viel Rücksicht nimmt, holt sich so zum Beispiel auch der neue Pfarrer des Örtchens die Sympathie-Plakette, wenn er etwa mit dem mürrischen alten brummigen Sägewerker eine kleine Arche baut und sich in einer freundschaftlichen Prügelei auch schon mal ein blaues Auge holt. Doch da sind noch viel mehr prächtige Charaktere, die in großen und kleinen Szenen für eine ganz eigene Stimmung in und um Notre-Dame am See sorgen. Männer und Frauen, Großmütter und Babys, Liebende und Streitende - jeder hat sein Laster, jeder sein Päckchen zu tragen, jeder eine Stimme, mit der er lachen und streiten und weinen und fluchen kann.

 

Es ist wunderschön, was Loisel und Tripp mit diesem ersten Album rund um das kleine Dörfchen Notre-Dame im französischen Teil von Kanada um das Jahr 1920 abliefern. Natürlich ist das keine epische Geschichte - aber es ist eine ungemein atmosphärische Comic-Erzählung, die sich in einem wohldurchdachten, ganz eigenen und äußerst charmanten Kosmos bewegt, dessen liebevolle Visualisierung seinen Leser den Indian Summer und die grünen Wiesen der kanadischen Provinz förmlich riechen lässt. Man hört das Lachen, das Fluchen, das Getuschel und Getratsche, aber man »hört« auch die Stille in den Szenen, die keiner Worte bedürfen, um ihre Botschaft zu transportieren.

 

Notre-Dame am See lebt, atmet und pulsiert, so weit man letzteres von einem so kleinen Fleckchen Erde überhaupt sagen kann. Doch diese überschaubare Kompaktheit von Hintergrund und Figuren, in der dennoch eine ungeahnte Vielseitigkeit und überhaupt viel Interessantes wohnt, hat auch einen erheblichen Vorteil: Schon nach ein paar Seiten ist man Teil der schrulligen Dorfgemeinschaft und fühlt sich wohl und heimisch an diesem Ort, von dem aus die Männer noch jeden Frühling ausziehen, um flussabwärts in den nächsten sechs Monaten ihre Fallen zu stellen, und wo der Krämerladen von Marie und ihrem zu Beginn des Bandes verstorbenen Gatten Felix der Nabel der Welt zu sein scheint.

 

»Marie« ist nicht nur ein vorzüglicher Auftaktband, sondern auch ein atemberaubend guter Comic voller Herz, Seele und Atmosphäre. Eine der besten Veröffentlichungen des Jahres.

 

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202402272352437bac8c4e
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Comic:

Marie

Reihe: Das Nest Bd. 1

von Loisel & Tripp

Hardcover, 80 Seiten

Carlsen, Februar 2007

ISBN-Code: 3551760519

Erhältlich bei Amazon

 


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Erstellt: 25.09.2007, zuletzt aktualisiert: 31.12.2023 11:30, 4949