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Nürnberg - Die Prozesse (DVD)

Filmkritik von Julia

 

Rezension:

Aus mehreren Gründen einzigartig waren die Nürnberger Prozesse, die nach Kriegsende in Deutschland stattfanden und Hitlers Hintermänner öffentlich anklagten. Ausgehend von den Alliierten gab es diverse Fernsehübertragungen, die Verbrecher bekamen Verteidiger, wurden Tag und Nacht in ihren Zellen überwacht und durften sich vor Gericht verteidigen. Die drei prominentesten Nationalsozialisten waren wohl Albert Speer, Hermann Göring und Rudolph Hess und eben diesen dreien widmet sich die BBC in ihrem Film über die Prozesse, den es nun überall zu kaufen gibt.

 

Der Film ist in drei Teile auf gesplittet und jeder beschäftigt sich mit einem anderen der drei Nationalsozialisten. Der erste Teil behandelt Albert Speer, der Hitlers Architekt und Rüstungsminister war. Speer ist ein sehr merkwürdiger Charakter. Zum einen hat er seine Schuld an dem was geschehen ist sofort eingestanden, gibt aber gleichzeitig zu Protokoll, das er einen Mordanschlag auf den Führer geplant hat und sich zudem von ihm entfernt hat, weil er das was er tat nicht mehr gutheißen konnte.

Damit macht er sich nicht nur die anderen Nationalsozialisten im Gefängnis zum Feind, sondern verwirrt auch die Richter und Zuschauer der Prozesse. Bis heute ist unklar, ob das ein geschickter Schachzug des klugen Mannes war, um der Todesstrafe zu entgehen, oder ob er tatsächlich Reue empfunden hat. Fakt ist jedoch, das er lediglich für zwanzig Jahre inhaftiert wurde und dann wieder auf freien Fuß kam.

Im zweiten Teil wird Hermann Göring, Hitlers zweite Hand thematisiert. Dieser Mann gründete nicht nur die Gestapo und sollte Hitler ersetzen, falls diesem etwas zustoßen sollte, sondern erließ auch die Nürnberger Gesetze.

Er tritt während der Prozesse sehr selbstsicher auf, leugnet jedoch die Gräueltaten an den Juden und zeigt sich entsetzt darüber, dass Nationalsozialisten zu so etwas fähig sein können. Er glaubt auch, dass der Führer nichts davon hat wissen können. Er selbst verteidigt sich damit, dass er alles für Deutschland habe tun wollen und man ihm somit keinen Vorwurf machen könne. Auch entkräftet er die Argumente der Gegner immer wieder geschickt und klug, doch auch das rettet ihn nicht, die Beweislast ist zu groß. Göring wird zum Tode durch den Strang verurteilt, nimmt sich aber vorher mithilfe von Gift das Leben.

Der letzte Teil handelt von Rudolf Hess, wohl einem der merkwürdigsten Männer dieses Prozesses. Sein Geisteszustand bereitete den Veranstaltern von Anfang an Kopfzerbrechen, da er von sich behauptet hat, sein Gedächtnis verloren zu haben, das im Laufe des Prozesses jedoch auf wundersame Weise zurückkehrte. Auch behauptet er, das seine geistige Verstörtheit nur vorgespielt gewesen sei, benimmt sich die ganze Zeit über jedoch sehr seltsam, sodass man nicht umhin kommt zu glauben, das er tatsächlich nicht ganz bei Sinnen war.

Auch er konnte offensichtlich die Gräueltaten in den Konzentrationslagern nicht mit seiner Sicht auf den Nationalsozialismus verbinden und verfällt körperlich wie auch psychisch immer mehr.

Als Witzfigur nicht ernst genommen wird er zu lebenslanger Haft verurteilt und fristete bis zu seinem Tode sein Dasein im Gefängnis, wo er jedoch als Idol weltweiter Nationalsozialisten gefeiert wurde.

 

Man kann BBC nicht vorwerfen, dass sie sich keine Mühe gegeben hätten. Es ist interessant die Zusammenschnitte zu betrachten, die teilweise aus Original-Filmen und Bildern bestehen. So sieht man einen Teil der Geschichte und wird dennoch über drei spektakuläre Verhandlungen aufgeklärt. Wenn man sich bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend mit dieser Zeit, Albert Speer, Hermann Göring und Rudolph Hess befasst hat, macht das nichts, da man in den drei Episoden genügend Hintergrundinformationen über sie und den Verlauf der Prozesse für sie bekommt.

Aufgemacht wurden die drei Episoden gut, die Schauplätze wurden ansprechend konstruiert und auch die Übergänge zwischen Originalausschnitten und dem neuen abgefilmten Material sind fantastisch gelungen.

Es gibt einige kleine Negativpunkte an dieser Produktion, die aber im Grunde wohl nur auffallen, wenn man sich schon einmal damit beschäftigt hat. Beispielsweise wird nicht erläutert, wie es überhaupt zu diesen Prozessen gekommen ist, was hier ein wichtiger Punkt gewesen wäre. Außerdem wird zwar immer wieder hervorgehoben, das diese Prozesse einzigartig waren, jedoch nicht, warum sie einzigartig geblieben sind. Es wird nur angedeutet, indem man von den Prozessgegnern und deren Argumenten erzählt, das sie aber teilweise recht hatten und ein weiterer Prozess nicht in diesem Rahmen möglich gewesen wäre, ohne die Alliierten ebenfalls anzuklagen, wird nirgendwo erwähnt. Welche Effekte diese Prozesse hatten, werden ebenfalls nicht einmal angerissen, stattdessen hört man wilde Theorien darüber, warum es wohl den ausschreitenden Judenhass in Deutschland gegeben hat, wie der Glauben an eine Verschwörung aller Juden. Das nimmt der Episode dann ein wenig die Glaubwürdigkeit und wirkt eher wie eine Guido Knopp Verfilmung.

Auch das gerade die meisten Deutschen in dieser Zeit besseres zu tun hatten, als atemlos den Prozessen zu folgen oder aus den Nationalsozialisten Helden zu machen, wird nicht erwähnt, im Gegenzug jedoch die Fan-Briefe, die die drei behandelten Nationalsozialisten bekommen haben. Die Darstellung geht also auffällig von einer ganz bestimmten Seite aus, was ich persönlich schade finde.

Die biographische Darstellung ist dabei sehr gut gelungen und überzeugt von Anfang bis Ende, soweit man sich damit zufrieden gibt. Auch Interviews mit involvierten Menschen, die beispielsweise bei den Prozessen gedolmetscht haben oder als Wärter und dergleichen tätig waren, werden eingespielt. Expertenmeinungen kommen dabei jedoch auch nur aus dem Ausland. Bei diesen wird jedoch immer der Name und auch der Beruf beziehungsweise ehemalige Beruf eingeblendet.

Sehr gut ist die Grundstimmung des Films, der deutlich macht, das hinter diesen drei großen Namen oftmals recht normale Menschen gesteckt haben, was am erschreckendsten ist, da man ihnen solche Verbrechen nicht zugetraut hätte.

Die schauspielerische Leistung muss auf jeden Fall hervorgehoben werden. Vor allem Speer und Göring wirken manchmal sehr sympathisch und man wünscht sich fast, dass sie Reue zeigen oder verstehen würden, was sie verbrochen haben. Das alles lässt sich auf die Schauspieler zurückführen, die auf ganzer Linie überzeugen können.

 

Fazit:

Alles in allem liegt hier eine sehr sehenswerte Mischung aus Spielfilm und Dokumentation vor, die ein etwas einseitiges und beschränktes Bild auf die Nürnberger Prozesse wiedergibt, aber durchaus schon allein durch die sehr gute Produktion sehenswert ist.

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230205182956f30588f3
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DVD:

Nürnberg - Die Prozesse

UK, 2006

Regisseure: Paul Bradshaw und Nigel Paterson

Format: Dolby, PAL

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0), Englisch (Dolby Digital 2.0)

Region: Region 2

Bildseitenformat: 4:3

FSK: 12

Polyband & Toppic Video, 29. Mai 2009

Spieldauer: 180 Minuten

 

Inhalt

Folge 1: Albert Speer – Karriere ohne Gewissen

Folge 2: Hermann Göring – Nazi ohne Reue

Folge 3: Rudolf Heß – Nazi der ersten Stunde

 

ASIN: B001YUSOH6

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Darsteller:

Ben Cross

Nathaniel Parker

Robert Pugh


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Erstellt: 19.07.2009, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01