Pietrolino
 
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Pietrolino

Rezension von Christian Endres

 

Marcel »Monsieur Bip« Marceau (1923-2007) wird immer als einer der größten Pantomimen der Welt gelten. Deshalb haben ihm der chilenische Filmemacher und Autoren-Allrounder Alejandro Jodorowsky (Jon Difol, Bouncer, Juan Solo) und der frankobelgische Zeichner Olivier Boiscommun (hierzulande zuletzt an Ehapas »Engel«-All-in-One-Ausgabe zu sehen) auch ihren Comic-Zweiteiler »Pietrolino« gewidmet.

 

Wie Marceau ist der von ihm und seinem Leben im Schatten diverser Widrigkeiten und Kämpfe inspirierte Pietrolino im Comic ein meisterhafter Mimendarsteller – allerdings in einer Zeit, da Kunst und Unterhaltung bestenfalls zweitrangig für die Menschen sind. Doch selbst als der Schatten des Nationalsozialismus auf Frankreich liegt und das Land erdrückt, gibt Pietrolino die Hoffnung und den Kampf nicht auf. Eine Haltung, die er an die Menschen weiter geben möchte. Sein Nationalstolz, den er als Abschlussnummer in seine kleinen Darbietungen in Cafés und Bistros einfließen lässt, bringt ihm jedoch den Zorn der Nazis, die ihm die Hände brechen und den Mimen ins Arbeitslager stecken.

 

Aber auch davon erholt sich Pietrolino nach der Befreiung Frankreichs irgendwie – wenn er auch nie wieder ganz der Alte sein soll (und sei es nur wegen der verkrüppelten Hände). Verlust, Comeback und Wandlung, Liebe und Resignation, abermaliger Verlust, neu entfachtes Feuer – das Auf und Ab prägt Pietrolinos Künstler-Leben bis zum Schluss, als der weltberühmte boxende Clown erneut die Liebe verliert und dafür etwas anderes zurück gewinnt...

 

Der beflügelte Schluss der Geschichte ist dann auch fast ein bisschen zu poetisch, wenn auch wieder an Marceau angelehnt und in tollen Bildern umgesetzt. Ansonsten gefällt Jodorowskys melancholische Artisten-Geschichte über einen unnachgiebigen Mimen und Menschen außerordentlich gut. Die Kunst des Gebärdenspiels besteht ja eigentlich darin, ein Publikum ohne Worte zu erreichen. Insofern ist Jodorowsky natürlich kein Pantomime. Zwar spricht der Comic nicht – an Worten, die den Leser erreichen, mangelt es Jodorowskys schön erzählter Comic-Geschichte jedoch bei Weitem nicht.

 

Olivier Boiscommuns nicht ganz so klassisches Artwork und die zirkusbunten Farben bieten eine angenehme Abwechslung fürs Auge und werden den verschiedenen Gefühlen und Stationen in Pietrolinos turbulenten, von Schicksalschlägen unterschiedlichster Couleur geprägten Leben stets gerecht. Ausdrucksstark und charakteristisch, ist Boiscommuns Artwork im Zirkus wie im Schmerz und dem Glück Zuhause.

 

Ehapa hat die beiden Originalalben sinnigerweise noch in einem schönen Doppelband und unter dem All in One-Label im Hardcover zusammengefasst - fertig ist, gewissermaßen, der Comic-Roman.

 

Eine ausgesprochen guter obendrein.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20240228012411598116fd
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Comic:

Pietrolino

Reihe: all in one

Autor: Alejandro Jodorowsky

Zeichner: Olivier Boiscommun

Ehapa, Mai 2009

Hardcover, 96 Seiten

ISBN: 3770432495

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 07.06.2009, zuletzt aktualisiert: 31.12.2023 11:30, 8848