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Raumpirat

Autor: Takina

 

Unglücklich starrte der Roboter auf das qualmende Loch in seiner Brust. Dann sah er den Mann mit dem Blaster in der Hand an.

"Warum gemacht hast das du ?"

Die komplizierte Elektronik hatte noch nicht bemerkt, daß sie aufgrund der Schäden eigentlich gar nicht mehr funktionieren dürfte. Einzig der Sprachchip zeigte schon die ersten Ausfallerscheinungen.

"Prinzipiell eigentlich nur aus dem Grund, daß du nicht mehr funktionierst."

"Soll funktionieren ich wieso nicht ?"

"Damit du deine Funktion nicht ausführen kannst."

Der Roboter sah den Mann verwirrt an.

"Was Funktion meine ist ?"

Die ersten Ausfälle im Zentralspeicher zeigten sich.

"Du bist ein Wachroboter."

"Wachroboter ein tut was ?"

"Ein Wachroboter paßt auf eine Sache auf, bis diese Sache abgeholt wird. Dann endet seine Funktion."

"Soweit ist wann es ?"

Der Mann sah auf seine Uhr und zählte in Gedanken langsam von drei rückwärts.

"Jetzt."

In diesem Moment endete die Funktion des Roboters.

 

Der Mann ging zur Druckschleuse und öffnete sie.

"Gab's Probleme ?", fragte ein hochgewachsener Mann.

"Nein, nur ein Wachroboter."

"Ist keine Besatzung an Bord ?"

"Nein, keine."

"Die Fracht ist so wertvoll, daß sie nicht mal ihren eigenen Leuten trauen.", kreischte ein kleiner Mann mit einer gigantischen Nase.

"Halt's Maul, Slick !", schnautzte der hochgewachsene.

"Aber wenn ich doch recht habe."

Ein böser Blick des Großen beendete jegliche Aufmüpfigkeit. Dies war schließlich eine geordnete Aktion. Und das wichtigste bei einer geordneten Aktion war, daß alles nach Plan lief. Also war es jetzt an der Zeit, alles zu überprüfen.

"Kyle ?", fragte der Große.

Ein schlanker, blonder Mann trat aus der Druckschleuse.

"Matt ?"

"Frank ?"

"Matt ?"

"Slick ?"

"..."

"Slick !"

"..."

"Verdammt nochmal, Slick. Antworte gefälligst !"

"Ja, ja. Aber entscheide dich mal."

Matt schüttelte verzweifelt den Kopf. Warum nur mußte er sich mit diesen Typen abgeben ?

"Also gut. Lassen wir diesen Blödsinn und machen einfach weiter."

Er übersprang einige Punkte auf seiner List und ging dann noch mal in Gedanken den kompletten Plan durch. Monatelang hatten sie diese Schiffe beobachtet. Jeden zweiten Tag startete eines von ihnen von diesem unbewohnten, völlig von Wald bedeckten Planeten und flog auf direktem Kurs zur Zentralstation der BotU (Bank of the Universe), dockte an, wurde ausgeladen und flog wieder zurück auf den Planeten.

Er war selbst erstaunt, daß das was folgte funktioniert hatte. Sie hatten den Antrieb mit einer Projektilwaffe beschossen und dann Frank in einem AIRC-Kreuzer (Allgemeiner Irdischer Raketen Club) vorbei geschickt. Kaum hatten die Sensoren des großen Schiffes den kleinen Kreuzer erfaßt, riefen sie nach Hilfe und holten Frank ins innere. Nachdem er den Wachroboter ausgeschaltet hatte, war es ein leichtes für sie, mit ihrem Piratenschiff an der Ladeluke anzudocken.

"Machen wir jetzt weiter ?", kreischte Slick mit seiner unerträglichen Stimme.

"Ist ja schon gut. Gehen wir in das Cockpit und übernehmen wir die Kontrolle über das Schiff."

Gemeinsam gingen sie durch die Gänge nach vorne, bis sie die Tür zum Cockpit erreichten. Matt drückte auf die Taste, die sich daneben befand und erwartete, daß die Tür sich öffnete.

"Der Abdruck ihres Fingers ist nicht autorisiert mich zu öffnen.", sagte die Tür.

"Sollten sie noch andere bei sich tragen, dann benutzen sie diese bitte jetzt."

Matt sah die Tür verblüfft an. Fingerabdruckscanner gab es schon seit Jahrhunderten nicht mehr. Hatte die BotU dieses Sicherheitssystem ausgewählt, weil niemand mehr wußte, wie man es austrickste ?

"Soll ich die Tür sprengen ?", fragte Kyle.

"Sie sind nicht befugt mich zu sprengen. Sollten sie noch weitere Ideen haben, bitte ich sie, diese nun vorzutragen."

Nun waren sie alle vier verblüfft.

"Vielleicht sollte ich den Computer überbrücken oder einfach kurzschließen.", schlug Frank vor.

"Sie sind weder befugt mich zu überbrücken, noch mich kurzzuschließen. Sollten sie noch weitere, bemerkenswert dämliche Ideen haben, bitte ich sie, diese für sich zu behalten.", sagte die Tür.

Matt schielte mit einem Grinsen auf die Tür.

"Ich glaube, wir bleiben einfach hier stehen und gehen nicht durch die Tür."

"Bist du bekloppt ?", schrie Slick sofort.

"Sie sind nicht befugt dort stehen zu bleiben. Sollten sie ansonsten nichts weiter zu tun haben, wünsche ich ihnen noch einen schönen Tag.", sagte die Tür und öffnete sich.

"Umgekehrte Psychologie funktioniert doch immer."

"Woher kennst du das denn ?", fragte Frank.

Matt grinste breit.

"Das hat mein Vater immer bei mir angewendet. Er hat immer gesagt ich soll zuhause bleiben und als ich mal wieder weggelaufen bin, ist er mit dem Rest der Familie auf einen anderen Planeten gezogen."

 

Das Cockpit war sehr Spartanisch eingerichtet. Alles was es dort gab, außer den Computerpulten, war ein Steuerknüppel, der sich völlig von allein bewegte. Allem Anschein nach war dieses Schiff nicht dazu konstruiert worden, von einer menschlichen Mannschaft geflogen zu werden. Den Steuerknüppel hatte man wahrscheinlich nur aus nostalgischen Gründen installiert.

"Jetzt bist du dran, Slick", sagte Matt und erinnerte sich wieder daran, warum er diese Nervensäge überhaupt mitgenommen hatte. Weil er der verdammt beste Pilot war, den er kannte. Allerdings war er auch ein Arsch.

Slick steckte eine ID-Karte in den dazugehörigen Schlitz, schloß einen winzigen Laptop daran an und begann zu tippen. Dabei murmelte er immer wieder Dinge wie: "Kompliziertes System, aber kein Problem für mich." oder "Die neueste Version, aber zum Glück kenne ich die schon." oder er stieß eine überraschtes Geräusch aus und sagte dann "Mann, bin ich gut."

Dann begann er heimlich sich in das System zu hacken, damit die anderen nicht merkten, das er die Zeit, die das Betriebssystem zum booten gebraucht hatte, dazu genutzt hatte etwas anzugeben.

"Ich bin drin." sagte er schließlich und riß, um seine Worte zu bestätigen, das Steuer so scharf herum, daß sie alle den Boden unter den Füßen verloren.

"Verdamm, Slick !", brüllte Matt.

"Was soll der scheiß !", brüllte eine Stimme aus dem Lautsprecher.

Völlig überrascht starrte sie alle auf den kleinen, schwarzen Kasten an der Wand.

"Raumschiff Xkc563-pGd*kDr20354.gtZ-Vn/kar-712*fdn&k76-Nda6*PBN #3, melden sie sich."

Frank entdeckte das Mikrofon, drückte die Sprechtaste und sagte: "Hier Raumschiff Xkc...äh...Und so weiter...#3. Wir hatte Probleme mit der Steuerung, aber die sind schon fast wieder behoben."

Etwa fünf Sekunden lang dröhnte ein eindringliches Schweigen aus dem Lautsprecher. Dann ertönte wieder die Stimme.

"Wer sind sie ?"

"Ich bin der Pilot dieses Frachters."

Wieder Schweigen.

"Hier spricht die Polizei. Wie ist ihre ID-Nummer ?"

Frank begann zu schwitzen.

"Äh...64 ?"

Das Polizeischiff eröffnete das Feuer.

 

Immer wieder riß Slick das Steuer herum, um der Zielerfassung des wendigen Kampfkreuzers zu entgehen. Obwohl sich der Frachter ungefähr so gut lenken ließ wie die Golden Gate Bridge, schaffte der kleine Mann es immer wieder, den Lasersalven zu entgehen. Doch dann geschah etwas, dessen Wahrscheinlichkeit zu geschehen, noch schlechter als die Gewinnchancen bei der Staatlichen 6 aus 149 Ziehung waren. Als Slick wieder mal scharf nach oben auswich, prallte er gegen einen Planetoiden. Der Miniplanet riß das gesamte Antriebsmodul des Frachters ab, welches mit nicht zu übertreffender Genauigkeit das Polizeischiff traf und in einen orangen Plasmaball verwandelte.

"Wir sind gerettet !", schrie Kyle und fing sich dafür strafende Blicke von drei Augenpaaren ein.

"Kannst du das Ding noch lenken ?", fragte Matt seinen Piloten.

"Nun...", antwortete der.

"...ich habe noch die Brennstoffdüsen für die orbitale Navigation. Damit kann ich unseren Kurs geringfügig ändern. Und glücklicherweise sind die Bremsdüsen mitsamt Energiequelle im Hauptmodul eingebaut. Also kann ich noch bremsen."

"Na dann brems doch.", sagte Matt.

"Wir laden dann einen Teil der Fracht in unseren Kreuzer und kommen später wieder."

Slick schüttelte allerdings den Kopf und deutete auf den Außenspiegel.

"Vorhin war es einige Male ziemlich knapp."

Die Augen des Anführers der Kleinen Gruppe wurden feucht, als er sah, was der großnasige Pilot meinte. Eine Lasersalve hatte den angedockten Kreuzer einfach verdampfen lassen.

"Mein Schiff...."

Kyle sah, daß Matt im Moment nicht ansprechbar war. Also übernahm er das Kommando.

"Gibt es hier in der Nähe einen Planeten mit einer Atmosphäre ?"

Slick warf einen Blick in seinen Sternenatlas.

"Ja. Keine 30 Lichtjahre von hier."

"Also gut, lande dort. Dann können wir ein Notsignal an einen unserer Freunde senden."

 

Mit schmerzverzerrtem Gesicht richtete Frank sich wieder auf. Die "Landung" hatte nicht nur einen 25 Meilen langen Krater in den Boden gerissen, sondern auch die vier Piraten von den Beinen geholt. Überall im Cockpit blinkte Warnleuchten auf und signalisierten den Ausfall fast jeden Systems auf dem Schiff. Anderes Licht gab es nicht mehr. Das war keine verdammte Notlandung sondern ein ausgewachsener Absturz.

"Lebt außer mir noch jemand ?"

"Ja, Frank. Hier bin ich.", stöhnte Kyles Stimme aus einer Ecke.

"Mein Schiff..."

"Matt geht's auch gut.", sagte Kyle.

"Mir auch.", rief Slick.

"Verdammt.", sagten drei Stimmen gleichzeitig.

Slick brummte etwas von undankbaren Mistkerlen und stand dann auf.

"Wir sollten uns die Ladung ansehen !", rief er.

Zwar ging es allen nicht sonderlich gut aber dennoch wollten sie endlich wissen, was sie eigentlich gestohlen hatten. Also rappelten sie sich auf und gingen zur Tür. Matt drückte den Türöffner.

"Diese Tür ist nicht mehr funktionstüchtig. Sollten sie damit irgendwelche Probleme haben, wenden sie sich an die Hotline.", sagte die Tür, öffnete sich und brannte durch.

Die vier Piraten waren nicht in der Stimmung, sich darüber zu wundern. Statt dessen gingen sie hindurch und machten sich auf den Weg in den Laderaum. Glücklicherweise funktionierte im Rest des Schiffes die Notbeleuchtung. Auf ihrem Weg kamen sie an der Kommunikationszentrale vorbei. Hohe Flammen schlugen daraus hervor und ein kleiner Reinigungsroboter verbrannte bei dem Versuch sie wegzukehren.

Endlich kamen die vier Piraten im Lagerraum an. Hier stapelten sich die Kisten bis unter die Decke. Die Halle hatte eine Länge von über einem Kilometer, eine Breite von etwa vierhundert Metern und war etwa zwanzig Meter hoch. Staunend standen die Männer vor den Kistenstapeln. Daß es so viel sein würde hatten sie nicht erwartet. Kyle fand eine Schalttafel und stellte fest, daß sie noch funktionierte. Einige Tastendrücke später setzte sich ein an der Decke befestigter Kran in Bewegung. Er löste eine der Kisten aus ihrer Halterung und setzte sie dann direkt vor den Piraten ab.

Matt nahm eine Brechstange von der Wand und stellte sich neben die Kiste. Langsam krempelte er sich die Ärmel hoch und spuckte in die Hände. Dann rammte er das Ende der Brechstange an mehreren Stellen unter den Deckel und hebelte die Nägel aus dem Holz. Achtlos ließ er das Werkzeug fallen und sah seine Kameraden an. Mit einem feierlichen Gesicht hob der hochgewachsene Mann den Deckel so an, daß nur er den Inhalt der Kiste sehen konnte. Er schloß die Kiste wieder und begann lauthals zu lachen. Lange stand er nur da und lachte, bis er schließlich zu Boden sank und zu weinen begann.

 

Einen Tag später fielen die Kurse der BotU an den Börsen in den Keller. Irgend welche Terroristen hatten ein ganzes Raumschiff mit Bleistiften gestohlen und bereits am frühen Morgen mußten die ersten Abteilungen die Arbeit einstellen, da sie nichts mehr zum Schreiben hatten.

"Ein Computerabsturz macht uns nichts aus. Bei uns ist alles noch Handarbeit."

So ein Scheißmotto.

 

 

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Eure Meinung:

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JediCaptain
Freitag, 21. April 2006 12:10 Uhr
Sehr gute Geschichte!

Handwerklich sauber, dramaturgisch überzeugend und eine kreative Pointe.

Hat mir sehr gefallen...

Rebellionischer Gruß,
JediCaptain

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Erstellt: 16.06.2005, zuletzt aktualisiert: 28.12.2018 09:08