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Renaissance

nach einem Film von Christian Volckman

Rezension von Christian Endres

 

Christian Volckmans Science Fiction-Film Renaissance wird uns hierzulande erst ab dem 22. März auf DVD erfreuen – Szenepublisher Cross Cult veröffentlicht jedoch Ende Februar bereits die passende Comic-Adaption zum düsteren Zukunfts-Thriller im schicken Hardcover-Album ...

 

Die Technisierung des Alltags schreitet im Jahre 2054 mit Hi-Tech-Siebenmeilenstiefeln voran, während übermächtige, allgegenwärtige Firmengiganten wie Avalon danach trachten, auch noch die letzten Geheimnisse des Lebens mit Hilfe eben dieser technischen Errungenschaften auszuschlachten. Als die Wissenschaftlerin Ilona Tasuiev eines Tages spurlos verschwindet, muss Polizist Karas sich nicht nur mit den verschlungenen Wegen des Pariser Nachtlebens oder Ilonas hübscher, aber anfangs eben auch reichlich undurchsichtiger und unkooperativer Schwester auseinandersetzen, sondern auch mit dem explosiven Geheimnis, dem die verschwundene Tasuiev und einige andere Wissenschaftler im Dienste von Avalon auf die Schliche gekommen sind; einem Geheimnis, fast so alt wie die Menschheit selbst, das über die Jahrhunderte hinweg bereits von Kaisern, Königen und Alchimisten vergebens gejagt worden ist und jetzt also auch von den Menschen der nahen Zukunft begehrt wird, von denen einige mit allen Mitteln danach trachten – oder es mit allen Mitteln unter Verschluss halten wollen, um dem Leben wenigstens noch eine Bastion, einen kümmerlichen Schutz vor der totalen Ausbeutung zu bieten ...

 

Das außergewöhnliche Schwarzweiß-Artwork, das nur an zwei Stellen im Band durch ein paar Farbkleckse aufgelockert wird, fällt ebenso wie die Story vor allem durch drei Dinge auf: Düsternis, Kühle und eine Unmenge an kalkuliertem, stellenweise sehr technisch anmutendem Styling. Dabei erscheint die auf den ersten Blick so innovative und gelungene Optik von »Renaissance« bei genauerer Betrachtung streckenweise allerdings etwas zu düster und kühl, ja hie und da sogar einen Tick »overstyled«. Was auf den ersten Seiten wahnsinnig innovativ und durchwegs aufregend und neu wirkt, nutzt sich im Lauf der Geschichte ein wenig ab. Und spätestens wenn der Leser endgültig erkannt hat, dass das Paris des Jahres 2054 ein trostloser und eher anonymer, hoch technisierter und dadurch fast »steriler« Ort ist, sucht man in der Story, aber eben auch in dem sehr technisch anmutenden Artwork mit seinen dem Film direkt entnommenen Bildern, vergebens nach griffigen Momenten, Szenen oder Einstellungen – alles wirkt ein bisschen zu glatt, zu düster oder einfach nur übertrieben »stylisch«, um jenes Modewort an dieser Stelle einmal etwas überzustrapazieren.

 

Sowohl die hinter einer etwas wirren Krimistory verborgene Botschaft der Geschichte, als auch das mit viel technischem Aufwand »produzierte« Artwork zeigen uns lediglich Einzelschicksale, die allesamt mit dem urbanen oder zeitlichen Hintergrund von »Renaissance« verschmelzen und förmlich von der Atmosphäre der Zukunfts-Metropole mit dem Eifelturm aufgesogen werden, anstatt sich endgültig davor entfalten zu können. Es ist definitiv nur die Spitze des im dunklen, spiegelglatten Wassers schwimmenden Eisbergs, die wir zu sehen bekommen.

 

Die eigentliche Geschichte entpuppt sich indes als Mischung aus bekannten Versatzstücken der Science Fiction aus Film und Literatur, obgleich ihr auch der philosophische Ansatz eines Philip K. Dick fehlen mag (oder in der Comic-Adaption einfach nicht deutlich genug heraus gearbeitet ist – dazu fehlt mir jedoch leider noch der Vergleich mit dem Film). Durch ihre eigene Coolness steht sich die Story zudem ab und an selbst im Weg – die ein oder andere Emotion mehr hätte ihr und ihren Figuren sicherlich gut getan. Erst gegen Ende, wenn die Fäden sich langsam aber sicher zusammenziehen und das ganze Ausmaß der Ereignisse deutlicher Gestalt annimmt, fiebert man endlich mit und fühlt sich ins Geschehen hineingezogen. Doch auch auf dem Weg zu diesem Höhepunkt hätte ich mir den ein oder anderen Moment gewünscht, da die Figuren ihre eisigen Masken abstreifen und die düstere Stimmung der Geschichte/der Stadt zu durchbrechen vermögen, um dem urbanen Sumpf zu entkommen und zu zeigen, dass der menschliche Geist auch in gut vierzig Jahren noch Akzente in der von ihm geschaffenen Welt setzen kann. So verschmelzen Handlung, Figuren und Wendungen leider viel zu oft mit dem aufwendig gestalteten und dargestellten Hintergrund des futuristischen Paris; einem Hintergrund, der – wie sollte es anders sein? – von distanzierter Lässigkeit durchsetzt ist und vor trostloser Politur nur so glänzt.

 

Die Kühle der Geschichte sorgt außerdem auch dafür, dass man sich nur schwer mit einer der Hauptfiguren anfreunden kann. Trotz seiner Macken und seiner dunklen Vergangenheit ist Cop Karas beispielsweise kein Charakter, der die Story allein tragen oder allzu häufig beleben kann: So werden seine Kanten, kaum dass mit ein paar Rückblicken preisgegeben, bereits wieder mutwillig durch zu viel (sogar recht stereotype) Lockerheit kaschiert und fast vollständig ausradiert. Einzig Dr. Müller bricht aus den schwarz-kalten Mustern und Schablonen aus und bekommt gegen Ende der Geschichte Facetten und Emotionen, seine Maske und Fassade Rissen und Rillen – und das wiederum tut vor allem dem Finale des Bandes noch einmal richtig gut.

 

Wie bereits mit Frank Millers »300« (dessen cineastische Adaption ja ebenfalls Ende März – allerdings im Kino – bestaunt werden kann) oder »The Red Star« bewiesen, kann Cross Cult nicht nur mit A5-Hardcovern á la Hellboy oder Sin City. Auch wenn es in einem größeren A4-Format zur Sache geht, weiß die Qualität des Hardcovers zu überzeugen: Ein stabiler Einband, dickes, schönes Papier und eine durch und durch erstklassige Gestaltung machen das 56 Seiten starke Album zu einem bibliophilen Leckerbissen, der obendrein mit einem wundervoll puristischen Cover des Weges daher kommt, das man einfach anschauen muss.

 

Fazit: Renaissance, die Wiedergeburt der Antike – »Renaissance«, ein Comic, den man fast nicht bewerten kann. Auf der einen Seite lebt er von seinen düsteren Tönen und seiner kalten Stimmung – auf der anderen Seite ist aber genau das auch sein größtes Handicap. Denn man braucht trotz all den klassischen SF-Momenten und all den düsteren Zukunftsvisionen, in denen die Individualität von der übertechnisierten Großstadt scheinbar verschlungen wird, als Leser Bezugspunkte – z. B. Charaktere, mit denen man leidet, liebt, weint oder hasst. »Renaissance« und die darin versammelten Figuren wirken über weite Strecken allerdings bei Leibe nicht lebendig genug und stehen sich mit ihrer distanzierten, desillusionierten Haltung viel zu oft selbst im Weg – das hat dann auch nichts mehr mit dem trostlosen Bild einer Zukunft zu tun, sondern birgt einfach nur die Gefahr, an der glatt polierten Oberfläche dieses Comics keinen Halt zu finden.

 

Manchmal deutlich unterkühlt, an anderer Stelle wieder etwas overstyled – »Renaissance« weiß trotz seiner Andersartigkeit und aufwendigen Optik leider nicht vollständig zu überzeugen. Der eine wird die ernüchterte Distanziertheit der Geschichte freilich mögen und sich in der dunklen Stimmung und dem kalten Setting des futuristischen Paris wohl fühlen – manch anderer wird sich hingegen eben einfach nur das wünschen, was auch einige der Helden von »Renaissance« bewahren möchten: Menschlichkeit.

 

Ungeachtet dessen regt der Comic zum Nachdenken an und sorgt dafür, dass man sich trotz seiner Kürze auch über die Lektüre hinaus noch gedanklich mit ihm beschäftigt. Dies und eine einmal mehr äußerst gelungene Aufmachung, ein trotz einiger Mängel recht interessantes Konzept und eine innovative grafische Umsetzung reichen zusammen mit dem fairen Preis-Leistungs-Verhältnis am Ende gerade noch aus, um das Hardcover-Album mit der Empfehlung auszustatten, es einmal fester ins Auge zu fassen und (nicht nur) für den Comic-Fan z. B. als Abrundung für einen baldigen DVD-Abend zu sichten.

 

Reinschauen!

 

 

Eure Meinung:


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Comic:

(c) Christian Volckman

Renaissance

nach einem Film von

Christian Volckman

Story-Adaption: Greg Newman

Grafische Adaption: Julien Renoult

Verlag: Cross Cult

Album, Hardcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 3936480397

Anzahl Seiten: 56

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 09.03.2007, zuletzt aktualisiert: 14.07.2019 13:58