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Sambre – Der Krieg der Augen

Rezension von Christel Scheja

 

Die Herkunft aus einem großbürgerlichen Elternhaus, in dem Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur ein- und ausgingen, ermöglichte es Bernard Hislaire auch „Yslare“ genannt, eine ganz eigene kritische und von liberalen Idealen geprägte Sicht auf die Welt zu entwickeln und sich mehr Gedanken über die Gesellschaft und Menschen zu machen als andere Menschen.

Zu den Werken, die ihn bekannt und berühmt machten, gehört unter anderem die Comicreihe „Sambre - Der Krieg der Augen“. Über viele Jahre waren die ersten Alben der insgesamt vierbändigen Reihe nur antiquarisch zu bekommen. Das hat sich nun geändert. Denn der im Sommer 2009 herausgegebene Sammelband umfasst alle vier Alben der Serie und in den kommenden Monaten werden auch die Fortsetzung sowie die Vorgeschichte erscheinen, die einige Fragen beantworten werden, die diese Geschichte offen gelassen hat.

 

Der junge Bernard Sambre wächst in einer Welt strenger Konventionen und seltsamer Moralvorstellungen auf. So erhalten keine Menschen, die eine andere Augenfarbe als Braun oder Schwarz haben, Zutritt zu dem Landgut, das er mit seinen Eltern und seinen Schwestern bewohnt. Gefühle sind nur in einem gewissen Maße gestattet, wichtig ist es vor allem bestimmte Regeln und Rituale einzuhalten.

Dann nimmt sich sein Vater Hugo Sambre, der bis zuletzt an einem Essay mit dem Titel „Der Krieg der Augen“ gearbeitet hat, überraschend und unerwartet das Leben. Während sich Mutter und Schwester nur schwer damit abfinden können – vor allem letztere hat ihren Vater vergöttert und seine Lehren inniglich in sich aufgenommen, fühlt der Junge sich freier als je zuvor.

Nun hofft er sich offener mit der wilden aber hübschen Wilddiebin Julie treffen zu können, die er nur dann sehen konnte, wenn es ihm gelungen ist, dem Haus auf langen Spaziergängen zu entkommen. Sie ist alles, was sein Familie verabscheut hat – von niedrigem Stand, und dann hat sie auch noch feuerrote Augen.

Es kommt wie es kommen muss, denn Bernard wird unvorsichtig und seine zarte Romanze kommt ans Licht. Eine Verkettung unglücklicher Umstände sorgt dafür, dass seine Mutter erstochen wird und der Verdacht auf Julie fällt.

Das wilde Mädchen, das viel mehr über die Geheimnisse der Familie Sambre weiß, als ihr Geliebter ahnt, flieht nach Paris. Bernard ist verzweifelt, denn er kann nicht glauben, dass sie so etwas getan hat. Deshalb verwendet er seine Kraft, als ihn dringende Geschäfte der Familie in die Hauptstadt führen, auch darauf, Julie zu finden. Diese hat es endlich geschafft bei einem Maler unterzukommen, der in ihr nur das Modell aber kein Sexualobjekt zur Befriedigung seiner Lüste sieht. Denn sie will überleben und das Kind zur Welt zu bringen, dass sie seit der letzte Liebesnacht mit Bernard in sich trägt.

In den Wirren der Pariser Februarrevolution treffen die beiden schließlich wieder aufeinander, nicht ahnend, dass sie längst in einem grausamen Spiel gefangen sind, dass bereits in der Generation ihrer Eltern begonnen hat und nun seinen tragischen Höhepunkt erreicht. Denn vor dem Hintergrund der Straßenkämpfe nehmen nun auch dunkle Intrigen ihren Lauf, die mit dem Vater ins Leben gerufen wurden und nun von der Schwester weiter geführt werden.

 

Schon die eher monochrome und in rostigen Farben gehaltene Kolorierung macht deutlich, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die eine ganz eigene Welt abbilden will. Denn die Familie Sambre hat sich einen eigenen Kosmos aufgebaut, der durch niemanden von außen zerstört werden darf, vor allem, wenn er auch noch die falsche Augenfarbe besitzt. Warum dem so ist, das wird nur angedeutet und im ganzen Band nicht wirklich enthüllt. Das ist zwar bedauerlich aber nicht so schlimm, denn behandelt wird eher der Wahnsinn, den die vom Vater eingeführten Regeln ins Leben gerufen hat.

Mag die Fassade der Sambres nach außen hin wie die einer ganz normalen und wohlhabenden Familie des niederen Adels oder Großbürgertums wirken, die keine Not leiden müssen, in ihrem Inneren ist sie komplett verrottet und marode wie das Stadthaus in dem Hugo Sambre bis zu seinem Tod die meiste Zeit getrennt von der Familie verbracht hat.

Es sind die kleinen Zeichen und Details in der Handlung, die immer wieder die passenden Hinweise geben, um das Verhalten der Mutter und Schwester zu verstehen, die ganz in den verlogenen Konventionen gefangen sind, die Mann und Vater ihnen aufgezwungen hat. Nicht einmal Bernard, der etwas freier im Denken ist und seine Gefühle leidenschaftlich auslebt, kann sich ganz davon freimachen.

Und auch wenn Julie auf den ersten Blick frei und unabhängig wirkt, so ist sie es ganz und gar nicht. Auch sie ist in den Bann der Familie Sambre geraten und kann sich dem nicht entziehen. Das alles ist in einen historischen Hintergrund eingebettet, der sich ebenfalls mit einem Umbruch beschäftigt, dem Aufbegehren der einfachen Leute gegen überkommene Regeln und Konventionen und die Einteilung in Klassen.

Und so bietet „Sambre – Der Krieg der Augen“ nicht nur eine geheimnisvoll-tragische Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Menschen, sondern auch zum Sittengemälde einer Zeit, die zwar weniger Spuren hinterlassen hat als die große Revolution am Ende des 18. Jahrhunderts aber nicht weniger Blut, Tränen und Verzweiflung hinterlassen hat.

 

Vor allem Sammler dürften sich über die liebevoll gestaltete und mit interessanten Anmerkungen versehene Sonderausgabe freuen, die ihren Preis allein schon durch die ordentliche Aufmachung wert ist. Aber auch diejenigen, die einem spannenden historischen Comic nicht abgeneigt sind, werden zufrieden gestellt.

 

Eure Meinung:


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Sambre – Der Krieg der Augen

Autoren und Künstler: Bernard Hislaire (Yslare) und Yann Lepennetier (Balac)

Aus dem Französischen von Ute Eichler, Helmut Mennicken, Uta Schmidt Burgk

Plus ne M’est Rien/ Je Sais Que tu Viendras/Liberte, Liberte/ Faut-Il Que nous mourions Ensemble, Frankreich 2003

Hardcoveralbum vollfarbig, 224 Seiten

Ehapa Comic Collection, Köln, 07/2009

ISBN-10: 3551779465

ISBN-13: 978-3551779465

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 15.09.2009, zuletzt aktualisiert: 23.06.2019 12:39