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Spider-Man Strips

Reihe: Spider-Man Zeitungsstrips (Gesamtausgabe) Bd. 1

Rezension von Christian Endres

 

 

Und täglich grüßt das Spinnentier ...

 

Spider-Man ist einer jener Superhelden, die sich auch außerhalb ihrer eigentlichen Comic-Heimat größter Bekanntheit und Beliebtheit erfreuen. Mehr noch: Marvels Wandkrabbler im rotblauen Strampler ist mittlerweile durchaus ein Gegenstand, ja man möchte fast sagen, eine Person des öffentlichen Lebens und hat sich – nicht zuletzt Dank Film und Fernsehen – mit Sicherheit schon einmal durch jeden Haushalt und jeden Alltag geschwungen. In den USA tat er dies in den 1970ern beispielsweise jeden Morgen, denn 1977 entdeckten der freundliche Netzschwinger aus der Nachbarschaft und sein damaliges Kreativteam aus dem Haus der Ideen auch das eigenwillige, aber für den Comic stets bedeutungsvolle Medium des täglichen Zeitungscomicstrip für sich. Fortan sprang und hüpfte und schwang sich Spider-Man täglich durch seinen eigenen schwarzweißen Strip, der ein wenig von der regulären Spinnen-Kontinuität in den Comics gelöst war und darüber hinaus von zwei lebenden Legenden betreut wurde: Stan ’The Man’ Lee schrieb die kurzen, aber knackigen Episoden, während der unvergessliche John Romita sr. am Zeichentisch zu Werke ging. Der erste Band der Gesamtausgabe mit den gesammelten Strips der Jahre 1977 bis 1979 ist nun passend zum Filmstart von Spider-Man 3 bei Panini erschienen – beste Voraussetzung also für eine Zeitreise in die womöglich klassischste aller Spidey-Äras!

 

Nach einer gelungenen redaktionellen Einstimmung zur Historie der Zeitungscomicstrips im Allgemeinen und dem mit Spider-Man im Besonderen, geht es dann auch schon direkt los mit dem schön gestalteten Hardcoverband im für Strip-Sammlungen derzeit typischen (und bewährten) Querformat, das man z. B. auch aktuell von den Gesamtausgaben von Garfield (Ehapa) oder den Peanuts (Carlsen) kennt. Wie auch alle anderen Spider-Man-Comics, so zeichnet sich auch die Gesamtausgabe mit dessen Zeitungsabenteuern durch einen von Zweifeln und Entbehrungen gebeutelten Peter Parker (und damit sehr menschlichen Helden) sowie eine üppige, vielfältige Supporting Cast aus: Tante May, Mary Jane Watson, J. Jonah Jameson und Harry Osborn sind nur ein paar der allseits bekannten Charaktere, die zu Stan Lees fröhlich rotierendem Figuren-Ensemble gehören, während Peter es abseits des Uni-Alltages schließlich mit klassischen Schurken wie Doktor Doom, Mysterio, dem Kingpin, Doktor Octopus oder Kraven dem Jäger zu tun bekommt. Dazu gesellen sich dann noch der schlangenhafte Rattler und, für den damaligen Zeitgeist und dessen Auswüchse in der Popkultur nicht ganz untypisch, [osteuropäische] Terroristen und Erpresser, die unseren Helden und/oder ganz New York bedrohen oder Peter Parker zumindest einiges an Kopfzerbrechen und Stress bereiten.

 

Aktuell tobt im Marvel Universum der Bürgerkrieg (Civil War), zu dessen Beginn Peter Parker sich vor Millionen von schockierten Zuschauern die Maske vom Gesicht gerissen hat und der Welt enthüllte, dass er Spider-Man ist. In den klassischen Abenteuern von Lee und Romita sr. sind die wahre Identität von Spider-Man und Peters Bemühungen, diese zu verbergen, jedoch noch ein zentraler Punkt im Handeln und Streben des Helden, der 1963 von eben Stan Lee und dem damaligen Zeichner Steve Ditko geschaffen worden ist. Heute sind Peters Tage als Schürzenjäger überdies längst gezählt, ist er doch seit Jahren mit Supermodell Mary Jane verheiratet – in vorliegendem Band lebt er seinen jugendlichen Charme allerdings noch voll aus und pflegt auch abseits der hübschen MJ einige weibliche Bekanntschaften. Und auch wenn Peter dank Tony Stark heute keine allzu großen Geldsorgen mehr hat, genügten 1979 bereits läppische 1.000 Dollar, damit der arme Student Parker in einem Disco-Käfig den Spinnentango hinlegte ...

 

Ein täglicher Zeitungscomicstrip ist vielleicht die größte Herausforderung, die es für Comicschaffende gibt: Nicht nur, dass kreativer Druck und Arbeitspensum stets gleich bleiben und z. B. ein Urlaub oder eine Krankheit z. T. teuer bezahlt werden müssen, wenn man kein kleines Polster an fertigen Strips in der Hinderhand hat – zudem wollen täglich in drei bis vier Bildern Geschichten erzählt, Figuren weiter entwickelt, Beziehungen und Feindschaften charakterisiert, Dialoge geführt und die Leser schließlich im Großen wie im Kleinen unterhalten werden. Und auch von zeichnerischer/künstlerischer Warte aus ist ein Zeitungscomicstrip etwas anderes als ein Heft oder Album: Romita hatte oftmals nur ein paar Zentimeter nach oben und in der Horizontalen, um seine Panels auszuschmücken und seinen Panels Leben und Perspektive und Dynamik einzuhauchen, Textboxen und Sprech- oder Gedankenblasen abgezogen. Der Zeitungscomic ist mit Sicherheit die Höchstform des [komprimierten] sequentiellen Erzählens – was im Fall von Spider-Man noch dadurch erschwert wird, dass viele Figuren eben viel Dialog erzeugen und die Spinne obendrein als vielsprechende »Laberbacke« unter den kostümierten Verbrechensbekämpfern gilt ...

 

Um so erstaunlicher, dass Stan Lee es nicht nur geschafft hat, kleine, knackige Episoden aus Spideys Alltag zu erzählen, sondern trotz des limitierten Raums und der täglichen Erscheinungsweise sogar längere zusammenhängende Geschichten in bis zu über 100 aufeinander folgenden Strips (und damit mehreren Wochen und Monaten Erscheinungsraum) zu schaffen. Wie homogen er das trotz aller Einschränkungen und Normen und Charakteristika des Formats tat, sieht man erst, wenn man die Strips bzw. einzelnen Kapiteln (in der Gesamtausgabe auch durch eine dezente Überschrift am Anfang gekennzeichnet) erstmals gesammelt am Stück liest.

 

Fazit: Panini bringt diesen Band zeitgleich mit Anlauf des dritten Spider-Man-Films in die Läden – die perfekte Vermarktung des üppigen Franchises, den Spider-Man heutzutage nun mal darstellt. Dennoch bietet die Lektüre des wirklich sehr klassischen Materials eher Aspekte, die dem langjährigen Fan gefallen dürften, der sie mit nostalgischen Anwandlungen und Sinn und Verstand für eben diese Ära und Künstler wie Lee und Romita sr. betrachten kann. Ob Neueinsteiger mit dieser Sammlung ihre Freude haben werden, sei einmal dahin gestellt, gerade wenn sie nach Ansehen des Blockbusters eher bunte, grelle Abenteuer erwarten – denn auch wenn die Strips klassisch und wirklich gelungen sind, so sind sie doch eines nicht: zeitlos.

 

Zum Ende hin schwächelt der nostalgisch angehauchte Band außerdem ein bisschen, als Lee dem täglichen Strip plötzlich die Superschurken vollständig nimmt und Spider-Man sich mit eher unkonventionellen Superhelden-Problemen rumschlagen muss – unter Lee durchaus schon vorgekommen, im Kontext der voran gegangenen Strips aber ein Stilbruch, den der erste Teil der Gesamtausgabe nicht ganz so leicht verkraftet.

 

Ansonsten überzeugt er hingegen auf ganzer Linie: In den ersten beiden Dritteln durchwegs gute, unterhaltsame und klassisch anmutende Stories, Strip für Strip großartige Zeichnungen und eine ebenfalls sehr schöne Hardcover-Aufmachung samt redaktioneller Betreuung, Glossar und Schutzumschlag. Der zweite Band kann definitiv kommen. *

 

So oder so bleibt für den Auftaktband erst einmal festzuhalten: Drei Comic-Legenden unter sich. Nuff said.

 

 

 

*) der zweite Band kann kommen – und wird es, laut Panini Vertriebsleitung, spätestens im November diesen Jahres. Ob die Reihe danach fortgesetzt wird, hängt nun ganz davon ab, wie sich die ersten beiden Bände mit dem Lee/Romita-Material verkaufen werden, doch wäre ein Abdruck der Strips von z. B. Alex Saviuk durchaus wünschens- und auch lohnenswert.

 

 

 

 

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Comic:

Spider-Man Strips

Gesamtausgabe Bd. 1

Autor: Stan Lee

Zeichner: John Romita sr.

Verlag: Panini

Format: Hardcover

im Querformat

Sprache: Deutsch

Anzahl Seiten: 356

Preis: 29,95

erhältlich bei Panini


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Erstellt: 21.05.2007, zuletzt aktualisiert: 20.04.2019 08:40