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Sturm über Roten Wassern von Scott Lynch

Reihe: Gentleman Bastards | Locke Lamora Bd. 2

Rezension von Christian Endres

 

I’m sailin’ ...

 

Locke Lamora ist zurück! In Camorr kann der Gentleman-Ganove sich nach den Ereignissen aus Die Lügen des Locke Lamora allerdings nicht mehr blicken lassen, und so strecken er und sein verbliebener Gefährte Jean Tannen ihre geübten, zunächst aber verbrannten Langfinger nach der exotischen Inselstadt Tal Verrar aus, um auch hier wieder eine Trickbetrüger-Nummer fast schon epischen Ausmaßes abzuziehen. Zu dumm nur, dass ihre Vergangenheit sie auch in der Fremde einholt und sie überdies bald schon zwischen allen Fronten ihres neuen Operationsfeldes stehen und einen etwas längeren Abstecher aufs Meer machen müssen...

 

Besitzer der Erstauflage von Band eins werden fluchen: Die Abenteuer des Locke Lamora haben ein neues Umschlags-Design verpasst bekommen. Nicht nur die neueren Auflagen des ersten Teils, sondern auch direkt die erste Auflage des vorliegenden zweiten Bandes kommen im neuen Look daher, wobei bei »Sturm über Roten Wassern« noch ein Preisaufschlag für ein vermeintlich dünneres Buch dazu kommt. Doch keine Panik! Dank dünnerem Papier verbergen sich trotzdem faire 944 Seiten hinter dem Paperback, sodass das Preis-Leistungs-Verhältnis am Ende durchaus stimmig ist.

 

Überhaupt hat man an dieser Fortsetzung viel und lange zu lesen - was dem Roman leider nicht nur zum Vorteil gereicht oder auch nur immer unterhaltsam ist. Nach diesem zweiten Band kann man definitiv sagen: Weniger wäre manchmal definitiv mehr bei Lynch! Sicher: Locke und Jean sind einem ans Herz gewachsen, und stilistisch bewegt sich Scott Lynch auf einem wunderbar hohen Niveau, genauso wie seine fantasievollen urbanen Schöpfungen durch unglaublich viele Details und Kreativität bestechen - trotzdem wirkt die Geschichte überfrachtet, zu verschachtelt und über mehrere Hundert Seiten auseinandergezogen, wodurch sich die Lektüre gerne einmal ordentlich zäh gibt und Lynch nie auf den Punkt kommt.

 

Dafür, dass Lynch seinen Stadtstaat Camorr im ersten Band so liebevoll ausgestaltet hat, ist es außerdem fast fahrlässig, dass er ihm im zweiten Teil seiner Saga um die gezeichneten Gentleman-Diebe den Rücken zugekehrt hat - mehr noch: Auch Tal Verrar wird wieder üppig vorgestellt, nach 300 Seiten aber zu Gunsten einer zwar wohl recherchierten und beeindruckend fundierten, aber auch sehr zähen und viel zu langen Episode auf dem Meer verlassen. Diese über 400 Seiten auf dem nassen Element bis zum Ende sind auch der große Schwachpunkt des Romans. Locke und Jean sind nach wie vor grandiose Figuren - aber in der Stadt, in der Zivilisation und einen großen Coupe planend, kommen sie wesentlich besser zur Geltung denn als gezwungene Segler.

 

Damit ist diese Fortsetzung leider längst nicht mehr so reizvoll wie der erste Band. Oftmals viel zu langatmig, selbstverliebt und sogar schwafelig, verliert der zweite Teil der Abenteuer des Locke Lamora nach dem ersten Drittel extrem an Boden - einzig Lynchs ausgefeilte Stilistik, die allenthalben überzeugende Atmosphäre, die geschliffenen Dialoge und die zwischendurch trotz allem immer wieder aufblitzende Brillanz retten das Sequel vor dem endgültigen Abrutsch in die Liga der ebenso dicken wie zähen (und wenig empfehlenswerten) Fantasy-Brocken.

 

Gut begonnen, die Fehler aus dem ersten Band extrapoliert, am Ende die Kurve nicht mehr bekommen - damit läuft Lynchs zunächst rasant davon brausendes Segelschiff des Locke Lamora vorerst auf Grund.

 

 

 

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Sturm über Roten Wassern

Reihe: Gentleman Bastards Bd. 2 (Locke Lamora)

Autor: Scott Lynch

Paperback, 944 Seiten

Heyne, Mai 2008

ISBN: 3453531132

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 13.06.2008, zuletzt aktualisiert: 18.04.2019 10:40