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The Life Eaters

Rezension von Ingo Gatzer

 

Was wäre wenn die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gegen die Nationalsozialisten nicht 1945 gewonnen hätten? Diese Frage hatte sich der promovierte Astrophysiker und Science-Fiction-Autor David Brin bereits 1986 - angelehnt an Philip K. Dicks Roman „Das Orakel vom Berge“ - in seiner Geschichte „Thor trifft Captain America“ gestellt. Diese entwickelt der Träger des Hugo, Nebula und Locus Award, welcher einem breiten Publikum durch seinen Roman „Postman“ bekannt wurde, den Kevin Costner filmerisch adaptierte und dabei weitgehend verhunzte, in der Graphic Novel „The Life Eaters“ weiter. Zeichnerisch werden seine Ideen dabei von Scott Hampton, Gewinner des Harvey Award, umgesetzt. Hampton, der bei Comic-Legende Will Eisner lernte, hat sich vor allem mit seinen Arbeiten zu den Serien „Batman“ und „Sandman“ einen Namen gemacht hat.

 

6. Juni 1944. Die Alliierten haben eine gewaltige Armee zusammen gezogen, die für die nationalsozialistische Schreckensgesellschaft den Anfang vom Ende bedeuten soll. Doch der D-Day entwickelt sich anders als gedacht (und es in unseren Geschichtsbüchern verzeichnet ist). Denn eine neue Partei tritt auf Seiten der Nationalsozialisten in den Krieg ein: Die nordischen Götter, welche als Asen bekannt sind. Mit ihrer Hilfe gelingt es Hitlers Schergen nach und nach die Alliierten immer weiter zurück zu drängen. Nachdem Europa ganz in der Hand der Nationalsozialisten ist, beginnt die Invasion der U.S.A. Für die wenigen verbliebenen Freiheitskämpfer scheint die Lage aussichtslos, zumal in anderen Teilen der Welt plötzlich weitere blutdürstige Gottheiten auftauchen.

 

David Brin gelingt es, eine sowohl spannende als auch interessante Story zu erzählen. Dafür fügt er immer wieder längere erzählende Absätze ein, welche die Bilder der Graphic Novel aber niemals stören, sondern vielmehr ergänzen. Das Auftauchen der Götter bettet der Autor so überzeugend in die (Kriegs-)Realität ein, dass es kein bisschen künstlich oder konstruiert wirkt. Er baut seine Geschichte zwar auf den realen Geschehnissen auf, spinnt sie aber dann mit meist überzeugenden phantastischen Ideen weiter und versucht einige der Ereignisse dadurch zu erklären. „The Life Eaters“ enthält zudem eine angenehm unaufdringliche Botschaft von Vergebung und Toleranz, die glücklicherweise überhaupt nicht aufgesetzt wirkt.

 

Um die Fremdheit der Asen - die, wie einst die griechischen Götter bei Homer, auf der Handlungsebene agieren - hervorzuheben, benutzt er für ihre Sprechakte geschickter Weise einen besonderen Sprachgestus, der an alte Mythen und Sagen gemahnt. Um dieses zu unterstreichen wird bei den Sätzen, welche die Asen reden, sogar ein anderer Schrifttyp verwendet, welcher an nordische Sprachen erinnert.

 

Den Eindruck des Fremdartigen unterstützt Scott Hampton kongenial, indem er für die Darstellung der nordischen Götter immer wieder auf einen „klassischeren“ Zeichenstil als bei der Abbildung der anderen Charaktere zurückgreift. So wirken die Figuren der Asen durch die gezielte Verwendung von scharfen Konturen und prägnanteren sowie facettenreicheren Gesichtern vollkommen (hyper-)real.

 

Hampton beweist zudem ein besonderes Talent für expressive Bilder. So überlässt es ihm Brin auch die Eroberung der USA durch die Nationalsozialisten darzustellen: Ein Bild, das die Freiheitsstatue mit Flügelhelm statt Strahlenkranz und Schwert anstelle der Fackel zeigt, neben der rot-weiß-gestreifte US-Banner mit einer Abart des Hakenkreuzes wehen, sagt da wahrscheinlich auch mehr als es tausend Worte könnte.

 

Auch die abwechslungsreichen, immer wieder spezifische Stimmungen transportierenden Bildgestaltungen und Kolorationen wissen zu gefallen. Einerseits finden sich farbenfrohe, impressionistische und aquarellartige Bilder, in denen das Blau von Meer und Himmel oder das Rot und Gelb von Flammen und Explosionen dominieren. Dann wieder wirken einige Farben seltsam zurückgenommen, als wenn das Geschehen durch einen Graufilter gefilmt worden wäre. Dies ist beispielsweise auf dem Bild der Fall, dass der Leser als Unterzeichnung der Kapitulationserklärung durch den US-Präsidenten interpretieren darf. Bei dieser im wahrsten Sinne des Wortes grauenhaften Szene, in deren Hintergrund dunkler Rauch aus den nunmehr grauen Ruinen des weißen Hauses dringt, wirkt Thors leuchtend roter Bart wie ein alles verzehrendes Feuer.

 

Überhaupt zeigt Hampton, der auch als Independent-Regisseur tätig ist, an mehreren Stellen, dass seine Technik vom Film beeinflusst sind. Er betont die Dynamik des Geschehens, indem er immer wichtige Elemente via Nahaufnahme - beispielsweise Thors Hammer - hervorhebt. Dann wieder zeigt er die Festung der Asen vor blutrotem Himmel auf rauen Felsen thronend in einer Totale aus der Froschperspektive, um eine besonderes einschüchternde und bedrohliche Wirkung zu erzeugen. So ergibt sich eine interessante und vielschichtige Bildsprache, die hervorragend David Brins Geschichte ergänzt.

 

Wenn es überhaupt etwas an diesem hervorragenden Werk zu mäkeln gibt, dann vielleicht, dass der Autor es mit der Glorifizierung einiger Aspekte ein wenig übertreibt. Auch hätte man sich angesichts der tollen Bilder eine Umsetzung in einem größeren Format - die gewählten Ausmaße des Buches sind etwas größer als DIN A 5 - gewünscht.

 

Als Bonus gibt es noch ein kurzes aber aufschlussreiches Nachwort von David Brin. Zudem erläutert Scott Hampton seinen Weg von der Vorzeichnung zum fertigen Bild.

 

„The Life Eaters“ ist eine großartige Graphic Novel, die in der Tradition von Superheldencomics, Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“ und Homers „Ilias“ steht und eindrucksvolle Zeichnungen, mit einer spannenden Geschichte und einer intelligenten Botschaft verbindet.

 

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MEDIUM:

The Life Eaters

Art: Graphic Novel (gebunden)

Autor: David Brin

Zeichner: Scott Hampton

Verlag: Cross Cult

Format: Hardcover

Übersetzer: Jens R. Nielsen

Seitenzahl: 160

Erscheinungsdatum: Juni 2009

ISBN-10: 3941248154

ISBN-13: 978-3941248151

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 11.09.2009, zuletzt aktualisiert: 23.06.2019 12:39