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The Surrogates

Rezension von Ingo Gatzer

 

Rezension:

Robert Venditti ist ein Glückspilz. Erst kann der US-Amerikaner Top Shelf, dem Comic-Verlag in welchem er als Aushilfe in der Post-Abteilung arbeitet, das Script für "The Surrogates" verkaufen. Seine Vision nimmt daraufhin mit Hilfe des Zeichners Brett Weldele, der bereits für den renommierten Eisner Award nominiert war, Gestalt an. Dann interessiert sich auch noch Hollywood für Vendittis Story und verfilmt diese mit Bruce Willis in der Hauptrolle. Nun hat der Verlag Cross Cult, der in jüngster Zeit schon mehrfach ein Gespür für gut gemachte US-Comics bewiesen hat ("The Life Eaters", "Sleepers"), die Sci-Fi-Graphic-Novel in deutscher Sprache herausgebracht.

 

Im Jahr 2054 hat sich das Leben vieler Menschen durch revolutionäre Entwicklungen in Robotik und virtueller Realität entscheidend verändert. Surrogaten, von Menschen kaum zu unterscheidende Roboter, agieren von ihren Besitzern gesteuert mit der Außenwelt. So können diese ihr Leben vor Kriminalität und Umwelteinflüssen geschützt in den eigenen vier Wänden verbringen. Doch dann wird diese schöne neue Welt von den Anschlägen eines Technoterroristen auf Surrogaten erschüttert. Die Polizisten Harvey Greer und Pete Ford ermitteln. Verdächtig erscheint vor allem Zaire Powell III., Anführer der Dread-Bewegung, die Surrogaten als Abscheulichkeiten betrachtet.

 

Robert Venditti gelingt es, eine vollkommen realistisch anmutende Zukunft heraufzubeschwören und lässt seine Leser immer tiefer darin eintauchen. Dazu führt er aktuelle Entwicklungen um virtuelle Welten wie Second Life weiter. Der Mensch interagiert hier mit seinem Avatar nicht länger in der virtuellen, sondern in der realen Welt. Dabei ist er nicht länger auf seine gottgegebene Identität angewiesen, sondern kann Aussehen, Rasse und sogar Geschlecht wechseln. Venditti schafft es dabei im Verlauf des Comics auch die Grenzen und Möglichkeiten seiner schönen neuen Welt auszuloten. Seine Vision ist auch deshalb so überzeugend, weil jedes Kapitel mit fiktiven, aber täuschend echten Texten - etwa einem Artikel aus dem Journal of Applied Cybernetics oder einer Surrogat-Werbeanzeige - endet. Dadurch wird das Phänomen der Surrogaten und damit verbundene Entwicklungen aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

 

Übersetzer Christian Langhagen hatte sicherlich im Vergleich zu anderen Comic-Übertragungen keinen einfachen Job. Schließlich musste er nicht nur wie üblich die Dialoge, sondern auch die umfangreichen Texte am Kapitelende übertragen. Dabei ist es ihm gut gelungen den spezifischen Ton von wissenschaftlichen Texten, Zeitungsartikeln oder Werbeanzeigen zu treffen. Bei letzteren könnte man kritisieren, dass er das amerikanische "You" bei der Konsumentenansprache mit "Du" bzw. "Dich" statt mit "Sie" übersetzt hat. Das erscheint nach heutigen Gepflogenheiten - Ausnahmen wie im Falle von Ikea bestätigen die Regel - etwas zu vertraulich. Aber wer kennt schon die Marketinggepflogenheiten im Jahre 2054?

 

Die von Brett Weldele geschaffebe Optik ist interessant, aber etwas gewöhnungsbedürftig. Seine Zeichnungen sind nicht unbedingt etwas für konservative Ästheten, da sie expressionistisch und oft skizzenhaft-unfertig wirken. Gerade in den Totalen sind Figuren oft wie bessere Strichmännchen gestaltet, während in Nahaufnahmen die Gesichter und ihre Mimik schön herausgearbeitet werden. Für Bildkompostion und -aufbau beweist er - wohl auch unterstützt von Vendittis Regieanweisungen - ein gutes Gespür. Die Farbgebung, die ebenfalls Weldele besorgt hat, präsentiert sich sehr trist. Farbe soll hier nicht Gegenstände und Menschen realistisch abbilden, sondern eine passende Atmosphäre erzeugen und verschiedene Panels unterscheidbar machen. Deshalb dominiert in jeder Sequenz eine Grundfarbe, sowie diverse Schattierungen.

 

"The Surrogates" bietet erfreulicher Weise umfangreiches und gut gestaltetes Bonusmaterial. Das reicht von den einzelnen Covern, der ursprünglich als Serie erschienen Einzelhefte, über eine Gallery und einen tiefen Einblick in die Arbeitsweise von Venditti und Weldele bis zu einem Interview mit den beiden Künstlern. Da bleiben wirklich keine Wünsche offen.

 

"The Surrogates " ist eine packende, intelligente und hervorragend erzählte Dystopie in toller Aufmachung mit allerdings etwas gewöhnungsbedürftiger, expressionistisch anmutender Optik.

 

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Comic:

Titel: The Surrogates

Autor: Robert Venditti

Zeichner: Brett Weldele

Übersetzer: Christian Langhagen

Verlag: Cross Cult

Erscheinungsdatum: September 2009

Ausgabe: gebunden

Seitenzahl: 208

ISBN-10: 3941248316

ISBN-13: 978-3941248311

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 15.12.2009, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:16