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The War – Die Gesichter des Krieges

Filmkritik von Christel Scheja

 

Rezension:

 

Es gibt inzwischen unzählige Dokumentationen über den Zweiten Weltkrieg, zumeist nach den Kriegsschauplätzen in Europa und Südostasien getrennt.

Sie zeigen immer wieder gerne das Grauen, dass die faschistioden Regime unter den benachteiligten Volksgruppen angerichtet, die Verbrechen der Japaner und Deutschen, aber auch die Zerstörungen, die Bomben- und Granaten-Angriffe hinterlassen haben und das Leid, das dadurch über die Zivilbevölkerung kam, doch nicht unbedingt mehr.

 

Ken Burns und Lynn Novick wählen in ihrer vierzehnteiligen Reihe „The War – Die Gesichter des Krieges“ einen anderen Ansatz.

Sie beleuchten den Krieg aus der Sicht Amerikas, das ja weitestgehend von Angriffen (sieht man einmal von Pearl Harbor auf Hawaii ab) verschont blieb. Wie erlebten die Menschen den Krieg mit – die Soldaten, die an die Front zogen und ihre Familien, die sich aus den Berichten, die in Radio und Zeitungen oder im Kino kamen, zusammenreimen mussten, was ihre Väter, Brüder und Söhne gerade durchmachten?

Und wie veränderte der Krieg auch die Gesellschaft, da einerseits Rüstungsfabriken neue Arbeitsplätze schufen und andererseits japanisch oder deutschstämmige Einwohner des Landes verdächtigt wurden, Spione zu sein?

Das sind die wichtigsten Fragen, denen beide in den chronologisch angeordneten Folgen nachgehen. Beispielhaft haben sie sich vier Kleinstädte aus verschiedenen Regionen des Landes herausgepickt, um nicht nur dem unterschiedlichen Temperament der Menschen, sondern auch den Ausprägungen in der Gesellschaft (man darf nicht vergessen, das gerade in den Südstaaten Schwarze immer noch per Gesetz benachteiligt wurden), aber auch sehr typisch sind: Sacramento in Kalifornien, Waterbury in Conneticut, Mobile in Alabama und Luverne in Minnesota.

Mit Hilfe der Familien in den Orten verfolgen sie nach, was die Männer, die als Soldaten nach Europa oder in den Pazifik gingen an den jeweiligen Kriegsschauplätzen erlebten und wie sie damit umgingen.

Unterlegt werden die Beschreibungen mit Originalaufnahmen, die ähnliche Situationen zeigen. Sie beziehen sich auf Briefe und Erzählungen Angehöriger, aber es kommen auch Soldaten selbst zu Wort, die bis heute überlebt haben.

Was erzählte man den in Amerika zurück gebliebenen Familien? Wie viel von den wirklichen Ereignissen drang wirklich bis zu ihnen vor? Und wie wurde der Krieg in den Medien – Film, Radio und Zeitungen dargestellt.

Hier bekommt man auch erstmals Propaganda-Material zu sehen, in dem selbst die Figuren von Walt Disney wie Goofy hinzugezogen wurden, um die Bevölkerung zu animieren, überschüssiges Metall, Gummi und Fett zu sammeln, dass für die Kriegsindustrie dringend benötigt wurden. Immer wieder appellierte man an den Gemeinschaftsgeist – man sollte seine Ressourcen so sparsam wie möglich verwenden, rationieren und gegebenenfalls auch mit anderen tauschen oder teilen.

Um die Moral der Zurückgebliebenen nicht all zu sehr zu drücken, wurden die ersten Verluste und Desaster im Kampf gegen Deutsche und Japaner zunächst verschwiegen, bis man sich auf Wunsch von Präsident Roosevelt und einigen anderen doch dazu entschied, auch Bilder von gefallenen Soldaten und verlorenen Schlachten zu zeigen. Wie erhofft demoralisierte das die Amerikaner nicht, sondern schürte in ihnen nur den Wunsch, mehr zu unternehmen um den Krieg schnellstmöglich zu beenden.

Auch im Land selbst führte das zu Veränderungen, die später nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten. Wie in den anderen Staaten, die in den krieg eingebunden waren, traten Frauen an die Stelle von Männern wenn diese vakant geworden waren und nicht mit anderen besetzt werden konnten.

Gerade in den Südstaaten zog es viele Afroamerikaner in die Rüstungsfabriken in denen sie weit besser verdienen konnten, als in der Landwirtschaft oder als Dienstboten in weißen Hauhalten. Viele konnten dadurch auch die alten Elendsviertel verlassen und in schmucke neue Siedlungen ziehen, die rund um die Fabriken gebaut wurden. In vielen jüngeren Afroamerikanern erwachte nun auch der Wunsch nach einer gleichberechtigten Stellung im Frieden, wie auch im Krieg. Dieses Verlangen bliebt auch nach dem Krieg bestehen und setzte spätere Entwicklungen in Gang.

Andere Volksgruppen mussten sich gefallen lassen, in Internierungslager gesperrt zu werden. Das betraf auch Männer und Frauen, die bereits in den USA geboren waren oder seit ihrer Kindheit dort lebten. Man riss sie aus ihren vertrauten Gemeinschaften, aus Furcht, dass sie für den Feind arbeiten konnten.

So hinterließ der zweite Weltkrieg auch Spuren in Amerika. Wenn auch diese wenige physisch ersichtlich waren, so gruben sie sich doch tief in die Seelen der Menschen ein – und das betraf nicht nur die Angehörigen von Soldaten.

 

Die Serie geht kurz auf das Verhalten der Amerikaner bis zum 7. Dezember 1941 ein, als diese noch nicht in den in Europa tobenden Krieg involviert waren, aber schon überlegten, ihre Verbündeten mit Truppen und Material zu unterstützen. Niemand rechnete aber mit dem Angriff japanischer Flugzeuge auf den Flottenstützpunkt Pearl Harbor, dem so gut wie alle dort ankernden Schiffe und 2.400 Soldaten zum Opfer fallen. Nun sind auch die USA herausgefordert, Krieg zu führen, sogar auf zwei Fronten.

Eine Generalmobilmachung beginnt, kriegstaugliche Männer werden nach und nach eingezogen. Allerdings achtet man darauf, dass die Familien nicht aller ihrer Ernährer beraubt werden.

Diese Männer werden von nun an die verschiedenen Fronten geschickt, erleben das Grauen an der Front und in Gefangenenlagern, aber auch unter der Zivilbevölkerung auf der feindlichen Seite. Sie versuchen einfach nur zu überleben, während ihre Angehörigen damit fertig werden müssen, dass sie ihre Männer, Brüder und Söhne vielleicht niemals wieder sehen werden.

Die Serie hört mit dem Kriegsende im Pazifik auf. Erst durch den Abwurf zweier Atombomben auf Japan kann Amerika dort ein Zeichen setzen, dass die feindlichen Truppen und Regierung zur Aufgabe zwingt.

All das ist sehr interessant und lebendig in Szene gesetzt. Filmausschnitte und Fotos unterlegen und bestätigen die Erzählungen der Augenzeugen oder ihrer Familien, wie ein roter Faden zieht sich auch die Politik der vereinigten Staaten durch die einzelnen Episoden. Während die Außen- und Kriegspolitik eher selten erwähnt wird, spielt die im Inneren eine größere Rolle. Besonders interessant ist dabei zu erleben, wie unterschiedlich die Menschen auf verschiedene Entwicklungen reagieren – gerade was die eigenen unterdrückten und durch Rassengesetze eingeschränkten Volksgruppen in ihrem Land betrifft. Man erfährt so auch einmal, wie es den Menschen erging, die die Kriegsfolgen zwar nicht am eigenen Leib zu spüren bekamen, aber dennoch darin involviert waren.

Natürlich bleibt es nicht aus, dass die Sichtweise sehr amerikanische ist, aber das ist auch Sinn dieser Serie und zum anderen gelingt es den Machern sehr sachlich und objektiv zu bleiben. Sie überlassen es letztendlich dem Zuschauer, sich eine eigene Meinung aus dem Gesehenen zu bilden. Interessant ist die Serie allemal und eine gelungene Abwechslung zu den sonst üblichen Kriegsdokumentationen.

 

 

Fazit:

 

Wer auch einmal andere Seiten des Krieges kennen lernen will und erfahren, wie man ihn in anderen Teilen der Welt erlebt hat, kommt um „The War – Die Gesichter eines Krieges“ nicht herum. Die Dokumentation präsentiert eine ausgewogene Mischung aus Filmmaterial und Erinnerungen aus der Sicht einfacher Soldaten und ihrer Angehörigen, die beweisen, dass der Zweite Weltkrieg auch in Nordamerika nicht ohne Spuren und Folgen blieb.

Gerade letztere wirkten sich eine Generationen später sehr deutlich aus, man denke nur an die Bürgerrechtsbewegung der Afro-Amerikaner, deren Basis bereits wie man nun erkennt bereits in den 1940ger Jahren geschaffen wurden.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 202302051803464c07d777
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DVD:

The War – Die Gesichter des Krieges

USA 2007

14-teilige Dokumentationsserie

Regie: Ken Burns

Deutscher Erzähler: Udo Wachtweitl

Sprache: Deutsch (Dolby Digital 2.0)

Bildseitenformat: 16:9

Anzahl Disks: 4

FSK: 12

Polyband, 27. Februar 2009

Spieldauer: 728 Minuten (14 Episoden a ca. 50 min)

Extras: Aufwendiges 4-Discbookpak inklusive eines ausführlichen 16-seitigen Booklets

 

ASIN: B001L0PTO0

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 10.04.2009, zuletzt aktualisiert: 02.08.2022 20:01