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Toxic Lullaby (DVD; Horror; FSK 18)

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Deutsche Horrorfilme? Wäre dies die beliebte Quizshow des Privatsenders mit den drei Buchstaben, der Rezensent würde höchstwahrscheinlich seinen 50:50-Joker zücken. Kein Wunder, wurde der heimische Freund von derlei Produktionen nicht erst seit letzter Zeit alles andere als verwöhnt. Und das Wenige, dass es gab, krankte entweder unter dümmlichen Klischees, einer hanebüchenen Story oder grausigen Charakterskizierzungen. Nicht selten sogar unter allen drei genannten Punkten. Dabei ist das cineastische Grauen keineswegs kein Meister aus Deutschland; weit gefehlt. Wie steht es zum Beispiel mit Murnaus unsterblichem Klassiker Nosferatu, eine Symphonie des Grauens? Oder was ist mit Robert Wienes Kabinett des Dr. Caligari? Zweifelsohne haben diese Werke mittlerweile einigen Staub angesetzt, wissen aber immer noch, bestens zu gruseln und beeinflussen Filmschaffende noch immer.

Doch irgendwo auf dem Weg nahm das Genre die falsche Abzweigung und landete im relativen Niemandsland; irgendwo zwischen kurzweiligem B-Movie-Spaß und grausigem Trash. Diverse Wiederbelebungsversuche erwiesen sich seitdem zwar als löblich, waren aber meist auch kaum mehr als das.

 

Nun also Toxic Lullaby. Ein Low Budget-Horrorstreifen. Mit Zombies. Unnötig oder überraschend?

Es ist Sommer – und für die drei Studenten Frank (Nima Conradt), Ziko (Christian Sprecher) und Eloise (Samantha Richter) bedeutet dies: Sonne, Spaß, Alkohol und die eine oder andere, nicht unbedingt legale, Substanz!

Doch die Unbeschwertheit findet für die eher introvertiert erscheinende Eloise ein jähes Ende, als sie unvermittelt in einer ihr vollkommen fremden und zugleich gefährlichen Welt aufwacht: kahle Bäume, Ruinen, keine Spur von Mensch und Tier – fast zumindest. Eine kleine Gruppe – halb Widerständler, halb Nomaden – nimmt sie unter ihre Fittiche. Von deren Anführer Bretoria (Noah Hunter) erfährt sie schließlich peux a peux Genaueres. Die Welt, wie sie sie kannte, ist zu einer Erinnerung verkommen; zerstört und vergiftet. Schuld daran hat der Mensch selbst. Der Einsatz von biochemischen Waffen hat praktisch die gesamte Bevölkerung dahingerafft, nur noch ein winziger Prozentsatz überlebte. Und dieser überschaubare Rest hat sich in zwei Lager gespalten: auf der einen Seite Menschen wie Bretoria und seine Leute – auf der anderen die sogenannten „Schläfer.“

Doch wer oder was genau sind die „Schläfer?“ Die Antwort kommt einem Magenschlag gleich. Es sind Infizierte, die durch den Virus zu seelenlosen Kannibalen wurden; Wesenheiten, deren einziger Antrieb die unablässige Suche nach Fleisch darstellt. Schon sehr bald werden Eloise, Bretoria und die anderen von den Schläfern angegriffen. Nur äußerst knapp gelingt ihnen die Flucht. Doch die vermeintliche Sicherheit ist eine Illusion. Jetzt ist die Gruppe zu Gejagten geworden – und es sind nicht nur die „Schläfer“, die hinter ihnen her sind!

 

Na bitte! Es geht also doch! Obwohl das Budget von ca. 10.000 Euro bei größeren Produktionen wahrscheinlich nicht mal für die Tagesgage des Assistenten vom Assistenten gereicht hätte, gelingt Regisseur, Produzent und Drehbuchautor Ralf Kemper das schier Unmögliche. Denn trotz des vermeintlichen No Budget-Faktors kann „Toxic Lullaby“ vollends überzeugen. Gut gewählte Locations (gedreht im Kasseler Umfeld), hervorragende Kameraarbeit und nicht zuletzt eine sehr stimmige Story sorgen dafür, dass sich „Toxic Lullaby“ auf höchst erfrischende Art und Weise von der zumeist enttäuschenden Konkurrenz abhebt – einen Großteil der Arbeiten aus Übersee übrigens eingeschlossen.

Nüchtern betrachtet mag einem so manches zwar reichlich spartanisch erscheinen, doch ist es ebendiese Enthaltsamkeit, aus der die, alles andere als positiv gesinnte Grundstimmung zusätzliche Kraft bezieht. Weniger ist eben manchmal doch mehr – und dies pflanzt sich auch in den Kameraeinstellungen und den Schnitten fort. Weg von der wackeligen Handkamera, weg von unnötig schnellen Schritten. Und auch dies tut dem Streifen wunderbar gut. Zugegeben, hie und da wirken die Leistungen der Schauspielerriege manchmal etwas hölzern, allerdings ist dies ein kleines Manko, über das man – aufgrund zweier Dinge – gerne hinwegsieht. Immerhin waren hier größtenteils keine erfahrenen Vollprofis am Werke, sondern überwiegend Laiendarsteller und Amateure (inklusive eines gelungen Cameos der Kult-Autorengruppe Die Apokalyptischen Schreiber!). Ferner, und dies ist der zweite Punkt, kann „Toxic Lullaby“ mit einem sehr gut ausgearbeiteten Plot aufwarten, der bis zum Schluss überraschend und originell bleibt, und dessen Ende noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

Fazit:

Der deutsche Horrorfilm lebt – wenn auch im Untergrund. Man kann Regisseur Ralf Kemper zu diesem kleinen Meisterwerk nur beglückwünschen und hoffen, dass er uns schon in Bälde mit adäquatem Nachschlag erfreuen wird.

Eure Meinung:


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DVD:

Toxic Lullaby

Deutschland, 2010

Regie: Ralf Kemper

Sprache: Deutsch

Untertitel: Deutsch

FSK: 18

X-Rated, 11. September 2010

 

Erhältlich bei Spontitotalfim

 

Darsteller:

Samantha Richter

Noah Hunter

Eva Maria Balkenhol

Frank Hofmann

Christian Sprecher

Reinhold Sievers

Nina Schlegelmilch

Prashant Prabhakar

Nima Conradt


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Erstellt: 12.12.2010, zuletzt aktualisiert: 27.03.2020 10:23