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Traveller von Richard Adams

Rezension von Christian Endres

 

Robert Edward Lee gilt als »erfolgreichster« und fähigster General der Südstaatenarmee im amerikanischen Bürgerkrieg, der zwischen 1961 bis 1965 Nordamerika heimgesucht und das junge Land unter den wachsamen Blicken der Europäer und den hoffnungsvollen Blicken der schwarzen Sklaven in zwei Hälften gespalten hat: Die blaugewandete, von Lincoln in Marsch gesetzte Union im Norden und die Konföderierten im Süden, ganz in Grau und mit der Beißwütigkeit einer Klapperschlange – und natürlich dem genialen Taktiker, Strategen und Gentleman-Offizier Lee. Doch trotz seiner teilweise schier unglaublichen Siege und herausragenden militärischen Leistungen ist der General nicht der eigentliche Held dieses Buches, auch wenn er stark als Bestandteil der Handlung integriert ist. Wie es sich für Richard Adams, Autor des Weltbestsellers »Watership Down« (»Unten am Fluß«), gehört, ist der wahre Held stattdessen Traveller, Lees treures Pferd, dessen Ursprung und Existenz dank zeitgenössischer Quellen und bis heute erhaltener Anekdoten historisch belegt ist, und dessen Autobiographie wir hier gewissermaßen lesen dürfen ...

 

Obschon bereits 1988 erschienen, kommt der deutsche Leser erst gut zwanzig Jahre nach der englischsprachigen Erstausgabe in den Genuss der Geschichte des Armeepferds Traveller, dass mit seinem Herrn »Marse Robert« so manch eine Schlacht und manch eine Gefahr zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs überstanden hat. Im Gespräch mit Kater Tom, der nur den Zuhörer mimen und ab und dann eine Ratte fangen muss, lässt Traveller noch einmal sein Leben als Reittier von General Lee Revue passieren und weiß dabei einiges Kurioses, aber auch Rührendes oder einfach nur Erschütterndes aus einer Zeit zu berichten, als Kriege plötzlich nicht mehr nur durch Kampfmoral und Taktik, sondern erstmals auch durch (quantitativ) überlegenes Material entschieden und gewonnen wurden.

 

Adams schafft es dabei – nicht zuletzt dank des liebevoll ausgestalteten Dialekts Travellers, der auch in der deutschen Übersetzung erhalten geblieben ist – schon auf den ersten paar Seiten, seinen tierischen Helden, dessen Jugend kurz angeschnitten und stimmig abgehandelt wird, zu einer sympathischen, kantigen und schlichtweg liebenswerten Hauptfigur werden zu lassen, der man als Leser gerne durch Wind, Regen und Pulverrauch folgt, um der Armee der Südstaaten als unsichtbarer Reiter neben Traveller und General Lee voranzureiten. Die große Stärke der Geschichte liegt dabei vor allem auf der glaubhaft geschilderten Sichtweise eines Pferds und dem daraus resultierenden Unverständnis, das Traveller gegenüber manch einer menschlichen Marotte oder eben des Krieges im Besonderen hegt. Hinzu kommt, dass das Buch mit historischen Fakten gespickt und wohl recherchiert ist – und damit trotz aller Naivität und der andersartigen, manchmal etwas engstirnigen Sichtweise Travellers ein gestochen scharfes, interessantes und auf gewisse Art und Weise »faszinierendes« Bild des amerikanischen Bürgerkriegs nachzeichnet, dessen Ende sich Traveller aufgrund dessen blinder Treue und bedingungslosen Liebe zu seinem Herrn im Übrigen ebenfalls nicht ganz folgerichtig erschließt – was nicht nur für dieses Ende gilt ...

 

Richard Adams hat sich für seinen vierbeinigen Helden aus Virginia, aus dessen Sicht das Buch ja geschrieben ist, einen Dialekt zurechtgelegt, der möglichst authentisch für dieses Gebiet der Vereinigten (Süd-)Staaten ist. Dialekte nun sind immer unangenehm in eine Sprache zu übertragen, und ab und an geht die Übertragung eines Dialekts oder eines im Dialekt abgefassten Dialogs ins Deutsche auch einmal in die Hose. Joachim Körber, der u. a. schon durch die Neuübersetzungen der Fritz-Leiber-Bände der Edition Phantasia glänzte, hat sich dazu entschieden, Traveller einen halbwegs lesbaren, aber dennoch allgegenwärtigen und stets sichtbaren Dialekt zuzugestehen – und fährt damit genau richtig: Eine gute, gekonnte Lösung, die Spaß macht und dem Leser manchmal auch ein Schmunzeln auf die Lippen zaubert.

 

Verarbeitung und Gestaltung des Bandes erfreuen durch den gewohnt-gehobenen Edition-Phantasia-Paperback-Standard. Die EP hat mit »Traveller« ein schönes, recht dickes Taschenbuch mit Klappenbroschur vorgelegt, das sich mit einem prächtigen Cover (das, entgegen der Vorschau, sehr edel wirkt und wirklich klasse ausschaut) schmückt und in der nunmehr bereits recht angewachsenen Paperpack-Reihe des ambitionierten Phantastik-Kleinverlags einiges her macht, ein echter Hingucker ist und sich in illusterer Gesellschaft von Fritz Leiber, Ray Bradbury und Clive Barker befindet..

 

Fazit: »Traveller«ist keine leichte Kost für zwischendurch – aber das waren Adams’ Bücher (in der Regel Bestseller, die auch über die Grenzen der Phantasik hinaus ihr Publikum gefunden haben) ja nie. Zum einen muss man den Dialekt stellenweise konzentriert lesen, und zum anderen hat die Thematik des Krieges sowieso einen gewissen Anspruch und bedarf einer gewissen Ernsthaftigkeit im Umgang mit ihrer selbst. Denn auch wenn Traveller nicht jeden Schrecken versteht, an dem wir durch seine Augen und in seiner Erinnerung teilhaben dürfen/können/müssen, so verstehen wir manches davon sehr wohl besser als das tapfere, aber eben doch etwas begriffsstutzige und naive Armeepferd. Wer sich jedoch auf die etwas ungewöhnliche Schreib- und Erzählweise, die Gedankengänge eines alten Veteranen aus dem Bürgerkrieg und den daraus resultierenden Blickwinkel gewöhnt hat, der erhält im Gegenzug ein einmaliges, pseudo-autobiographisches Romanerlebnis, das gleichzeitig die »Biographie« eines großen Feldherrn und die Geschichte eines jungen Landes ist, das erst noch geeint werden wollte.

 

Mit »Traveller«beweist Richard Adams außerdem wieder einmal eindrucksvoll, weshalb er zu den ganz großen Autoren moderner Tierfabeln- und Parabeln gehört, und dass sein Beitrag zur anspruchsvollen Phantastik nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Zudem steht mit dieser Geschichte zweifelsfrei fest: Adams ist der einzig wahre Pferdeflüsterer.

 

In dieser tadellosen Aufmachung, mit dieser gelungenen Übersetzung und mit dieser außergewöhnlich verpackten Thematik, ja diesem stimmungsvollen Zeitzeugnis ist »Traveller«trotz der Tatsache, dass es kein zweites »Watership Down« ist und sich damit »begnügen« muss, sich auf Augenhöhe mit »Shardik« oder den »Hunden des Schwarzen Todes« aus Adams Feder zu befinden, bereits jetzt ein frühes Highlight des Buchjahres 2006 und wird hoffentlich sein Publikum in, jedoch auch und vor allem abseits des Fantasy-Klientels finden.

 

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Titel: Traveller

Autor: Richard Adams

Klappenbroschur - 352 Seiten

Edition Phantasia

Erscheinungsdatum: Februar 2006

ISBN: 3937897119

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.03.2006, zuletzt aktualisiert: 07.09.2019 13:46